Das Käthchen mit einem Brief. Die Vorigen.
Der Graf vom Strahl. Schmeiß sie hinaus. Ich will nichts von ihr
wissen.
Gottschalk. Was! Hört ich recht--?
Käthchen. Wo ist der Graf vom Strahl?
Der Graf vom Strahl. Schmeiß sie hinaus! Ich will nichts von ihr
wissen!
Gottschalk (nimmt sie bei der Hand). Wie, gnädiger Herr, vergönnt--!
Käthchen (reicht ihm den Brief). Hier! nehmt, Herr Graf!
Der Graf vom Strahl (sich plötzlich zu ihr wendend). Was willst du
hier? Was hast du hier zu suchen?
Käthchen (erschrocken). Nichts!--Gott behüte! Diesen Brief hier
bitt ich-Der Graf vom Strahl. Ich will ihn nicht!--Was ist dies für
ein Brief? Wo kommt er her? Und was enthält er mir?
Käthchen. Der Brief hier ist-Der Graf vom Strahl. Ich will davon
nichts wissen! Fort! Gib ihn unten in dem Vorsaal ab.
Käthchen. Mein hoher Herr! Laßt bitt ich, Euch bedeuten-Der Graf
vom Strahl (wild). Die Dirne, die landstreichend unverschämte! Ich
will nichts von ihr wissen! Hinweg, sag ich! Zurück nach Heilbronn,
wo du hingehörst!
Käthchen. Herr meines Lebens! Gleich verlaß ich Euch! Den Brief
nur hier, der Euch sehr wichtig ist, Erniedrigt Euch, von meiner Hand
zu nehmen.
Der Graf vom Strahl. Ich aber will ihn nicht! Ich mag ihn nicht!
Fort! Augenblicks! Hinweg!
Käthchen. Mein hoher Herr!
Der Graf vom Strahl (wendet sich). Die Peitsche her! An welchem
Nagel hängt sie? Ich will doch sehn, ob ich, vor losen Mädchen, In
meinem Haus nicht Ruh mir kann verschaffen.
(Er nimmt die Peitsche von der Wand.)
Gottschalk. O gnädger Herr! Was macht Ihr? Was beginnt Ihr? Warum
auch wollt Ihr, den nicht sie verfaßt, Den Brief, nicht freundlich
aus der Hand ihr nehmen?
Der Graf vom Strahl. Schweig, alter Esel, du, sag ich.
Käthchen (zu Gottschalk). Laß, laß!
Der Graf vom Strahl. In Thurneck bin ich hier, weiß, was ich tue;
Ich will den Brief aus ihrer Hand nicht nehmen! - Willst du jetzt
gehn?
Käthchen (rasch). Ja, mein verehrter Herr!
Der Graf vom Strahl. Wohlan!
Gottschalk (halblaut zu Käthchen da sie zittert).
Sei ruhig. Fürchte nichts.
Der Graf vom Strahl. So fern dich!--Am Eingang steht ein Knecht, dem
gib den Brief, Und kehr des Weges heim, von wo du kamst.
Käthchen. Gut, gut. Du wirst mich dir gehorsam finden. Peitsch
mich nur nicht, bis ich mit Gottschalk sprach.--(Sie kehrt sich zu
Gottschalk um.) Nimm du den Brief.
Gottschalk. Gib her, mein liebes Kind. Was ist dies für ein Brief?
Und was enthält er?
Käthchen. Der Brief hier ist vom Graf vom Stein, verstehst du? Ein
Anschlag, der noch heut vollführt soll werden, Auf Thurneck, diese
Burg, darin enthalten, Und auf das schöne Fräulein Kunigunde, Des
Grafen, meines hohen Herren, Braut.
Gottschalk. Ein Anschlag auf die Burg? Es ist nicht möglich! Und
vom Graf Stein?--Wie kamst du zu dem Brief?
Käthchen. Der Brief ward Prior Hatto übergeben, Als ich mit Vater
just, durch Gottes Fügung, In dessen stiller Klause mich befand. Der
Prior, der verstand den Inhalt nicht, Und wollt ihn schon dem Boten
wiedergeben; Ich aber riß den Brief ihm aus der Hand, Und eilte
gleich nach Thurneck her, euch alles Zu melden, in die Harnische zu
jagen; Denn heut, Schlag zwölf um Mitternacht, soll schon Der
mörderische Frevel sich vollstrecken.
Gottschalk. Wie kam der Prior Hatto zu dem Brief?
Käthchen. Lieber, das weiß ich nicht; es ist gleichviel. Er ist, du
siehst, an irgend wen geschrieben, Der hier im Schloß zu Thurneck
wohnhaft ist; Was er dem Prior soll, begreift man nicht. Doch daß es
mit dem Anschlag richtig ist, Das hab ich selbst gesehn; denn kurz
und gut, Der Graf zieht auf die Thurneck schon heran: Ich bin ihm,
auf dem Pfad hieher, begegnet.
Gottschalk. Du siehst Gespenster, Töchterchen!
Käthchen. Gespenster!--Ich sage, nein! So wahr ich Käthchen bin!
Der Graf liegt draußen vor der Burg, und wer Ein Pferd besteigen will,
und um sich schauen, Der kann den ganzen weiten Wald ringsum Erfüllt
von seinen Reisigen erblicken!
Gottschalk. - Nehmt doch den Brief, Herr Graf, und seht selbst zu.
Ich weiß nicht, was ich davon denken soll.
Der Graf vom Strahl (legt die Peitsche weg, nimmt den Brief und
entfaltet ihn). "Um zwölf Uhr, wenn das Glöckchen schlägt, bin ich
Vor Thurneck. Laß die Tore offen sein. Sobald die Flamme zuckt,
zieh ich hinein. Auf niemand münz ich es, als Kunigunden, Und ihren
Bräutigam, den Graf vom Strahl: Tu mir zu wissen, Alter, wo sie
wohnen."
Gottschalk. Ein Höllenfrevel!--Und die Unterschrift?
Der Graf vom Strahl. Das sind drei Kreuze.
(Pause.) Wie stark fandst du den Kriegstroß, Katharina?
Käthchen. Auf sechzig Mann, mein hoher Herr, bis siebzig.
Der Graf vom Strahl. Sahst du ihn selbst den Graf vom Stein?
Käthchen. Ihn nicht.
Der Graf vom Strahl. Wer führte seine Mannschaft an?
Käthchen. Zwei Ritter, Mein hochverehrter Herr, die ich nicht kannte.
Der Graf vom Strahl. Und jetzt, sagst du, sie lägen vor der Burg?
Käthchen. Ja, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl. Wie weit von hier?
Käthchen. Auf ein dreitausend Schritt, verstreut im Walde.
Der Graf vom Strahl. Rechts, auf der Straße?
Käthchen. Links, im Föhrengrunde, Wo überm Sturzbach sich die Brücke
baut.
(Pause.)
Gottschalk. Ein Anschlag, greuelhaft, und unerhört!
Der Graf vom Strahl (steckt den Brief ein). Ruf mir sogleich die
Herrn von Thurneck her! - Wie hoch ists an der Zeit?
Gottschalk. Glock halb auf zwölf.
Der Graf vom Strahl. So ist kein Augenblick mehr zu verlieren.
(Er setzt sich den Helm auf.)
Gottschalk. Gleich, gleich; ich gehe schon!--Komm, liebes Käthchen,
Daß ich dir das erschöpfte Herz erquicke!--Wie großen Dank, bei Gott,
sind wir dir schuldig? So in der Nacht, durch Wald und Feld und
Tal-Der Graf vom Strahl. Hast du mir sonst noch, Jungfrau, was zu
sagen?
Käthchen. Nein, mein verehrter Herr.
Der Graf vom Strahl.--Was suchst du da?
Käthchen (sich in den Busen fassend). Den Einschlag, der vielleicht
dir wichtig ist. Ich glaub, ich hab--? Ich glaub, er ist--?
(Sie sieht sich um.)
Der Graf vom Strahl. Der Einschlag?
Käthchen. Nein, hier.
(Sie nimmt das Kuvert und gibt es dem Grafen.)