Und der Soldat: „Das ist sein Glück.“

„Das ist sein Glück, meinst du?“ begehrt der Rocherl auf. „Und damit

glaubst du, wär’ es gut?“

„Mehr kann er nit thun.“

„Du, Valentin,“ sagt der Rocherl, gleichsam in Krämpfen sagt er es:

„Ich kann mit der einzigen Hand nichts machen, sonst -- sonst hätt’ ich

nicht auf dich gewartet. Jetzt wirst +du+ mit ihm abrechnen.“

„Mit wem? Mit dem Lehrer? Wenn er sie ja heiratet!“

„Und ihr Ruf? -- Und ihr Ruf?“

„Warum bist du so auf, Bruder Rocherl? Ein Malheur, das Jedem passieren

kann.“

„So sagst du?!“ ruft der Rocherl ganz betroffen aus. „So schlecht bist

du geworden?!“

Da giebt der Soldat zur Antwort: „Mein Lieber, du sollst es erst

wissen, wie es in der Welt zugeht!“

Dieses Gespräch ist zwischen den beiden Brüdern geführt worden, vor der

Hausthür im Mondscheine. Dann wollte Valentin die Schwester sehen.

„Jetzt schläft sie,“ sprach die Mutter. „Laß sie rasten. Sie hat viel

gelitten.“

„Weiß nit, ob es lange Zeit hat mit mir,“ sagte der Soldat. Dann kam er

an den Herd. Am Tische rückten sie zusammen, um ihm Platz zu machen. Er

hielt sich jedoch immer im Hintergrunde und so oft die Thür aufging,

wandte er allemal rasch sein Auge dahin.

Jetzt trat ich zu ihm hin und stellte mich als den Knecht Hansel vor.

„Ich weiß es schon,“ versetzt er kurz.

„Wie geht’s beim Regiment? Was macht der Oberst Marx?“

„Kennst du den?“ fragt er.

„Ist mein Hauptmann gewesen.“

„Hast du auch beim Siebenundzwanzigsten gedient?“

„Gehorsamst zu melden.“

Nach diesen Worten will er sich verziehen. Mir fällt an ihm die Unruhe

auf, die sich immer steigert.

„Ging es schwer mit dem Urlaub?“

„Ganz leicht,“ sagt er.

„Auf wie lange?“

„Auf unbestimmte Zeit.“

„So, so!“ sage ich, „das wundert mich.“ Und wie noch eine Frage an ihn

gestellt wird, wendet er sich rasch und geht zur Thür hinaus.

Am siebenunddreißigsten Sonntage.

An diesem Briefe schreibe ich schon seit Wochen. Du willst ja, daß

ich dir alles genau erzähle. Wie kann man das nur, wenn so vielerlei

auf einmal vorfällt und wenn es so viel anderes zu denken und zu thun

giebt, als eine Geschichte aufzuschreiben, die sich freilich immer

wiederholt auf der Welt, die aber dem, der sie gerade erleben muß,

furchtbar neu und verwunderlich ist.

Beim Valentin blieb ich stehen, er aber nicht bei mir. Da bin ich ihm

so lange nachgegangen, bis er mir in der Strohschaubkammer nicht mehr

entschlüpfen konnte. Er kauerte auf dem Schaub und preßte sein Gesicht

ins Stroh.

„Valentin,“ redete ich ihn an. „Zu deinem Hause stehe ich so, daß auch

zwischen dir und mir Vertrauen sein darf. Gestehe mir’s ganz offen, du

bist desertiert!“

Er leugnete es nicht ab und gestand es nicht ein.

„Hab’ ihn eh gebeten, den Hauptmann, um Urlaub auf vier Tag, wie die

Nachricht gekommen ist. Wenn jeder Urlaub hätt’, wo zu Haus eins von

der Sippe stirbt, hat er Antwort gethan, alsdann hätten wir das halbe

Regiment bei den Klageweibern!“

„Und dann bist du heimlich davon?“

„Ich gehe ja morgen, wenn’s vorbei ist, gleich wieder zurück.“

„Valentin,“ sage ich, „den Vater hast du noch einmal gesehen. Wir

werden ihn gut betten. Geh’ lieber sogleich.“

Den Kopf hat er geschüttelt: Sogleich, das wolle er nicht.

Der Unglücksmensch ist geblieben, aber keiner von allen, die dem

Totenbegängnisse beigewohnt, hat’s glaube ich geahnt, daß ein Deserteur

danebenstand, als sie den starren Adam vom Laden hoben und auf die

knisternden Hobelspäne in die Truhe legten. Während die Leute noch

an den Tischen saßen und unter gedämpftem Geplauder das Totenmahl

verzehrten, nagelte der Zimmermann den Deckel auf. Verdammt, war das

eine Musik, dieses Hämmern auf den Sarg! Die Hausmutter hatte alle

Thüren und Fenster zugemacht, daß die Barbel in ihrer Kammer den Schall

nicht sollte hören können.

Dann haben sie den Schrein hinausgetragen und niedergestellt auf der

Thürschwelle, haben das Lied gesungen, in welchem der Scheidende

Abschied nimmt von Weib und Kind, von Haus und Hof. In dem Augenblicke

hub in der Scheune, die gegenüber der Kammer des Mädels steht, die

Kornwindmühle an zu klappern, heftig und schmetternd. Die Leute

schauten mit Entrüstung auf. Der Kulmbock war über diese Störung

der Andacht sehr empört, aber ich muß dir mit Freuden mitteilen von

einem erweckten Menschen. Von dem Saufüssel -- wieder gesund ist er

worden! Und gerettet! Der hatte bei jenem Osterfeuer den Rocherl in

die Glut bringen wollen. Der hatte vor Barbels Fenster den Spottpopanz

aufgerichtet. Und jetzt war es dieser Saufüsselbub, der die Windmühle

trieb und Späne hineingesteckt hatte, damit sie doch recht mächtig

klappern möchte. Angestiftet soll ihn seine Mutter, die Marenzel haben:

„Gedenk’s Bub, wie dir’s die Barbel gemeint hat, wie sie dich aus dem

Rainhäusel hat befreit, wie sie in deiner Krankheit gut mit dir gewesen

ist! Ich habe den Kulmbock schon gebeten, er möcht’ das harte Lied sein

lassen vor der Thür. Er thut’s nit, der Dickschädel. Jetzt geh’, Bub’,

und laß’ die Windmühl bredeln, daß alles schnalzt, damit die Kranke

in der Kammer das Totensingen nit kann hören.“ -- Der Totenbrauch

war gestört, aber dem Mädel war der herzbrecherische Abschiedsgesang

erspart geblieben. Mich freut jetzt dieser Saufüsselbub mehr, als alle

sinnigen Totensitten zusammen. Die Barbel hat’s vollbracht, hat aus

diesen zwei Leuten -- Menschen gemacht.

Wer da halbwild wie ein Verbannter ums Haus schlich, sich dazugehörig

fühlte und doch nicht dazugehen durfte, das war Guido Winter. Außer dem

unversöhnlichen Rocherl sagte es ihm Keiner, daß er allein die Schuld

an diesen Ereignissen sei, er selbst sagte es sich aber ununterbrochen,

erbarmungslos. Nun wollte die Barbel wissen, wo der Guido sei, er solle

zu ihr hineinkommen. Und dieses wunderbare Wesen -- während sie den

Vater davontrugen, während sie ihre Jugend, ihre Unschuld, ihr zartes

Glück davontrugen, hat sie ihm mit lieben, sanften Worten Mut und Trost

zugesprochen. Wenn man in diesen Schickungen sagen könne, jemand sei

Schuld, so sei es sie. Sie hätte die Gescheitere sein sollen, denn er

habe nicht gewußt, was er thue, nachdem, wie es einmal im Menschen

eingerichtet sei vom lieben Gott. Die Hoffnung habe sie wohl immer

gehabt, daß er sie nicht verlassen werde in der harten Zeit und wenn

er so wäre, wie man es manchmal von anderen höre, dann erst müßte man

verzagen. Das größte Leid hatten sie nun wohl überwunden, ein so

großes komme nicht mehr, und wenn’s auch in Armut und Kümmernis müsse

sein, alles sei ihr recht, nur ein wenig liebhaben solle er sie.

So hat sie zu ihm gesprochen und so hat er mir’s erzählt. Und mitten

in diesen heiligen Dingen fällt es mir ein, ganz abscheulich profan:

Jetzt, wenn sie nur schon da wären, die zwanzigtausend Kronen! Jetzt

wollte ich einmal Goldonkel spielen, daß schon all’ des Teufels wäre!

Freund, wie sie so tapfer stand -- es war dir ein wahres ~sursum

corda~! Ein urplötzliches Herzerheben in diesen Tagen der Trauer. --

Nun also haben wir sechs Männer ihn hinabgetragen über den steinigen

Weg. Mit Riemen war die Truhe auf dem Tragschragen festgebunden, und

doch wollte sie rutschend werden, weil der Schragen so schief getragen

werden mußte, den steilen Hang hinab. Hinter diesem Sarge ist ein

junger Bursche gegangen, mit roten Bändern am Hut und am Arm, ganz

hochzeitlich angethan. Der hat vor sich auf den Armen, wie man ein Kind

trägt, das winzige Trühlein getragen, das mit schneeweißer Leinwand

verhüllt war. Den Rocherl hatten sie anfangs auserlesen, das sonderbare

Schatzkästlein auf den Kirchhof zu tragen, der aber hat über diese

Zumutung einen grauenhaften Schrei gethan und ist in den Wald gelaufen,

so daß wir ihn beim Begräbnisse gar nicht gesehen haben. Hinter dem

hochzeitlichen Burschen siffelte die alte Marenzel drein, in der einen

dürren Hand den Stock, in der andern die Stalllterne. In der Laterne

Scheiben spiegelte sich so scharf die Morgensonne, daß das Kerzenlicht

darin erst wieder sichtbar ward in der schattigen Hohlschlucht.

Und dann folgten die vielen Beter und Beterinnen, von jedem Hause

mindestens eins, im ganzen Almgai. Die Hausmutter in ihrem dunkelblauen

Gewande, der Valentin in seinem Soldatenmantel und der kleine Franzel

in seinem grünverbrämten Steirerröcklein, waren mitten drinnen und

thaten wie alle anderen. Weil die Trauer eine allgemeine geworden, so

trugen sie scheinbar nicht schwerer, als die übrigen. Der Kulmbock

soll sonst bei derlei Vorbeter gewesen sein, jetzt als Abgeordneter

und Ordner hatte er mehr ans Reden zu denken, als ans Beten. So hat

der Schneider Setznagel einspringen müssen mit seinem singenden

Stimmlein. Ganz hinten am Zug trippelte der Michelmensch nach, der

doppelte. Die zwei alten Einlegerleutchen kommen stets herfür, wenn

es wo ein Totenschmäuslein giebt und haben sicher schon mehr Leute zu

Grabe geleitet, als ihrer noch lebendig umsteigen auf diesen steinigen

Bergen. Und zu allerhinterst lief einer nach, den sie wiederholt

zurückjagten und der immer wieder nachkam, um seinem Hausvater das

letzte Geleite zu geben. Der Pudel Bismarck. Als er jedoch endgültig

merkte, daß seine Teilnahme durchaus nicht beliebt ward, schlich er

mit eingezogenem Schweife zurück zum Adamshaus, stand dort vor der

stillgewordenen Thür und weinte laut.

Eine alte Nachbarin war daheim geblieben bei der Barbel und soll ihr

aus einem Gebetbuche den „Kreuzweg unseres Herrn und Erlösers Jesu

Christi“ vorgesprochen haben. Ob das Herz des armen Mädels auf diesem

Kreuzwege war, oder auf seinem eigenen ging --?

Als wir in die Kirche kamen, vor deren Thor die Leiche abgesetzt worden

war, lagen auf dem Altare als Trauerschmuck vom Beinhause her schon

die grinsenden Totenschädel; wer weiß, ob es nicht gerade die Voreltern

des Adam waren, die jetzt Ehrenwache hielten bei dem Traueramte. Die

Bänke waren voll Beter, wovon jeder ein Kerzenlicht vor sich stehen

hatte. Der Valentin stand ganz hinten im dunklen Turmgewölbe und

schaute auf das Kirchenthor hin, so oft es aufging.

Nach dem Amte haben wir den Adam an sein Grab getragen. Als wir ihn

mit zwei langen Riemen hinabrollen ließen, so daß der Sarg an der

knolligen Erdwand ein wenig dröhnte, da habe ich wohl doch horchen

müssen, ob denn niemand aufschluchzt. Die Glocken waren hell geworden,

der Geistliche betete sein Requiem und der Knabe schwang das Rauchfaß,

daß die blauen Wölklein aufstiegen in den Flieder des Raines. Die

Hausmutter ist dagestanden bewegungslos wie eine Säule und hat

unverwandt zum Christuskreuze hingeschaut. -- Der Lehrer, so muß ich

denken, wenn er nur jetzt bei +ihr+ ist....

Dann lehne ich die Leiter ins Grab und steige hinein, um den Sarg

zurecht zu rücken, daß mein Adam gut rasten kann. Hernach hebt der

hochzeitliche Bursche sein Trühlein herab, und wie ich das anfassen

will, um es neben dem Sarge des Vaters zu betten, unterbricht der Kurat

sein Gebet und fragt: „Es hat wohl die Taufe empfangen?“

„Mein Gott, freilich,“ berichtet die Marenzel.

„Natürlich, als es noch lebendig war?“ fragt er.

„Hochwürden Herr, lebendig ist es gar nie gewesen. Heißt das, es ist

schon so auf die Welt gekommen.“

„Dann gehört es nicht hierher,“ sagte der Kurat und sein sonst

gutmütiges Gesicht nahm einen peinlichen Ausdruck an. „Draußen vor der

Hecke ist der Anger. Ich will es gerne segnen, nur solltet ihr wissen,

daß die Erbsünde, die nicht durch die heilige Taufe gelöscht ist, in

geweihter Erde nichts zu suchen hat. Und in diesem Falle schon gar

nicht, leider Gottes!“

Als die Leute verstanden, der Kurat wolle das kleine Kindlein

ausweisen, entstand ein Aufruhr. Der Lehrer, der beim ganzen

Begräbnisse nicht zu sehen gewesen, jetzt war er auf einmal da. Dem

Burschen nahm er das Trühlein aus der Hand und sagte ziemlich laut: „Es

ist mein. Ich will es im Garten begraben und darüber eine Tafel setzen:

Hier ruht eine Erbsünde, die nicht durch Christi Blut erlöst worden

ist.“

Na du, da ist’s mir merkwürdig kalt über den Rücken gelaufen, wie

er das gesagt hat. Die Leute halten ihren Atem ein. Was wird jetzt

geschehen? -- Der Kurat schaut wehmütig drein, schüttelt den Kopf und

sagt dann zum Burschen: „Thue es hinab.“

Und nichts weiter.

Wir haben es zu Füßen des Großvaters gestellt und dann Erdsegen darauf

geworfen mit der Schaufel.

Wie das vorbei ist, drängt sich zwischen den Leuten, mit dem Ellbogen

sachte eine Gasse bohrend, der Gleimerbauer mit seinem Weibe hervor,

sie stellen sich ans Grab und heben an zu singen. Er mit rauh

röchelnder Stimme, sie mit grellem Diskant, in der Melodie gleichmäßig

beide steigend und fallend, als ob es eine einzige Stimme wäre, aber

geteilt in einen dicken Strick und einen dünnen Faden. Stadtleute,

wenn ihrer dagewesen wären, würden sich die Zunge wund gebissen, oder

ganz ungezogen aufgebrüllt haben. Mir ist nicht ums Lachen gewesen,

dieses schlechte Singen voller Gläubigkeit und Innigkeit ist mir nicht

bloß durch Mark und Bein, ist mir auch ins Herz gegangen. Besonders

als schließlich die ganze Gemeinde mit einstimmte zu einem feierlichen

Trauerchore. Die Melodie, ein getragenes Moll, so war mir, mußte ich

schon gehört haben in längst vergangenen Tagen, vielleicht zur Zeit der

Nibelungen, vielleicht bei einem Odinsfeste unter germanischen Eichen.

Den Text hatte seither das Christentum dazugegeben und die Wehmut

der neue Mensch. Die Worte kann ich dir mitteilen, aber sie haben

keine Seele, wenn diese Töne des zum Himmel gehobenen Weinens, des

heldenhaften Hoffens fehlen.

Am Grabe meines Adams haben sie seiner Seele also nachgesungen.

„Fahr hin, o Seel, zu deinem Gott,

Der dich aus nichts gestaltet,

Der dich erlöst durch seinen Tod,

Den Himmel offen haltet.

Fahr hin zu dem, der in der Tauf’

Die Unschuld dir gegeben,

Er nehme dich barmherzig auf

In jenes bessere Leben.“ --

Und zum Abschiede:

„Wenn durch des letzten Tages Flamm’

Die Welt zu Grund’ wird gehen,

So bitte Gott, daß wir beisamm’

Zu seiner Rechten stehen.“

Kannst du dir vorstellen, daß diese Menschen, die unsere Zeitgenossen

des ~fin de siècle~ sind, fest an die Auferstehung von den Toten

glauben? Was sage ich, glauben! Überzeugt sind sie davon. Durchaus

selbstverständlich ist es ihnen, so sicher und natürlich, wie daß auf

die Nacht der Tag folgt. So über alles Wort sicher ist es ihnen, daß

die Toten, die sie auf ihrem Friedhofe bestatten, und sie selbst mit

ihnen, am jüngsten Tage, von der Engel Posaunenruf geweckt, auferstehen

werden. Auferstehen mit ihrem irdischen Leibe und in dem Gewande, mit

dem sie ins Grab gelegt worden, aus der Erde hervorsteigen, lebendig,

die alte Seele mit demselben verjüngten Körper vereint zum ewigen

Leben. -- Und sie, die das alles wissen, sind es doch selber, die nach

so und so viel Jahren die alten Gräber öffnen, die Gebeine zerstreuen,

der Natur unmittelbar zuschauen bei ihrem gründlichen Zerstören,

Umwandeln und Erneuern. -- Sie setzen zu den bekannten Naturkräften nur

noch die Allmacht und sind im Reinen.

Ist das nicht schauerlich groß? Hat die Phantasie, geschweige die

Vernunft, für unser lebendurstiges Herz je etwas ähnlich Aufrichtendes

geschaffen? Darum hörst du sie auch nicht in Verzweiflung schreien

an ihren dunklen Gräbern, siehst sie nicht unter der Überwucht des

Schmerzes ohnmächtig zusammensinken, die Hinterbliebenen. Nach einer

kleinen Weile ist ja das Wiedersehn, das bessere Leben da. -- „Vom

Baume kam der Tod, vom Kreuze das Leben.“ Dieser Spruch steht über dem

Eingange des Kirchhofes zu Hoisendorf. --

Übrigens hatte ich nicht lange Zeit, solchen Gedanken nachzuhängen.

Schon während des Schaufelns fiel mir auf, daß zwischen den Hecken des

Kirchhofszaunes etwas funkelte. Ein ganz unheimliches Funkeln. Mein

Valentin steht unter dem Flieder und schaut hinab in die Grube, die

sich über dem weißen Sarge immer mehr mit Erde füllt.

Nach der Bestattung stieg der Kulmbock auf einen Betschemel, erhob die

Stimme und hielt folgende Anrede:

„Dieweil wir jetzo unsern christlichen Mitbruder zur Erden gebracht

haben, sage ich im Namen seiner Hinterbliebenen allen Anwesenden ein

Vergelt’sgott, daß sie mitgegangen sind und für die arme Seele gebetet

haben. Und wer Lust hat, laßt die Familie sagen, der soll sich jetzo

zum Kirchenwirt begeben auf ein einfaches Totenmahl, auf daß die Trauer

in Freude verwandelt werde. Gelobt sei Jesus Christus.“

„Reden kann er!“ nickten sich die Leute zu. „Gut kann er reden. Und

heut’ schon gar, daß er so viel schön geredet hat. Eigens was er

zuletzt gesagt hat.“

Ich habe von den Freuden, in welche die Trauer verwandelt werden

sollte, nicht viel wahrgenommen. Wie die Leute sich jetzt verlaufen,

treten zum Kirchhofsthore rasch zwei Gendarmen herein. Der Valentin

sieht sie, stößt einen heiseren Schrei aus, will nach rechts, will nach

links davon, thut’s aber nicht, sondern springt hinab in das noch halb

offene Grab. Tiefer möchte er sich hineinwühlen mit beiden Händen in

die lockere Erde, um den Häschern zu entkommen, die ihn in die Kaserne

schleppen wollen, ins Stockhaus und wer weiß zu was noch Schlimmerem.

Zusammengekauert in der Grube rang er die Hände zu uns herauf: „Erden,

Erden auf mich, daß sie mich nit finden!“ -- Aber sie standen schon

da und begrenzten den Grabrand mit ihren Bajonetten. Der Lehrer und

ich haben keine geringe Mühe gehabt, den wahnwitzigen Burschen aus

dem Grabe herauszubringen. Einer der Gendarmen machte eine schrecklich

wilde Miene und rief: „Na wird’s? Vorwärts jetzt, marsch!“ Aber der

harsche Ton dieses Kommandos mißlang, er fiel zu unsicher, zu biegsam

aus, so daß der Mann sich weiter keine Mühe gab, sondern gutmütig

beisetzte: „Seien sie nicht kindisch, Weiler!“

Er hat sich dann ohne weiteres ergeben. Seine Mutter und der Franzel

sind starr dagestanden vor Schreck.

Sage ich zu den Gendarmen: „Die Herren werden doch etwas Mittag halten

wollen, im Wirtshaus.“

Damit waren sie einverstanden.

Während die Leute das Totenmahl, Brot und Apfelwein, sich munden

ließen, wobei die Einen in eine rührselige, die Anderen in eine

übermütige Stimmung gerieten, saßen die Landwächter in der Nebenstube

am wohlbesetzten Tisch und der Valentin mit den kreuzweise

geschlossenen Armen lehnte daneben in der Wandecke und starrte stumpf

vor sich hin. Wir hofften insgeheim noch etwas vom Weine, der in

einer Maßflasche vor die ausübende Nemesis gestellt worden war, doch

diese verhielt sich sehr gemessen und schnob bisweilen nur so in den

Schnurrbart. Der Kulmbock, der Lehrer und ich waren dieweilen nicht

müßig. Im Schulhause setzten wir eine Art von Protokoll und Bittschrift

auf mit dem Hauptgutachten, der Valentin Weiler habe nach allem

Ermessen nicht die Absicht gehabt zu desertieren, nur die Kindesliebe

habe ihm einen Streich gespielt, und hätte er mehreren Personen die

bestimmte Absicht geäußert, nach dem Leichenbegängnisse des Vaters

sofort wieder einzurücken. Die schwergeprüfte Familie, sowie die ganze

Gemeinde bitte um Gnade, daß ihm der unbedachte Schritt nachgesehen

werden möchte. -- Diese Einschläge des Kulmbock waren nicht übel,

obschon ich in der Diktion gerne eine militärischere Form gehabt hätte.

Zuletzt kamen wir darin überein, daß der Valentin in die Kaserne

zurückgekehrt, schnurgerade und stramm vor seinen Obersten hintreten

und gehorsamst um seine Strafe bitten solle.

Dann nach dem Mahle, als sie aufstanden und ihn wie einen gebändigten

Missethäter davon führen wollten, brach das Mutterherz los. Aber nicht

in weibischen Klagen, die gehen meiner Hausmutter nicht von statten,

vielmehr in einem zornigen Aufbäumen gegen die höllische Art, ein

armes gutes Kind vom Vatersgrab hinwegzutreiben wie einen Dieb und

Brandstifter. Und wenn der Soldat nicht einmal mehr so viel Mensch sein

dürfe, daß er die Eltern heimsucht in der Todesstund’, nachher sei es

nicht der Mühe wert, daß der Mensch ein Heimatland habe, nachher solle

gleich der Russe kommen und alles miteinander in die Luft sprengen!

Scharf hat sie gesprochen, meine Hausmutter und geschadet hat’s nichts.

Sagte einer der Gendarmen leise zum andern: „Mir scheint, seine

Handeisen thun der Alten so weh. Ich glaube wirklich, wir könnten ihm

die Hände frei geben.“

Und der Andere: „Wenn du’s wagen willst! Ich halte mich an die

Ordonnanz.“

„Dann ich auch.“

„Ihr Herren,“ sage ich zu ihnen, „eine Wette, ihr habt auch Vater und

Mutter gehabt.“

„Von uns soll ihm nichts Böses geschehen,“ antwortet der Eine.

Menschlich sind sie zwar mit ihm umgegangen, aber entfesselt haben sie

ihn nicht. Als der Valentin so, in gebundener Marschroute, an einer

Gruppe von Bauernburschen vorüberkam, die betroffen dastanden, rief er

hell aus: „Lebt wohl! Für mich ist die Kugel schon gegossen! Juchuchu!“

Das hat die Mutter stumm gemacht. Dieses Jauchzen hat sie stumm

gemacht. Stumm und totenblaß.

Von den Landwächtern und ihrem Gefangenen ist bald nichts mehr zu sehen

gewesen, als das letzte Funkeln der Spieße zwischen den Bäumen her, die

am Hohlwege stehen.

* * * * *

+Nachschrift.+ Es wird gut sein, Freund, wenn du diese meine

Briefe der letzten Monate ganz wegthust. Falls ich noch einmal

zurückkehre in die gebildete Welt, würden sie mich dort unmöglich

machen. Diese Parteilichkeit für Arbeit und arme Leute! Diese

Lobpreisung des Gottesglaubens! Diese Voranstellung des Menschen auf

Kosten des Soldaten. -- Es ist unglaublich, wie schnell man verbauert!

[Illustration]

Am achtunddreißigsten Sonntage.

Im Adamshause geht es, als ob es nie anders gegangen wäre. Und wie

anders war es noch vor wenigen Wochen! Schon dazumal glaubten wir

schwer zu tragen, und war doch eine wahre Glückszeit, im Vergleich zu

heute. Prächtig stand das Korn auf den Feldern, die Barbel pflegte in

seliger Erwartung den Hausgarten, der Vater arbeitete arglos auf der

Wiese, der Valentin hoffte auf Urlaub zu kommen und der Rocherl ging

noch im Hofe herum. Heute ist das Korn und der Adam tief in die Erde

geschlagen. Die Barbel liegt in der Kammer, der Valentin sitzt im

Stockhaus. Der Rocherl ist fort.

Und wenn nun Tage kämen, im Vergleich zu denen +diese+ Gegenwart

noch eine Glückszeit wäre! Was mag der harte Herrgott noch alles in

seinem Zeughause haben! Manchmal möchte man ihm schon den ganzen

Krempel vor die Füße werfen: Foppe du andere Leut’ mit deiner schönen

Welt! -- Die Hausmutter zeigt diesem Herrgott manchmal die Zähne, dann

kniet sie doch wieder demütig hin und betet: Dein Wille geschehe!

Der Rocherl ist in Verlust geraten. Seit dem Begräbnistage, als man ihm

zugemutet, jenes Trühlein zu tragen, ist er nicht mehr gesehen worden

im Almgai. Nichts hat er mitgenommen, als was er am Leibe trug, und die

alte Flinte. Bei den Almhütten oben soll er einmal gewahrt worden sein

und später in einer Kohlenbrennerhöhle ganz hinten im Waldthale. Der

Jäger Konrad heißt es, spähe ihm nach. Natürlich, wenn er die Flinte

mithat! Der Rocherl soll aber gesagt haben, er wisse sich andere Böcke,

die den Jäger nichts angingen! -- Man weiß nicht, wie solche Reden

zu verstehen sind. O Gott, +wenn+ man’s nur nicht wüßte! Dieses

verhängnisvolle Lieben und Hassen an unrechter Stelle! Es müssen ihm

rein die Sinne verwirrt worden sein. Man sollte ihn nicht aus den Augen

lassen, meint der Konrad.

„Willst du damit was sagen, Jäger?“

Der zuckt die Achseln. Nicht aus den Augen lassen! Dagegen hat der

Junge gründlich gesorgt.

Magst du es glauben, Philosoph, daß man im Almgai überall wieder Korn

ausgestreut hat? Und jetzt im Herbst! Man kann nämlich auch im Herbst

säen, das „Winterkorn“. Es grünt noch vor dem Schnee, dann scheint

es in den langen Frost- und Eismonaten ganz und gar zu verkommen, im

Frühjahr aber sprießt es frisch und kräftig hervor, reift fast zugleich

mit der Frühjahrssaat und bringt wertvollere Frucht, als diese. „Wer

im Herbste über das Kornfeld tritt, dem geht der Bauer mit einem Stück

Brot nach, wer’s im Frühjahr thut, dem geht der Bauer mit dem Stecken

nach.“ Dieses Sprüchwort deutet die Art des Wachstums an. Im Herbste

wächst die Wurzel erdwärts, im Frühjahr der Keim himmelwärts. -- Aber

Freund, ich bewundere nur eins, nämlich, daß sie die Zuversicht nicht

verlieren, trotz Wetterschläge und Mißernten immer wieder zu säen. Es

kann alles wieder hin sein, was an Zeit, Arbeit und Samen hier geopfert

wird -- und sie thun es doch, und es kommt doch der Lohn, der für

alles entschädigt, denn der Segen der Erde ist stärker, als der Fluch

des Himmels.

Für uns giebt es jetzt weiter nichts dabei zu thun.

Die Hausmutter und ich arbeiten auf dem Kartoffelfeld vom Morgen bis

zum Abend. Ganz allein sind wir bei diesem Ernten und hoffen vor dem

ersten Schnee leicht fertig zu werden. Das Kartoffelgraben ist eine

der wenigen Arbeiten, die ich nicht erst mühsam erlernen mußte. Oder

ist jetzt keine Zeit mehr zu lernen? Die wenigen Knollen, die ich

anfangs mit der Haue angehackt, haben mir so wehe gethan, als wären es

meine bluteigenen Zehen gewesen. Am Abend laden wir die Säcke auf den

Schubkarren und ziehen sie gemeinsam in den Hof. Dabei schweigen wir

nebeneinander her. Mich verlangt’s manchmal zu sprechen über das, was

uns widerfahren ist, sie thut nicht mit. Von den Kartoffeln spricht

sie und von dem Herbstklee, von den Maulwürfen -- und kein Wort von

dem Jammer, der so schwer auf uns lastet. Am tiefsten scheint ihr

das mit dem Rocherl zu gehen, denn einmal, mitten im Graben, hat sie

aufgeschrieen: „Den Haustiel sollt’ man abschlagen über seinem Buckel!

So blitzdumm! So sumpflackenschlecht! Durchgehen! Ein solches Elend und

durchgehen!“

„Ich will am nächsten Sonntag wieder suchen gehen!“

Auf dieses mein Wort ruft sie aus: „Fremde Leut’ müssen einem helfen!

Daß einem die eigenen Kinder so viel Kummer mögen anthun! Alle!

Eins, wie alle! Schad’, daß der Franzel nit auch schon groß ist. Bin

begierig, was der wird anstellen!“ -- Dabei lacht sie grell auf. --

Ja, Freund Alfred, lustig ist’s bei uns! -- Der Lehrer läßt sich auch

wieder nicht sehen.

So kann’s aber nicht fortgehen. Ich zermartere mir den Kopf, was jetzt

zu machen ist. -- Fromme Leute lehrt die Not beten, mich lehrt sie

rechnen. Da habe ich vor einigen Tagen einem bekannten Advokaten in

die Stadt geschrieben, ihm den Sachverhalt meiner Wette mitgeteilt

und ihn gefragt, was zu thun ist, um der Sache auch ganz sicher zu

sein. Die großartig poetischen Anwandlungen sind in dieser heißen Zeit

gründlich versengt worden. Auf mein Geld verzichte ich +nicht+. Es

giebt zu gute Verwendung dafür. Alles kann man mit Geld freilich nicht

machen, besonders, wenn man keins hat. Hat man’s und versteht man’s,

dann ist es wohl doch ein Zauber! Und dann soll auf dem Adamshause

der richtige Tyrann herrschen! Die zwei Leute müssen heiraten, der

Rocherl muß heim, der Franzel muß an den Pflug und den Soldaten müssen

wir auch ledig kriegen. Mit Geld geht alles, und warum soll nicht

auch ich meine noblen Passionen haben! Wenn der Baron Wieselwang

jährlich seine zwanzigtausend Kronen für Jagdvergnügen ausgiebt, so

kann der Trautendorffer, dessen Vorfahren wahrscheinlich zur Zeit der

Hohenstaufen Wegelagerer gewesen, auch etwas auf ein Amüsement sehen.

Mir macht’s gerade einmal Spaß, diese Adamsleute wieder auf die Füße

zu stellen. Ich will just einmal einen alten Bauernhof aufstiften, zur

Zeit, wo es Mode ist, die Bauernhöfe abzustiften. Ist’s ein Unsinn, so

sehe ich nicht ein, weshalb gerade ich mit meinem Gelde keinen Unsinn

machen soll. Ich kannte einmal einen feinen Herrn, der zwei viertel

Millionen darauf verwendet hat, sich und seine Familie zu Grunde zu

richten mit Spiel und Sport und Weibern. So kostspielig sind meine

Passionen nicht. Freilich auch nicht so nobel.

Nun, einstweilen heißt es mit der Hände Arbeit wacker nachhelfen. Und

da glaube ich gestern kein schlechtes Stück geleistet zu haben. Nicht

beim Kartoffelgraben. Ein besseres. Ich erzähle dir.

Kam da ein fremdes Männlein ins Haus, halb Bauer, halb Herr und halb

etwas anderes. Eine spottschlechte Figur mit Höcker, krummen Beinen

und einer Glatze von vorn bis hinten. Sonst anmutig. Zuthunliches

Rundgesicht, gut rasiert, voller Teilnahme über und über wegen der so

schweren Unglücksfälle, die das Haus betroffen. Wohl auch er hätte

ein ungeheuer schlechtes Jahr gehabt. Dem Bauer wäre wenigstens der

Erdboden geblieben, auf dem wieder etwas wachsen könne. Ihm habe das

böse Wetter, das die Feldfrüchte erschlug, alles erschlagen. Und

deswegen werde die christliche Adamshauserin ein Einsehen haben und ihm

von dem blutigen Angelde, das er für das Getreide gegeben, wenigstens

einen Teil wieder zurückerstatten. Es müsse ja nicht gleich sein, aus

Nächstenliebe wolle er zuwarten, ja er sei -- weil ein Mensch den

andern nicht verlassen dürfe -- bereit, ein Übriges zu thun. Sollte

sie, die gute Adamshauserin jetzt etwa in Geldnöten sein? Nach solchen

Unglücksfällen wäre es ja wohl kein Wunder. Zwei, dreihundert Gulden?

Sie dürfe es nur sagen. Ohne Zinsen! Und mit dem Zurückzahlen werde er

sie nicht drängen, das sei nicht seine Sache, aus dem Unglücke anderer

Vorteil zu ziehen. Sollte es ihr binnen fünf Jahren nicht leicht

werden, das Geld zurückzugeben, so würde er gerne eine andere Deckung

annehmen, etwa das Wäldchen unten am Raine bis zum Felswändel hin --

und erbitte sich hierüber bloß eine Unterschrift -- der Ordnung halber.

Das Angeld fürs Getreide wolle er dann auch durchgehen lassen, in

Gottesnamen.

Ich konnte kaum erwarten, bis der Schelm ausgeredet hatte. Nun trete

ich vor: „Liebwerter Herr! Was der Wald vom Rain hinüber bis zum

Felswändel ausmacht, das wären auf Ihr gütiges Anerbieten in fünf

Jahren zu dem Kapital etwa zweihundert Prozent Zinsen.“

„Sind Sie Hausherr?“ fragt er mich süßlich.

„Nein, bloß Hausknecht!“ sage ich, packe ihn am Arm, führe ihn zur Thür

hinaus, weit über den Anger hinab bis zum Bretterzaun und werfe ihn

darüber hinweg.

Nach diesem Tagewerk habe ich meinen Samstagfeierabend gemacht und mir

die Nachtmahlsuppe schmecken lassen. Verdient, glaube ich, war sie. --

Und jetzt eine andere Idylle. Kam vor etlichen Tagen ein Holzarbeiter

aus den Waldgräben zu uns ins Haus gesprungen und er wolle gar

Branntwein haben! -- Die Hausmutter erkennt ihn als den Toifel, einen

halbblöden, berüchtigten Gewaltmenschen, und antwortet ganz gütig:

„Lichtenberger, wie er vom Brunnenrohr herausrinnt, oder eine Schüssel

Milch. Anderen Trunk giebt es halt nicht bei uns.“

„Ich muß Branntwein haben!“ knurrt er, kauert sich in den Wandwinkel

und schnaubt wie ein Eber. Wir kennen uns nicht aus, hat ihn aber keins

gefragt, was ihm ist. Seine Augen sind gerade wie zwei schiefe Hacken,

mit denen er uns anscheinend am liebsten zerrissen hätte. Bald darauf

kommt der Knecht vom Gleimer und ob wir die Neuigkeit schon wüßten? Der

alte Michelmensch wäre erstochen!

„Der Doppelte?“ fragen wir.

„Nein, sie lebt noch. Er liegt in der Totenkammer.“

„Lügen thust!“ schreit der Toifel von seinem Winkel her. „Gestochen

hab’ ich, aber nit grob.“

„Er liegt in der Totenkammer!“ wiederholt der Gleimerknecht.

Darauf hebt der Toifel an zu brüllen wie ein Stier. Dann kniet er

vor mir nieder: „Bitt’ dich gar schön, mein Adam, wenn du mir schon

keinen Branntwein giebst, so thu’ mich halt binden und stell’ mich zum

Gericht. Jesses, Jesses, jetzt hab’ ich den alten Michel umgebracht!“

„Aber warum? Warum? Mensch, warum?“

Das weiß er nicht. Am Hüttbauernhaus sei er vorübergegangen, seine

Holzknechtkraxe auf dem Buckel. Da sei ihm jäh der alte Einleger mitten

im Weg gestanden. Steh auf die Seiten, Michel! habe er ihm zugerufen.

Der Alte hätte sich nicht gerührt, hätte trutzig gesagt: Steh du auf

die Seiten! Darauf habe ihn der Toifel noch einmal gefragt: Wird’s? Und

der Michel habe gesagt: Na. -- Ist gut, so räum’ ich mir selber den

Weg! Darauf der Toifel und stößt dem Alten das Messer in den Leib. Au!

lacht der Michel, so viel kitzeln thust mich! kauert sich zusammen,

fällt um und ist tot. -- Auch der Knecht hat es so bestätigt.

Noch in derselben Nacht haben wir das Ungeheuer nach Kailing geführt

zum Gericht. Als wir in Hoisendorf an der Totenkammer vorbeikommen,

wo am Fenster ein Lichtschein flimmert, sagt der Gleimerknecht zum

Toifel: „Willst hineinschauen beim Fenster, was der Michel macht?“ Der

Toifel hastet weiter. Nur einmal, bei der hohen Brücke unten steht er

still, thut einen Seufzer und sagt zu uns: „Die Herren draußen werden

Umständ’ machen. Laßt’s mich hinab da ins Wasser.“

Auf dem Heimweg haben wir den Toten angesehen. Sein Weib, nun schon gar

ein altes Mütterlein, ist emsig beschäftigt, mit einem Waschlappen die

Blutkrusten von der Brust zu waschen, von der schneeweißen Brust. So

gleichgültig, als ob sie ein Kleidungsstück reinigte für den Sonntag.

An der linken Seite die klaffende Wunde, wie absichtlich ins Herz

gezielt. -- „Ungeschickt, ungeschickt Kind!“ sagt die Alte vor sich

hin, „noch ein rechtes Glück, daß nicht +mehr+ geschehen ist!“

„Was meint sie denn?“ frage ich den Gleimerknecht. Der hat mir

folgendes gesagt. Die Alte hätte in früheren Jahren einen Sohn verloren

und sich immer eingebildet, er wäre noch am Leben und würde eines Tages

wiederkommen. Und jetzt hielte sie den Toifel aus den Wäldern für ihren

Sohn, der herfürgegangen sei, um den Vater zu herzen. Zu herzen! --

So ist sie irrsinnig geworden, die arme Alte. Und wohlgemut geblieben.

Verstehst du solche Sachen, Philosoph? Ich nicht. Es müßte denn sein,

daß wir betrübte Adamshauserleute in diesem Ereignisse ein Gegenbild

sehen sollen. Ein größeres Unglück -- und doch wohlgemut.

Wie mir um den Rocherl bange ist, das kann ich dir nicht sagen.

Am neununddreißigsten Sonntage.

Die Tage gleiten träge dahin in ihrem Geleise. In dieser Woche hat der

Schneider Setznagel mit seinem Lehrling im Hause gearbeitet. Doch ist

eigentlich niemand vorhanden, dem der Meister was anmessen könnte. Der

Franzel ist noch da, der sein Wintergewand bekommt. Meine Leute haben

den selbstgemachten Schafwollloden verkaufen und Baumwollzeug dafür

kaufen wollen, weil das letztere billiger ist und als „Stadtgewandel“

besser paßt, falls der Knabe in die Studie kommt. Mein Rat hingegen

war: Ein Bauernbübel und ein Lodenjöppel!

„Wirst recht haben, Hansel,“ sagte drauf die Hausmutter, dieweilen sie

für den Schneider Zwirn abhaspelte, „ich weiß mir nimmer aus, thu’ wie

du willst.“

Thu’ wie du willst? Bin ich denn wirklich in Ehr’ und Willen eingesetzt

auf diesem Hofe? Und wenn ja, kann ich’s verantworten, wenn der Knabe

auf meinen Rat hin festgehalten wird in dieser elenden Berghütte,

während anderwärts in der weiten Welt bessere Lose seiner warten

können? -- O Freund, mein Vertrauen zu diesem ehrwürdigen Stand hebt an

zu sinken, wie das Barometer im Sturm.

Als der Schneidermeister ans Anmessen ging, machte er bei mir halt und

fragte die Hausmutter: „Kriegt der Knecht auch was?“

„Freilich wohl,“ antwortete sie, „der kriegt ein ganzes Jahresgewand.

Vom braunen oder grauen Loden, wie er will.“

„Mutter,“ gebe ich drauf, „an Gewand fehlt’s mir noch gar nicht, leicht

komme ich aus übers Jahr mit dem, was ich habe.“

„Gewand willst nit und Geld hab’ ich nit,“ sagte sie verdrießlich.

Jetzt bin ich doch nahe hingetreten zu ihr, so nahe, daß die

Haspelflügeln mir den Wind ins Gesicht gefächelt haben: „Muß es ja

schon etlichemal gesagt haben, Hausmutter, daß Ihr mir nichts schuldig

seid. Daß der Herrgott mich eigentlich nicht zu einem Bauernknecht

geschnitzt hat, werdet Ihr wohl schon lange bemerkt haben. Dazu ist der

Holzklotz nicht hart genug gewesen. Verwunschener Prinz bin ich auch

keiner. Rein aus Gesundheitsgründen bin ich in die Bergluft gegangen.

Wohl, wohl, Mutter, rein aus Gesundheitsgründen! Weil die körperliche

Arbeit und das Schwitzen so gesund ist. Bin auch kernfrisch geworden,

da heroben bei Euch, und dafür werde ich mich noch lohnen lassen! Bin

ich Euch was nutz, so bleibe ich gern noch ein Eichtel da. Nachher im

Winter vielleicht, bis ihr alle wieder auf gleich gekommen seid, werde

ich halt wieder zum Wanderstecken greifen.“

„So“ rief sie und ließ den Haspel stehen. „Na, gute Nacht! Wenn

der Knecht auch fortgeht, nachher können wir das Vieh beim Schweif

aufhängen und uns lebendigerweis eingraben lassen. Na, ich sag’s, viel

dicker kann’s schon nit mehr kommen.“

„Also kriegt noch wer was, oder nit?“ stach der Schneidermeister mit

seinem spitzen Stimmlein dazwischen. Mit seinem Maßfaden stand er da,

in kühnster Bereitschaft, mir Beine, Bauch und Buckel zu messen. Hier

auf der Bauernschaft ist der Schneider nicht zum Spotte, wahrlich

nicht! Vielmehr zur Furcht und Angst ist er! Das Haus beherrscht

er, sein besonderes Essen begehrt er, wie sein Nachtbett gebaut und

geschichtet werden muß, schreibt er vor. Wenn die Stubenwärme um ein

Scheit zu niedrig ist (zu hoch ist sie ihm nie), dann hebt er an,

heftig den Faden zu reißen, und giebt der Bäuerin Schuld, wenn der

Zwirn entzwei geht; hebt an, die Lodenstücke hin und herzuschleudern,

in weitem Bogen auszuspucken und die Bäuerin kann sich freuen! Wenn er

zur Nachbarschaft kommt, wird er ihr ein kurioses Loblied singen.

Und weil sonst niemand was kriegt, so beginnt mein kleiner Meister

Setznagel mit den Augen ganz schrecklich umherzublitzen, bis er

-- auf den Zuschnitt für den kleinen Franzel weisend -- in die

Worte ausbricht: „Und wegen dem Kletzen da sind wir auf den Berg

heraufgefoppt worden?!“

„Mein Gott,“ lacht die Hausmutter bitterlich auf, „was kann denn ich

dafür, wenn die Leut’ wegsterben, mit den Schandarmen fortgeführt

werden und selber davonlaufen?“

„Kann ich dafür?“ begehrt der Schneider auf.

Jetzt packt mich der Unmut. Mit der Faust nagle ich’s auf die

Tischecke: „Was giebt’s da zu greinen! Ihr macht, Schneider, was zu

machen ist, und paßt’s Euch nicht, so geht es leichter thalwärts als

bergwärts. Versteht Ihr mich leidlich?“

Damit bin ich schön angekommen. Der Schneider verstand sehr gut,

erschrak aber durchaus nicht. Er ging ruhig zur Bank, wo die Hausmutter

saß, und forderte sein Geld. Sie sind dem Ungeheuer schon seit Jahr

und Tag den Sterlohn schuldig. Jetzt ist es an mir, in den Sack zu

greifen und den Rest meines Sparpfennigs hervorzuthun. Knapp reicht es

zur Sühne des beleidigten Schneiders. Dann hat er sein Zeug und seinen

Lehrbuben zusammengepackt und ist davon. Die zugeschnittenen Hosenteile

für den Franzel liegen auf dem Tisch. Wenn sie mit Eisennägeln

zusammengenagelt werden könnten, da wüßte der ehemalige Grobschmied

vielleicht Rat. Die Nadel geht über meine Kraft. -- Und so fange ich

an, in diesem Hause Ungutes zu stiften. Aber wer hätte gedacht, daß

auch der kleine Schneider sich mit dem großen Schicksal verbindet.

Es erschien demnach hoch an der Zeit, daß heute vom Rechtsanwalt ein

Schreiben kam. Allerdings eins, das schlechter war als keins. Meine

Angelegenheit mit dem Herrn Stein von Stein -- schreibt der Mann --

wäre eine etwas faule Sache. Ich würde gut thun, mir bei Zeiten eine

verläßliche Zeugenschaft zu sichern, denn der Wettgegner scheine ein

geriebener Herr zu sein und nicht gesonnen, einer „hirnverbrannten

Marotte Rechnung zu tragen“. Ich solle mich -- rät der Advokat -- aber

ja nicht etwa auf die Socken machen nach der Stadt, um meine Sache zu

betreiben. Den Bauernhof verlassend, wäre mein Recht formell verfallen.

Keine Stunde dürfe fehlen an dem Bauernjahre. --

Da hätten wir es ja. Das kann eine saubere Geschichte werden. In

sommerlicher Hochstimmung war mir die Sache schon gleichgültig

gewesen; jetzt mit der sinkenden Sonne des Jahres kommt die Geldgier

und die Rechthaberei. Auf die Wette verzichte ich nicht! -- Sofort

schrieb ich dem Rechtsfreunde zurück, alles aufzubieten, daß die Zeugen

zu stande kommen, daß sie fest bleiben und daß nötigenfalls der Gegner

auf einen Eid getrieben werde. Aber es wird sich vor Ablauf der Frist

nichts machen lassen. Wir haben noch ein Vierteljahr.

So kriecht der Teufel allmählich auch deinen Bauernknecht an, den

du, mein Alfred, immer so tapfer aufrecht erhalten hast. Deine

philosophischen Zusprüche haben stets gute Dienste geleistet, aber von

jetzt ab wäre ihm, offen gestanden, Bargeld lieber.

[Illustration]

Am vierzigsten Sonntage.

Meine Sonntagsbriefe fingen an, dir sehr weh zu thun, schreibst du.

Siehe, das freut mich. Ich wünsche dir kein anderes Leid, als das

Mitleid. Daß du mit uns Mitleid hast, das thut mir wohl.

Die heutigen Mitteilungen werden auch gerade keine Frohbotschaften

sein, obschon der Herbsthimmel über uns sonnig blau ist und aus der

Erde ein frisches Frühjahrsgrün sprießt. -- Dieser junge dumme Mensch?

Er bleibt verschollen. Wir vermuteten schon, daß er nach Laibach

gereist sein könnte, um seinen Bruder von der Strafe loszubitten. Wenn

es sein könnte, er würde selber für den Valentin einspringen; es ist

eine verzehrende Leidenschaft in seiner Liebe, wie in seinem Hasse. Der

Soldat hat übrigens einen Brief geschrieben, bei dem die Hausmutter

vor Freude in die Hände geklatscht hat, wie ein alter Drescher auf

dem Tanzboden. In Berücksichtigung der besonderen Umstände, die wir

dem Herrn Obersten bittweise auseinander gesetzt hatten, habe es mit

achtundvierzig Stunden Stockhaus sein Bewenden gehabt. Diesen Obersten

-- und wäre sein Schnurrbart noch so struppig -- möchte ich dir

abküssen, wie ein Kirchweihtanzmädel!

Apropos, Mädel! Mein Mädel! Das heißt unseres! Das heißt, seines, des

Lehrers Mädel! Es ist aus dem Bette, aus der Kammer. Es zieht bereits

Rüben aus der Erde und hat sogar schon wieder einmal gelacht. Am

vorigen Mittwoch, als wir abends um den Herd herumsitzen und von den

eingebrachten Rüben das Kraut wegschneiden, zündet die Barbel den

Leuchtspan an. Dabei fällt ihr ein Fünklein aus die Hand. „Auwehtschl!“

ruft sie aus und thut ein helles Lachen. Es war um sechs Uhr zwanzig

Minuten. Wie Osterglockenklingen ist es durchs ganze Haus gegangen,

dieses Lachen. Groß gewundert hätte es mich nicht, wenn der Adam

davon wach geworden wäre in seinem tiefen Bette. -- Wenn er dazumal

dieses Lachen von ihr hätte hören können, er würde freilich heute noch

leben. Sogar dem dummen Jungen wollte ich es gewünscht haben. Dieses

Menschenlerchengetriller möchte doch wohl imstande sein, ihn wieder

herbeizulocken zum heimatlichen Herde. Was hat er’s not, mit der Flinte

in den Wäldern umzustreichen, wenn daheim die Barbel lacht? -- Und

warum hat sie gelacht? Weil ihr der heiße Funke ans Fleisch flog. Die

muß ein kurioses Feuer ausgestanden haben, wenn sie ein Leuchtspanfunke

bloß lachen macht!

Noch in der Nacht bin ich hinabgegangen ins Schulhaus und habe ans

Fenster getrommelt.

„Was ist denn los?“ ruft der Guido schlaftrunken.

„Die Barbel hat gelacht!“

Da ist er aufgestanden, hat mich hineingelassen und haben uns zum

Kerzenlicht gesetzt an den Tisch. Dann sage ich: „Will man die

Weibsbilder schon nicht freien, wenn sie weinen, so muß man sie freien,

wenn sie lachen.“

„Nun ja,“ antwortet er, „bestimmen wir gleich den Tag. Alles andere ist

schon in Ordnung. Du weißt ja, wie es steht.“

„So sollst auch du es von meiner Seite wissen,“ sage ich. „Ändern

wird’s hoffentlich nichts an dir, wenn du erfährst, daß ich die Wette

auf dem Prozeßwege werde suchen müssen.“

„Deine Wette mit dem Stein von Stein? Einen Prozeß? Hans, den verlierst

du!“

„Dann, Winter, erlebst auch du in diesem Jahre noch deinen Hagelschlag.“

„Ha, ha!“ lacht er, „gegen Hagelschläge ist ein Schullehrer aufs Beste

versichert.“

„Mit der Ausstattung wird’s happern --“

„Vorstrecken kannst du mir nichts?“ unterbricht er mich. „Das wird

sauer werden, Teufel noch einmal.“

„Daß du dich am Ende besinnst, Guido!“

Er geht in seinem Nachtkleide die Stube auf und ab: „Das wird sauer

werden!“

„Ich möchte es nicht erleben! Wenn du mir jetzt ihr Lachen

unterbrichst!“

Die Kerze ist zu Rande. Er zündet keine neue an denn es ist keine mehr

im Hause. Dieweilen der Dochtrest noch glimmt im Leuchter, wandelt er

über den Fußboden hin und wieder und hadert, warum gerade er das bissel

Erbsünde so hart büßen müsse!

Sage ich: „Der Strick schneidet gerade dem am tiefsten ins Fleisch, der

sich am meisten dagegen sträubt. Warum du dich gar so sehr fürchtest

vor dem Schweiß des Angesichtes, wie es sich für einen ordentlichen

Erbsünder gehört. Nimm doch ein Stück vom Adamshauser Grund und baue

Kartoffeln!“

Steht er still und sagt: „Du hast recht. Wenn ich’s in meinem jetzigen

Fach nicht weiter bringe, so baue ich Kohl und Kartoffeln. Dabei ist

noch niemand verhungert. -- Sie kann’s schon und ich werde es lernen.“

„+Das+ stimmt, Lehrer, +das+ stimmt! Ich hätte dich ja doch

erwürgt, wenn du mir das Mädel sitzen ließest.“

Nun wird er neuerdings nachdenklich und meint, er wäre sehr sonderbar

dran. „Will ich nicht, so würgest du, und will ich, so würgt ein

Anderer.“

„Ein Anderer? Wie meinst du das?“

„Dann müßte ich noch einmal Licht machen“, sagt er, „denn im Dunkeln

ist’s unheimlich, von solchen Sachen zu sprechen. Ich wollte es

eigentlich für mich behalten. Doch weil wir schon dran sind.

Weitersagen sollst es nicht, denn es kann mich getäuscht haben. Es kann

ein Anderer gewesen sein. -- Er soll ja dem Bruder nach sein, sagt ihr.“

„Sprichst du vom Rocherl?“

„Gestern abends, als ich durch den Edelbrand gehe, fällt es mir auf,

daß hinter einem Stein, der unter Rotkiefern steht, sich etwas bewegt,

ein Mensch, der sich duckt. Wie ich hintreten will, um zu sehen, wer es

ist, springt Einer auf und in das Dickicht. Ein Schußgewehr hat er bei

sich gehabt und der Adamshauser Rocherl ist’s gewesen.“

„Hast du ihn sicher erkannt?“

„Ich werde mich nicht getäuscht haben. Er hatte eine Hand in der Binde.

Mit der andern hat er auf mich schießen wollen, ich bin überzeugt.“

„Lehrer!“ sage ich, „solche Dinge redet man nicht so leichtsinnig

heraus. Auf dich schießen wollen, was ist das für eine Rede! Erstens

ist er’s gar nicht gewesen, in der Binde können auch andere Leute ihre

Hände tragen und zweitens ist’s ein windiger Wildschütz gewesen, den du

auf seinem Anstand gestört hast.“

Der Winter versetzt: „Gut, ich will sagen, es kann mich betrogen haben,

ich will es sagen. Bei mir selber bin ich fest überzeugt, es war der

Rocherl und der hat mich erschießen wollen.“

„So sage doch, welche Gründe du hast zu dem fürchterlichen Argwohn!

Müßte denn schon das böse Gewissen sein über dein fortwährendes Säumen

mit der Barbel. Es hat ja thatsächlich den Anschein, als wolltest du

auskneifen, in diesem Falle wäre ein faustischer Valentin ganz an

rechter Stelle.“

„Mein Lieber!“ sagt er, „wenn dieser Mensch nach dem Verlobten seiner

Schwester schießt, so ist es -- Eifersucht.“

Ich stutze, also wäre ich mit meinem Verdachte doch nicht allein. Aber

zugegeben habe ich es dem Lehrer nicht.

„Sei es wie immer, Guido, mache Hochzeit und es wird alles anders sein.

Schon dieses tollen Knaben wegen -- +wenn+ es so wäre.“

Daraus redete er eine Weile noch so herum, das einemal ist’s ganz

sicher, das anderemal frägt es sich um Wenn und Aber, und man dürfe

sich in solchen wichtigen Angelegenheiten nicht übereilen und wenn er

jetzt sofort heirate, sehe es ja genau so aus, als ob er sich durch den

angedrohten Schuß habe schrecken und zwingen lassen. Nein, auf solche

Weise kriege man einen Guido Winter nicht herum, der wisse schließlich

immer noch selber am besten, wann und wen er heiraten wolle.

„Weiter,“ sage ich, „das klingt schon entschiedener, das ist schon kein

Auskneifen mehr, das riecht nach offener Absage.“

„Was du schon wieder deutelst!“ ruft er und lacht auf. „Na, damit

ihr ruhig schlafen könnt all miteinander -- soll’s noch in der

Allerseelenwoche sein? Gut, also gleich danach.“

Zwölf Tage nach Allerseelen -- das ist ein Sonntag. An diesem Tage will

er sich mit ihr trauen lassen.

Ich bin dir redlich froh, einen Tag festgenagelt zu wissen, daß endlich

die Herzen zur Ruhe kommen im Adamshause....

Wenn mir der Winter auf das Mädel gut ist, dann will ich auch noch

andere schöne Charakterzüge von ihm aufschreiben. Zum Beispiel.

Vor einigen Tagen war’s. Während der Schulstunden hat sich ein

vagabundierender Handwerksbursche in das Wohnzimmer des Lehrers

geschlichen und ein Paar Schuhe gestohlen. Bei der Bachbrücke unten,

während er sie an seine Füße thun will, ist er schon aufgegriffen

worden. Noch keck war der Kerl.

„Was wollt’s denn?“ sagte er, „glaubt’s ’leicht, unsereiner mag im

kalten Reif und Schnee barfuß umsteigen, wenn jetzt der Winter kommt!

Dieweil der Herr ein überflüssiges Paar unter seinem Bette stehen hat!

Soll zusperren die Thür, wenn er will, daß ihm nichts gestohlen wird!

Ist eine Schlamperei, das. Ich bin eh noch gut gewesen. Ein anderer

hätt’ auch den Wettermantel mitgenommen. Hätt’ mir wohlgethan. Na,

denk’ ich, das nit, stehlen thust nit. Nur das Paar Schuh nimmst mit.

Das wird etwan doch nix Schlechtes sein, wenn er sie nit braucht.

Goscht eh schon, beim Spitz, der eine!“

„Wissen Sie was,“ sagte hierauf der Lehrer, „die Schuhe sollen Sie

haben. Müssen mir dafür aber eine Fuhr Brennholz klieben.“

„Schmutzian!“ knurrte der Vagabund und wirft ihm die Schuhe vor die

Füße: „Da hat Er seinen Dreck! Thut eh schon die Goschen auf.“

Wer im Gebirge die Polizei rufen wollte, den würde das Echo ausspotten.

Deshalb hat der Lehrer den alten Gauch bei den Ohren genommen und so

wacker geschüttelt, daß das Zähneklappern bis zum Wirtshaus hinauf

gehört worden ist. Das hat den Vagabunden aber noch lange nicht um

seinen Humor gebracht. Bevor er davon lief, hat er sich beide Hände an

die Ohren gehalten: „Die Hörwascheln wären jetzt freilich heiß, aber

die Zehen frieren.“

Darauf hat der Lehrer die Schuhe dem frierenden armen Teufel

nachgeworfen. -- Hoffentlich reut es ihn nicht, wenn er sich sein nun

einziges Paar an den Füßen blank wichsen muß.

In der Schule ist der Lehrer seiner Sache sehr sicher, da macht er’s

weder sich noch den Kindern zur Qual. Die Kleinen läßt er A, B, C sagen

und Wörter lesen und auswendige Sprüchlein herbeten. Nach dem Inhalt

wird nicht viel gefragt, das hält zu lange auf. Die Eltern fragen ja

auch nicht, was das Wort bedeutet, sie sind’s zufrieden, wenn’s der

Schüler flüssig lesen kann. Recht lesen ist gut, aber schnell lesen ist

besser, denken sie, weil das nicht viel Zeit kostet. Beim Ausfragen

weiß fast jeder Schüler flink Antwort. „Wieviel ist zweimal sieben?“

fragt der Lehrer. -- „Zweimal sieben ist -- ist -- ist --“ stottert

der Schüler. Der Lehrer hilft nach: „Ist vierz...“ -- „Ist vierzehn!“

-- „Brav, Michel, das geht ja ganz gut.“ Und so kommen sie glatt über

den Stoff hinweg. Zum Wiedervergessenwerden ist’s gut genug gemacht,

denkt sich der Winter, und im nächsten Jahre würde es schon besser

gehen. Nach der Schule, am Waldrain, wenn der Winter ein Hummelnest

besichtigt oder ein zuckendes Fröschlein in die Hand nimmt, da stehen

sie um ihn herum im engen Kreise und schauen, was er macht, und hören,

was er sagt, und merken sich alles. Aber ob bei der Schulprüfung der

Herr Inspektor fragen wird, wie weit am Waldrain die gelbgefleckten

Molche ihre Mäuler aufthun oder wie die Eichhörnchen ihre Nester bauen,

das möchte ich doch zu bedenken geben. Manchmal bestellt der Lehrer

den Vorgeschrittensten der Klasse zum Schulhalten, dieweilen er selbst

im Stübel seine Schuhe nagelt oder losgelöste Knöpfe in den Rock näht,

und wenn sie die Rechenaufgaben gut gemacht haben, dann dürfen sie nach

der Schule mit ihm Käfer suchen gehen. Freilich machen sie die Aufgaben

gut, weil sie einer vom andern abschreibt. Wozu soll denn jeder extra

noch für sich das Pulver erfinden, wenn’s der eine schon erfunden hat!

Er sieht die Rechnungen auch weiter nicht durch, Pedanterie ist nie

sein Fehler gewesen, und nach den Schulstunden ist er selbst immer der

froheste. -- Das Beste an allem ist, daß die Kinder dem Lehrer sehr

zugethan sind, und er in Sachen des Betragens auf sie Einfluß hat. Es

ist noch keine Sittlichkeitsklage vorgekommen. Alles andere wird sich

schon geben. Rechnen lernt der Mensch erst, wenn es sich nicht mehr um

Ziffern und Fleißzetteln handelt, sondern um wahrhaftige Kornmetzen,

Holzmetern, Gulden und Kreuzer. Und andererseits, meint der Winter,

könne es dem besten Mathematiker passieren, daß er sich im Leben

manchmal verrechnet.

Ich kenne auch jemanden, der gut lesen, schreiben und rechnen kann und

doch bis heute nicht weiß, woran er ist. Dieser jemand +las+ in

seinen Augen, +verschrieb+ ihm das Herz und +rechnete+ auf

Treue.

Im Ganzen, muß ich dir gestehen, kennt man sich nicht aus. Manchmal

kommt mir vor, der Kerl hätte zwei Seiten, wie Krämerloden. Auf der

einen strammer Moralist, und wendet man ihn: Bruder Liederlich.

Was er nur aus der Barbel machen wird? Oder sie aus ihm? -- Das

Letztere wäre mir nicht bange.

[Illustration]

Am einundvierzigsten Sonntage.

Die Einlage deines Schreibens vom 2. dieses hat mich nicht wenig

überrascht. Nein, so war’s nicht gemeint. Am Ende bedarf ich auch jetzt

noch deines lieben Zuspruches mehr, als des Geldes, obschon diese

materialistische Anwandlung deiner Philosophie sich im Grunde gar

nicht so übel macht. Zurückzahlen kann ich dir den Betrag nur durch

einen Wechsel, durch einen Schicksalswechsel. Vom Bauernknecht hast

schlechterdings nichts zu erwarten. Diese Kerle zahlen nicht. Wenn der

Journalist oder der Schriftsteller nicht kreditfähiger sein sollte! --

Ich will ja groß niedersteigen vom Berge des Adamshauses, zu euch, mit

einem Buckelkorb voll Geistesdünger, und eine litterarische Wirtschaft

anfangen. Ganz frischen, sehr kräftig duftenden Naturalismus bringe

ich mit hinab. Das heißt, in meinen Romanen sollen die Idealisten

als solche sehr naturalistisch geschildert werden. Damit kann jede

Litteraturrichtung zufrieden sein und der Gläubiger hoffentlich auch.

Nun wisse aber, guter Freund, daß ich mit deinem Hundertguldenschein in

großer Verlegenheit war. In der hiesigen Bauernschaft hat ihn niemand

zerlegen können, nicht einmal der Hoisendorfer Kirchenwirt, trotz

seines Tischtrühleins voll Scheidemünzen. Erst aus Kailing ist Hilfe

gekommen. Da fiel mir jener Goldklumpen in der Wüste ein und daß eine

Kornähre mehr wert ist, als der schönste nagelneue Tausendguldenschein.

Bargeld wird erst Wert, wenn Erdsegen dazukommt. -- Stimmt’s?

Dein Anerbieten, daß du dich nach den gegenwärtigen Verhältnissen der

„Kontinental-Post“ erkundigen willst, besonders, wie es mit dem Zeugen

Lobensteiner steht, nehme ich mit großem Danke zur Kenntnis. Frage doch

auch nach, wie es dem Reporter in der Nervenklinik geht. Entsinnt sich

dieser noch auf den Fall, dann hielte ich die Geschichte jedenfalls für

gewonnen. Übrigens ist es mir undenkbar, daß Doktor Stein auskneifen

könnte. Wettschuld ist Spielschuld und Spielschuld ist Ehrensache. Die

einzige Ehrensache, auf die sogar auch der Lump noch was hält.

Und nun wieder zu meinen Berichten.

Der schreckliche Rocherl ist immer noch in Verstoß. Der Hausmutter

wurde nahegelegt, seinen Verlust auf den Kanzeln verkünden zu

lassen. Sie will aber die Schmach eines durchgegangenen Kindes

nicht an die große Glocke hängen. Wir haben ihn ja eigentlich schon

fast einmal gehabt. Am vorigen Mittwoch hat uns der Jäger Konrad

sagen lassen, daß der Rocherl sich in der Legwindhütte aufhalte.

Das ist keine erfreuliche Nachricht, so froh man auch über die

gefundene Spur sein muß. Die Legwindhütte im Fuchsgraben ist eine

abgekommene Almwirtschaft, in der sich gern allerlei Gesindel aufhält.

Landstreicher, Wilddiebe, neuestens sogar verrufene Weibsbilder, will

unser Gemeindevorstand wissen. Von Zeit zu Zeit räumen Gendarmen das

Nest; aber allmählich füllt es sich wieder mit zweifelhaften Leuten,

die bei der alten Legwindhütterin Zuflucht suchen, dort ihre Kartoffeln

braten und ihr für den Unterstand manchen Bissen zubringen. Was den

Jungen bestimmen soll, gerade in dieser Höhle zu hocken?

Nun, so sind wir am letzten Donnerstage ausgezogen zur Fange. Die

Hausmutter, die Barbel und ich. Die Barbel wollte anfangs nicht

mit. Sie scheint zu ahnen, daß der Rocherl sich jetzt sozusagen auf

Menschenwild-Jägerei verlegt. Sie spricht von ihm, wie von einem

Kranken. Und hat sie die Bemerkung gethan: „Mein Gott, man weiß gar

nicht, was es manchmal für ein Glück ist, wenn liebe Leute sterben.

Hätte ihn der Jäger damals anders getroffen, so hätte ich jetzt einen

Bruder im Himmel.“

Es war das härteste Wort, das ich je von dem Mädel gehört habe. Die

Mutter hat sie gleich derb zurechtgewiesen: „Red’ nur du nit! Ich hätt’

meine Tochter auch lieber als Jungfrau im Himmel --“

Da muß man sich ins Mittel legen. Ist der stets beschwichtigende

Adamvater nicht mehr da, so muß ein anderer dran.

„Das wäre nicht schlecht!“ sage ich. „Böse Red’ darüber, weil im Himmel

die Engel sind und auf Erden die Menschen.“

Wie mich auf dieses Wort das Mädel dankbar anblickt! Gott, hat

+die+ ein Augenlicht!

Darauf habe ich mich kühn auf den Evangelisten gespielt, der Herr habe

mehr Freude an einem wiedergefundenen Schafe, als an neunundneunzig

verlorenen. Und darum wollten wir getrost ausziehen, das verlorene

wiederzufinden. -- So schief dieser Bibelausspruch geraten ist, sie

waren dankbar dafür.

Dann sind wir hineingegangen über die Almen und hinten hinab in den

Fuchsgraben. Die Hausmutter war sehr kriegerisch gestimmt; von ihrem

Stecken schien sie etwas zu erwarten, den sie bei jedem Schritte fest

in den Boden stieß. Die Barbel aber meinte doch, daß man mit Stecken

keine verlaufenen Schafe locke. Als wir der Legwindhütte nahe kamen,

sagte sie: „Gelt, Mutter, wir wollen recht gut mit ihm sein, wenn wir

ihn finden.“

„Den Stecken schlag’ ich heut mitten ab!“ rief die Hausmutter und

schwang ihren Haselstab. „Über wen, das werden wir schon noch sehen.

Verführt ist er worden!“

Wir kommen in die Schlucht hinab. Die Büsche gilben, aber die Blätter

hängen noch an den Zweigen. Den Fuchsgraben hat das Hagelwetter

verschont, es hätte sich wohl kaum ausgezahlt, hier über Hasel- und

wilde Beerensträucher den kalten Zorn des Himmels niederzuschleudern.

Die Hänge sind mit Brombeerstrauchgewinden übersponnen, darin krauchen

einzelne Gestalten umher und halten Mittagsmahl bei den dorrenden

Früchten. An der Felswand lehnt die Legwindhütte, aus braunen Steinen

roh gemauert; der bindende Mörtel ist schon aus den Fugen geschwemmt.

An Thür- und Fensterstöcken hat der Regen die schiefergrauen Holzfasern

bloßgespült, die Fensterscheiben bestehen teils aus erblindetem Glase,

teils aus Papier, teils aus Lappenballen. Die Dachbretter sind mit

Steinen beschwert. Daneben, mit zerzausten Strohschauben geflickt,

eine Art Ziegen- oder Schweinestall. Das Ganze ist mit Sauerampfern,

Brennesseln und unsauberen Dingen umwuchert. Da hast du die

Herrlichkeit, die in jedem Salon hängen kann -- auf der Leinwand. Am

Bache, der in der steinigen Schlucht niederrauscht, kniet die alte Hexe

und schwemmt eine blaue Männerhose durch. Ich trete zu ihr, schüttle

sie an der spitzen Schulter und schreie zur Wette mit dem Wasser,

wo der Adamshauser-Sohn wäre? Sie glotzt mich dumm an, sie sei die

Legwindhütterin und wisse nichts von einem Adamshauser-Sohn.

„Aber sie wäscht ja gerade seine Barchenthose!“ sagt die Barbel.

Dann ist er im Neste. Wir dringen in die Hütte. An dem schrillen

Winseln der rostigen Thürbänder erkenne ich die kluge Wachsamkeit der

Unterstandgeberin. In der dumpfmürfelnden Stube ist mein erstes, daß

ich mir den Kopf an den Trambaum stoße. Die Beine verstricken sich in

Stroh, das auf dem Boden wüst herumliegt und stellenweise mit alten

Kleidungsstücken bedeckt ist. Auf dem wurmstichigen Tische liegt ein

abgegriffenes Kartenspiel und stehen geleerte Schnapsgläschen, in denen

Fliegen kleben. Am rußigen Kachelofen hängen nasse Hemdenreste. Zu

sehen ist niemand. Wir treten in die Küche, wobei die Barbel ängstlich

meinen Arm umfaßt, denn es ist dunkel und die morschen Fußdielen wanken

unter den Tritten. Nach faulen Rüben riecht es und in der glosenden

Herdglut liegen halbverkohlte Kartoffeln. Auch hier niemand vorhanden.

Dann steige ich die Sprossenleiter hinauf in das Dachgelaß. Dort,

im Heu vergraben, liegt einer, ich sehe nur das schwarze zottige

Haupthaar. Bald hebt er sich und brüllt: „Wer ist da?“

„Das frage ich!“ meine Antwort.

Er richtet sich aus dem Wuste hervor: „Das fragst du? Gut, schöner

Herr, du sollst es hören. Aber komm’ mir nit in die Nähe. Es ist

ungesund, da heroben. Ich bin ein doppelter, wenn du es wissen willst.

Der bayerische Hiesel und der Schinderhans.“

„Ah, guten Morgen, meine Herren!“ lache ich. „Dann ist wohl einer von

euch beiden so gut, mir zu sagen, ob nicht noch ein dritter da ist, der

sich Rochus Weiler nennt.“

„Weiß nix,“ antwortet die Stimme.

„So weiß es vielleicht der andere.“

„Weiß auch nix,“ antwortet dieselbe Stimme. Nun merke ich, es ist ja

überhaupt nur einer da.

„Er trägt eine Hand in der Binde,“ erkläre ich.

„So, den Einhandel meint der Herr. Kann nit weit sein, weil seine

Pfeife dort ist.“

Seine Pfeife, das war unsere alte Flinte, die wahrhaftig im Dachwinkel

lehnte. Weil wir drinnen und draußen keinen Rocherl vorfanden, so habe

ich die Flinte auseinander gethan und zu mir gesteckt.

Oberhalb der Hütte auf dem Moosfilz haben wir uns niedergesetzt, haben

gewartet bis in den späten Abend. Mancher arme Schelm ist aus Strupp

und Kraut herbeigekommen zur Hütte, hinein und wieder heraus und träge

an ihr herumgeschlichen. Der Rocherl war nicht zu sehen. Unverrichteter

Sache sind wir nach Hause gekommen um Mitternacht.

„Weil wir nur das haben,“ sagte die Barbel, als ich die alte

Flinte an den Nagel hing. Im Vorhause war es ganz finster. Als wir

auseinandergehend uns Gute Nacht sagten, tastete sie nach meiner Hand

und sprach: „Ich danke dir, Hansel, daß du mit uns gegangen bist.“ Und

so weich und warm sind ihre Finger gelegen einen kurzen Augenblick auf

meinem Gelenke.

Philosoph, Philosoph! Das Mädel wird lebendig!

[Illustration]

Am zweiundvierzigsten Sonntag.

Himmlisch ist es geworden auf den Bergen, jetzt auf einmal wieder!

Wie unvergleichlich schöner ist der stille, klare, beständige Herbst,

als der launische, springende schlagende und stechende Mai -- der

Flegelmonat des Jahres. Könnte ich es dir zeigen, wie jetzt die Buchen

und Kirschbäume in purpurnem Rot, die Ahorne und Lärchen in leuchtendem

Golde stehen und die weiten Fichtenwaldungen in schwarzblauen Tinten

dämmern. In den Wiesenthälern schimmert der silberne Reif und auf

allen Höhen Sonnenschein, Sonnenschein! Der ganze Almgai ein bunter

Strauß unter dem Glassturz des kristallklaren Himmels. -- Mensch,

ich habe nicht umsonst gefürchtet, poetisch zu werden, bevor dies

Jahr zu Ende geht. Oder ist meine Sehkraft schärfer geworden, daß auf

den grünen Almen die Sennhütten wie weiße Eierchen glänzen, daß im

fernen Felsgebirge jede Runse, jedes Riff, jede Sandhalde und jeder

Schneeflecken so deutlich und klar geworden ist, als liege das weite

Luftmeer gar nimmer dazwischen. Ein kühler Berghauch bringt mir den

Duft der Cyklamen, Gentianen und des feuchten Erdreichs.

Und in dieser neuen Schönheit ist das alte Leid. Wie mag sonst das

Treiben des Herbstes hier sein? Die Felder und Gärten besäet mit

heiteren Menschen, deren Stimmen erntefroh von Berg zu Berg klingen,

den Vogelsang des Frühjahres reichlich ersetzend. Und in diesem Jahre?

Alles tot, alles schweigend. Nur da und dort knallt ein Hirte mit der

Peitsche, aber nicht aus Lust, sondern aus Unmut, weil die Rinderherde

ruhelos Gras suchend auf dem frostversengten Rasen unstet umhergeht und

immer über die Berainung hinauswill. Sonst haben sich auf freiem Anger

herlebige Burschen zusammengefunden zum Singen, Ringen und zu anderer

Kurzweil. Dies Jahr streichen sie zu einzeln mürrisch umher, sinnend

und grübelnd, wohin sie nur ihr thätiges, begehrendes Wesen wenden

sollen, wenn es in den heimatlichen Bergen nicht mehr zu leben ist. Und

in den Gräben rauscht und rauscht immerwährend das Wasser, gleichsam im

Traume lallend: Der ewige Herr im Bergland bin ich. Ich meißle den Fels

und bröckle ihn ab. Ich baue die Alpen und reiße sie ein und trage sie

dahin. Deine Felder und Häuser schwemme ich davon, o Mensch, und auch

deine Gräber...

Und da, mein Freund, kommt es mir in den Sinn, ob diejenigen nicht

doch am Ende recht haben, die den Menschen lostrennen wollen von der

Gebirgsscholle, daß er sich in der weiten Welt eine wohnlichere Statt

suche und gründe. -- Nein, nein, die altständige Menschennatur stemmt

sich dagegen, an nichts hängt sie so fest als an der Heimat. Und im

Gebirge stehen die Geschlechter am längsten. Die Menschheit steht

nirgends so fest gegründet, als im Bauerntum, und dieses nirgends so

tief als in den Bergen. Wenn dieser Grund bricht, was soll dann noch

halten? Können im Nomadentum alle Keime des Adamsgeschlechtes sich so

reich und edel entwickeln als in der Bodenständigkeit? Nur unglückliche

Völker wandern, Kain ist der erste Nomade gewesen. -- Woher stammt

unsere Kultur? Wo hat sie ihren Sitz, an alten festen Stätten oder auf

der Straße? Industrie und Handel bauen über Nacht Städte, die auch

wieder über Nacht zerfallen. Sie bauen nur Zelte. Das Bauerntum, dieser

Granit der Menschheit, baut Häuser, und aus diesen Häusern sind immer

wieder, eine reiche, überschüssige Kraft, diejenigen hervorgegangen,

die da Burgen, Schlösser und Kirchen gegründet haben, und solche

Städte, die jahrhundertelang wachsen, jahrhundertelang eine Blüte der

Menschheit sind und jahrhundertelang brauchen, bis sie zerfallen. Und

das Patriziertum, aus welchem sich Zucht, Gehorsam, Würde, Kraft,

Treue, Vaterlandsliebe und gesellige Sitte organisch entwickelt hatte,

wodurch soll es neu nachgefrischt und ersetzt werden? Es wird hinfällig

sein, wenn die Bodenständigkeit aufhört, wenn der Bauer -- sei es durch

Unwetter und Bergwässer, sei es durch sociale Mächte -- fortgeschwemmt

wird von seiner Scholle.

Du weißt es, Freund, daß ich vor einem Jahre noch vom Bauerntum

vielfach gesprochen habe wie ein Blinder von der Farbe. Ich liebte

es wie eine Idylle von Salomon Geßner. Heute liebe ich es wie die

Odyssee! In diesem Stande, mein Alfred, ist neben finsteren Gewalten

eine Opferwilligkeit und eine stillduldende Liebe, die ans Heldenhafte

grenzt. Es ist in ihm eine Kraft und eine Geistesthätigkeit, von der

die Hochmutspinsel im Frack keine Ahnung haben. Und wenn ich auf dieser

Welt je an Glück glauben könnte, ich würde es suchen und versuchen

fern von der rasenden Welt im Frieden eines ländlichen Hauses,

inmitten der ewig herrschenden Natur, die mich belebt, beschäftigt und

ernährt, die man selbst in ihrem Grimme noch anbeten und lieben muß.

-- Und in dieser Erkenntnis habe ich mir vorgenommen, meinen armen

Adamsleuten beizustehen, daß sie sich so lange als möglich auf ihrer

alten Heimstatt halten können. Welch ein Elend auch hier sein mag,

besonders wie in diesen Tagen, immer noch besser, als in der Fremde

unstet sein und wehrlos vom wilden Zeitgeist hingerissen zu werden.

Herrgott, wenn ich mir da draußen in den schwankenden Weiten meine alte

Hausmutter denke! Oder mein treuherziges Mädel! -- Wird mir doch schon

ganz daumelig, wenn ich mir sie vorstelle als Lehrersfrau, mit Kind und

Kegel von einem Schulhause zum andern wandernd. Ist es denn wirklich so

großartig gut und klug, wenn man diese zwei Leute zusammenkuppelt für

alle Tage, bloß weil sie sich einmal ein wenig lieb gehabt haben?

Am vorigen Sonntag, als wir nebeneinander knieten auf der Tischbank, um

die gemeinsame Sonntagsandacht zu verrichten, hatte ich eine traumhafte

Erscheinung. Schwebte plötzlich über den Häuptern eine Hand, und als

ich aufschaute, war nichts und niemand in der Nähe. Es war eine flache,

sich breitende Bauernhand gewesen, wie dem seligen Adam seine. Mir

stockt hierauf das Gebet und die Barbel schaut mich betroffen an. --

Man wird ja so anders, so ganz anders auf diesen feuchten Schollen

-- so als ob eine dunkle Seele aus ihr aufstiege, von der man sachte

besessen wird. --

Nur gut, daß es doch wieder Ereignisse giebt, die mich gründlich

ernüchtern. An einem Fichtenbaum ist mein Stolz zerschellt. Vernimm den

Bericht.

Die Zeit des Streumachens ist da, um den Stallbewohnern für den Winter

einen grünen Teppich zu schaffen, der dann allwöchentlich einmal

erneuert werden muß. Das Stroh wird hier nicht zur Streu benutzt, auch

wenn eins vorhanden ist, sondern mit Heu vermischt gefüttert. Waldmoos

und Heidekraut will man den Baumwurzeln nicht rauben. Da giebt der

Baum noch lieber seine grünen Äste, als seine feuchte, schützende

Wurzeldecke. So kommt von acht zu acht Jahren der Bauer mit der Axt,

steigt an dem Baumstamm empor und hackt die längsten und buschigsten

Äste herab als Winterstreu für den Stall. Die zarten Zweige und Triebe,

sowie den Wipfel läßt er dran. Damit soll sich der schwerverwundete

Baum wieder erholen fürs nächstemal. Das ist nun eine ganz abscheuliche

Einrichtung, allein der Bauer im Almgai behauptet, er wisse anderswie

keine Stallstreu, oder mit anderer Streu keinen richtigen Dünger zu

erzielen. Ich machte dagegen theoretische Einwendungen, die Hausmutter

stützte sich auf Erfahrungen und schickte mich hinaus in den Wald. Da

hätte ich nun ein paar scharfzackige Steigeisen an meine Füße schnallen

sollen, hätte die Axt rückwärts in den Gürtel stecken und den Baum

hinaufklettern sollen, wie eine Eichkatze, bis zum Wipfel.

Im vorigen Jahre waren noch drei vorhanden gewesen, die das Reisig

von den Bäumen schneidelten, der Vater Adam, der Valentin und der

Rocherl. Das Mädel hatte munter die gefallenen Äste in Büscheln

gesammelt, die Hausmutter war mit Ochsen und Karren gekommen, um das

„Graß“ in den Hof zu führen, wo es nachher kleingehackt und in Stößen

unter Dach geschichtet worden für den Gebrauch im Winter. Die beiden

Burschen sollen hoch auf den Bäumen gesungen und gejauchzt haben und

sich geschaukelt, und im Schaukeln sogar von einem Wipfel zum andern

gesprungen sein, voll Übermut. -- Heute? Heute steht ein einziger da

-- kann nicht jauchzen und kann nicht schneideln. Das Ästeherabhacken

wäre freilich keine Kunst, aber das Hinaufsteigen! Die Hausmutter

selbst hat mir die Steigeisen angeschnallt, die Barbel hat mich im

Klettern unterwiesen, wie man mit den scharfen Eisenzacken hoch an

dem Stamme weit fester stehe, als in gewöhnlichen Schuhen auf dem

Erdboden, wie man mit dem einen Arm den Stamm umschlinge, als hätte

man ihn sehr lieb, und mit dem andern Arm die Äste abhacke, daß sie

lustig niederrauschen. -- Und ich? Mensuren habe ich geschlagen und

in der Armee wird man auch nicht gerade für allzugroße Furchtsamkeit

abgerichtet. Also frisch an! Aber wie hoch? Als es so weit war, wo der

Baum sachte mit mir zu schaukeln begann, wo der Stamm mit jedem Hieb

zuckte, als wollte er mich abschütteln und sich wie eine Schlange unter

mir bog, just zum abspringen, da war der Feigling fertig. Die Glieder

huben mir an zu zittern, der Wald begann zu kreisen -- rasch mußte ich

bodenwärts.

„Mein Gott!“ sagte die alte Hausmutter, „wenn unsereins das dumme

Weibergewand nit hätt, mit dem man überall hängen bleibt, mich däucht’,

ich wollt’ selber hinauf.“

Du kannst dir denken, wie anmutig ich dagestanden bin. „’s ist mir just

das Blut zu Kopf gestiegen,“ sagte ich, bloß um etwas zu sagen.

„Bis du’s noch einmal probierst, wird’s schon gehen,“ redete mir die

Hausmutter zu, „anfangs ist einer, der’s nicht gewohnt, halt ein bissel

schwindlig.“

„Mutter!“ sagte jetzt das Mädel, „den Hansel lassen wir nit mehr

hinauf. Er macht alles zu geschwind, spießt mit den Steigeisen nit

ordentlich ein, und anhalten thut er sich auch zu wenig. Da könnt’

wirklich was geschehen.“

Also, wegen Tollkühnheit darf ich nicht mehr hinauf! Auch gut.

Was nun machen? Es droht der Winter und das Reisig muß herab. Wenn der

alte Soldat schon zu -- tollkühn ist, um auf die Bäume zu steigen, so

muß man ihn umtauschen. Die Hausmutter schickt zum Kulmbock hinüber und

läßt bitten um einen Baumschneidler. Der Kulmbock ist nicht daheim und

sein Weib läßt zurücksagen, sie brauche ihre Leute selber und müsse

jetzt die Mühlbrücke zimmern lassen, die das Wildwasser zerrissen hat.

Ob denn der „herrische Knecht“ nicht baumschneideln könne?

Darauf läßt die Barbel zurücksagen: Der zugereiste Knecht könne das

Baumschneideln sehr gut, aber man dürfe ihn nicht hinauflassen, weil

er zu hitzig sei und den Vorteil nicht achte. Hingegen wolle man den

Hansel zum Brückenbauen hinüberschicken, wenn die Kulmbock-Bäuerin

dafür ihren Weidbuben zum Baumschneideln herüberthue. Es handle sich

bei diesem Wechsel nur um etliche Tage, dann könne sie den Weidbuben

wieder haben.

So werde ich für diese kommende Woche vertauscht, wie etwas

Unbrauchbares gegen Brauchbares. Die Blamage wäre reichlich groß genug

gewesen für einen Selbstmord, hätte das wundervolle Mädel aus meiner

Feigheit nicht eine so unverantwortliche Waghalsigkeit gemacht. -- Was

nützt mir das, wenn sie’s selber nicht glaubt!

Noch gestern abends bin ich heimlich in den Wald gegangen und hab’s

versucht mit einem Baum. Dieselbe Lumperei. Wie er schaukelt, packt

mich der Schwindel und ich muß zurück. Bin nachher gar nicht zum

Nachtmahl erschienen. Kopfweh hab’ ich gedichtet. -- Und morgen früh

hinüber in den protzigen Kulmbockhof zum Brückenbau.

Noch etwas für heute. Das letzte Mal wurde dir ausführlich mitgeteilt,

wie wir den Rocherl gesucht, dann seine Flinte gefunden und in unser

Haus zurückgetragen haben, um sie auf ihrem alten Platz an den Nagel

zu hängen. Denke dir, sie hängt nicht mehr dort. Eines Morgens war sie

weg. Er hat sie sicher selbst geholt. Dieser unbegreifliche Mensch!

Die alte Marenzel meint, die Bleikugel in der Hand müsse ihm das

Blut und das Gehirn vergiftet haben. Jetzt suchen ihn auch schon die

Landwächter. -- Nicht eine Stunde sind wir sicher vor einem furchtbaren

Verhängnis.

[Illustration]

Am dreiundvierzigsten Sonntage.

Also am Montage bei Ehren-Kulmbock, beim Brückenbau. Ich hegte den

heißesten Wunsch, es möge dabei jemand, meine Wenigkeit ausgenommen,

ins Wasser fallen. Die Schmach kann nur durch eine Lebensrettung wett

gemacht werden. Man hat mich richtig gleich aufgezogen: daß die Bäume

im Adamshaus-Walde gar sehr froh sein würden, mit ihren Wipfeln diesmal

noch heil davongekommen zu sein, ohne daß sie der Hansel in seiner

wütenden Kurasch allesamt enthauptet hat! -- Denn die Tollkühnheit war

ihnen im Grunde nicht einleuchtend. Da mußte rasch etwas Glaubhaftes

zusammengelogen werden. Der Krampf! „Diese verfluchten Krampfadern

in den Beinen, die man sich damals in Galizien geholt, bei den

großen Märschen! Gerade das leidenschaftlichste Vergnügen, auf den

Bäumen herumzuklettern, vergällen sie einem!“ Sie lachten noch mehr

und meinten, die Fichtenbäume würden wohl Freudenfahnen ausstecken

wegen meiner Krampfadern. -- Am Dienstag hatte ich schon nicht mehr

Zeitungsdeutsch nötig; mein Heiligenschein qualmte an einer andern

Stelle auf. Dieweilen sie an der zu bauenden Brücke die Holzbalken

und Stämme schwerfällig und ungeschickt hin- und herprobierten,

konstruierte ich mit Hilfe des Restes meiner geometrischen Kenntnisse

die Brücke auf Papier und rechnete leichter Hand in Ziffern die

Verhältnisse des Baues aus, worauf wir mit ziemlicher Einfachheit

das tiefe Bachbett überbrückten. Die Leistung gab mir einen solchen

Glanz, daß der Vorknecht mich einen ganzen Tag lang den „Herrn Johann“

nannte. Daß mein Name nicht ein zugehackter Johannes ist, sondern nach

heidnischer Art der deutschen „Hansa“ entstammt, diese Wissenschaft

würde ihnen alle meine bautechnischen Kenntnisse wieder gründlich

verdunkeln.

Im Kulmbockhof -- muß ich dir sagen -- hätte ich meine Zwanzigtausend

Kronen-Wette nicht gewonnen. Zwar zu essen giebt es mehr und fetteres,

als im Adamshause, aber an den Schüsseln kleben noch die Krusten

früherer Mahlzeiten; die Tische und die Fenstergläser sind mit so

ausgiebigem Schmutz überzogen, daß die Herbstfliegen mit ihren

altersschwachen Beinen drin stecken bleiben, wie die ungarischen Bauern

auf der Dorfkirmes im Straßenkot. Und was das Schlafbett anbelangt!

Freund und Philosoph! Wenn in deinem großen Bekanntenkreise jemand

einmal dem Laster der Trägheit verfallen sollte, ich bitte dich,

schicke ihn in den Kulmbockhof. Auf dem Strohlager allhier wird er

Emsigkeit lernen. Das Stoßgebet bei diesen nächtlichen Umtrieben

lautet: Vor den großen Feinden schütze ich mich selber; Herr, schütze

du mich vor den kleinen!

Der Kulmbock ist natürlich nicht zu Hause. Er geht stets im

Weltverbessern um, hält Versammlungen ab, bespricht die „Lage“. Die

Anliegen der Wählerschaft nimmt er würdevoll entgegen. Er wird’s schon

machen. Vor allem eine ordentliche Steuerreform! Die Steuer soll

nicht der zu zahlen haben, der was schafft und hervorbringt, sondern

vielmehr, der was aufbraucht. Dann, die Korneinfuhr aus Ungarn und

die Fleischeinfuhr aus Amerika muß abgeschafft werden, damit wir

Bauern die Sachen teurer verkaufen können. Zur Erntezeit muß bei den

Dienstleuten die Sonntagsruhe aufgehoben werden. Der Kulmbock läßt

nicht locker. Das wird seine Sorge sein! An ihm kommt keiner vorbei,

und Herrenmanglereien, die frißt er nit! Ein großer Mund, aber keine

Zähne drin. In der Landstube soll er hinter dem Pfeiler sitzen und sich

sehr ruhig verhalten. Seit er bei einer und derselben Sitzung für die

Annahme und für die Ablehnung der neuen Landesbahnen-Verkehrssteuer

gestimmt hat und für diese seine zwiefache Bereitwilligkeit etwas

unbarmherzig ausgelacht worden ist, zieht er es vor, „mehr unparteiisch

zu bleiben, sich nirgends dreinzumischen, jeden reden zu lassen, wie er

will und mag, selber der Gescheitere zu sein und nachzugeben.“ Es wäre,

meint er, für einen verständigen Menschen ganz verzwickelt schwer zu

reden in dieser äußerst gemischten Gesellschaft; bald sei es dem nicht

recht, bald jenem nicht. Bald schnappe bissig ein dritter her, bald

entgegne ein vierter mit niederträchtiger Bosheit, bald ein fünfter mit

dem Dreschflegel. Man sei auch etwas gewohnt zu leisten, aber da gehöre

noch eine spinnefalsche Abgefeimtheit dazu, sonst werde man übertrumpft

von den Federfuchsern und zu Schanden geschrieen von den großmauligen

Doktoren. „Na!“ meint der Kulmbock, „das friß ich nit! Aber die Zeit

wird schon kommen, wo wir es ihnen zeigen werden, denen! Wir Bauern!

Wir halten unsere Reden mit der Faust!“ -- Und trotzdem ist der Mann

fortgegangen von hier, wo man noch mit der Faust schafft, und dorthin,

wo man mit dem Munde regiert. Na! Solcher Volksvertreter wegen ist es

schon der Mühe wert, daß man den Parlamentarismus aufgebracht hat und

bei den Wahlen sich halbtot prügelt um das Recht der Selbstbestimmung.

Ja wohl! Das Recht der Selbstbestimmung, das der Kulmbock dort so

mannbar vertritt, daheim in seinem Hause herrscht es unumschränkt.

Jeder thut, was er will. Die Knechte sind nach Belieben faul und

tölpelhaft, die Mägde sind zutäppisch. Die Haustochter Fronel wollte

mich aushorchen wegen Adams Rocherl. Man höre, ihm sei daheim das

Beten und Fasten zu langweilig geworden und deshalb sei er zu einer

Räuberbande gegangen. Wenn der Rocherl Räuberhauptmann wäre, da möchte

sie gleich Räuberhauptfrau sein. Der Rocherl habe gar so schlanke

Beine, und die gefielen ihr. -- Diese Fronel hat einen breiten Mund und

gelbe Zähne, mit denen sie immer an etwas kaut. Bei Tische jagt sie

nach den besten Bissen und wenn von etwas die Rede geht, was sie nicht

kennt, so fragt sie allemal, ob’s was zum essen wäre. Wenn sie sich

nicht mit einem Mannsbild balgt, so hockt sie im dunstigen Hinterstübel

und trennt und näht an ihren Kleidern herum. Hat sie ein buntes Band,

eine Masche oder dergleichen Flitter angeheftet, so stellt sie sich

damit vor den Spiegel -- in diesem Hause giebt’s einen hübsch großen

-- und trennt dann das Zeug allemal wieder los, um es mit einer noch

reizenderen Art zu versuchen. Ruft ihre Mutter hinein: „Die Sau sollst

du futtern gehen, stinkfaule Dirn!“ Und die Tochter heraus: „Ja, leck’

mich im Buckel, bist selber nix z’gut dazu!“ -- Das wäre schon die

richtige für den Rocherl, die! Da wüßte ich ihn schier noch lieber bei

den Räubern.

Am zweiten Abend, als es regnet und ich in der Kulmbockhof-Kammer einen

Wettermantel hole -- ein großer Lodenfleck mit dem Loch in der Mitte,

zum Durchstecken des Kopfes, wie ich also den aus der Kammer hole,

höre ich im dunklen Nebengelaß zwei Knechte sprechen; sie thaten es so

sonderbar brummend und zischelnd, daß der Mensch anhebt zu horchen.

Der eine: „Du, Martel, wenn du mir die Hälfte nit giebst, so verklag’

ich dich.“

Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes. · 第 25 / 46 题