Dann schrieb ich einen, ich schrieb ihn mitten im Schrecken: O, ihr
Freunde, ihr! Wüßtet ihr es! Ich empfinde jeden Kuß, ich empfinde jeden
Händedruck, jeden Blick. Er fällt mir wie ein glühender Tropfen auf mein
Herz. Ich empfinde alles, alles, was martert ihr mich denn! Ihr quält mich
zu Tode, zu Tode, zu Tode!!
Ich arbeitete, arbeitete, sah nicht links noch rechts, vergrub den Kopf in
die Hände. Manche Zeile las ich zwanzigmal, ich zwang mich.
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Es war Nacht im Walde, nur den Schnee sah ich. Es ging ein Schritt neben
mir her. Es war in der Nähe meines Hauses. Es ging eine Stimme neben mir
her. Sie flüsterte. Ich wollte sie nicht hören. Sie flüsterte: »Ich habe
sie gesehen, sie trägt einen breiten Pelzkragen, grau ist er. Sie sieht so
schön und eigenartig aus, daß alle Leute nach ihr blicken. Einer ging neben
ihr her, er war groß, machte große Schritte. Er war rothaarig.«
Mein Atem stockte, mein Herz schlug. Ich lauschte, wollte aber doch nicht
zuhören. Die Stimme lockte.
»Ich habe sie oft gesehen, oft. Ich sah sie auch mit Holger Hunt, dem
Komponisten. Sie bewundert ihn, ich sah es an einem Blicke. Haha -- ich
betrachte sie, fahre ganz langsam, ich trage eine Brille, eine Kapuze,
niemand sieht mich. Eine großartige Erfindung, das Automobil.« Ich bog zur
Seite. Die Stimme ging neben mir her. »Ich sah ihre Hand, sie streifte den
Handschuh ab, um Geld aus dem Täschchen zu nehmen Ihre Hand war schneeweiß.
Ihr Hals ist frei, auch im Winter. Ich hab ihr dicht in die Augen gesehen
-- Himmel! diese, diese Augen! -- sie mußte warten, bis mein Wagen über die
Straße gefahren war. -- Haha, ich wollte Ihnen das schon längst erzählen,
ich lief immer um Ihr Haus herum, traf Sie nicht. Ich gehe gerne um dieses
Haus herum, ja, es ist so eigen, sich vorzustellen -- gewiß -- man kann sie
nicht mehr vergessen, nein. Sie vergißt leichter, ha! Sie lebt tagweise.
Stimmt es? Sie ist lieblich wie ein Kind und grausam wie ein Kind -- sie
lügt -- sie kann keine Blume zertreten, aber einen Menschen zu Tode
peinigen --«
Ich lief weg, hinein in den Wald.
Ich schickte einen Boten nach Rote Buche mit einem Briefe, darinnen stund:
Ich gehe nur noch mit geladenem Gewehre im Walde!
Harry Usedom schickte mir eine Antwort: Vergebung, Vergebung, das wollte
ich doch nicht.
Ich verachtete ihn. Aber ich vergaß nicht, wie berückend seine Geige einst
im Walde klang, als er das weinende Glück spielte. --
Einige Wochen darauf erfuhr ich, daß Harry Usedom einen Selbstmordversuch
gemacht habe. Er hatte sich aus dem Fenster gestürzt. Er hatte sich schwer
verletzt, aber es war nicht lebensgefährlich.
Ich erschrak . . . . . .
Es war als ob etwas über mich sänke, immerzu, immer dichter, ich wehrte
mich, aber es lähmte mich, immer undurchdringlicher wurde es.
In Nacht und Grauen wird einer versinken, einer, ich weiß es!
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