Da dachte sie: Es kann wohl wer gestorben sein. Zog mit dem Daumen über
ihr weißes Gesicht ein Kreuz und betete still ein Vaterunser. Da dachte
der Lehrer: Armes, gutes Kind, du betest für deinen Vater und weißt es
nicht. --
Dann sagte sie: „Du solltest ja daheim sein, Guido, wenn es zum Läuten
ist.“
„Es läutet der Schmied.“
„Man hat nichts gehört, daß wer krank gewesen wäre.“
Sagte der Lehrer: „Mein Gott, es giebt doch kränkliche Leute in der
Gegend. Der alte Gleimer zum Beispiel. Der hat ja immer so viel
Atemnot, hört man, und herzleidend soll er auch sein. Der Mensch ist
halt keine Stunde sicher.“
„Müßt’ wohl hart sein,“ sagte sie ganz leise, „so wen verlieren, wen
lieben....“
„Du hast recht, es ist immer ein Schmerz, wen’s trifft. Aber endlich
bleibt es keinem aus, und doch ist’s noch besser, es drücken Kinder den
Eltern die Augen zu, als umgekehrt.“
Wie er so gesprochen, da hat die Barbel angefangen unruhig zu werden.
Und plötzlich sagte sie: „Ich will aber doch jetzt heimgehen.“
„Es ist noch Zeit, mein Schatz. Gönne dir den schönen Tag.“ Er hielt
sie an der Hand. „Siehe doch, wie es schon wieder zu grünen anhebt auf
dem zerschlagenen Rasen.“
„Laß mich aus, Guido! Ich will heim zum Vater!“
So hat sie sich von ihm losgerissen und ist schnell den Rain entlang
geeilt, daß er laufen mußte, um sie noch abzufangen an der Hausthür.
„Barbel, ich will dir was sagen, du sollst jetzt nicht hinein. Denke,
wofür du verantwortlich bist. Denke dran, Barbel. Laß dir’s nur sagen.
Dein Vater -- er ist schwer krank geworden....“
Heftig stieß sie ihn zurück und eilte in die Stube. Da hat man auch
schon den gellenden Schrei gehört. Über den Toten ist sie hingefallen,
hat ihn gerüttelt, hat ihm wie wahnsinnig ins fahle Antlitz geschrien,
daß er soll’ aufwachen und sie ansehen! -- Und als sie endlich zur
Überzeugung kam, wie die Sache stand, da ist sie in eine starre Ruhe
verfallen, daß es unheimlich war. Sprachlos, thränenlos wankte sie
ihrer Kammer zu. -- -- Als man später das Stöhnen gehört hat, ahnte die
Hausmutter es bald, was vorging. Die alte Marenzel, die gekommen war,
den Toten aufzubahren, hatte nun etwas anderes zu thun. -- Als wir, der
Rocherl und ich, am Abende heimkamen, lagen zwei des Adamshauses auf
der Bahre -- der älteste und der jüngste.
So, mein Alfred, hat es sich zugetragen. Und war eine solche Trauer im
Hause, daß ich gemeint habe: Wenn nur wer schelten wollte! Wenn nur wer
hadern wollte mit diesem niederträchtigen Geschick, daß ein frischer
Zorn, eine Gemütsrevolution ausbreche, damit doch diese dumpfe, diese
schreckliche Trauer unterbrochen werde. Alle, auch die sonst so scharfe
Hausmutter, standen und gingen matt und traumhaft umher. In der Nacht
aber war’s, daß die Barbel in ihrem Bette anhub zu fragen: „Ja, ihr
Leute, wie ist denn alles das zugegangen?“ Und am Frühmorgen hat sie
gefragt: „Wie ist denn das gewesen, daß mein Vater gestorben ist?“
Weil keines mit der Sprache herauswollte, so trat ich vor, ging
entschlossen in ihr Stüblein und begann herzhaft zu erzählen.
„Barbel,“ sage ich, „es ist ein glücklicher Tod gewesen. Wie er hört,
daß der Lehrer redlich um deine Hand bittet, da hebt er beide Arme
auf wie zum Segen und ruft: Soll’s doch sein, daß mein liebes Kind
glücklich wird! Gott Lob und Dank! -- Darauf an die Wand hingesunken
und -- aus ist’s gewesen.“
„Und herb wär’ er nit gewesen?“ fragt sie, „herb nit?“
„Freilich wohl herb, anfangs weil der Lehrer so spät gekommen ist --
wohl rechtschaffen spät.“
Darauf hat sie nichts mehr gesagt. Nur später leise mit sich selbst
gesprochen: „Wenn es so ist gewesen! Wenn es so ist gewesen!“ Und hat
in sich hineingeweint, aber ganz anders, als vorher.
Von dieser Lüge, Alfred, mußt du mich lossprechen. Die wohlgemeinte
Unwahrheit, die ein Herz vom Fegefeuer erlöst, kann doch nicht unrecht
sein? -- Aber jetzt in den Nächten, wenn ich schlaflos bin, sieht’s
anders aus. Es ist ja furchtbar frevelhaft, ein Kind über das Sterben
des Vaters zu täuschen! Hat nicht sie den Jammer über die Familie
gebracht? Soll sie nicht die ganze Wucht ihres schweren Fehlers büßen?
-- Ich bitte dich, Freund, sage +nein+. Sage, du treuer Forscher
nach dem Guten und Wahren, sage, daß es erlaubt ist zu täuschen, wenn
man damit was Gutes stiften kann. Sage nicht auch das abscheuliche
Wort: Wahrheit über alles, auch wenn darunter Menschenglück und
Menschenherzen zu Grunde gehen. Ich beschwöre dich, Philosoph, laß alle
Philosophie so sein, daß dieses Erdenleben milde wird und warm. Wenn es
auch dunkel ist, wenn es nur reich an Liebe ist. Schau, das arme Mädel
lächelt heute unter seligen Thränen. Die rohe Wahrheit hätte sie auf
ihr Lebtag lang in Gram und Weh gestürzt.
Am nächsten Sonntage werde ich berichten, was sich in diesen Tagen
weiter ereignet hat.
[Illustration]
Am sechsunddreißigsten Sonntage.
An der Oberfläche scheint es, als kümmerten sich in der Bauernschaft
die Leute nicht viel umeinander. Kommt jedoch über ein Haus etwas
Besonderes, dann steht überall die menschliche Teilnahme auf, dann sind
sie +eines+ Stammes, die grünen und die dürren Zweige.
In den zwei Nächten, als unser Hausvater auf der langen Bank lag,
konnte die große Stube kaum alle Anwesenden fassen, die gekommen
waren, um zu trösten und zu beten. Etliche Bauernweiber hatten Butter,
Weißbrot und gedörrte Waldkirschen gebracht, damit die Adamshauserin
Mittel habe, ein würdiges Totenmahl zu bereiten. Ich beschreibe dir
nicht die Sterbe- und Begräbnisgebräuche, deren im großen und kleinen
unzählige sind, sinnlos nur für den, der keinen Sinn herauszufinden
oder keinen hineinzulegen weiß. Denke dir bloß, daß während der Tage,
als ein Toter im Hause liegt, keine knechtliche Arbeit verrichtet
werden darf, daß die Wanduhr still stehen muß, daß das Sprengreisig,
mit dem die Leute Weihwasser auf die Leiche spritzen, in einer
dreifachen Kreuzform gewachsen sein soll, daß das Bettstroh im
Freien verbrannt wird, auf welchem der Verstorbene in seiner letzten
Lebensnacht gelegen, und dergleichen mehr. Der Gehstock des Toten
wird ins Freie getragen und an einen alten Baum gebunden, damit er
nicht allein umherwandeln kann, zu Nachbarshäusern. Wo so ein Stock
an die Thür klopft, dort muß bald wer sterben. Im Trauerhause sind
nächtig die Leute der Nachbarschaft an Tischen und Bänken herum, beten
den Psalter, singen Totenlieder, essen Weißbrot mit Milchrahm und
führen nebenbei allerlei Gespräche. Es soll bei solchen „Leichwachten“
manchmal ganz heiter hergehen, daß junge Leute Kurzweil treiben,
körperliche Übungen ausführen und Schalkereien anstellen, sogar mit der
Leiche nach einem alten Herkommen. Gleichsam -- sie machen sich lustig
über den Tod, er imponiert ihnen nicht. -- In unserem Adamshause war
nichts als die tiefe Gedrücktheit, und die Wirkung der von Männer- und
Weiberstimmen kunstlos gesungenen Totenliedermelodien kann nur gefühlt,
nicht beschrieben werden.
Die Leiche war mit einem weißen Leintuche bedeckt. Manche, die ankamen,
hoben vom Haupte das Tuch, schauten ins lehmfahle Gesicht des Adam und
sagten zu ihm nieder: „Gott gebe dir die ewige Ruh. Sollt’ ich dich
einmal gekränkt haben, thu’ mir’s verzeihen.“
Es mag wohl so sein. Wenn man an der Bahre eines lieben Menschen steht,
so fängt er erst an, einen zu erbarmen, nicht weil er gestorben ist,
sondern weil er gelebt hat. Gelebt und gelitten, manchen schweren
Kummer heimlich und geduldig für sich allein getragen. -- Auch der
Jäger Konrad hatte ihn so angeredet. Die Hausmutter hörte es und machte
mit der Hand einen Deuter, als wollte sie sagen: Du, laß’es gut sein!
Hättest ihm früher das Leid nit gemacht!
Neben der Leiche auf dem Lehnstuhl steht das hölzerne Kruzifix, vom
Hausaltare herabgestellt, daneben ein Wasserglas mit dem Öllichte und
ein Schüsselchen mit Weihwasser und dem Sprengzweige, mit dem sie den
Toten von Zeit zu Zeit besprengen. Zu Füßen dieser langgestreckten
schmalen Leiche, ganz im Wandwinkel, liegt ein kleines Ding, das auch
mit weißem Tüchlein zugedeckt ist. Und das, mein lieber Alfred, ist die
Erbsünde. --
Die Leute thun, als ob sie es nicht sähen und niemand fragt nach der
Barbel.
In der zweiten Nacht wars, daß von der Nachbarschaft zwei Mägde
ankamen, ganz erregt und verstört zur Thür herein. Sie wüßten etwas
Unheimliches zu erzählen. Als sie durch den Schachen hergegangen seien,
hätten sie an der Brunnenquelle neben dem Holzapfelbaum den Adam stehen
gesehen. Er habe sich an einen Spatenstiel gestützt, als ob er gegraben
hätte und dabei müde geworden wäre. Sie wüßten gar nicht, wie sie zum
Hause hergekommen seien vor lauter Schreck.
„Wir wünschen ihm all’ die ewige Ruh,“ sagte ein alter Mann. Da that
sich der Kulmbock hervor, der am Tische saß und rief überlaut: „Nit
so dumm daherreden, Weiberleut’! Das friß ich nit! Was wirds denn ein
Geist gewesen sein! Es giebt gar keinen Geist! Das werd’ ich etwan nit
wissen! Just so!“
Der Kulmbock gehört jetzt zu den Aufgeklärten. Seit er zum Abgeordneten
gewählt worden, stellen sie ihn überall voran, auf den Ehrenplatz
und als Ordner hin. So hat er auch die Leitung des Begräbnisses
übernommen. Allerseits entwickelt er eine große Beredsamkeit, die er
einstweilen nur im Landtage noch nicht hat bethätigen können. Da will
der kluge Mann erst einmal hören, was die anderen sagen. -- Seine
dralle Tochter war auch vorhanden in dieser Nacht; die drängte sich
nicht vor, sondern hielt sich im Herdwinkel auf, mit anderen jungen
Leuten heimlich schäkernd. Als der Rocherl mit Brotlaib und Messer
dorthin kam und die munteren Burschen einlud, zuzugreifen, sagte die
Kulmbock-Tochter schelmisch: „O ja, Rocherl, ich mag schon eins von
dir, ein Brot. Schneid’ mir nur eins, aber ein recht großes Trumm.“
„Das wär’ bei dem eine Kunst,“ spottete einer der Burschen. „Mit
+einem+ Maul Brot essen, das wird er wohl können; aber mit
+einer+ Hand abschneiden, schwerlich.“
Darauf entgegnete der Rocherl scharf: „Und du thätest auch mit dem
einen Maul nit stänkern, mein Lieber, wenn ich zwei gesunde Händ hätt!“
„Geht’s weg!“ schmollte die Kulmbock-Tochter, die Anderen mit dem
Ellbogen von sich tauchend, „ich laß’ über den Rocherl nichts kommen!“
„Sie meint halt, halsen kann ein Einhandel auch!“ gab jener Bursche
zurück.
Der Rocherl biß die Zähne aneinander, steckte das Messer tief in den
Brotlaib und ging zur Thür hinaus. Ich hatte den kleinen Vorgang so
halbhin beobachtet und da ist mir wieder das ganze Elend des armen
Jungen klar geworden. Jeder Wichtling kann ihn nach Belieben verhöhnen,
es geschieht ungestraft. Aber sie sollen sich nicht spaßen mit ihm. Wer
ihn nur erst kennt! -- Mit +einer+ Hand führt man gefährlichere
Waffen, als mit deren zwei!
Jetzt kommt aber noch etwas. Gegen Mitternacht war’s, wir knieten
alle gerade an den Tischen, deren in der Stube mehrere aufgerichtet
worden waren, und beteten, als unten an der Thür eine Bewegung
entstand. Kurze Ausrufe. Dann gedämpftes Sprechen und Schluchzen. Aus
der Dunkelheit trat eine Gestalt hervor, wie der Adam. Aber strammer,
jugendlich, in Mütze und Soldatenmantel. Der Valentin! Der Urlauber! --
Ein junger Mensch mit breitknochigem Gesicht und eingefallenen Wangen.
Er giebt Jedem und Jeder die Hand, auch der Mutter nicht anders, als
den Übrigen, und blickt unruhig, verwirrt um sich und tritt langsam,
zögernd gegen die Bahre hin. Ein Weib deckt des Toten Gesicht auf und
sagt leise: „Gelt! Ganz unverändert. Als wie wenn er thät schlafen. --
Er thut gut rasten.“
Der Valentin kniet mit beiden Knien schwerfällig nieder auf das Fletz,
faltet die Hände mit verschlungenen Fingern aneinander und starrt
unverwandt auf den Toten. -- Dann steht er auf, taumelt gegen den
Uhrkasten hin, wo der Sarg lehnt, der fichtenhölzerne, unangestrichene,
und an dem Beben und Stoßen seines Körpers sieht man’s, wie es in ihm
wütet.
Wir in den Städten kennen sie nicht, die Schamhaftigkeit des Schmerzes.
So wenig, wie wir die Schamhaftigkeit der Freude kennen und die
Schamhaftigkeit der Liebe zwischen Kindern und Eltern. Der aus der
Fremde kommende Sohn küßt nicht die Mutter, berührt die Leiche seines
Vaters nicht mit einer Fingerspitze; nicht ein Wort der Zärtlichkeit,
der Klage habe ich gehört von seinen Lippen -- draußen im dunklen
Vorhause erst hat er aufgegröhlt wie ein verwundeter Hirsch.
Später, als der Valentin neben seinem Bruder an der offenen Hausthür
steht, herzschwül und wortkarg, und als sie so hinausschauen in die
Mondnacht, da deutet der Rocherl auf eine Gestalt, die am Brunnen
sitzt, und sagt: „Siehst du ihn, Valentin? Dort am Wassertrog. Das ist
der Unglückstifter!“
Da tritt die Mutter vom Herd, wo bei prasselndem Feuer das Mahl kocht,
zur Thür hin, und der Valentin solle sich doch hinsetzen und was essen.
Der Soldat schüttelt den Kopf, essen könne er nichts.
Sie stellen sich zusammen im Vorhause und die Mutter erzählt dem
Heimgekehrten, wie sich alles zugetragen. Als sie von dem Menschen
spricht, durch den die Barbel ins Unglück gekommen, soll Valentins Hand
nach dem Stilet gezuckt haben.
„Jetzt nimmt er sie aber,“ sagt die Mutter.