Die Vorigen, Siegmund. Simon. Damis. Der Magister.
Cleon. Endlich erlebe ich die Freude, die ich mir lange gewünscht
habe. Ich will Sie, meine Herren, mit keiner weitläuftigen Rede
aufhalten. Die Absicht unserer Zusammenkunft ist Ihnen allerseits
bekannt. Kurz, meine lieben Töchter, ich erteile euch meinen
väterlichen Segen und meine Einwilligung. (Er sieht Lottchen weinen.)
Weine nicht, Lottchen, du machst mich sonst auch weichmütig.
Lottchen. Meine Tränen sind Tränen der Liebe. Ich habe also Ihre
Einwilligung zu meiner Wahl? Ich danke Ihnen recht kindlich dafür.
Simon (zu Lottchen). Aber, meine liebe Mamsell, Sie wollen... Wie?
Damis. Ach, liebste Jungfer Schwester, ich bitte Sie...
Lottchen. Was bitten Sie? Wollen Sie Julchen von meinen Händen
empfangen? (Sie führt sie zu ihm.) Hier ist sie. Ich stifte die
glücklichste Liebe. Und Sie, Herr Siegmund...
Siegmund. Ich nehme Ihr Herz mit der vollkommensten Erkenntlichkeit
an und biete Ihnen diese Hand...
Lottchen. Unwürdiger! Mein Vermögen kann ich Ihnen schenken; aber
nicht mein Herz. Bitten Sie meinem Vater und der übrigen Gesellschaft,
die Sie in mir beleidiget haben, Ihre begangene Niederträchtigkeit ab.
Ich habe sie Ihnen schon vergeben, ohne mich zu bekümmern, ob Sie
diese Vergebung verdienen. (Zum Vormunde.) Und Ihnen, mein Herr,
küsse ich die Hand für Ihre Aufrichtigkeit. Wenn ich jemals mich
wieder zur Liebe entschließe: so haben Sie das erste Recht auf mein
Herz. (Zu Siegmunden.) Sie aber werden so billig sein und, ohne sich
zu verantworten, uns verlassen.
Siegmund. Recht gern. (Indem er geht.) Verflucht ist die Liebe!
Damis. Nicht die Liebe, nur die Untreue. Dies ist ihr Lohn.
Lottchen (sie ruft ihm noch nach). Sie werden morgen durch meine
Veranstaltung so viel Geld erhalten, daß Sie künftig weniger Ursache
haben, ein redliches Herz zu hintergehn.
Cleon. Lottchen, was machst du? Ich bin alles zufrieden. Du hast ja
mehr Einsicht als ich.
Julchen. O liebe Schwester, wie groß ist dein Herz! Gott weiß es,
daß ich keine Schuld an seinem Verbrechen habe. O wenn ich dich doch
so glücklich sähe als mich!
Der Magister. Ich bin ruhig, daß ich das Laster durch mich entdeckt
und durch sich selbst bestraft sehe. So geht es. Wenn man nicht
strenge gegen sich selbst ist: so rächen sich unsere Ausschweifungen
für die Nachsicht, die wir mit unsern Fehlern haben.
Simon (zu Lottchen). Ich, meine Freundin, würde das Recht, das Sie
mir künftig auf Ihr Herz erteilet haben, heute noch behaupten, wenn
ich Ihnen nicht schon das Wort gegeben hätte, an dieses Glück niemals
zu denken. Ich bin belohnt genug, daß Sie mich Ihrer nicht für
unwürdig halten und daß der Untreue bestraft ist.
Lottchen. O Himmel! laß es dem Betrüger nicht übelgehen. Wie
redlich habe ich ihn geliebt, und wie unglücklich bin ich durch die
Liebe geworden! Doch nicht die Liebe, die Torheit des Liebhabers hat
mich unglücklich gemacht. Bedauern Sie mich.
(Ende des dritten und letzten Aufzugs.)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die zärtlichen Schwestern, von
Christian Fürchtegott Gellert.