Zwölfter Auftritt

Die Vorigen. Der Magister.

Der Magister. Herr Simon, ich möchte Ihnen gern ein paar Worte

vertrauen. Wenn ich nicht sehr irre: so habe ich heute eine wichtige

Entdeckung gemacht, was die Reizungen der Reichtümer für Gewalt über

das menschliche Herz haben.

Simon. Ich fürchte, daß mir diese unglückliche Entdeckung schon mehr

als zu bekannt ist.

Der Magister. Ich habe der Sache alleweile auf meiner Studierstube

nachgedacht.

Julchen. Können Sie uns denn sagen, wie ihr zu helfen ist? Tun Sie

es doch, lieber Herr Magister.

Der Magister. Siegmund muß bestraft werden, damit er gebessert werde.

Simon. Er verdient nicht, daß man ihn anders bestrafe als durch

Verachtung.

Der Magister. Aber wie sollen seine Willenstriebe gebessert werden?

Simon. Ist denn die Verachtung kein Mittel, ein Herz zu bessern?

Der Magister. Das will ich itzt nicht ausmachen. Aber sagen Sie mir,

Herr Simon, ob die Stoiker nicht recht haben, wenn sie behaupten, daß

nur ein Laster ist; oder daß, wo ein Laster ist, die andern alle ihrer

Kraft nach zugegen sind? Sehn Sie nur Siegmunden an. Ist er nicht

recht das Exempel zu diesem Paradoxo?

Simon. Ja, Herr Magister. Aber wie werden wir Jungfer Lottchen von

der Liebe zu Siegmunden abbringen? Sie glaubt es ja nicht, daß er

untreu ist.

Der Magister. Das wird sich schon geben. O wie erstaunt man nicht

über die genaue Verwandtschaft, welche ein Laster mit dem andern hat

und welche alle mit einem haben! Siegmund wird bei der Gelegenheit

des Testaments geizig. Ein Laster. Er strebt nach Julchen, damit er

ihre Reichtümer bekomme. Welcher schändliche Eigennutz! Er wird

Lottchen untreu und will Julchen untreu machen. Wieder zwei neue

Verbrechen. Er kann sein erstes Laster nicht ausführen, wenn er nicht

ein Betrüger und Verräter wird. Also hintergeht er seinen Freund,

seinen Schwiegervater, Sie, mich und alle, nachdem er einmal die

Tugend hintergangen hat. Aber alle diese Bosheiten auszuführen, mußte

er ein Lügner und ein Verleumder werden. Und er ward es. Welche

unselige Vertraulichkeit herrscht nicht unter den Lastern? Sollten

also die Stoiker nicht recht haben?

Simon. Wer zweifelt daran? Herr Magister. Ich glaube es, daß Sie

die Sache genauer einsehen als ich und Jungfer Julchen. Sie reden

sehr wahr, sehr gelehrt. Sie haben seine Untreue zuerst mit entdeckt,

und wir danken Ihnen zeitlebens dafür. Aber entdecken Sie nun auch

das Mittel, Lottchen so weit zu bringen, daß sie sich nicht mit dem

untreuen Siegmund verbindet.

Der Magister. Darauf will ich denken. Lottchen ist zu leichtgläubig

gewesen. Aber sie kann bei dieser Gelegenheit lernen, wieviel man

Ursache hat, ein Mißtrauen in das menschliche Herz zu setzen, wenn Man

es genau kennt und die Erzeugung der Begierden recht ausstudiert hat.

Wir haben so viele Vernunftlehren. Eine Willenslehre ist ebenso nötig.

Ist denn der Wille kein so wesentlicher Teil der Seele als der

Verstand? So wie der Verstand Grundsätze hat, die sein Wesen

ausmachen: so hat der Wille gewisse Grundtriebe. Kennt man diese, so

kennt man sein Wesen; und so kennt man auch die Mittel, ihn zu

verbessern. Jungfer Muhme, reden Sie aufrichtig, habe ich's Ihnen

nicht hundertmal gesagt, daß Siegmund nichts Gründliches in der

Philosophie weiß? Dies sind die traurigen Früchte davon.

Julchen. Lieber Herr Magister, wenn Sie so viel bei der betrübten

Sache empfänden als ich, Sie würden diese Frage itzt nicht an mich tun.

Sie haben mich heute eine Fabel gelehrt. Und ich wollte wünschen,

daß Sie an die Fabel von dem Knaben gedächten, der in das Wasser

gefallen war. Anstatt daß Sie uns in der Gefahr beistehen sollen: so

zeigen Sie uns den Ursprung und die Größe derselben. Nehmen Sie meine

Freiheit nicht übel.

Der Magister. Ich kann Ihnen nichts übelnehmen. Zu einer Beleidigung

gehört die gehörige Einsicht in die Natur der Beleidigung. Und da

Ihnen diese mangelt: so sehen Ihre Reden zwar beleidigend aus; aber

sie sind es nicht.

Simon. Aber, was wollen Sie denn bei der Sache tun?

Der Magister. Ich will, ehe die Versprechung vor sich geht, Lottchen

und meinem Bruder kurz und gut sagen, daß ich meine Einwilligung nicht

darein gebe. Alldann muß die Sache ein ander Aussehn gewinnen.

Simon. Gut, das tun Sie.

Dreizehnter Aufzug

Julchen. Simon.

Julchen. Ich will dem Herrn Magister nachgehen. Er möchte sonst gar

zu große Händel anrichten. Entdecken Sie Lottchen, wenn sie kömmt,

die traurige Sache zuerst. Ich will sorgen, daß Sie Siegmund in Ihrer

Unterredung nicht stört und Ihnen, wenn ich glaube, daß es Zeit ist,

mit meinem Bräutigame zu Hülfe kommen.

Simon. Ich will als ein redlicher Mann handeln. Und wenn ich mir

auch den größten Zorn bei Ihrer Jungfer Schwester und die

niederträchtigste Rache von dem Herrn Siegmund zuziehen sollte: so

will ich doch lieber mich als eine gute Absicht vergessen.

Die zärtlichen Schwestern · 第 54 / 61 题