Die Vorigen. Der Magister.
Der Magister. Herr Simon, ich möchte Ihnen gern ein paar Worte
vertrauen. Wenn ich nicht sehr irre: so habe ich heute eine wichtige
Entdeckung gemacht, was die Reizungen der Reichtümer für Gewalt über
das menschliche Herz haben.
Simon. Ich fürchte, daß mir diese unglückliche Entdeckung schon mehr
als zu bekannt ist.
Der Magister. Ich habe der Sache alleweile auf meiner Studierstube
nachgedacht.
Julchen. Können Sie uns denn sagen, wie ihr zu helfen ist? Tun Sie
es doch, lieber Herr Magister.
Der Magister. Siegmund muß bestraft werden, damit er gebessert werde.
Simon. Er verdient nicht, daß man ihn anders bestrafe als durch
Verachtung.
Der Magister. Aber wie sollen seine Willenstriebe gebessert werden?
Simon. Ist denn die Verachtung kein Mittel, ein Herz zu bessern?
Der Magister. Das will ich itzt nicht ausmachen. Aber sagen Sie mir,
Herr Simon, ob die Stoiker nicht recht haben, wenn sie behaupten, daß
nur ein Laster ist; oder daß, wo ein Laster ist, die andern alle ihrer
Kraft nach zugegen sind? Sehn Sie nur Siegmunden an. Ist er nicht
recht das Exempel zu diesem Paradoxo?
Simon. Ja, Herr Magister. Aber wie werden wir Jungfer Lottchen von
der Liebe zu Siegmunden abbringen? Sie glaubt es ja nicht, daß er
untreu ist.
Der Magister. Das wird sich schon geben. O wie erstaunt man nicht
über die genaue Verwandtschaft, welche ein Laster mit dem andern hat
und welche alle mit einem haben! Siegmund wird bei der Gelegenheit
des Testaments geizig. Ein Laster. Er strebt nach Julchen, damit er
ihre Reichtümer bekomme. Welcher schändliche Eigennutz! Er wird
Lottchen untreu und will Julchen untreu machen. Wieder zwei neue
Verbrechen. Er kann sein erstes Laster nicht ausführen, wenn er nicht
ein Betrüger und Verräter wird. Also hintergeht er seinen Freund,
seinen Schwiegervater, Sie, mich und alle, nachdem er einmal die
Tugend hintergangen hat. Aber alle diese Bosheiten auszuführen, mußte
er ein Lügner und ein Verleumder werden. Und er ward es. Welche
unselige Vertraulichkeit herrscht nicht unter den Lastern? Sollten
also die Stoiker nicht recht haben?
Simon. Wer zweifelt daran? Herr Magister. Ich glaube es, daß Sie
die Sache genauer einsehen als ich und Jungfer Julchen. Sie reden
sehr wahr, sehr gelehrt. Sie haben seine Untreue zuerst mit entdeckt,
und wir danken Ihnen zeitlebens dafür. Aber entdecken Sie nun auch
das Mittel, Lottchen so weit zu bringen, daß sie sich nicht mit dem
untreuen Siegmund verbindet.
Der Magister. Darauf will ich denken. Lottchen ist zu leichtgläubig
gewesen. Aber sie kann bei dieser Gelegenheit lernen, wieviel man
Ursache hat, ein Mißtrauen in das menschliche Herz zu setzen, wenn Man
es genau kennt und die Erzeugung der Begierden recht ausstudiert hat.
Wir haben so viele Vernunftlehren. Eine Willenslehre ist ebenso nötig.
Ist denn der Wille kein so wesentlicher Teil der Seele als der
Verstand? So wie der Verstand Grundsätze hat, die sein Wesen
ausmachen: so hat der Wille gewisse Grundtriebe. Kennt man diese, so
kennt man sein Wesen; und so kennt man auch die Mittel, ihn zu
verbessern. Jungfer Muhme, reden Sie aufrichtig, habe ich's Ihnen
nicht hundertmal gesagt, daß Siegmund nichts Gründliches in der
Philosophie weiß? Dies sind die traurigen Früchte davon.
Julchen. Lieber Herr Magister, wenn Sie so viel bei der betrübten
Sache empfänden als ich, Sie würden diese Frage itzt nicht an mich tun.
Sie haben mich heute eine Fabel gelehrt. Und ich wollte wünschen,
daß Sie an die Fabel von dem Knaben gedächten, der in das Wasser
gefallen war. Anstatt daß Sie uns in der Gefahr beistehen sollen: so
zeigen Sie uns den Ursprung und die Größe derselben. Nehmen Sie meine
Freiheit nicht übel.
Der Magister. Ich kann Ihnen nichts übelnehmen. Zu einer Beleidigung
gehört die gehörige Einsicht in die Natur der Beleidigung. Und da
Ihnen diese mangelt: so sehen Ihre Reden zwar beleidigend aus; aber
sie sind es nicht.
Simon. Aber, was wollen Sie denn bei der Sache tun?
Der Magister. Ich will, ehe die Versprechung vor sich geht, Lottchen
und meinem Bruder kurz und gut sagen, daß ich meine Einwilligung nicht
darein gebe. Alldann muß die Sache ein ander Aussehn gewinnen.
Simon. Gut, das tun Sie.
Dreizehnter Aufzug
Julchen. Simon.
Julchen. Ich will dem Herrn Magister nachgehen. Er möchte sonst gar
zu große Händel anrichten. Entdecken Sie Lottchen, wenn sie kömmt,
die traurige Sache zuerst. Ich will sorgen, daß Sie Siegmund in Ihrer
Unterredung nicht stört und Ihnen, wenn ich glaube, daß es Zeit ist,
mit meinem Bräutigame zu Hülfe kommen.
Simon. Ich will als ein redlicher Mann handeln. Und wenn ich mir
auch den größten Zorn bei Ihrer Jungfer Schwester und die
niederträchtigste Rache von dem Herrn Siegmund zuziehen sollte: so
will ich doch lieber mich als eine gute Absicht vergessen.