Der Kaiser auf dem Thron. Ihm zur Seite der Erzbischof von Worms,
Graf Otto von der Flühe und mehrere andere Ritter, Herren und
Trabanten. Der Graf vom Strahl, im leichten Helm und Harnisch, und
Theobald, von Kopf zu Fuß in voller Rüstung; beide stehen dem Thron
gegenüber.
Der Kaiser. Graf Wetterstrahl, du hast, auf einem Zuge, Der durch
Heilbronn dich, vor drei Monden, führte, In einer Törin Busen
eingeschlagen; Den alten Vater jüngst verließ die Dirne, Und, statt
sie heimzusenden, birgst du sie Im Flügel deiner väterlichen Burg.
Nun sprengst du, solchen Frevel zu beschönen, Gerüchte, lächerlich
und gottlos, aus; Ein Cherubim, der dir zu Nacht erschienen, Hab dir
vertraut, die Maid, die bei dir wohnt, Sei meiner kaiserlichen Lenden
Kind. Solch eines abgeschmackt prophetschen Grußes Spott ich, wie
sichs versteht, und meinethalb Magst du die Krone selbst aufs Haupt
ihr setzen; Von Schwaben einst, begreifst du, erbt sie nichts, Und
meinem Hof auch bleibt sie fern zu Worms. Hier aber steht ein tief
gebeugter Mann, Dem du, zufrieden mit der Tochter nicht, Auch noch
die Mutter willst zur Metze machen; Denn er, sein Lebelang fand er
sie treu, Und rühmt des Kinds unsel'gen Vater sich. Darum, auf seine
schweren Klagen, riefen wir Vor unsern Thron dich her, die Schmach,
womit Du ihre Gruft geschändet, darzutun; Auf, rüste dich, du Freund
der Himmlischen: Denn du bist da, mit einem Wort von Stahl, Im
Zweikampf ihren Ausspruch zu beweisen!
Der Graf vom Strahl (mit dem Erröten des Unwillens). Mein
kaiserlicher Herr! Hier ist ein Arm, Von Kräften strotzend, markig,
stahlgeschient, Geschickt im Kampf dem Teufel zu begegnen; Treff ich
auf jene graue Scheitel dort, Flach schmettr' ich sie, wie einen
Schweizerkäse, Der gärend auf dem Brett des Sennen liegt. Erlaß, in
deiner Huld und Gnade, mir, Ein Märchen, aberwitzig, sinnverwirrt,
Dir darzutun, das sich das Volk aus zwei Ereignissen, zusammen
seltsam freilich, Wie die zwei Hälften eines Ringes, passend, Mit
müßgem Scharfsinn, an einander setzte. Begreif, ich bitte dich, in
deiner Weisheit, Den ganzen Vorfall der Silvesternacht, Als ein
Gebild des Fiebers, und so wenig Als es mich kümmern würde, träumtest
du, Ich sei ein Jud, so wenig kümmre dich, Daß ich gerast, die
Tochter jenes Mannes Sei meines hochverehrten Kaisers Kind!
Erzbischof. Mein Fürst und Herr, mit diesem Wort, fürwahr, Kann sich
des Klägers wackres Herz beruhgen. Geheimer Wissenschaft, sein Weib
betreffend, Rühmt er sich nicht; schau, was er der Mariane Jüngst, in
geheimer Zwiesprach, vorgeschwatzt: Er hat es eben jetzo widerrufen!
Straft um den Wunderbau der Welt ihn nicht, Der ihn, auf einen
Augenblick, verwirrt. Er gab, vor einer Stund, o Theobald, Mir seine
Hand, das Käthchen, wenn du kommst Zu Strahl, in seiner Burg, dir
abzuliefern; Geh hin und tröste dich und hole sie, Du alter Herr, und
laß die Sache ruhn!
Theobald. Verfluchter Heuchler, du, wie kannst du leugnen, Daß deine
Seele ganz durchdrungen ist, Vom Wirbel bis zur Sohle, von dem
Glauben, Daß sie des Kaisers Bänkeltochter sei? Hast du den Tag
nicht, bei dem Kirchenspiel, Erforscht, wann sie geboren, nicht
berechnet, Wohin die Stunde der Empfängnis fällt; Nicht ausgemittelt,
mit verruchtem Witze, Daß die erhabne Majestät des Kaisers Vor
sechzehn Lenzen durch Heilbronn geschweift? Ein Übermütiger, aus
eines Gottes Kuß, Auf einer Furie Mund gedrückt, entsprungen; Ein
glanzumfloßner Vatermördergeist, An jeder der granitnen Säulen
rüttelnd, In dem urewgen Tempel der Natur; Ein Sohn der Hölle, den
mein gutes Schwert Entlarven jetzo, oder, rückgewendet, Mich selbst
zur Nacht des Grabes schleudern soll!
Der Graf vom Strahl. Nun, den Gott selbst verdamme, gifterfüllter
Verfolger meiner, der dich nie beleidigt, Und deines Mitleids eher
würdig wäre, So seis, Mordraufer, denn, so wie du willst. Ein
Cherubim, der mir, in Glanz gerüstet, Zu Nacht erschien, als ich im
Tode lag, Hat mir, was leugn' ichs länger, Wissenschaft, Entschöpft
dem Himmelsbronnen, anvertraut. Hier vor des höchsten Gottes Antlitz
steh ich, Und die Behauptung schmettr' ich dir ins Ohr: Käthchen von
Heilbronn, die dein Kind du sagst, Ist meines höchsten Kaisers dort;
komm her, Mich von dem Gegenteil zu überzeugen!
Der Kaiser. Trompeter, blast, dem Lästerer zum Tode!
(Trompetenstöße.)
Theobald (zieht). Und wäre gleich mein Schwert auch eine Binse, Und
einem Griffe, locker, wandelbar, Von gelbem Wachs geknetet, eingefugt,
So wollt ich doch von Kopf zu Fuß dich spalten, Wie einen Giftpilz,
der der Heid entblüht, Der Welt zum Zeugnis, Mordgeist, daß du logst!
Der Graf vom Strahl (er nimmt sich sein Schwert ab und gibt es weg).
Und wär mein Helm gleich und die Stirn, die drunter, Durchsichtig,
messerrückendünn, zerbrechlich, Die Schale eines ausgenommnen Eis, So
sollte doch dein Sarraß, Funken sprühend, Abprallen, und in alle
Ecken splittern, Als hättst du einen Diamant getroffen, Der Welt zum
Zeugnis, daß ich wahr gesprochen! Hau, und laß jetzt mich sehn, wes
Sache rein?
(Er nimmt sich den Helm ab und tritt dicht vor ihn.)
Theobald (zurückweichend). Setz dir den Helm auf!
Der Graf vom Strahl (folgt ihm). Hau!
Theobald. Setz dir den Helm auf!
Der Graf vom Strahl (stößt ihn zu Boden). Dich lähmt der bloße Blitz
aus meiner Wimper?
(Er windet ihm das Schwert aus der Hand, tritt über ihm
und setzt ihm den Fuß auf die Brust.) Was hindert mich, im Grimm
gerechten Siegs, Daß ich den Fuß ins Hirn dir drücke?--Lebe!
(Er wirft das Schwert vor des Kaisers Thron.) Mag es die alte Sphinx,
die Zeit, dir lösen, Das Käthchen aber ist, wie ich gesagt, Die
Tochter meiner höchsten Majestät!
Volk (durcheinander). Himmel! Graf Wetterstrahl hat obgesiegt!
Der Kaiser (erblaßt und steht auf). Brecht auf, ihr Herrn!
Erzbischof. Wohin?
Ein Ritter (aus dem Gefolge). Was ist geschehn?
Graf Otto. Allmächtger Gott! Was fehlt der Majestät? Ihr Herren,
folgt! Es scheint, ihr ist nicht wohl? (Ab.)
Szene: Ebendaselbst. Zimmer im kaiserlichen Schloß.