Und Hermann erklärte: »Ich mach' einmal meine Hochzeitsreise hierher.«

Herr Turban nahm einen Wagen, und wir fuhren nach Schaffhausen. Die

Stadt überstieg meine Erwartung an Größe und Schönheit. Ist sie auch im

Vergleich zu Freiburg etwas düster, so geben ihr doch die hohen, meist

mit Erkern versehenen Häuser ein großartiges, altehrwürdiges Ansehen.

So waren wir um vieles Erleben reicher geworden, wofür wir Gott nicht

genug danken können. Der liebe gütige Herr Turban kutschierte uns nach

einem schmerzlichen Abschied von Waldshut nach St. Blasien, über die

hohen, dunkelbewaldeten Berge hinweg, an hoch und niedrig gelegenen

Dörfern vorbei, schönen Tälern, Landhäusern und Bauernhütten.

In St. Blasien mieteten wir uns im Gasthaus ein. Herr Turban schied

nach dem Mahle dankbeladen von uns, und ein anderer Kollege meines

Vaters nahm uns in Empfang. Er führte uns zuerst in den herrlichen

Tempel der ehemaligen Benediktiner-Abtei, einen unendlich großartigen

Bau, so recht in die dunklen Wälder dieses Gebirges passend. Hierauf

gingen wir zu dem äußerst galanten Herrn von Eichtal, dem Besitzer

der Fabrik, die sich in dem weitläufigen, ein mächtiges Viereck

bildenden Klostergebäude heimisch gemacht. Welches Getreibe in den

unzähligen, unabsehbaren Sälen. Wie das durchsichtigste Spinnengewebe,

einem Spitzenschleier ähnlich, löste sich die schneeige Baumwolle von

der schlichtenden Karte und quoll wie Milchrahm in hohe blecherne

Trichter. Gar schön sind die breiten Gänge, die gewundenen Treppen

mit den kostbaren Eisengittern und die reiche Stuckatur am Plafond

und oberhalb der Türen. Bei der Familie Eichtal beim Tee machten wir

die Bekanntschaft der St. Blasier Honoratioren, und es entstand ein

Gerisse, bei wem wir das Nachtmahl nehmen sollten. Man zog Hälmle, und

ich war sehr froh, daß das Los den lieben Kollegen unseres Vaters traf.

Wir waren recht müde und sehnten uns nach Ruhe.

Frühmorgens ging's mit dem Einspänner nach Menzenschwand, wo die

eigentliche Fußreise wieder begann. Hermann, als Führer, führte uns,

um den Weg abzuschneiden, über bahnlose Pfade, über Abdachungen mit

Gestrüpp und gefällten Bäumen, so daß wir, darüber hinkletternd,

rutschend und glitschend, fortwährend in Gefahr waren, Hals und Bein

zu brechen. Hermann selber standen die Härle nach allen Seiten, die

Reisemütze war in einen Abgrund gerutscht, denn der arme Kerl hatte

bald Therese, bald Lotte vom Boden aufzulesen oder sie an glitschigen

Stellen zu stützen und zu führen, wobei es Vorwürfe, daß er sie solchem

Ungemach aussetze, nur so hagelte.

Nach fünfstündiger Strapaze machten wir in der Posthalde halt. Atemlos

traten wir ins Wirtszimmer, verstaubt, echauffiert, die Hüte im Nacken,

Lotte in Tränen vor Erschöpfung, Hermann ein wenig fluchend -- und

blieben bestürzt stehen vor einem gedeckten Tisch mit Flaschen voll

gelben Weines.

»Für wen ist der Tisch gedeckt?« fragten wir die Wirtin.

Sie lächelte.

»Um Gottes willen, jetzt Freiburger,« rief Therese, »und wie sehen wir

alle aus!«

»Ja, Freiburger«, tönte es aus dem offenen Nebenzimmer, und Vater und

Mutter traten herfür und schlossen ihre schmutzigen Kindlein samt und

sonders unter deren Jubelgeschrei in die Arme. Und fast gar erstickten

wir die teuren Eltern mit der Wucht unseres unsagbaren Dankes.

* * * * *

1832. Armes, unbeschreiblich bedauernswürdiges Polen! Wie anders ist es

doch, menschliches Elend -- unverschuldetes oder durch hohe Überzeugung

sich zugezogenes -- mitanzuschauen, als die treuste Schilderung solchen

Unglücks. O wehmutsvolle schöne Zeit einer allgemeinen Begeisterung für

große Taten, einer allgemeinen Vergessenheit des eigenen Selbst, eines

allgemeinen Wohlwollens und Wohltuns!

Aber nicht nur mitweinen, auch mittun durften wir. Es mangelte den

geflüchteten Polen die weiße Wäsche so gänzlich, daß sich Frau

Hofrätin Welcker flugs der Sache annahm und einen Mädchenverein

bildete. Innerhalb dreier Tage hatten wir sechs Dutzend Hemden,

Unterbeinkleider, Taschentücher und Socken zustande gebracht. Die

Ausgaben wurden von dem ebenfalls von Frau Welcker gegründeten

Freiburger Polenkomitee bestritten.

Um die Beherbergung der edlen Polenjünglinge setzte es wahre Kämpfe ab.

Therese und ich hatten den ganzen Tag zu tuscheln, denn wir führten

nichts weniger im Schilde, als einen Polen zu beherbergen. Theresens

Zimmer wurde dazu ausersehen, ihr Bett kam zu mir herüber. Der schönste

Teppich, das beste Bett und frische Vorhänge -- alles war bereit, den

hohen Gast aufzunehmen. Und unser kühner Traum wurde zur Wahrheit.

Um elf Uhr in der Nacht klopfte Hermann an unsere Tür und rief:

»Steht auf, ich habe einen Polen!«

Wir flogen aus den Betten und warfen uns in die Kleider. Therese

besorgte eine kleine Erfrischung, Hermann und ich führten den ersehnten

Gast in sein mit Blumen geschmücktes Gemach und verließen ihn mit einem

feurigen: »Polen hoch!«

Er heißt Zarembecki, ist Oberleutnant bei den Ulanen, hat blaue,

geistvolle Augen und einen braunen Schnurrbart. Schön ist der ruhige

Ernst seiner Gesichtszüge. Man hat gleich Vertrauen zu ihm.

Die Eltern, Therese und unsere jungen Leute begrüßten ihn erst beim

Frühstück, welches durch die Erzählung Zarembeckis weit in den

Morgen dauerte. Ganz hingerissen lauschten wir seinen ergreifenden

Schilderungen, als die Türe aufflog und die Hofrätin hereindampfte,

einen jungen Mann am Arm.

»Da schaut her,« rief sie, »ich hab' auch ein -- Schreiber heißt er

und kann Deutsch, un glei zum Kaffee hat er drei Töpfle Eingemachts

vertilgt -- aber 's macht nix -- Pole hoch!«

»Hoch Deutschland!« schrie Schreiber -- »und«, setzte er hinzu, »welch

ein Bett -- bis zum Plafond -- ein Gebirge von einem Bett.« -- »He,«

fiel ihm die Hofrätin ins Wort, »wo soll ich denn die fünf Matratze von

meine Nichtene sonst hintu als ins Fremdenbett.« -- »Nur ein Turner

vermag's zu ersteigen«, sagte Schreiber, »ich bin gottlob ein guter

Turner.« Er öffnete die Türe, nahm vom Gang aus einen Anlauf und sauste

mit einem großen Sprung über den Tisch. -- »So geht's«, sagte er. --

Wir lachten wie toll.

»Ich hab' der Allerlustigscht«, schrie die Hofrätin, »e herzige Kerle

-- für den gäb' ich alle meine Nichtene her.«

Schreiber küßte ihr die Hand, worauf die Hofrätin erklärte:

»D' Freiburger sind Stoffel -- da beißt kei Maus der Fade ab. Pole

hoch!«

Alsdann nannte uns Schreiber Kochana Siostra (liebe Schwester), und wir

mußten ihn und Zarembecki Kochany Braciszek (lieber Bruder) nennen.

Noch im Laufe des Tages machten wir aus, daß ich Zarembecki in der

deutschen Sprache Unterricht erteile und er mir in der polnischen.

Es kommt mir ganz merkwürdig vor, dieses plötzliche Aufleben nach einer

Zeit, die mir so viel der Schmerzen und der Verluste gebracht -- vor

allem Marias Tod. Du himmlische Erscheinung in meinem Leben, du Heilige

jetzt, wohl lebe ich weiter mit dir und spreche mit dir und teile dir

mit, was mein Inneres bewegt, aber wie ich auch nach dir rufe und mich

sehne, deine liebe Stimme ertönt mir niemals wieder auf Erden ... --

Dann kam der Abschied von Professor Schmidt. Sein neuer Aufenthalt ist

Köln. Er sprach die Worte zu mir: »Soll ich mit dem Gedanken von Ihnen

scheiden, daß ein Freigeist Ihr bester Freund ist?«

»Was wollen Sie von mir?« fragte ich.

»Daß Sie mit ihm brechen«, sprach er hart.

Meine Tante Anna · 第 14 / 51 题