III. Die ersten Eroberungszüge Rabehs.

Von der ersten Jugend Rabehs wissen wir nicht viel. Rabehs Vater, Fadel

Allah, soll aus dem Djebel Idris in Sennar stammen. Am glaubwürdigsten

erscheint die Nachricht, dass Fadel Allah dort als freier Muhammedaner

geboren wurde und von Beruf ein Schreiner war. Fadel Allah war jedoch

kein Araber, wie sein Sohn später behauptete, sondern ein Neger; er

wurde von den egyptischen Truppen erbeutet und als Soldat in ein

Sudanbataillon eingestellt. Rabeh, welcher als Sohn eines Soldaten

für den Militärdienst bestimmt war, wurde schon als Knabe eingereiht

und zunächst als Tambour und dann in der Front verwandt. Später war

er imstande, zwei Sklaven an seiner Statt zu stellen, worauf er, dem

damaligen egyptischen Gesetze entsprechend, aus dem Militärverband

entlassen wurde. Er ging dann nach dem Bahr el Ghazal, und hier wurde

er von Zuber, der den aufgeweckten und waffenkundigen jungen Mann

brauchbar fand, angeworben. Dem Djellabaführer folgte Rabeh als Knecht

und Soldat, später als Einexerzierer, Offizier und Abteilungsführer.

Nachdem Rabeh, zu unverhältnissmässig grösserer Macht gelangt war, als

Zuber Pascha jemals besessen hatte, und von seinen früheren Beziehungen

zu dem depossedierten Sklavenfürsten des Bahr el Ghazal nichts mehr

wissen wollte, blieb Zuber doch stolz auf die Erfolge seines ehemaligen

Mannes und bestritt mir ausdrücklich, dass Rabeh je sein Sklave gewesen

sei.

Als Soliman, der Sohn Zubers, den für ihn so verderbenbringenden

Entschluss fasste, sich Gessi Pascha auszuliefern, stand Rabeh an

der Spitze derjenigen, die ihm hiervon abrieten und das vollständige

Verlassen der alten Heimat, eine unbestimmte Zukunft und ein wildes

Nomadenleben der Übergabe an Gessis Leute vorzogen. Damals (1879)

muss Rabeh nach der Berechnung Zubers, der ihn als einen Mann von

besonderer Energie, grosser Klugheit und rücksichtsloser Tapferkeit

schildert, etwa 30 Jahre alt gewesen sein. Als er unter dem Vorantritt

der dröhnenden Kriegstrommeln, jener grossen mit einer Ochsenhaut

bespannten kupfernen Kesselpauken, das Lager Solimans in Djerra

verliess, folgten ihm wohl tausend, vielleicht sogar mehrere tausend

der besten Basinger Zubers, der Kern der Leute, denen er seine späteren

gewaltigen Eroberungen verdankte, und denen er bis in die letzte Zeit

hinein die Offiziere seiner Umgebung mit Vorliebe entnahm.

Die Tapferkeit der Basinger ist bekannt. Wir selbst haben sie in unseren

Kolonien vielfach erprobt. Die Askari der deutsch-ostafrikanischen

Schutztruppe rekrutieren sich heute noch zum Teil aus solchen

sudanesischen Söldlingen. In den Kriegen zur Wiedereroberung des

dem Mahdismus verfallenen Sudan haben sie sich in den Reihen der

egyptischen Armee auf das glänzendste geschlagen, wie sie im

feindlichen mahdistischen Lager den Egyptern und den Engländern schwere

Verluste und in früherer Zeit manche Niederlage bereitet haben. Denn

der Basinger ist ein Söldner in des Wortes wahrster Bedeutung. Wie

der Landsknecht kämpft er für den, dessen Brot er isst; aber er dient

auch dem Feinde, nachdem dieser ihn besiegt, ihn erbeutet hat, und

ihm nunmehr den Lebensunterhalt gewährt und Aussicht bietet, mit

seinen Weibern weiter zu leben oder neue Weiber und neue Beute zu

erwerben. Der Abstammung nach sind die Basinger Schilluks, Dinkas

und Angehörige anderer meist heidnischer Stämme des oberen Nils und

seiner Nachbarländer. Als Kinder, oft aber auch erst als erwachsene

Männer gefangen, werden sie nach kurzer Einübung tüchtige Soldaten und

dienen dann, bis ihre Haare weiss werden und sie die Waffen nicht mehr

tragen können. Sie werden regelmässig Muhammedaner und eignen sich die

arabische Sprache nach Möglichkeit an.

Die Basinger, welche Rabeh nach dem Westen folgten, nahmen natürlich

ihre Weiber mit sich. Später erhielt Rabeh beträchtlichen Nachschub

aus dem egyptischen Sudan. Die Mannschaften, aus welchen sein Heer sich

in der Folge weiter ergänzte, die von ihm auf seinen Kriegsfahrten

erbeuteten Sklaven, gingen in seine Truppen auf, auch sie wurden

Muhammedaner. Die Eroberungszüge Rabehs, die ihn immer mehr nach

dem Westen geführt haben, sind als eine Art von Völkerwanderung im

Kleinen anzusehen, bei welcher seine ursprünglich aus zahlreichen

verschiedenartigen Stammeselementen bestehenden muhammedanischen

Truppen einen neuen einheitlichen, fremden, erobernden Stamm in dem

vielfach noch heidnischen neugewonnenen Gebiete darstellen.

Es gelang Rabeh, mit Geschick sich den Verfolgungen Gessi Paschas zu

entziehen. Er wandte sich zunächst nach Dar Fertit und setzte sich

hier in dem gebirgigen Gebiete von Dar Manga[9] fest. Diese Landschaft

bildet eine grosse, leicht zu verteidigende natürliche Festung, und

hier baute Rabeh sich seine erste Zeribe, von der aus er, vor jeder

Verfolgung sicher, bis auf weiteres seine Sklavenjagden nach Süden hin

ausführte.

Demnächst unterwarf Rabeh die kleinen Häuptlinge von Dar Banda und

dehnte seine Eroberungszüge bis nach Bangasso am Mbomu, also bis in die

nächste Nachbarschaft des Ubangi, aus. Auch gegen Semio und Rafai,

die gleich Rabeh früher in Zubers Diensten gestanden und sich später

im Heidengebiet der Niamniam, nordöstlich von Bangasso, selbständige

Fürstentümer gründen konnten, unternahm er erfolgreiche Beutezüge,

die damit endeten, dass die Genannten sich zu einem Tributverhältnis

ihm gegenüber bequemten. Im Niamniam-Lande hatte Rabeh schon zur Zeit

Zubers das Sklavenjagdgewerbe ausgeübt.[10]

Nunmehr wandte sich Rabeh nordwestlich und unterwarf sich die

zwischen Dar Banda und Dar Runga gelegene Landschaft Kuti.[11] In

Kuti regierte damals ein den Titel Schech führender Duodezfürst,

Namens Muhammed waled Abu Bekr es Senussi,[12] der seinerzeit mit

Zuber in Beziehung gestanden und ihm eine Art von Tribut gezahlt

hatte, als dieser Sklavenfürst seine Menschenjagden so weit nach

dem Westen ausdehnen konnte. Gleichzeitig stand der Herr von Kuti

aber auch im Vasallenverhältnis zu Wadai, wie ein solches doppeltes

Vasallentum in den afrikanischen Staatswesen an der Regel war und

ist. Der Schech Muhammed es Senussi von Kuti gehört zur herrschenden

Familie von Baghirmi. Er ist ein Enkel des Sultans Osman Burkomanda

von Baghirmi, der 1807-1846 regierte. Muhammeds Vater, Abu Bekr, war

aus Baghirmi geflohen, als der älteste Sohn Burkomandas, Abd el Kader,

auf den Thron seiner Väter gelangte. Nachdem Abu Bekr eine zeitlang

heimatlos umhergeirrt war, machte er die Pilgerfahrt und gewann,

nach Afrika zurückgekehrt, im Süden des Bahr es Salamat das Zutrauen

des mächtigsten der heidnischen Fürsten in Dar Runga, dessen Tochter

er heiratete. Nach dem Tode seines Schwiegervaters gelangte er zur

Regierung, nachdem er natürlich seinen Schwager hatte ermorden lassen.

Ihm war sein ältester Sohn Muhammed, der gegenwärtig noch Schech von

Kuti ist, im Jahre 1875 gefolgt.

Als Rabeh im Gebiete von Kuti erschien, verhielt sich der Schech

ihm gegenüber misstrauisch; Rabeh wurde gezwungen, ausserhalb der

Hauptstadt zu lagern. Bald traf eine nicht unbedeutende Truppenmacht

ein, welche der damalige Sultan Ali von Wadai gegen Rabeh entsandt

hatte, vielleicht von dem Schech von Kuti zu Hilfe gerufen, vielleicht

aber auch deshalb, weil Rabeh sich auf dem Marsche nach Dar Runga

in den anderen zu Wadai gehörigen Distrikten Gewaltakte hatte zu

schulden kommen lassen. Rabeh wurde zu einer friedlichen Besprechung

aufgefordert. Statt darauf einzugehen, überfiel er nachts die

übermächtigen Wadaileute und schlug sie glänzend.[13] Die zersprengten

Reste des Wadai-Heeres flüchteten in die schwer zugänglichen

heimatlichen Berge im Norden. Rabeh zog dann in Kuti ein, dessen

Bewohner ihm huldigten. Damit war seine Stellung in Innerafrika

begründet. Der bisherige Gebieter von Kuti und Dar Runga erkannte ihn

als Oberherrn an, und von Kuti aus, wo er sich nunmehr consolidierte,

begann Rabeh seine Herrschaft nach Süden und Westen auszudehnen. Sehr

bald wurde seine Truppenmacht durch weitere frühere Gefolgsleute

Zubers, welche sich der Regierung Gessis und der egyptischen Effendis

nicht hatten fügen wollen, sowie später auch von solchen, die in den

durch den aufkommenden Mahdismus geschaffenen Verhältnissen im Bahr el

Ghazal und in Darfur sich nicht mehr wohl fühlten, verstärkt.

Zwischen Wadai und Rabeh kam eine Art stillschweigenden Kompromisses

zu Stande. Zuber Pascha teilte mir mit, dass er von Kairo aus mit dem

Sultan Ali von Wadai und mit Rabeh in Verbindung geblieben und dass es

seiner Vermittlung gelungen sei, ein gutes Verhältnis zwischen beiden

herzustellen. Jedenfalls respektierten beide Teile einander, und es

ist wahrscheinlich, dass damals Handelsbeziehungen zwischen Rabeh und

Wadai bestanden haben, durch die der Eroberer sich von Norden her mit

frischen Waffen und Munition versehen konnte.

In den ehemaligen egyptischen Provinzen des Sudan, in Kordofan, Darfur

und im Bahr el Ghazal bis Lado hin, wo Emin Pascha die egyptische

Fahne noch hoch halten konnte, war inzwischen das theokratische Reich

des aus Dongola stammenden Mahdi Muhammed Ahmed zur That geworden.

In geradezu verblüffender Weise hatte der Dongolaner die gegen ihn

entsandten egyptischen Truppen immer wieder geschlagen. Es war ihm

gelungen, in den Völkern der Nilländer einen religiösen Fanatismus

zu entfachen, dessen man die zum Teil vor gar nicht langer Zeit erst

dem Islam gewonnenen Neger nicht fähig gehalten hatte. Im August des

Jahres 1881 hatte Muhammed Ahmed seine „göttliche Mission“ begonnen.

Im Jahre 1882 lagen seine Scharen in der Nähe von Chartum. Nachdem

schon der ganze egyptische Sudan ihnen verfallen, wurde auch Chartum

im Jahre 1884 genommen, bei der Einnahme der Stadt fand der englische

Generalgouverneur Gordon seinen Tod. Bald darauf erstreckte sich das

Reich des Mahdi nilabwärts bis in die Gegend des zweiten Kataraktes,

in die Nachbarschaft von Wadi Halfa, im Osten bis zum Roten Meere

hin reichend, wo Suakin eine egyptische Enclave bildete, im Süden

bis nach Lado; im Westen war es begrenzt von den Negerstämmen von

Dar Fertit und Dar Banda, weiter nördlich von Wadai und endlich von

der Libyschen Wüste, in deren Oasen der Oberschech des Senussiordens

allmächtig war.[14] Sowohl mit Rabeh, als auch mit Wadai und dem Schech

der Senussi versuchte der Mahdi Beziehungen anzuknüpfen, jedoch ohne

Erfolg. Der Oberschech der Senussi hatte offen den Mahdi als einen

Ketzer dargestellt. Wadai und Rabeh wollten ihre Selbständigkeit zu

Gunsten des Schreckensfürsten am Nil nicht aufgeben, und zwischen Rabeh

und Wadai herrschte Frieden, auf Interessengemeinschaft begründet.[15]

Im Jahre 1884 sandte der Mahdi ein Schreiben an Rabeh, in welchem er

diesen auffordern liess, ihn als den geweissagten Welterlöser und

Herrn der Welt anzuerkennen. Rabeh antwortete nicht. Drei Jahre später

liess der Chalifa Abdullahi, der im Jahre 1885 dem Mahdi gefolgt war,

durch seinen Vetter Osman Adam an Rabeh die schriftliche Aufforderung

richten, seinen Fahnen zu folgen. Auch dieses Schreiben wurde

ignoriert. Erst viel später benutzte Rabeh die Sache der Derwische für

seine eigenen Interessen. --

Mehrere Jahre setzte Rabeh von Kuti aus das Handwerk seines früheren

Herrn und Lehrmeisters Zuber fort, mit seiner Soldateska die kleinen

Negerfürsten und Dorfschaften in der Nachbarschaft von Dar Runga

bekriegend und besiegend, hauptsächlich um Sklaven einzujagen, die

wiederum Ersatz für die naturgemäss in diesen Kämpfen sich aufreibenden

alten Truppen bildeten. Die Weiber wurden den Soldaten zu Frauen

gegeben, der Überschuss nach Norden hin verkauft und gegen Waffen und

Munition eingetauscht. Gleichzeitig versuchte er überall, ebenfalls

nach dem Vorbilde Zubers, eine Art Regierung einzuführen, indem er in

den von ihm eroberten Gebieten eigene Gouverneure einsetzte oder von

den Stammesfürsten Tribut erhob. In Kuti behielt er den Schech Muhammed

waled Abu Bekr es Senussi, dessen Tochter Hadja er mit seinem Sohne

verheiratete, als seinen Statthalter bei. Der Schech von Kuti hat

später viel von sich reden gemacht. Im Mai 1891 liess er im Auftrage

seines Oberherrn Rabeh die französische Expedition unter Crampel

massakrieren. Dadurch fielen Rabeh 50 Repetiergewehre, 200 gewöhnliche

Gewehre und reiche Munition in die Hände.[16] Einige der Senegalesen

Crampels erscheinen später als Offiziere im Heere Rabehs.

[9] Die viel gebrauchte Pluralbildung des Namens lautet Mangiat.

[10] Übrigens haben sich Semio und Rafai, sowie einige andere

Häuptlinge im Niamniam-Gebiete, deren Land von den Franzosen

kurzweg „les Sultanats“ genannt wird, gegen die mahdistische

Invasion halten können. Im Jahre 1884 konnten sie einen Angriff

der Mahdisten mit Erfolg abweisen, und seither scheinen sie

nicht mehr belästigt worden zu sein. In der Folge haben sie aus

Opportunitätsgründen den durchkommenden Belgiern und Franzosen

keine Schwierigkeiten gemacht und sich der Handelsexpedition des

Bonnel de Mezières entgegenkommend gezeigt. Rafai ist unlängst

gestorben, ihm ist sein Sohn Osman gefolgt.

[11] Belgische Quellen (vergl. A. J. Wauters, Mouvement Géographique,

1899, No. 44) geben die ersten Geschicke Rabehs, nachdem er den

Verfolgungen Gessis sich hatte entziehen können, wie folgt:

Zunächst habe er sich südwestlich nach Dar Fertit gewandt, das

er vernichtete. Darauf wäre er, weiter südwestlich ziehend, in

das Gebiet der Kresch und der Banda eingedrungen, die er sich

unterworfen habe. Dann sei es zu einem grossen Kampfe zwischen

ihm und den Sakkara gekommen, deren Anführer damals Bali, der

Vater ihres gegenwärtigen Schech Bangasso, gewesen sei. Die

Schlacht habe am Bali, einem Nebenflusse des Ubangi, unweit des

Dorfes Baso, also in der nächsten Nähe der nördlichen Grenze

des Kongostaates, stattgefunden. Die Sakkara seien vollständig

geschlagen worden, und ihr Gebiet wäre der Verwüstung und

Unterwerfung in derselben Weise wie das der Kresch und Banda

anheimgefallen, wenn der Sieger in seinem Marsche nach dem

Ubangi nicht durch absoluten Mangel an Lebensmitteln und die

Furcht, auch im Süden sich nicht verproviantieren zu können,

aufgehalten worden wäre. Infolgedessen habe er sich nunmehr

nach dem Nordwesten gewandt. Nach der Überschreitung des Koto,

eines anderen Nebenflusses des Ubangi, sei er nach Dar Runga

marschiert, dessen in Kuti residierender Sultan, ein Vasall von

Wadai, sich ihm unterwerfen musste. Bei dieser Gelegenheit seien

Rabeh grosse Waffenvorräte in die Hände gefallen, und von dem

Augenblicke an datiere seine eigentliche Macht. Die gedachten

belgischen Quellen verlegen diese Ereignisse in die Jahre 1883

und 1884.

Es ist schwer zu entscheiden, ob der gegen die dem Kongostaate

nahe liegenden Sakkara gerichtete Kampf der Festsetzung Rabehs

in Kuti wirklich vorangegangen ist. Es ist mir wahrscheinlicher,

dass es sich dabei um einen jener Kriegs- und Raubzüge handelt,

welche Rabeh von Kuti aus strahlenförmig nach dem Südwesten und

Südosten ausführte.

[12] Kuti ist der Name einer der Landschaften, in die Dar Runga

zerfällt und gleichzeitig der Name der früheren Hauptstadt des

Landes. In jüngster Zeit wird N’Delle als Residenz des Schech

Muhammed waled Abu Bekr es Senussi genannt. Der Herr von Kuti

hat nichts mit der religiösen Bruderschaft der Senussi zu

thun. Der Name es Senussi kommt mehrfach vor. Ihn trägt auch

eine reiche Kaufmannsfamilie in Alexandrien und ein ganzer

tunesischer Beduinenstamm.

[13] Dieser erste Kampf, der zwischen Rabeh und Wadai noch bei

Lebzeiten des eigentlichen Mahdi im egyptischen Sudan stattfand,

wurde mir von einem Wadai-Manne in seinen Einzelheiten etwas

anders dargestellt. Der Kampf sei durch Regen unterbrochen

worden. Auf beiden Seiten seien 3-400 Mann gefallen.

Oberbefehlshaber auf Seiten Wadais sei der Eunuch Scharaf

ed Din, der Akid es Salamat, gewesen. Von hervorragenden

Wadai-Leuten, die gefallen, nannte er el Makua Hlata, den

Akid der Chamis, den der Djamie u. a. Nach diesem Kampfe habe

sich Rabeh zunächst vom Salamat-Gebiet, woselbst der Kampf

stattgefunden habe, ostwärts nach dem Bahr el Iro, dann sudwärts

nach Dar Runga und Kuti gewandt.

[14] Der Orden der Senussi, deren Namen in diesen Blättern häufig

wiederkehrt, ist eine religiöse muhammedanische Bruderschaft,

die sich in den letzten Jahrzehnten zu einem nicht zu

unterschätzenden Machtfaktor in der afrikanischen Politik

herausgebildet hat und namentlich in gewissen Gegenden des

nordöstlichen Afrika ausschlaggebenden Einfluss besitzt.

In religiöser Beziehung auf puritanischer, den starren

ursprünglichen Islam betonender Grundlage stehend, zeichnet

sie sich durch eine ausserordentlich straffe Organisation aus,

die in blindem Gehorsam dem Ordensoberhaupt gegenüber gipfelt.

Unter sich sind die Ordensbrüder zu gegenseitiger Unterstützung

gezwungen. Der Gründer des Ordens, der Vater des gegenwärtigen

Oberschechs, ein Algerier von Geburt, hat Ende der 50er Jahre

des 19. Jahrhunderts, nachdem er lange Zeit im Hedjaz gelebt,

den Ordenssitz in Djerabub, an der tripolitanisch-egyptischen

Grenze, in einer Oase aufgeschlagen, die mitten in der Wüste,

weitab vom Meere, gelegen ist. Von hier hat der gegenwärtige

Schech der Senussi im Jahre 1896 seinen Centralsitz nach der

Oase Kufra und im Jahre 1899 noch weiter nach dem Innern,

nach Borku, verlegt. In sehr geschickter Weise hat sich das

Ordensoberhaupt mit einem mystischen Nimbus zu umgeben gewusst,

und der heutige Schech der Senussi wird von seinen Anhängern

als der erwartete, wahre Mahdi angesehen. In zahlreichen Orten

Innerafrikas, auf den Karawanenstrassen nach Mekka u. s. w.

haben die Senussi klosterartige Etablissements, Zauijas,

errichtet, welche unter eigenen Beamten, Mokaddims, stehen, und

in denen die Gläubigen und vor allem die Ordensbrüder bewirtet

und die Lernbegierigen in eigenen Schulen unterrichtet werden.

Von diesen Zauijas aus wird die Propaganda für den Islam und

für den Orden eifrig betrieben. Gleichzeitig sind sie durch

ihre Schulen die Träger einer gewissen Kultur geworden. Die

Senussi betonen die Nützlichkeit der Arbeit, und die Zauijas

geben in dieser Beziehung selbst ein gutes Beispiel durch Anlage

von mustergiltigen Ackerbauwirtschaften und Palmenwäldern.

Sie unterstützen nach Kräften den Handel, von dem sie selbst

möglichsten Nutzen ziehen. Ein Teil der Einkünfte der Zauijas

wird für den Unterhalt derselben verwandt, der Rest wird an

die Centralstelle abgeführt. Besonders in letzter Zeit hat

sich der Orden der Senussi mehr und mehr im Interesse seiner

zahlreichen im Nordosten Afrikas vom Karawanenhandel lebenden

Anhänger um die Aufrechterhaltung friedlicher Zustände im Innern

des schwarzen Erdteils bemüht. Der Oberschech der Senussi ist

über alle Vorgänge in Afrika genau orientiert. Stets stehen

in seiner Centrale Sendboten bereit, um seine Befehle und

Ratschläge nach den entferntesten Gegenden zu tragen. Der

europäischen Expansionspolitik in Afrika haben sich die Senussi

stets feindlich gezeigt. Auch ausserhalb Afrikas zählt der Orden

zahlreiche Anhänger.

[15] Irrtümlich wird vielfach angenommen, dass Rabeh, nachdem er

seinen früheren Herrn, Soliman ibn Zuber, verlassen hatte und

bevor er nach Westen zog und seine grossen Eroberungen in

Baghirmi antrat, zunächst sich nördlich nach Borku gewandt

habe, woselbst er unter Respektierung der geistigen Autorität

des Schech der Senussi längere Zeit sich aufgehalten habe.

Dieser Irrtum beruht meines Erachtens neben der besprochenen

Namensverwechslung des Oberhauptes des Senussiordens mit dem

Herrn von Kuti darauf, dass von vielen Afrikanern der Sultan

von Wadai auch Sultan von Borku genannt wird. Die im Norden von

Wadai gelegenen Berggebiete von Borku sind dem Sultanate Wadai

tributär.

[16] Vergl. Harry Alis, La Conquête du Tchad, S. 161, 178. Gerächt

wurde dieser Mord durch die nach Kuti vorgedrungenen Leute

Dybowskys am 22. November 1892 (a. a. O. S. 162). Allerdings

konnte Dybowsky des Urhebers des Mordes, des Schech Muhammed

es Senussi selbst, nicht habhaft werden. In der Folge, im

Jahre 1898, wurden französischerseits sogar durch Prins

freundschaftliche Beziehungen mit diesem angeknüpft. Vergl.

unten S. 87 f. Der Schech von Kuti scheint Rabeh jedoch bis zum

letzten Augenblicke, also bis zur Zeit seiner Niederlage durch

die Franzosen gehorsam und tributär geblieben zu sein, wenn er

auch den Franzosen gegenüber, die ihn besuchten, den Anschein

zu erwecken trachtete, als ob er sich mit ihnen gegen Rabeh

verbünden wollte. Erst neuerdings, im Mai 1901, hat der Herr von

Kuti sich den Franzosen endgiltig unterworfen und dem Oberst

Destenave, welcher zur Vertretung Gentils den Schari abwärts

nach Fort Lamy marschierte, in Gribingi einen Ergebenheitsbesuch

abgestattet. In dem französischen Lager erschien der Schech

an der Spitze von 1500 Leuten, darunter 600 gut einexerzierte

Gewehrträger.

Rabeh und das Tschadseegebiet · 第 19 / 42 题