„Christi Heiland!“ rief die Mutter. „Du hättest den Schusterbuben in
die Hütten gesperrt! Daß er auf den Tod ist worden! Ja warum denn,
gottverlassener Mensch!“
Der Rocherl blickte um sich, blickte die Barbel an, den Vater, endlich
auch die Mutter, und antwortete: „Das kann ich nit sagen.“
„Die Marenzel schreit herum, sie werde dich von den Schandarmen abholen
lassen. Da wolltest du ein bissel länger sitzen müssen, als ihr Clemens
in der Hütten!“
Der Rocherl nichts, als ein Achselzucken.
Später habe ich ihm draußen unter den Kirschbäumen zu bedenken gegeben,
daß er den abscheulichen Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen dürfe.
Da wird er zornig und schreit: „Stell’ dich nit so blöd’! Du weißt es
recht gut, wie es ist. Mich rechtfertigen -- nichts leichter, als das!
Soll sich die Barbel das Herz abkränken, wenn sie den Schimpf erfährt?
Und den Vater der Schlag treffen wegen des Hasenschreckers und was
dran ist zu verstehen gewest? Laß mich aus, da will ich lieber mit den
Federbuschmännern davonspazieren.“ -- ’s ist doch ein Kerl zum Küssen.
Der Konflikt ist zur Stunde aber schon gelöst und die Barbel hat’s
gethan. Die Barbel ging hinab zum kranken Clemens um ihn zu trösten und
auszufragen, wie es gekommen sei. Beim Jungen war vorher gerade der
Kurat gewesen mit den Sterbesakramenten.
Der Kranke soll ihr gleich die glühheiße Hand entgegengestreckt haben
und sie um Verzeihung gebeten.
„Was hab’ denn ich dir zu verzeihen?“ hat sie gefragt.
„-- Das mit dem Hasenschrecker und dem Kind vor deinem Fensterl.“ --
So hat sie’s von ihm selbst erfahren. Mit keinem Auge soll sie gezuckt
haben. Sie gab ihm die Hand: „Wegen meiner sollst in Frieden sein,
Clemens. Ich trag’, was mein ist.“
Und wie hat der Rocherl dreingeschaut, als das Mädel heimkommt und zu
ihm sagt: „Bruder, der Clemens laßt dich grüßen und bitten, daß du ihm
verzeihst. Er thut’s auch dir.“
Jetzt ist’s ihnen beiden leid, wenn der Saufüsselbub sterben muß. Die
Mutter weiß auch davon, nur der Vater kann immer noch nicht begreifen,
was doch dem Rocherl mag eingefallen sein. Er will übrigens jetzt die
Barbel auf eine Alm schicken in die Sennhütte, damit sie ihre Schwermut
sollt’ verlieren. O einfältiger Adam du! --
* * * * *
+Nachschrift.+ Um Mitternacht. Mir zittern die Hände und doch muß
es dir noch geschrieben werden. Eine plötzliche Veränderung wollte es
nehmen.
Nachdem ich den Brief an dich geschlossen, war im Stalle den Ochsen
noch Reisigstreu hinzuschütten. Ich thue das mit der eisernen
dreispießigen Gabel, und da springt der Rocherl rasch zur Thür herein,
auf mich zu und reißt mir heftig die Gabel aus der Hand. An seinem
Munde weißer Schaum, die Waffe zückt er gegen mich, während ich sie
noch am Stiel erfasse und ablenke.
„Was willst du, Mensch!“
„Hund, ich stech’ dich nieder!“ schnauft er. Wir ringen um die Gabel.
Er ist von Sinnen! Er ist von Sinnen! sonst kann ich nichts denken.
Sein einziger Arm hat dreifache Kraft, wie zwei Tiger, so ringen wir,
von einer Wand zur andern fahrend, daß es dröhnt, bis endlich die
Streugabel in meiner gehobenen Hand bleibt.
Starr stehen wir uns gegenüber.
„Was bedeutet das?“ frage ich.
„Das wirst du schon selber wissen!“ sagt er knirschend.
„Bei Jesu im Himmel, ich weiß es nicht!“
Er langsam, wie träumerisch: „Bei Jesu im Himmel? -- Du weißt es nicht?
-- Dann werde ich dich schon erinnern müssen.“
„Was soll das Umreden! Sag’s, was du meinst!“
„Verstell’ dich nit, Hansel. Gesteh’s nur offen ein, daß du die Schuld
bist. Bei ihr...“
Jetzt habe ich ihn aber auch verstanden. -- Daß er es noch nicht wissen
sollte, was ich weiß! Aber wie soll er’s denn wissen, wenn es der
Lehrer mir als Geheimnis anvertraut hat!
So sage ich nun zum Rocherl: „Wenn es so steht! Wenn ich in
+diesem+ Verdacht bin! Wenn man mich gleich niedermachen will,
anstatt dort anzufragen, wo man’s doch leicht würde erfahren können,
dann -- bleibt mir keine Wahl mehr, was zu thun ist. Meinen Dank an
deine Eltern für alles Gute -- du kannst ihn ausrichten, oder auch
nicht, wie du willst. Morgen früh braucht mich dein Vater nicht mehr zu
wecken.“
„Fortgehen ist freilich das Bequemste,“ sagte er.
„Rocherl! Mein Bleiben dürfte dir nicht wohlbekommen!“
Er sagt nichts mehr, stolpert aus dem Stall.
Dann habe ich begonnen, meine Sachen zusammenzusuchen und in ein Bündel
zu thun und bei mir gedacht: So muß es enden! Und als das Bündel fertig
war und ich an der Thür stand, hinausschauend in die sternhelle Nacht
-- da kam er über den Hof gegangen. Einige Schritte vor der Thür blieb
er stehen und fragte leise: „Bist noch da?“ Dann trat er ganz an mich
her, hielt mir die Hand entgegen: „Hansel, verzeih’ mir. Ich weiß es
jetzt schon. -- -- Bleib’ da bei uns -- bleib’ da!“ Und fiel mir an die
Brust und weinte so wild, so schwer, daß ich hätte vergehen mögen vor
lauter Erbarmen.
Das, mein Alfred, habe ich dir noch schreiben müssen in dieser
Sommernacht.
[Illustration]
Am siebenundzwanzigsten Sonntage.
Es ist doch eine Freude, jetzt! Die Haferfelder grünen frisch auf und
lachen uns schon Dank zu. Das Korn steht hoch, viele Halme höher,
wie ein Mensch. Wenn man auf dem engen Fußsteig durch das Kornfeld
dahingeht, so streicheln einem wiegende Ähren die Wangen und ihre
zarten Blüten bleiben hängen im Haar und ihr Duft weht in die Seele
einen süßen Rausch. Wie ein bläulicher See wallt die Fläche, wenn die
Luft streicht. Zwischen dem Gehalme leuchtet dort und da der glühende
Mohn hervor, oder das feurige Blau der Kornblume, Schönheiten, die
aber meinem Adam nicht recht gefallen wollen, weil sie „Unkraut“ sind.
Überall wirbelt Gesang der Lerchen, und man sieht keine; in den Halmen
zirpt es, im hohen Himmel klingt es. Was ist alle gemachte Poesie in
einer großen Stadt gegen die Schönheit eines Kornfeldes!
Vor ein paar Tagen haben wir stundenlang gezittert. Im Hochgebirge
stand ein Gewitter. Zuerst waren die weißen Nebelstreifen
niedergeflossen in die Schründe und Schluchten, sachte sank das schwere
Gewölk ins Hochthal herein und in den Lüften war ein Rauschen, als
rieben sich in ungeheueren Säcken gedörrte Nüsse. Auf dem Rechenstein
haben sie geschossen. So dunkel war es geworden in der Stube, daß die
Wetterkerze, die mein Hausvater angezündet hatte, ihren roten Schein
an die Wand warf, wie in der Nacht. Bei allen drohenden Gefahren muß
die Weihekerze brennen, leise betend schauen wir in die geheimnisvolle
Flamme. Draußen, über dem Dache steigen die Rauchwölkchen der
Palmsonntagszweige auf, die in der Herdglut glosen. Die lastende Luft
schlägt ihren prickelnden Geruch nieder auf den Erdboden.
Unter dem Ahorn stand die Barbel und schwang fortwährend in der Hand
ein Kruzifix gegen das stetig heranrollende Gewitter. Dabei sprach sie
halblaut den Wettersegen: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei
Gott, und Gott war das Wort. In ihm war das Leben und das Leben war das
Licht der Menschen. Und das Licht leuchtete in der Finsternis. -- Und
das Wort ist Fleisch geworden.“
Ich stand unweit von ihr und schaute hin, wie sie in einer Art von
Verzückung die Worte des Johannesevangeliums sprach. Ihr weißes Gesicht
vor dem bleiernen Hintergrunde leuchtete magisch. Wie eine Seherin
stand sie da. Endlich trat ich hin zu ihr: „Barbel, du sollst jetzt
ins Haus gehen. Siehe, in den Ästen rauscht der Wind. In wenigen
Augenblicken ist es da. Du sollst ins Haus gehen!“