Neunter Auftritt

Szene: Schloß Wetterstrahl. Ein Gemach in der Burg.

Kunigunde, in einem halb vollendeten, romantischen Anzuge, tritt auf,

und setzt sich vor einer Toilette nieder. Hinter ihr Rosalie und die

alte Brigitte.

Rosalie (zu Brigitten). Hier, Mütterchen, setz dich! Der Graf vom

Strahl hat sich bei meinem Fräulein anmelden lassen; sie läßt sich

nur noch die Haare von mir zurecht legen, und mag gern dein Geschwätz

hören.

Brigitte (die sich gesetzt). Also Ihr seid Fräulein Kunigunde von

Thurneck?

Kunigunde. Ja Mütterchen; das bin ich.

Brigitte. Und nennt Euch eine Tochter des Kaisers?

Kunigunde. Des Kaisers? Nein; wer sagt dir das? Der jetzt lebende

Kaiser ist mir fremd; die Urenkelin eines der vorigen Kaiser bin ich,

die in verflossenen Jahrhunderten, auf dem deutschen Thron saßen.

Brigitte. O Herr! Es ist nicht möglich? Die

Urenkeltochter-Kunigunde. Nun ja!

Rosalie. Hab ich es dir nicht gesagt?

Brigitte. Nun, bei meiner Treu, so kann ich mich ins Grab legen: der

Traum des Grafen vom Strahl ist aus!

Kunigunde. Welch ein Traum?

Rosalie. Hört nur, hört! Es ist die wunderlichste Geschichte von

der Welt!--Aber sei bündig, Mütterchen, und spare den Eingang; denn

die Zeit, wie ich dir schon gesagt, ist kurz.

Brigitte. Der Graf war gegen das Ende des vorletzten Jahres, nach

einer seltsamen Schwermut, von welcher kein Mensch die Ursache

ergründen konnte, erkrankt; matt lag er da, mit glutrotem Antlitz und

phantasierte; die Ärzte, die ihre Mittel erschöpft hatten, sprachen,

er sei nicht zu retten. Alles, was in seinem Herzen verschlossen war,

lag nun, im Wahnsinn des Fiebers, auf seiner Zunge: er scheide gern,

sprach er, von hinnen; das Mädchen, das fähig wäre, ihn zu lieben,

sei nicht vorhanden; Leben aber ohne Liebe sei Tod; die Welt nannt er

ein Grab, und das Grab eine Wiege, und meinte, er würde nun erst

geboren werden.--Drei hintereinander folgende Nächte, während welcher

seine Mutter nicht von seinem Bette wich, erzählte er ihr, ihm sei

ein Engel erschienen und habe ihm zugerufen: Vertraue, vertraue,

vertraue! Auf der Gräfin Frage: ob sein Herz sich, durch diesen

Zuruf des Himmlischen, nicht gestärkt fühle? antwortete er:

"Gestärkt? Nein!"--und mit einem Seufzer setzte er hinzu: "doch!

doch, Mutter! Wenn ich sie werde gesehen haben!"--Die Gräfin fragt:

und wirst du sie sehen? "Gewiß!" antwortet er. Wann? fragt sie.

Wo?--"In der Silvesternacht, wenn das neue Jahr eintritt; da wird er

mich zu ihr führen." Wer? fragt sie, Lieber; zu wem? "Der Engel",

spricht er, "zu meinem Mädchen"--wendet sich und schläft ein.

Kunigunde. Geschwätz!

Rosalie. Hört sie nur weiter.--Nun?

Brigitte. Drauf in der Silvesternacht, in dem Augenblick, da eben

das Jahr wechselt, hebt er sich halb vom Lager empor, starrt, als ob

er eine Erscheinung hätte, ins Zimmer hinein, und, indem er mit der

Hand zeigt: "Mutter! Mutter! Mutter!" spricht er. Was gibts? fragt

sie. "Dort! Dort!" Wo? "Geschwind!" spricht er.--Was?--"Den Helm!

Den Harnisch! Das Schwert!"--Wo willst du hin? fragt die Mutter.

"Zu ihr", spricht er, "zu ihr. So! so! so!" und sinkt zurück; "Ade,

Mutter ade!" streckt alle Glieder von sich, und liegt wie tot.

Kunigunde. Tot?

Rosalie. Tot, ja!

Kunigunde. Sie meint, einem Toten gleich.

Rosalie. Sie sagt, tot! Stört sie nicht.--Nun?

Brigitte. Wir horchten an seiner Brust: es war so still darin, wie

in einer leeren Kammer. Eine Feder ward ihm vorgehalten, seinen Atem

zu prüfen: sie rührte sich nicht. Der Arzt meinte in der Tat, sein

Geist habe ihn verlassen; rief ihm ängstlich seinen Namen ins Ohr;

reizt' ihn, um ihn zu erwecken, mit Gerüchen; reizt' ihn mit Stiften

und Nadeln, riß ihm ein Haar aus, daß sich das Blut zeigte; vergebens:

er bewegte kein Glied und lag, wie tot.

Kunigunde. Nun? Darauf?

Brigitte. Darauf, nachdem er einen Zeitraum so gelegen, fährt er auf,

kehrt sich, mit dem Ausdruck der Betrübnis, der Wand zu, und spricht:

"Ach! Nun bringen sie die Lichter! Nun ist sie mir wieder

verschwunden!"--gleichsam, als ob er durch den Glanz derselben

verscheucht würde.--Und da die Gräfin sich über ihn neigt und ihn an

ihre Brust hebt und spricht: Mein Friedrich! Wo warst du? "Bei ihr",

versetzt er, mit freudiger Stimme; "bei ihr, die mich liebt! bei der

Braut, die mir der Himmel bestimmt hat! Geh, Mutter geh, und laß nun

in allen Kirchen für mich beten: denn nun wünsch ich zu leben."

Kunigunde. Und bessert sich wirklich?

Rosalie. Das eben ist das Wunder.

Brigitte. Bessert sich, mein Fräulein, bessert sich, in der Tat;

erholt sich, von Stund an, gewinnt, wie durch himmlischen Balsam

geheilt, seine Kräfte wieder, und ehe der Mond sich erneut, ist er so

gesund wie zuvor.

Kunigunde. Und erzählte?--Was erzählte er nun?

Brigitte. Ach, und erzählte, und fand kein Ende zu erzählen: wie der

Engel ihn, bei der Hand, durch die Nacht geleitet; wie er sanft des

Mädchens Schlafkämmerlein eröffnet, und alle Wände mit seinem Glanz

erleuchtend, zu ihr eingetreten sei; wie es dagelegen, das holde Kind,

mit nichts, als dem Hemdchen angetan, und die Augen bei seinem

Anblick groß aufgemacht, und gerufen habe, mit einer Stimme, die das

Erstaunen beklemmt. "Mariane!" welches jemand gewesen sein müsse,

der in der Nebenkammer geschlafen; wie sie darauf, vom Purpur der

Freude über und über schimmernd, aus dem Bette gestiegen, und sich

auf Knieen vor ihm niedergelassen, das Haupt gesenkt, und: mein hoher

Herr! gelispelt; wie der Engel ihm darauf, daß es eine Kaisertochter

sei, gesagt, und ihm ein Mal gezeigt, das dem Kindlein rötlich auf

dem Nacken verzeichnet war,--wie er, von unendlichem Entzücken

durchbebt, sie eben beim Kinn gefaßt, um ihr ins Antlitz zu schauen:

und wie die unselige Magd nun, die Mariane, mit Licht gekommen, und

die ganze Erscheinung bei ihrem Eintritt wieder verschwunden sei.

Kunigunde. Und nun meinst du, diese Kaisertochter sei ich?

Brigitte. Wer sonst?

Rosalie. Das sag ich auch.

Brigitte. Die ganze Strahlburg, bei Eurem Einzug, als sie erfuhr,

wer Ihr seid, schlug die Hände über den Kopf zusammen und rief: sie

ists!

Rosalie. Es fehlte nichts, als daß die Glocken ihre Zungen gelöst,

und gerufen hätten: ja, ja, ja!

Kunigunde (steht auf). Ich danke dir, Mütterchen, für deine

Erzählung. Inzwischen nimm diese Ohrringe zum Andenken, und entferne

dich.

(Brigitte ab.)

Das Käthchen von Heilbronn: Oder, die Feuerprobe · 第 46 / 103 题