So kamen wir im Schatten des ganz vom lichten Buchenwald umschlossenen
St. Ottilien an. Lautes Leben umgab die alte Wallfahrtskapelle. Die
Tische waren gedeckt. Aus dem kleinen Wirtshaus brachten sie Kaffee
und Tunkes die Menge. Professor Monz sowie Schmidt setzten sich zu
Villingers an den Tisch, auch Hofrat Amann. Lenchen sagte mir leise ins
Ohr:
»Du, so gescheit rede kann ich nit« -- und lief davon. Als dann Vater,
Monz und Amann ernste Politik trieben, machte auch ich mich aus dem
Staube und ging zur Kapelle. Lenchen kam zu mir, und wir schritten die
beiden Steinstufen hinab in die nur schwach vom Tageslicht beleuchtete
Grotte. Ich hörte Tritte, wußte sofort, daß es Professor Schmidt war,
und wurde rot.
»Ich bin gerne hier,« sprach er, »im Reiche dieser Legende,« nahm vom
Wasser, das aus dem Felsen fließt, und benetzte sich Augen und Stirne.
»Es ist nicht die Tatsache an und für sich, die Legende der jungen
Christin Odilie, die, verfolgt von ihrem heidnischen Freier, zu Gott
rief vor diesem starren Felsen, dessen hartes Gestein sich alsbald
öffnete und hinter der Jungfrau wieder schloß. Seither sind Hunderte
von Jahren dahingegangen, wenige Menschen nur wissen noch von dem
Wunder, das Gott an der heiligen Odilie getan, und doch pilgern wir
nach wie vor zu dem wundertätigen Quell, an dessen für das Auge so
heilsame Kraft wir nicht aufhören zu glauben. Denn wenn diese Kraft
auch nur illusorisch wäre, sie ist das Symbol von der Lichtquelle, die
dem Leben eines heiligen Menschen entquillt, und in der wir unbewußt
wandeln und uns besser fühlen. Haben Sie das Gedicht von Professor Monz
›St. Ottilien‹ gelesen?« wandte er sich an mich.
Ich sagte nein.
»O, so lesen Sie es nicht,« sprach er, »der fromme Ort würde Ihnen
dadurch entweiht.«
Ich nahm mir fest vor, dieses Gedicht nie zu lesen, allein, o Himmel,
auf dem Heimwege fing Professor Monz mit einem Mal an zu deklamieren:
»Ottilie, du wunderliches Mädchen,
Wie bist du doch so seltsam hier gefahren,
Verborgen hast du dich in jungen Jahren
Und ausgesucht die allerwildsten Pfädchen.
Traun! Stünde damals schon das schöne Städtchen,
Du hättest dich gesellt den frohen Paaren,
Die Myrte prangte dann in deinen Haaren,
Und anders drehte sich dein Lebensrädchen.«
Eingedenk der Worte Professor Schmidts nahm ich all meinen Mut
zusammen, indem ich ausrief:
»Halten Sie ein, Herr Professor, unsere heilige Ottilie ist uns lieber
als die Ihrige.«
Worauf er lachte, während Professor Schmidt, der vor uns herging, sich
umwandte und mir zunickte.
* * * * *
30. 5. Ist es vermessen oder anmaßend oder undankbar, daß ich mich
trotz allem, was ich an Liebe empfinde und besitze, doch immer noch
heimlich nach einer Seele sehne, die ich bewundern, zu der ich aufsehen
kann? Monz, den ich nun öfter sehe, ist wohl zu bewundern, denn mit
ihm kommen neue Interessen in unser engbegrenztes Leben, was nicht
hoch genug zu schätzen ist. Aber ihm fehlen die Grazien. Er ist
rücksichtslos und doziert immerfort, als habe außer ihm kein Mensch
etwas zu sagen, und besonders kränkt mich seine fast geringschätzige
Art Schmidt gegenüber. Und es rührt mich in tiefster Seele, daß dieser
die Demütigungen von seiten des Weltmenschen so wenig empfindlich, ja
geradezu freundlich hinnimmt. Ach, ich weiß wohl, daß er der Bessere
ist. Zugleich aber fürchte ich mich vor ihm, denn würde ich mich
diesem seinen Einfluß ganz überlassen, so dürfte ich ja die Bücher
nicht lesen, von denen Monz spricht, und die doch einen so heißen
Wissensdurst in mir wachrufen.
* * * * *
3. 2. Wie wunderbar ist dieses schnelle und unverhoffte Sichfinden
zweier verwandter Seelen! Es war auf einem ~thé dansant~ bei Herrn von
Rotteck, wo ich Maria von Verleb kennen lernte. Sie tanzte nicht, und
da ich auch nicht tanze, führte uns Herr von Rotteck zusammen, uns zu
einem Schwätzwalzer engagierend, was mir ein reichlicher Ersatz war für
alles Tanzen der Welt.
Herr von Rotteck erzählte uns von der neuen Oper »Oberon« von Karl
Maria von Weber, und wir bekamen so den ganzen, überaus reizenden Text
zu hören. Hierauf sprach er von Jean Paul. Ach, und ich hatte nichts
von diesem großen Dichter gelesen, konnte nur mit hungriger Seele den
Herrlichen preisen hören.
Als wir allein waren, fragte mich Frau von Verleb, ob ich Jean Pauls
Schriften nicht kenne. Ich sagte: »Ach nein, noch nicht.«
Oh, wer beschreibt meine Freude, als mir Frau von Verleb mit einer
geradezu unbeschreiblichen Liebenswürdigkeit ihre Bibliothek zur
Verfügung stellte. Ich kann es auch wirklich nicht verkennen, daß ihr
Blick mit fortgesetztem Wohlbehagen an mir hing.
Sie ist schön. Dunkelblonde Locken, leicht wie Schaum, umgeben ihr
bleiches Gesicht, dessen Ausdruck immerzu wechselt zwischen leuchtender
Freude und plötzlicher Wehmut. Sollte sie einen Kummer haben? Herr
von Verleb sieht seiner jungen Frau jeden Wunsch von den Lippen ab,
und die Freunde des Hauses, darunter Professor Monz, wetteifern, ihr
eine Freude zu bereiten. Monz soll ihr eifrigster Verehrer gewesen
sein. Sie zog ihm Verleb vor, der eine ungemein leichte, heitere und
liebenswürdige Gemütsart hat.
Als er mich neulich fragte, wie mir »Hesperus« gefallen, mußte ich
bekennen, daß ich erst einen kleinen Teil des herrlichen Buches gelesen
habe. --
»Erlauben Sie, das begreife ich nicht«, rief Herr von Verleb aus.
Ich machte es ihm aber begreiflich, indem ich ihm offen sagte, daß es
in unserm Haus viel zu viel Arbeit gebe, als daß ich mir gestatten
dürfte, unter Tags zu lesen, die Mutter aber so gut sei, mir oft des
Nachts im Bett vorzulesen, während ich beim Nachtlicht Handarbeiten
mache.
»Mein braves Villingerle«, sagte Frau von Verleb, als wir allein waren,
»gib mir die Hand, wir wollen uns du sagen, denn siehst du, meistens
sind die tüchtigen Leute langweilig und voll Eigendünkel, aber du
bist heiter wie ein Kind, eine Wohltat für mich, die ich mich so nach
Heiterkeit sehne.«
* * * * *
10. 3. Es scheint, ich habe den Namen meiner Freundin Maria Verleb
zu oft auf den Lippen getragen, und so habe ich die Erfahrung machen
müssen, es ist besser, das Herz behält sein Lieben für sich.
Karoline und ich rieben uns aneinander seit unserer Kindheit in
scherzhaften, sehr oft auch heftigen Kampfgesprächen. Mit vielen
Talenten und einem zierlichen Figürchen begabt, mußte sie oft Spott
wegen ihrer Nase erleiden, dem Entenschnabel, wie ihre Tante Hofrätin
sagt.
Wirkliche Neigung habe ich nie für Karoline empfunden, aber durch alle
Klassen saßen wir Seite an Seite und gingen dann auch gewohnheitshalber
miteinander nach Hause.
So auch heute nach der französischen Konversationsstunde im Kloster.
Unglücklicherweise entschlüpfte mir unterwegs der Name Maria von Verleb.
Alsbald warf mir Karoline mit einem wahren Hohn vor, ich habe ein
Herz wie ein Theater. Nicht genug an meinen Schwestern und zahllosen
Freundinnen, sei ich zu jeder Zeit bereit, mein Herz an eine neue
Kreatur zu hängen. Und nicht genug, ich liebe auch Männer, sei nicht
modest in deren Gegenwart wie andere junge Mädchen, sondern habe die
Kühnheit, mich in Gespräche mit ihnen einzulassen und meine Meinung zu
verteidigen -- sogar gegen einen Professor Monz und Schmidt. In den
letzteren sei ich überdies verliebt, was meine Augen deutlich verrieten.
Ich erschrak so heftig, daß ich kein Wort hervorbrachte, sondern sie
nur ansah. Sie wich von mir zurück, indem sie das Gesicht mit den
Händen bedeckte:
»Ich fürchte dich«, schrie sie, »ich fürchte dich, du machst so
schreckliche Augen.«
O armselige Herzen voll unbilligen Vorurteils, wie seid ihr hart und
ungerecht! Aber so schuldlos ich auch bin, in einer Beziehung war mir
diese verwundende Berührung heilsam -- sollte ich wirklich zu viel
Entgegenkommen für Professor Schmidt gezeigt haben? Er ging neulich,
als es regnete, ohne Schirm an unserm Haus vorbei, und ich lief
hinunter und brachte ihm einen. Das also ist bemerkt und übel gedeutet
worden.
Ach, der Mensch ist doch so ohnmächtig, denn wenn sich meine Augen
freuen, wie soll ich das wissen und bemeistern können?
Und warum nicht viele Menschen liebhaben, warum nicht neue Freundinnen
neben den alten gewinnen dürfen? Liebt nicht auch eine Mutter alle ihre
Kinder und wenn sie noch so viele hat? Als unser geliebter Xaver starb,
war Mutters Schmerz so tief und gewaltig, als habe sie mit diesem einen
Kind ihr einziges verloren. Als Hermann, unser Benjamin, in schwerer
Krankheit lag, war's da anders? Und hielt sie nicht Caton in der
Trennungsstunde so fest in den Armen, als könne sie von diesem Kind
nimmer lassen?
Wenn Mutter Theresens Schultern klopft, sagt sie nicht: meine Beste,
meine Brävste? Und wenn ich leide in der Nacht und Mutter kommt, bin
ich da nicht ihr geliebtestes einziges Kind? Nein, ich verschließe
mein Herz nicht, und ich kann es nicht verschließen, weil mich alles
Große, Gute, Herrliche, weil jede Vortrefflichkeit mich mit unendlicher
Bewunderung erfüllt.
Und was ich mir schon so oft vorgenommen, diesmal halte ich's: Mit der
Freundschaft für Karoline ist es zu Ende.
Im Hause ist Freude und Glückseligkeit. Immer von neuem fließen
die Tränen -- Freude- und Dankestränen gegen Gott -- Caton, unsere
heißgeliebte Caton hat einen Sohn! Schön und bedeutungsvoll ist der
Geburtstag des jungen Weltbürgers. Er kam am Tage der unschuldigen
Kindlein zur Welt.
* * * * *
4. 4. Wir sind unendlich glücklich in unserer neuen Wohnung in
Oberlinden. Es sind eigentlich zwei Wohnungen, eine rechts und eine
links. Vater wohnt in der einen mit Hermann und den Studentlein,
Mutter, wir Mädchen und zwei junge Pensionärinnen schlafen auf der
andern Seite. Lorchen und Annele sind Waisen, reiche Wirtstöchter aus
Heitersheim, die bei uns Schliff lernen sollen und Französisch. Wie
fühle ich mich mit einem Male so wichtig und innerlich zufrieden in
meiner neuen Stellung als Respekt einflößende Lehrerin, denn auch
unsern jungen Franzosen unterrichte ich in der deutschen Sprache.
Er macht mir mehr Vergnügen als unsere unendlich schwer kapierenden
Landpommeränzle. De Ber fragte mich gleich in der ersten Stunde: »Wie
heißt ~je vous aime~?« Ich sagte ihm: »Ich verehre Sie.« Nun verehrte
er mich alle zehn Minuten, und bei Tisch ging die Verehrung erst recht
los. Alles, was ihm schmeckte, verehrte er. Wir kamen aus dem Lachen
nicht heraus.
Auch die andern jungen Leute sind nett und bescheiden, ganz anders als
welche, die wir schon hatten, die die größten Ansprüche auf Bildung
machten oder überbildet waren und abgeschmackt blumig in ihren Reden.
Wie unbehaglich fühlten wir uns in solcher Gesellschaft, wie fürchteten
wir uns vor ihrer Wortdeuterei und Scharfrichterei. Jetzt fürchte ich
mich nicht mehr, ich hatte sogar die Kühnheit, meine ganze Familie
an Kühnheit zu überbieten. Die Eltern konnten sich nicht überwinden,
den jungen Akademikern zu sagen, daß sie mit sauberen Händen zu Tisch
kommen möchten. Da entdeckte ich eines Tages zu meinem Vergnügen
an Lorchens Fingern Tintenkleckse. Ich machte mein ernsthaftestes
Lehrerinnengesicht und gebot Lorchen, den Tisch zu verlassen und mit
sauberen Händen zurückzukommen. Unsaubere Hände bei Tisch seien ein
Greuel. Lorchen erhob sich blutübergossen, Vater und Mutter sahen mich
erschrocken an, Therese schlug die Augen nieder. In diesem peinlichen
Augenblick sprang de Ber plötzlich auf: »Ick auch verehre saubere
Hände« -- und lief zur Türe hinaus, die andern Jünglinge hinter ihm
drein. Und seitdem haben wir nicht mehr zu klagen.
Den 7. Mai feierten wir Oberlindner das hundertjährige Alter unseres
Lindenbaums.
Mutter in ihrer Voraussicht hatte zwei große Kuchen gebacken und eine
tüchtige Platte voll Sträuble. Gleich nach Tisch kamen die Freunde,
und nicht nur diese, sondern auch alle Bekannte bis ins dritte und
vierte Glied; auch Rotteck mit seinem lieblichen Töchterlein. Natürlich
war mein ganzes Herz bei Maria von Verleb, aber ich konnte ihr nur
zunicken, so viel gab's zu tun, um all die Gäste zu bedienen. Kamarädle
Lenchen, Malchen Roth und Malchen Wänker, Baurittele und Fromherzle
halfen uns getreulich.
Als auf dem Platz drunten die Schulkinder anmarschierten und eng die
Linde umstanden, deren Zweige mit rot und gelben Schleifen geschmückt
waren, die lustig im Sonnenschein flatterten, huben die jungen
Stimmlein zu singen an.
Alles drängte sich auf den Altan oder an die Fenster, und man fand
sich zusammen, wie man zusammen gehörte -- die Hof-, Gerichts- und
sonstigen Räte samt hochlöblichen Gemahlinnen, die Studentlein mit den
jungen Mädchen, die alten Damen und die Hofrätin mit dem Strickstrumpf.
Unten der Gymnasialdirektor hielt eine Rede über die schöne Sitte,
Bäume bei besonderen Anlässen zum bleibenden Gedächtnis einzupflanzen.
Er sagte uns: »Einen hervorragenden Platz nimmt in dieser Hinsicht
die Linde ein. So hat die alte Zähringerstadt Freiburg im Breisgau
zwei Plätzen die Namen Oberlinden und Unterlinden gegeben. Nach
schriftlicher Überlieferung wird die obere Linde schon in einer Urkunde
von 1291 erwähnt. Kriegszeiten und Friedenszeiten spielten sich unter
diesen ehrwürdigen Bäumen ab, die nach ihrem Ableben immer wieder durch
eine Nachfolgerin ersetzt wurden.«
Der Rede folgte ein Lied, an das sich die Austeilung der Brezeln
anschloß. Die Kinder lärmten und schrien nach Lust. Zum nahen
Schwabentor drängten die Bauersleute herein in ihren farbigen Trachten;
darüber der tiefblaue Himmel in seinem strahlenden Sonnenglanz. Es war
ein ungemein lebhaftes Bild, dem Maria und ich Arm in Arm vom Fenster
aus zuschauten. Ich konnte nicht umhin, zu bemerken, daß Marias sonst
so leuchtender Blick einen besonders müden, ja fast leidenden Ausdruck
hatte. Es fiel mir schwer auf die Seele, allein ich überwand mich, und
indem ich wohl innerlich litt, suchte ich Maria durch allerlei Späßle
aufzuheitern, was mir Gott sei Dank gelang. Ich hatte, ganz von dem
einen Wunsch beseelt, ihr liebes Gesicht zum Lächeln zu bringen, nicht
gehört, daß sich die Türe öffnete, als plötzlich Professor Monz und
Professor Schmidt vor uns standen. Ich ärgere mich noch jetzt über
meine große Verwirrung in dem Gefühl meines tiefen Errötens. Aber beim
Anblick von Professor Schmidt fielen mir unglücklicherweise Karolinens
Worte ein, daß meine Augen nur zu deutlich verrieten, was ich empfinde.
So fehlte mir im ersten Augenblick alle Haltung, und ich war nahe
daran, in Tränen auszubrechen. Marias erstaunter Blick trug noch zu
meiner Verwirrung bei, so daß ich ganz unvermittelt, bloß um etwas
zu sagen, an Professor Schmidt die Frage richtete, ob er am nächsten
Sonntag im Seminarium wieder predige, und fügte hinzu, ich hätte
manchmal die Empfindung, als sei mir Gott in einer schlichten Kirche
näher als in einer prächtigen.
»Wie stellen Sie sich Gott eigentlich vor?« wandte sich Monz mit einem
gewissen Lächeln an mich.
Äußerst befremdet, gab ich ihm etwas empört zur Antwort, daß ich mir
darüber noch keine Vorstellung gemacht habe. Ich wollte mehr sagen,
fühlte jedoch, daß mich Professor Schmidt ansah, und wünschte darum
sehnlichst, diesem Gespräch ein Ende zu machen. Aber schon erklärte
Professor Monz, die meisten Menschen dächten sich Gott als einen
bürgerlichen Mann, der fortwährend über dem Schuldbuch sitze und
subtrahiere und addiere und jeden Heller dreimal umdrehe.
Da mußte ich unglückseliges Nannele wieder einmal zur Unzeit lachen,
obwohl ich recht wohl fühlte, daß Professor Schmidts Augen auf mir
ruhten. Er sagte mir beim Abschied:
»Ich hätte anderes von Ihnen erwartet!«
Ich verneigte mich zustimmend, wagte jedoch die Frage: »Warum treten
Sie bei solchen Gesprächen nicht für mich ein, da es Ihnen doch ein
leichtes wäre, Professor Monz zu überzeugen?«
»Von mir weiß er, wie ich denke,« sagte Professor Schmidt, »darum
meiden wir dergleichen Gespräche.«
Ach, so unaussprechlich ernst, fast mißbilligend klang sein »Leben
Sie wohl«, und doch, wie hat er in seiner letzten Predigt in der
Seminarkirche zur Freude ermuntert. Wie ein Johannes, von himmlischer
Menschenliebe begeistert, sprach er, und seine Rede ist voll Gefühl,
voll Überzeugung, Kraft und Wärme. Er zeigte, in wie schönem Einklang
die Freude mit der Tugend stehe. Wie darum Gott die Welt so herrlich
geschaffen und in wechselnden Gestalten darin die Freude, damit des
Menschen Herz sich daran ergötze. So ungefähr sprach er, nur ganz
anders, das heißt schöner, verständiger und deutlicher.
* * * * *
1. 5. Ich war des Morgens in der Küche beschäftigt, das Kraut schön
fein zu schneiden, was ich nämlich gar nicht gern tue. Dabei träumte
ich von der Möglichkeit, für den Nachmittag ein halbes Stündchen
erübrigen zu können, um meine liebe Maria aufzusuchen, und verwünschte
im voraus jeden unverhofften, mich aufhaltenden Kaffeebesuch.
Die Küchentüre ging auf, und Karoline stand auf der Schwelle. Wir
hatten uns, seit wir hart aneinandergeraten waren, nicht mehr
gesprochen. Ich wußte nur, sie war kurz darauf nach Straßburg gereist,
um sich dort in der französischen Sprache auszubilden.
»So,« sagte ich, »du bist wieder hier?«
»Ja,« sagte sie, »ich muß dich notwendig sprechen; aber du hast zu tun?«
»Ja,« sagte ich, »ich kann nicht weg.«
Sie nahm ein Messer von der Anrichte und half mir. So schnitten wir
eine Weile darauflos. Ich dachte: Was will sie nur? Denn sie sah so
feierlich aus, was so spaßig zum Krautschneiden paßte, daß ich Mühe
hatte, nicht zu lachen. Da sagte sie:
»Ich bin gekommen, um dich um Verzeihung zu bitten. Professor Schmidt
hat mir's zur Buße auferlegt.«
»Wie,« rief ich aus, »du hast bei Professor Schmidt gebeichtet?«
»Ja,« sagte sie, »ich beichte jedesmal bei einem andern, bis mir einer
paßt. Professor Schmidt ist aber der ärgste, er hat mich so verdonnert,
daß mir's wie einem Häufle Unglück zumute war.«
»Hast du ihm denn alles gesagt?« fragte ich mit einem von Entsetzen
erfüllten Herzen.
»Ja, alles, jedes Wörtle, das ich zu dir im Zorn gesagt«, gab sie zur
Antwort und sah mich schadenfroh an.
Zorn und Verdruß preßten mir Tränen heraus.
Karoline lachte. »Ich sei nicht wert, dir die Schuhriemen aufzulösen,
hat er gesagt. Aber gottlob, ich mach' mir nichts daraus. Du warst
immer so eine Gewissenhafte, was hat man denn davon? Die Händ' würdest
du über dem Kopf zusammenschlagen, wollt' ich dir von meinen Abenteuern
in Straßburg erzählen. Aber ich war immer anständig, ich kann's
beschwören. Nur heiraten hab' ich wollen -- denn wenn ich auswärts
keinen krieg', daheim krieg' ich erst recht keinen. Sechs Mädle und
kein Geld, dazu die Schlamperei, die ganz Freiburg kennt. Und Tante
Hofrätin stirbt auch nicht, daß man endlich einmal was erben könnt'.«
Das Kraut war geschnitten. Karoline setzte sich auf die Küchenbank.
»Einen Trost hab' ich,« sagte sie, »du kriegst auch keinen, wenn ich
keinen krieg'.«
»Du bist einfach ein böser Mensch«, fuhr ich auf.
»He woher,« meinte sie und schaukelte mit der Bank, »ich sag' halt, was
ich denk' -- hast du das erst jetzt bemerkt? Das Edeltun ist mir ein
Graus.«
Sie schüttelte sich, und das war so komisch, daß ich lachen mußte.
Und als sei nichts vorgefallen, sprach sie leise, den Finger auf den
Mund legend: »Ich will dir was anvertrauen -- sonst hab' ich's noch
keinem Menschen gesagt -- ich schlag' dem Schicksal ein Schnippchen --
eine alte Jungfer werd' ich nit -- und wenn's unser Herrgott zehnmal
will. Ich geh jetzt noch für ein halb's Jahr nach Straßburg, bild'
mich völlig im Französischen aus und genieße noch ein bißle 's Lebe.
Entweder ich komm' mit einem Bräutigam, oder ich geh' ins Kloster --
dann hab' ich mein Auskommen und mein Ansehen und spazier' vor euch
allen zur Tür herein -- Etsch!«
Damit ging sie.
Ich lachte und weinte auch ein wenig vor Verdruß, als Mutter in die
Küche kam. Ich erzählte ihr mein Erlebnis mit Karoline und daß ich so
gar nicht begreife, wie man so bös sein könne.
»Närrle,« sagte die Mutter, »hast du das nie bemerkt -- von Kind auf
war sie dir neidig. Ein ärgeres Leiden gibt's aber nicht als den Neid
-- also bedaure sie.«
Leider habe ich an unsern Hauskindern Lorchen und Annele wenig Freude,
trotzdem Lorchen partout Französisch parlieren lernen will. Der Traum
ihres Lebens ist ein Offizier, und darum muß sie notwendig eine
gebildete Frau werden. Daß man zum Lernen aufpassen muß, ist ihr jedoch
nicht klarzumachen. Ich bekomme für die Stunde 12 Kreuzer, auch vom
kleinen Mändelin. Von de Ber 24 Kreuzer. Ich kann somit so ziemlich
meine Toilette und die kleinen Geschenke für Geschwister und Kamarädle
bestreiten. Freilich, wenn Hermann mit seinem bescheidenen Taschengeld
nicht auskommt, was meistens geschieht, muß ich ein wenig aushelfen,
und dann reicht mein Verdienst nicht aus, besonders wenn es sich wie
jetzt um einen Wintermantel handelt. Mein alter grüner Mantel wurde
schwarz gefärbt und zu einem Kleid verarbeitet, in dem ich wie eine
Äbtissin aussehen soll. An der Messe bekam ich dann einen hübschen
bronzefarbenen Circasien, und ich habe in die Ecken des obern und
untern Kragens von derselben Farbenplattseide einen Arabeskenschnirkel
gestickt. Auch die Hutsorge wäre erledigt; ich sollte einen neuen
haben, wollte aber Mutters Beutel nicht zu sehr strapazieren und für
diesen Winter noch Verzicht leisten. Nun gab's einen edlen Wettstreit.
Mutter wollte mir durchaus ihren schönen neuen Hut aufdringen, aber
ich blieb standhaft und hatte gleich darauf Gelegenheit, dem immer
gütig gegen mich verfahrenden Geschick dankbar zu sein. Schwägerin
Lotte schickte Theresen aus Karlsruhe einen Hut zum Geburtstag. Sehr
schön, aber meinem Farbensinn nicht entsprechend, denn dies ist mein
eigensinnigster Sinn, der Therese und mir schon manch widerwärtig
Stündlein verursachte. So wieder jetzt, als ich das Vermächtnis ihres
eigenen, noch schönen Hutes antrat, der dunkelgrün ist, und von dem ich
das braune Band weg haben wollte, was Therese gar nicht begriff. Aber
ich kann steifbetteln, wie sie sagt, und so gab sie nach, und es ging
ein sehr erfreuliches Exemplar aus ihren geschickten Händen hervor.
Wie immer im Herbst habe ich eben wieder mit ganz besonders schlechten
Nächten zu tun. Ach, dieses Übel, so gefahrlos es auch sein mag,
ist doch so beängstigend, daß ich lieber Schmerzen ertragen wollte
als diese furchtbare Beklemmung, diese Hemmung des Atmens. Ich kann
darauf zählen, daß, wenn ich den Abend in einem lustlosen heißen Raum
zugebracht, ich das immer ganz besonders büßen muß. Darum aber lasse
ich meinen Theaterplatz doch nicht im Stich. Zweimal im Monat wird
mir dieses große Vergnügen zuteil, als Ausgleich für die Bälle. Ich
habe neulich den berühmten Komiker Wurm gesehen und fühlte mich sehr
enttäuscht, wahrscheinlich, weil seine Kunst so über alle Begriffe
gepriesen wurde. Er spielte im »Juden« den Juden Schewa, eine sich mehr
dem Tragischen als Komischen nähernde Rolle. Vielleicht war ich auch
schon deshalb enttäuscht, weil ich ihn lieber in einer komischen Rolle
gesehen hätte.
Eben gastiert eine bis in die Wolken erhobene Sängerin, genannt Madame
Kainz, die deutsche Catalani. Leider nur bei aufgehobenem Abonnement,
also muß ich mich mit dem Hörensagen begnügen.
* * * * *
10. 10. Die Eltern sind mit Therese und Lorchen auf dem Kasinoball.
Ich durchwache meistens die Ballnacht, schreibe, lese und treibe,
was ich mag. Heute ist Annele bei mir geblieben. Wenn ihr auch die
französischen Regeln recht schwer in den Kopf gehen, um so klüger, d.
h. alles verstehender ist ihr Herz. Oft, wenn ich bei der Zimmerarbeit
ein wenig mutlos den Kopf hängen lasse, wer erscheint mit dem
Abwischtuch in der Hand unter der Tür und schäffelt mit mir darauf los,
daß schon nach einer Stunde die ganze Bergesarbeit überwunden ist?
So blieb sie auch heute abend bei mir, und es war eine meiner
vergnügtesten Ballnächte. Haben wir doch wie die Kinder, den Großen
gleich, auch getanzt, soupiert, einfältig vornehm geplaudert, wieder
getanzt in Gestalt eines überaus zierlichen Menuetts und noch einmal
colaziert, eine süße Speise, namens Charlotte, ein Überbleibsel vom
gestrigen Mittagsmahl, bei dem wir Hofrat Amann und Professor Bouger
zu Gast hatten. Mit dieser Charlotte aßen wir Schmollis miteinander,
denn bisher hieß nur ich sie du. Dann sangen wir noch eine Stunde mit
Begleitung der Gitarre ein komisches Quodlibet, Annele wurde zu Bett
geschickt, und ich warte auf die Meinen, indem ich lese und diese
Abhandlung schreibe.
* * * * *
24. 3. Man lacht nicht selten in der Familie über meinen Zeitgeiz, aber
was soll aus meinen Lieblingsbeschäftigungen werden, zum Beispiel dem
Zeichnen, wenn ich nicht alle Hebel in Bewegung setze, um mir eine
Stunde im Tag dafür zu erübrigen. Ich bin darauf angewiesen, mich jetzt
allein weiterzubilden. Ach, und ich kann noch so wenig, und es wäre
meines Herzens höchste Wonne gewesen, mich weiterbilden zu dürfen, wie
Amalie von Berg es darf, diese Glückliche! So ist die kleine Zeichnung
von unsrer geliebten Caton im großen Florentiner Schlapphut, der
ihr immer so gut stand, eben doch nicht so ausgefallen, wie ich mir
vorstelle, daß es sein könnte. Trotzdem sind die Eltern, denen ich
das Bildchen zum Namenstag dargebracht (wir feiern beider Namensfest
zugleich) -- sehr glücklich darüber, und auch der Rahmen, den ich
selbst aus Holz verfertigt und bemalt, erregte großen Beifall.
Oh, geliebteste Caton, wie oft und schmerzlich vermisse ich dich!
Unzulängliche Mitteilung der Briefe -- sagen viele. Oh, mir genügte
sie, könnte ich nur Gebrauch machen von dem Gebotenen. Aber wie könnte
man bei uns, ohne auffallendes Vorenthalten, einen Brief einschließen,
der nicht zuvor bei der Familie, wenn eben nicht die Zensur, doch sehr
die Kritik passiert.
Wenn du wüßtest, wie wir oft im Winter in der warmen trauten Stube
allesamt meinen, jetzt müßte unser heiteres, singendes Catonle
plötzlich bei uns eintreten. Und erst jetzt im Frühling, in der
knospenden, herrlichen Natur! Wie würdest du dich freuen über den
Verschönerungsgeist, der plötzlich in Freiburg erwacht ist und
sich über die ganze Umgebung erstreckt und schöne Spaziergänge dem
Genuß bietet. Der neueste führt auf ganz geebneten, nur sachte
hinansteigenden Pfaden über den Schloß-, Hirsch- und Johannisberg
durchs Immental bei Herdern herunter, wo es im Gasthaus zum Schwanen
nun beinahe so lebhaft zugeht wie in Günterstal. Am schönsten aber sind
meine einsamen Spaziergänge des Morgens um sechs -- mit Lenchen oder
Hermann. Bei einem solchen Spaziergang hat mir das arme Brüderle unter
Tränen mitgeteilt, daß er nun endgültig seine Sehnsucht, Offizier zu
werden, zu Grabe tragen müsse. Vater habe ihm ein für allemal erklärt,
ein Sohn aus seinem Hause dürfe niemals unter die Müßiggänger gehen.
Ich tröstete mein liebes Brüderle so gut ich konnte. Ich sagte ihm, daß
auch ich auf manches verzichten müsse, und nun erst die Eltern, die um
ihrer Kinder willen sich unablässig sorgten und mühten, ohne sich die
geringste Annehmlichkeit zu gönnen.
Als Hermann meinte, Xaver habe es doch so flott getrieben, gab ich ihm
einen kleinen Puffer mit der Bemerkung:
»Du weißt recht gut, daß unser herrlicher Bruder sich alles selbst
verdient hat durch Stundengeben.«
»Hm,« sagte mein Brüderle nach einigem Besinnen, »so werd' ich Auditor
und bin doch beim Militär und kann mir sogar vielleicht ein Pferd
halten.«
Wie haben's die Männer so gut.
Ich möchte mich noch nicht schlafen legen, ohne das Erlebnis mit Dortel
einzubuchen, das mir einen tiefen Eindruck gemacht.
Fünfzehnjährig kam sie zu uns, das Kind armer Eltern in Herdern. Ein
wenig scheu, fast unfreundlich, tut sie ihre Arbeit, aber ohne daß ihr
je etwas zu viel wäre, und verliert auch nie den Kopf, selbst wenn's
kurz vor Tisch heißt: Dortel, es kommen noch Gäste. Dies alles haben
wir so selbstverständlich hingenommen und hinter der Äußerungsarmut
der Dortel keine weiteren Empfindungen vermutet. Darum war ich sehr
erstaunt, Dortel Sonntag abend mit einem geradezu strahlenden Gesicht
von Herdern zurückkehren zu sehen, und konnte mich deshalb nicht
enthalten, zu fragen: »Dortel, was ist Ihr denn Schönes begegnet?«
»Endlich,« sagte sie, »hab' ich's de Eltern abzahle könne, was i ihne
so lang schuldig bliebe bin.«
»Was war Sie ihnen denn schuldig, Dortel?«
»Ha, wie ich uf d' Welt kumme bin -- 's Wochebett von der Muetter und
dann d' Koscht und's G'wand bis zu fufzehne.«
* * * * *
30. 5. Der Abend bei Verlebs war noch schöner, als sich's meine
kühnsten Phantasien vorgestellt. Ich fand Maria am Klavier. Sie trug
ein weißes Mullkleid, über dem Ausschnitt ein mit Spitzen besetztes
Fichu. Sie hatte keine Neigelocken wie auf dem Ball, sondern das
volle aschblonde Haar fiel ihr leicht gewellt, mit einem weißseidenen
Band gehalten, bis über die Schultern. Wunderbar verträumt, fast
sehnsüchtig, war der Ausdruck ihrer dunkelblauen Augen, während ihre
Hände dem Klavier meist schwermütige oder leidenschaftliche Weisen
entlockten.
Ich hatte mich ihr gegenüber in eine Ecke gesetzt und verglich sie im
stillen mit der heiligen Cäcilia.
Da sprang sie auf:
»Nannele, komm und mach mich froh! --«
»Wenn ich das könnte! --«
»Ja, ja, das kannst du -- und ich will dir auch eins verraten: nach
meiner Ansicht kann man gar nichts Besseres tun in der Welt als
Heiterkeit verbreiten --«
»Aber denke dir die großen Taten der Männer --«
»Ja,« sagte sie, »das gehört auch mit in die Welt, aber denen, die uns
das Alltagsleben erheitern, bin ich doch am dankbarsten, vor allem Jean
Paul. Oh, der Weise, der Gütige, der Warmherzige, wie liebe ich ihn,
wie bin ich ihm dankbar! Ist er nicht mein größter Wohltäter, da er mir
Lachen schenkt und Weinen in einem Atem, denn er gibt uns sein ganzes
Herz, dessen Jubel, dessen Schmerz uns wie eigener Jubel, eigener
Schmerz berührt! Um Himmels willen, Nannele, laß dir diesen Herrlichen
nicht durch Monz verkleinern. Ich weiß, er stellt Goethe über ihn« --
sie lachte laut. »Irgend jemand über Jean Paul stellen, das kann nur
dieser trockene Monz, der keinen Funken Humor hat. Oder«, fragte sie
unvermittelt, »hast du ihn am End' gern?«
Sie sah mich so ängstlich an, daß ich lachend den Kopf schüttelte.
»Ich bin ihm dankbar,« sagte ich, »denn er teilt mir gern aus dem
reichen Schatz seines Wissens mit. Außerdem ist er ein Dichter. Goethe
hat ihm einen ermutigenden Brief geschrieben.«
»Jean Paul hätte ihm einen vernichtenden geschrieben«, fiel mir Maria
ins Wort; »aber ich bin froh, Nannele, ach so froh --« sie nahm mich
um die Schulter und tanzte mit mir durchs Zimmer -- »ich hatte ja so
Angst, deine Verwirrung neulich beim Lindenfest, als Monz und Schmidt
eintraten -- ich war voll Angst, Monz habe dir's angetan. Aber warum
bist du denn so in Verwirrung geraten, als die beiden eintraten?«
Sie sah mich scharf an.
»Nun, es war wegen Schmidt«, gestand ich und erzählte ihr Karolinens
Äußerung, daß meine Augen deutlich verrieten, was ich für Professor
Schmidt empfinde.
»Also du empfindest für ihn, Nannele,« rief Maria aus, »eine
unglückliche Liebe?«
Ich mußte lächeln.
»Unglücklich, nein, aber seine Begeisterung auf der Kanzel, seine
Schlichtheit und seine Demut -- was weiß ich, ich muß ihn lieber haben
als Monz, der mir doch so viel gibt. Auf das Liebhaben verzichten, das
kann man nicht, aber damit fertig werden, das kann man.«
»Oh, Nannele, glaub' nicht, daß du das kannst!« rief Maria aus.
»Man muß es können,« sagte ich, »wenn man ein Leiden hat. Das ist doch
nur selbstverständlich.«
»Ich habe es nicht können«, sprach Maria in leisem Tone und barg das
Gesicht in beiden Händen. --
Mir lagen jetzt, wie schon oft bei solchen Anspielungen, dringliche
Fragen auf den Lippen -- was ihr fehle, woran sie leide. Aber ich
beeilte mich, Maria zu versichern, daß mein Edelmut nicht sonderlich
bewundernswert sei, da mich ja keiner wolle. -- »Doch,« sagte sie,
gleich wieder heiter, »Monz will dich, er erzieht dich, er erzieht
dich jetzt schon zu seiner Gattin. Das macht er so, wenn ihm ein
Mädchen gefällt, du kannst es mir glauben.« -- »So lang er mir schöne
Bücher leiht, hab' ich nichts dagegen«, meinte ich lachend. -- Und
sie drohte mit dem Finger: »Nannele, Nannele, bist du deiner wirklich
so sicher?« -- »Ich wär's vielleicht nicht,« gab ich zu, »wenn Monz
Schmidt wäre.« -- Herr von Verleb kam, und man ging zu Tisch. Es ist
gar schön gedeckt; in einer kristallenen Vase stehen Blumen, eine feine
Jungfer serviert. Herr von Verleb zeigte eine rührende Sorgfalt für
seine Frau, legte ihr vor, bat sie inständig zu essen, und erst als sie
zu seiner Zufriedenheit tat, was er wünschte, wandte er sich an mich,
indem er über einen Aufsatz Rottecks in der »Freisinnigen« loszog. Nach
seiner Ansicht habe ein Abgeordneter der Ersten Kammer überhaupt keine
freisinnige Zeitung herauszugeben. Rottecks beständiger Eifer gegen ein
stehendes Heer sei ebenso unstatthaft als sein geradezu rücksichtsloses
Eintreten für die Universität, indem er seine Anforderungen für diese
von Jahr zu Jahr steigere. -- »Aber«, fiel ich ihm wohl allzu lebhaft
ins Wort, »verdankt die Universität nicht hauptsächlich ihre Erhaltung
den kräftigen Vorstellungen Rottecks, und haben wir ihm dafür nicht im
höchsten Grade dankbar zu sein -- denn was wäre Freiburg ohne seine
Universität? Gibt es für die Menschen überhaupt etwas Wichtigeres
als Universitäten?« setzte ich fragend hinzu. -- »Ja, wenn man den
ewigen Frieden verbrieft hätte«, sagte Herr von Verleb. -- In diesem
Augenblick trat die Jungfer ein und berichtete, Herr Professor Monz
lasse anfragen, ob er nach dem Nachtessen für ein Stündchen willkommen
sei. -- Maria wendete lebhaft den Kopf zurück: »Eine Empfehlung an den
Herrn Professor, und ich bedauere sehr, ihn nicht herbitten zu können,
ich sei zu leidend heute abend.«
»Nicht böse sein«, wandte sie sich an ihren Mann. »Denke dir, Anna,
neulich, als mir seine Gelehrsamkeit derart auf die Nerven ging, daß
mir fast übel wurde, bat ich ihn: ›Darf ich ein wenig Musik machen,
Herr Professor, zum Kalmieren?‹ Er sagte: ›Sehr angenehm.‹ Und
ich setzte mich ans Klavier. Glaubst du, er hätte geschwiegen? Im
Gegenteil, er schrie immer lauter, je stärker ich spielte.«
Sie lachte, und so herzlich, daß ihr Mann sie ganz glückselig anschaute.
O wie schön war sie in diesem Augenblick! Und als errate sie meine
Gedanken, nickte sie mir mit leuchtenden Augen zu.
»Ja, Annele, das Schöne, das Heitere -- einschenken, Männle -- das
Schöne, das Heitere soll leben --«
Sie spielte noch wunderschön und hätte wohl stundenlang so
fortgespielt, wenn Herr von Verleb ihr nicht Einhalt geboten hätte.
»Deine Wangen glühn, Kind,« sagte er voll Besorgnis, »und deine Hände
sind eiskalt.«
Hermann holte mich ab. Der Himmel war sternenklar, als wir heimgingen.
Oh, holde Sterne! Gießt Klarheit mir in die Seele --
Füllet mit heiterer Ruhe die beklommene Brust,
Daß stets ich das Gute nur wünsche und wähle,
Daß jeglichen Guten ich liebe mit gleicher inniger Lust.
* * * * *
18. 10. Die Weihe des Erzbischofs ist vorüber; ich bin ganz müde von
lauter Schauen und Hören. Gestern nachmittag sah ich den Großherzog,
die Markgrafen und den Fürsten von Fürstenberg durch die große Straße
fahren. Das Bild war unendlich lebendig, ein Hin- und Herwogen von
Tausenden von Menschen zu Fuß, zu Wagen, zu Pferd. Die Landleute in
ihren bunten Trachten, die Städter im Wichs, kuriose Erscheinungen
von Gott weiß woher. Abends war große Beleuchtung, ein herrliches
Schauspiel, wie ich nie etwas dergleichen gesehen. Alle öffentlichen
Plätze und Gebäude glänzten in ihrem Brillantfeuer mit den schön
gewählten Inschriften. Am besten gefiel mir die Darstellung des
Münsters am Herderschen Hause mit seiner sinnreichen Inschrift:
»Konrad, der Ahne, rief des Domes Bau, den herrlichsten, ins Leben.«
Und links: »Ludwig, der Enkel, hat vollendend ihm den schönsten Schmuck
gegeben.«
Schön und ideenreich war der über dem Fischbrunnen angebrachte
haushohe Tempel, in dem die feuerumfluteten vier Ahnen prangten:
Konrad, Berthold, Karl und Ludwig. Prachtvoll war das Rathaus, die
alte Universität, das Erzbischöfliche Palais, die Darstellung des
schwebenden Genius auf Minister Andlaws Balkon, bei Domherrn Hug ein
in lichten Wolken schwebender Genius, in der Hand die Petrusschlüssel
und Bischofsmütze. Wie ein Traum erhob sich auf dem Schloßberg ein
Opferaltar, der gleichsam hoch über dem Karlsplatz in der Luft zu
hängen schien, da der Berg im Dunkel lag. Hermann hatte seine besondere
Freude an dem Spruch in der Wolfshöhle: »Wohn' ich gleich in einem
Loch, So illuminier' ich doch --«
Am folgenden Morgen fand die Einweihung statt. Sie dauerte von acht
bis halb zwölf. Ich war die ganze Zeit über mit Mutter auf dem
Münsterplatz bei Herrn von Mohr, während Vater mit Therese und unsern
Pflegebefohlenen sich unter der Menschenmenge befand.
Wir frühstückten eben zum zweitenmal, als der feierliche Zug unter dem
gewaltigen Geläute der Münsterglocken den Dom verließ, voran mit Kreuz
und Fahnen die Schuljugend, deren vielstimmiger Gesang sich in dem
feierlichen Glockengeläute verlor. Die ganze Geistlichkeit folgte, die
Domherrn in ihrem violetten Ornate, der Erzbischof von Köln, in Gold
strotzend, an seiner Seite zwei Weihbischöfe, nicht minder prachtvoll
gekleidet. Ihnen folgte die hohe, majestätische, Ehrfurcht gebietende
Gestalt des neu erwählten Erzbischofes. Seine Kleidung war anscheinend
minder reich als die seiner Vorgänger; wenn diese von lauterem Gold,
bestand jene, Mütze, Gewand und Schuhe, von weißem, reich mit Gold und
Edelsteinen verziertem Stoffe. In seiner Linken hielt er den goldenen
Stab, und mit der Rechten segnete er das in Bewunderung und Rührung
hingesunkene Volk.
In geringer Entfernung folgten die Herren des Hofgerichts, die
Professoren, der Magistrat. Den Fürstlichen voran ritten zwei rote
Husaren, die Wämser reich mit Gold und Pelz verbrämt. Es waren die
Heiducken der ihrer Schönheit wegen viel bewunderten Markgrafen. Aber
das Volk hielt die reich gekleideten Heiducken für die Markgrafen und
jubelte jenen zu.
Wir sahen auch die vier langen Tafeln im Rathaus, wo die Erzbischöfe
und Bischöfe, der Landesfürst und die Markgrafen von der Stadt
regaliert wurden.
Hermann meinte beim Anblick all der Herrlichkeiten und dem Dutzend
von Gläsern an jedes Gastes Platz: »Herrgott, Nannele, ich werd'
Erzbischof. --«
Des Abends um acht Uhr war großer Ball im Kasino. Ich setzte mich des
Nachmittags an meine Zeichnung, eine Kopie des hl. Johannes, als Mutter
eintrat und mich schmälte, daß ich Therese nicht half, die so viel noch
an ihrem Ballstaat zu tun habe. Und ob ich mein Versprechen vergessen,
diesmal mit auf den Ball zu kommen, und was ich eigentlich vorhabe,
anzuziehen.
Ich ließ Mutters Frage unbeantwortet, in der stillen Hoffnung, letzten
Augenblicks in Ermangelung eines passenden Kleides zu Hause bleiben
zu dürfen. Denn wenn mich meine Freundinnen auch oft bereden, auf das
Kasino zu gehen, um mit ihnen in einem so glänzenden Raum zusammen zu
sein, so hat das doch eigentlich keinen rechten Sinn, da ich des Unmuts
nicht immer Herr werde: Warum muß ich bei den Müttern sitzen, jung wie
ich bin, und kann nicht tanzen wie die andern? Daß gerade das lebhafte
Bewegen in geschlossenem Raum mein Leiden sofort hervorruft, ist ein
eigenes Geschick. Da ich mich darüber nur bei mir selbst beklage, so
ahnen die Meinen freilich nicht, wie schwer es mir wird, einen Ball zu
besuchen.
Ich hatte Therese frisiert, so wie sie's eigentlich nicht gern mag
und es ihr doch so ausgezeichnet steht. In die buschigen Neige-Locken
steckte ich zwei herrliche weiße Rosen. Therese kann es in der Kunst
des Blumenmachens mit der ersten Modistin aufnehmen. Auch die von ihr
verfertigten Ballschuhe sowie die Stickereien an ihrem weißen Kleid
sind Meisterwerke ihrer Hand. Ich wollte schon, als Mutter hereintrat,
mich empören, daß sie nicht ihr Blauseidenes, das ihr so gut steht,
anhatte, sondern das schon etwas verbrauchte Schwarzseidene, als
sie mich lachend in ihr Schlafzimmer zog, wo das blaue Seidenkleid
ausgebreitet auf dem Bett lag, Mutters schönster Spitzenkragen daneben.
Sofort erriet ich, wie es gemeint war, und flog Mutter unter Tränen um
den Hals.
»Bisch ein Närrle«, sagte sie.
Und so stieg ich, sehr solide geputzt, mit den Eltern und Therese
in eine Chaise, die Hermann hatte holen müssen, denn es regnete in
Strömen. Auf dem Bock saß zum Unglück ein kreuzdummer Fuhrmann, der
nicht einmal das Münster, geschweige das Museum finden konnte. Und
so gelangten wir endlich nach einer halbstündigen Spazierfahrt durch
alle möglichen Gassen zum Museum, ich ganz der Komik der Situation
hingegeben, Therese voll Angst, keine Tänzer mehr zu bekommen. Alles
im Museum war schon versammelt und erwartete den Großherzog und
die Markgrafen. Da man nun das Anfahren hörte, glaubte man, es sei
der Großherzog, und wir wurden von zwanzig Bedienten mit silbernen
Leuchtern, den Vorstehern des Museums und einer Masse von Offizieren
auf das ehrenvollste empfangen. Nachdem wir diese angeschmiert hatten,
begaben wir uns hinauf in den Tanzsaal und schmierten noch den ganzen
Adel an, der im Vorzimmer Spalier stand.
Der Ball war wundervoll. Dieses glänzende Getreibe, diese herrlichen
Männer- und Frauengestalten an mir vorüberschweben zu sehen, wurde mir
zu einem so großen Genuß, daß ich mich darüber ganz und gar selbst
vergaß. Für mich war Therese eine der vornehmsten Tänzerinnen, und
ich dachte im stillen: wie seid ihr Menschen doch so dumm, rotes Haar
häßlich zu finden. Ich fand es direkt schön, wenn Theresens leuchtendes
Haupt unter all den blonden und hell- und dunkelbraunen Haaren
auftauchte. Ihr Gesicht ist blaß und schmal, ihre Augen sind dunkel.
Aber ach, wie konnten diese sonst so stillen Augen aufleuchten, wenn
Oberleutnant A. sie zum Tanze holte. Und er holte sie sehr oft. Ohne
Klage, ohne sich je auszusprechen, trägt Therese das schwere Leid des
Verzichtens mit sich allein. Denn wenn auch Vater imstande wäre, eine
Kaution zu stellen, ich glaube, die Heirat mit einem Offizier würde
nie seinen Beifall finden. Aber die Freude, eine der gefeiertsten
Tänzerinnen des Museums zu sein, tut ihr doch wohl. Sie lebt im Tanze,
sie schwebt, ihre Füße scheinen den Boden nicht zu berühren. Markgraf
Max holte sie zweimal, und ich fürchtete für Theresens Lunge, denn
statt einmal, wie mit den andern Damen, tanzte er mit ihr jedesmal
dreimal herum. Auch der Fürst von Fürstenberg tanzte mit Therese. Es
war den Eltern eine große Freude.
Ich war übrigens auf meinem isolierten Plätzchen durchaus nicht
verlassen. Nach jeder Tour erschienen meine Kamerädle, um mir mit
erhitztem Gesicht von den Annehmlichkeiten des Tanzes zu erzählen.
Lenchen natürlich erschien am häufigsten. Malchen Wänker, Malchen
Roth, Caton von Mohr, Fromherzle, Baurittele, Marie Ruof -- kurz, sie
brachten mich in so gute Stimmung, daß ich mir's gefallen ließ, daß die
rosigen schimmernden, schwebenden Gestalten, die dunkle in ihre Mitte
nehmend, mit ihr in einer Pause den Saal entlang spazierten.
Ich hatte mein Ballkärtchen und war auf fünf Schwätztouren engagiert,
von Monz, Hofrat Amann, Welcker, Professor Zell, Reichlin. Auch Herr
von Rotteck erfreute mich mit seinem Besuch, und Verleb, der mir Grüße
von Maria brachte, die ihr Vorhaben, zu kommen, ihres weniger guten
Befindens wegen hatte aufgeben müssen. Ich wollte, als ich das erfuhr,
gleich den Ball verlassen und Maria Gesellschaft leisten, aber Mutter
sagte: »Nannele, du bleibst jetzt bei uns.«
Amalie von Berg kam auch zu mir, gleich nach ihrem sehr späten
Erscheinen, und fragte nach Maria, die sie zu treffen gehofft.
Ich bewundere Amalie von Berg. Es ist etwas so prachtvoll Gelassenes
an ihr. Andre Mädchen springen sofort auf beim Beginn der Tanzmusik.
Sie blieb ruhig sitzen und ließ ihren Tänzer warten. Hochgebildet,
eine talentvolle Malerin, spricht sie, sobald sie meiner habhaft wird,
sofort von ihrer Kunst, wohl empfindend, wie lebhaft mein Verständnis
dafür ist. So ist unsre Unterhaltung immer nur auf diesen einen Punkt
gerichtet und sehr ernst. Meine Heiterkeitsmöglichkeit, ich möchte
sagen das Beste in mir, wird nicht geweckt, so daß es mir geht wie
einem Kind, das traurig ist, weil sein Püpple keine Anerkennung
findet. Bei Maria ist das ganz anders. Ich weiß nicht, wie sie's
macht, aber sie versteht es, Heiterkeit bis zum Übermut in mir zu
erwecken. Jedenfalls sind diese beiden Frauen die Sonntagsfreude meines
Herzens, und obwohl sie nicht viel älter sind als ich, macht sie ihre
Gewandtheit und Erfahrenheit in weltlichen Dingen meiner Einfältigkeit
gewaltig überlegen. Amalie von Bergs Selbständigkeit kommt wohl auch
daher, daß sie Waise ist, also früh auf ihr eigenes Urteil angewiesen
war. Sie lebt hier bei ihrem Bruder, dem Hofgerichtsadvokaten Berg --
ach, einem Kollegen unseres Xaver. --
Wie schön ist das Los dieser beiden Frauen, die sich so ganz der Kunst,
die sie lieben, hingeben dürfen. Ob sie's auch recht beherzigen?
Ich weiß eigentlich nicht, was ich für ein Temperament habe, aber ich
glaube ein sanguinisches, ob es auch leicht von außen gestimmt, ja,
verstimmt wird. Man darf mich nur wie ein Instrument an einen kalten
Ort bringen. Doch bin ich meist froh und betrachte alles von der
lachenden Seite und in besonderen Augenblicken sogar von einer geradezu
glückseligen. Ich weiß nicht, woher diese Augenblicke kommen, und
warum sie kommen. Es ist plötzlich, als erwarte mich bei der nächsten
Biegung um die Ecke irgendein großes, unbeschreibliches Glück. Oder
wenn ich zur Abendstunde ins Münster trete und so leise als möglich
durch die dämmrige Säulenhalle schreite und die Stille so groß ist
und nur ein paar alte Mütterle da und dort beten -- da kommt es auch,
daß mir das Herz erzittert, als müsse mir plötzlich eine große, mich
unbeschreiblich glücklich machende Gewißheit werden. Und doch weiß
ich nicht, was es ist, und die dunklen, tief im Schatten liegenden
Ecken bleiben dunkel, und das in Licht getauchte Wunderbare tritt
nicht hervor. Ob's allen Menschen so ist? Und doch mag ich nicht davon
sprechen, aus Angst, es könnte Unsinn sein.
Schon habe ich meine drei liebsten Kamerädle dazu verführt, an schönen
Tagen morgens um sechs mit mir in die Berge zu wandern. Am schönsten
aber ist's mit Lenchen allein. Es ist ein Genuß, wieviel Sinn sie hat
für die Natur. Jedes Landhäuschen, jede Naturgruppe, jedes niedliche
Gräschen im Moose begrüßt sie mit ihrem hellen Stimmchen. Sie hat ihre
Arbeit im Ridikül, ich mein Skizzenbuch. Es fällt uns aber durchaus
nicht ein, den gewöhnlichen nächsten Weg auf den Schloßberg zu gehen,
der wäre uns schon zu gemein: sondern viel weiter hinten, gegen den
Johannisberg, wo er viel höher und die Aussicht noch weiter und
mannigfaltiger ist und man sich mühvoll durchs Gestrüpp hinaufarbeiten
muß, erklimmen wir alle Gipfel, atmen alle Wohlgerüche ein und jubeln,
was wir können, allein, weil die Freiburger vor den Kopf geschlagen
sind und nichts von Morgenspaziergängen wissen wollen, überhaupt nichts
von täglichen Spaziergängen, sondern nur von zeitweiligen Ausflügen mit
Einkehren. Und darum heißt's bei den Frau Basen: 's Villinger Nannele
macht alleweil alles anders als d'andere Leut' -- kei Mensch kann
d'Kreisrätin begreife, daß sie im Nannele au so wenig wehre tut. --
Gottlob, unsre Mutter wird oft nicht begriffen, und zwar zu unserm
Glück und ihrem Ruhm.
Auch Caton und Petersen habe ich aufgestiftet, ihrer bescheidenen
nordischen Natur die Ehre anzutun, sie zu durchwandern. Die neue
Ansiedlung unsrer Lieben, das hannoveranische Städtchen Celle, liegt
dicht an der Heide. Die liebende, nirgends reizlose Natur schmückt
gewiß auch diese, so daß man sich auch fern von allen Bergen höher und
freier fühlen kann.
Unendlich interessiert mich die Beschreibung Catons von dem nicht weit
von Celle liegenden Schloß Ahlden, und tief ergreift mich das Schicksal
der armen Prinzessin von Ahlden, der unglücklichen Sophia Dorothea,
der Gemahlin des grausamen, kaltherzigen Kurfürsten von Hannover.
Wenn ich auch eine so große Leidenschaft nicht recht begreife; denn
wenn die Prinzessin ihren Mann auch nicht liebte, hatte sie nicht
Kinder? Trotzdem geht mir ihr Schicksal so nahe, daß ich nicht ohne
Tränen an sie denken kann. Ob es wohl in Celle noch Menschen gibt,
die von Hörensagen noch manches von der armen Gefangenen zu erzählen
wüßten? Oh, ich hätte keine Ruhe, ich müßte es erforschen. Wenn es
uns Menschen doch gegeben wäre, uns leicht von einem Ort zum andern zu
bewegen.
Weißt du noch, Caton, wie wir noch klein und dumm waren, so hätten wir,
du und ich, aber jedes für sich, so gern etwas erfunden, aber wie wir
auch sannen und uns anstrengten, es war schon alles da, denn etwas noch
nicht Existierendes kam uns nicht in den Sinn. Aber, oh Himmel, in der
Nacht, im Traum kam mir's -- das Herrlichste von allem, was bisher der
Menschengeist je erfunden hatte -- ich bin zu dir ins Bett geschlüpft
und hab' dir's ins Ohr gesagt: Menschenflügel --
»Aber wer soll sie denn machen?« hast du noch halb im Schlaf gesagt.
»Ich kann's nicht.«
Ich auch nicht, aber wie dauert mich oft der arme zottlige Körper,
wenn er daheim bleiben muß, während der freie Geist auf seinen
Riesenschwingen unendliche Fernen kühn durchfliegt, ja, vorwitzig sich
gar bis vor die Himmelstore wagt. Aber allzulange würde ich mich dort
keineswegs aufhalten, indem mir ja die liebe Erde noch gar so viel des
Sehenswerten bietet.
* * * * *
14. 5. Am liebsten gehen wir des Nachmittags auf unser eingebildetes
Landgütchen, wie wir den sogenannten Stahl tauften. Eigentlich ist's
ein Stall und davor eine große, uralte Laube, in der wir residieren.
Wir bringen Löffel, Gläser und Weckle mit, die Bäuerin versorgt uns mit
frischgemolkener Milch. Wir Frauenswesen nehmen unsre Handarbeiten vor,
und der Vater liest uns herrliche Aufsätze von Rotteck und Welcker aus
der »Freisinnigen«. Wir erfahren, wie man in der Residenz in der Kammer
den Reden dieser Männer lauscht, und sind stolz auf sie und freuen uns
ihrer.
Oft auch stehle ich mich weg und ersteige den hinter dem Stahl
liegenden Berg, in dessen Gewirr von Brombeerstauden und Farnkraut ich
einen Pfad gefunden, der zur Karthause führt. Die frommen Brüder haben
doch recht verstanden, immer das schönste Erdenplätzle für ihre Klöster
ausfindig zu machen. Sie waren eben zu jener Zeit offenbar gescheiter
als die andern Leut'.
Jetzt ist die Karthaus ein herrschaftlicher Besitz. Hinter dem zur
Bergeshöhe führenden Garten hat man einen herrlichen Ausblick ins Tal,
über Ebnet weg mit dem Gaylingschen Schlößle, hinüber nach Littenweiler
und von da ins blaue Gebirg', das sich prächtig aufbaut hinan zum
Himmel. Von dem Höchsten des Landes, dem kaum zu besteigenden
Feldberg, sieht man nur mehr die Spitze. Ach, ihm gilt meine Sehnsucht,
das heißt, sie gilt dem verklärten Bruder, der als Student mit jungen
Freunden sich erkühnte, den unwegbaren Berg zu ersteigen. Ein paar Tage
waren sie unterwegs, die Eltern schon in Angst um unsres Xaver Leben,
da plötzlich erschien er mit rotverbranntem Gesicht, laut und froh
trat er ein, begeistert von seinem Erlebnis, das er uns mit der ganzen
Lebendigkeit seines Wesens schilderte. Stunden hatten sie gebraucht,
vom frühen Tag bis zum Sonnenuntergang, bis sie durch tiefe Waldungen
führende Holzwege Schritt für Schritt vorwärts kamen. Oft hörten diese
Wege auf, und sie mußten sich durch dichtes Gestrüpp arbeiten, steilen
Abhängen entlang, aus denen wilde Wasser rauschten. Zuweilen standen
die hohen schwarzen Tannen so dicht, daß sie wie in Nacht gingen. In
den Lichtungen tauchte Wild auf, ganze Familien, und über den Wäldern
kreisten Raubvögel. Endlich schien der Weg ebener zu werden. Sie
schrien vor Freude laut auf, als sie den Rauch eines Kohlenmeilers
gewahrten. Erhitzt und todmüde kamen sie vor einer Holzhütte an. Auf
ihr Rufen erschien ein Mann mit geschwärztem Gesicht. Er konnte sich
nicht genug wundern, daß Städter, die's doch nicht nötig hatten, auf
den »wüschte Berg« klettern mochten. Mordsfrisch sei's gewesen.
Die jungen Leute machten sich ein Feuer und holten ihren Proviant
hervor. Der Kohlenbrenner brachte ein schwarzes Stück Speck herbei.
Mit Wein und Brot waren die Studenten genugsam versorgt. Der Mann,
der, wie er sagte, lang keinen so guten Tag gehabt, wies ihnen den
Weg zur nächsten Viehhütte. Dort erhielten sie ein Nachtlager im Heu,
schliefen prächtig, tranken in der Frühe frische Milch und setzten
ihren Weg fort, von einem Kohlenmeiler zum anderen, von Viehhütte
zu Viehhütte, überall nach ihrem Ziel, der Spitze des Feldberges,
fragend. Die dichten Tannenwälder machten allmählich weiten Flächen
Platz, mit hochstengligem Lattich, dessen gelbe und lila Blüten weithin
leuchteten. Dann wurde der Boden karg. Herden weideten mit Glocken um
den Hals. Die Hirten, ungewaschene, borstige Gesellen, sahen wie die
Räuber aus. Auf die Frage nach der Spitze des Berges deuteten sie zum
rötlichen Abendhimmel. Erst ging's noch durch eine Mulde -- es kam eine
zweite, dritte -- dann aber -- ein Rausch des Entzückens erfaßte die
jungen Leute, als sie auf der Spitze des Berges ankamen. Die weißen
Zacken, die sich längs des Firmaments hinzogen, hielten sie zuerst für
Wolkengebilde. Plötzlich aber erkannten sie an der Unveränderlichkeit
und dem harten Glanze dieser Gebilde, daß sie es nicht mit Wolken zu
tun hatten, sondern es war die Alpenkette der jenseitigen Schweiz, die
sich in wunderbarer Klarheit vor ihnen enthüllte.
Da brachen sie, überwältigt von dem Anblick einer so herrlichen, nie
geahnten Natur, in Tränen aus, knieten nieder und huben an zu singen.
Hätten wohl auch so bis in die Nacht hinein gesungen, aber es kam ein
Hirte, der ihnen sagte: »Mache, daß ihr heimkumme, ihr Herre, wenn d'
Alpe am Himmel stohn, isch der Rege nit wit.« --