Habe ich plötzlich Feuer im Kopfe?
Und ich lächle und stoße einen Schrei aus, wie ein Falke, der sich im Äther
wiegt.
Ich gehe ins Haus und reiße mir alle weißen Haare aus. -- -- -- -- -- -- --
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Die Dämmerung sinkt über das Tal, alles ist still, das Dorf schläft.
Ich sitze auf einem Brunnen, der vor der Hütte steht, weit draußen vor dem
Dorfe.
Der Brunnen plaudert und mein Herz bebt.
Ein Mädchen tritt aus der Hütte, mit einem Kruge in der Hand.
Ich stehe auf.
»Guten Abend, Maria.«
Das Mädchen schrickt zusammen und lugt unter dem Kopftuche hervor. Auf dem
Kopftuche sind graue blasse Sterne zu sehen.
Golden funkelt es unter dem Tuche.
»Guten Abend, Herr Schwager.«
»Ein schöner Abend, Maria?«
»Ja!«
»Wie schön, Maria! Es ist Frühling. Ich bin hierhergekommen, um mit dir zu
sprechen. Ein Wegmacher hat mir gesagt, wo du jetzt wohnst.«
Ob ich ihr etwas von Ingeborg zu sagen habe? »Nein, nein! Sprechen wir
nicht von Ingeborg. Wir wollen von uns beiden sprechen, haha! Aber da du
von Ingeborg sprichst, so kann ich dir schon etwas sagen. Sei stolz auf
Ingeborg, hörst du, sie ist ja deine Schwester. Sie feiern sie, sie beugen
die Knie vor ihr. -- Aber sprechen wir nicht von ihr. Sprechen wir von
uns!«
Marie läßt den Krug voll Wasser laufen und der Krug gluckst, lacht und
singt, immer heller.
Was ich wolle?
Mit ihr sprechen!
Aus der Hütte ruft eine Stimme.
»Der Bauer ruft.«
Maria geht hinein.
* * * * *
Im Walde liegt eine kleine Wiese und Maria pflügt, eine Kuh zieht den
Pflug.
Ich trete aus dem Walde, das Gewehr auf der Schulter.
»Da bin ich wieder,« sage ich fröhlich. Unbefangen und jung mache ich meine
Stimme.
Maria schweigt.
»Neulich kam der Bauer dazu -- haha! Schön ist es heute, wie! Die ganze
Welt brennt!«
Ich blicke unter das weiße Kopftuch Marias.
Ja, ich sei zu ihr gekommen, gerades Weges zu ihr, sage ich und lege sanft
meine Hand auf ihre Schulter.
Maria sieht mich erschrocken an. Es glitzert in ihren Augen.
Ja ja, gerades Weges zu ihr!
»Ich liebe dich Maria, kannst es glauben!«
Maria senkt rasch den Kopf. Blaßblaue Sternchen sind auf dem weißen
Kopftuche Marias zu sehen.
»Ich liebe dich, Maria -- was sagst du dazu? Nie -- nie habe ich ein
Mädchen so sehr geliebt.«
Ich sage es ganz leise und lächle nicht mehr. Meine Augen sind feucht.
»Ich bitte Euch, Herr --«
»Haha, hörst du nicht, daß ich du zu dir sage? Du sollst in mein Haus
kommen, die Herrin sollst du sein, Maria -- sprich doch --«
Maria blickt mich an und ihr Gesicht ist so weiß wie das Kopftuch.
Es ist stille. Ein Vogel singt. In der Ferne bläst ein Hirt die Flöte.
Dü -- düdüdü -- düdü -- hell klingt es, nach Liebe und Glück.
Maria weicht langsam zurück, als habe sie Furcht vor mir.
Ich lächle.
»Du bist ganz bleich, Maria. Ich habe dich erschreckt. Wie ungeschickt war
ich doch.«
Sie solle mir doch die Hand geben.
»Nein, nein!«
Maria weicht zurück. Sie sinnt nach, sie sinnt so lange nach, daß mir bange
wird. Dann sagt sie, und das Blut kehrt in ihre Wangen zurück:
»Ich bitte Euch, geht. Das kann ja nicht sein« sagt sie hastig. »Seht doch,
Herr, überlegt es Euch, ich bin eine Bauernmagd, Ihr seid ein Fürst, ein
Schloß habt Ihr, Felder und Wälder --«
Maria spricht es gütig und sanft.
»Haha.« Ich lache.
»Was den Fürsten anbelangt -- so ist das -- eine Form -- das ist -- und --«
Ich nicke und gehe. Ein Gedanke jagt durch meinen Kopf.
»Auf Wiedersehn, Maria!« Ich verschwinde im Walde. Man muß nicht blöde sein
gegen junge Mädchen. Frisch angepackt, immer los aufs Ziel!
Ich gehe nach Hause und schreibe einen Brief und siegle ihn mit dem Wappen.
* * * * *
Ich trete in den Hof, den Brief mit dem großen Siegel in der Hand. Ich gehe
ans Fenster der Gesindestube und poche.
Der Mönch kommt heraus und nimmt den Hut ab.
Ich sage zu ihm: »Siehst du diesen Brief hier? Den trage in die Stadt. Er
gehört an den Notar. Verliere ihn nicht, denn es steht auch für dich etwas
darin. Ich habe dich einmal unrecht behandelt vor all dem Gesinde, ich habe
es nicht vergessen -- auch hast du Pazzo immer so freundlich gestreichelt.
Ich habe es beobachtet. Auch die alte Maria habe ich nicht vergessen.
Eile.«
Es ist Nacht. Dunkel liegt die Erde und hell ist der Himmel und er glitzert
von Sternen.
Ich sitze auf der Bank unter der Birke und blicke auf das Schloß.
Ich lächle. Ein kleines Glück. Hörst du, was klopft in meinem Herzen?
Ich denke an eine kleine Hütte im Walde, an den Geruch des Düngers, an eine
hübsche Kuh. An ein Gesicht beim Scheine der Kerze. Wie schön wird es sein,
wenn ich dieses Gesicht ansehen darf!
Träume wiegen sich in meinem Kopfe. Wie lieblich sind die Frauen! Wenn sie
nur guten Tag sagen! Wie das klingt! Wenn sie schlafen -- es atmet unter
der Decke, es atmet so!
Ich blicke auf alle Fenster des Schlosses. Noch ist nichts zu sehen. Aber
plötzlich ist ein Zimmer beleuchtet, noch eines, wieder eines. Eine Scheibe
klirrt und Rauch fährt heraus.
Das Schloß steht in Flammen.
Hunderttausend rote Derwische heulen und tanzen in den Sälen und auf dem
Giebel.
Da wird die Türe aufgerissen und lautschreiend rennt eine Gestalt im Hemd
heraus. Es ist die alte Maria. Sie schreit und läuft über die Wiese, die
Straße, in den Wald hinein. Ihr Hemd leuchtet rot und weht um die dünnen
nackten Beine.
Ich hatte gar nicht an sie gedacht.
* * * * *
Ein herrlicher, frischer Morgen. Rauch zieht über den Wald.
Ich trete aus dem Walde auf die Wiese, Maria pflügt.
»Da bin ich, Maria.«
Maria nimmt die Schürze vors Gesicht und bricht in Schluchzen aus. »O,
Herr, Herr, was habt Ihr getan?«
»Siehst du es nun, daß ich dich liebe?« frage ich leise. Ich bin das Gras
zu ihren Füßen.
»O, Herr, Herr, was habt Ihr doch getan!«
Ratlos stehe ich da. Die Kuh dreht den Kopf und blickt mich an. Ein Vogel
singt. Wie gestern bläst des Hirten Flöte in der Ferne.
»Höre, Maria,« sage ich, »weine nicht. Welch gutes Herz hast du doch,
Maria. Ich liebe dich, -- nun --?«
Maria weint in die Schürze.
»O, Herr, Herr! Was habt Ihr doch nur getan!«
»So sei nur stille, Maria. Siehst du, eine Hütte werden wir haben, eine
Kuh. Schön wird es sein. Wenn die Vögel singen, wenn der Regen rauscht --«
Maria schüttelt den Kopf.
Ich erblasse, ich fühle es. Wie? denke ich und erblasse.
Ich spreche.
»So sage, Maria, was ist dir? Kannst du mich nicht lieben? Ich sah es ja
neulich deinen Augen an -- Ingeborg -- haha, wie sage ich, Maria --«
Maria schüttelt den Kopf.
»O, Herr, Herr.«
Ich stehe still. Meine Lippen zucken. Ich bin wie verzweifelt, einen
Augenblick.
»Liebst du einen andern, Maria, sag es?« frage ich leise. »Sage es offen.«
Maria nickt.
»Ja,« sagt sie schluchzend, »was habt Ihr getan. Herr!«
»Nun, beruhige dich, Maria. Ja dann -- --. Leb wohl. Maria gib mir die
Hand. Willst du nicht?«
Maria nimmt eine Hand von der Schürze und reicht sie mir.
»Leb wohl, Maria.«
Ich gehe. Einige Schritte, dann kehre ich zurück. Ich habe etwas in der
Tasche für sie.
Immer noch steht Maria da, die Schürze vor dem Gesicht und weint.
»Maria«, sage ich, »ich möchte dir wenigstens etwas schenken. Vielleicht
gefällt es dir?«
Ich ziehe ein kleines grünes Väschen aus der Tasche.
»Da nimm es. Du kannst Blumen hineintun, die dir dein Liebster schenkt.
Willst du es nicht nehmen?«
Maria nimmt die Hand von der Schürze und ich lege ihr das Väschen in die
braune schöne Hand.
»Leb wohl, Maria!«
Maria weint.
Ich sehe sie mir noch einmal an -- dann gehe ich in den Wald hinein.
Ich wende mich um, immer noch hat Maria die Schürze vor dem Gesichte.
Die Zweige verdecken sie.
Ich komme auf die Straße und wandere sie entlang, ins Tal hinunter. Die
Sonne steigt über die Höhe.
Ich wandere und wandere. Viele Gedanken schwirren mir durch den Kopf. Ich
gehe immer weiter, immer weiter. Ich bin noch ein wenig traurig, aber es
wird bald vorüber sein -- -- --