Von der ersten Jugend Rabehs wissen wir nicht viel. Rabehs Vater, Fadel
Allah, soll aus dem Djebel Idris in Sennar stammen. Am glaubwürdigsten
erscheint die Nachricht, dass Fadel Allah dort als freier Muhammedaner
geboren wurde und von Beruf ein Schreiner war. Fadel Allah war jedoch
kein Araber, wie sein Sohn später behauptete, sondern ein Neger; er
wurde von den egyptischen Truppen erbeutet und als Soldat in ein
Sudanbataillon eingestellt. Rabeh, welcher als Sohn eines Soldaten
für den Militärdienst bestimmt war, wurde schon als Knabe eingereiht
und zunächst als Tambour und dann in der Front verwandt. Später war
er imstande, zwei Sklaven an seiner Statt zu stellen, worauf er, dem
damaligen egyptischen Gesetze entsprechend, aus dem Militärverband
entlassen wurde. Er ging dann nach dem Bahr el Ghazal, und hier wurde
er von Zuber, der den aufgeweckten und waffenkundigen jungen Mann
brauchbar fand, angeworben. Dem Djellabaführer folgte Rabeh als Knecht
und Soldat, später als Einexerzierer, Offizier und Abteilungsführer.
Nachdem Rabeh, zu unverhältnissmässig grösserer Macht gelangt war, als
Zuber Pascha jemals besessen hatte, und von seinen früheren Beziehungen
zu dem depossedierten Sklavenfürsten des Bahr el Ghazal nichts mehr
wissen wollte, blieb Zuber doch stolz auf die Erfolge seines ehemaligen
Mannes und bestritt mir ausdrücklich, dass Rabeh je sein Sklave gewesen
sei.
Als Soliman, der Sohn Zubers, den für ihn so verderbenbringenden
Entschluss fasste, sich Gessi Pascha auszuliefern, stand Rabeh an
der Spitze derjenigen, die ihm hiervon abrieten und das vollständige
Verlassen der alten Heimat, eine unbestimmte Zukunft und ein wildes
Nomadenleben der Übergabe an Gessis Leute vorzogen. Damals (1879)
muss Rabeh nach der Berechnung Zubers, der ihn als einen Mann von
besonderer Energie, grosser Klugheit und rücksichtsloser Tapferkeit
schildert, etwa 30 Jahre alt gewesen sein. Als er unter dem Vorantritt
der dröhnenden Kriegstrommeln, jener grossen mit einer Ochsenhaut
bespannten kupfernen Kesselpauken, das Lager Solimans in Djerra
verliess, folgten ihm wohl tausend, vielleicht sogar mehrere tausend
der besten Basinger Zubers, der Kern der Leute, denen er seine späteren
gewaltigen Eroberungen verdankte, und denen er bis in die letzte Zeit
hinein die Offiziere seiner Umgebung mit Vorliebe entnahm.
Die Tapferkeit der Basinger ist bekannt. Wir selbst haben sie in unseren
Kolonien vielfach erprobt. Die Askari der deutsch-ostafrikanischen
Schutztruppe rekrutieren sich heute noch zum Teil aus solchen
sudanesischen Söldlingen. In den Kriegen zur Wiedereroberung des
dem Mahdismus verfallenen Sudan haben sie sich in den Reihen der
egyptischen Armee auf das glänzendste geschlagen, wie sie im
feindlichen mahdistischen Lager den Egyptern und den Engländern schwere
Verluste und in früherer Zeit manche Niederlage bereitet haben. Denn
der Basinger ist ein Söldner in des Wortes wahrster Bedeutung. Wie
der Landsknecht kämpft er für den, dessen Brot er isst; aber er dient
auch dem Feinde, nachdem dieser ihn besiegt, ihn erbeutet hat, und
ihm nunmehr den Lebensunterhalt gewährt und Aussicht bietet, mit
seinen Weibern weiter zu leben oder neue Weiber und neue Beute zu
erwerben. Der Abstammung nach sind die Basinger Schilluks, Dinkas
und Angehörige anderer meist heidnischer Stämme des oberen Nils und
seiner Nachbarländer. Als Kinder, oft aber auch erst als erwachsene
Männer gefangen, werden sie nach kurzer Einübung tüchtige Soldaten und
dienen dann, bis ihre Haare weiss werden und sie die Waffen nicht mehr
tragen können. Sie werden regelmässig Muhammedaner und eignen sich die
arabische Sprache nach Möglichkeit an.
Die Basinger, welche Rabeh nach dem Westen folgten, nahmen natürlich
ihre Weiber mit sich. Später erhielt Rabeh beträchtlichen Nachschub
aus dem egyptischen Sudan. Die Mannschaften, aus welchen sein Heer sich
in der Folge weiter ergänzte, die von ihm auf seinen Kriegsfahrten
erbeuteten Sklaven, gingen in seine Truppen auf, auch sie wurden
Muhammedaner. Die Eroberungszüge Rabehs, die ihn immer mehr nach
dem Westen geführt haben, sind als eine Art von Völkerwanderung im
Kleinen anzusehen, bei welcher seine ursprünglich aus zahlreichen
verschiedenartigen Stammeselementen bestehenden muhammedanischen
Truppen einen neuen einheitlichen, fremden, erobernden Stamm in dem
vielfach noch heidnischen neugewonnenen Gebiete darstellen.
Es gelang Rabeh, mit Geschick sich den Verfolgungen Gessi Paschas zu
entziehen. Er wandte sich zunächst nach Dar Fertit und setzte sich
hier in dem gebirgigen Gebiete von Dar Manga[9] fest. Diese Landschaft
bildet eine grosse, leicht zu verteidigende natürliche Festung, und
hier baute Rabeh sich seine erste Zeribe, von der aus er, vor jeder
Verfolgung sicher, bis auf weiteres seine Sklavenjagden nach Süden hin
ausführte.
Demnächst unterwarf Rabeh die kleinen Häuptlinge von Dar Banda und
dehnte seine Eroberungszüge bis nach Bangasso am Mbomu, also bis in die
nächste Nachbarschaft des Ubangi, aus. Auch gegen Semio und Rafai,
die gleich Rabeh früher in Zubers Diensten gestanden und sich später
im Heidengebiet der Niamniam, nordöstlich von Bangasso, selbständige
Fürstentümer gründen konnten, unternahm er erfolgreiche Beutezüge,
die damit endeten, dass die Genannten sich zu einem Tributverhältnis
ihm gegenüber bequemten. Im Niamniam-Lande hatte Rabeh schon zur Zeit
Zubers das Sklavenjagdgewerbe ausgeübt.[10]
Nunmehr wandte sich Rabeh nordwestlich und unterwarf sich die
zwischen Dar Banda und Dar Runga gelegene Landschaft Kuti.[11] In
Kuti regierte damals ein den Titel Schech führender Duodezfürst,
Namens Muhammed waled Abu Bekr es Senussi,[12] der seinerzeit mit
Zuber in Beziehung gestanden und ihm eine Art von Tribut gezahlt
hatte, als dieser Sklavenfürst seine Menschenjagden so weit nach
dem Westen ausdehnen konnte. Gleichzeitig stand der Herr von Kuti
aber auch im Vasallenverhältnis zu Wadai, wie ein solches doppeltes
Vasallentum in den afrikanischen Staatswesen an der Regel war und
ist. Der Schech Muhammed es Senussi von Kuti gehört zur herrschenden
Familie von Baghirmi. Er ist ein Enkel des Sultans Osman Burkomanda
von Baghirmi, der 1807-1846 regierte. Muhammeds Vater, Abu Bekr, war
aus Baghirmi geflohen, als der älteste Sohn Burkomandas, Abd el Kader,
auf den Thron seiner Väter gelangte. Nachdem Abu Bekr eine zeitlang
heimatlos umhergeirrt war, machte er die Pilgerfahrt und gewann,
nach Afrika zurückgekehrt, im Süden des Bahr es Salamat das Zutrauen
des mächtigsten der heidnischen Fürsten in Dar Runga, dessen Tochter
er heiratete. Nach dem Tode seines Schwiegervaters gelangte er zur
Regierung, nachdem er natürlich seinen Schwager hatte ermorden lassen.
Ihm war sein ältester Sohn Muhammed, der gegenwärtig noch Schech von
Kuti ist, im Jahre 1875 gefolgt.
Als Rabeh im Gebiete von Kuti erschien, verhielt sich der Schech
ihm gegenüber misstrauisch; Rabeh wurde gezwungen, ausserhalb der
Hauptstadt zu lagern. Bald traf eine nicht unbedeutende Truppenmacht
ein, welche der damalige Sultan Ali von Wadai gegen Rabeh entsandt
hatte, vielleicht von dem Schech von Kuti zu Hilfe gerufen, vielleicht
aber auch deshalb, weil Rabeh sich auf dem Marsche nach Dar Runga
in den anderen zu Wadai gehörigen Distrikten Gewaltakte hatte zu
schulden kommen lassen. Rabeh wurde zu einer friedlichen Besprechung
aufgefordert. Statt darauf einzugehen, überfiel er nachts die
übermächtigen Wadaileute und schlug sie glänzend.[13] Die zersprengten
Reste des Wadai-Heeres flüchteten in die schwer zugänglichen
heimatlichen Berge im Norden. Rabeh zog dann in Kuti ein, dessen
Bewohner ihm huldigten. Damit war seine Stellung in Innerafrika
begründet. Der bisherige Gebieter von Kuti und Dar Runga erkannte ihn
als Oberherrn an, und von Kuti aus, wo er sich nunmehr consolidierte,
begann Rabeh seine Herrschaft nach Süden und Westen auszudehnen. Sehr
bald wurde seine Truppenmacht durch weitere frühere Gefolgsleute
Zubers, welche sich der Regierung Gessis und der egyptischen Effendis
nicht hatten fügen wollen, sowie später auch von solchen, die in den
durch den aufkommenden Mahdismus geschaffenen Verhältnissen im Bahr el
Ghazal und in Darfur sich nicht mehr wohl fühlten, verstärkt.
Zwischen Wadai und Rabeh kam eine Art stillschweigenden Kompromisses
zu Stande. Zuber Pascha teilte mir mit, dass er von Kairo aus mit dem
Sultan Ali von Wadai und mit Rabeh in Verbindung geblieben und dass es
seiner Vermittlung gelungen sei, ein gutes Verhältnis zwischen beiden
herzustellen. Jedenfalls respektierten beide Teile einander, und es
ist wahrscheinlich, dass damals Handelsbeziehungen zwischen Rabeh und
Wadai bestanden haben, durch die der Eroberer sich von Norden her mit
frischen Waffen und Munition versehen konnte.
In den ehemaligen egyptischen Provinzen des Sudan, in Kordofan, Darfur
und im Bahr el Ghazal bis Lado hin, wo Emin Pascha die egyptische
Fahne noch hoch halten konnte, war inzwischen das theokratische Reich
des aus Dongola stammenden Mahdi Muhammed Ahmed zur That geworden.
In geradezu verblüffender Weise hatte der Dongolaner die gegen ihn
entsandten egyptischen Truppen immer wieder geschlagen. Es war ihm
gelungen, in den Völkern der Nilländer einen religiösen Fanatismus
zu entfachen, dessen man die zum Teil vor gar nicht langer Zeit erst
dem Islam gewonnenen Neger nicht fähig gehalten hatte. Im August des
Jahres 1881 hatte Muhammed Ahmed seine „göttliche Mission“ begonnen.
Im Jahre 1882 lagen seine Scharen in der Nähe von Chartum. Nachdem
schon der ganze egyptische Sudan ihnen verfallen, wurde auch Chartum
im Jahre 1884 genommen, bei der Einnahme der Stadt fand der englische
Generalgouverneur Gordon seinen Tod. Bald darauf erstreckte sich das
Reich des Mahdi nilabwärts bis in die Gegend des zweiten Kataraktes,
in die Nachbarschaft von Wadi Halfa, im Osten bis zum Roten Meere
hin reichend, wo Suakin eine egyptische Enclave bildete, im Süden
bis nach Lado; im Westen war es begrenzt von den Negerstämmen von
Dar Fertit und Dar Banda, weiter nördlich von Wadai und endlich von
der Libyschen Wüste, in deren Oasen der Oberschech des Senussiordens
allmächtig war.[14] Sowohl mit Rabeh, als auch mit Wadai und dem Schech
der Senussi versuchte der Mahdi Beziehungen anzuknüpfen, jedoch ohne
Erfolg. Der Oberschech der Senussi hatte offen den Mahdi als einen
Ketzer dargestellt. Wadai und Rabeh wollten ihre Selbständigkeit zu
Gunsten des Schreckensfürsten am Nil nicht aufgeben, und zwischen Rabeh
und Wadai herrschte Frieden, auf Interessengemeinschaft begründet.[15]
Im Jahre 1884 sandte der Mahdi ein Schreiben an Rabeh, in welchem er
diesen auffordern liess, ihn als den geweissagten Welterlöser und
Herrn der Welt anzuerkennen. Rabeh antwortete nicht. Drei Jahre später
liess der Chalifa Abdullahi, der im Jahre 1885 dem Mahdi gefolgt war,
durch seinen Vetter Osman Adam an Rabeh die schriftliche Aufforderung
richten, seinen Fahnen zu folgen. Auch dieses Schreiben wurde
ignoriert. Erst viel später benutzte Rabeh die Sache der Derwische für
seine eigenen Interessen. --
Mehrere Jahre setzte Rabeh von Kuti aus das Handwerk seines früheren
Herrn und Lehrmeisters Zuber fort, mit seiner Soldateska die kleinen
Negerfürsten und Dorfschaften in der Nachbarschaft von Dar Runga
bekriegend und besiegend, hauptsächlich um Sklaven einzujagen, die
wiederum Ersatz für die naturgemäss in diesen Kämpfen sich aufreibenden
alten Truppen bildeten. Die Weiber wurden den Soldaten zu Frauen
gegeben, der Überschuss nach Norden hin verkauft und gegen Waffen und
Munition eingetauscht. Gleichzeitig versuchte er überall, ebenfalls
nach dem Vorbilde Zubers, eine Art Regierung einzuführen, indem er in
den von ihm eroberten Gebieten eigene Gouverneure einsetzte oder von
den Stammesfürsten Tribut erhob. In Kuti behielt er den Schech Muhammed
waled Abu Bekr es Senussi, dessen Tochter Hadja er mit seinem Sohne
verheiratete, als seinen Statthalter bei. Der Schech von Kuti hat
später viel von sich reden gemacht. Im Mai 1891 liess er im Auftrage
seines Oberherrn Rabeh die französische Expedition unter Crampel
massakrieren. Dadurch fielen Rabeh 50 Repetiergewehre, 200 gewöhnliche
Gewehre und reiche Munition in die Hände.[16] Einige der Senegalesen
Crampels erscheinen später als Offiziere im Heere Rabehs.
[9] Die viel gebrauchte Pluralbildung des Namens lautet Mangiat.
[10] Übrigens haben sich Semio und Rafai, sowie einige andere
Häuptlinge im Niamniam-Gebiete, deren Land von den Franzosen
kurzweg „les Sultanats“ genannt wird, gegen die mahdistische
Invasion halten können. Im Jahre 1884 konnten sie einen Angriff
der Mahdisten mit Erfolg abweisen, und seither scheinen sie
nicht mehr belästigt worden zu sein. In der Folge haben sie aus
Opportunitätsgründen den durchkommenden Belgiern und Franzosen
keine Schwierigkeiten gemacht und sich der Handelsexpedition des
Bonnel de Mezières entgegenkommend gezeigt. Rafai ist unlängst
gestorben, ihm ist sein Sohn Osman gefolgt.
[11] Belgische Quellen (vergl. A. J. Wauters, Mouvement Géographique,
1899, No. 44) geben die ersten Geschicke Rabehs, nachdem er den
Verfolgungen Gessis sich hatte entziehen können, wie folgt:
Zunächst habe er sich südwestlich nach Dar Fertit gewandt, das
er vernichtete. Darauf wäre er, weiter südwestlich ziehend, in
das Gebiet der Kresch und der Banda eingedrungen, die er sich
unterworfen habe. Dann sei es zu einem grossen Kampfe zwischen
ihm und den Sakkara gekommen, deren Anführer damals Bali, der
Vater ihres gegenwärtigen Schech Bangasso, gewesen sei. Die
Schlacht habe am Bali, einem Nebenflusse des Ubangi, unweit des
Dorfes Baso, also in der nächsten Nähe der nördlichen Grenze
des Kongostaates, stattgefunden. Die Sakkara seien vollständig
geschlagen worden, und ihr Gebiet wäre der Verwüstung und
Unterwerfung in derselben Weise wie das der Kresch und Banda
anheimgefallen, wenn der Sieger in seinem Marsche nach dem
Ubangi nicht durch absoluten Mangel an Lebensmitteln und die
Furcht, auch im Süden sich nicht verproviantieren zu können,
aufgehalten worden wäre. Infolgedessen habe er sich nunmehr
nach dem Nordwesten gewandt. Nach der Überschreitung des Koto,
eines anderen Nebenflusses des Ubangi, sei er nach Dar Runga
marschiert, dessen in Kuti residierender Sultan, ein Vasall von
Wadai, sich ihm unterwerfen musste. Bei dieser Gelegenheit seien
Rabeh grosse Waffenvorräte in die Hände gefallen, und von dem
Augenblicke an datiere seine eigentliche Macht. Die gedachten
belgischen Quellen verlegen diese Ereignisse in die Jahre 1883
und 1884.
Es ist schwer zu entscheiden, ob der gegen die dem Kongostaate
nahe liegenden Sakkara gerichtete Kampf der Festsetzung Rabehs
in Kuti wirklich vorangegangen ist. Es ist mir wahrscheinlicher,
dass es sich dabei um einen jener Kriegs- und Raubzüge handelt,
welche Rabeh von Kuti aus strahlenförmig nach dem Südwesten und
Südosten ausführte.
[12] Kuti ist der Name einer der Landschaften, in die Dar Runga
zerfällt und gleichzeitig der Name der früheren Hauptstadt des
Landes. In jüngster Zeit wird N’Delle als Residenz des Schech
Muhammed waled Abu Bekr es Senussi genannt. Der Herr von Kuti
hat nichts mit der religiösen Bruderschaft der Senussi zu
thun. Der Name es Senussi kommt mehrfach vor. Ihn trägt auch
eine reiche Kaufmannsfamilie in Alexandrien und ein ganzer
tunesischer Beduinenstamm.
[13] Dieser erste Kampf, der zwischen Rabeh und Wadai noch bei
Lebzeiten des eigentlichen Mahdi im egyptischen Sudan stattfand,
wurde mir von einem Wadai-Manne in seinen Einzelheiten etwas
anders dargestellt. Der Kampf sei durch Regen unterbrochen
worden. Auf beiden Seiten seien 3-400 Mann gefallen.
Oberbefehlshaber auf Seiten Wadais sei der Eunuch Scharaf
ed Din, der Akid es Salamat, gewesen. Von hervorragenden
Wadai-Leuten, die gefallen, nannte er el Makua Hlata, den
Akid der Chamis, den der Djamie u. a. Nach diesem Kampfe habe
sich Rabeh zunächst vom Salamat-Gebiet, woselbst der Kampf
stattgefunden habe, ostwärts nach dem Bahr el Iro, dann sudwärts
nach Dar Runga und Kuti gewandt.
[14] Der Orden der Senussi, deren Namen in diesen Blättern häufig
wiederkehrt, ist eine religiöse muhammedanische Bruderschaft,
die sich in den letzten Jahrzehnten zu einem nicht zu
unterschätzenden Machtfaktor in der afrikanischen Politik
herausgebildet hat und namentlich in gewissen Gegenden des
nordöstlichen Afrika ausschlaggebenden Einfluss besitzt.
In religiöser Beziehung auf puritanischer, den starren
ursprünglichen Islam betonender Grundlage stehend, zeichnet
sie sich durch eine ausserordentlich straffe Organisation aus,
die in blindem Gehorsam dem Ordensoberhaupt gegenüber gipfelt.
Unter sich sind die Ordensbrüder zu gegenseitiger Unterstützung
gezwungen. Der Gründer des Ordens, der Vater des gegenwärtigen
Oberschechs, ein Algerier von Geburt, hat Ende der 50er Jahre
des 19. Jahrhunderts, nachdem er lange Zeit im Hedjaz gelebt,
den Ordenssitz in Djerabub, an der tripolitanisch-egyptischen
Grenze, in einer Oase aufgeschlagen, die mitten in der Wüste,
weitab vom Meere, gelegen ist. Von hier hat der gegenwärtige
Schech der Senussi im Jahre 1896 seinen Centralsitz nach der
Oase Kufra und im Jahre 1899 noch weiter nach dem Innern,
nach Borku, verlegt. In sehr geschickter Weise hat sich das
Ordensoberhaupt mit einem mystischen Nimbus zu umgeben gewusst,
und der heutige Schech der Senussi wird von seinen Anhängern
als der erwartete, wahre Mahdi angesehen. In zahlreichen Orten
Innerafrikas, auf den Karawanenstrassen nach Mekka u. s. w.
haben die Senussi klosterartige Etablissements, Zauijas,
errichtet, welche unter eigenen Beamten, Mokaddims, stehen, und
in denen die Gläubigen und vor allem die Ordensbrüder bewirtet
und die Lernbegierigen in eigenen Schulen unterrichtet werden.
Von diesen Zauijas aus wird die Propaganda für den Islam und
für den Orden eifrig betrieben. Gleichzeitig sind sie durch
ihre Schulen die Träger einer gewissen Kultur geworden. Die
Senussi betonen die Nützlichkeit der Arbeit, und die Zauijas
geben in dieser Beziehung selbst ein gutes Beispiel durch Anlage
von mustergiltigen Ackerbauwirtschaften und Palmenwäldern.
Sie unterstützen nach Kräften den Handel, von dem sie selbst
möglichsten Nutzen ziehen. Ein Teil der Einkünfte der Zauijas
wird für den Unterhalt derselben verwandt, der Rest wird an
die Centralstelle abgeführt. Besonders in letzter Zeit hat
sich der Orden der Senussi mehr und mehr im Interesse seiner
zahlreichen im Nordosten Afrikas vom Karawanenhandel lebenden
Anhänger um die Aufrechterhaltung friedlicher Zustände im Innern
des schwarzen Erdteils bemüht. Der Oberschech der Senussi ist
über alle Vorgänge in Afrika genau orientiert. Stets stehen
in seiner Centrale Sendboten bereit, um seine Befehle und
Ratschläge nach den entferntesten Gegenden zu tragen. Der
europäischen Expansionspolitik in Afrika haben sich die Senussi
stets feindlich gezeigt. Auch ausserhalb Afrikas zählt der Orden
zahlreiche Anhänger.
[15] Irrtümlich wird vielfach angenommen, dass Rabeh, nachdem er
seinen früheren Herrn, Soliman ibn Zuber, verlassen hatte und
bevor er nach Westen zog und seine grossen Eroberungen in
Baghirmi antrat, zunächst sich nördlich nach Borku gewandt
habe, woselbst er unter Respektierung der geistigen Autorität
des Schech der Senussi längere Zeit sich aufgehalten habe.
Dieser Irrtum beruht meines Erachtens neben der besprochenen
Namensverwechslung des Oberhauptes des Senussiordens mit dem
Herrn von Kuti darauf, dass von vielen Afrikanern der Sultan
von Wadai auch Sultan von Borku genannt wird. Die im Norden von
Wadai gelegenen Berggebiete von Borku sind dem Sultanate Wadai
tributär.
[16] Vergl. Harry Alis, La Conquête du Tchad, S. 161, 178. Gerächt
wurde dieser Mord durch die nach Kuti vorgedrungenen Leute
Dybowskys am 22. November 1892 (a. a. O. S. 162). Allerdings
konnte Dybowsky des Urhebers des Mordes, des Schech Muhammed
es Senussi selbst, nicht habhaft werden. In der Folge, im
Jahre 1898, wurden französischerseits sogar durch Prins
freundschaftliche Beziehungen mit diesem angeknüpft. Vergl.
unten S. 87 f. Der Schech von Kuti scheint Rabeh jedoch bis zum
letzten Augenblicke, also bis zur Zeit seiner Niederlage durch
die Franzosen gehorsam und tributär geblieben zu sein, wenn er
auch den Franzosen gegenüber, die ihn besuchten, den Anschein
zu erwecken trachtete, als ob er sich mit ihnen gegen Rabeh
verbünden wollte. Erst neuerdings, im Mai 1901, hat der Herr von
Kuti sich den Franzosen endgiltig unterworfen und dem Oberst
Destenave, welcher zur Vertretung Gentils den Schari abwärts
nach Fort Lamy marschierte, in Gribingi einen Ergebenheitsbesuch
abgestattet. In dem französischen Lager erschien der Schech
an der Spitze von 1500 Leuten, darunter 600 gut einexerzierte
Gewehrträger.