Am Geburtstage meines Vaters

(während eines heftigen Gewitters geschrieben).

Glühend in des Mittags Schwüle

Schickt die Sonne ihr Geschoß,

Keuchend zieht das matte Roß,

Sucht der Bäume Schattenkühle.

Aller Lebensgluth beraubt,

Steht der Hain mit schlaffen Zweigen,

Und des Thales Blumen neigen

Traurig, farbenlos, ihr Haupt.

Einer Jungfrau gleich, die heimgegangen,

Schon im Sarge, noch geschmückt,

Wo der Tod von ihren Wangen

Noch die Rose nicht gepflückt;

Einem holden Frühling gleich

Mit unendlicher Blumenfülle;

Ohne das ewige Schaffen und Streben,

Ohne das blühende, liebende Leben,

Eine abgestorbene Hülle

Liegt der Erde weites Reich.

Sieh, da kommt's in schwarzem Bogen

Dort im Westen hergezogen,

Wie das Schicksal, langsam, schwer,

Wälzt es sich am Himmel her.

Und des Aethers Azurschein

Hüllt in Nacht sich ein,

Und der Ewige naht

Auf dem Gewölke den Fuß,

Und die Sonnen und Welten auf seinem Pfad

Bringen den Jubelgruß. --

Da siehe, ganz helle,

Ein zuckender Strahl

Mit Gedankenschnelle

Erleuchtet das Thal.

Ein Funken seiner Glorie kündet

Des Herren Angesicht,

Der Herr sprach: zurück, die Hütte nicht!

Und der Funken hat nicht gezündet,

Und der Mensch danket und betet an,

Wie er sieht den Ew'gen nah'n.

Horch, da murmelt's am fernen Himmel,

Gleich einem rieselnden Felsenbach,

Und murmelt näher und näher ohn' Ende,

Und rollt jetzt lauter am Firmamente,

Und bebt in des Berges Schluchten nach,

Und donnert und kracht,

Und heult in die Nacht,

Als wären die Welten im Kampfgetümmel,

Als wollt' im angstvollen Beben

Die Erd' aus den Angeln sich heben,

Und ein _Schlag_, daß die Himmel zittern,

Hemmet des Donners furchtbaren Lauf,

Und des Eichbaums Aeste splittern:

Dampfend zu dem Himmel auf

Wallt des Haines Opfergluth

Ihm, der uns mit treuer Hut.

Schützt in Ungewittern.

Siehe, nun kommt der unendliche Segen,

Und es ergießt sich der rauschende Regen,

Ziehet dahin über Felder und Auen,

Sie mit erquickendem Leben zu thauen.

Freudig erhebet die Blume das Haupt,

Frisch hat der lachende Baum sich belaubt.

Holde Nachtigallen

Singen in dem Hain,

Hörnerklänge schallen,

Flöten und Schalmei'n,

Und es grünet die Weide,

Und die Heerden zieh'n

Mit harmonischem Geläute

An dem Anger hin.

Der Landmann sieht die Felder blüh'n

Und seiner Wiesen neu belebtes Grün,

Und sieht auf seinen Fluren

Des Vaters Segensspuren.

Zum Himmel hebt er die Hände gern

Und dankt dem Herrn.

Und ein Jüngling schmiegt sich an seinen Arm,

Drückt an die Brust ihn lieb und warm,

Blickt empor zu des Himmels Blau,

Sehnsucht im Auge und Thränenthau,

Will einen Kranz dem Vater winden,

Kann für das Herz nicht Worte finden,

Er schaut in den Frühling und findet sie,

Und beugt in kindlicher Andacht das Knie:

Du in ew'gen Fernen,

Vater über'n Sternen,

Höre mein Gebet!

Geber aller Freuden,

Du nur kannst es deuten,

Was die Seele fleht.

Herr, wie auf Dein Zeichen

Die Gewitter weichen,

Und die Wolken fliehen:

Also winke liebend,

Wenn Gewitter trübend

Seine Stirn' umzieh'n.

Schaffen, Wirken, Streben

Sei das frohe Leben,

Das Du ihm verlieh'n,

Und durch Frühlingstage

Ohne Schmerz und Klage

Leite, Vater, ihn.

Deine Huld und Güte,

Ewiger, verhüte,

Kummer, Gram und Leid;

Kräfte gib dem Sohne

Zu dem großen Lohne,

Bis die Dankbarkeit

Einst in späten Zeiten

Unter Trauerweiden

Feuchten Auges steht,

Bis die Nebel sinken

Und die Fluren winken,

Wo die Palme weht!

Am Anfange der Osterferien.

1826.

Auf, auf, mein Herz, der Frühling ist da,

Laß schweigen das nächtliche Sehnen,

Hast wacker gekämpft, die Stunde sie naht,

Wo Kronen der Liebe dich krönen!

Auf, auf, mein Herz, die Lerche schwirrt,

Es senket der Lenz seine Flügel,

Auf, auf, nach der Heimath durch Wald und Flur,

Hinaus über grünende Hügel!

Warum so still, wenn die Freude Dir lacht?

Hast Du nicht dem Himmel vertraut?

Und hat der beglückende Frieden in Dir

Nicht gold'ne Palläste gebaut?

Hast Du nicht errungen das Wonnegefühl,

Gekämpft und gesieget zu haben?

Hast du in den niederen Gängen der Lust

Die Hoffnung der Eltern begraben?

Warum so still, wenn der Frühling Dir lacht?

Wenn himmlische Freuden Dir winken?

Bald sollst Du an liebender Vaterbrust

Die Wonne des Wiederseh'ns trinken!

»Wohl bin ich so still, ob die Freude mir lacht,

»Wohl hab' ich dem Himmel vertraut;

»Wohl hat der beglückende Frieden in mir

»Die gold'nen Dächer gebaut;«

»Wohl schwirret die Lerche, es lächelt so klar

»Der Aether in freundlicher Bläue,

»Wohl nahen die Freuden, die himmlischen all',

»Mit Kränzen der Liebe und Treue:«

»Doch ach, mein Harren und Sehnen ist hin,

»Das innig und heiß mich durchglühte,

»Ich kann nicht mehr wünschen, mein Hoffen ist hin,

»Gepflückt ist die köstlichste Blüthe.«

»_Ach! süßer entfloh'n, und ich wußte es nicht,_

»_Im Harren und Sehnen die Stunden,_

»_Die Frucht ist gereift, die Blüthe verwelkt,_

»_Die Krone der Freude empfunden!_«

Am 8. December.

Sieh, wie buntes Schneegewimmel

Spielet durch den öden Himmel,

Und es heult der Stürme Wuth.

Ob auch mit erstorb'nen Lilienwangen

Die Natur im Schlummer ruht,

Ist mir doch ein Frühling aufgegangen,

Und (ich fühl' es an dem Wogen

Dieser übersel'gen Brust)

In mein frohes Herz gezogen,

Reich an Blüthen, reich an Luft.

War nicht heute, freudig tönt's die Laute,

Beben's meine Saiten nach,

War nicht heute jener frohe Tag,

Wo Dein Blick dies schöne Leben schaute?

Ach, Geliebte, war's nicht heute?

Wo ich, noch ein Knab', an Deiner Wiege saß,

Und mein Lieblingsspiel vergaß,

Und der Schwester königlich mich freute,

Selig dir ins Auge blickte,

Ja, und dreimal glücklich war,

Wenn ich auf Dein kleines Lippenpaar

Dir den Kuß der Bruderliebe drückte?

Vierzehn Lenze sind geschwunden,

Doch des Knaben Liebe nicht.

Was ich damals schon empfunden,

Fühl' ich noch in schönen Stunden,

Wenn Dein sanftes Angesicht

Treue Schwesterliebe spricht.

Hätt' ich Hölty's Lautenklang,

Ließe meine Saiten rauschen,

Daß die Engel mir im Himmel lauschen,

Säng' ich meinen schönsten Hochgesang:

Nimmer würd' es mir gelingen,

Meine Liebe Dir zu singen.

Wandle froh und glücklich durch Dein Leben,

Trau dem frommen, kindlich reinen Sinn,

Von den Engeln, welche Dich umschweben,

Sei die Sanftmuth Deine Führerin.

Unschuld, an der Liebe Hand,

Leite Dich zum bessern Land.

Ach, noch keinem Menschen war's verliehen

Immer glücklich, immer froh zu sein!

Und soll über Dir auch eine Wolke ziehen,

Wohl, so sei's im rosenfarbnen Schein,

Und sie senk' in Freudenthränen sich

In Dein stilles Leben nieder.

Dann umlächle freundlich wieder

Dein entwölkter Himmel Dich!

Ernst Koch's Gedichte Aus dessen Nachlasse gesammelt und herausgegeben von einem Freunde des Verstorbenen · 第 4 / 32 题