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Ludwig Tieck's
Schriften.
Achter Band.
Abdallah.
Die Brüder.
Almansur.
Das grüne Band.
Berlin,
bei G. Reimer,
1828.
Dem
Prediger Kadach
in Ziebingen,
bei Frankfurt an der Oder.
Schon im Jahre 1804 machte ich in Schlesien Ihre Bekanntschaft. Als
ich zwei Jahre später aus Italien zurück kam, fand ich Sie in jener
Einsamkeit des Landes, die damals meine Heimath war, und seitdem sind
wir als Freunde verbunden geblieben. Alle schönen Stunden jener Zeit, im
Genuß der Musik, der Poesie und einer edlen und freien Mittheilung in
gebildeten Zirkeln feiner und geistreicher Menschen haben wir beisammen
verlebt, Freude und Trauer, den Schmerz über manchen Verlust im Verlauf
der Jahre mit einander getheilt. Auch in meine Studien und Arbeiten sind
Sie gern und gründlich eingegangen. Shakspear, Göthe und Sophokles haben
uns oft gemeinsam beschäftigt. Meine Arbeiten über den brittischen Dichter
sind Ihnen mehr, wie irgend einem meiner Freunde, bekannt. Ihrem freien
Sinne waren diese Studien, in denen Sie sich gern vertieften, erfreulich,
so gründlich und gewissenhaft Sie sich auch Ihrem Amte, vom wahren
religiösen Geiste des Christenthums durchdrungen, hingaben. Ein ächter
frommer Priester, ein freier Denker, ein Begeisterter für Kunst, ein
edler, treuer Freund, -- als solchen habe ich Sie gesehn und gekannt,
und nie werden Ihnen, so wenig wie mir, die schönen Tage und Abendstunden
aus dem Gedächtnisse entschwinden, in denen Solger unsre ländliche
Einsamkeit neu erfrischte, in welchen er uns seine Manuskripte vorlas
und wir uns selbst, die Aufgabe des Lebens und alles Hohe durch die
Lebensworte unseres Freundes inniger verstanden.
_L. Tieck._
Abdallah.
Eine Erzählung.
1792.
Erstes Kapitel.
Ein Theil der Tartarei ward vom Sultan _Ali_ beherrscht. -- Dem Tirannen
entgeht der Haß nie, mit dem ihn seine Unterthanen verfolgen und _Ali_
betrachtete sie bald als eben so viele Feinde, über die ihn nur seine
Grausamkeit und sein Ansehn erhalten könnten: mit andern Freuden
unbekannt, sollte ihm das Gefühl seiner Macht jeden Mangel ersetzen.
Ohne Begriffe, ohne zu denken, ohne nur Seelengenuß zu kennen, war er
zum Greise geworden und in einer unerschöpflichen Leere schmachtete er
itzt jedem neuen Tage entgegen. Mehrere seiner Gemalinnen starben und er
begrub sie mit eben der Gleichmuth, mit der er den Untergang der Sonne
sahe, die, wie er wußte, jenseit des Horizonts wieder heraufstieg,
-- selbst sein einziges Kind _Zulma_ liebte er nicht, nur Stolz war es,
was ihn an diese fesselte, da das ganze Land sie für die Krone der
Schönheit anerkannte. --
In der Hauptstadt des Landes lebte _Selim_ in einer weisen Eingezogenheit,
ohne eine öffentliche Bedienung, ohne daß man viel von ihm sprach ward
er von allen geliebt. Er war freigebig ohne Prahlerei, sparsam ohne
Kargheit und sein Aufwand unterschied sich sehr von der Pracht des
Veziers und der übrigen Großen.
Aus seinen Leiden hatte er stets seine große starke Seele gerettet;
seinen Haß konnte nichts aussöhnen, aber eben so unauslöschlich war
seine Liebe. -- Mit dieser dauernden Liebe umfing er seinen Sohn
_Abdallah_, das Einzige, was ihm seine geliebte Gattin zurückgelassen
hatte.
Zweites Kapitel.
Die Sonne war schon untergegangen, als _Abdallah_ und _Omar_ durch
ein schönes Gehölz wandelten. _Omar_ war der Lehrer Abdallahs, ein
ehrwürdiger Greis, dessen flammende Augen tief in eines jeden Seele
schauten, seine Stirn und sein Blick trugen Ehrfurcht vor ihm her,
aber ein süßes Lächeln, das fast immer seinen Mund umschwebte, verjüngte
sein Gesicht durch eine liebenswürdige Freundlichkeit und lockte zur
Mittheilung aller Gefühle und einer kindlichen Aufschließung des
Herzens.
Sie traten itzt in einen freien Platz, wo ein stiller See im bleichen
Licht des Mondes glänzte. Der letzte Streif der Abendröthe glimmte durch
die Fichtenwipfel und durch die zitternden Cypressen bebten ungewiß die
Sterne. Verspätete Mücken spielten im Mondstrahle, Käfer summten träge
und schläfrig um sie her, und laut erklang durch die ruhige Einsamkeit
des Waldes das zirpende Lied des Heimchens.
Siehe Omar, begann _Abdallah_, wie schön! -- Ha! der ruhige See über
den sich der Mondschein so lieblich herabsenkt, -- der Abend, der noch
in den hohen Wipfeln der Bäume säuselt, das Lied der Nachtigall, das
mit tausend abwechselnden Melodieen aus dem Walde heraufschallt, -- o
sieh Omar! wie alle Geschöpfe sich freuen, wie alles lebt und im Leben
glücklich ist! Sieh, wie die kleinen Fliegen von der Abendröthe Abschied
nehmen, und der Käfer der Nacht seinen dumpfen Willkommen entgegensummt.
-- O die lebendige Kraft, die aus der Natur so unerschöpflich quillt und
unzähligen Wesen Athem und Dasein giebt, -- dieser Anblick erfüllt das
Herz mit lautem überströmenden Dank gegen den, der so gütig alles aus
dem Nichts hervorrief und zum Staube sprach: Lebe und sei glücklich! --
Omar lehnte sich auf den Stamm eines abgehauenen Baums und sahe starr
vor sich nieder.
_Abdallah._ Du bist traurig, mein Omar, kann dich dieser Anblick nicht
heiter machen?
Omar blickte auf und faßte seine Hand. -- Sieh, sprach er, die
Abendfliegen sind verschwunden, sie sangen der Sonne so wehmüthig
nach, denn es war das letztemal, daß sie sich in ihrem Strahl erquickten.
-- Diese Woge wirft das Leben an den Strand, die nächste Welle kömmt,
verschlingt es wieder und senkt es in die tiefsten Abgründe. -- Eine
unendliche Schöpfung spielt itzt lebendig um dich herum, -- und in der
folgenden Stunde -- liegt sie todt und verwest. -- Eine Lebenskraft
fliegt durch die Natur und Millionen Wesen empfangen wie ein Allmosen
auf einen Augenblick einen Funken Leben, sie sind -- und geben dann ihr
Leben wieder ab und werden todter Staub. Die Welt ist ein Gesang, wo ein
Ton den andern verschlingt und vom nächsten verschlungen wird. --
_Abdallah._ Diese traurige Wahrheit, Omar, wirft meine schöne
Begeisterung mächtig nieder. -- Ach ja, alles geht durch die Natur
hindurch und verläuft sich wie ein Funken in der Asche. Alles wird nur
geboren, um zu sterben, alles wandelt wieder dahin zurück, woher es
gekommen ist. -- O Omar, wenn ich dich nun fragte: Warum glänzt dieser
Mond? Warum funkeln diese Sterne und wozu haucht ein lebendiger Geist
in meinem Innern?
_Omar._ Wozu? -- O Jüngling, laß die Erde unaufgewühlt, du findest ein
scheußliches Todtengerippe! Laß diese Geheimnisse ewig deiner Seele
verschlossen bleiben. --
_Abdallah._ Verschlossen? -- O nein, mein drängender Geist steht vor
dieser Pforte und klopft ungestüm an. -- Was der Mensch fassen kann,
will auch ich begreifen.
_Omar._ Du vertraust dich einem Meere, das dich nie an's Land
zurückträgt, Zweifel wälzen sich auf Zweifel, Woge stürmt auf Woge,
dein Ruder ist unnütz und die unendliche See dehnt sich dir furchtbar
unermeßlich entgegen.
_Abdallah._ Ich könnte nicht ruhig sein, wenn ich wüßte, daß etwas da
sei, was in meinem Gehirne Raum hätte und dem ich den Eingang versagen
müßte.
_Omar._ Aber unsre Weisheit findet eine Felsenmauer vor sich, an die sie
vergebens mit allen Kräften anrennt, -- wir sind in einem ehernen Gewölbe
eingeschlossen, wir sehen nichts, was wirklich ist, die schimmernden
Gestalten, die wir wahrzunehmen glauben, sind nichts, als der Widerschein
von uns selbst im glatten Erze, -- o schon viele Weisen stürzten mit
Ohnmacht von diesen Schranken zurück, -- und starben. -- Der Zweck
unsers Daseins? -- O wer hindurchschauen könnte durch das Geheimniß
der unendlichen Nacht, wenn doch vom Thron der Gottheit nur _ein_
Sonnenstrahl herniederschösse! -- Wir tappen ängstlich umher -- und
finden nur die Wände, die uns eingeschlossen halten. Wir sehen nichts,
als daß wir Gefangene sind, -- _warum_ wir es sind, müssen wir mit
Geduld vom Ausspruch des kommenden Gerichts erwarten.
_Abdallah._ O warum verlieh uns der Schöpfer nur so viel Kraft, diese
Schranken zu sehn und nicht zu durchbrechen? -- Warum ward eine Ahndung
in unser Herz gelegt, die nie zur Gewißheit reift? Eine Centnerlast
liegt auf unsrer Brust, und wir kämpfen vergeblich sie abzuschütteln.
_Omar._ Vielleicht werden alle diese Räthsel einst gelöst. -- Ein großer
Schwung wälzt sich durch alle Theile der Natur, durch alle Wesen klingt
ein Ton. Eine Kraft drängt sie zu einem Mittelpunkt: _Genuß_! -- Alles
schöpft aus dem nie versiegenden Quell und legt sich dann zum Schlafe
nieder. -- Die Welt ist eine reiche Tafel, an der sich alles niedersetzt
und gesättigt aufsteht, der Schöpfer schickte die Millionen Wesen in die
Wüste hinaus, sie sind Staub und in sich selber eingekerkert, -- aber er
gab ihnen tausend Mittel auf den Weg, ihr Dasein zu empfinden, und alles
freut sich, alle Wesen kommen, genießen und sterben dann, ohne es zu
wissen, so wie sie geboren wurden, -- nur der verblendete Mensch verfehlt
sein vorgestecktes Ziel.
_Abdallah._ Der Mensch? -- Wie? der Preis der Schöpfung? Um dessentwillen
die Natur ihre reichen Schätze aufthut? Um den sich die Bestimmung alles
Erschaffenen dreht?
_Omar._ O des Stolzes! -- Die Bestimmung alles Erschaffenen? Kein Mensch
weiß seine eigne Bestimmung, er taumelt selbst verlassen in der Finsterniß
und maßt sich an, den Wesen ihren Rang und ihren Zweck anzuweisen. -- Allen
Wesen ward ein gleiches Bürgerrecht ertheilt; der ausgeartete Mensch
reißt sich aus der Kette des Erschaffnen, statt zu genießen wie alles
genießt, ringt er im ewigen Kampfe mit dem Tode und seinem Verhängniß,
alle seine Kräfte kämpfen rastlos von der Zeit eine Stunde und eine
Minute nach der andern zu erbetteln, -- um auch in dieser zu fürchten,
um auch in dieser mit Gedanken zu streiten, deren Auflösung weit außer
ihm liegt.
_Abdallah._ Wenn Genuß der höchste letzte Zweck unsers Daseins ist,
wodurch ist dann der Mensch vom Thiere unterschieden?
_Omar._ Und wozu des Unterschiedes? Der Mensch wäre glücklich, hätte er
nie höher gestrebt, die Natur umfinge ihn dann noch mit ihren liebevollen
Armen, hegte ihn und spielte mit ihm als ihrem Kinde, -- aber der Stolze
hat sich von seiner Mutter losgeschworen, sieht die Sterne, die über
seinem Haupte hängen, erklimmt eine schroffe Klippe und schreit ihnen
zu: ich bin euch nahe! Wehmüthig lächelnd blicken die Sterne auf ihn
herab und er steht nun verirrt am schwindelnden Abschuß; zur blühenden
Wiese, die er erst verschmähte, hat er den Rückweg verloren. --
_Abdallah._ Und nichts als diesen verächtlichen Übermuth hätte der
Mensch vor den Thieren des Waldes voraus?
_Omar._ Nichts als ihn. Mit verachtendem Fuß stößt er die Erde zurück
und will sich an die Gottheit drängen, aber seine klägliche Natur zieht
ihn allmächtig zurück. Seine Weisheit, seine Tugend, mit der er sich
brüstet, -- Wolkenschatten, die der Wind über die Ebne jagt und denen
der Wahnsinnige nachtaumelt.
_Abdallah._ Tugend, Omar, nur ein Schatten? -- Der Lasterhafte und der Edle
ständen hier in einer Reihe? Die beiden Enden, Größe und Verächtlichkeit,
schlängen sich zusammen? Aus _einem_ Samen sproßte der Schierling und
die heilende Pflanze? -- Unmöglich! --
_Omar._ Und warum unmöglich?
_Abdallah._ Wo ich anbetend in den Staub sinke, wo mein Geist in
verehrender Demuth die Flügel zusammenschlägt, wo mein ganzes Wesen sich
in Ehrfurcht auflöst, -- an diesen Stolz der Menschheit wäre die Schaam
der Welt mit unauflöslichen Ketten geschlagen?
_Omar._ Derselbe Gesang auf einer andern Laute.
_Abdallah._ Nein, Omar, nein. -- Die Gerechtigkeit des Ewigen wird durch
diesen Glauben angeklagt. -- Wie könnte der Gütige dem Edlen Belohnung
und dem Bösewicht Strafen aus jener schwarzen Thür am Ende ihrer Bahn
entgegenschicken?
_Omar._ Abdallah, wir wissen nicht, woher wir kommen, wir wissen nicht,
wohin wir gehen. Ob uns ein Gedanke folgt, wenn wir hier Abschied
nehmen, ob wir mit allen unsern Träumen in das kalte Grab eingeriegelt
werden -- o das ist ein Räthsel, vor dem die Weisen ewig forschend
stehen werden. -- Strafe, -- Belohnung, -- Tugend, -- Laster. -- Wenn
ich dich fragte, wo du die Scheidewand zwischen Tugend und Laster
gründetest, du würdest um eine Antwort verlegen sein. -- Die Gewohnheit
lehrt uns Worte sprechen, bei denen wir uns oft nur wenig denken.
_Abdallah._ Omar, du machst, daß ich mir selber mißtraue. --
_Omar._ Wir sind mit unsrem Lob und unsrer Verdammung so freigebig und
kurzsichtig genug, um nicht wahrzunehmen, wie ungerecht wir oft beides
vertheilen. -- Wir ahnden nicht, daß es nur eine Kraft ist, die in der
Tugend und im Laster lebt, beides _eine_ Gestalt, aus demselben Spiegel
zurückgeworfen. -- Nur ein kalter eigensinniger Thor trat hinzu, schied
und sagte: dies sei gut, dies nicht!
_Abdallah._ Ein Thor?
_Omar._ Dieses Leben, das uns geliehen ward, ist zu kurz _uns selbst_
zu kennen, -- in unsrem eignen Innern herrscht ein wüstes Dunkel und
mit vorwitzigem Blick treten wir zu unserm Nachbar und wollen in seiner
Seele lesen.
Abdallah schwieg und sahe starr vor sich nieder. _Omar_ fuhr fort:
Alle meine Handlungen sind Gestalten, die aus meinem Innern aufsteigen,
von tausend innern Kräften gereift, von hundert Neigungen gepflegt,
schießt die Pflanze empor, -- nur ich, der Schöpfer, bin mit ihrer
Entstehung bekannt, ich verstehe mich selbst nur, ich handle nur für
mich, der ich mich selbst kenne, -- alle übrigen Menschen sind für mich
in einer mindern Abstufung fremde Wesen, wie mir der Wurm und der
Krokodil Fremdlinge sind.
_Abdallah._ Omar, du wirfst mich in eine fürchterliche Einsamkeit, ich
verliere mich selbst in der schrecklichen Wüstniß. --
_Omar._ Ich handle, wie mein innrer Sinn es mir befiehlt, und ein
Fremdling, der nicht in das Gebäude meiner Seele hineinschauen kann, der
die Leiter nicht entdeckt, von der die Ahndung zum Gefühl, das Gefühl
zum Gedanken, zum Vorsatz und dieser endlich zur Wirklichkeit aus dem
unergründeten Brunnen heraufstieg, -- dieser tritt mit kaltem und
verschloßnem Sinn herbei und sagt: deine That ist ein _Laster_!
_Abdallah._ O ich verstehe dich! weiter! weiter!
_Omar._ Aus derselben Quelle wird eine andre Schaale heraufgezogen
und man nennt sie _Tugend_. Beide steigen aus der Tiefe _einer_ Seele
hervor, aus _einem_ Stoff gewebt -- und man hält sie für Feinde.
_Abdallah._ Fürchterlich sonderbar!
_Omar._ Wo ist der Bösewicht, der nicht zum Engel würde, wenn er
den Richter in die geheime Werkstätte seiner Seele führen könnte?
-- Abdallah, wir sind Brüder aller Mörder, die je die Geschichte mit
Abscheu genannt hat und schwesterlich schließt sich unsre Seele an alle,
die einst bewundert und angebetet wurden. -- O ihr Thoren, laßt den
nichtigen Rangstreit, _ein_ Hauch weht in allem Leben, -- freut euch
dieses Hauches, er kehrt nicht zurück, wenn er entflohen ist.
_Abdallah._ Du führst mich durch Labirinthe, Omar. --
_Omar._ Als die erste Gesellschaft zusammentrat, als man das erste
Gesetz niederschrieb, da veräußerte der Mensch selbst sein hohes,
heiliges Recht. Dem Ganzen opferte jeder Einzelne seine Freiheit,
allmächtig ward eine Schnur zwischen Gut und Böse gezogen und
unglückliche Vorurtheile keimten auf. Vorurtheile, die Menschen gegen
Menschen hetzten, das Blut von Tausenden vergossen. -- An den Gedanken
_Verbrecher_ knüpfte man Haß und Unversöhnlichkeit und eine ewige
Verfolgung wühlt durch das ganze Menschengeschlecht. -- Seit der Zeit
ist der große Spruch gesprochen; in einem nichtigen Taumel greift der
eine zur Belohnung seiner _Tugend_ nach der Sonne und tritt gewaltsam
seinen Bruder unter sich, der nach dem Übereinkommen ein _Verbrecher_
ist. --
_Abdallah._ Ha! die ewigen Schranken stürzen ein!
_Omar._ Strafe und Belohnung? -- Hier unten sind sie entschieden, -- aber
wen soll der Richter dort belohnen oder strafen? -- Sandte er nicht alles
was ist, aus seiner Hand in die Sterblichkeit? Ist es nicht sein Athem,
der den Staub belebt? -- Alle Handlungen kommen zu ihm zurück und melden
sich als ihm angehörig: sein Schatten wandelt in tausend Gestalten umher;
wo er hinsieht, erblickt er sich nur selbst in dem Spiegel der unendlichen
Naturen, soll er, _kann_ er sich selber strafen? --
_Abdallah._ Omar, halt ein! immer neue Wundergestalten stehn aus einem
Abgrund auf, mich zu schrecken. --
_Omar._ Von einer unbekannten Macht der Welt übergeben, tritt der Mensch
seine Bahn an, nicht aus sich selbst hervorgebracht, ohne seinen Willen
in das Leben geworfen. -- Er lebt und vereinigt tausend Pflanzen und
Thiere mit seinem Selbst, sein erstes Wesen geht durchaus verloren,
-- alle Lagen, von Kindheit an bis in sein Greisenalter, prägen sich in
treuen Abdrücken in seinen Geist; alles um ihn her modelt und formt ihn
anders, er selbst geht unter, und aus seiner Nahrung, seinem Vergnügen,
aus den todten Gegenständen, die ihn umgeben, tritt ein andres fremdes
Wesen an seine Stelle, -- das nach und nach von einem neuen wieder
verdrängt wird.
_Abdallah._ So sind wir nur eine Hütte, in die ein Fremdling nach dem
andern einkehrt und sie dem folgenden überläßt.
_Omar._ Wer handelt nun? -- Wer ist gut, wer böse? -- Soll des Mörders
Dolch bestraft werden, oder sein Arm, sein Herz, sein Blut? Oder der
Gedanke, den er vielleicht vor zwanzig Jahren dachte? -- Sein Blut,
das er sich nicht selber gab? Der Gedanke, der durch tausend Formen
wandelnd, von einem Sonnenstaub seinen Weg antrat und beim gräßlichsten
Morde aufhörte?
_Abdallah._ Undurchdringlich ist das Gewebe, das sich seit Ewigkeiten
her verschlang.
_Omar._ Eigne Kraft ist uns versagt; was wir unsern Willen, unsern
Vorsatz nennen, ist nur der Einfluß fremder Dinge, wir sind nur ein
Stoff, an welchem fremde Kräfte sichtbar werden; ein großes Spiel von
einer fremden Macht regiert, der eine steht als König, der andre als
Sklave da, -- und alle sind sich gleich, nichts als hölzerne Zeichen,
obgleich der König und der Ritter stolz auf das Fußvolk vor sich
hinabsehn, -- das Spiel ist zu Ende -- und Laster und Tugend hört auf
verschieden zu sein. -- Ein Wirbel dreht sich durch die Welt, alles bis
zum kleinsten wirkt in den großen Plan; der eine Augenblick gebiert den
folgenden, eine Handlung stößt die andre vor sich her, eine unendliche
Kette, die sich rund um alle Welten zieht. Kein Glied kannst du
herausreissen, ohne das vorhergehende und folgende zu zerstören und
eine allgemeine Vernichtung zu bewirken.
_Abdallah._ O entsetzlich! -- Omar, -- ich schaudre, -- wenn ich gerade
_diesen_ Schritt itzt nicht thäte, -- nicht gerade _diesen_ Gedanken
dächte -- so könnte die Welt nicht erschaffen sein! --
_Omar._ Nothwendig. -- Eine große Schwungkraft belebt die Unendlichkeit,
alle Kräfte weben und wirken durch einander von Ewigkeit berechnet, die
treibende Gewalt ermattet nie, das Leben fliegt durch alle Pulse der
Natur und so geht das große Werk den allmächtigen Gang. -- Wie will dies
kleine Wesen, der Mensch, sich gegen ewige Gesetze stemmen? Wie in seinem
engen Geist den Schöpfer mit all seinen Planen fassen? Eigenmächtig gegen
das Weltall wirken und durch sein jämmerliches Dasein noch _Verdienst_
erringen? Ohnmächtig kämpfend wird er fortgerissen, der eine Ton verklingt
in der allgemeinen Harmonie.
Beide schwiegen düster vor sich hinbrütend. Ein hohes Roth flog über
_Omar's_ Wangen, ein neues Feuer fuhr in seinen Augen auf, er faßte
heftig Abdallah's Hand.
Jüngling! rief er aus, was wir gut, was wir böse nennen, verschwimmt
in ein Wesen, alles ist nur _ein_ Hauch, _ein_ Geist wandelt durch die
ganze Natur und _ein_ Element wogt in der Unermeßlichkeit -- und dieses
ist _Gott_!
Abdallah fuhr zurück.
_Omar._ Wo sollte der Unendliche jenseit der Schöpfung Raum für sich
finden? -- Er umarmt und durchdringt die Welt, _die Welt ist Gott, in
einem_ Urstoff steht er in Millionen Formen vor uns, wir selbst sind
Theile seines Wesens! -- Dies ist der tiefe Sinn von der Lehre seiner
Allgegenwart. -- Wirft er einst die Kleidung wieder von sich, dann gehn
im Ruin die Welten und seine Himmel unter, dann steht er wieder da, er
vor sich selbst, in der ewigen Wüste. --
Eine tiefe Stille. Um Abdallah war alles rund umher versunken, er stand
mit gesenktem Haupte und betrachtete in seinem Innern die gestaltlosen
Bilder, die auf- und niederschwebten. -- Omar, sagte er nach langer
Zeit, -- nun ist die Kraft meiner Seele versiegt, alle meine schönen
Entwürfe, meine wonnevollen Schwärmereien liegen wie Leichen um mich
her, alle Freuden sind verwelkt, alle Hoffnungen in meiner Brust
verwest. -- Ein Kampf rastloser Zweifel wüthet da, wo ehedem meine
Himmel standen.
_Omar._ Du hast es so gewollt, du hast das fürchterliche Todtengerippe
ausgegraben, wo du einen Schatz zu finden hofftest. -- O, wohl dem, der
mit verbundnen Augen durch das Leben taumelt! der nie sich selbst anrührt
und furchtsam fragt: Wer bin ich?
Abdallah warf sich unter eine Cipresse nieder. Sein Geist war von
hundert neuen Vorstellungen verwirrt, ohne sich festhalten zu lassen
flohen tausend Gestalten seiner Seele mit Blitzesschnelle vorüber.
Der Mond stand itzt hinter den dunkeln Zweigen der Tannen und von
zitternden Schatten getheilt, gossen sich goldene Streifen über die
Wiese aus. Ein leiser Abendwind wiegte sich in den Wipfeln der Bäume und
spielte mit einem Blatte, das auf dem glatten See schwankend tanzte;
ruhig betrachtete sich die Gegend selbstgefällig in dem Wasserspiegel
und der Duft der Nacht stieg ernst und langsam aus dem Schooß der Erde.
Die schöne Landschaft, mit all den lieblichen Träumen, die über ihr
hingen, vermischte sich nach und nach mit den Gedanken Abdallah's; er
hatte sich schon den Spielen seiner Einbildungskraft überlassen, als er
noch zu denken glaubte.
Die Wipfel säuselten immer leiser und leiser, vom Winde angehaucht lief
ein stilles Flüstern durch das Rohr des Sees, -- immer wunderbarer spielte
das Mondlicht um die buschichten Tannenzweige, -- noch einigemal blickte
er mit mattem Auge empor und sahe wie vom nahen Berge ein Greis in die
Arme seines Omar eilte, -- beide hielten sich umarmt -- als die Gegend
allgemach wie hinter einem schwarzen Vorhang hinabsank. --
Aus den Cypressen stiegen Träume auf ihn herab, durch seine Augenlieder
dämmerte schwach in seine Traumgestalten die monderhellte Gegend. --
Plötzlich rollt es dumpf wie ferne Donner, ein wildes Rauschen, wie wenn
die erboßte Fluth gegen Felsen hinanheult, fuhr immer lauter und lauter
über ihn dahin, -- Abdallah erwachte.
Da stand er einsam in schwarzer Nacht, Stürme hatten den Mond hinter
ferne Gebirge hinabgeschleudert, große Wolken wälzten sich krauß durch
einander, die hohen Wipfel der Cedern schlugen krachend zusammen. -- Ein
Schaudern springt aus dem Walde hervor und packt ihn an mit eiskaltem
Arm. Omar! ruft er mit bebender Stimme, aber höhnend stürmt der Orkan
durch seine Töne und wirft sie zerrissen in die Lüfte.
Ein leuchtender Glanz flammte plötzlich in den Wolkengebirgen auf, eine
Feuerkugel flog durch den Himmel, von einer andern verfolgt, die tausend
blendende Funken von sich sprühte. -- Jeder Funken sprang mit einem
Donner los, der sich furchtbar auf des Sturmwinds Schwingen über alle
Wälder hinabwälzte. -- Mit lautem Gebrüll sank die Kugel nieder und die
stille Nacht stand wieder um Abdallah. --
Eine bleiche zitternde Gestalt fährt aus dem nahen Busche und ergreift
kalt Abdallahs Hand, -- es war Omar. -- Krampfhaft preßte er die Hand
des Jünglings in die seinige und riß ihn mit sich fort. --
Abdallah folgte schaudernd.
Sie kamen in die Stadt und eilten auf ihr Gemach, Omar's Gesicht war
lang und verzerrt, sein Auge rollte wild. Abdallah wagte kaum, ihn
anzusehen. -- An Geist und Körper müde, legte er sich schlafen, Omar
ging noch lange gedankenvoll umher.
Drittes Kapitel.
Abdallah erwachte, als Omar sich schon entfernt hatte. Der Tag sah trübe
durch die Fenster und eine schwermüthige Erinnerung des gestrigen Abends
kam ihm sogleich entgegen. Sein Leben trat itzt eine neue Bahn an; alles,
was er vorher gedacht hatte, war von einem Strudel kämpfender Zweifel
verschlungen. Alle seine früheren Gedanken schienen ihm unreif und
kindisch; er hatte mit Leidenschaft die Lehre Omars ergriffen und doch
that es ihm weh, seine ganze Pflanzung, die er so sorgfältig aufgezogen
hatte, zerstört zu sehn. -- Wie eine schwarze Nacht stieg es in ihm auf,
wenn sein Geist noch einmal über alle die Gedanken hinwegsahe, die er
seit gestern dachte; er hätte es so gern nicht geglaubt, er hätte so
gern den vorigen Sonnenschein zurückgerufen, die vorige Unschuld seiner
Seele zurückgezaubert, aber sein Verstand wies mit verachtendem Ernst
alle seine früheren Gedanken zurück, die wieder in ihm aufdämmern
wollten.
O heilige Tugend! rief er aus, -- vor derem Bilde ich einst niederkniete,
-- dein Altar ist umgestürzt! Du Sonne bist erloschen, zu der ich mit
kühnem Fittig emporfliegen wollte und der Pfeil des Zweifels hat meine
Schwingkraft gelähmt. -- Wer bin ich, wenn diese Gottheit todt ist, die
mich sonst mit mütterlichem Lächeln zu sich lockte? -- Ich muß mich
selbst verachten, wenn ich nicht mein eigen bin, wenn nur eine finstre
Nothwendigkeit mich durch das Leben jagt, wenn ich dem Druck einer
fremden Macht nachgeben muß, die mich wider meinen Willen zu Gräueln
oder edeln Thaten drängt. -- Doch, was schwatz' ich? -- Mein Wille sinkt
im Triebwerk des Ganzen unter und mit der Tugend ist das Laster zugleich
gestorben, ich bin ein abgerißnes Blatt, das der Wirbelwind nach seinem
Gefallen in die Lüfte wirft. -- Der Unendliche, den ich sonst schwindelnd
dachte, auf dessen Vatersorge und Allmacht ich so fest vertraute -- er
und das Schicksal ist mir entrissen. Im Felsen und im Gesträuch steht
der Unfaßliche vor mir, mir näher gebracht und dadurch um so entfernter.
Omars Lehre hat mich zu einer Waise, mich mir selbst verächtlich
gemacht, -- und doch bin ich ein Strahl jener Gottheit! --
Er schwieg und verlor sich immer tiefer in seinen Träumen; Gefühle
wollten sich itzt in seine Seele zurückdrängen, die ihn einst so
bezaubert und die Aussichten des Lebens so verschönt hatten, aber kein
Klang aus der Vorzeit schlug wie ehedem an seine verstimmte Seele. O!
rief er aus, gieb mir meine glückliche Unwissenheit zurück, Omar, laß
mich wieder zum Kinde werden, wie ich war, mein Geist ist zu schwach für
diese Last, er seufzt gekrümmt unter der drückenden Bürde.
_Raschid_ trat itzt zu ihm herein. Er war kein Freund Abdallah's, aber
einer von den angenehmen Gesellschaftern, an die der Jüngling sich so
leicht schließt und sie eben so leicht wieder verliert. Er war Aufseher
über die Gärten des Sultans und kam itzt zu Abdallah um Trost zu suchen,
denn er war gewöhnlich finster und verdrüßlich. Abdallah ging ihm
freundschaftlich entgegen. »Willkommen, sprach er, indem er ihm froh die
Hand drückte, ich habe dich lange nicht gesehn.« -- Er freute sich, daß
ihn jemand aus seinen Träumereien riß, die er gern von sich abwarf und
sich dem Wohlwollen überließ. -- Willkommen! rief er noch einmal.
Raschid war traurig, sein Gesicht war bleich und sein Auge eingefallen.
Ein schweres Leiden schien seine Seele zu drücken, eine tiefe
unbestechliche Schwermuth sahe aus seinem schwarzen tiefliegenden Auge,
nichts vermochte eine Heiterkeit über sein Gesicht zu werfen, seine
Stimme war langsam und ohne Feuer. --
Dein Anblick wird immer kränker, fuhr Abdallah fort.
_Raschid._ Kränker? -- Wirklich? -- Vielleicht geh' ich dem Tode
entgegen.
_Abdallah._ Dem Tode? --
_Raschid._ Ich hoff' es.
_Abdallah._ Du _hoffst_ es?
_Raschid._ Mein Geist erträgt die Leiden nicht mehr, die sich immer
höher thürmen.
_Abdallah._ Deine Liebe, Raschid, wird dich in dein Grab hinuntertragen.
-- Sei heitrer, verabschiede deinen Gram und werde wieder der blühende
Jüngling, der du warst. -- Die Liebe soll ja, wie man sagt, in Felsen
Paradiese auferstehen lassen und dir --
_Raschid._ O glücklich, daß du davon wie von einem unbekannten Lande
sprichst. -- Doch nein, du bist unglücklich. -- Ein Wesen ohne Liebe,
-- eine Laute ohne Saiten. -- Für die göttlichsten Empfindungen todt
kriecht der Gefühllose im Staube, wenn der Liebende den glänzenden
Fittig im Morgenrothe wiegt. --
_Abdallah._ Und dennoch nennst du dich elend. --
_Raschid._ Ja und doch möcht' ich meine Liebe nicht zurückgeben, -- Freund,
nur _ein_ Blick aus ihrem Auge -- ach! er würde den Frühling in meiner
Seele wieder auferwecken! -- Eiserne, unzerbrechliche Ketten halten mich
zurück, -- ich liebe und darf nicht hoffen, -- ich wünsche und meine
Wünsche überschreien meinen Verstand; wenn er zuweilen die Stimme erhebt,
-- o dann treten sie alle bleich zurück. -- Mein Unglück hat alle Blumen
um mich her ausgerissen und in den Wind verstreut, die Freude hat mich
in eine düstre Nacht geworfen und mir ewig ihre Thür verschlossen, -- ach
Abdallah, ich sterbe gern: denn welcher Wunsch, welche Hoffnung soll mich
in's Leben zurückhalten? --
_Abdallah._ Wer würde nicht wenigstens hoffen? --
_Raschid._ Ach! wenn ich nur hoffen dürfte! wenn ich nur eine Spalte in
der hohen Felsenmauer entdeckte, durch die ich mich hindurchwinden könnte!
_Abdallah._ Du hast mir aber noch nie den Gegenstand deiner Liebe
genannt -- wen liebst du?
_Raschid._ Laß dies noch itzt ein Geheimniß bleiben. -- Ach! ich möcht'
es mir selber nicht gestehn, daß der Mensch sich seinem Glücke Mauern in
den Weg baute, die seiner Ohnmacht spotten, daß -- ich kam hierher mich
zu trösten und ich gehe trauriger von dir als ich kam.
_Abdallah._ Wodurch kann ich dich trösten?
_Raschid._ Nein, ich mag auch nicht getröstet sein. -- Lebe wohl!
-- dieser Schmerz ist mir lieb, denn ich leide ihn für sie, -- ich will
in der Einsamkeit meine Thränen weinen, ich finde keinen Menschen, der
mich versteht.
Er ging und Abdallah sah ihm traurig nach, dann versank er wieder
allmählig in sein voriges Nachdenken. Omar kam. -- Du bist so tiefsinnig,
Abdallah?
Abdallah fuhr auf und sahe ihn bedeutend an.
Worüber dachtest du? fragte Omar.
_Abdallah._ Über deine gestrigen Lehren.
_Omar._ Sie haben dich traurig gemacht.
_Abdallah._ Ich irre in einer ausgestorbenen Wüste, alles ist hin, was
einst mein war, ich selbst habe mich verloren. Du hast mich Verachtung
meiner selbst und der Welt gelehrt; wohin mit meiner Liebe, mit der ich
sonst so warm die Natur umfaßte? --
_Omar._ Und muß denn Abdallah _hassen_, um _lieben_ zu können? -- Ich
habe dir deinen Haß genommen und um so größer sollte deine Liebe sein;
du sollst alles lieben, auch den, den die schmähende Welt mit Füßen
tritt.
_Abdallah._ Alles? -- Ach Omar, kann es der Mensch?
_Omar._ Er soll es wollen.
_Abdallah._ Mein Geist sträubt sich gegen diesen freudenleeren Glauben.
_Omar._ Weil er deinen Stolz kränkt. -- Vieles ist gestürzt, auf das du
bis itzt eingebildet dich für besser als tausend andre hieltest; es ist
dir genommen und du sinkst zu den übrigen Menschen hinab. Aus Eigennutz
bist du unzufrieden und bildest dir ein, es geschehe der Tugend wegen.
--
_Abdallah._ Omar, du hast tief in meine Seele geschaut. -- Kann aber die
sterbliche Natur sich ganz vom Eigennutz losreißen? du sagtest selber,
jeder handle nur für sich, bin ich daher nicht der erste Zweck meiner
Entwürfe und müssen die übrigen Wesen nicht mir selber weichen?
_Omar._ Du sollst und kannst dich nie von dieser Schwäche trennen,
-- nur der Stolz sei dieser Eigennutz nicht; sei eigennützig im _Genuß_,
ein Traum ist kein Genuß. --
Ein Sklave kam und rief Abdallah zu seinem Vater _Selim._
_Omar._ Und verschließe diese Lehren tief in deine Brust, sie taugen für
kein ander Ohr.
_Abdallah._ Für mich allein hast du also diese Trostlosigkeit ausgelesen?
_Omar._ Abdallah, sei nicht undankbar. -- Der Weisere kann mich nur
verstehn.
Abdallah ging.
_Viertes Kapitel._
Selim saß in tiefen Gedanken, als Abdallah zu ihm hereintrat, er
bemerkte seinen Sohn und stand auf. Ich habe dich rufen lassen, sagte
er, um dir eine wichtige Nachricht anzukündigen; hat dir Omar nichts
davon gesagt?
Nichts, antwortete Abdallah, -- aber dieser Name den du genannt hast,
lieber Vater, erinnert mich an eine Bitte, sage mir, wer ist dieser
Omar?
Und wie kömmst du so plötzlich zu dieser Frage, fragte Selim, du kennst
ihn schon so lange und noch nie ist es dir eingefallen, etwas näher von
ihm unterrichtet zu sein.
Dieser Omar, antwortete _Abdallah_, ist mein zweiter Vater, nach dir
lieb' ich _ihn_ am meisten, ja vielleicht, wenn ich aufrichtig sein
soll, habe ich zwischen dir und ihm meine Liebe ganz gleich vertheilt.
-- So tief meine Erinnerung in die Vergangenheit hinunterreicht, eben
so lange kenne ich auch diesen Omar; er war der Spielgenosse meiner
Kindheit und ist der Lehrer meiner Jugend, als Knabe konnt' ich mir Gott
nie anders, als meinen Omar denken und itzt ist er mir ein Bild der
Weisheit. Alles, was ich denke und weiß, habe ich aus ihm geschöpft,
-- ohne seine Liebe könnte ich nicht glücklich sein. -- Er ist mir
bekannter, als meine eigne Gestalt, sein Geist ist meiner Seele so
vertraut, ich schmiege mich so kindlich an ihn, alle seine Züge hab'
ich so oft betrachtet und tief in meine Seele geprägt, -- nur gestern
am Abend, war es die magische Nacht, die meine Einbildung mehr als
gewöhnlich hob, -- oder war es das nüchterne leere Erwachen von einem
Schlummer, wo uns sogleich in der freien Landschaft hundert verworrene
Gebilde entgegentreten; als ich gestern durch den Wald mit Omar zur
Stadt zurückging, trat mich plötzlich das sonderbare Gefühl an, als
wenn ein _fremder Mann_ zu meiner Seite gehe, -- ich war hundertmal
im Begriff, meine Hand aus der seinigen zu ziehn, ich wagte es nicht,
ihn anzusehn, der Schein der Nacht flatterte ungewiß um ihn her und
verstellte alle seine bekannten Züge, -- ich war aus mir selbst
herausgerissen, -- ich folgte ihm schaudernd.
_Selim._ In den Jahren, wo die Einbildungskraft unsre Amme ist, spielen
tausend Schwärmereien und trügende Gefühle um uns her, die, wenn wir
nach ihnen greifen, in Luft zerfließen und unsern Geist zu einer trägen,
thatenlosen Beschaulichkeit führen. Der männliche Jüngling muß alle
diese kindischen Einbildungen mit ernstem Blick zurückweisen, auf seiner
Bahn ungestört weiter gehn und diesen Morgendünsten nicht einmal ein
zurückgeworfenes Auge schenken.
_Abdallah._ Seit gestern aber beunruhigt mich der Gedanke. Sage mir, wer
ist dieser Omar?
Ich will dir alles sagen, was ich von ihm weiß, antwortete _Selim_; du
hast ihn bis itzt als deinen Lehrer und Freund geliebt, du wirst ihn nun
auch als deinen Wohlthäter ehren. -- _Ali_, der wie ein verzehrender
Brand in dem Körper seines Landes wüthet, gegen den tausend Flüche der
Wittwen und Waisen rastlos um den Thron Gottes schweben, Ali hatte auch
mich unter Tausenden elend gemacht. Ich war reich und meine Schätze
lockten seine Habsucht, er entriß mir alles, was ich besaß, -- nur deine
Mutter und du -- weiter blieb mir in dieser Welt nichts übrig. Du warst
damals einen Sommer alt und lächeltest am Busen deiner Mutter unverständig
dem Elend entgegen. -- Wir verließen die Stadt und wanderten über
unbekannte Berge zu fremden Gegenden, der Jammer ging neben uns und
reichte uns die ärmliche Nahrung, alle meine Freunde verließen mich, als
hätten sie mich nie gekannt, Sorge und Dürftigkeit waren unsre einzigen
unzertrennlichen Gefährten: so wandelten wir von Stadt zu Stadt und
lebten kärglich von den Allmosen, die uns das Mitleid der Menschen
zuwarf. -- Ein stiller Gram wühlte unsichtbar in dem Herzen deiner
Mutter, sie reichte mir lächelnd den Abschiedskuß -- und ging nach
einigen Stunden in ihre bessere Heimath zurück. Ich blieb mit meinem
Unglück in der Einsamkeit.
Traurig schwieg Selim einige Zeit, dann fuhr er fort:
Sie ward begraben. Die Erde fiel feucht und schwer auf sie hinab, ein
Dolch schnitt durch meine Seele, wenn du mit kindischem Lächeln nach
deiner Mutter fragtest und an den Grabhügel pochtest, um sie wieder
heraufzulocken; aber dein Lächeln war das letzte schwache Band, das mich
damals an diese Welt zurück hielt, unverletzliche Pflichten sprachen
mich aus deinem freundlichen Auge an, _du_ lebtest noch und darum war
mir das Leben noch etwas theuer. Ich konnte mich nicht aus der Gegend
entfernen, in der _Zamiri_ ruhte, ihr Geist schien dort zu schweben und
mich in dem Wohnorte meines Grams zurück zu halten. -- Ach Abdallah, es
waren traurige Tage, -- wenn das junge Morgenroth so glühend heraufstieg
und zitternd auf mein schlafloses Auge schien, wenn der goldne Abend
über die Berge zog und die traurige einsame Nacht mit hundert neuen
Sorgen langsam aufstieg, -- die Erinnerung dieser Tage, -- der Mensch
muß viel erdulden, aber sein Muth muß ihn nie verlassen.
Eine kleine Stille. Aufmerksam und traurig hörte Abdallah die Erzählung
seines Vaters, dieser sprach dann weiter:
Ich besuchte täglich den Kirchhof, auf dem sie ruhte, ich betete
andächtig auf ihrem Grabe und flehte um Stärke. Im innigsten Gefühle
meines Elends saß ich einst auf dem Grabhügel, du spieltest unbefangen
vor mir im tiefen Grase, die Vergangenheit trat freundlich auf mich zu
und setzte sich traulich an meine Seite, unmännliche Thränen rannen heiß
über meine Wangen und fielen auf gelbe Todtenblumen, die auf dem Grabe
blühten. -- Plötzlich sah' ich einen Derwisch, der sich mir aus dem
Schatten der Bäume näherte. Er hatte mich in meinem Glücke oft besucht
und in seiner Gegenwart empfand ich stets eine heilige Ehrfurcht, denn
ein stiller Schauer hauchte mich an, als wenn aus ihm der Geist des
Propheten wehte. Mein Unglück schien ihn zu rühren: Grabe, sprach er,
hinter jenem verfallnen Hügel und ein neues Glück wird dir entgegenblühen.
-- Ich grub und fand einen großen Schatz, der mir mehr ersetzte, als mir
Ali genommen hatte, -- als ich dem Derwisch meinen heißen Dank bringen
wollte, konnt' ich ihn nirgends entdecken -- und dieser Derwisch ist
_Omar_?
_Abdallah._ Omar?
_Selim._ Dein Lehrer Omar. -- Ihm dank' ich alles, was ich besitze,
alles was ich habe ist nur ein Gut, das er mir geliehen hat. -- Ich ließ
mich an der fernsten Gränze des Reiches nieder, veränderte meinen Namen
und nannte mich _Selim._ Hier war ich vor Ali's Grausamkeit und Habsucht
sicher, bis er nun seit einem Jahre seinen Wohnsitz verändert und sich
hierher begeben hat. -- Ich war itzt so glücklich als ich nur werden
konnte, als nach dreien Jahren eine seltsame Erscheinung mein Haus
besuchte. Ein hagrer ausgedörrter Greis reichte mir seine lange Hand,
die wie ein Todtengebein klapperte, der Tod sahe aus seinen tiefen
eingefallen Augen, kraftlos wankte der Schädel hin und her und seine
Sprache war nur das Keuchen eines Sterbenden. Ich erschrack bei diesem
Anblick des Jammers und erst nach langer Zeit erkannte ich in diesem
Todtengerippe -- deinen Omar.
_Abdallah._ Omar?
_Selim._ Ich nahm ihn auf, wie meinen Wohlthäter, verpflegte ihn wie
einen Vater, bis er von seiner Siechheit genaß. Als seine Gesundheit und
seine Kräfte zurückgekehrt waren, nahm er freundschaftlich meine Hand
und sagte: »du bist mein Wohlthäter Selim, du hast mein Leben gerettet
und ich will nicht undankbar sein; du hast einen Sohn, ihm will ich
bezahlen, was ich dem Vater nicht bezahlen kann.« So ward unser Wohlthäter
dein Gespiele, dein Lehrer, dein Freund.
Abdallah stand nachdenkend. Eine neue Dankbarkeit band ihn fester an
Omar und hing an seine Lehren ein noch größeres Gewicht; seines Lehrers
Tugend war unbezweifelt, um so zuverläßiger mußte also seine Weisheit
werden; der Lasterhafte, der die Tugend läugnet, wird nicht gehört, aber
wenn der Edle dem Bösewicht die Hand reicht und ihn ungescheut Bruder
nennt, dann zagt die stolze Tugend und sieht zweifelhaft in ihr Innres.
Du schweigst, begann Selim von neuem, bist du nun nicht begierig, die
Nachricht zu hören, die ich dir anzukündigen hatte?
_Abdallah._ Verzeih mein Vater -- ich höre. --
_Selim._ Du sollst dich vermählen.
_Abdallah._ Dein Gebot ist mein Wille.
_Selim._ Des edlen _Abubekers_ Tochter.
_Abdallah._ Du willst es und sie ist meine Gattin.
_Selim._ Diesen Gehorsam hatte ich von dir erwartet, mein Sohn. Abdallah
wird seines Vaters Liebe nicht mit Undank vergelten.
_Abdallah._ Nein, nie mein Vater.
_Selim._ Du liebst also nicht, mein Sohn?
_Abdallah._ Ich liebe nur dich und Omar. --
_Selim._ Laß diese kindliche Liebe nie in deinem Busen verlöschen.
-- Abubekers Tochter, -- oder meinen _Fluch_!
Selim sahe ihn mit einem durchbohrenden halberzürnenden Blick an, den
Abdallah nicht verstand. Es war ein kalter fester Blick, der sich
unauslöschlich mit dem fürchterlichen Worte _Fluch_ in Abdallah's
Gedächtniß grub; bei diesem Blicke kehrte plötzlich wie ein Blitzstrahl
die sonderbare Unbekanntschaft mit Omar in seine Seele zurück, -- als
dieser hereintrat.
Er sahe ihn an und es war ganz wieder der alte, freundliche, bekannte
Omar; er ging froh hinweg und alle seine ängstlichen Besorgnisse waren
verschwunden.
_Fünftes Kapitel._
Itzt trat auch _Abubeker_ in das Zimmer und mit ihm mehrere von seinen
und Selim's Freunden.
_Abubeker_ war ein Greis von siebenzig Jahren, sein Gesicht war lang und
hager, sein Auge sanft und sein silberweißer Bart sank ehrwürdig auf
seine Brust herab. Schon seit langer Zeit war er der Welt abgestorben,
ohne daß er sie, oder sie ihn vermißte; er lebte mit seiner Tochter in
einer häuslichen Einsamkeit, nur von seinen Freunden gekannt und geehrt.
Er war im Felde erzogen und unter der Rüstung ein Greis geworden, die
Feinde hatten seine Tapferkeit gefürchtet und in seinem männlichen Alter
war Abubekers Name durch das ganze Land bekannt gewesen; aber mit den
Diensten des Feldherrn verschwindet zugleich der Dank des Volkes, der
Ruhm gleicht dem Nebel, der sich über das ganze Gefilde auseinander
wickelt und am weitesten ausgestreckt, verschwindet. Im Lager und in
Schlachten hatte Abubeker seinen Geist nur wenig bilden können, er
dachte daher nur langsam und beharrte unerschütterlich auf jede gefaßte
Meinung, jede seiner Überzeugungen ließ er sich ungern nehmen und eine
neue an ihre Stelle setzen: denn das, worüber er einmal gedacht hatte,
schien ihm die einzige und letzte Wahrheit.
Selim bewillkommte ihn und seine Begleiter, und alle setzten sich.
Eine kleine Stille weilte über die Versammlung, als Selim endlich
aufstand, Abubekers Hand ergriff und wie von einem heiligen Feuer
ergriffen, also redete:
Abubeker, du bist mein Freund und was mehr ist, ein wackrer Mann; das
seid Ihr alle, die Ihr zugegen seid, und wäre einer unter uns, der dies
große Gefühl nicht in seinem Busen trüge, der entferne sich, ehe ich
weiter spreche, denn meine Worte taugen für kein unedles Ohr. -- Aber
nein, -- die edelsten Männer des Staats sind hier versammelt und darum
sollen ungescheut meine Gedanken und Worte einerlei Weg wandeln. Zum
Biedermanne muß der Biedermann ohne Umschweif sprechen, und eben dies
war die Ursach meiner Einladung.
Alle schwiegen; Selim stand und sahe in der Versammlung umher, dann fuhr
er fort:
Abubeker, du erinnerst dich vielleicht noch der goldnen Tage, als der
Scepter des weisen _Alfargo_ dieses Land beherrschte, als ein ewiger
Friede an den Gränzen des Reiches wachte, als eine unzerbrechliche
Treue alle Unterthanen in ein schönes Band vereinte und die Rüstung des
Fürsten war, als das Glück in unsern Häusern wohnte, als -- wozu der
schönen Erinnerung, Freunde? diese Zeit _war_ und _ist_ nicht mehr, der
Sonnenstrahl, der scheu an des Gefängnisses Mauern zittert, macht dem
Gefangenen den Kerker enger, diese Erinnerung ist uns das, was dem
verirrten Wandrer in der Sturmnacht das ausgelöschte Licht. Wir _waren
glücklich_, aus diesem Gedanken springt die traurige Überzeugung: wir
_sind unglücklich!_ -- Wie beim Gewitter hängt die Luft schwer und
drückend über unserm Vaterlande, die Arbeiter haben furchtsam das Feld
verlassen und verbergen sich in Höhlen, das Gras zittert leise dem
kommenden Sturm, die ganze Natur athmet schwer und harrt mit banger
Ungeduld dem einbrechenden Wetter. -- Dies ist das Bild unsers Vaterlandes,
Freunde; kein Gesicht lächelt, als das der unverständigen Kinder, kein
Auge glänzt, als das Auge des Sterbenden, keine Fröhlichkeit lacht
aus betrübten Herzen, -- traurig, mit gesenktem Haupte, in uns selbst
versunken, von keinem heitern Gefühl aus unsern schwarzen Träumen geweckt,
stehn wir verlassen auf einer spitzen, meerumheulten Klippe und klagen
in das wilde Rauschen der See. -- Und warum hängen unsre Thränen so
schwer an den rothgeweinten Augenliedern? Warum schwellen unterdrückte
Seufzer unsre Brust so hoch? -- Sind die blühenden Felder um uns her
Wüsten von Sand geworden? Entfaltet die Sonne nicht mehr ihren Mantel
über dieses Reich? Hängt eine verzehrende Seuche über unsern Häuptern?
Sind unsre Freunde verschieden? --
Ach ja, unsre Freunde sind verschieden, eine Pest schaut wild auf uns
herab, die Sonne ist uns untergegangen und die Blüthe unsrer Fluren ist
dahin! Ein liebliches Morgenroth spielte im fröhlichen Wogengeräusch um
uns her, die Fluth sinkt zurück und unser Nachen steht auf einem dürren
Felsengrund eingeklammert. -- Das Glück hat uns seine Hand zum ewigen
Abschied gereicht und wir sehen mißvergnügt seinem Scheiden nach. -- Und
tröstet uns denn kein Ersatz über unsern Verlust und sind wir auch nicht
einmal begierig, die Ursach unsers Elends zu erfahren?
O zum _Allgütigen_ laßt eure Klagen nicht dringen, denn er zürnt uns
nicht, die freigebige Natur hält keine karge Hand über uns ausgestreckt.
-- Aber welche übermenschliche Gewalt schnürt unsre Brust so mächtig
zusammen? Wer schlägt dies verfinsternde Gewölbe um uns her? -- O daß
ich es schaamroth aussprechen muß, -- ein Fremder würde staunend unsrer
Schwachheit spotten, -- ein _Mensch_!
Ihm tragen unsre Felder, zu ihm fließt, wie zu einem geizigen Meere, alle
unsre Arbeit zurück, wir leben nur für ihn, für den Einzigen kämpfen im
unnützen Streit alle unsre Kräfte. -- Ihm hast du, dem Undankbaren, deine
Schlachten gefochten, Abubeker, er ist die Pest, die das Land verzehrt,
hinter seinem Thron ist unsre Sonne untergegangen, in seiner fürchterlichen
Allmacht liegt der Tod aller unsrer Freunde. -- Leben und Vernichtung
hält er auf der verfälschten Wage, an seinen Launen hängt schwankend
unser Glück, Gewitter donnern aus seinem zürnenden Auge, das Lächeln
seines Mundes ist unsre erquickende Frühlingssonne, seine Worte des
Ewigen unveränderliche Gesetze, -- wir stehn da, und fühlen daß wir
elend sind, und o der Schande! -- wir begnügen uns damit, daß wir es
fühlen!
Sind wir alle schon so tief in Kraftlosigkeit versunken, daß wir auch
nicht einmal _murren_? Sind wir uns so fremd geworden, daß wir auch
nicht einmal unser Schicksal geändert wünschen? Daß wir uns mit dem
begnügen, was er uns aus der Verheerung zurückwirft und uns der Gnade
freuen, die uns noch unter den Trümmern unsrer vorigen Heimath zu wandeln
vergönnt? Die Schlange verwundet wüthend die Ferse ihres Mörders, die
schuldlose Taube kämpft ohnmächtig gegen den Zerstörer ihres Nestes,
ja der zertretene Wurm krümmt sich zürnend unter dem Fuße des Wandrers
-- und _wir_! -- Wer ist der Schändliche, der sich nicht der Ketten
schämte und sie gern von seinen Armen streifte? -- O er gehe hin und
erzähle Ali meine Rede!
Sklave und freier Bürger sind in unsern Zeiten gleich, das Reich kennt
nur _einen freien_, wir _alle_ sind seine Sklaven, das Vaterland und
seine Bürger sind in dem Einzigen untergegangen, unsre Wünsche knien vor
seinem Willen, das hohe Recht, das jeder Mensch mit auf die Welt bringt,
haben wir an diesen Betrüger verspielt. Unser Dasein können wir nicht
Leben nennen, wir sind todte Massen ohne eignen Willen, Steine, die ein
muthwilliger Knabe zum Spielwerk am Abend in das Meer wirft. -- -- Und
wer ist dieser Allgewaltige? Ein Riese mit ehernem Körper, von dem
zerbrochen jeder Stahl zurückprallt? -- Nein, eine Sammlung Staub,
wie wir, von einem aufgehobnen Arm auf ewig zu Boden gestürzt.
Wo ist der Muth, der in unsern Vätern focht und die Feinde erzittern
machte? Sind alle Dolche stumpf? Ist keiner mehr, der zu den Waffen
greift und sich und seine Brüder rächt? Keiner? -- O ich habe mich
geirrt, ich vergaß, daß ich jetzo lebe, itzt, wo Knechtschaft ehrt, wo
unser höchster Wunsch ist, der schändlichste seiner Sklaven zu werden.
-- Die Zeit hat ihren Kreis gemacht und alles Edle aus unsern Jahren
hinweggenommen, nur mich Unglücklichen hat sie einsam stehen lassen.
Er schwieg. -- Die Männer glühten, die Arme der Jünglinge zuckten
unwillkührlich. In vielen Augen stand die Thräne der hohen Begeisterung,
viele wollten aufspringen und ihre Dolche schwenken, als der weise
Abubeker mit langsamer bedächtiger Stimme also sprach:
Selim, deine Stimme ist die Stimme der Wahrheit, das Reich ist
unglücklich, die Tyrannei herrscht mit erschlichener Gewalt von ihrem
Thron herab, das Volk seufzt tiefgebückt unter dem ehernen Joch, -- aber
höre mich als Freund und zürne nicht. -- Ich stehe auf einem hohen Gipfel,
von dem ich über so manche Jahre hinweg sehe, die zu meinen Füßen
ausgebreitet liegen, das Alter und die Erfahrung tritt endlich an die
Stelle der Weisheit. -- Hast du nie, Selim, eine Fluth gesehn, die
verheerend das Gefilde überschwemmt, und es gedüngt und fruchtbarer
wieder verläßt? Einen Stamm, den der Blitz verbrennt und aus dessen
Asche ein schönerer mit frischer Kraft hervorschießt? -- In dem
gegenwärtigen Übel liegt oft die Geburt eines künftigen Glücks, nur daß
das sterbliche Auge nicht durch die Dunkelheit der Zukunft dringt, daß
unser kleiner Blick nur das umfaßt, was vor uns, nicht, was oft dicht
daneben liegt. -- Schon vielen Völkern sandte der Herr zur Züchtigung
einen eisernen Scepter und schon viele erkennten die bessernde Hand.
-- Ali ist vielleicht nur der Abgesandte einer höhern Macht, der uns
von dorther den Krieg ankündigt: können wir rebellisch gegen den Ewigen
aufstehn und seine weisen Plane meistern und verwerfen? Ziemt es dem
Sklaven, seinen Herrn zur Rechenschaft zu ziehn? -- Tausend Diener horchen
auf das Gebot des Unendlichen und vollbringen die Befehle seines Zorns.
Er darf nur winken und Ali wird vom Blitz durchbohrt, vom Sturm zerrissen.
Er vermag die Erde aus ihren Angeln zu heben, und im Unmuth mit dem Hauch
seines Mundes gegen die Gränze des Weltalls zu zerschmettern, -- und er
sollte nicht einen Staub zum Staube wieder hinabsenden, wenn es sein
Wille wäre? -- Nein, wir wollen dulden, Selim, und im Dulden unsre große
Seele zeigen. Rache brüllt nur aus den Thieren, der Mensch dulde und
verzeihe! --
O Greis! rief Selim aus, das Alter, das alle unsre Kräfte verzehrt,
spricht aus dir. Der Stunden, die du noch zu leben hast, sind dir zu
wenige, um für sie zu handeln, -- aber unsre Kinder, Abubeker!
_Abubeker._ Wacht nicht über sie das große Auge, das sich niemals
schließt? -- Laß sie die Tugend und Gott verehren und sie können nicht
elend werden.
Selim wandte sich unwillig hinweg und Omar fing an zu sprechen:
Du sprachst mit tiefer Weisheit, Abubeker, die Hand aus den Wolken lenkt
oft sichtbar die Schicksale der Menschen, das dunkle Verhängniß tritt
oft aus seiner Finsterniß hervor, und zwingt selbst den kühnsten
Zweifler zur schaudernden Verehrung.
_Selim._ Und auch du, Omar? der du meinen großen Entwurf zuerst zur
Reife brachtest?
_Omar._ Oft aber waltet die Allmacht in ihrer Undurchdringlichkeit und
lagert vor die frechen Augen Finsternisse um sich her. Oft tritt das
unerbittliche Schicksal zurück, es zerreißt den Faden, an dem es den
Menschen lenkt und läßt ihn ohne Leitung gehn. Dann schaut es auf
den Weg des Wandrers herab und zeichnet ihn mit ewigen Zügen auf der
unvergänglichen Tafel. Dann wird des Menschen Name unter die Seeligen
oder Verdammten eingeschrieben, ohne fremden Druck stehn aus dem Herzen
die Tugend oder das Laster auf.
_Abubeker._ Ich fasse den Sinn deiner Rede, Omar. Wenn das ewige
unwandelbare Schicksal niemals den Menschen aus seiner Hand ließe, dann
trieben wir einen reissenden Strom hinab, der ohne unsre Schuld den
Nachen vielleicht an einen Fels zerschellte, oder in die See versenkte.
_Omar._ Alle Widersprüche vereinten sich dann in einen Mittelpunkt,
die ganze Natur wäre eine Flöte, auf der ewig die Töne des schaffenden
Künstlers erklängen, keine That gehörte uns, unschuldig kehrten alle zum
Schöpfer zurück. -- Nein, Abubeker, wenn der Ewige auch nach seiner Güte
das Laster zuläßt, so ist er es doch nicht selbst, der den Lasterhaften
führt, das hieße ihn aus seinem Wesen hinausschelten, denn er ist ja das
Gute selbst; blind ihn aus seinem Glanz vernünfteln, mit eben der
Vernunft, die er uns lieh, ihn zu erkennen.
_Abubeker._ Ein Irrthum täuschte mich, Omar.
_Omar._ Ein Athem seines Wesens streifte leise den irdischen Staub und
es entstand der _Mensch_. Dieser göttliche Funke, der aus der Nacht sich
ihm freundlich zugesellte, ist es, der ihn aus den Thieren des Waldes,
den Bäumen und Felsenwänden heraushebt, dieses ist das große Zeichen,
an dem die Menschen sich erkennen, das untrügliche Unterpfand, daß uns
jenseit ein neues Leben entgegentrete, wenn die Seele hier den Staub
wieder von sich abschüttelt und zürnend das Thal verläßt, um einen
schönern Hügel zu ersteigen.
_Abubeker._ Deine Worte wecken in meiner Seele eine Sonne, die das
Dunkel erleuchtet.
_Omar._ Dieser Verstand lehrt uns die Wunder der Natur finden. Wie der
Schnecke und dem Wurme Fühlhörner gegeben sind, um ihre Nahrung zu
suchen und ihre Feinde zu fliehen, so verlieh der Gütige dem Menschen
den Verstand. Der Zweck des Wurmes ist das Leben, dem edleren Menschen
ist das Leben nur ein Weg, aus dem er zu seinem Endzweck geht: durch
seinen Verstand sich selbst und Gott erkennen; je näher er diesem Ziele
gekommen ist, je mehr hat er die Krone des Siegers verdient. -- Ohne
diesen Stern, der unser Schiff regiert, lebten wir, wie der Maulwurf,
unter tausend Wundern, ohne sie zu bemerken. -- Die Kraft der Heilung
liegt in tausend Pflanzen ausgegossen, aber der Schöpfer tritt uns nicht
unmittelbar in den Weg; die schwache menschliche Natur würde zu sehr vor
ihm zusammenschaudern, er legt seine Furchtbarkeit ab und in schönen
Blüthen findet der Verstand des Menschen die Kraft des Gütigen wieder,
und Tod und Krankheiten fliehen vor dem wohlbekannten, allbelebenden
Hauch, der ihnen aus den Kräutern entgegen duftet.
_Abubeker._ Deine Gedanken über den Ewigen sind wie der Schein des
Mondes, sie leuchten auf den Pfad, ohne zu blenden, du verschlingst die
Allmacht mit der Lieblichkeit und vor dem wonnevollen Bilde kann der
Mensch anbetend in tiefer Ehrfurcht knien, und es zugleich _lieben_.
_Omar._ Der Verstand regiert wie ein Steuermann unsern Willen gegen Wind
und Wogen der Leidenschaften und des Unglücks. -- Der Verstand formt
aus dem ungestellten Zufall eine Säule; statt uns selbst die Hand zu
reichen und durch das Dunkel zu führen, haucht der Ewige an diesen
Funken und er leuchtet heller. -- Dann werden große und edle Thaten
geboren, Tyrannenthronen gestürzt, des Vaterlandes Feinde geschlagen,
Völker besiegt und des Propheten Glaube über Meere getragen. -- Diesen
Fingerzeig der Gottheit nicht achten, heißt seiner Güte spotten, da er
uns einen Schatz anvertraute, den wir nicht benutzen, dann wird er uns
einst schwer zur Rechenschaft ziehen, daß wir ein Gut verachteten, das
uns ihm ähnlich macht. -- Es waren Propheten, die die Zukunft weissagten
von Gottes Athem angeweht: wenn nur der Ewige selbst in unsre Seelen
diese Gedanken gesendet hätte, wenn er durch uns Ali strafen und das
Reich wieder glücklich machen wollte und seine Allmacht dabei unsichtbar
erhalten, wenn wir die Pflanzen wären, aus denen der Gütige mittelbar
Genesung unsern Brüdern zusendete?
Abubeker dachte tief den Worten Omar's nach, die übrigen horchten
aufmerksam auf seine Rede.
_Omar._ Ist es dann nicht unsre Pflicht, seinem Wink zu folgen und
unverzeihliche Trägheit, wenn wir die Arbeit, die er uns in den Weg
legt, verdrossen liegen lassen? -- Auf dann! tretet alle Zweifel unter
euch, beginnt das Werk und sagt der Ewige »Nein« zu unsrer That, -- nun,
dann wird das Unglück unsern Schritten folgen und uns von seinem Zorne
Nachricht bringen.
_Abubeker._ Du hast mich überwunden, Omar, ich gebe deiner Weisheit
nach.
_Omar._ Ha! wenn wir keine Leuchte hätten, die uns durch die Nacht
begleitete! -- aber wir tragen sie in unserm Busen. -- Glaubet! ruft
uns der Ewige selbst zu -- und handelt nach eurem Glauben und Herzen!
Daher jagt das nagende Gewissen den Bösewicht, dies ist der gute Engel,
der den Menschen zu edeln Thaten winkt. -- Ein jeder muß nach seiner
Überzeugung handeln -- und wer glaubt nicht, daß wir alle glücklicher
wären, wenn Ali von seinem Thron herunterstiege? Unser Recht? -- o er
hat unser Recht verletzt, er hat unsre Menschheit gekränkt, er zwingt
uns, unser Wort zu brechen, das wir ihm gaben, er ist unser _Feind_,
nicht unser Fürst. Wir scheuchen das Unglück über die fernen Gebirge,
das itzt so dräuend über uns hängt, wir sind die Retter unsers Vaterlandes,
aus seinem Grabe wird das Glück dann wieder auferstehn und uns dafür
belohnen, unsre Brüder werden Freudenthränen weinen, -- ha! wer steht
noch müssig? Wer kann noch furchtsam zurückzagen? -- Nein, Abubeker,
Freunde, -- wir _wollen_ nicht die Krone von Ali's Haupte reissen,
wir _müssen_ es, -- das Land liegt kniend zu unsern Füßen, des Ewigen
ernstes Auge schaut anmahnend auf uns herab, die Nothwendigkeit reicht
uns den blutigen Dolch, -- wir _können_ nicht zurücktreten und den
furchtbaren Arm von uns weisen.
_Selim._ Nein, wir können, wir _dürfen_ es nicht. Die Gefahr streckt uns
ihren Rachen entgegen, -- stürzt auf sie zu, Freunde, sie verherrlicht
unsern Triumph! Welcher Feige würde nicht mit dem Edlen um jeglichen
Kampfpreis ringen, wenn die Furchtbarkeit nicht die große nie zerfallende
Scheidemauer zöge? Daß wir unser Leben wagen, o das ist es, was unser
Unternehmen zu einer großen That stempelt, das ist es, warum sie Männer
und keine Knaben fordert. Das Glück schwebt um uns her; faßt mit starkem
Arm den ehernen Ring und haltet ihn fest, -- dreht er sich allmächtig
weiter, -- nun was können wir mehr als _sterben_? Und können wir in
tausend Jahrhunderten einen ruhmvollern Tod finden, als im Kampf mit der
Tyrannei dahinzusinken? -- O wem das _Leben_ das höchste Gut ist, der
mag zagen, ihm sei es erlaubt zu zittern, er mag sich hinter Ali's Thron
verkriechen und sich fest an seine Ketten klammern und an den Pfahl, an
dem er gefesselt ist, -- wir kämpfen, siegen oder sterben für's Vaterland
und unsre Brüder, -- das Schild am Arm, den Säbel in der Faust stürzen wir
vor Ali hin und fordern _uns selbst_ von ihm zurück, -- wir verschwinden
in dem großen Ganzen, eine Woge im Meer; was liegt an mir, wenn ich auch
untergehe? -- Die Gefahr nicht achten, heißt sie tödten; sich selber muß
der Edle freudig seinen Brüdern opfern können. -- Wer so denkt, der
reiche mir seine Rechte!
Alle sprangen auf, man lief eilig durcheinander, jeder wollte der Erste
sein, der die Hand des edlen Selim faßte. -- Es ist kein Schändlicher
unter uns! riefen alle, wie aus einem Munde, auch Abubeker trat hinzu
und umarmte Selim und Omar. Eine große Begeisterung wandelte durch den
Saal, alle Gesichter glühten, alle Augen funkelten.
Brüder! rief Selim aus, -- das Loos ist gefallen! -- Er kniete nieder.
-- Hier schwör' ich bei dem Ewigen und seinem Propheten, bis auf meine
letzte Lebenskraft gegen Ali zu kämpfen, mein Vaterland zu retten oder
zu sterben!
Alle knieten und schwuren ihm den großen Eid nach, dann umarmten sie
sich von neuem, drückten sich die Hand und küßten sich wie Brüder.
_Ein_ Gedanke lebte in allen Seelen, _eine_ Entzückung, _ein_ Geist
wehte durch die ganze Versammlung.
Freunde! sprach _Omar_, -- und wer soll denn an Ali's Stelle treten und
eine neue Sonne über unser Reich heraufgehn lassen.
Alle schwiegen und _Omar_ fuhr fort.
Das unmündige Volk bedarf eines Führers, ohne Oberhaupt würde es sich
selber vernichten. Ein weiser Mann muß an der Spitze stehn, der alle die
schweifenden Kräfte in einen Mittelpunkt sammelt, die sonst unnütz an
tausend mannichfaltigen Gegenständen zerschellen. -- Ihr kennt Selims
Weisheit, seinen Muth, seine Güte und Menschenliebe. Er betrete den
verwaisten Thron, er werfe unser Elend in das unergründete Meer und
wecke das Glück aus seinem Schlummer. -- Wer andrer Meinung ist, der
spreche!
Du thust mir Unrecht, rief _Selim_, als alle schwiegen; warlich Omar,
deine Worte schmerzen mich tief. -- Hat denn Ehrgeiz oder Herrschsucht
meine Gedanken geleitet? Bin ich der einzige Edle in dieser Versammlung?
-- Ich widerspreche dir hier laut, ich widerspreche euch allen, wenn ihr
ihm beistimmt. -- Der Unbetrügliche sieht mein Herz, beim Grabe seines
Propheten schwör' ich hier, -- durch meinen Tod, ja durch meine _Schande_
wollt' ich Euer Elend von mir kaufen, ungenannt sterben und vergessen
werden. Ich selbst war bei diesem Entwurf mein letzter Gedanke. -- Omar,
wie konntest du dem weisen, tapfern, erfahrnen Abubeker vorübergehen?
-- Hier steht unser Herrscher! Er verdient das Diadem zu tragen, das Ali
entweiht. --
Er warf sich vor dem Greise nieder und berührte mit der Stirn dreimal
den Boden, alle übrigen folgten seinem Beispiel. Der erstaunte Abubeker
war gerührt und konnte ihnen nur durch Thränen antworten.
Du bist unser, Abubeker, sprach _Selim_, freiwillig zu uns herübergetreten,
von keinem äußern Zwange gedrückt. Der Edle muß aus eignem Willen handeln,
und damit auch nicht der kleinste Schein von Eigennutz auf dich fiele,
hab' ich dir noch eine Nachricht vorbehalten, die du itzt erfahren sollst.
-- Ali, nach deinen Schätzen begierig, hat das Ziel deines Lebens näher
rücken wollen; Omar hat durch seine Weisheit diesen Anschlag vernichtet
und dich uns gerettet.
Der Greis _Abubeker_ drückte ihm schweigend die Hand. -- Selim, sprach
er dann, ich bin dir sehr viel schuldig, dir dank' ich meinen Reichthum,
du wandest ihn aus den Händen ungerechter Feinde, du schütztest mein
Leben gegen einen Räuber, dessen Säbel schon über meinen Schädel blinkte,
-- erinnerst du dich noch jener Tage, als wir uns ewige, unzerbrechliche
Freundschaft schwuren. Wir haben unsern Eid gehalten und wollen ihn noch
ferner halten. -- Damals schwurst du feierlich in meine Hand, dein Sohn
Abdallah sollte der Gatte meiner Tochter werden, ist es noch dein Wille?
_Selim._ Ich schwur und ich hätte keinen Willen mehr, wenn es nicht mein
sehnlichster Wunsch, mein freudenvollster Gedanke wäre.
_Abubeker._ Mein Kind vermählt sich deinem Sohne.
_Selim._ Und wenn auch das Unglück uns verfolgt, auch wenn ich tausend
Schätze besäße und du wärst eben so elend, wie ich einst war, -- sie
wird meine Tochter, -- nimm dies Versprechen noch einmal vor dieser
feierlichen Versammlung.
_Abubeker._ Eben dies verspreche ich dir, wackrer Selim. -- Dein Sohn
wird der meinige, -- aber wo ist er? Meine Augen haben ihn schon vorher
vermißt. Sollte er keinen Theil an diesem großen Schauspiel nehmen?
Omar trat hervor. -- Der zarte gefühlvolle Jüngling, sprach er, taugt
noch nicht für Männer Unternehmungen. Tausend zärtliche Besorgnisse für
seinen Vater würden sein Innres zerreissen; sein Geist steht itzt noch
in der Blüthe und kann noch keine Früchte treiben; diese Gedanken würden
ihm Ruhe und Schlaf rauben und seine Hülfe würde uns unmerklich sein.
-- So tragen wir ihn schlummernd den steilen Fels hinan, auf dem ein
Schwindel ihn wachend seiner Vernunft berauben würde. Wenn er oben steht,
dann wecken wir ihn sanft und er wird uns unsre zärtliche Sorgfalt danken.
Alle stimmten ihm bei und man beschloß am folgenden Tage sich von neuem
zu versammeln, um über die Mittel zur Ausführung ihres Entwurfs zu
berathschlagen. Dann ging man froh auseinander und ein jeder nahm große
Gedanken und schöne Entwürfe in seiner Brust verschlossen mit sich.
_Sechstes Kapitel._
So untergruben Selim und Omar den Thron Ali's; unbefangen ging Abdallah
neben allen Gefahren hin, die er nicht sahe, das Gewitter zog sich in
schwarzen krausen Wolken über ihn zusammen, aber er hörte nicht den
Sturm, der von allen Bergen her die Dämpfe zusammenjagte, unbesorgt ging
er in seiner Unwissenheit dreist einher, wo er, in das Geheimniß der
Verschwörung eingeweiht, sorgsam prüfend den Fuß auf die schwankende
Brücke gesetzt hätte und zitternd sich umgesehn, ob nicht unter ihm die
Pfeiler stürzten.
Der Sonnenschein hatte ihn aus seinem Hause gelockt, er wollte eben die
Stadt verlassen, als ihm _Raschid_ begegnete.
Sei mir willkommen Freund! rief ihm Abdallah entgegen.
_Raschid_ war traurig wie gewöhnlich und erwiederte Abdallah's Gruß mit
niedergeschlagenem Blicke.
Du bist traurig, sprach _Abdallah_, komm mit mir in die schöne Natur,
der Frühling wird dich heitrer machen.
Itzt nicht, antwortete _Raschid_, nöthige Geschäfte rufen mich zu Ali;
aber wenn die Sonne untergeht, dann erwarte mich auf der steinernen
Bank, dem Pallast gegen über. -- Er entfernte sich schnell und Abdallah
ging durch die Thore der Stadt.
Der schönste Frühlingstag war aus dem Meer emporgestiegen, die Luft
athmete lau, Düfte von tausend Blumen lagen auf den Schwingen des
Westwindes, über die Berge war der glänzende Himmel wie ein blaues Zelt
ausgespannt, unter welchem lichte Wolken in leichter Bewegung tanzten.
-- Itzt hatte er einen Hügel erstiegen, der die schönste Gegend übersahe.
Ein Thal schmiegte sich zwischen waldbewachsnen Bergen, der Wald rauschte
ernst und feierlich und durch sein zitterndes Grün blinkte ein Strom
verstohlen hervor, der bald verschwand und dann wieder schön gekrümmt wie
ein weiter See im Sonnenschein glänzte. Friedliche Hütten lagen traulich
unter den Zweigen der Bäume, der Sonnenschein spielte in mannichfaltigen
Strahlen auf das frische Grün des Rasens, das bald heller bald dunkler
sich den Hügel hinuntergoß, Cedern standen feierlich schwarz auf den
Bergen, die den Horizont begränzten. Alle Wesen, von der Fliege die im
Sonnenschein summte bis zum Hirsch im Walde und dem Adler in den Wolken,
waren froh und glücklich, von jedem Zweige des Waldes rauschte die
Freude, in tausend Gesängen bunter Vögel zwitscherte sie in das Geräusch
der Waldung.
Abdallah stand und betrachtete mit Entzücken die glanzumschlungne
Gegend. O der schönen Welt! rief er endlich aus. Wie freundlich es aus
dem Thale zu mir heraufweht! Wie göttlich diese Wonne mich, wie ihren
Freund, umarmt! Alle meine Sorgen liegen unbedeutend weit hinter mir,
alle meine Sinne thun sich dem wohlthätigen großen Gefühle auf. -- Welch
ein Feuer in meinem Busen lodert! Wie tausend flammende Empfindungen zum
Herzen strömen! -- O unglückseliges Gedächtniß! -- Nur Tod brütete in
dieser unendlichen Pracht? -- Mein Geist nur ein leiserer Ton von dem,
der im Walde rauscht? -- Mit dieser funkensprühenden Begeistrung bin
ich nichts mehr, als dieser Strauch? Und doch drängt sich alles so zu
mir herauf, alles kniet vor mir und meinen Gefühlen nieder, in meinen
Empfindungen schwimmt ein ätherischer Glanz, der von mir selbst Bewunderung
erzwingt, ich schlage an die goldnen Saiten der Natur und verstehe den
großen Klang, -- ja, ich bin ein edler Wesen, als die todten stummen
Massen, -- hinweg mit dir du Weisheit, die mich verschmachten läßt,
-- du raubst mir den Genuß, und Genuß ist ja das erste und letzte Ziel
dieses Erdenlebens.
Er lagerte sich am grünen Abhang des Hügels und schaute in die
unendlichen Reize hinaus, die sich nach und nach dem aufmerksamen Auge
unaufhörlich auseinander wickelten. -- Eine heilige Ruhe schwebte mit
leisem Fittig über die Gegend, hundert neue Schönheiten gossen sich
aus, wenn sich der Schatten vor den Wald hin ausstreckte und die Berge
höher hinanlief, über das weite Gefilde lagen Dunkel und Sonnenschein
freundlich zusammen und wechselten und spielten durch einander. Ein
gelber schräger Sonnenstrahl schimmerte gebrochen durch die fernen
Cedern und erglühte durch die Zweige wie Flammenstreifen auf dem grünen
Berg, die im Rauschen des Waldes funkelnd auf und nieder zuckten.
O! daß ich mich stürzen könnte in das Meer der unermeßnen Göttlichkeit!
rief der wonnetrunkene _Abdallah_, -- diese tausendfachen Schätze in
meinen Busen saugen! Könnt' ich sie fesseln und ewig wach erhalten in
meiner Brust diese göttlichen Gefühle, die itzt durch meine Seele zittern!
Ach, daß der Gesang durch die Laute rauscht und nachher verstummt! -- Ich
höre das Pochen meines ungeduldigen Geistes: was ist diese unnennbare
unausfüllbare Leere, die mich stets im Genusse so kalt und todt ergreift?
Ein fremdes Streben ringt mit meiner Begeisterung und wirft sie nieder.
Ich schwindle auf der Freude höchsten Gipfel und stürze in den Staub
betäubt zurück. -- Alle meine Gefühle drängen mich weiter hinaus zu
einem unbekannten Etwas, zuweilen flattert unstät ein Schein durch die
Dämmerung und wie eine holdselige Erinnerung winkt es mir zu, -- aber
er verlischt plötzlich und die ungestümen Wogen wälzen sich von neuem
durcheinander.
Ein Abendwind bließ durch die Waldung, ein rother Duft schwebte um den
Horizont, die ungewissen Widerscheine flossen nach und nach zusammen und
ein Kranz von Gold, Purpur und Violet flocht sich rund um die Stirn des
Himmels. Ein friedlicher Rauch stieg aus den Hütten und vermischte sich
mit dem Nebel, der leise und langsam über die Fluren schritt und in
tausend blendenden Sternen flimmerte, von einem Sonnenstrahl durchbrochen.
Ein Schäfer zog mit seiner klingenden Heerde den Abhang herauf und seine
einsame Flöte tönte sanft in das Thal hinab.
Abdallah ging mit seinen Träumen zur Stadt zurück, das Rauschen des
Waldes hallte ihm noch immer wieder, in sein Ohr tönte noch die Flöte,
die vom Berg herab ihm mit ihren Melodieen flüsternd gefolgt war.
Er setzte sich auf die steinerne Bank, dem Pallast des Sultan's
gegenüber, in tausend verworrenen Gefühlen versunken. Die Leere der
Stadt mit ihrem abendlichen Geräusch und der lärmenden Emsigkeit umgab
ihn, die Kaufleute verschlossen ihre Thüren, der Handwerker verließ
seine Läden, die Ausrufer gingen durch die Straßen, von den Moscheen
ward die Stunde zum Gebet gerufen und durch das verwirrte bedeutungslose
Getöse hallte ihm noch wehmüthig froh der Flötenklang, in das Bild der
dämmernden Straßen schwamm noch ein Wiederschein von der reizenden
Landschaft und bildete eine Gestalt, die ihn mit schwermüthigem Lächeln
ansah. Das Getön einer Thür riß ihn aus seinen Träumen, er schlug die
Augen auf und sahe -- _Zulma_, des Sultans Tochter.
Schlank und mit majestätischer Anmuth trat sie herbei, um auf dem Altan
die Blumen und jungen Citronenbäume zu begießen und auf einen Augenblick
die Kühlung des Abends einzuathmen. Ihr dunkles Haar floß geringelt
auf ihre Schultern, ihr schwarzes Auge brannte wie ein Stern durch die
Wolkennacht. Um ihre zarten Lippen spielte eine süße Freundlichkeit und
die Liebe selbst legte den Mund in das lieblichste Lächeln.
Weitgeöffnet starrte Abdallah's Auge zum Altan hinauf, er verschlang
mit glühendem Blicke die reizende Gestalt und jede ihrer kleinsten
Bewegungen, er glaubte ein Seeliger des Paradieses zu sein und in Zulma
die schönste der Houris zu sehn, -- unter ihm hätte ein Erdbeben
unergründliche Schlünde reißen können -- er hätte es nicht gefühlt,
-- hätten tausend Donner um ihn her gebrüllt, -- er hätte sie nicht
gehört, -- alle seine Sinne waren todt, sein Geist war aus seinem Körper
entflohen und brannte verzehrend in seinen Augen. -- _Zulma_ ging wieder
zurück und Abdallah starrte noch immer zum Altan hinauf, er glaubte noch
immer den Schimmer des weißen Arms durch die grünen zitternden Blätter
zu sehn, zu sehn, wie die Rosen von ihrem Anhauch schöner glühten und
von Zulma's Glanz die Lilien heller leuchteten.
Endlich erwachte er aus seiner Betäubung, so wie der Wandrer in der Nacht
erwacht, der müde auf dem Felde einschlief und den ein Reisender mit
einer Fackel weckt. Er steht auf und sieht ohne Besinnung umher, er
kennt die Gegend und sich selber nicht, von allen seinen Erinnerungen
abgerissen, taumelt er dumpf seine Straße fort, die Berge um ihn her
wanken im Schein und die Gegend liegt dunkel wie ein Räthsel vor ihm.
-- Aus diesem Gewirre kehrte _Abdallah_ endlich zurück, -- er sah, er
hörte wieder, seine zugeschloßnen Sinne thaten sich wieder auf, -- aber
er erkannte sich selbst nicht wieder. So wie er itzt sahe, hatte er noch
nie gesehen, so hatte noch kein Klang sein Ohr getroffen: eine neue Sonne
schien ihm entgegen, aus jedem Ton grüßten ihn holde Melodieen. Ihm war
als stiege er aus einer finstern feuchten Gruft heut zuerst dem Licht
entgegen, hundert Besorgnisse schüttelte er von sich ab, er fühlte sich
frei, stark und groß, kühn zu jedem Unternehmen, ausdauernd für jede
Arbeit, unerschrocken vor jeder Gefahr, feiner fühlend für Schönheit
und Edelmuth. -- Rothe Wolken schwammen durch den Himmel und glänzten
vorüberfliegend an den hellen Fenstern, Schwalben zwitscherten um ihn
her, alles war ihm theuer, alles war ihm neu und ein neugewonnener Freund.
-- Er ging über die Brücke des Flusses, der die Stadt durchströmte. Eine
flammende Gluth brannte durch den Himmel, das Abendroth sank hinter den
Fluß nieder und warf ein bleiches goldnes Netz nach dem Abendsterne, der
seinem Glanze folgte, der Strom glühte in Purpur, vom Kuß des Himmels
erröthend, in sanften Krümmungen schlich sich das erhabne Ufer neben
den Strom hin und spiegelte sich in seiner Fluth, rosenrothe Wellen
plätscherten an das grüne Gestade und lockten in der Ferne eine Heerde,
die auf einem schmalen grünen Landstreif sich in den Strom drängte und
aus den goldnen Wellen trank, eine Guitarre sprach in zärtlichen Tönen
vom Fluß herüber, -- Abdallah sahe in jeder Schönheit Zulma's Gestalt,
die jeden Reiz erhöhte, er schwamm in einem Meer von Wonne, er stürzte
sich und versank in die schönsten, erhabensten Gefühle.
Itzt sank der letzte goldne Streif des Abends nieder und aus Osten
stiegen Schatten mit großen Schritten auf; er weinte und wußte nicht,
warum eine Thräne sich so heiß aus seinem Auge drängte.
Sinnend ging er auf sein Zimmer, wiegende Wogen trugen ihn auf dem Bache
der süßen Schwärmerei hinauf und hinab, ermüdet schlief er ein.
Die Zukunft strömte ihm hell und glänzend entgegen, wie ein Quell dem
durstigen Wanderer, goldne Träume umfingen ihn und Zulma's Gestalt stand
in den Träumen. -- Er war so glücklich, daß er nie hätte erwachen mögen.
_Siebentes Kapitel._
Die Traumbilder wickelten sich leise aus Abdallahs Armen und er erwachte.
_Zulma_ war sein erster Gedanke, der gestrige Abend stand vor ihm und
seine Einbildung holte ihm jede seiner gestrigen Empfindungen zurück.
Alles lag ahndungsvoll wie ein Traum vor seiner Seele, oder wie eine
mondbeglänzte Gegend, er zweifelte an allen seinen Gefühlen, durch ihre
ganze Harmonie wand sich sein Geist hindurch und suchte die Quelle, aus
der dieser Strom seiner umgewandelten Empfindungen geflossen sei.
Ein früher Strahl des Morgens zitterte durch sein Fenster, er öffnete es
und sahe sinnend in die schöne Gegend hinaus. Ein frischer, kühlender
Hauch kam ihm entgegen, die Sonne schimmerte auf den Wellen des Flusses
und brannte golden an den Fenstern der hundert Palläste umher, ein dünner
Nebel sank in den Fluß zurück und durch den Himmel war ein purpurnes
Meer ausgegossen. Durch jedes Wolkengebilde blickte Zulma's Gestalt
hindurch, sie stand in den Sonnenstrahlen, die sich auf den Wellen brachen
und lächelte ihm entgegen, in den Gebüschen am gegenüberliegenden Berge
säuselte ihr Name, die ganze Natur umher war nur ein Wiederhall seiner
Empfindungen. -- Dürftig und ohne Reiz schien ihm alles, was er vor dieser
Umwandlung gefühlt hatte, seine Phantasie war nun erst mündig geworden
und verschmähte ihr voriges kindisches Spielwerk, seine erhabensten
Gedanken reihten sich willig an das, vor dem er sonst kalt und ohne
Empfindung vorübergegangen war, ein heiliges Entzücken flüsterte im
Grase und spielte in der Gluth der Wolken, wie ein großes verschloßnes
Buch hatte sich ihm die ganze Natur aufgeschlagen.
_Raschid_ trat herein, als Abdallah sich noch seinen Schwärmereien
überließ, er wollte seinem Freunde Vorwürfe machen, daß er sein Wort
gebrochen und ihn am Abend nicht erwartet habe, dieser aber hörte nicht,
was er sagte, sondern sprach mit seinen Träumen und wußte kaum, daß
Raschid neben ihm stand. Dieser verließ ihn endlich voll Verdruß, als
ihm Abdallah nur durch einzelne unzusammenhängende Töne antwortete.
_Abdallah_ hatte sich und sein ganzes Wesen vergessen, er hing glühend
an seinen Phantasieen und Omar und seine traurige Weisheit war von
seinen neuen Gefühlen verschlungen. -- Vordem hatte er mit Kindlichkeit
die Tugend und sich geliebt, alle Räthsel, die vor ihm lagen, hatte ihm
Niemand Räthsel genannt und er stand unbefangen vor ihnen; seit jenem
Abend, an welchem Omar ihn in seine Weisheit eingeweiht hatte, schien
ihm alles Glück der Einbildung erloschen, die schöne Hülle war von der
Natur abgefallen und er sahe nur das nackte Gerippe; er hatte schon
daran verzweifelt, daß ihn je wieder ein Strahl aus den glücklichen
Tagen seiner Unwissenheit anfliegen könnte, -- und itzt schmückte sich
alles schöner als je, so zauberreich stand noch nie die Wirklichkeit vor
ihm, so geläutert und rein hatte noch kein Gefühl in ihm geklungen.
_Omar_ trat herein, aber Abdallah bemerkte ihn nicht. -- Worüber denkst
du? fragte ihn dieser. -- Über nichts, fuhr Abdallah erschrocken auf und
Omar entfernte sich wieder. Abdallah war so froh, als ihn sein geliebter
Lehrer verließ, als wenn eine lästige Gesellschaft von ihm gegangen wäre;
er überließ sich ungestört seinen Schwärmereien, wie jemand, der in
einem schönen Traum erwacht und wieder einzuschlafen sucht. -- Was ist
dir, mein Abdallah, sprach _Omar_ nach einiger Zeit, indem er von neuem
hereintrat.
Abdallah schwieg. -- Was hat dich so tiefsinnig gemacht? fragte ihn Omar
mit freundschaftlicher Unruhe.
Omar! stammelte _Abdallah_, sieh die Natur, die unendliche, unbegränzte,
sieh, wie tausend Schönheiten mich anlächeln und tausend schlafende
Empfindungen in meinem Busen wecken. Sieh, wie die Herrliche ausgegossen
von mir liegt, vom himmlischen Reiz umfangen. Wie des Morgens Gluth sich
durch die Wolken schwingt, wie die blühende Erde sich lächelnd in die
Arme des Himmels schließt, sieh, wie alles rund umher in dem lebendigen
Glanze schwelgt, -- o daß ich diese Göttlichkeit an mein Herz drücken
könnte und mit Seligkeit gesättigt in den hohen allgemeinen Wohllaut
zerfließen!
Es ist nicht das, sprach der ernste _Omar_, indem er Abdallahs Hand
ergriff, du willst deinen alten Freund hintergehen und das solltest du
nicht. Du warst mir noch nie verschlossen, noch nie vergaßest du über
deine Empfindungen mich, noch nie brannte dein Auge so wie itzt, -- noch
nie suchtest du deinen Blick meinen Forschungen zu verbergen, -- nein
Abdallah, noch nie strebtest du deine Hand aus der Hand deines Freundes
zu ziehn. --
_Abdallah_ sahe nieder und schwieg; _Omar_ hatte die geheimsten Geberden
seines Geistes verstanden, er suchte daher beschämt seine Gesinnungen
zu verbergen und dann war er wieder im Begriff, dem Freund mit seinen
innigsten Gefühlen entgegen zu gehn. Sein Gesicht glühte, seine Blicke
irrten ungewiß auf den Boden umher und suchten einen Gegenstand, der sie
fesseln könnte. -- Omar fuhr fort:
Hast du denn alles Vertrauen zu mir verloren? -- Bin ich nicht mehr
Omar, dein Freund? Warum willst du dich mir verbergen? Entdecke dich
mir, unsre Seelen sind sich ja verschwistert, laß mich dein Glück oder
Unglück mit genießen oder leiden; seit wann ist Abdallah so eigennützig
geworden?
Er schwieg und Abdallah wollte sprechen, aber eine heiße Thräne stieg in
sein Auge, ein großer Seufzer erstickte seine Worte, seine Hand zitterte
in der Hand Omars, dieser ließ sie mit freundschaftlichem Unwillen fallen.
Ich habe mich geirrt, dies ist nicht mehr mein Abdallah, so stehen Omar
und er nicht mit einander. -- Gut, ich muß dein Vertrauen noch erst zu
_verdienen_ suchen. -- Er wollte gehn. --
Nein, nein, Omar, rief ihm _Abdallah_ heftig nach, bleib! o ich will
ja zu dir sprechen. -- Doch was soll ich dir sagen? Wie wirst du mich
verstehn, da ich mich selbst nicht verstehe? -- Es giebt keine Worte,
keine Sprache, in der ich alles so lebendig, so lauter hingießen könnte,
wie es hier in meinem Herzen strömt und lebt! -- Könnt' ich dein Herz in
das meinige legen, deinen Geist in den meinigen schmelzen, o dann, dann
würdest du mir die Worte ersparen und mich ohne Sprache verstehn!
_Omar._ Seelen, die sich so vertraut sind, wie die unsrigen, legen in
die Worte jene Empfindungen hinein, die keine Beschreibung ausfüllt, den
geistigen Hauch, der sich in keinen Tönen festhalten läßt, -- darum
werd' ich dich verstehen.
_Abdallah._ Aber kann deine ernste Weisheit auch dem jungen Freunde
verzeihen?
_Omar._ So sehr kann _Abdallah_ nicht fehlen, daß für sein Vergehn keine
Verzeihung sein sollte.
_Abdallah._ Ach nein, ich bedarf keiner Verzeihung, das sagt mir mein
Herz, die Unbefangenheit, mit der ich den Blick in mein Innres werfe.
Es ist kein Verbrechen, denn alles, die Natur, ich selbst, du mein Omar,
alles ist mir unendlich theurer als vorher, das Lebende und Leblose ist
meinem Herzen näher gerückt, ich fühle mich größer, edler, geistiger,
-- o mein Omar, laß dir alles in einem Wort' enträthseln: _ich liebe!_
_Omar._ Du liebst?
_Abdallah._ O du mochtest lächeln! Ach nein, es ist nicht das, nein, es
ist nicht jenes Gefühl, das unsre Dichter so oft beschreiben, -- kein
Mensch hat noch je dieses hohe, heilige, unaussprechliche Wesen in
seiner Brust beherbergt, Liebe ist es nicht, es ist das Gefühl der
Seligen, mir allein seit Ewigkeiten aufbewahrt, mich aus dieser Welt
hinauszureissen; eine allmächtige Woge hat mich auf die hohe gähe Spitze
einer Klippe geschleudert, die Welle sinkt ins Meer zurück und ich stehe
schwindelnd über Wolken, von allen Menschen die einst waren und sind auf
ewig abgerissen, die Unendlichkeit um mich her, -- die Gottheit hat heut
mein Leben von neuem berührt und durch die leisesten Töne hindurch
zittert der allmächtige Stoß. -- Wer würde nicht dies Verbrechen mit mir
theilen und welcher Freund mir nicht verzeihen?
_Omar._ Dir verzeihen, daß du liebst? Ist Liebe nicht der Zweck alles
Erschaffenen, das, was uns die öde Welt in einen Garten umwandelt?
_Abdallah._ Du sprichst zu meiner Seele, wie ein Vater zu seinem kranken
Kinde; ja, es ist die schönste Vollendung des Menschen, ich fühl' es,
Liebe ist die einzige Tugend; nimm mir alle, laß mir nur diese übrig und
ich werde sie nicht vermissen.
_Omar._ Sie bleibe dir ewig. Verdient aber auch deine Geliebte, -- nenne
mir ihren Namen.
_Abdallah._ Omar, du bist ein Gotteslästerer! -- Setze das Paradies auf
die eine und _Zulma_ auf die andre Seite, und ich werde _Zulma_ ohne
Bedenken wählen. -- Ich sahe sie gestern und seitdem sehe ich nichts,
als sie, -- mir war's, als fiele ein lächelnder Blick ihres holden
Angesichts auf mich herab, -- o wär' es Wahrheit, ich wollte mein Leben
gegen noch einen dieser Himmelsblicke tauschen!
_Omar._ Zulma? -- _Ali's, des Sultan's Ali's Tochter?_
_Abdallah_ schwieg, dann fuhr er langsamer fort: Ach Omar, warum hast du
die freundliche Binde von meinen Augen genommen? Ich war so glücklich, als
ich nicht daran dachte, warum gönntest du mir nicht diesen lieblichen
Betrug?
_Omar._ Wo willst du Adlersfittige hernehmen, dich zu dieser Sonne empor
zu schwingen?
_Abdallah._ O die Liebe, die Allmächtige wird sie mir reichen! -- Der
Verzagte verliert ewig, dem Kühnen geht das Glück selbst entgegen.
_Omar._ Du stehst vor einem Abgrund, der sich zwischen zwei Felsen
reißt, ein dichter Nebel liegt wie Land dazwischen und du trittst mit
vertrauendem Fuß in die Luft, aber du wirst in die Tiefe stürzen.
_Abdallah._ Ach Omar, ich habe dir mein Geheimniß entdeckt, kannst du
nichts, als es tadeln, hast du keinen mitleidigen Trost, keinen Rath für
mich?
_Omar._ Und wenn ich ihn hätte?
_Abdallah._ O dann wollt' ich vor dir knien und dich meinen Erschaffer
nennen. -- Nur Hoffnung und ich bin nicht ganz elend!
_Omar._ Nicht elend? Wenn aber tausend Gefahren --
_Abdallah._ Die Unmöglichkeit soll unter das Joch den ehernen Nacken
beugen, Gefahren will ich wie Blumen brechen und sie Zulma entgegentragen,
ich will durch wilde Ströme schwimmen, über Abgründe springen, durch
hundert Schauder unerschrocken gehen, mich durch Klüfte drängen, durch
die kein Leben wandelt, wenn sie nur am Ziel der schreckenvollen Wanderung
steht. -- O sprich! nur ein Strahl, der mir aus der Ferne leuchtet und
ich will ihm mit Adlersflug entgegenfliegen!
Abdallah! rief _Omar_ aus, sein Gesicht war feierlich ernst, seine Augen
durchschauten wild den Jüngling, -- heut in der Nacht will ich dich
wieder sprechen. Dann ging er und Abdallah sah' ihm staunend nach.
Unglücklicher! rief er aus, -- wo sind nun alle deine hohen, himmlischen
Schwärmereien? Sie sind vor einem Worte wie Nebel niedergesunken,
und eine kahle Felsenwand steht vor dir, wo erst ein goldner Duft im
tausendfachen Schimmer spielte. -- Welche Kette hängt an dem Worte
_Ali_, die mich so gewaltsam von Zulma zurückreißt? Lieg' ich in den
Staub gebunden und glänzt sie ewig unerreichbar wie ein Sirius über mir?
-- Nein, ich will eine Leiter bis in den Himmel legen, ohne sie giebt es
kein Glück, kein Leben für mich, bei diesem Spiele kann ich nur
gewinnen.
Er schwieg und sein Blick senkte sich, als wenn ihn ein Gedanke
plötzlich überraschte.
Nur gewinnen? fuhr er dann langsam und traurig fort. -- Und mit deines
Vaters Fluch, Elender, verlierst du nichts? -- O eine schwarze Ahndung
breitet sich über meine Seele aus. Mit diesem Tage nimmt vielleicht
das Elend meines Lebens seinen Anfang, ich stehe hier vielleicht am
Scheidewege, wo ich in einen dunkeln, unendlichen Wald hineingehe und
die freie helle Flur auf immer verlasse. -- Mein Vater selbst tritt mir
in den Weg und hält mich an, mein Vater liebt mich, um mich elend zu
machen. -- Alle meine Hoffnungen stürzen von diesem Fels zurück und
hinter mir stehn schwarze Klippen furchtbar aufgepackt, und versperren
mir den Rückweg. -- Omar, leite deinen Freund aus dieser Irre! --
Er überließ sich seinen Gedanken, die bald den vorigen Schwärmereien
weichen mußten, bald wieder kalt und verweisend ihre Stelle einnahmen.
-- So träumte und dachte er bis zum Abend.
_Achtes Kapitel._
Schwarz lag die Nacht auf dem Gefilde, als Omar und Abdallah die Stadt
verließen.
Wolken gossen sich gedrängt und düster von den Bergen herab, in hohen
unendlichen Gebirgen aufgewälzt, wie eine dicke gewölbte Mauer hing der
schwarze Himmel mit seinen wankenden Riesenschatten über ihnen, kein
Stern sah durch die Hülle, kein Strahl des Mondes zitterte durch die
Wolkenwildniß: ein Regen rauschte in den nahen Bäumen, durch den fernen
Wald wandelte der Sturm dumpf murrend, die Wächter riefen aus der Stadt
die Stunden der Nacht, die Natur schwieg mit feierlichem Ernst und
ein heimliches Grauen stieg von den finstern Bergen. -- Beide gingen
schweigend und in tiefen Gedanken versunken. -- Nach einer langen Stille
begann _Omar_:
Sieh Abdallah, wie der hohe Himmel mit seinen unabsehbaren Finsternissen
über uns schwebt, wir treten wie in eine unendliche Wüste hinaus. Wie
fürchterlich verlieren wir uns in diesem Wogensturm, der sich schwarz um
uns her wälzt, -- sieh, wie es durch einander wogt und flieht und sich
zerrissen jagt! -- Kaum ist ein ferner Schimmer des Mondes sichtbar,
der unaufhörlich mit der Finsterniß kämpft, der Regen fällt in schweren
Tropfen auf die Flur und der Sturmwind heult durch den dichten Wald, wie
ein verlornes Kind, das in der Irre winselt.
Abdallah schloß sich fester an den Arm seines Freundes, -- Omar,
sprach er mit beklemmter Stimme, -- o diese Nacht ist das Bild eines
unglücklichen Lebens! So schwebt der Elende am Finger der Allmacht in
die Nacht des Jammers verlassen hinausgehalten, von keinem Lichtstrahl
erquickt. -- Horch! wie sich der Strom in wunderbaren Tönen an dem Ufer
bricht! Wie verworren alles vor uns liegt, -- Omar, diese Nacht ist
fürchterlich!
_Omar._ Fürchterlich?
_Abdallah._ Noch nie hab' ich mich so einsam in der Natur gefühlt, so
einsam unter tausend Schaudern und fremden Gefühlen, so losgespühlt wie
ein Sandkorn und an ein fremdes Gestade angeworfen. Dies wunderbare
Gefühl der Einsamkeit, Omar, macht mich schaudern.
_Omar._ Mich begeistert diese Einsamkeit zu hohen Gedanken und Träumen;
so in der stillen Nacht umherzugehn, so den Flug der Wolken zu sehn, das
einsame wimmernde Plätschern des Ufers zu hören, -- o dann ist mir, als
stiege ich tief in eine Grube hinab, wo ich nur noch in einer weiten Ferne
unvernehmlich ein loses Wehen dieser Welt verstände, dann ist mir oft,
als könnt' ich den ewigen Weltgeist durch die Glieder seiner Weltordnung
stillschaffend wandeln hören, als könnte mein entkörperter Blick durch
das große Gebäude dringen und die hohe Ordnung verstehn. -- Ja, Abdallah,
eine solche Nacht winkt der Schwärmerei, hier wohnen tausend kühne
Gedanken, die vor dem kalten ernsten Tageslicht zurückzittern, hier
tritt unsre ungestammte Furcht wieder in ihre Rechte, hier machen uns
dieselben Gedanken erblassen, die wir frech im Sonnenschein verlachen;
der Spötter sinkt nieder und ruft: Gnade! der Zweifler greift geängstigt
nach seinen Zweifeln und dem Weisen verstummt das dumpfe verworrne
Getöse der Zeitlichkeit, er vernimmt den Gang der ewigen Naturgesetze,
die Kleidung fällt von der Endlichkeit ab und er sieht mit anbetendem
Schauder die unendlichen Kräfte durch einander weben und die Räder im
ewigen Schwung sich drehen.
_Abdallah._ Sieh, wie hier verloren ein Glühwurm mit mattem Fluge summt
und sich in das feuchte Gras setzt, so einsam und traurig wie die verarmte
Wittwe, die im engen Gemach bei der kleinen Lampe weinend betet und
sie nicht auslöschen will, um mit dem Strahl nicht auch das Bild eines
Freundes zu verlieren. -- Ach Omar, dieser kleine Wurm verliert sich so
armselig unsern Blicken, das aufkeimende Gras ist ihm ein Wald, unser
Auge muß ihn ängstlich wiedersuchen, -- und wie verlieren wir uns in
diesem mitternächtlichen Gefilde, und diese unbegränzte Flur wird auf
der Erde kaum bemerkt. --
_Omar._ Und wie versinkt diese Erde in der Unermeßlichkeit der _Welt_?
-- Abdallah, unser kühnster Schwung fällt lahm von dem Gedanken zurück,
-- diese Welt, -- o vielleicht, daß für Wesen jenseit unsrer Gedanken
dieser Mond und diese Sterne nur Feuerwürmer sind, die der Erde wie einem
Grashalm einen grünen vorüberscheidenden Lichtstrahl zuwerfen, -- und
die höchsten Gedankenschwünge dieser Wesen schlagen gewiß noch nicht an
die Gränze des Weltalls. Die Unendlichkeit wirbelt sich noch immer höher
und höher, Millionen Arme streckt sie durch die ernste Ewigkeit und in
jeder Hand hält sie tausend Welten.
_Abdallah._ Der Gedanke stürzt unter dieser Gewalt zusammen. Wo die
Orionen und die Macht der Sterne wie Nebelblasen schwinden, o was bin
ich da und dieser Verstand, der diese Wunder fassen will?
_Omar._ Ja, Abdallah, der Donner kann sich nicht durch die schwachen
Saiten der Laute wälzen, sie brechen unter seiner Last. Je eilender wir
diesem Gedanken folgen, je weiter flieht er von uns hinweg und um so
lauter spottet ein höhnendes Gelächter unsrer Schwachheit.
_Abdallah._ Eine fremde Hand streckt sich uns entgegen, aber wir
verstehen ihr Winken nicht.
_Omar._ Die Gottheit zieht an die große Kette des Lebens und vom
Elephanten bis zum Wurm, den unser Auge kaum bemerkt, zittern alle
ihre Glieder, ein Faden, der alle diese Perlen schüttelt. -- Du wirst
Gewürme gesehen haben, Abdallah, die nur wenige Stunden leben, die sich
freuen und ihr armseliges Geschlecht nicht untergehen lassen, -- für uns
sind sie nur Wesen eines Augenblicks, -- auf uns lächeln vielleicht eben
so mitleidig andre Geschaffene herab, denen unser Dasein nur ein Athemzug
scheint; ihr Leben scheint höhern Wesen nur ein Tropfen Thau's, den der
erste Sonnenstrahl aufküßt, und _diese_ verwehen doch nur wie ein Staub
in der Ewigkeit.
_Abdallah._ Das Leben ist nur eine Wasserblase, die sich aus der Fluth
emportaucht und im Auftauchen zerspringt.
_Omar._ Darum sagte jener große Sänger: »Jahrtausende sind vor dir nur
wie ein Augenblick.« -- Und doch kriechen die nichtigen Gewürme auf der
Erde umher und nennen sich dem Ewigen ähnlich, und brüsten sich mit
Weisheit und tiefen Forschungen, und verachten den, der nicht ihre
Weisheit kennt, -- o Abdallah, dies ist ein Anblick, der den Unbefangenen
zur Verzweiflung bringen könnte. -- Eine alberne Mummerei, wo ein jeder
nur darauf sinnt, seine Larve nicht Lügen zu strafen, -- wenn wir sie
nach Hause begleiten und die Larve abnehmen sehn -- so sind sie nichts
als Knochen und verächtliche Verwesung. -- Ha! sie wollen den Ewigen
fassen und sind sich selber unbegreiflich, und brandmarken alles Lüge,
und verlachen alles, was in ihren engen Sinn nicht geht.
_Abdallah._ Verachtung sei ihre Strafe!
_Omar._ Ihr Verstand, eine Sammlung Staub, der wieder in Staub zerfällt,
der nichts als Staub ist, in eine unkenntliche Form gemodelt, der aus
Würmern ward und wieder zu Würmern wird, -- o des Erbarmens! mit diesem
verläugnen sie den Finger, der seinen Namen in die Unendlichkeit
hineinschreibt.
_Abdallah._ O sie sollten verehrend niederknien, blinde Anbetung des
Ewigen sollte ihre Weisheit sein.
_Omar._ Die Welten sollen in ihrem Gehirn ihren Lauf vollenden und sie
können die Lebenskraft der Schnecke nicht begreifen, ihre armselige
Erfahrung stempeln sie Gesetze der Natur; daß die Sonne auf- und
untergeht, hat ihrem dumpfen Sinn die Gewohnheit begreiflich gemacht,
aber daß sie einst stille stände, oder an den Gestirnen zertrümmerte,
-- dagegen sträubt sich ihr Glaube und die Welt nennt sie _Weise_.
_Abdallah._ Der blöden Thoren!
_Omar._ Wir stehn unter unendlichen Räthseln, nur die Gewohnheit hat sie
uns weniger fremd gemacht; vom Baum bis zum Grase, vom Elephanten bis
zur Mücke, wer sind diese Fremdlinge, die an uns vorüber gehn? O könnten
wir an diese Wunder allmächtig schlagen und Antwort fordern; -- aber es
ist nur der Ton unsers Arms, der durch den Felsen dröhnt, -- sie ziehn
vorüber und bleiben stumm. -- Wir selbst sind uns eben so unbegreiflich,
als der Geist, der auf Mondstrahlen niederschwebend durch die Wolken
flattert und Wälder mit einem Hauch ausrottet.
_Abdallah._ O könnte der richtende Mensch von allen Wesen Rechenschaft
fordern!
_Omar._ Empfandest du nie, Abdallah, daß wenn dein Verstand durch tausend
Stufen auf der höchsten schmalen Spitze schwindelnd taumelte, -- daß er
dann wieder zur thierischen Dumpfheit, zur Unbehülflichkeit des Steins
herabstürzte?
_Abdallah._ Oft Omar. Dann liegt die Menschheit am verächtlichsten vor
mir, wenn wir endlich gegen unsre Schwäche kämpfend im Begriff sind
ringend den Preis zu gewinnen, und ohnmächtig hinsinken, und nichts
als verworrene Gefühle davon tragen, dunkler und körperlicher als die
unmittelbarsten, die todte Gegenstände um uns unsern Sinnen reichen.
-- O es sind Augenblicke, wo ich mein Wesen mit dem Wesen der Schwalbe
austauschen möchte!
_Omar._ Auf dieser gähen Spitze gelingt es zuweilen dem Forscher, diesen
fliegenden Augenblick zu fesseln. Dann weht es ihn wie mit reineren
Lüften an, dann sieht er, wie durch einen dicken Vorhang, ein Licht über
die nächtliche Haide wandeln; dies ist der fürchterliche Augenblick, wo
der Verstand zwischen höherer Weisheit und Wahnsinn ungewiß hängt, ein
Windstoß von hier oder dorther jagt ihn auf ewig auf die eine oder auf
die andre Seite. -- Dem Weisen fallen dann der Wesen vorgehaltne Bilder
nieder, er erkennt was ist, ihm antworten die Wunder umher, sein Blick
gräbt bis auf den Mittelpunkt der Erde. -- Verstehst du mich, Abdallah?
_Abdallah._ Ich folge deinem Geiste.
_Omar._ Diesen ist dann die Binde von den Augen genommen, der Verblendete
nennt sie Thoren, die Welt bewundert oder verachtet sie dumm, doch
ihre Weisheit ist ihnen genug, der Gesunde bedarf keiner Krücken. Sie
ergreifen die großen Zügel der Natur und lenken sie nach ihrer Willkühr,
sie rufen Geister aus dem Abgrund, sie lassen die Jahreszeiten wandeln,
das Meer sinken und anschwellen, sie fassen ein Glied von der großen
Kette des Schicksals und lassen sie bis tief hinunter wanken. -- Die
Weisen der Welt sehn mit Verachtung auf sie herab und der Weisere klagt
sie nicht ihrer Blindheit wegen an, er greift dreist an die Handhabe der
Natur, er hat die verborgenen aber einfachen Gesetze gesehn und er ist
Herr der Welt, durch Zuversicht hat er die Herrschaft gewonnen, nichts
kann sie ihm entreissen; daher sagte ein weiser Prophet mit tiefem Sinn
zu seinen Schülern: _Glaubet, und ihr werdet Berge versetzen!_ und sie
glaubten und die Natur gehorchte ihnen.
Abdallah stand in tiefen Gedanken und Omar fragte ihn leise: Liebst du
Zulma noch?
Abdallah fuhr auf. -- Zulma? -- Du hast alles um mich her ausgelöscht,
Omar, aber in tiefer Ferne winkt mir aus der dicken Nacht noch _ein_
freundlicher Funke, -- ja, Omar, ich liebe sie, ich werde sie ewig
lieben. -- Ich stoße die Verächtlichkeit der Welt auf die Seite, ich
gehe unwissend ihren Räthseln vorüber, -- diese Weisheit ist nicht für
ein sterbliches Gehirn, -- _meine_ Weisheit sei _Genuß_, mögen Wunder
und Furchtbarkeiten um mich spielen, ich verhülle mich an ihrem Busen
und sehe sie nicht.
_Omar._ Wenn dich aber nur dies Reich der Geister glücklich machen kann?
_Abdallah._ Ich gehe freudig jeden Weg, der mich zu dieser Krone führt.
_Omar._ Fühlst du dich stark genug für die furchtbare, zermalmende
Vertraulichkeit?
_Abdallah._ O ich will zentnerschwere Bürden mit allen ihren
haarsträubenden Schaudern, mit allem kalten Grausen auf meinen Rücken
nehmen, -- denn Zulma steht vor mir und lächelt und sie drücken mich
nicht.
_Omar_ ergriff schweigend die Hand des Jünglings. -- Abdallah! rief er
laut, Abdallah! so erfahre, was du nie erfahren solltest und laß es tief
in deinem Innern widerhallen, Omar ist mehr als dein Freund, mir sind
die Gesetze der Welt unterthänig!
Abdallah fuhr zurück und riß seine Hand aus der Hand Omars. -- Wie?
-- Omar? -- Ha! wie eine eiskalte Hand mich fürchterlich von dir
hinwegreißt! Omar, dieser _bekannte_ Omar mehr als Mensch? -- Er tausend
Stufen höher als ich -- und doch derselbe, mit dem der Knabe Abdallah
spielte? -- O fürchterlich! fürchterlich!
_Omar._ So jämmerlich sinkst du unter diesem Grausen zusammen und sollst
es nur bis zu deiner Zulma tragen?
_Abdallah._ Nein, Omar, ich sinke nicht. -- So sei denn mehr als Mensch,
laß die mächtigen Riegel der Zukunft aufspringen, und die Welt sich
unter deinen Sprüchen krümmen, laß alle deine Kraft meinen Wünschen
nachfliegen und aus meinen Träumen Wirklichkeit schaffen.
Es sei, sprach _Omar_ langsam und ernst. -- Sie waren in ein kleines
Felsenthal gekommen, in dem sich ein Wasserfall schäumend von einem
Hügel goß. -- Wo sind wir? rief Abdallah aus, -- diese Gegend sah ich
noch nie. -- Omar schlug mit seinem Stab dreimal auf den Boden und ein
dumpfes Dröhnen und Pochen unter der Erde antwortete ihm. Man ruft dich,
sprach _Omar_ und zugleich riß sich eine schwarze Kluft klingend in den
Boden. -- Omar faßte die bebende kalte Hand Abdallah's. -- Hier steige
hinab und gehe im geraden Wege, so weit du gehen kannst, dort wird sich
dir die Zukunft enthüllen.
Abdallah setzte langsam den Fuß hinein und sahe seinen Lehrer zweifelhaft
an; Eulen heulten ihm aus der Kluft entgegen, aus tiefer Ferne rief der
Wächter in der Stadt die Mitternachtstunde, -- Omar ließ die Hand
Abdallah's fahren und dieser taumelte hinab. -- Die Erde verschloß
sich wieder.
Die Wolken entflohen und der Mond und die Sterne sahen durch das blaue
Gewölbe, zuweilen noch rauschten die Bäume und schüttelten rasselnd den
Regen von den Blättern, Omar stand sinnend an eine Felsenwand gelehnt.
Ein fernes Winseln zitterte unter der Erde, Omar schlug auf den Boden
-- und Abdallah trat bleich, mit verzerrten Zügen und starren Augen wie
ein Gespenst aus der Grube, seine Knie zitterten. -- Er stürzte wüthend
nieder und betete mit einer Inbrunst, die der Raserei ähnlich war.
_Neuntes Kapitel._
Abdallah hatte geendigt und stand langsam auf. -- Ha! rief er
fürchterlich, welch ein bleiches Feuer schlägt über mir zusammen und
nagt an meinen Gebeinen? -- Warum sieht das richtende Schicksal aus
tausend glühenden Augen so fürchterlich auf mich herab?
Abdallah, sprach Omar und ging ihm näher, Abdallah, der Mondschein
umgiebt dich und die Sterne flimmern über dir.
Der Mondschein? Die Sterne? O sie sind auf ewig untergegangen! -- Sie
werden mich nicht wieder grüßen, -- dann ging Abdallah zu Omar, und
sagte zu ihm leise und langsam: Omar! bewahre mich vor Wahnsinn!