Da sagte sie zu mir: „Laß’ mich, Hansel. Hier ist es schön.“

Die Nebelmassen wälzten sich thalwärts, so daß wir fast über ihnen

waren. Plötzlich sprang aus ihnen ein Blitz auf, so grell, daß man ihn

im Auge wie einen heftigen Schlag empfand.

Als der Donner ausgeschmettert hatte, hörte ich die Barbel traumhaft

sagen: „Hier ist es so schön! -- Herrgott, nimm mich jetzt -- Das Wort

ist Fleisch geworden ....“

„So komm doch, Barbel!“

Mit gehobenen Armen stand sie da und schaute halb schreckhaft und halb

schwärmerisch ins Geäste des Ahorns auf: „Hörst du, wie sie wispeln? --

Die kleinen Kinder! Siehst du sie? Dort schaukeln sie in den Zweigen,

siehst du sie? Und hocken und schaukeln und tanzen!“

„Kleine Kinder? Wo?“

„Da oben im Ahornbaum. Und schaukeln und wispeln. Die vor der Taufe

gestorbenen Kinder! Die kleinen armen Seelen! -- Im Särgelein liegen

die Knospen. Die Seelen müssen auf dem Ahorn warten, bis das Christkind

kommt in der heiligen Nacht. -- Herr Jesu Christe -- gnadenreich, --

und führt sie ein -- ins Himmelreich ....“

Jetzt brachen die Wässer aus den Lüften, ich zog die Barbel am Arm

mit ins Haus. Sie strich sich mit krampfigen Fingern das lose Haar

vom Gesicht und starrte betroffen umher, als wäre sie aus einem Traum

erwacht. --

Als das Gewitter vorüber war, funkelten die Bäume wie Glasluster in der

untergehenden Sonne. An jedem Halm wiegte sich ein Lichtlein. Draußen

aber, in den Thälern des Vordergaies, lag ein weißer Winter. --

Und jetzt, denke dir, hört man die Mär, daß die Bewohner des vorderen

Gaies klagbar auftreten wollen gegen den hinteren Gai. Im Hintergai

sei nämlich geschossen worden, während man sich doch seit Jahren

gegenseitig verabredet habe, es dürfe weder vorne noch hinten

geschossen werden, wenn ein Gewitter zusteht. Denn das Wetterschießen

mit Pöllern sei erstens ein Eingriff in den Willen Gottes, der sich

es nicht gebieten lassen werde, wo gehagelt werden soll und wo nicht.

Zweitens wäre es eine Lumperei gegen die nachbarlichen Ortschaften,

wo nicht geschossen werde, und wo das verjagte Gewitter sich entladen

müßte. Und drittens sei es überhaupt eine Dummheit zu glauben, daß

durch den Knall etlicher Mörser der Himmel sich werde schrecken

lassen, maßen ein Hochgewitter sein eigenes Feuern und Krachen hat

und trotzdem manchmal Eis wirft, was das Zeug hält. Wie das auch sei,

hinten wäre jetzt geschossen worden und vorne sei der Teufel los. --

Der Kulmbock aber sagt: „Sollen nur kläglich werden, die da draußen!

Werden’s ihnen schon zeigen! Die sollen sich anschauen, wenn ich drüber

komm! Schuhnägel friß ich nit!“ -- Das Wetterschießen wird also in

den Landtag kommen. Der Gleimer behauptet, daß es in der Hoisendorfer

Gegend am Frohnleichnamstag seit Menschengedenken nicht grob gewettert

hätte. Sicherlich des Frohnleichnamsschießens wegen. Du kannst einmal

einen Naturforscher fragen.

Gestern ist ein Händler zu uns gekommen. Der hat die Felder geprüft

und gemessen und das Korn auf dem Halm gekauft. Mein Hausvater

bekommt einen Vorschuß auf die Hand, der kaum ausreicht, um die

allerdringendsten Steuern und Anschaffungen zu bestreiten, aber gerade

groß genug ist, um ihn rechtlich zu binden. Der mehrere Teil soll ihm

ausbezahlt werden im Frühherbst, wenn das Getreide, unversehrt vor

Wetterschlägen, Nässe, Dürre, Wildfraß und anderem Unheil in die Säcke

rieseln kann. Nämlich so: Ist die Ernte gut, so hat der Händler den

Vorteil, schlägt das Unglück, so hat mein Adam den Schaden. Der hat

wohl recht den Kopf geschüttelt, aber unterschrieben hat er doch. Denn

es ist kein Kreuzer im Hause. In früherer Zeit hat man im Bauernhause

das Geld entraten können, da haben sie fast alle ihre Bedürfnisse

an Nahrung, Gewand und Haus mit eigenem Werk befriedigt und besser,

als heute mit gekauftem. Der Adam sagt, sein Vater habe für Haus und

Familie im ganzen Jahre nicht dreißig Gulden Geld ausgegeben. Mein

Herr Stein von Stein spendiert sich jährlich fünfhundert Gulden für

Cigarren, und seine Frau Gemahlin nicht weniger für Handschuhe, Puder,

Schminken und Salben. Und der fleißige Bauer? -- Es wackelt in der Welt.

Ich bin mit einem Ochsenpaare und einem Karren nach Hoisendorf

geschickt worden, da ist’s einmal hoch hergegangen: Einen Metzen

Weizenmehl, einen Salzstock, dann Feldwerkzeuge, als Sensen

und Sicheln, dann Eisenstiften, Zündholz, Wacholdergeist und

Rosenbuschbalsam zur Medizin. Der Hoisendorfer Schmied kann glasen

und wachsziehen, bei dem habe ich Fensterscheiben und einen

Wachskerzenstock erstanden. Ferner habe ich einen Krug Lichtöl

eingekauft. Als Aufklärer von Fach that ich meinen guten Leuten das

Petroleum solange anpreisen, bis sie es versuchten. Es gefällt ihnen

und mich reut es. Das Öl kostet Geld, den Kienspan hatten sie umsonst.

Den Bauern Geldausgeben lehren und ihm das Schuldenmachen angewöhnen,

wie unsere Kreditvereine und Sparkassen es thun, das ist schon die

richtige Volkswirtschaft, das! Der Adam fühlt sich manchmal noch

altständig und sagte gestern ganz einfältig: „Wenn alle Stricke reißen

und alle Brücken brechen, so leben wir halt von dem, was wir selber

bauen. Und brauchen keinen Teuxel wen sonst dazu.“ -- Welch ein anderer

Stand könnte das je von sich sagen!

Na, ich wollte dir eigentlich etwas anderes erzählen.

Ich sitze auf der Karrenladung und leite mit der Gerte die braven

Ochsen stetig durchs Thal herein. Und lobe sie, daß sie so folgsam

sind und so fest anziehen, und die Gerte brauche ich nur, um ihnen die

zudringlichen Stechfliegen vom Leibe zu wehren. Wie wir zur Bachbrücke

kommen, steht dort der Lehrer. Er hat die Ärmeln aufgestreift und ist

beim Fischfang. Zwei weißbauchige Forellen hat er schon hübsch in

ein großes Lattichblatt gebettet und fragt mich gleich, ob ich sie

nicht wollte mitnehmen ins Adamshaus. Dort gebe es jemanden, der gern

gebratene Forellen esse.

Ich will zuerst dieser Sache ausweichen und sage: „Gieb acht, Winter,

daß dir der Konrad die Hand nicht abschießt!“ Denn der Jäger hat auch

die Aufsicht über das Fischwasser.

„Der Jäger Konrad ist zahm geworden,“ sagt der Lehrer. „Den muß das

böse Gewissen schon stramm zusetzen, des Rocherls wegen. Seitdem läßt

er alles gehen, ich glaube, vor dem könnte man jetzt den Steinbock aus

dem astronomischen Tierkreis schießen.“

„Ja ja, dort oben ist der Herrgott Jagdeigentümer, hier ist’s der

Baron!“

Dieweilen habe ich mein Fuhrwerk angehalten. Der Lehrer streift die

Ärmlinge vor und reicht mir eine Cigarre auf den Karren.

„Na nu! So etwas rauchst du?“

„Nein, ich nicht. Du sollst es rauchen.“

„Sehr verbunden, Herr Schuldirektor! Oder sind wir schon

Fleischermeister geworden, oder Groß-Käsehändler, daß es ein solches

Kraut giebt?“

„Vom Herrn Landtagsabgeordneten habe ich sie!“

„Und der Kulmbock raucht Regalitas?“ lache ich auf.

„Er sagt, der Bauer dürfe sich nicht lumpen lassen.“

Ich gebe ihm die Cigarre zurück. Was ich vom Rauchen halte, weißt du

ja. Und schon aus Achtung für meine Ochsen wollte ich mir das Ding

nicht ins Gesicht stecken.

Die Tiere fressen ruhig Kernkaut, das an der Brücke wuchert. Ich lasse

sie gewähren und denke: Wie packest du jetzt den Schullehrer?

„Willst sie denn nicht selber hinauftragen, deine Fischlein, ins

Adamshaus?“

„Verdammt heiß ist’s,“ sagt er.

„Man müßte eben des Abends gehen. Oder gar in der Nacht,“ klinge ich an.

„Wahrhaftig!“ sagt der Schelm ganz harmlos.

„Es ist halt nicht gar lustig, bei uns oben jetzt,“ sage ich.

„Ist was? Ist was?“ fragt er rasch.

„Ja, es ist was,“ antworte ich gelassen. Glaube beinahe, daß ich die

Worte so ein wenig gesungen habe.

Er lehnt sich angelegentlich an das Karrenjoch, schaut mir ins Gesicht

und sagt: „Was reden wir denn so. Du weißt es ja.“

Mit der Gerte streiche ich ihm über den Rücken. Er fährt auf und ich

sage: „Eine Bremse ist dir angesessen. Die Viecher stechen höllisch

arg.“

„Du bist wieder so besonders, Trautendorffer,“ sagt der Lehrer unsicher.

„Und ich kenn’ mich an dir nicht aus, Winter! Als ehrlicher Mann --

müßtest du schon wissen, was jetzt zu thun ist.“

Darauf er leidenschaftlich: „Wird nicht nötig sein, gleich den

ehrlichen Mann vorzuspannen. Der lauft dir nicht davon.“

„Dann werden wir uns leicht verstehen. Guido, du mußt dich erklären.

Mit der Mutter kannst offen reden. Beim Vater ist’s anders. Ich glaube,

der weiß noch nichts. Die höchste Vorsicht, ich sage es dir. Er ist

herzleidend.“

„Sollte er noch nichts ahnen?“

„Er ist ein altes Kind.“

„Dann steht dem armen Mädel das Schlimmste noch bevor,“ sagt er mit

einem Seufzer. Plötzlich stößt er heraus: „Freund, wie oft habe ich

diese Stunde verflucht!“

„Wie jeder, den die Liebe traf!“

„Diese verdammte Liebe!“

„Mein Freund, die Liebe ist nicht verdammt!“

„Sie ist anders, als man sich sie vorstellt! Da schleicht sie an, wie

ein Engel, der durchs Zimmer geht -- so fromm, so arglos. -- Warum

bleibt’s nicht dabei?“

„Ho, Falberle, ho!“ Denn die Ochsen zogen an. Der Karren ging quixend

vorwärts, der Lehrer schritt daneben her, stützte sich immer an das

Karrenjoch und sprach leise, rasch, fieberhaft: „Dumm wäre es und

schlecht wäre es, eine Rechtfertigung zu versuchen. Ich bin ja doch

selber Schuld, ganz allein ich. Die geschwisterliche Traulichkeit

läßt man sich nicht genug sein. In Gedanken wird gezündelt und immer

gezündelt -- wochenlang, und immer in Gedanken gezündelt. Man sinnet

sich ein, man regt sich auf, man sucht Gelegenheiten und führt die

unschuldige Liebe spazieren, wohin sie nicht gehört. Ganz unversehens

ist’s da, Leidenschaft und Gelegenheit beisammen und der Teufel ist

los.“

„Und das Philosophieren hinten drein hilft nichts,“ sage ich.

„Wenn ich’s allein zu tragen hätte -- nicht ein Wort! Mit Wonne würde

ich büßen.“

„Nun eben! Der Adam bringt’s und die Eva trägt’s.“

„Die Eva!“ fährt er auf. „Ich leide es nicht. Das ist kein Vergleich.

Als ob +sie+ mich verführt hätte! Das ist ja das Verfluchte: die

Schlange war ich. Das Mädel ist heute so unschuldig, wie vor einem

Jahre. Und jetzt -- leiden muß es +sie+. Sie allein. Wer eine

Taschenuhr stiehlt, der wird eingesperrt. Wer einen jungen Menschen

zerstört, der... Es ist ein abscheulicher Zustand. Ich sage es dir:

Jeder soll sich hüten!“

„Meinst du damit etwas? Stelle du dich deinen Schulknaben als warnendes

Beispiel auf. Ich brauche keines mehr. Meine Hundstage sind, sagen wir,

größtenteils vorüber. Man verflucht sich nicht, man findet sich ab.

-- Mich interessiert heute nur zu hören, mein lieber Winter, wann du

Hochzeit machen wirst?“

„Mich dünkt, Trautendorffer, du hast eben von dir selbst gesprochen.

Hast du dich auch stets mit Hochzeiten abgefunden?“

„Ich sage dir, wenn es nötig gewesen wäre, gewiß! Man bequemt sich den

Kreisen an, in denen man lebt.“

„Das denke ich auch,“ entgegnet der Lehrer. Und setzt bei: „Was meinst

du von der Bauernschaft? Wird jeder Bursch’, der ein Mädel gerne hat,

dasselbe gleich allemal heiraten? Und fragt der Bauer, der später die

Braut heimführt, ob er der Erste sei?“

„Teufel, was sind das für Ausflüchte!“ fahre ich auf.

„Ich meine nur, wenn man sich den Kreisen wollte anbequemen, wie du

gesagt hast. Ich weiß ja, was zu thun ist.“

„Na, das denke ich auch, Guido, daß du +dieses+ Mädel nicht mit

anderen Bauerndirnen vergleichen wirst. Diese Adamshauserleute, das

sind Sonntagsmenschen, mein Lieber! Obschon ihr äußeres Leben ein

einziger, lastvoller Werktag ist. Wäre ich ein junger Königssohn, mit

Demut würde ich werben um +dieses+ Bauernkind. -- Ja, ja, sieh

mich nur an! Du weißt es schon lange, daß ich sie liebe. Heute ist

diese Liebe allerdings noch eine fromme Schwester, um mich deiner

Poesie zu bedienen, aber sie könnte einmal etwas anderes werden. Sie

könnte eine Rächerin werden, verstehst du?“

„Hans, es scheint, daß du mich für eine Kanaille hältst.“

Nun bin ich aber vom Karren gesprungen, habe den Lehrer an den

Rockflügeln gepackt: „Sage mir klar, willst du sie heiraten oder nicht?

Ja oder nein!“

Er ist gar nicht arg verblüfft, sondern entgegnet: „Wenn du es wirklich

wissen wolltest, Freund Hans, das wäre nicht das richtige Fragen. Mit

einer Schreckensherrschaft dürftest du wenig ausrichten. Wenn ich dir

eine Antwort gebe, so geschieht es, weil ich sie geben +will+. Und

daß sie nicht eine plötzliche etwa gar herausgezwungene, sondern eine

vorbereitete ist, sollst du aus diesen Vorlagen sehen, wenn du die Güte

hast!“

Er zieht aus seiner Tasche Briefschaften. Die eine ist der Bescheid

seiner Zuständigkeitsgemeinde, die gegen eine Verehelichung nichts

einzuwenden hat. Die andere Schrift ist eine Abantwortung von der

Lehrerbehörde; sie sei dermalen nicht in der Lage, den provisorischen

Lehrer Herrn Guido Winter definitiv anzustellen, respektiv sein Gehalt

von dreihundert Gulden zu erhöhen.

Ich lege die Schriften in seine Hand zurück und sage: „Das soll also

die Antwort sein!“ Doch ist meine Stimme durchaus nicht mehr so

zuversichtlich laut. Mit dreihundert Gulden heiraten! Und eine alte

Mutter, glaube ich, ist auch noch da.

„Das ist nur die Antwort, weshalb ich gezögert habe,“ sagt der Lehrer.

„Es wird trotzdem ernst. Ich habe einmal ein Duell abgelehnt. Der

damals erspart gebliebene Mut ist jetzt gut hernehmen. Ich heirate mein

Mädel auf dreihundert Gulden.“

„Gut,“ sage ich, „beim Mädel bleibt’s. Das steht fest.“

„Wie der Rechenstein!“

„Wie der Rechenstein. Des Weiteren wegen sprechen wir noch. Du weißt,

daß ich dein Freund bin. Und jetzt müssen wir den Berg hinan alle drei,

ich und die Öchslein. Sage mir noch, Guido, wann erwartet sie?“

„Um den ersten Teil des September.“

Am achtundzwanzigsten Sonntage.

Immer reizt es mich, lieber Freund, dir meine Erfahrungen über das

Leben der Haustiere zu schildern. Über das leibliche und -- höre es!

-- auch über das seelische Leben der Rinder, Schafe, Schweine, Hunde

und Hühner! Wollen aber diese Darstellungen doch auf eine günstigere

Zeit aufheben, wenn die „Vieher“ nicht unmittelbar über die Achseln

aufs Blatt schauen. Wir verfassen dann ein Werk darüber. „Das

Seelenleben der Haustiere.“ Ich gebe die Empirik, du das System und

die Philosophie. Als Motto sage ich dir heute schon: Die Ochsen und

Kühe sind auch Menschen, nur solche mit vier Füßen. Ihre Freuden und

Leiden merkt man ihnen leicht an, ihre Liebe und ihren Haß bekommt man

manchmal zu spüren. Ihr Glauben und ihr Zweifeln beeinflußt ihr Wollen

so gut, wie bei uns. In ihren Träumen haben sie ein zweites Leben wie

wir. Von ihren Gedanken würden unsere Philosophen sehr vieles lernen,

wenn sie einstweilen so klug wären, ihre Sprache zu verstehen.

Es ist durchaus verständlich, daß diese Tiere im Bauernhofe wie

traute Hausgenossen behandelt und geachtet werden. Wie Lebensgenossen

geliebt, wenn du willst! Nicht allein, daß sie eine Sprache für sich

haben, verstehen sie auch die menschliche, so weit sie sie angeht.

Du mußt einmal ein Rinderfuhrwerk gesehen haben, auf der Straße

oder am Pflug, du mußt einmal ein Kuhmelken beobachtet haben, oder

das Herdelocken eines Hirten -- und du wirst dir gewiß schon gesagt

haben: da ist mehr dahinter, als unsere alten Gelehrten wahrhaben

wollen. Mein Adam ist nicht der Gesprächigsten einer, doch wenn er

mit seinen Haustieren zu thun hat, da geht ihm Herz und Mund auf.

Denen Herrschaften erzählt er ganze Geschichten aus seinem Leben,

die allerdings so harmlos sind, daß sie in jedes Familienjournal für

Kälber und Schafe Aufnahme finden könnten. Er macht auch Späße, bei

denen die Ochsen nicht gerade offen lachen, immerhin aber ein ganz

munteres Geschau bekommen. „Geh, sei so gut, Falber,“ sagte er vor

ein paar Tagen bei einem Fuhrwerk zum Rinde, „laß mir meine Joppen

ein bissel an’s Hörndel hängen!“ Denn es war heiß und der Ochse trug

gehobenen Hauptes den Rock fast feierlich heran und schmunzelte ein

wenig dabei. Am liebsten hören sie es natürlich, wenn er sie zum Heu

lockt, oder zum Salz, wovon jedes jeden Tag ein Stücklein aus seiner

Hand in die Schnauze bekommt. Aber sie achten es auch, wenn er sie

am Pfluge leitet, und wissen, daß sein Hi -- vorwärtsgehen und sein

Hota -- stehenbleiben bedeutet. Wenn er ihnen auf der Weide strenge

zuruft, nicht ins Haferfeld zu gehen, nicht vom Kleeacker zu naschen,

so gehorchen sie zumeist gutwillig. Doch giebt es sehr unterschiedliche

Ochsencharaktere. Da haben wir einen grauen Recken mit breitem, kurzem

Kopf und schwarzer Schnauze, die immer tropfig ist. Der läßt sich alles

ruhig gefallen, das schlechte Gras und die Gertenhiebe, der regt sich

nie auf, strengt sich nie an, läßt am Karren den Kameraden anziehen und

schreitet würdevoll nebenher. Der läßt sich den verbotenen Klee auf

der Wiese mit demselben ruhigen Gewissen schmecken, wie das Heu aus dem

Troge. Einen Falben haben wir, der ist der Fleiß und die Treue selber.

Er zieht an der Egge oder am Karren immer scharf drein, ohne daß die

Gerte seinetwegen zu pfeifen braucht. Er kann einen halben Tag lang

am Raine grasen neben dem Kohlgarten, ohne daß er sein klobiges Haupt

nach dem süßen Kraut wendet, weil er aus mancherlei Erfahrungen weiß,

daß es der Adam nicht leiden mag. Da haben wir einen schwarzen Stier

mit dicken, kurzen Hörnern und einem schrecklich wuchtigen Hautlappen

am Halse, der bei jedem Tritte schwer hin- und herschlägt. Das ist ein

händelsüchtiger Geselle, wählerisch im Futter und zur Arbeit überhaupt

nicht zu brauchen. So oft ihm ein Geschlechtsgenosse in die Nähe

kommt, brüllt er auf, sucht ihm mit dem Horn einen Schurf oder mit

dem Hinterfuß einen Schlag zu versetzen. Gegen Kühe und Kalben ist er

sehr zuvorkommend und streichelt sie verführerisch mit seiner rauhen

Zunge am Kopf, am Hals, an den Hüften, bis sie ihm verfallen sind.

Er ist sich seines Berufes für den Gai bewußt und läßt sich durchaus

weder von einer Rute noch von einer Zaunplanke Gesetze geben. Nur meine

Gerte hat ein Pfeifen, nach dem er manchmal tanzen muß. Im nächsten

Herbste, meint der Rocherl, wird dem Schwarzen etwas passieren, wonach

sein Haar bald ergrauen dürfte und sachte weiß werden, wie bei einem

Ochsen. Unterricht? Diesmal erteile ich dir ihn nicht. Du kannst den

Kulmbock einmal danach fragen. Der besorgte früher das Geschäft für die

ganze Gegend. Jetzt, weil er einer ist, „der keine Schuhnägel frißt“,

fürchten wir, wird er Geschichten machen und in so untergeordneten

Sachen nicht mehr gemeinnützig sein wollen.

Seit jener Nacht, als der Hasenschrecker herabgestiegen war zum Fenster

der Barbel, haben wir einen zottigen Haushund. Der abgewirtschaftete

Nans, der weit fort in eine Fabrik gehen will, hat das Tier dem

Adamshause vermacht. Eine Woche lag es an der Kette, dann war es

angewohnt und konnte freigelassen werden. Bismarck heißt der Pudel.

Der Nans hatte nämlich als Soldat den Germanenherzog einmal hoch

zu Roß gesehen und aus Bewunderung für ihn den Hund also getauft.

Der Pudel sucht seinem großen Namensvetter Ehre zu machen durch

Klugheit, Schneidigkeit und Wachsamkeit. Landstreicher haben die

größten Unannehmlichkeiten mit ihm, bevor sie von der Hausmutter ihr

Almosenbrot ergattern. Dann legt sich der Bismarck, indem er sich

etliche Male im Kreise dreht, aufs Stroh im Vorhause, bettet seinen

Kopf mit den breiten Ohrlappen auf die Vorderpfoten und macht die

Augen zu. Wie ein Maurer schnarcht er manchmal. Sobald aber draußen

von irgend einer Seite dem Hause auf hundert Schritte etwas Fremdes

naht, fährt er bellend auf, zottet hinaus und prüft die herankommende

Wesenheit, ob sie verdächtig ist oder nicht. Der alten Marenzel war er

einmal auf den Korb gesprungen; sie, einer Ohnmacht nahe, hatte schon

geglaubt, ihr armes Dachsel wäre vernichtet -- aber vom Bismarck war

das nur Spaß gewesen und wedelte er vergnüglich mit der Schwanzfahne;

als ihm die Alte dankbar für die Verschonung ein Stückchen Speck

zuwarf, ließ er es liegen. Wenn der Hund mit seiner zarten Zunge dem

Rocherl manchmal die schmerzende Hand leckt, da muß man sein Auge

beobachten. Die funkelnden Wolfslichter werden zu milden, treuen

Menschenaugen, die voller Mitleid zum armen Burschen aufschauen.

Und so, Alfred, wollest auch du unserem neuen Hausgenossen deine

Freundschaft schenken.

Das Adamshaus hat ein Teilrecht an den Almweiden des Scharecks.

So haben wir vor einiger Zeit zwei paar Ochsen und die Kalbinnen

hinaufgetrieben. Die eine Kalbin ist der Liebling des Mädels, und

da hat’s einen Abschied gegeben. Hinter dem Futterbarren der Knecht

versteckt mit der Streugabel -- das war wieder so etwas für ihn. Zuerst

streichelt sie dem jungen Rind lange den Backen, dann kraut sie ihm den

Kopf zwischen den kaum noch hervorguckenden Hörnern und dann flicht sie

ihm mit Tannenzweigen einen Kranz aufs Haupt. Und endlich hebt sie an,

mit der Kalbin zu plaudern -- halblaut, vertraulich: „Im vorigen Jahr,

mein du! Weißt du noch? Sind wir zwei miteinander gegangen auf die Alm.

Jede mit einem Kranzel auf dem Kopf. Seither hat sich was verändert,

mein du! Verwundern wirst dich, wenn du wieder heimkommst, im Herbst.“

Die Kalbin macht großmächtige Augen: Verwundern! Wieso?

„Weiß nit, wie ich dran bin,“ flüstert das Mädel weiter und hat ein

ganz anderes Gesicht als sonst, alle Mienen zucken. „Weiß nit, ist’s

zum Verzweifeln oder zum Juchezen.“ Ihren Arm legt sie um den Hals des

Tieres, ihre Wange drückt sie an seinen Kopf. „Was Lebigs wachst!...“

Die Kalbin dreht ihren großen pechschwarzen Augapfel dem Mädel zu. Sie

versteht nicht ganz.

„Schämen thu ich mich neun Klafter tief in die Erden hinein,“ fährt die

Barbel fort.

Die Kalbin gleichmütig: Das hilft alles nichts, das muß ertragen sein.

„Mein größtes Anliegen sind Vater und Mutter.“

Die Kalbin: Denen wird’s auch nichts Neues sein.

„Und immer einmal ist mir so gut -- so glückselig!“

Die Kalbin: Natürlich, wenn Eins zwei Herzen hat!

„Wenn ich nur den Guidel so kunnt halsen, wie dich!“

Leidenschaftlich kost sie das Tier und ihr aufgelöstes Haar kräuselt

sich um seinen Kopf. -- Dann sinnt sie still für sich hin, dann murmelt

sie ein Gebet, an dem ich nur die letzten Worte verstand: „-- der ist

mein Verderben, sonst kunnt ich als reine Jungfrau sterben...“

Mir war ganz traumhaft, ganz taumelig, ganz rauschig, und mußte mir

noch sagen: Unverschämter Kerl. Aber hatte ich denn davon können hinter

dem Barren? Es wird mich lange brennen.

Dann sind wir auf die Alm gezogen, der Rocherl und ich, mit den

Rindern. Schwer bepackt mit Lebensmitteln, Gewand, Bettzeug und

Vieharzeneien. Die Kalbin kam mir ganz heilig vor. Die Vertraute. Aber

zum Rocherl habe ich nichts gesagt. Der war schier leblustig, begann

einmal zu jodeln -- brach aber mitten im hellsten Klange ab. -- Der Weg

über die Hochmatten hin stieg sachte an, von einer Kuppe zur andern.

Die Höhen sind fein glatt, die Ausblicke so weit, daß ich fürchte,

es könnten sich Touristen züchten im Almgai. Glücklicherweise ist

nichts zum Klettern da. Das Schareck ist wohl ein ruppiger Felskegel,

mit Knieholz bewachsen, hat aber, wie mir der Lehrer sagt, im roten

Buch keinen Stern und du weißt, daß nur solche was gelten, die einen

Orden tragen. Vorläufig wären wir also sicher. Von den Almen geht’s

nach drei Seiten tief niederwärts in die bewaldeten Thäler, an deren

Bächen die langgestreckten grünen Wiesen liegen. Weit draußen an den

Lehnen die Bauerngründe. Dort steht auch der senkrecht aufspringende

Rechenstein, an dessen Fuße das weiße Kirchlein von Hoisendorf

schimmert. Bergrücken, die einen ätherigen Schleier haben, verdecken

den Vordergai. Unsere Almhütten liegen nach den Messungen des Lehrers

über siebzehnhundert Meter hoch. Es stehen noch ein paar Fichtengruppen

dort, die aber ihre zerzausten Äste alle nach einer Seite hin wachsen

lassen, im Sturm erstarrte Windfahnen. Die Hütten stehen unter dem

Scharek in einem kleinen Kessel, auf dessen Weiden graue Steinblöcke

liegen. In dem mit Stangen eingefriedeten Pfränger, dem Tummelplatz

des Viehes, wächst üppiger Sauerampfer. Die kleinen Hütten selbst sind

ganz musikalisch, so pfeift durch die Fugen ihrer Zimmerung der Wind

in allen Tonarten. Ihr steiles Bretterdach scheint wohl die Absicht zu

haben, Herd und Bettstatt vor Regen zu schützen, erreicht diese Absicht

aber nur bei schönem Wetter. Die Gleichgültigkeit dieser Älpler gegen

Regen und Sturm ist fast gottlos. Scheint die Sonne, so schafft man

in bloßen Hemdärmeln, regnet oder schneit es, so werfen sie sich den

Wettermantel über den Leib, einen Lodenfleck, der mitten das Loch hat,

um den Kopf durchzustecken. Selbst im Juliregen sind Schneeflocken

nichts seltenes, kein Mensch spricht davon.

Am Tage unseres Auftriebes sind auch von anderen Seiten die

Nachbarstriebe heraufgekommen, Halter und Senninnen, die auf der Alm

ihre Milchwirtschaften einrichten über den Sommer. Lustig ist es

hergegangen. Das Kuhgeschelle, das Blöcken der Rinder auf den Weiden,

das Jauchzen der Bergfrohen, das Hin- und Herrufen der Ankommenden und

das Blasen der Alphörner, hier „Flatschen“ genannt -- allzusammen mir

ein ganz neues Rauschen des Lebensstromes.

Von der Nachbarsalm ist ein Hirte da, ein alter borstiger Besen. Als

ringsum die Kuhschellen schrillen, ruft er: „Leut’, sie thun schon

zusammenläuten zu der Predigt.“ Springt auf einen Holzschragen und

singt in Predigerton das Lob der Almdirndeln. Ihre Nächstenliebe!

Ihr Gerngeben! Und ihre große Züchtigkeit faßt er schließlich in dem

Vierzeiler zusammen:

„Zum Dirndel ihrem Kamerl

Is a dicke, an eichnene Thür,

Hat a dreifaches G’schloß

Und als Riegel -- is a Strohhalmerl vir!“

Vom Kulmbock ist die Tochter da, eine üppige Rundlichkeit auf und auf.

Der Rocherl nennt sie einen „harben Kerl“. Was er damit meinen mag?

Diese anlebigen Augen unter ihrem Strohhut! „Es ist Feuersgefahr,

meinst du nicht, Rocherl?“ Fortwährend schalkt sie über den Zaun

herüber, um einzufädeln, und wenn ihr mein Junge was hinüberstichelt,

giebt sie’s derb zurück. Und der Rocherl verdoppelt es keck und da habe

ich meine Wunder gehört, was die für eine Sprache führen, wenn Vater

und Mutter weit weg sind.

„Ich kenne dich nicht, Rocherl!“ ist mein Aufwecken. „Wenn so was deine

Schwester hörte!“

„Die Kulmbockische ist schon was gewohnt“, antwortet er, „um die thut’s

mir nit leid. Und der Andere“ setzt er zögernd und finster bei, „der’s

der Barbel hat angethan, --“

„Was meinst?“

„Der -- lebt nimmer lang.“

Und da zuckt in seinem Aug ein grünliches Blitzen, mit dem Arm fährt er

aus, daß die Schlinge reißt. Das kann ich mir nicht reimen. In diesem

Knaben brennen allerhand Feuer.

Am Abende, als wir unser Vieh in dem Almstall untergebracht und uns

in der luftigen Hütte eingeheimt hatten, röstete er auf dem Herdfeuer

Mehlnocken -- ich habe schon bessere Soupers mitgemacht. Auswendig

waren sie verbrannt und inwendig spickig, auch hatte der Koch das

Salzen vergessen, aber sonst waren sie gut. Das Heu nachher war

noch besser, wir genossen es nach unserer Weise, indem wir uns lang

und breit darauf hinlegten, ich hinten bei den Brettern, er bei der

Thürwand. Von den Nachbarhütten her gab’s noch Gelächter und man hörte

die grelle Stimme des „harben Kerls“.

Endlich war alles still geworden, nur daß manchmal ein Dachbrett ächzte

im Nachtwind. -- Oder war es der Rocherl?

„Es muß sich das Wetter ändern,“ sagte er auf einmal von seinem Heu

herüber.

„Schlafst du denn noch nicht, Bergsohn?“

„Mir bohrt’s wieder in der Hand.“

„Soll ich sie dir verbinden? Du hast sie heute so aus der Schlinge

geworfen.“

„Ich weiß ein anderes Mittel,“ sagte er, „und das will ich probieren.

Wo hast du den Ruckkorb hingestellt? Ich hab’ Hexenkraut mitgenommen.

Wenn’s dem Vater hilft, kann’s mir auch helfen.“

In seinem groben Hemde ging er in den Winkel, wo der Korb stand, kramte

etwas hervor und nicht lange, so stand er an der Herdglut und atmete

gierig den Rauch des glosenden Krautes ein.

Zur Stunde habe ich mich erinnert, daß das Hexenkraut ein Früchtel aus

dem Mittelalter ist, welches durchaus keinen guten Ruf hat. Damals

hat man es „Liebesklee“ genannt, der berückenden Träume wegen, die es

hervorgebracht haben soll. Nun, seither ist das Unkraut älter geworden

und anstatt, daß es arme müßige Seelen in den Irrgärten der Liebe

umherführt, widmet es sich jetzt der christlichen Barmherzigkeit,

stillt Lungenkrämpfe und die Schmerzen übel geheilter Schußwunden. Der

Adam wird allemal recht ruhig davon. Und der Rocherl, nun der ist auch

ruhig geworden. Ganz fest und auch süß mußte er schlafen, denn kein

Atemzug war zu vernehmen her von seinem Heu.

Schon nach Mitternacht ist’s, daß mich ein Lärm weckt. Er kommt von den

Nachbarhütten. Ein Poltern, Schreien und Fluchen.

„Rocherl!“ sage ich, „hörst du nichts? Mir scheint, sie raufen.“

Er hört es nicht und steht nicht auf. Soll sich ausschlafen, denke

ich, verlasse mein Lager, suche im Dunkeln die Rindspeitsche und

gehe hinaus. Und finde die Kerle draußen vor der Kulmbockhütte im

Handgemenge. Zwei Halterburschen haben einen dritten unter sich, auf

den sie mit Fäusten losdreschen. Ich lasse eilig meinen Riemen zischen,

da fahren sie auseinander, und wer sich schwermütig vom Boden erhebt

und die Sterne des Himmels in sein verknülltes Gesicht schauen läßt,

das ist mein Rocherl. --

„Teuxel noch einmal!“ knurrt er und macht mit der einen Hand, als wolle

er sich den Rücken glatt streichen. „So was ist mir auch noch nit

passiert.“

„Haben sie dir stark aufgeladen?“

„Meinetwegen, sie kriegen es schon zurück. Aber die andere Dummheit. --

Zu der Kulmbockischen hat er mich tragen wollen, der Teuxel!“

„Hast doch schon so fest geschlafen!“

„Ich? -- Ja die Hand, die ist bald gut gewesen auf das Rauchen. Nachher

--“ Mit ärgerlichem Lachen hat er’s einbekannt, daß ihm auf einmal so

absonderlich geworden sei. „Bin ganz munter gewesen und hab’ gemeint,

es müßt sein auf der Stell. Aufgestanden bin ich und zu der andern

Hütten hinüber. Vor der Thür sind wir zusamm’kommen, der Gleimer-Jockel

und der Wendhoferische. Na, die sollen sich g’freuen! Sei so gut,

Hansel, binde mir jetzt die Hand ein. Saggra, das grabt! -- Das ist

wieder einmal eine Dummheit gewesen!“

Ja, Philosoph, es ist ein himmelweiter Unterschied, ob das Kraut von

einem alten Manne angewendet wird, oder von einem jungen.

Nächstens muß ich’s doch selber probieren.

Am neunundzwanzigsten Sonntage.

Nun heben die Feste an. Es beginnt das Ernten.

Zuerst reift uns das, woran wir das geringste Verdienst haben. Wasser

leiteten wir auf die Wiesen, das war so ziemlich alles. Das Wasser löst

in der Scholle die gebundenen Kräfte und nun steht die üppige Halm-,

Blätter- und Blumenwildnis da. Am Morgen heben sich die taufeuchten

Knospen empor, im jungen Sonnenschein entfalten sie sich und lachen

in allen Farben den ganzen Tag. Und schaukeln im Winde ihre Glocken

und Kronen, umtanzt und umworben von summenden Hummeln und flammenden

Faltern. Gegen Abend senken sich die Blumen müde niederwärts und

schließen sich zu und die kleine unendliche Tierwelt birgt sich unter

Blättern und im Wurzelgeflecht. Immer möchte man dastehen und die

Herrlichkeit betrachten, anstatt dessen muß man sie mit der Sense

zerstören. Das gehört auch zum Menschenfluch -- er macht die Blume zu

Heu!

Freund, das Mähen ist schwer! Die härteste Arbeit im ganzen Jahr!

Damit entschuldigt mich der Adam, wenn’s nicht klecken will. Schon

die Vorbereitungen deuten auf Außerordentliches, so das schallende

Dängeln der Sicheln am Vorabend, so der kräftige Weckruf am Morgen,

so das stattliche Frühstück um sieben Uhr früh auf der Wiese. Aber du

mußt vorher drei Stunden mähen. Taunasses Gras schneidet sich besser

als eins, das die Sonne gewelkt hat. Schon seit einigen Wochen hatte

ich mich geübt in der Führung des grauenhaften Messers und spiele

nun leidlich den Sensenmann, blühendes Leben vor mich niederzulegen

in langen Machden, die hinterher der Franzel mit der Holzgabel

auseinander streut. Der mit Wasser und Stein gefüllte Wetzkumpf hängt

mir hinten, so wie euch der Zopf. Aber unten am Gürtel. Und nach

jedem dritten Dutzend Hiebe ins Gras -- die Sense zählt fast jeden

Streich mit einer kleinen Scharte -- muß sie geschärft werden mit

dem Wetzstein. Schüttest du dir ungeschickterweise beim Bücken das

Wetzkumpfwasser über den Kopf, so magst du den Stein nachher ins nasse

Gras tauchen; ausgelacht wirst nicht, weil jeder mit sich selbst zu

thun hat. Die Reihe bei uns ist nicht lang. Voran der Hausvater, der

in seiner blädernden Leinwandhose gebückt und weitbeinig dasteht und

mit jedem Hieb einen Schritt weiter schleift. Dann meine Wenigkeit

mit ihren unterschiedlichen Nöten; hinten die Hausmutter, die sehr

schneidig dreinmäht und mir stets hart an den Fersen ist. Es ist eine

schreckliche Marschroute, Stund’ für Stund’. Zum Glücke hat man dabei

keine Gedanken, man schwitzt alle heraus.

Die häuslichen Arbeiten besorgt das Mädel. Der Rocherl hat seinen

Almdienst dem Gemeindehalter übergeben und weidet die Schafe am Rain.

Dabei flucht er wieder etwelches über den Jäger Konrad, der ihn unfähig

gemacht hat zu jeder starken Arbeit. „Der Vater mit seiner kranken

Brust muß mähen und ich muß müßiger Schäfer sein!“ klagte er mir.

Könnte der junge heißblütige Mensch so arbeiten, als wir anderen, er

würde sich nicht verlieren, die Kraft würde sich nicht umsetzen in ein

dämonisches Seelenleben, vor dem mir manchmal so bange ist.

Freilich muß der Adam oftmals aussetzen mit der Sense, um sich

verschnaufen zu können. Die Mutter hat immer das Hexenkraut mit, aber

bisher ist es auf der Wiese nicht nötig gewesen. -- Steht die Sonne

hoch, dann hängen wir die Sensen in den Schatten eines Strauches,

nehmen Gabel und Rechen, krauen die flachgestreuten Futterschichten um,

so daß sie über und über trocknen, und am nächsten oder übernächsten

Tage zu Haufen oder Schöbern gespeichert werden können. Vom Wetter

getrauten wir uns nicht ein Wort zu sprechen vor lauter Frohsein, daß

es so schön war. Wir könnten es verschreien. Nur einmal sagte der

Adam fast beklommen vor Freude, ein so gutes Heu, wie dieses Jahr,

hätte er schon lange nicht mehr bekommen. Dieser Duft! Köstlich wie

der Geruch des feinsten chinesischen Thees. Die Leute wissen nicht,

weshalb es beim Heuen so heiter hergeht, es ist der Rausch der Düfte,

die aus welkenden Kelchen steigen. Über Nacken und Antlitz rieselt

prickelnd der Schweiß, immer und immer bestätigend jenen uralten Fluch

oder Segen: Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dir dein Brot

verdienen! -- Das heißt einmal Wort halten, du heiliger Herrgott! --

Hingegen muß ich sagen, daß meine alten Kopfschmerzen, die mich sonst

in der heißen Jahreszeit gequält haben, bisher hier ausgeblieben sind.

Am Donnerstage abends war’s, als ich über den Hof gegen meine

Schlafkammer schritt, daß von Barbels Stube her die scharfe Stimme der

Hausmutter erscholl. Sie steigerte sich bis zur höchsten Heftigkeit.

Dann hub sie an, laut zu gröhlen. Das Mädel habe ich gar nicht gehört.

Als wäre es froh, daß der gefürchtetste Sturm vorüber, herzte es am

nächsten Morgen das schwarze Lamm und sprach: „Du bist ja mein! Du

bist ja mein! Du bist ja mein!“ Das Tier leckte an ihrem roten Mund.

Da lachte sie, und lachte so klingend, daß das Lamm emporfuhr und sie

erschrocken ansah.

Und am Samstag war’s, als der Hausvater, der Rocherl und ich auf

einem Heuhaufen saßen und „Halberabend“ hielten, das heißt, das

Nachmittagsbrot einnehmen. Es bestand aus Buttermilch und Topfen, in

einem Brei vereint, eine der wenigen Speisen, die mir trotz aller

guten Zucht gar nicht in den Schlund wollen. So legte der Adam mir den

Brotlaib vor: „Heiz ein, Hansel! Hast brav angezogen, die Wochen. Jetzt

lassen wir’s gut sein, für heut. Eine Freud’ ist’s, so ein Heu! Eine

Freud’ ist’s!“

Dann gingen wir, unsere Gabeln und Rechen auf der Achsel, langsam in

den lieblichen Feierabend so dahin, die Sonne stand noch über den

Bergen. Sagte der Adam plötzlich: „Und daß mir der Stein vom Herzen

ist, Gott Lob und Dank, daß er mir vom Herzen ist! -- Gestern hat sie

ja gelacht wie ein lustiges Vogerl in den Lüften!“

Da habe ich gesagt: „Wer sollte denn nicht lustig sein, wenn es so

schönes Heu giebt!“

Er blickte mich rasch an und wieder weg. -- Wenn’s ein so schönes Heu

giebt? Ist denn das Mädel ein Heu? -- „Bleichsüchtig wird sie sein,

oder was Teuxel. Und blutarm, daß sie sich so stark anlegt im Sommer.

Mein Gott, alles eins, Kranksein oder Betrübtsein. Nur brav bleiben! --

Gott Lob und Dank, daß sie wieder lachen thut!“

Die Spatzen pfeifen es auf dem Dache. Die paar Schwalben, die noch

um unsere Giebel kreisen, wissen auch was. „Hörst sie?“ hat mich

der Rocherl gefragt. „Hörst, was sie singen?“ Und zwitscherte --

der Vogelsprache kund: „Der Schulmeister ist ein Erzspitzbub’, ein

Erzspitzbub’, bringt Dirnlein in die Schand’, in die Schand’, und laßt

sie sitzen!“

„Dumme Ludern, diese Vögel!“ sage ich.

Der Junge legte den Finger an den Mund: „Hörst es, was jetzt einer

singt? -- Totschießen, totschießen....“

„Ei, was dir nicht beikommt!“ lachte ich gröblich drein, „verstehe sie

doch besser: ‚Brotessen, brotessen! Und hast du Junge im Nest, Junge im

Nest, so mußt du sie fleißig atzen.‘“

In dem Augenblick, wie dem Burschen im Horchen auf den Vogel das

Gesicht sich versichert, fährt es mir kalt über den Rücken. Was ist das

für ein Menschenantlitz?

Erdsegen: Vertrauliche Sonntagsbriefe eines Bauernknechtes. · 第 19 / 46 题