Julchen. Damis.
Julchen. Ich bin meiner Schwester recht herzlich gut; aber ich würde
es noch mehr sein, wenn sie weniger auf die Liebe hielte. Es kann
sein, daß die Liebe viel Annehmlichkeiten hat; aber das traurige und
eingeschränkte Wesen, das man dabei annimmt, verderbt ihren Wert, und
wenn er noch so groß wäre. Ich habe ein lebendiges Beispiel an meiner
Schwester. Sie war sonst viel munterer, viel ungezwungener.
Damis. Ich habe Ihnen versprochen, nicht von der Liebe zu reden, und
ich halte mein Wort. Die Freundschaft scheint mir in der Tat besser.
Julchen. Ja. Die Freundschaft ist das frohe Vergnügen der Menschen
und die Liebe das traurige. Man will einander recht genießen, darum
liebt man; und man eilt doch nur, einander satt zu werden. Habe ich
nicht recht, Herr Damis?
Damis. Ich werde die Liebe in Ihrer Gesellschaft gar nicht mehr
erwähnen. Sie möchten mir sonst dabei einfallen. Und wie würde es
alsdann um mein Versprechen stehen?
Julchen. Sie könnten es vielleicht für einen Eigensinn, oder ich weiß
selbst nicht für was für ein Anzeichen halten, daß ich die Liebe so
fliehe. Aber nein. Ich sage es Ihnen, es gehört zu meiner Ruhe, ohne
Liebe zu sein. Lassen Sie mir doch diese Freiheit. Muß man denn
diese traurige Plage fühlen? Nein, meine Schwester irrt: es geht an,
sie nicht zu empfinden. Ich sehe es an mir. Aber warum schweigen Sie
so stille? Ich rede ja fast ganz allein. Sie sind verdrießlich? O
wie gut ist's, daß Sie nicht mehr mein Liebhaber sind! Sonst hätte
ich Ursache, Ihnen zu Gefallen auch verdrießlich zu werden.
Damis. O nein, ich bin gar nicht verdrießlich.
Julchen. Und wenn Sie es auch wären, und zwar deswegen, weil ich
nicht mehr von der Liebe reden will: so würde mir doch dieses gar
nicht nahegehen. Es ist mir nicht lieb, daß ich Sie so verdrießlich
sehe; aber als Ihre gute Freundin werde ich darüber gar nicht unruhig.
O nein! Ich bin ja auch nicht jede Stunde zufrieden. Sie können ja
etwas zu überlegen haben. Ich argwohne gar nichts. Ich mag es auch
nicht wissen... Doch, mein Herr, Sie stellen einen sehr stummen
Freund vor. Wenn bin ich Ihnen denn so gleichgültig geworden?
Damis. Nehmen Sie es nicht übel, meine schöne Freundin, daß ich
einige Augenblicke ganz fühllos geschienen habe. Ich habe, um Ihren
Befehl zu erfüllen, die letzten Bemühungen angewandt, die ängstlichen
Regungen der Liebe völlig zu ersticken und den Charakter eines
aufrichtigen Freundes anzunehmen. Die Vernunft hat nunmehr über mein
Herz gesiegt. Die Liebe war mir sonst angenehm, weil ich sie Ihrem
Werte zu danken hatte. Nunmehr scheint mir auch die Unempfindlichkeit
schön und reizend zu sein, weil sie durch die Ihrige in mir erwecket
worden ist. Verlassen Sie sich darauf, ich will mir alle Gewalt antun;
aber vergeben Sie mir nur, wenn ich zuweilen wider meinen Willen in
den vorigen Charakter verfalle. Ich liebe Sie nicht mehr; aber, ach,
sollten Sie doch wissen, wie hoch ich Sie schätze, meine englische
Freundin!
Julchen. Aber warum schlagen Sie denn die Augen nieder? Darf man in
der Freundschaft einander auch nicht ansehen?
Damis. Es gehört zu meinem Siege. Wer kann Sie sehen und Sie doch
nicht lieben?
Julchen. Sagten Sie mir nicht wieder, daß Sie mich liebten? O das
ist traurig! Ich werde über Ihr Bezeigen recht unruhig. Einmal reden
Sie so verliebt, daß man erschrickt, und das andere Mal so
gleichgültig, als wenn Sie mich zum ersten Male sähen. Nein,
schweifen Sie doch nicht aus. Sie widersprechen mir ja stets. Ist
dies die Eigenschaft eines guten Freundes? Wir brauchen ja nicht zu
lieben. Ist denn die Freiheit nicht so edel als die Liebe?
Damis. O es gehört weit mehr Stärke des Geistes zu der Freiheit als
zu der Liebe.
Julchen. Das sage ich auch, warum halten Sie mir's denn für übel, daß
ich die Freiheit hochschätze, daß ich statt eines Liebhabers lieber
zehn Freunde, statt eines einfachen lieber ein mannigfaltiges
Vergnügen haben will? Sind denn meine Gründe so schlecht, daß ich
darüber Ihre Hochachtung verlieren sollte? Tun Sie den Ausspruch, ob
ich bloß aus Eigensinn rede. (Damis sieht sie zärtlich an.) Aber
warum sehen Sie mich so ängstlich an, als ob Sie mich bedauerten? Was
wollen mir Ihre Augen durch diese Sprache sagen? Ich kann mich gar
nicht mehr in Ihr Bezeigen finden. Sie scheinen mir das Amt eines
Aufsehers und nicht eines Freundes über sich genommen zu haben. Warum
geben Sie auf meine kleinste Miene Achtung und nicht auf meine Worte?
Mein Herr, ich wollte, daß Sie nunmehr...
Damis. Daß Sie gingen, wollten Sie sagen. Auch diesen Befehl nehme
ich an, so sauer er mir auch wird. Sie mögen mich nun noch so sehr
hassen: so werde ich mich doch in Ihrer Gegenwart nie über mein
Schicksal beklagen. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen.
Julchen. Hassen? Wenn habe ich denn gesagt, daß ich Sie hasse? Ich
verstehe diese Sprache. Weil Sie mich nicht lieben sollen, so wollen
Sie mich hassen. Dies ist sehr großmütig. Das sind die Früchte der
berühmten Zärtlichkeit. Ich werde aber nicht aus meiner Gelassenheit
kommen, und wenn Sie auch mit dem kaltsinnigsten Stolze noch einmal zu
mir sagen sollten: Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen. Das
ist ja eine rechte Hofsprache.