Dritter Auftritt

Lottchen. Siegmund.

Siegmund. Wird es Sie bald reuen, meine Geliebte, daß ich so viel zu

meinem Vorteile gehört habe?

Lottchen. Sagen Sie mir erst, ob Sie so viel zu hören gewünscht haben.

Siegmund. Gewünscht habe ich's tausendmal; allein, verdiene ich so

viele Zärtlichkeit?

Lottchen. Wenn mein Herz den Ausspruch tun darf: so verdienen Sie

ihrer weit mehr.

Siegmund. Nein, ich verdiene Ihr Herz noch nicht; allein ich will

mich zeitlebens bemühen, Sie zu überführen, daß Sie es keinem

Unwürdigen geschenkt haben. Wie edel gesinnt ist Ihre Seele! Ich

verlor als Ihr Liebhaber mein ganzes Vermögen, und mein Unglück hat

mir nicht den geringsten Teil von Ihrer Liebe entzogen. Sie haben

Ihre Gewogenheit gegen mich vermehrt und mir durch sie den Verlust

meines Glücks erträglich gemacht, Diese standhafte Zärtlichkeit ist

ein Ruhm für Sie, den nur ein erhabenes Herz zu schätzen weiß. Und

ich würde des Hasses der ganzen Welt wert sein, wenn ich jemals

aufhören könnte, Sie zu lieben.

Lottchen. Ich habe einen Fehler begangen, daß ich Sie so viel zu

meinem Ruhme habe sagen lassen. Aber Ihr Beifall ist mir gar zu

kostbar, als daß ihn meine Eigenliebe nicht mit Vergnügen anhören

sollte. Sie können es seit zwei Jahren schon wissen, ob ich ein

redliches Herz habe. Welche Zufriedenheit ist es für mich, daß ich

ohne den geringsten Vorwurf in alle die vergnügten Tage und Stunden

zurücksehen kann, die ich mit Ihnen, mit der Liebe und der Tugend

zugebracht habe!

Siegmund. Also sind Sie vollkommen mit mir zufrieden, meine Schöne?

O warum kann ich Sie nicht glücklich machen! Welche Wollust müßte es

sein, ein Herz, wie das Ihrige ist, zu belohnen, da mir die bloße

Vorstellung davon schon so viel Vergnügen gibt! Ach, liebstes Kind,

Julchen wird glücklicher, weit glücklicher als Sie, und...

Lottchen. Sie beleidigen mich, wenn Sie mehr reden. Und Sie

beleidigen mich auch schon, wenn Sie es denken. Julchen ist nicht

glücklicher, als ich bin. Sie habe ihrem künftigen Bräutigam noch

soviel zu danken: so bin ich Ihnen doch ebensoviel schuldig. Durch

Ihren Umgang, durch Ihr Beispiel bin ich zärtlich, ruhig und mit der

ganzen Welt zufrieden worden. Ist dieses kein Glück: so muß gar keins

in der Welt sein. Aber, mein liebster Freund, wir wollen heute zu

Julchens Glücke etwas beitragen. Sie liebt den Herrn Damis und weiß

es nicht, daß sie ihn liebt. Ihr ganzes Bezeigen versichert mich, daß

der prächtige Gedanke, den sie von der Freiheit mit sich herumträgt,

nichts als eine Frucht der Liebe sei. Sie liebt; aber die

verdrüßliche Gestalt, die sie sich vielleicht von der Ehe gemacht hat,

umnebelt ihre Liebe. Wir wollen diese kleinen Nebel vertreiben.

Siegmund. Und wie? mein liebes Kind. Ich gehorche Ihnen ohne

Ausnahme. Herr Damis verdient Julchen, und sie wird eine recht

liebenswürdige Frau werden.

Lottchen. Hören Sie nur. Doch hier kömmt Herr Damis.

Die zärtlichen Schwestern · 第 8 / 61 题