Und er versprach's: »Ja, ja, Nannele, das nächstemal nehm' ich dich
mit.«
Und jetzt ist mir der Feldberg, dessen Spitze so stolz alle anderen
Berge unseres Landes überragt, nicht weniger fern als der teure, noch
höher wohnende Bruder.
* * * * *
27. 7. Ich habe gestern meinen Namenstag gefeiert. Mein erstes Beginnen
war, in das Münster zu gehen und meinem Schöpfer zu danken für alle
Wohltat, die er mir, seit ich lebe, in seiner Gnade zukommen ließ.
In einer solch einsamen Stunde, in der der Mensch nur Gott und sich
selber angehört, in der man zurückschaut auf das verflossene Jahr und
wohl auf seine ganze Lebensbahn -- in einer solchen Stunde feiert das
Gemüt seinen stillen Festtag. Wie vieles hat sich zugetragen in den
letzten Jahren -- Xaver nicht mehr auf Erden, die geliebte Schwester
im fernen Norden -- Vaters Krankheit -- Mutter, die durch Nachtwachen
um alle Kraft gekommen war -- ach, nach so einem Puff des Schicksals,
wie froh ist man, wenn er überstanden ist, wie dankbar, wenn nicht
der Püffe noch mehrere folgen. Leider ist für mich ein kleines Püffle
zum Namenstag nicht ausgeblieben -- von Caton keinen Brief! Ich weiß
ja, das liebe Schwesterle ist ein wenig saumselig, und doch kränkt's.
Außerdem ist mir bang, Caton und Petersen vielleicht durch eine
Ungeschicklichkeit verletzt zu haben, indem ich ihnen in meinem letzten
Brief den Vorschlag machte, sie möchten mir in diesem Jahr nichts
schicken, im nächsten auch nicht, im dritten Jahr aber was Rechtes, z.
B. ein Jean Paulsches Werk, wie »Hesperus« oder »Quintus Fixlein«. Oder
ein Herdersches: den »Cid« oder Schulzes »Zauberrose« oder Ehrenbergs
»Würde der Frauen«.
O wie fürchte ich nun, diese meine Ansprüche könnten zu groß gewesen
sein, und meine Unbescheidenheit möchte Verdruß erregt haben.
Die schöne Feier meines Festes half mir über diese Stimmung Herr
werden, schon der Anblick des herrlich geschmückten Frühstücktisches,
in dessen Mitte eine ungeheure Brezel thronte. Die Kamerädle Lenchen
und die Malchens nahmen am Frühstück teil, nachdem de Ber mit der
Gitarre erschien und mir zum Geburtstag die Gnadenarie in deutscher
Sprache vorsang. Da er aber immer statt Gnade -- Dade aussprach und
dabei die Augen zum Himmel hob wie ein Verzweifelter, wollte das böse
Mädchenvolk vor Lachen fast gar bersten.
Als besonderes Benefiz durfte ich den Morgen mit Lesen und Stricken
zubringen und meine Gratulanten und deren Geschenke in Empfang nehmen.
Ach, und es wurde mir mehr zuteil, als ich je zu hoffen gewagt. Herr
von Verleb überreichte mir im Namen seiner Frau nicht mehr und nicht
weniger als -- Schillers Werke! Ich nahm sie in Tränen ausbrechend
in meine Arme und wäre am liebsten damit durch alle Zimmer gelaufen,
in die Küche, zur Mutter. Aber es waren der Bändlein so viele, daß
etliche davon auf den Boden kollerten, und wir zu tun hatten, bis alle
glücklich auf meinem Namenstisch aufgestellt waren. Herr von Verleb lud
mich ein, nächsten Sonntag mit ihm ins Suggenbad zu fahren, wo Maria
schon drei Wochen zur Kur weilt, und die Aussicht, sie wiederzusehen,
war vielleicht noch das Kostbarste meiner Geschenke.
Professor Schmidt beschenkte mich mit Klopstocks »Messiade«, Professor
Monz mit Herders »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit«,
und es berührte mich sehr eigen, Monz über Schmidts Geschenk ein
wenig wegwerfend lächeln zu sehen, während dieser beim Weggehen mir
leise, aber mit eindringlichen Worten riet, das Herdersche Buch nicht
zu lesen, es eigne sich nicht für ein junges Mädchen. Er wollte ein
Versprechen, allein ich schwankte und erbat mir Zeit zum Überlegen.
Es ist nicht anders zu verstehen, als daß mich Monz weiterbilden,
Schmidt aber zurückhalten möchte in jener Unschuld des Nichtswissens,
von der er neulich auf der Kanzel sprach, immer wieder darauf
zurückkommend: Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt
gewinnt, an seiner Seele aber Schaden leidet. Und ist es nicht wie
eine Schickung Gottes, daß nicht er, sondern Monz es ist, der meiner
so regen Wißbegierde Vorschub leistet? Den Herder habe ich einstweilen
ganz zu unterst im Weißzeugschrank vergraben.
Bei Tisch hielt de Ber eine deutsche Rede auf das Namensfest seiner
Lehrerin, die alle Ursache hatte, auf ihren Schüler stolz zu sein. Mein
bescheidenes Annele hatte mir eine in französischer Sprache verfaßte
Gratulation unter den Teller gelegt -- halt so so -- und Lorchen,
die bei ihren künftigen Schwiegereltern in der Residenz ist, schickte
mir eine Schokoladentorte und ein Brieflein, in dem sie aber das
Gratulieren vergaß, vor lauter Glück über ihr eigenes Glück, das in
einem Leutnant besteht, der sie nächstens zum Altar führen wird.
Den Nachmittag und Abend bis neun Uhr brachte ich im Kreise der Meinen
und der Freunde im neuen Tivoli in Herdern zu, wo zu Ehren sämtlicher
Freiburger Annen eine glanzvolle Beleuchtung stattfand.
* * * * *
4. 8. Heute mit Professor von Verleb ins Suggenbad gefahren. Ich
fand ihn unterwegs sehr ernst, fast gedrückt, was mich nicht wenig
ängstigte, indem ich Marias Befinden damit in Verbindung brachte.
Ich erlebte jedoch die angenehmste Enttäuschung. Nie habe ich Maria
so rosig und heiter gesehen, ja, ihre Augen hatten geradezu einen
überirdischen Glanz. Sie hat sich's gar herzig und behaglich im
Suggenbädle eingerichtet und hat nur eine Klage -- daß die Wirtsleute
gar zu sehr der Meinung seien, ihr immerfort Gesellschaft leisten
zu müssen, kaum habe sie sich's bequem gemacht an ihrem lauschigen
Waldplätzle. Einmal, sie sei ganz vertieft in Tiedges »Urania« gewesen,
als bei der schönsten Stelle:
Die ganze Menschheit strahlt in einem Meisterwerke
Der Lebenskunst, die nach Vollendung strebt --
»Was meinener zure brotene Dube mit Knöpfli, Frau Professor?« mitten in
die Poesie hinein die Stimme der Wirtin ertönte.
Wir lachten, lachten den ganzen Tag, daß es eine Lust war.
Maria schrieb mir auch auf das Albumblatt, das ich zu diesem Zwecke
mitgenommen hatte, die Stelle aus der »Urania«:
Ein heiliges Gemüt ist Licht im dunklen Hain:
Wo Engel sind, ist Gott. --
* * * * *
10. 8. Wir putzen und waschen und klopfen und bügeln. Frische Vorhänge
werden aufgemacht, Mutter näht neue Houssen, Therese und ich schneidern
herzige Kinderkleidle, und Vater geht besorgt umher, überzeugt, daß
Caton nie zur Postzeit fertig sein wird und deshalb möglicherweise
überhaupt nicht ankommen könne. Ich sage: »Haben Sie vergessen, Papale,
daß Caton das Talent hat, immer eine Hilfe zu finden, wenn sie eine
braucht?«
Therese, Hermann und ich hatten ausgemacht, Caton bis Emmendingen mit
der Post entgegenzufahren. Vater legte ein Veto ein. Er wünscht, daß
wir ihr alle miteinander bis Zähringen entgegengehen. Mutter solle dann
Catons Platz in der Post einnehmen, und die Schwester mit uns zu Fuß
zurückkehren.
* * * * *
24. 9. Das Projekt unserer Oberländer Fußreise, so lang schon entworfen
und nie zur Wirklichkeit geworden, tauchte plötzlich wie aus heiterem
Himmel von neuem in unsern sehnsüchtigen Herzen auf, und Caton war's,
die mit Bitten nicht nachließ, bis Mutter erklärte: »Ja ja, Papale,
lassen wir sie ziehen.«
Und so gingen wir wirklich in Reisekleidern und den
Sonntagsschlapphüten, mit einem vollgestopften Ridikül und unserm
Beschützer Hermann, der unsere Wäsche im Ränzlein trug, zum Tor hinaus,
am 18. September, dem glänzendsten Herbsttag der Welt.
Vater begleitete uns eine Strecke Wegs, uns Lehren, Klugheitsregeln
und Empfehlungen mit in die Fremde gebend. Alsdann, kaum hatten wir
unsere Wanderschaft angetreten, saß Caton, die sich unter heißen Tränen
von ihren Büblein verabschiedet hatte, schon hoch droben auf einem
Leiterwagen, so daß Hermann, vom Ränzlein beschwert, neidisch ausrief:
»Die klettert ja wie ein Bub!« Ich brachte es nur bis auf die hintere
Deichsel des Wagens, war aber auch damit zufrieden und bedauerte
Therese und Schwägerin Lotte, die den sonnigen Weg zu Fuß zurücklegen
mußten.
Lotte sieht mit ihren vierundzwanzig Jahren wieder so jung und hübsch
aus wie zur Zeit, da sie Xavers Braut war. Sie trägt wieder helle
Kleider, und ich sah's ihren Augen wohl an, daß sie lieber zu Caton
auf den Wagen geklettert wäre, als ernsthaft mit Therese einher zu
wandeln.
Um halb zwölf kamen wir in Kirchhofen an, wo wir im Pfarrhause von
Herrn Dekan auf das herzlichste empfangen und prächtig bewirtet wurden.
Wir dankten und machten uns gestärkt auf den Weg nach unsrer nächsten
Station, dem lieben Staufen. Wie zwei Kinder ergaben sich Lotte
und Caton der Passion des Kleeblättersuchens, bei jedem Glücksfund
laut aufschreiend und das liebliche Tal weithin mit ihrem Gelächter
erfüllend.
Hermann machte sich an den Obstbäumen zu schaffen, und ich blieb erst
recht zurück, indem ich versuchte, den sich immer mehr nähernden
Schloßberg von dieser Seite in meinem Skizzenbuch festzuhalten.
Theresens Mahnen wurde jedoch immer dringender, denn schon verkündete
ein frischerer Luftzug den nahen Abend, und nur das Städtchen, dem wir
zustrebten, lag noch im Glanze der untergehenden Sonne. Oh, wie kam uns
da mit dem Anblick der befreundeten Wiesen, Berge und Hügel mit einem
Male die erste freudige Erinnerung an unsere Kinderzeit!
Wir stürmten auf den Marktplatz mit dem alten Marktbrunnen und dem
stattlichen, mit einem Dachreiter gekrönten Rathaus. Aber weiter,
weiter, die Gasse hinunter, an der sich langziehenden Mauer vorbei --
und wir standen vor dem lieben Haus mit dem efeuumsponnenen Turm -- und
gegenüber an der Gartenmauer der liebe kleine Brunnen. -- Hermann lief
gleich darauf zu, um zu trinken, Caton schwang den Hebel. -- »Wißt ihr
noch,« rief sie, »wie oft wir geschmält worden sind, wenn wir's zu arg
mit unserer Puppenwäscherei trieben?«
Dann ging's die Turmtreppe hinauf -- oh, ein Gezwitscher, Gelächter,
ein Getrippel unbeschreiblich ungeduldiger Füße. Der Herr Oberamtmann
erschien mit dem Zereviskäpple:
»Was ist denn los?«
»'s Villingers«, schrien wir aus einem Mund, »'s Villingers!«
»Potztausend,« rief er aus, »Frau, Frau, so komm au, 's Villingers!«
Oh, wie liebreich wurden wir empfangen, und unbeschreiblich war das
Erstaunen über das nun erwachsene Volk, das einstmals als unmündiges
Kindervölklein von hinnen gezogen war. Während die Schwestern
mithalfen, die Betten aufschlagen, ging ich mit Hermann zu unserm
ehemaligen Lehrer Kiesel, der ganz außer sich vor Freude war und
behauptete, er habe meine Stimme schon im Dunkeln auf der Treppe
erkannt. Er wollte gleich wieder fort in die Reben rennen und mir
Trauben holen. Als Hermann ihn um ein Nachtlager bat, weinte er
fast vor Freude und rief seine Frau, die mit schon mehligen Händen
herbeikam, weil sie gleich Kuchen für uns backen wollte. -- »Aber einen
recht großen!« schrie Hermann mit nachgemachter Kinderstimme.
»Oh, Hermännle,« rief sie, »du sollsch in zehn Täg nit damit zu End
komme!«
Der Herr Lehrer führte mich in sein Arbeitszimmer, wo eine Menge der
unvergleichlichsten Kupferstiche fast bis zur Unordnung das kleine
Zimmer dekorieren. Wie oft ergötzte ich mich als Kind an ihrer
Schönheit, aber wie ganz anders bewunderte ich jetzt diese so fein
ausgeführten Kunstwerke. Hermann mahnte und mahnte, ich konnte mich
nicht trennen. Und der Lehrer sagte lächelnd: »Ich hab' dich allemal
nausschmeiße müsse, ehnder bisch nit gange, und ich hab' damals
gedacht, du wirst gewiß noch eine Malerin.«
»Ach, lieber Herr Lehrer,« sagte ich mit einem Seufzer, »nur zu einer
Lehrerin langt's.«