Lottchen. Siegmund.
Siegmund. Wird es Sie bald reuen, meine Geliebte, daß ich so viel zu
meinem Vorteile gehört habe?
Lottchen. Sagen Sie mir erst, ob Sie so viel zu hören gewünscht haben.
Siegmund. Gewünscht habe ich's tausendmal; allein, verdiene ich so
viele Zärtlichkeit?
Lottchen. Wenn mein Herz den Ausspruch tun darf: so verdienen Sie
ihrer weit mehr.
Siegmund. Nein, ich verdiene Ihr Herz noch nicht; allein ich will
mich zeitlebens bemühen, Sie zu überführen, daß Sie es keinem
Unwürdigen geschenkt haben. Wie edel gesinnt ist Ihre Seele! Ich
verlor als Ihr Liebhaber mein ganzes Vermögen, und mein Unglück hat
mir nicht den geringsten Teil von Ihrer Liebe entzogen. Sie haben
Ihre Gewogenheit gegen mich vermehrt und mir durch sie den Verlust
meines Glücks erträglich gemacht, Diese standhafte Zärtlichkeit ist
ein Ruhm für Sie, den nur ein erhabenes Herz zu schätzen weiß. Und
ich würde des Hasses der ganzen Welt wert sein, wenn ich jemals
aufhören könnte, Sie zu lieben.
Lottchen. Ich habe einen Fehler begangen, daß ich Sie so viel zu
meinem Ruhme habe sagen lassen. Aber Ihr Beifall ist mir gar zu
kostbar, als daß ihn meine Eigenliebe nicht mit Vergnügen anhören
sollte. Sie können es seit zwei Jahren schon wissen, ob ich ein
redliches Herz habe. Welche Zufriedenheit ist es für mich, daß ich
ohne den geringsten Vorwurf in alle die vergnügten Tage und Stunden
zurücksehen kann, die ich mit Ihnen, mit der Liebe und der Tugend
zugebracht habe!
Siegmund. Also sind Sie vollkommen mit mir zufrieden, meine Schöne?
O warum kann ich Sie nicht glücklich machen! Welche Wollust müßte es
sein, ein Herz, wie das Ihrige ist, zu belohnen, da mir die bloße
Vorstellung davon schon so viel Vergnügen gibt! Ach, liebstes Kind,
Julchen wird glücklicher, weit glücklicher als Sie, und...
Lottchen. Sie beleidigen mich, wenn Sie mehr reden. Und Sie
beleidigen mich auch schon, wenn Sie es denken. Julchen ist nicht
glücklicher, als ich bin. Sie habe ihrem künftigen Bräutigam noch
soviel zu danken: so bin ich Ihnen doch ebensoviel schuldig. Durch
Ihren Umgang, durch Ihr Beispiel bin ich zärtlich, ruhig und mit der
ganzen Welt zufrieden worden. Ist dieses kein Glück: so muß gar keins
in der Welt sein. Aber, mein liebster Freund, wir wollen heute zu
Julchens Glücke etwas beitragen. Sie liebt den Herrn Damis und weiß
es nicht, daß sie ihn liebt. Ihr ganzes Bezeigen versichert mich, daß
der prächtige Gedanke, den sie von der Freiheit mit sich herumträgt,
nichts als eine Frucht der Liebe sei. Sie liebt; aber die
verdrüßliche Gestalt, die sie sich vielleicht von der Ehe gemacht hat,
umnebelt ihre Liebe. Wir wollen diese kleinen Nebel vertreiben.
Siegmund. Und wie? mein liebes Kind. Ich gehorche Ihnen ohne
Ausnahme. Herr Damis verdient Julchen, und sie wird eine recht
liebenswürdige Frau werden.
Lottchen. Hören Sie nur. Doch hier kömmt Herr Damis.