Das Hinterland unserer Kamerun-Kolonie im Norden des Benue bildet ein
Dreieck, dessen obere Spitze durch den südlichen Rand des Tschadsees
abgestumpft wird. Etwa in der Mitte dieses Gebietes ziehen sich die
Mandaraberge hin, in deren Norden eine grosse Ebene südlich des
Tschadsees liegt. Diese Ebene gehört zu den fruchtbarsten Gebieten
Inner-Afrikas. Von zahlreichen Wasserläufen durchzogen trägt sie alle
Arten tropischer Gewächse in üppigster Form. Sie ist verhältnismässig
sehr dicht bewohnt und beherbergt zahlloses Wild. Die Mandara-Berge
sind zum Teil mit hohem Buschwerk und grossen Bäumen bestanden.
Aller Wahrscheinlichkeit nach müssen sich hier reiche Mineralschätze
befinden, die Eingeborenen sprechen sogar von Gold. Die Landschaft im
Süden der Berge, die ihre Abwässer bereits zum Benue herabschickt, ist
gleichfalls sehr fruchtbar.
Von eingeborenen Fürsten kommen in dem deutschen Tschadseegebiete die
folgenden in erster Linie in Betracht: Der angestammte Herr von Bornu
und die Schechs der Araberstämme im Süden des Tschadsees sowie des
Städtebezirks am westlichen Schari-Ufer, der Fürst von Mandara, die
Tributärfürsten des Emir von Adamaua und der Herr von Yola selbst.
Ob die alte Bornu-Dynastie, die zur Zeit durch Djerbai repräsentiert
wird, sich in der Zukunft wieder in derselben führenden Rolle wird
behaupten können, wie in der Zeit vor Rabehs Einbruch, ist zweifelhaft.
Nach den letzten Umwälzungen ist es nicht abzusehen, welche der
früheren Vasallenfürsten der Bornu-Sultane dem Schech Djerbai die Treue
bewahren werden. Die Kanuri selbst, seine Stammesgenossen, haben sich
als nur noch wenig kriegstüchtig erwiesen. Nach französischer Schätzung
verfügte Djerbai bei seiner Einsetzung in Dikoa über 1000 Gewehre, von
denen er jedoch in seinen Kämpfen gegen Fadel Allah eine ganze Anzahl
verloren hat. Die Bornu-Prinzen haben sich seit ihrer Rehabilitierung
durch die Franzosen nicht gerade als sehr zuverlässig gezeigt. Es sind
ebenso prahlerische und eitle, wie verweichlichte und ränkesüchtige
Leute. Bis jetzt gehörten sie zu der muhammedanischen Bruderschaft der
Kaderi, vielleicht ist Schech Djerbai neuerdings Senussi geworden.
Djerbai hat noch zahlreiche Brüder. An seinem Hoflager in Dikoa leben
jetzt zwei derselben. Ein anderer, der jüngste Sohn Haschems, Namens
Rafai, ist mit Omar Sanda in Krebedji interniert. Ausserdem sollen
noch zwei weitere Bornu-Prinzen in Dikoa sich befinden, nämlich ein
Onkel des regierenden Schech -- es wäre dies also ein jüngerer Bruder
des Sultan Haschem -- und ein Sohn des mutigen Abu Kiari, der seinen
Bruder Haschem erschlagen und zuletzt Rabeh Widerstand geleistet hatte.
Der Stammbaum der Dynastie der Kanemi stellt sich daher der umstehenden
Tabelle entsprechend dar.[71]
I. Fakih Muhammed el Amin el Kanemi
|
|
+---------------------+-------------------+
| |
| |
II. Schech Omar el Kanemi Abd er Rahmān
|
|
+----------+---------+-----------------+----------------+
| | | |
| | | |
III. Abu| Bekr I. IV. Ibrahim V. Haschem Abba Chamis
(Abu| Kiari) | (in Dikoa)
| |
| +-------------+-----------+-------+-------+
| | | | | |
VI. Abu| Bekr II. VII. Omar VIII. ~Djerbai~ (in (in Rafai
(Abu| Kiari) Sanda (in regierender Dikoa) Dikoa) (in
| Krebedji) Schech Krebedji)
| in Dikoa
|
(in Dikoa)
Für unsere Kamerun-Kolonie ist es von grosser Bedeutung, dass das
auf deutschem Tschadsee-Gebiete gelegene Dikoa, die ehemalige
Hauptstadt Rabehs, in der auch Fadel Allah immer wieder seinen
Centralsitz zu etablieren sich bemühte, thatsächlich das Erbe der
alten Bornu-Hauptstadt Kuka angetreten hat. Es ist bereits darauf
hingewiesen worden, wie Dikoa in kurzer Zeit sich zu einer riesigen
Stadt entwickelt hat und jetzt der Centralpunkt eines grossen Teiles
von Innerafrika geworden ist. Es ist auch heute noch die Residenz der
wieder auf den Thron gelangten Bornu-Sultane, deren Machtbereich zwar
gegenwärtig arg zusammengeschrumpft sein mag. In Dikoa haben jetzt auch
einige tripolitanische Kaufleute ihre Niederlassungen, teils aus der
Stadt Tripolis, teils Mudjabera aus Djalo im Süden von Benghazi. Diese
sind Senussi; in ihren Händen liegt jetzt der ganze Handel im Norden
der Mandara-Berge.
Das auf englischem Gebiete liegende Kuka ist immer noch ein
Trümmerhaufen; allerdings ist in neuester Zeit hier wieder eine kleine
Niederlassung und gleichzeitig eine Zauija der Senussi entstanden.
Neben den Kanuri, die den Hauptbestandteil der Bevölkerung der Ebene
im Süden des Tschadsees bis nach Mandara bilden, kommen hier in erster
Linie nomadisierende Araberstämme in Betracht, Nachkommen der vor
vielen Jahrhunderten hierher gelangten Einwanderungen aus dem Osten.
Einer der bedeutendsten dieser Stämme sind die Schoa, als deren erste
Schechs Musa und Dahman genannt werden. Diese Araber bilden ein
kräftiges und kriegerisches, aber auch unruhiges Element, das gewiss
eine scharfe Überwachung notwendig machen wird. Wie wir sahen, lagerten
die Schoa 10- bis 12000 Mann stark kurz vor der Entscheidungsschlacht
zwischen den Franzosen und Rabeh in ostentativer Weise unthätig unweit
des französischen Lagers.
Sodann wohnen im Schari-Delta und am Tschadsee-Ufer Leute, die mehr
zu den Baghirmi-Stämmen gehören. Von ihnen hatten vor Rabehs Einbruch
die Kotoko unter dem Sultan Wagaia ibn Ogari und die Makari unter dem
Sultan Barao ibn Joga die grösste Bedeutung. Sie sind sehr dunkelfarbig
und hauptsächlich Fischer. Ein Bezirk von mehreren Städten auf dem
linken deutschen Schari-Ufer, unter diesen Gulfei, Kusseri und Logon,
unterstand einem in Karnak Logon residierenden eigenen Sultan, namens
Musa, der ein Tributärfürst des Königs von Bornu und der mächtigste
Mann zwischen Kuka und Massenja war. In der Tschadsee-Ebene besitzen
ferner die geistig und körperlich hoch entwickelten Fulbe eine
Anzahl von Dörfern; sie betreiben hauptsächlich Viehzucht. Mehr im
Süden hausen die hierher zurückgedrängten, allem Anscheine nach
die Urbevölkerung des Tschadseegebietes ausmachenden heidnischen
Bevölkerungsteile, (Musgu[72]). Haussa dürften nördlich von Mandara
wohl nur in geringer Anzahl als Kaufleute verstreut leben. Der grösste
Teil der Bevölkerung nördlich von Mandara ist muhammedanisch. Die am
meisten vertretenen Bruderschaften sind die Kaderi und Tidjani, in
jüngster Zeit scheinen auch hier die Senussi an Einfluss zu gewinnen.
In dem gebirgigen Teile des Hinterlandes von Kamerun, nördlich des
Benuë, dürfte der Sultan Omar von Mandara jetzt der mächtigste
Herrscher sein. Früher gehörten die Herren von Mandara zu den Vasallen
der Könige von Bornu, wenn dieses Vasallenverhältnis auch in letzter
Zeit bei dem Niedergange der Macht der Kanemiden stark ins Wanken
geraten war.[73] Jedenfalls gewährte der Vater des Sultans von Mandara
dem Bornu-Prinzen Omar Sanda nach dem Tode des Abu Kiari ein Asyl,
und er war stark genug, seinen Gastfreund dem anstürmenden Rabeh
nicht auszuliefern. Wohl wurde er von diesem besiegt und getötet;
doch konnte sein Sohn Omar sich in seinen schwer zugänglichen Bergen
gegen die sieggewohnten Leute Rabehs halten. Für das Selbstbewusstsein
des Königs von Mandara spricht eine charakteristische Anekdote, die
ich in Kairo gehört habe. Danach hätte Rabeh bei dem Vormarsch der
Franzosen dem Fürsten von Mandara zehn Kamele mit Geschenken und eine
Anzahl ausgesucht schöner Weiber gesandt mit der Bitte, die früheren
Feindseligkeiten zu vergessen und ihm Hilfstruppen zu schicken, worauf
ihm geantwortet wurde, er möge erst hundert Kamele senden, bevor in
Verhandlungen eingetreten werden könne. Nach französischen Quellen
dürfte der Sultan von Mandara nicht mehr als etwa hundert Gewehre
besitzen, ausserdem verfügt er über eine Anzahl von Panzerreitern, --
die übrigens im ganzen Tschadseegebiet vorkommen -- und einige tausend
Lanzenträger und Bogenschützen, welch letztere besonders gefürchtet
sein sollen. Seine kriegerische Macht würde europäisch gedrillten
Truppen weit weniger Schwierigkeiten bereiten, als die in seinem
Terrain gelegenen Berge, in welchen er immer Zuflucht suchen kann. Nach
dem Tode Rabehs war der Sultan von Mandara in gewisse Beziehungen zu
den Franzosen getreten. Er bat diese um Rücksendung der ihm von Rabeh
geraubten Leute, die als Sklaven fortgeschleppt worden waren, ein
Wunsch, welcher erfüllt wurde.
Die Einwohner von Mandara, Musgu, gehören zur Urbevölkerung des
südlichen Tschadseegebietes. Sie sind nur zum kleineren Teile
muhammedanisch, zum grösseren Teile heidnisch. In ihren noch vielfach
mit hochstämmigen Bäumen bestandenen Bergen haust die Bevölkerung
in Hütten, die in diesen Bäumen selbst errichtet sind, oder in
Höhlenwohnungen. Die Mandaraleute tragen im Winter Fellkleidung.
Das theokratische Fürstentum Balda, welches der Sokoto-Prinz Haiatu
im Osten von Mandara sich und seinem Sohne Mundjeli schaffen konnte,
scheint mit dem Zusammenbruch seines Begründers aufgehört zu haben.
Südlich der Mandara-Berge bis zum Benuë haben keine Stammverbände oder
Dorf- und Stadtvereinigungen besondere Bedeutung. Das Land gehört zu
Adamaua und ist dem Emir von Yola tributär. Auch hier besteht das
Gros der Bevölkerung aus Musgu; in den grösseren Ortschaften hausen
muhammedanische Stadtfürstengeschlechter: wie ihr Lehns-Oberherr, der
Emir von Yola und Adamaua, meist Fulbe. Einer der grössten Orte ist
Marrua im Südosten von Mandara, der nordöstlichste Punkt, den die
Herren von Üchtritz und Passarge im Hinterlande von Kamerun erreicht
haben.
Am Benuë[74] ist auf deutschem Gebiet Garua der wichtigste Ort, auch
hier residiert ein von Yola abhängiger Fulbefürst oder Statthalter.
Schon jetzt entwickelt Garua, das kommercielle Centrum für weite
Gebiete im Norden und Süden des Benuë, eine für jene Gegenden nicht
unbedeutende Handelsthätigkeit. Zwischen Garua und Yola besitzt der
Emir von Adamaua eine Sommerresidenz, Ribago genannt, am Flusse, in der
er einen Teil des Jahres zuzubringen pflegt.
Herr von Yola und Adamaua war bis vor Kurzem der Emir Zuber, ein
Nachkomme des Adama, welcher im Anfange des 19. Jahrhunderts das
Fürstentum Adamaua gründete und sich dann der Oberhoheit des Kaisers
von Sokoto unterstellte. Seine Residenz befindet sich auf englischem
Einflussgebiete in nächster Nähe des Benuë. Die Stadt Yola bildet mit
ihrer Umgebung eine englische Ausbuchtung nach Osten in unseren Besitz,
das Land des Fürsten von Adamaua liegt zum grossen Teile in unserer
Kamerun-Kolonie. Zu seinen Vasallen gehören ausser dem Herrn von
Mandara eine ganze Anzahl von Statthaltern, deren Land auf deutschem
Gebiete liegt. Alle diese sind, wie erwähnt, ebenso wie der Emir von
Yola muhammedanische Fulbe. Ihre Vorfahren waren zum Teil schon von
Adama in einzelnen grösseren Städten von Adamaua eingesetzt worden. Es
sind dies die Herren von Tibati (mit Unterstatthaltern in Yoko und
Ngute), Ngaundere, Banyo, Gaschaka, Kontscha, Tschamba, Bubandjidda,
Garua und Marrua.
Inzwischen haben sich die Verhältnisse in Yola gleichfalls
überstürzt. Der Emir Zuber wurde von der Royal Niger Company stets
als zweifelhafter Freund betrachtet. Er hatte von den Franzosen, die
unter Mizon flussaufwärts gekommen waren, zwei Kanonen erhalten, was
seinerzeit zu den englischerseits dem französischen Expeditionschef
bewirkten Schwierigkeiten geführt hat. Die Company, die eine Zeit lang
eine Station am Benuë bei Yola eingerichtet hatte, hielt es später für
besser, diese weiter flussabwärts zu verlegen. Vor zwei Jahren trat die
Gesellschaft ihre Hoheitsrechte an die britische Regierung ab. Diese
teilte das Niger-Benuë-Gebiet in die Distrikte Süd- und Nordnigeria
-- zu letzterem gehört Yola -- und richtete hier eine mehrere Tausend
Mann starke Truppenmacht ein, um nunmehr ernsthaft die durch die
internationalen Verträge der englischen Einflusssphäre zugesprochenen
Landesteile in Besitz zu nehmen.
In den letzten Jahren scheint nach englischen Berichten der Emir
Zuber dem britischen Handel wieder Schwierigkeiten bereitet zu haben,
und dies wie seine Sklavenjagden und sein unbotmässiges Verhalten
gegen Befehle der Regierung von Nord-Nigeria waren der Grund für
das Ende August 1901 erfolgte Vorgehen der Engländer. Auf mehreren
Dampfschiffen bewegte sich eine englische Truppe von 12 Offizieren,
7 europäischen Unteroffizieren, 2 Ärzten, 360 eingeborenen Soldaten,
2 Feldkanonen und 4 Maximgeschützen den Benuë stromaufwärts. Der
Oberanführer, Oberst Morland, versuchte zunächst Zuber zur friedlichen
Übergabe zu bewegen; er fand kein Gehör. Am 2. September wurde die
Stadt im Sturm genommen. Unter den 41 Verwundeten befanden sich Oberst
Morland selbst und Major Mac Klintock. An Toten hatten die Engländer
nur wenige. Der Feind verlor 150 Tote und Verwundete. Den grössten
Widerstand hatte eine Anzahl aus dem ehemaligen Rabeh’schen Heer
versprengter Streiter geleistet, Bornu-Leute und Araber, die nach
dem Tode des sudanesischen Eroberers ihren Weg nach Yola gefunden
hatten und sich von dem Emir als Soldaten hatten anwerben lassen. Es
gelang Zuber, mit einem Häuflein Getreuer in südöstlicher Richtung zu
entkommen. Die Engländer sandten am folgenden Tage ein Verfolgungskorps
auf einem Heckrad-Dampfer und landeten bei Ribago oberhalb Yola,
um Zuber zu verhindern, seine Absicht auszuführen, hier den Fluss
zu überschreiten und nach Norden zu fliehen. Doch konnte Zuber auf
deutschem Gebiete bei seinen Stammesgenossen und Vasallen einen
Zufluchtsort finden.[75]
Der Stellvertreter Sir Frederick Lugards, Mr. William Wallace, setzte
darauf den Bruder Zubers, Achmed (Bobo Amadu), als Emir von Britisch
Adamaua in Yola ein. Auf einem beherrschenden Punkte ausserhalb der
Stadt wurde ein befestigter Posten errichtet und mit einer starken
Besatzung belegt und Kapitän Ruxton als Resident bei dem neuen Emir
zurückgelassen. Diesem ist die Ausübung der Sklavenjagden untersagt
worden, doch will sich die Regierung einstweilen noch nicht in die
Frage der Haussklaverei einmischen.
Ende des Jahres 1901 kehrte Sir Frederick Lugard nach Nigeria zurück.
Er fand Fadel Allahs Macht vernichtet. Auf seinen Befehl ging
eine 300 Mann starke Expedition unter dem Oberst Morland nach dem
Nordosten von Nigeria ab, um genaue Ermittelungen über das Land und
die Bevölkerungsverhältnisse, sowie über die Folgen der Herrschaft
Rabehs und der Vernichtung derselben durch die Franzosen anzustellen.
Unterwegs mussten mehrere aufständische Heidenstämme am nördlichen
Ufer des Benue gezüchtigt werden, die sich Räubereien und Morde hatten
zu Schulden kommen lassen. In Bautschi wurde der Sultan Omar durch
einen Verwandten ersetzt. Die Expedition begab sich demnächst nach Ebi
und Lokoja. Von Lokoja aus sollte zu Ende dieses Jahres ein Vorstoss
zur Erschliessung des Bussalandes unternommen werden. Der Bestand der
britischen Truppen in Nigeria soll jetzt eine weitere Verstärkung
erfahren. Demnächst wird auch eine Expedition nach Kano und Sokoto
geplant, deren Herrscher in direkte Abhängigkeit zu der Regierung von
Nigeria gebracht werden sollen. Der Centralsitz der Verwaltung der
englischen Kolonie ist von Djebba nach Wuschischi in die Nähe des
Katonaflusses im Nordosten von Bida verlegt worden. Der Ort ist durch
eine Eisenbahn mit dem Katonaflusse verbunden.
Deutscherseits ist jetzt gleichfalls mit der Eröffnung des nach den
Verträgen mit Frankreich und England uns zustehenden Tschadseegebietes
begonnen worden. Durch den Vertrag vom 15. November 1893 mit England
ist unsere Grenze im Westen und durch den Vertrag vom 15. März 1894 mit
Frankreich im Osten festgelegt worden.
Am 12. Oktober 1901 war Oberleutnant Dominik, der bereits erfolgreich
in Tibati und in anderen Orten Adamauas thätig war, und dem der
Oberleutnant von Bülow beigegeben ist, mit einer Expedition von
der Küste von Kamerun aus nach dem Benuë marschiert. Er hatte die
Aufgabe, auf friedlichem Wege die Einrichtung eines ständigen
Beobachtungspostens in Garua und den Beginn der Entfaltung deutscher
Handelsthätigkeit im Hinterland unserer Kolonie in die Wege zu leiten,
sowie die spätere Festsetzung der deutschen Herrschaft am Tschadsee
vorzubereiten.
Kurz vor ihm war Hauptmann Cramer von Clausbruch, der im Oktober
1901 mit zwei Kompagnien der Schutztruppe zunächst nach Tibati
gegangen war, über Ngaundere nach Garua gelangt. Am 5. Dezember dort
eingetroffen, wurde er am 19. von dem von den Engländern entthronten
Emir Zuber von Yola angegriffen. Letzterer wurde jedoch nach heftigem
Kampfe zurückgeschlagen. Auch Oberstleutnant Pavel, der Kommandeur der
deutschen Schutztruppe in Kamerun, erreichte Anfang des Jahres mit zwei
Kompagnien über das Gebiet der Bali, Banjo und Kuntscha Garua, wo er
Verstärkungen für den von Dominik errichteten Posten zurückliess. Von
Garua aus unternahm Oberstleutnant Pavel einen Rekognoscierungsmarsch
durch das deutsche Tschadseegebiet. Er verliess Garua am 26. März,
durchquerte unter Gefechten die Ngollo- und Selebebaberge, erreichte
Dikoa am 21. April und den Tschadsee am 3. Mai. Der Rückmarsch
wurde den Logon entlang über Karnak-Logon nach Maona genommen. Die
Wiederankunft in Garua erfolgte am 7. Juni. Dem Sultan Zuber von
Yola wurden in den Ausläufern der Mandaraberge, westlich von Marrua,
zwei Niederlagen beigebracht, ohne dass es jedoch gelungen wäre, ihn
gefangen zu nehmen. In Dikoa wurde eine französische Garnison --
Kapitän Dangeville mit einem weissen Unteroffizier und 50 Spahis --
vorgefunden. Diese wohnte der feierlichen Hissung der deutschen Flagge
bei und zog hierauf auf französisches Gebiet ab. Weitere französische
Garnisonen in Kusseri und Gulfei zogen beim Nahen der Expedition
gleichfalls ab. Dikoa und Garua erhielten deutsche Garnisonen, und
zwar Dikoa 50 Mann unter Oberleutnant Bülow und Garua 50 Mann unter
Oberleutnant Dominik.[76] Oberstleutnant Pavel trat am 8. Juni d. J.
von Garua aus den Rückmarsch nach der Küste an und ist Mitte August in
Duala eingetroffen. Neben Yoko ist jetzt auch in Banyo ein deutscher
Militärposten errichtet worden, wodurch die Station von Garua wieder
einen näheren Stützpunkt erhalten hat. Das Hinterland von Kamerun ist
damit thatsächlich in Besitz genommen.
Unabhängig von diesen staatlichen Unternehmungen ist von dem unter dem
Vorsitz des Konsuls Vohsen stehenden deutschen Tschadsee-Komitee eine
weitere Expedition über den Niger und Benue stromaufwärts auf einem
eigenen gecharterten Dampfer unterwegs. Die Expedition wird geleitet
von Herrn Bauer, dem die Herren von Waldow und Bergingenieur Edlinger
beigegeben sind. Sie soll zunächst in Garua ein Jahr verbleiben und das
Land der Umgebung in möglichst weiter Ausdehnung auf seine natürlichen
Hilfskräfte und wirtschaftlichen und Handels-Verhältnisse eingehend
untersuchen. Es ist erfreulich, festzustellen, dass die Expedition von
den englischen Behörden und Kaufleuten in Nigeria das freundlichste
Entgegenkommen erfahren hat.
Durch die Siege der französischen Waffen am Schari und im Süden des
Tschadsees, der Engländer bei Yola und Bautschi und durch unsere
eigenen Erfolge in Adamaua ist das Prestige der Weissen gerade jetzt am
Benue und im deutschen Tschadseegebiet sehr hoch gestiegen.
[71] Mir wurde auch ein Sohn Abu Kiaris, namens Omar Sanda, als
der gegenwärtige Senior und ehestberechtigte Prätendent der
alten Bornu-Dynastie bezeichnet. Es mag dieses der vorerwähnte
Sohn Abu Kiaris sein, der jetzt in Dikoa lebt; anderenfalls
müsste eine Verwechselung mit dem ältesten Sohne Haschems
vorliegen. Vielleicht ist der jetzige Sultan Djerbai mit einem
Bornu-Prinzen Djebril zu identificieren, der zur Zeit der
Rabeh’schen Schreckensherrschaft in Sia (Kuno), im Südwesten des
Tschadsees, am Schari, gestützt auf eine Schar treu ergebener
Leute, eine gewisse Selbständigkeit erworben hatte und seinen
Einfluss vor allem der Ausübung erfolgreicher Wunderkuren, wie
Mitglieder der Bruderschaft der Kaderi sie auszuführen pflegen,
verdankte. Er hatte sich den Franzosen gegenüber freundlich
gezeigt, und auch Prins, als dieser durch Gaza kam, wo er sich
damals aufhielt, in geschickter Weise die Verstauchung einer
Hand geheilt.
[72] Mit dem Namen Musgu hörte ich sowohl den in Mandara und im
Osten bis zum Schari lebenden eingeborenen Stamm bezeichnen, wie
er ausserdem für Heiden überhaupt im Süden des Tschadsees im
Gegensatze zu Muhammedanern angewandt wurde.
[73] In den letzten Jahrzehnten war der Sultan von Mandara nicht
nur Bornu, sondern auch dem Emir von Yola und dadurch indirekt
dem Kaiser von Sokoto tributpflichtig geworden. Doch hinderte
dieses den Emir von Yola nicht, von Zeit zu Zeit Raubzüge
gegen die heidnischen Distrikte von Mandara zu unternehmen, um
Sklaven zu erbeuten, die er wiederum zum Teil als Tribut seinem
Oberherrn nach Sokoto sandte.
[74] Der Benuë ist eine breite Wasserstrasse. Grössere Schiffe,
die etwa 250 Tonnen halten, können ihn drei Monate des Jahres
bis nach Garua aufwärts befahren. Für kleinere Schiffe
dürfte der Fluss während des ganzen Jahres bis Bifara an der
französischen Grenze passierbar sein. Die Frage, ob zwischen
dem Benuë und dem Logon, also zwischen dem atlantischen Ocean
und dem Schari und dem Tschadsee eine nicht unterbrochene
Verbindung zu Wasser besteht, wäre nach den Mitteilungen des
französischen Forschers Bonnel de Mezières zu bejahen. Seiner
Ansicht nach könnten zu gewissen Zeiten des Jahres Schiffe vom
Benuë über den Majo Kebbi bis zum Schari gelangen. Die Dampfer,
welche im Herbst vom atlantischen Ocean über den Niger ihre
Bergfahrt beginnen, würden die europäischen Waren nach Garua
bringen können und hätten volle Zeit, die dort aufgestapelten
Erzeugnisse des Landes wieder nach dem Ocean zurückzuführen.
Von Garua aus würden kleinere Bote bis nach Bifara und zum
Logon verkehren können, von wo aus die Waren -- immer auf
der Wasserstrasse -- bis zum Tschadsee gelangen würden und
umgekehrt. In jüngster Zeit hat Leutnant de Thézillat die
Gelegenheit des Antritts eines Heimatsurlaubs benutzt, um vom
Fort Lamy aus den Logon aufwärts auch auf deutschem Gebiete zu
erforschen.
[75] Es hiess eine Zeit lang, dass er sich mit der Absicht tragen
solle, die Pilgerfahrt nach Mekka zu machen.
[76] In jüngster Zeit soll Sultan Djerbai Dikoa verlassen haben und
auf englisches Gebiet übergesiedelt sein.
Abriss der Geschichte der Tschadseeländer.
Bis vor kurzen gehörte das Tschadseegebiet zu den unbekanntesten
Gegenden der Welt. Die wenigen Routen, welche vereinzelte Reisende
innerhalb der Tschadseeländer ausführten, hatten trotz der sorgfältigen
Erkundigungen doch nur für die nächste Umgebung der Reisewege
erschöpfende Nachrichten gebracht. Wir können stolz darauf sein, dass
es Deutsche waren, welche bis jetzt für die Erforschung dieses Gebietes
das meiste geleistet haben, sowohl als Geographen und Ethnographen wie
als Historiker. Ich brauche für die nächste Umgebung des Tschadsees nur
Barth und seine tapferen, auf dem Felde ihrer Forschungen verstorbenen
Mitarbeiter Overweg und Vogel, ferner den in Kanem ermordeten v.
Beurmann, sodann Gerhard Rohlfs und unseren grossen Nachtigal zu
nennen, für den Süden Flegel, Zintgraff, Passarge und v. Üchtritz,
für Adamaua unter anderen Morgen, v. Stetten und neuerdings Dominik,
für Sokoto Staudinger, für die Gebiete im Süden und Südosten Wadais
den Nestor unserer noch lebenden Afrikaforscher Schweinfurth, ferner
Junker. Mit dieser Aufzählung ist die Reihe deutscher Namen, welche
sich um die Erkundung des Tschadseegebiets verdient gemacht haben, noch
nicht erschöpft.
Andere Nationen haben an diesem Werke mitgearbeitet. Die ersten
europäischen Forschungsreisenden im Tschadseegebiete waren Engländer:
Denham und Clapperton, Oudney und Richardson. Der zu den Beamten der
Royal Niger Company gehörige Mackintosh hat vor einigen Jahren noch
Bornu erreicht. Zwei Italiener, Matteucci und Massari, haben im Fluge
Afrika von Ost nach West und zwar über die Tschadseegebiete durchzogen,
leider ohne dass ihre kühne Reise der Wissenschaft viel genützt hätte.
Der eine starb noch in Afrika infolge der Anstrengungen und des
Fiebers. Dem anderen umnachteten sich bald darauf aus demselben Grunde
die Sinne. Eine Holländerin, eine mutige, von tragischem Geschick
verfolgte Frau, hat den Versuch, nach dem Tschadsee vorzudringen, mit
dem Tode gebüsst: noch bevor sie dorthin gelangte, wurde Fräulein Tinne
bei Scharaba unfern von Murzuk von den Tuareg getötet. Belgischen
Beamten verdanken wir manche Erweiterungen unserer Kenntnis des Gebiets
im Süden von Wadai und Dar Fertit.
In neuester Zeit sind die Franzosen, wie bereits hervorgehoben, mit
besonderem Eifer für die Erforschung der Tschadseeländer thätig
gewesen. Auch von ihnen hat mancher sein Leben bei dieser Aufgabe
lassen müssen. Monteil gelang es, vom Senegal aus den Tschadsee zu
erreichen und, durch die Sahara kommend, europäische Civilisation
am Mittelmeer wiederzusehen. Besonders die letzten Jahre brachten
für Frankreich eine fast fieberhafte Thätigkeit im Tschadseegebiete
und im übrigen Innerafrika. Um die Besitzungen am Mittelmeer und
am Atlantischen Ocean mit dem französischen Kongo zu einem grossen
Kolonialreiche zu vereinigen, musste eine Verbindung dieser
Gebietsteile durch die Sahara und über den Tschadsee hergestellt
werden. Männer wie Mizon, Crampel, Maistre, Dybowsky, Bonnel de
Mézières und Marchand seien als Forscher im Süden und Südosten des
Tschadsees genannt. Die Thätigkeit der bei den jüngsten Expeditionen
und im Kriege mit Rabeh hervorgetretenen Männer hat wichtige Resultate
auch für die Wissenschaft gezeitigt, die dem Gouverneur Gentil,
Prins, Joalland und anderen Offizieren zahlreiche Bereicherungen der
verschiedensten Art verdankt. Der Gelehrte Foureau hat mit seiner
seit langer Hand vorbereiteten Durchquerung Afrikas von Algerien
zur Kongomündung die Erforschung der Tschadseeländer jetzt zu einem
gewissen Abschluss gebracht.[77]
Die politischen Beziehungen der europäischen Mächte in Centralafrika
sind seit einigen Jahren durch internationale Verträge geregelt.
Die Grenzen, welche infolge dieser Verträge zwischen den einzelnen
Kolonialmächten festgelegt wurden, sind auf der dieser Arbeit
beigegebenen Karte ersichtlich.
Die Bevölkerung in den Ländern des Tschadseegebietes ist recht
buntscheckig. Neben mehr negerartigen Völkern finden wir hamitische
und hamitisch angehauchte Stämme wie die Tibbu, Tuareg, Gora‘an,
Baele, Wadaba, Kanuri (Kanembo), Haussa und Fulbe, ferner Araber
aus verschiedenen Einwanderungsperioden. Ein grosser Teil der von
diesen Völkerschaften bewohnten Gegenden ist bereits muhammedanisch.
In einzelnen Strichen ist der Islam schon seit über tausend Jahren
heimisch, einen besonderen Aufschwung hat er im 19. Jahrhundert und
zwar namentlich durch die Thätigkeit einzelner muhammedanischer Orden
genommen.
Im folgenden sei ein Überblick über die historische Entwicklung der
hauptsächlichsten für die Geschichte Rabehs in Betracht kommenden
innerafrikanischen Staatengebilde gegeben.
[77] Seit mehr als 20 Jahren war Foureau an der Erforschung der
Sahara thätig. Von seiner Durchquerung Afrikas von Algerien
über den Tschadsee zur Kongomündung, die er von langer Hand
vorbereitet hatte, brachte er neben zahlreichen anderen
wissenschaftlichen Resultaten über 500 astronomische
Ortsbestimmungen mit. Nach den Untersuchungen Foureaus bildet
der Bahr el Ghazal im Südwesten des Tschadsees keinen Zufluss
des Sees. Vielmehr ist er eher als eine Art von Abfluss zu
betrachten, indem er nach Nordosten hin bei starkem Wasserstande
des Sees eine golf- oder lagunenartige Verlängerung desselben
darstellt, welche zu gewissen Zeiten Wasser an der Erdoberfläche
etwa 60 km landeinwärts weiterführen soll. (Vergl. Bulletin
de la Société de Géographie, 1900, S. 433 ff., 453.) Die
ausführliche Darstellung der wissenschaftlichen Arbeiten seiner
Reisen wird Foureau hoffentlich recht bald der Öffentlichkeit
übergeben können. Der erste Band mit der eigentlichen
Reisebeschreibung ist unter dem Titel „Mission Saharienne
Foureau Lamy d’Alger an Congo par le Tsad“ bereits erschienen.
(Paris, Masson & Cie, 1902.) Gentil hat eine Schilderung seiner
Feldzüge im Tschadseegebiet im „Tour de Monde“ erscheinen lassen.