Szene: Schloß Wetterstrahl. Ein Gemach in der Burg.
Kunigunde, in einem halb vollendeten, romantischen Anzuge, tritt auf,
und setzt sich vor einer Toilette nieder. Hinter ihr Rosalie und die
alte Brigitte.
Rosalie (zu Brigitten). Hier, Mütterchen, setz dich! Der Graf vom
Strahl hat sich bei meinem Fräulein anmelden lassen; sie läßt sich
nur noch die Haare von mir zurecht legen, und mag gern dein Geschwätz
hören.
Brigitte (die sich gesetzt). Also Ihr seid Fräulein Kunigunde von
Thurneck?
Kunigunde. Ja Mütterchen; das bin ich.
Brigitte. Und nennt Euch eine Tochter des Kaisers?
Kunigunde. Des Kaisers? Nein; wer sagt dir das? Der jetzt lebende
Kaiser ist mir fremd; die Urenkelin eines der vorigen Kaiser bin ich,
die in verflossenen Jahrhunderten, auf dem deutschen Thron saßen.
Brigitte. O Herr! Es ist nicht möglich? Die
Urenkeltochter-Kunigunde. Nun ja!
Rosalie. Hab ich es dir nicht gesagt?
Brigitte. Nun, bei meiner Treu, so kann ich mich ins Grab legen: der
Traum des Grafen vom Strahl ist aus!
Kunigunde. Welch ein Traum?
Rosalie. Hört nur, hört! Es ist die wunderlichste Geschichte von
der Welt!--Aber sei bündig, Mütterchen, und spare den Eingang; denn
die Zeit, wie ich dir schon gesagt, ist kurz.
Brigitte. Der Graf war gegen das Ende des vorletzten Jahres, nach
einer seltsamen Schwermut, von welcher kein Mensch die Ursache
ergründen konnte, erkrankt; matt lag er da, mit glutrotem Antlitz und
phantasierte; die Ärzte, die ihre Mittel erschöpft hatten, sprachen,
er sei nicht zu retten. Alles, was in seinem Herzen verschlossen war,
lag nun, im Wahnsinn des Fiebers, auf seiner Zunge: er scheide gern,
sprach er, von hinnen; das Mädchen, das fähig wäre, ihn zu lieben,
sei nicht vorhanden; Leben aber ohne Liebe sei Tod; die Welt nannt er
ein Grab, und das Grab eine Wiege, und meinte, er würde nun erst
geboren werden.--Drei hintereinander folgende Nächte, während welcher
seine Mutter nicht von seinem Bette wich, erzählte er ihr, ihm sei
ein Engel erschienen und habe ihm zugerufen: Vertraue, vertraue,
vertraue! Auf der Gräfin Frage: ob sein Herz sich, durch diesen
Zuruf des Himmlischen, nicht gestärkt fühle? antwortete er:
"Gestärkt? Nein!"--und mit einem Seufzer setzte er hinzu: "doch!
doch, Mutter! Wenn ich sie werde gesehen haben!"--Die Gräfin fragt:
und wirst du sie sehen? "Gewiß!" antwortet er. Wann? fragt sie.
Wo?--"In der Silvesternacht, wenn das neue Jahr eintritt; da wird er
mich zu ihr führen." Wer? fragt sie, Lieber; zu wem? "Der Engel",
spricht er, "zu meinem Mädchen"--wendet sich und schläft ein.
Kunigunde. Geschwätz!
Rosalie. Hört sie nur weiter.--Nun?
Brigitte. Drauf in der Silvesternacht, in dem Augenblick, da eben
das Jahr wechselt, hebt er sich halb vom Lager empor, starrt, als ob
er eine Erscheinung hätte, ins Zimmer hinein, und, indem er mit der
Hand zeigt: "Mutter! Mutter! Mutter!" spricht er. Was gibts? fragt
sie. "Dort! Dort!" Wo? "Geschwind!" spricht er.--Was?--"Den Helm!
Den Harnisch! Das Schwert!"--Wo willst du hin? fragt die Mutter.
"Zu ihr", spricht er, "zu ihr. So! so! so!" und sinkt zurück; "Ade,
Mutter ade!" streckt alle Glieder von sich, und liegt wie tot.
Kunigunde. Tot?
Rosalie. Tot, ja!
Kunigunde. Sie meint, einem Toten gleich.
Rosalie. Sie sagt, tot! Stört sie nicht.--Nun?
Brigitte. Wir horchten an seiner Brust: es war so still darin, wie
in einer leeren Kammer. Eine Feder ward ihm vorgehalten, seinen Atem
zu prüfen: sie rührte sich nicht. Der Arzt meinte in der Tat, sein
Geist habe ihn verlassen; rief ihm ängstlich seinen Namen ins Ohr;
reizt' ihn, um ihn zu erwecken, mit Gerüchen; reizt' ihn mit Stiften
und Nadeln, riß ihm ein Haar aus, daß sich das Blut zeigte; vergebens:
er bewegte kein Glied und lag, wie tot.
Kunigunde. Nun? Darauf?
Brigitte. Darauf, nachdem er einen Zeitraum so gelegen, fährt er auf,
kehrt sich, mit dem Ausdruck der Betrübnis, der Wand zu, und spricht:
"Ach! Nun bringen sie die Lichter! Nun ist sie mir wieder
verschwunden!"--gleichsam, als ob er durch den Glanz derselben
verscheucht würde.--Und da die Gräfin sich über ihn neigt und ihn an
ihre Brust hebt und spricht: Mein Friedrich! Wo warst du? "Bei ihr",
versetzt er, mit freudiger Stimme; "bei ihr, die mich liebt! bei der
Braut, die mir der Himmel bestimmt hat! Geh, Mutter geh, und laß nun
in allen Kirchen für mich beten: denn nun wünsch ich zu leben."
Kunigunde. Und bessert sich wirklich?
Rosalie. Das eben ist das Wunder.
Brigitte. Bessert sich, mein Fräulein, bessert sich, in der Tat;
erholt sich, von Stund an, gewinnt, wie durch himmlischen Balsam
geheilt, seine Kräfte wieder, und ehe der Mond sich erneut, ist er so
gesund wie zuvor.
Kunigunde. Und erzählte?--Was erzählte er nun?
Brigitte. Ach, und erzählte, und fand kein Ende zu erzählen: wie der
Engel ihn, bei der Hand, durch die Nacht geleitet; wie er sanft des
Mädchens Schlafkämmerlein eröffnet, und alle Wände mit seinem Glanz
erleuchtend, zu ihr eingetreten sei; wie es dagelegen, das holde Kind,
mit nichts, als dem Hemdchen angetan, und die Augen bei seinem
Anblick groß aufgemacht, und gerufen habe, mit einer Stimme, die das
Erstaunen beklemmt. "Mariane!" welches jemand gewesen sein müsse,
der in der Nebenkammer geschlafen; wie sie darauf, vom Purpur der
Freude über und über schimmernd, aus dem Bette gestiegen, und sich
auf Knieen vor ihm niedergelassen, das Haupt gesenkt, und: mein hoher
Herr! gelispelt; wie der Engel ihm darauf, daß es eine Kaisertochter
sei, gesagt, und ihm ein Mal gezeigt, das dem Kindlein rötlich auf
dem Nacken verzeichnet war,--wie er, von unendlichem Entzücken
durchbebt, sie eben beim Kinn gefaßt, um ihr ins Antlitz zu schauen:
und wie die unselige Magd nun, die Mariane, mit Licht gekommen, und
die ganze Erscheinung bei ihrem Eintritt wieder verschwunden sei.
Kunigunde. Und nun meinst du, diese Kaisertochter sei ich?
Brigitte. Wer sonst?
Rosalie. Das sag ich auch.
Brigitte. Die ganze Strahlburg, bei Eurem Einzug, als sie erfuhr,
wer Ihr seid, schlug die Hände über den Kopf zusammen und rief: sie
ists!
Rosalie. Es fehlte nichts, als daß die Glocken ihre Zungen gelöst,
und gerufen hätten: ja, ja, ja!
Kunigunde (steht auf). Ich danke dir, Mütterchen, für deine
Erzählung. Inzwischen nimm diese Ohrringe zum Andenken, und entferne
dich.
(Brigitte ab.)