Er sah mich vorwurfsvoll an: »Also Sie brechen lieber mit mir, der ich
das Heil Ihrer Seele will?«
Ich sagte: »Ich breche nicht mit Ihnen, und ich breche nicht mit
Professor Monz ...«
O dieser letzte Besuch -- dieses so wenig herzliche Scheiden -- Gott
allein weiß, wie nah es mir gegangen ist --
Der Freundeskreis wird immer kleiner. Auch die beiden Malchen haben uns
verlassen als glückliche, junge Frauen -- um so fester schloß ich mich
an Lenchen an.
Sie hat mir durch ihre Teilnahme, ihr heiteres Gemüt über die schwerste
Enttäuschung meines Lebens hinweggeholfen. Es handelte sich um meine
Gesundheit. Der Arzt meinte, eine Kur in Baden vermöchte mein Übel zu
heben.
O diese blütenschwere Hoffnung, dieser Lichtpunkt, der sich vor mir
auftat -- daß mir war, als berührten meine Füße nicht den Boden, wenn
ich Badens bezaubernde Umgebung durchschritt. --
Es sollte nicht sein. -- Mein Aufenthalt in Baden brachte mir keine
Besserung. Was wir so heiß ersehnt, ich und die Meinen, erfüllte sich
nicht.
In jener Zeit tiefster Entmutigung und Herzenseinsamkeit las ich
Herders »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«. Das Buch
hat mich außerordentlich gefesselt und erhoben. Es war ein Studium,
ich kam nur schrittweise vorwärts und errang nur durch wieder und
wieder Lesen das völlige Verständnis. Ich weiß nun und verstehe, warum
Professor Schmidt nicht wollte, daß ich dieses Buch lese. Es ist wohl
möglich, daß die Darlegung und Auseinandersetzung des physischen
Organismus des Menschen nicht jedem Mädchen fromme, ein Wissen, das
aber nicht in Anschlag zu bringen ist gegen das damit verbundene
Eindringen in das Schöne, Wahre, Göttliche. Wenn er von der reinen
Humanität, von der Unsterblichkeit und der engen Verbindung zwischen
hier und jenseits spricht, so weiß ich nicht, was man Besseres soll
lesen können. Diese so überzeugende Sprache befestigte und kräftigte
mich mächtig. So hoch war die Empfindung, die mir dieses Buch
mitteilte, daß sich meinem damals so gebeugten Gemüt mehr als je die
Gnade Gottes offenbarte.
Maria hat mir die Werke ihres liebsten Dichters Jean Paul zum Andenken
hinterlassen, und da ich jetzt etwas mehr freie Zeit habe als früher,
so weiß ich mir nichts Schöneres, als mich in die reiche Welt dieses
Dichters zu vertiefen.
Nach Anneles Hochzeit, die unsern Haushalt so ziemlich auf den Kopf
stellte, sprach Mutter das erlösende Wort aus, daß wir ferner keine
jungen Mädchen, sondern nur noch junge Leute aufnehmen wollten.
So waren Therese und ich des ewigen Chaperonierens ledig, das so
zeitraubend und wenig erquicklich für uns war. Hermann, unserm flotten
Studenten, fällt jetzt die Aufgabe zu, sich unsrer jungen Leute
anzunehmen.
Unter Stundengeben, Zeichnen, Übersetzen und Hausarbeit gingen meine
Tage ohne innern Herzensanteil dahin -- als Polens Schicksal sich wie
ein Feuerbrand über unser kleines Freiburg verbreitete.
* * * * *
4. Juni. Als ich heute in eine Gesellschaft kam, in der Polen
aufgeführt waren, wurde mir doch ein wenig verlegen zumute, angesichts
der Unmenge von Stammblättchen, Ordensbändern und Rosenknospen, die nur
so um die Jünglinge flogen, die dafür ihrer Haarlocken und Westenknöpfe
beraubt wurden. Ich konnte nicht umhin, mehreren Polen zu Gemüt zu
führen, daß nur ihre Tapferkeit und ihr Unglück sie auf diese Stufe der
Verehrung stellten.
Aber leider gibt es Mädchen -- oh, wie habe ich mich schon darüber
geärgert -- die den Enthusiasmus, den man für große Taten haben darf
und soll, durch Unverstand und abgeschmackte Übertreibung herabziehen,
ja, lächerlich machen.
»Fürchten Sie nicht,« sagte mir Zarembecki, »daß wir die allzu große
Güte der Deutschen anders als ein unverdientes Glück auffaßten. Wir
sind ja keine Sieger, wir sind ein armes, geschlagenes, nur noch als
Trümmer weiterlebende Volk, der Willkür des russischen Wüterichs und
unsrer eigenen Verzweiflung preisgeben.«
Unerforschlicher Gott, wie soll ich an deiner Barmherzigkeit nicht
irr werden! Warum sendest du nicht ein furchtbares Gericht, das
Ungerechtigkeit und unverdientes Glück, Tugend und unverschuldete
Elend ausgleiche. Darf Rußland sein unheilbringendes Machtgebot hier
ungestraft geltend machen? Und warum stehen nicht alle Völker gegen
diese Übeltäter auf? O Menschheit, wie bist du so flau. --
Dir, vertrautes Tagebuch, darf ich solches sagen, weil du
verschwiegener bist als ich selbst. Ach, kaum bin ich imstande, meine
Ansichten für mich zu behalten, denn wie tadelt man es hart, wenn ein
Frauenzimmer in solchen Dingen eine Ansicht haben will. Ich will es ja
auch gar nicht, meine Unkenntnis in politischen Dingen verbietet mir's
von selbst. Aber teilnehmen an der Brüder Wohl und Weh, das lasse ich
mir nicht verbieten, mag die Welt sagen, was sie will.
* * * * *
10. Juni. Nun hab' ich auch Monz verloren. Ich habe Mutter nichts
gesagt von meinem Erlebnis. Ach, ein vorwurfsvoller Blick hätte mich
gewiß getroffen, wenn auch kein Vorwurf in Worten. Und die Ruhe,
die jetzt in mir ist, wäre vielleicht in Reue und Schmerz verwandelt
worden. Und diese Ruhe, ja, ich möchte sagen Heiterkeit, ist sie nicht
ein Beweis, daß, was ich tat, das richtige war?
Die Meinen gingen zu einem Nachmittagskaffee, und ich blieb zu Hause,
um mich von einer besonders schlechten Nacht zu erholen. Ich zeichnete,
da klopfte es an die Türe, und auf mein Herein trat Monz über die
Schwelle.
Er nahm Platz mit einem Gesicht, das einen sehr erregten, beinahe
wütenden Eindruck machte.
»Ich halte es in diesem polentollen Nest nicht mehr aus,« sagte er,
»oder gehören Sie am Ende auch zu den Narren, die Polen in den Himmel
heben und am liebsten gleich gegen Rußland marschierten, um sich für
das edle Volk hinzuopfern?« --
Er lachte unbändig. In mir kochte es.
»Wie ist es möglich,« preßte ich hervor, »sollten Sie kein Herz für
dieses unglückselige Polen haben?«
»Nein, nein, nein,« unterbrach er mich, »ich will es nicht glauben und
nicht dulden, daß auch Sie zu der unvernünftigen Horde gehören, die
sich durch ihre Polenschwärmerei für alle Zeiten lächerlich macht.«
»Polens gerechte Sache«, fiel ich ihm ungestüm ins Wort, »ist die
Sache aller menschlich empfindenden Herzen.«
Er legte wie beschwichtigend die Hand auf meinen Arm: »Ich bin nicht
gekommen, um mit Ihnen über Polen zu streiten, darüber können wir uns
später auseinandersetzen. Jetzt drängt die Zeit. Ich reise morgen nach
Stuttgart. Mein Wirken hier ist zu Ende. Es gibt kein Auskommen mehr
zwischen mir und meinen Kollegen.«
Er schwieg, sah mich an, und ich fühlte, ahnte plötzlich, was jetzt
kommen würde.
»Bevor ich gehe,« sagte er in leisem Tone, »möchte ich eine ernste
Frage an Sie richten.«
Abermaliges Schweigen.
In diesem kurzen Augenblick übersah, überlegte und überdachte ich alles
-- der Eltern Aufatmen -- die schwere Last, von der ich sie zu befreien
vermochte -- ich selber aber -- da -- ein rettender Gedanke. Du stellst
ihn auf die Probe, und wenn er sie besteht -- dann, ja dann --
»Sie sind erregt«, flüsterte er.