XI. Das deutsche Tschadseegebiet.

Das Hinterland unserer Kamerun-Kolonie im Norden des Benue bildet ein

Dreieck, dessen obere Spitze durch den südlichen Rand des Tschadsees

abgestumpft wird. Etwa in der Mitte dieses Gebietes ziehen sich die

Mandaraberge hin, in deren Norden eine grosse Ebene südlich des

Tschadsees liegt. Diese Ebene gehört zu den fruchtbarsten Gebieten

Inner-Afrikas. Von zahlreichen Wasserläufen durchzogen trägt sie alle

Arten tropischer Gewächse in üppigster Form. Sie ist verhältnismässig

sehr dicht bewohnt und beherbergt zahlloses Wild. Die Mandara-Berge

sind zum Teil mit hohem Buschwerk und grossen Bäumen bestanden.

Aller Wahrscheinlichkeit nach müssen sich hier reiche Mineralschätze

befinden, die Eingeborenen sprechen sogar von Gold. Die Landschaft im

Süden der Berge, die ihre Abwässer bereits zum Benue herabschickt, ist

gleichfalls sehr fruchtbar.

Von eingeborenen Fürsten kommen in dem deutschen Tschadseegebiete die

folgenden in erster Linie in Betracht: Der angestammte Herr von Bornu

und die Schechs der Araberstämme im Süden des Tschadsees sowie des

Städtebezirks am westlichen Schari-Ufer, der Fürst von Mandara, die

Tributärfürsten des Emir von Adamaua und der Herr von Yola selbst.

Ob die alte Bornu-Dynastie, die zur Zeit durch Djerbai repräsentiert

wird, sich in der Zukunft wieder in derselben führenden Rolle wird

behaupten können, wie in der Zeit vor Rabehs Einbruch, ist zweifelhaft.

Nach den letzten Umwälzungen ist es nicht abzusehen, welche der

früheren Vasallenfürsten der Bornu-Sultane dem Schech Djerbai die Treue

bewahren werden. Die Kanuri selbst, seine Stammesgenossen, haben sich

als nur noch wenig kriegstüchtig erwiesen. Nach französischer Schätzung

verfügte Djerbai bei seiner Einsetzung in Dikoa über 1000 Gewehre, von

denen er jedoch in seinen Kämpfen gegen Fadel Allah eine ganze Anzahl

verloren hat. Die Bornu-Prinzen haben sich seit ihrer Rehabilitierung

durch die Franzosen nicht gerade als sehr zuverlässig gezeigt. Es sind

ebenso prahlerische und eitle, wie verweichlichte und ränkesüchtige

Leute. Bis jetzt gehörten sie zu der muhammedanischen Bruderschaft der

Kaderi, vielleicht ist Schech Djerbai neuerdings Senussi geworden.

Djerbai hat noch zahlreiche Brüder. An seinem Hoflager in Dikoa leben

jetzt zwei derselben. Ein anderer, der jüngste Sohn Haschems, Namens

Rafai, ist mit Omar Sanda in Krebedji interniert. Ausserdem sollen

noch zwei weitere Bornu-Prinzen in Dikoa sich befinden, nämlich ein

Onkel des regierenden Schech -- es wäre dies also ein jüngerer Bruder

des Sultan Haschem -- und ein Sohn des mutigen Abu Kiari, der seinen

Bruder Haschem erschlagen und zuletzt Rabeh Widerstand geleistet hatte.

Der Stammbaum der Dynastie der Kanemi stellt sich daher der umstehenden

Tabelle entsprechend dar.[71]

I. Fakih Muhammed el Amin el Kanemi

|

|

+---------------------+-------------------+

| |

| |

II. Schech Omar el Kanemi Abd er Rahmān

|

|

+----------+---------+-----------------+----------------+

| | | |

| | | |

III. Abu| Bekr I. IV. Ibrahim V. Haschem Abba Chamis

(Abu| Kiari) | (in Dikoa)

| |

| +-------------+-----------+-------+-------+

| | | | | |

VI. Abu| Bekr II. VII. Omar VIII. ~Djerbai~ (in (in Rafai

(Abu| Kiari) Sanda (in regierender Dikoa) Dikoa) (in

| Krebedji) Schech Krebedji)

| in Dikoa

|

(in Dikoa)

Für unsere Kamerun-Kolonie ist es von grosser Bedeutung, dass das

auf deutschem Tschadsee-Gebiete gelegene Dikoa, die ehemalige

Hauptstadt Rabehs, in der auch Fadel Allah immer wieder seinen

Centralsitz zu etablieren sich bemühte, thatsächlich das Erbe der

alten Bornu-Hauptstadt Kuka angetreten hat. Es ist bereits darauf

hingewiesen worden, wie Dikoa in kurzer Zeit sich zu einer riesigen

Stadt entwickelt hat und jetzt der Centralpunkt eines grossen Teiles

von Innerafrika geworden ist. Es ist auch heute noch die Residenz der

wieder auf den Thron gelangten Bornu-Sultane, deren Machtbereich zwar

gegenwärtig arg zusammengeschrumpft sein mag. In Dikoa haben jetzt auch

einige tripolitanische Kaufleute ihre Niederlassungen, teils aus der

Stadt Tripolis, teils Mudjabera aus Djalo im Süden von Benghazi. Diese

sind Senussi; in ihren Händen liegt jetzt der ganze Handel im Norden

der Mandara-Berge.

Das auf englischem Gebiete liegende Kuka ist immer noch ein

Trümmerhaufen; allerdings ist in neuester Zeit hier wieder eine kleine

Niederlassung und gleichzeitig eine Zauija der Senussi entstanden.

Neben den Kanuri, die den Hauptbestandteil der Bevölkerung der Ebene

im Süden des Tschadsees bis nach Mandara bilden, kommen hier in erster

Linie nomadisierende Araberstämme in Betracht, Nachkommen der vor

vielen Jahrhunderten hierher gelangten Einwanderungen aus dem Osten.

Einer der bedeutendsten dieser Stämme sind die Schoa, als deren erste

Schechs Musa und Dahman genannt werden. Diese Araber bilden ein

kräftiges und kriegerisches, aber auch unruhiges Element, das gewiss

eine scharfe Überwachung notwendig machen wird. Wie wir sahen, lagerten

die Schoa 10- bis 12000 Mann stark kurz vor der Entscheidungsschlacht

zwischen den Franzosen und Rabeh in ostentativer Weise unthätig unweit

des französischen Lagers.

Sodann wohnen im Schari-Delta und am Tschadsee-Ufer Leute, die mehr

zu den Baghirmi-Stämmen gehören. Von ihnen hatten vor Rabehs Einbruch

die Kotoko unter dem Sultan Wagaia ibn Ogari und die Makari unter dem

Sultan Barao ibn Joga die grösste Bedeutung. Sie sind sehr dunkelfarbig

und hauptsächlich Fischer. Ein Bezirk von mehreren Städten auf dem

linken deutschen Schari-Ufer, unter diesen Gulfei, Kusseri und Logon,

unterstand einem in Karnak Logon residierenden eigenen Sultan, namens

Musa, der ein Tributärfürst des Königs von Bornu und der mächtigste

Mann zwischen Kuka und Massenja war. In der Tschadsee-Ebene besitzen

ferner die geistig und körperlich hoch entwickelten Fulbe eine

Anzahl von Dörfern; sie betreiben hauptsächlich Viehzucht. Mehr im

Süden hausen die hierher zurückgedrängten, allem Anscheine nach

die Urbevölkerung des Tschadseegebietes ausmachenden heidnischen

Bevölkerungsteile, (Musgu[72]). Haussa dürften nördlich von Mandara

wohl nur in geringer Anzahl als Kaufleute verstreut leben. Der grösste

Teil der Bevölkerung nördlich von Mandara ist muhammedanisch. Die am

meisten vertretenen Bruderschaften sind die Kaderi und Tidjani, in

jüngster Zeit scheinen auch hier die Senussi an Einfluss zu gewinnen.

In dem gebirgigen Teile des Hinterlandes von Kamerun, nördlich des

Benuë, dürfte der Sultan Omar von Mandara jetzt der mächtigste

Herrscher sein. Früher gehörten die Herren von Mandara zu den Vasallen

der Könige von Bornu, wenn dieses Vasallenverhältnis auch in letzter

Zeit bei dem Niedergange der Macht der Kanemiden stark ins Wanken

geraten war.[73] Jedenfalls gewährte der Vater des Sultans von Mandara

dem Bornu-Prinzen Omar Sanda nach dem Tode des Abu Kiari ein Asyl,

und er war stark genug, seinen Gastfreund dem anstürmenden Rabeh

nicht auszuliefern. Wohl wurde er von diesem besiegt und getötet;

doch konnte sein Sohn Omar sich in seinen schwer zugänglichen Bergen

gegen die sieggewohnten Leute Rabehs halten. Für das Selbstbewusstsein

des Königs von Mandara spricht eine charakteristische Anekdote, die

ich in Kairo gehört habe. Danach hätte Rabeh bei dem Vormarsch der

Franzosen dem Fürsten von Mandara zehn Kamele mit Geschenken und eine

Anzahl ausgesucht schöner Weiber gesandt mit der Bitte, die früheren

Feindseligkeiten zu vergessen und ihm Hilfstruppen zu schicken, worauf

ihm geantwortet wurde, er möge erst hundert Kamele senden, bevor in

Verhandlungen eingetreten werden könne. Nach französischen Quellen

dürfte der Sultan von Mandara nicht mehr als etwa hundert Gewehre

besitzen, ausserdem verfügt er über eine Anzahl von Panzerreitern, --

die übrigens im ganzen Tschadseegebiet vorkommen -- und einige tausend

Lanzenträger und Bogenschützen, welch letztere besonders gefürchtet

sein sollen. Seine kriegerische Macht würde europäisch gedrillten

Truppen weit weniger Schwierigkeiten bereiten, als die in seinem

Terrain gelegenen Berge, in welchen er immer Zuflucht suchen kann. Nach

dem Tode Rabehs war der Sultan von Mandara in gewisse Beziehungen zu

den Franzosen getreten. Er bat diese um Rücksendung der ihm von Rabeh

geraubten Leute, die als Sklaven fortgeschleppt worden waren, ein

Wunsch, welcher erfüllt wurde.

Die Einwohner von Mandara, Musgu, gehören zur Urbevölkerung des

südlichen Tschadseegebietes. Sie sind nur zum kleineren Teile

muhammedanisch, zum grösseren Teile heidnisch. In ihren noch vielfach

mit hochstämmigen Bäumen bestandenen Bergen haust die Bevölkerung

in Hütten, die in diesen Bäumen selbst errichtet sind, oder in

Höhlenwohnungen. Die Mandaraleute tragen im Winter Fellkleidung.

Das theokratische Fürstentum Balda, welches der Sokoto-Prinz Haiatu

im Osten von Mandara sich und seinem Sohne Mundjeli schaffen konnte,

scheint mit dem Zusammenbruch seines Begründers aufgehört zu haben.

Südlich der Mandara-Berge bis zum Benuë haben keine Stammverbände oder

Dorf- und Stadtvereinigungen besondere Bedeutung. Das Land gehört zu

Adamaua und ist dem Emir von Yola tributär. Auch hier besteht das

Gros der Bevölkerung aus Musgu; in den grösseren Ortschaften hausen

muhammedanische Stadtfürstengeschlechter: wie ihr Lehns-Oberherr, der

Emir von Yola und Adamaua, meist Fulbe. Einer der grössten Orte ist

Marrua im Südosten von Mandara, der nordöstlichste Punkt, den die

Herren von Üchtritz und Passarge im Hinterlande von Kamerun erreicht

haben.

Am Benuë[74] ist auf deutschem Gebiet Garua der wichtigste Ort, auch

hier residiert ein von Yola abhängiger Fulbefürst oder Statthalter.

Schon jetzt entwickelt Garua, das kommercielle Centrum für weite

Gebiete im Norden und Süden des Benuë, eine für jene Gegenden nicht

unbedeutende Handelsthätigkeit. Zwischen Garua und Yola besitzt der

Emir von Adamaua eine Sommerresidenz, Ribago genannt, am Flusse, in der

er einen Teil des Jahres zuzubringen pflegt.

Herr von Yola und Adamaua war bis vor Kurzem der Emir Zuber, ein

Nachkomme des Adama, welcher im Anfange des 19. Jahrhunderts das

Fürstentum Adamaua gründete und sich dann der Oberhoheit des Kaisers

von Sokoto unterstellte. Seine Residenz befindet sich auf englischem

Einflussgebiete in nächster Nähe des Benuë. Die Stadt Yola bildet mit

ihrer Umgebung eine englische Ausbuchtung nach Osten in unseren Besitz,

das Land des Fürsten von Adamaua liegt zum grossen Teile in unserer

Kamerun-Kolonie. Zu seinen Vasallen gehören ausser dem Herrn von

Mandara eine ganze Anzahl von Statthaltern, deren Land auf deutschem

Gebiete liegt. Alle diese sind, wie erwähnt, ebenso wie der Emir von

Yola muhammedanische Fulbe. Ihre Vorfahren waren zum Teil schon von

Adama in einzelnen grösseren Städten von Adamaua eingesetzt worden. Es

sind dies die Herren von Tibati (mit Unterstatthaltern in Yoko und

Ngute), Ngaundere, Banyo, Gaschaka, Kontscha, Tschamba, Bubandjidda,

Garua und Marrua.

Inzwischen haben sich die Verhältnisse in Yola gleichfalls

überstürzt. Der Emir Zuber wurde von der Royal Niger Company stets

als zweifelhafter Freund betrachtet. Er hatte von den Franzosen, die

unter Mizon flussaufwärts gekommen waren, zwei Kanonen erhalten, was

seinerzeit zu den englischerseits dem französischen Expeditionschef

bewirkten Schwierigkeiten geführt hat. Die Company, die eine Zeit lang

eine Station am Benuë bei Yola eingerichtet hatte, hielt es später für

besser, diese weiter flussabwärts zu verlegen. Vor zwei Jahren trat die

Gesellschaft ihre Hoheitsrechte an die britische Regierung ab. Diese

teilte das Niger-Benuë-Gebiet in die Distrikte Süd- und Nordnigeria

-- zu letzterem gehört Yola -- und richtete hier eine mehrere Tausend

Mann starke Truppenmacht ein, um nunmehr ernsthaft die durch die

internationalen Verträge der englischen Einflusssphäre zugesprochenen

Landesteile in Besitz zu nehmen.

In den letzten Jahren scheint nach englischen Berichten der Emir

Zuber dem britischen Handel wieder Schwierigkeiten bereitet zu haben,

und dies wie seine Sklavenjagden und sein unbotmässiges Verhalten

gegen Befehle der Regierung von Nord-Nigeria waren der Grund für

das Ende August 1901 erfolgte Vorgehen der Engländer. Auf mehreren

Dampfschiffen bewegte sich eine englische Truppe von 12 Offizieren,

7 europäischen Unteroffizieren, 2 Ärzten, 360 eingeborenen Soldaten,

2 Feldkanonen und 4 Maximgeschützen den Benuë stromaufwärts. Der

Oberanführer, Oberst Morland, versuchte zunächst Zuber zur friedlichen

Übergabe zu bewegen; er fand kein Gehör. Am 2. September wurde die

Stadt im Sturm genommen. Unter den 41 Verwundeten befanden sich Oberst

Morland selbst und Major Mac Klintock. An Toten hatten die Engländer

nur wenige. Der Feind verlor 150 Tote und Verwundete. Den grössten

Widerstand hatte eine Anzahl aus dem ehemaligen Rabeh’schen Heer

versprengter Streiter geleistet, Bornu-Leute und Araber, die nach

dem Tode des sudanesischen Eroberers ihren Weg nach Yola gefunden

hatten und sich von dem Emir als Soldaten hatten anwerben lassen. Es

gelang Zuber, mit einem Häuflein Getreuer in südöstlicher Richtung zu

entkommen. Die Engländer sandten am folgenden Tage ein Verfolgungskorps

auf einem Heckrad-Dampfer und landeten bei Ribago oberhalb Yola,

um Zuber zu verhindern, seine Absicht auszuführen, hier den Fluss

zu überschreiten und nach Norden zu fliehen. Doch konnte Zuber auf

deutschem Gebiete bei seinen Stammesgenossen und Vasallen einen

Zufluchtsort finden.[75]

Der Stellvertreter Sir Frederick Lugards, Mr. William Wallace, setzte

darauf den Bruder Zubers, Achmed (Bobo Amadu), als Emir von Britisch

Adamaua in Yola ein. Auf einem beherrschenden Punkte ausserhalb der

Stadt wurde ein befestigter Posten errichtet und mit einer starken

Besatzung belegt und Kapitän Ruxton als Resident bei dem neuen Emir

zurückgelassen. Diesem ist die Ausübung der Sklavenjagden untersagt

worden, doch will sich die Regierung einstweilen noch nicht in die

Frage der Haussklaverei einmischen.

Ende des Jahres 1901 kehrte Sir Frederick Lugard nach Nigeria zurück.

Er fand Fadel Allahs Macht vernichtet. Auf seinen Befehl ging

eine 300 Mann starke Expedition unter dem Oberst Morland nach dem

Nordosten von Nigeria ab, um genaue Ermittelungen über das Land und

die Bevölkerungsverhältnisse, sowie über die Folgen der Herrschaft

Rabehs und der Vernichtung derselben durch die Franzosen anzustellen.

Unterwegs mussten mehrere aufständische Heidenstämme am nördlichen

Ufer des Benue gezüchtigt werden, die sich Räubereien und Morde hatten

zu Schulden kommen lassen. In Bautschi wurde der Sultan Omar durch

einen Verwandten ersetzt. Die Expedition begab sich demnächst nach Ebi

und Lokoja. Von Lokoja aus sollte zu Ende dieses Jahres ein Vorstoss

zur Erschliessung des Bussalandes unternommen werden. Der Bestand der

britischen Truppen in Nigeria soll jetzt eine weitere Verstärkung

erfahren. Demnächst wird auch eine Expedition nach Kano und Sokoto

geplant, deren Herrscher in direkte Abhängigkeit zu der Regierung von

Nigeria gebracht werden sollen. Der Centralsitz der Verwaltung der

englischen Kolonie ist von Djebba nach Wuschischi in die Nähe des

Katonaflusses im Nordosten von Bida verlegt worden. Der Ort ist durch

eine Eisenbahn mit dem Katonaflusse verbunden.

Deutscherseits ist jetzt gleichfalls mit der Eröffnung des nach den

Verträgen mit Frankreich und England uns zustehenden Tschadseegebietes

begonnen worden. Durch den Vertrag vom 15. November 1893 mit England

ist unsere Grenze im Westen und durch den Vertrag vom 15. März 1894 mit

Frankreich im Osten festgelegt worden.

Am 12. Oktober 1901 war Oberleutnant Dominik, der bereits erfolgreich

in Tibati und in anderen Orten Adamauas thätig war, und dem der

Oberleutnant von Bülow beigegeben ist, mit einer Expedition von

der Küste von Kamerun aus nach dem Benuë marschiert. Er hatte die

Aufgabe, auf friedlichem Wege die Einrichtung eines ständigen

Beobachtungspostens in Garua und den Beginn der Entfaltung deutscher

Handelsthätigkeit im Hinterland unserer Kolonie in die Wege zu leiten,

sowie die spätere Festsetzung der deutschen Herrschaft am Tschadsee

vorzubereiten.

Kurz vor ihm war Hauptmann Cramer von Clausbruch, der im Oktober

1901 mit zwei Kompagnien der Schutztruppe zunächst nach Tibati

gegangen war, über Ngaundere nach Garua gelangt. Am 5. Dezember dort

eingetroffen, wurde er am 19. von dem von den Engländern entthronten

Emir Zuber von Yola angegriffen. Letzterer wurde jedoch nach heftigem

Kampfe zurückgeschlagen. Auch Oberstleutnant Pavel, der Kommandeur der

deutschen Schutztruppe in Kamerun, erreichte Anfang des Jahres mit zwei

Kompagnien über das Gebiet der Bali, Banjo und Kuntscha Garua, wo er

Verstärkungen für den von Dominik errichteten Posten zurückliess. Von

Garua aus unternahm Oberstleutnant Pavel einen Rekognoscierungsmarsch

durch das deutsche Tschadseegebiet. Er verliess Garua am 26. März,

durchquerte unter Gefechten die Ngollo- und Selebebaberge, erreichte

Dikoa am 21. April und den Tschadsee am 3. Mai. Der Rückmarsch

wurde den Logon entlang über Karnak-Logon nach Maona genommen. Die

Wiederankunft in Garua erfolgte am 7. Juni. Dem Sultan Zuber von

Yola wurden in den Ausläufern der Mandaraberge, westlich von Marrua,

zwei Niederlagen beigebracht, ohne dass es jedoch gelungen wäre, ihn

gefangen zu nehmen. In Dikoa wurde eine französische Garnison --

Kapitän Dangeville mit einem weissen Unteroffizier und 50 Spahis --

vorgefunden. Diese wohnte der feierlichen Hissung der deutschen Flagge

bei und zog hierauf auf französisches Gebiet ab. Weitere französische

Garnisonen in Kusseri und Gulfei zogen beim Nahen der Expedition

gleichfalls ab. Dikoa und Garua erhielten deutsche Garnisonen, und

zwar Dikoa 50 Mann unter Oberleutnant Bülow und Garua 50 Mann unter

Oberleutnant Dominik.[76] Oberstleutnant Pavel trat am 8. Juni d. J.

von Garua aus den Rückmarsch nach der Küste an und ist Mitte August in

Duala eingetroffen. Neben Yoko ist jetzt auch in Banyo ein deutscher

Militärposten errichtet worden, wodurch die Station von Garua wieder

einen näheren Stützpunkt erhalten hat. Das Hinterland von Kamerun ist

damit thatsächlich in Besitz genommen.

Unabhängig von diesen staatlichen Unternehmungen ist von dem unter dem

Vorsitz des Konsuls Vohsen stehenden deutschen Tschadsee-Komitee eine

weitere Expedition über den Niger und Benue stromaufwärts auf einem

eigenen gecharterten Dampfer unterwegs. Die Expedition wird geleitet

von Herrn Bauer, dem die Herren von Waldow und Bergingenieur Edlinger

beigegeben sind. Sie soll zunächst in Garua ein Jahr verbleiben und das

Land der Umgebung in möglichst weiter Ausdehnung auf seine natürlichen

Hilfskräfte und wirtschaftlichen und Handels-Verhältnisse eingehend

untersuchen. Es ist erfreulich, festzustellen, dass die Expedition von

den englischen Behörden und Kaufleuten in Nigeria das freundlichste

Entgegenkommen erfahren hat.

Durch die Siege der französischen Waffen am Schari und im Süden des

Tschadsees, der Engländer bei Yola und Bautschi und durch unsere

eigenen Erfolge in Adamaua ist das Prestige der Weissen gerade jetzt am

Benue und im deutschen Tschadseegebiet sehr hoch gestiegen.

[71] Mir wurde auch ein Sohn Abu Kiaris, namens Omar Sanda, als

der gegenwärtige Senior und ehestberechtigte Prätendent der

alten Bornu-Dynastie bezeichnet. Es mag dieses der vorerwähnte

Sohn Abu Kiaris sein, der jetzt in Dikoa lebt; anderenfalls

müsste eine Verwechselung mit dem ältesten Sohne Haschems

vorliegen. Vielleicht ist der jetzige Sultan Djerbai mit einem

Bornu-Prinzen Djebril zu identificieren, der zur Zeit der

Rabeh’schen Schreckensherrschaft in Sia (Kuno), im Südwesten des

Tschadsees, am Schari, gestützt auf eine Schar treu ergebener

Leute, eine gewisse Selbständigkeit erworben hatte und seinen

Einfluss vor allem der Ausübung erfolgreicher Wunderkuren, wie

Mitglieder der Bruderschaft der Kaderi sie auszuführen pflegen,

verdankte. Er hatte sich den Franzosen gegenüber freundlich

gezeigt, und auch Prins, als dieser durch Gaza kam, wo er sich

damals aufhielt, in geschickter Weise die Verstauchung einer

Hand geheilt.

[72] Mit dem Namen Musgu hörte ich sowohl den in Mandara und im

Osten bis zum Schari lebenden eingeborenen Stamm bezeichnen, wie

er ausserdem für Heiden überhaupt im Süden des Tschadsees im

Gegensatze zu Muhammedanern angewandt wurde.

[73] In den letzten Jahrzehnten war der Sultan von Mandara nicht

nur Bornu, sondern auch dem Emir von Yola und dadurch indirekt

dem Kaiser von Sokoto tributpflichtig geworden. Doch hinderte

dieses den Emir von Yola nicht, von Zeit zu Zeit Raubzüge

gegen die heidnischen Distrikte von Mandara zu unternehmen, um

Sklaven zu erbeuten, die er wiederum zum Teil als Tribut seinem

Oberherrn nach Sokoto sandte.

[74] Der Benuë ist eine breite Wasserstrasse. Grössere Schiffe,

die etwa 250 Tonnen halten, können ihn drei Monate des Jahres

bis nach Garua aufwärts befahren. Für kleinere Schiffe

dürfte der Fluss während des ganzen Jahres bis Bifara an der

französischen Grenze passierbar sein. Die Frage, ob zwischen

dem Benuë und dem Logon, also zwischen dem atlantischen Ocean

und dem Schari und dem Tschadsee eine nicht unterbrochene

Verbindung zu Wasser besteht, wäre nach den Mitteilungen des

französischen Forschers Bonnel de Mezières zu bejahen. Seiner

Ansicht nach könnten zu gewissen Zeiten des Jahres Schiffe vom

Benuë über den Majo Kebbi bis zum Schari gelangen. Die Dampfer,

welche im Herbst vom atlantischen Ocean über den Niger ihre

Bergfahrt beginnen, würden die europäischen Waren nach Garua

bringen können und hätten volle Zeit, die dort aufgestapelten

Erzeugnisse des Landes wieder nach dem Ocean zurückzuführen.

Von Garua aus würden kleinere Bote bis nach Bifara und zum

Logon verkehren können, von wo aus die Waren -- immer auf

der Wasserstrasse -- bis zum Tschadsee gelangen würden und

umgekehrt. In jüngster Zeit hat Leutnant de Thézillat die

Gelegenheit des Antritts eines Heimatsurlaubs benutzt, um vom

Fort Lamy aus den Logon aufwärts auch auf deutschem Gebiete zu

erforschen.

[75] Es hiess eine Zeit lang, dass er sich mit der Absicht tragen

solle, die Pilgerfahrt nach Mekka zu machen.

[76] In jüngster Zeit soll Sultan Djerbai Dikoa verlassen haben und

auf englisches Gebiet übergesiedelt sein.

Abriss der Geschichte der Tschadseeländer.

Bis vor kurzen gehörte das Tschadseegebiet zu den unbekanntesten

Gegenden der Welt. Die wenigen Routen, welche vereinzelte Reisende

innerhalb der Tschadseeländer ausführten, hatten trotz der sorgfältigen

Erkundigungen doch nur für die nächste Umgebung der Reisewege

erschöpfende Nachrichten gebracht. Wir können stolz darauf sein, dass

es Deutsche waren, welche bis jetzt für die Erforschung dieses Gebietes

das meiste geleistet haben, sowohl als Geographen und Ethnographen wie

als Historiker. Ich brauche für die nächste Umgebung des Tschadsees nur

Barth und seine tapferen, auf dem Felde ihrer Forschungen verstorbenen

Mitarbeiter Overweg und Vogel, ferner den in Kanem ermordeten v.

Beurmann, sodann Gerhard Rohlfs und unseren grossen Nachtigal zu

nennen, für den Süden Flegel, Zintgraff, Passarge und v. Üchtritz,

für Adamaua unter anderen Morgen, v. Stetten und neuerdings Dominik,

für Sokoto Staudinger, für die Gebiete im Süden und Südosten Wadais

den Nestor unserer noch lebenden Afrikaforscher Schweinfurth, ferner

Junker. Mit dieser Aufzählung ist die Reihe deutscher Namen, welche

sich um die Erkundung des Tschadseegebiets verdient gemacht haben, noch

nicht erschöpft.

Andere Nationen haben an diesem Werke mitgearbeitet. Die ersten

europäischen Forschungsreisenden im Tschadseegebiete waren Engländer:

Denham und Clapperton, Oudney und Richardson. Der zu den Beamten der

Royal Niger Company gehörige Mackintosh hat vor einigen Jahren noch

Bornu erreicht. Zwei Italiener, Matteucci und Massari, haben im Fluge

Afrika von Ost nach West und zwar über die Tschadseegebiete durchzogen,

leider ohne dass ihre kühne Reise der Wissenschaft viel genützt hätte.

Der eine starb noch in Afrika infolge der Anstrengungen und des

Fiebers. Dem anderen umnachteten sich bald darauf aus demselben Grunde

die Sinne. Eine Holländerin, eine mutige, von tragischem Geschick

verfolgte Frau, hat den Versuch, nach dem Tschadsee vorzudringen, mit

dem Tode gebüsst: noch bevor sie dorthin gelangte, wurde Fräulein Tinne

bei Scharaba unfern von Murzuk von den Tuareg getötet. Belgischen

Beamten verdanken wir manche Erweiterungen unserer Kenntnis des Gebiets

im Süden von Wadai und Dar Fertit.

In neuester Zeit sind die Franzosen, wie bereits hervorgehoben, mit

besonderem Eifer für die Erforschung der Tschadseeländer thätig

gewesen. Auch von ihnen hat mancher sein Leben bei dieser Aufgabe

lassen müssen. Monteil gelang es, vom Senegal aus den Tschadsee zu

erreichen und, durch die Sahara kommend, europäische Civilisation

am Mittelmeer wiederzusehen. Besonders die letzten Jahre brachten

für Frankreich eine fast fieberhafte Thätigkeit im Tschadseegebiete

und im übrigen Innerafrika. Um die Besitzungen am Mittelmeer und

am Atlantischen Ocean mit dem französischen Kongo zu einem grossen

Kolonialreiche zu vereinigen, musste eine Verbindung dieser

Gebietsteile durch die Sahara und über den Tschadsee hergestellt

werden. Männer wie Mizon, Crampel, Maistre, Dybowsky, Bonnel de

Mézières und Marchand seien als Forscher im Süden und Südosten des

Tschadsees genannt. Die Thätigkeit der bei den jüngsten Expeditionen

und im Kriege mit Rabeh hervorgetretenen Männer hat wichtige Resultate

auch für die Wissenschaft gezeitigt, die dem Gouverneur Gentil,

Prins, Joalland und anderen Offizieren zahlreiche Bereicherungen der

verschiedensten Art verdankt. Der Gelehrte Foureau hat mit seiner

seit langer Hand vorbereiteten Durchquerung Afrikas von Algerien

zur Kongomündung die Erforschung der Tschadseeländer jetzt zu einem

gewissen Abschluss gebracht.[77]

Die politischen Beziehungen der europäischen Mächte in Centralafrika

sind seit einigen Jahren durch internationale Verträge geregelt.

Die Grenzen, welche infolge dieser Verträge zwischen den einzelnen

Kolonialmächten festgelegt wurden, sind auf der dieser Arbeit

beigegebenen Karte ersichtlich.

Die Bevölkerung in den Ländern des Tschadseegebietes ist recht

buntscheckig. Neben mehr negerartigen Völkern finden wir hamitische

und hamitisch angehauchte Stämme wie die Tibbu, Tuareg, Gora‘an,

Baele, Wadaba, Kanuri (Kanembo), Haussa und Fulbe, ferner Araber

aus verschiedenen Einwanderungsperioden. Ein grosser Teil der von

diesen Völkerschaften bewohnten Gegenden ist bereits muhammedanisch.

In einzelnen Strichen ist der Islam schon seit über tausend Jahren

heimisch, einen besonderen Aufschwung hat er im 19. Jahrhundert und

zwar namentlich durch die Thätigkeit einzelner muhammedanischer Orden

genommen.

Im folgenden sei ein Überblick über die historische Entwicklung der

hauptsächlichsten für die Geschichte Rabehs in Betracht kommenden

innerafrikanischen Staatengebilde gegeben.

[77] Seit mehr als 20 Jahren war Foureau an der Erforschung der

Sahara thätig. Von seiner Durchquerung Afrikas von Algerien

über den Tschadsee zur Kongomündung, die er von langer Hand

vorbereitet hatte, brachte er neben zahlreichen anderen

wissenschaftlichen Resultaten über 500 astronomische

Ortsbestimmungen mit. Nach den Untersuchungen Foureaus bildet

der Bahr el Ghazal im Südwesten des Tschadsees keinen Zufluss

des Sees. Vielmehr ist er eher als eine Art von Abfluss zu

betrachten, indem er nach Nordosten hin bei starkem Wasserstande

des Sees eine golf- oder lagunenartige Verlängerung desselben

darstellt, welche zu gewissen Zeiten Wasser an der Erdoberfläche

etwa 60 km landeinwärts weiterführen soll. (Vergl. Bulletin

de la Société de Géographie, 1900, S. 433 ff., 453.) Die

ausführliche Darstellung der wissenschaftlichen Arbeiten seiner

Reisen wird Foureau hoffentlich recht bald der Öffentlichkeit

übergeben können. Der erste Band mit der eigentlichen

Reisebeschreibung ist unter dem Titel „Mission Saharienne

Foureau Lamy d’Alger an Congo par le Tsad“ bereits erschienen.

(Paris, Masson & Cie, 1902.) Gentil hat eine Schilderung seiner

Feldzüge im Tschadseegebiet im „Tour de Monde“ erscheinen lassen.

Rabeh und das Tschadseegebiet · 第 27 / 42 题