Dann sagte ich: »So sei so gut zu ihm als es dir möglich ist. Muntere ihn
auf, reise mit ihm, reise wohin er will --«
»Ja, aber, hörst du, Axel, was bekomme ich aber für alle Liebe, ich?«
»Du kannst um ihn sein,« antwortete ich.
Sie sah mich an. Sie verstand es nicht.
»Ich werde zugrunde gehen!« weinte sie. -- -- --
Ein großer Zauberer hat ein Buch geschrieben, so süß und schön, daß wer es
liest sterben muß. Alle lesen es, obgleich sie wissen, daß sie dann sterben
müssen.
35
Es ging nicht besser mit mir, nein.
Ich dachte es zuweilen, aber ich täuschte mich. Ich arbeitete viel. Ja, ich
kann sagen, nie in meinem Leben habe ich soviel gelesen und studiert wie in
diesem Winter. Ich studierte ferne Länder, lernte ihre Sprachen, denn es
konnte sein, daß ich bald dorthin reisen würde, wohin keine Geleise mehr
laufen. Ich habe keinen eigentlichen Beruf, keine besonderen Anlagen und
Talente, ich habe keine Lust und keine Zeit dazu. Ich bin aus altem
Geschlechte, degeneriert, gehöre zu jener Klasse der Luxusmenschen, die
allmählich ausstirbt. Ich wünsche es nicht; aber man wird bald nur noch
Gemüse pflanzen und Rindvieh züchten, der Mensch wird praktisch.
Ja, ich habe viel gearbeitet.
Ich arbeitete, um mich zu vergessen. Ich ging auf die Jagd, wanderte mich
müde, ich war ruhig. Aber plötzlich tauchte Ingeborg vor mir auf, so
herrlich, so wunderbar -- dann war die Ruhe vorbei, der Schmerz schüttelte
mich und ich wußte, daß ich immer noch auf dem Grunde lag und nie mehr
Frieden haben sollte da drinnen.
Ich schrieb viele Briefe an Ingeborg, ich sandte sie nicht ab, nur um Ruhe
zu bekommen, schrieb ich sie.
Ich schrieb einen, der lautete:
Ingeborg, es ist ein finsterer Gedanke in mir, mit dem ich immerzu ringen
muß. Er lockt mich, er gaukelt mir Dinge vor -- er winkt und ruft -- ich
ringe mit ihm, es ist schwer, es ist ein verzweifelter Kampf!
Hilf mir! Jeden Tag bekommt der Gedanke mehr Kraft. Er lockt nicht mehr, er
höhnt und spottet und lacht. Er triumphiert im geheimen.
Ich schrieb einen, der lautete:
Komme, Ingeborg, Ingeborg! Ich breite die Arme aus! Komme, hier ist deine
Heimat.
Komme, komme, eine Pforte aus Rosen will ich bauen, jeder Baum im Walde
soll eine lichte Flagge haben, tausend Kerzen zünde ich dir an in jedem
Saale, ich will niederknien und deine Füße mit Tränen baden und mit Küssen
trocknen. Ingeborg will ich sagen, bist du da? Gebenedeiet seist du, ich
bin dein!
Komme, komme, Ingeborg, ich bin auf dem Grunde, ich kann nicht mehr, ich
flehe dich an um ein Wort, ein einziges Wort.
Mit Tränen in den Augen schrieb ich diesen.
Dann schrieb ich einen, zerknirscht, bleich: Ingeborg, nicht von Liebe
spreche ich heute zu dir.
Nein, ich will dir beichten, Ingeborg, beichten! Ich habe verbrecherische
Wünsche, Ingeborg, verbrecherische Gedanken. Ich möchte meine Hand um
deinen Gürtel legen und dich an mich pressen. Einmal noch! Ich möchte
deinen Scheitel ansehen, leicht darüber streichen über deinen schönen,
göttlichen Scheitel. Ich möchte dich auch auf den Mund küssen, nur einmal
noch -- einmal noch! Ja -- haha -- so bin ich nun! Ingeborg, einmal möchte
ich noch meine Lippen auf deine Brust pressen -- einmal noch möchte ich
eine Stunde um Mitternacht bei dir sein --
Es ist auch ein böser Gedanke in mir aufgewachsen, ein Unkraut, ich kann
nichts dafür, eine böse Hand säte es. Ich dachte: vielleicht hast du
schlecht an mir gehandelt?
Da begann mein Herz zu klopfen und es klopfte so fürchterlich, einige
Minuten lang, daß ich bestraft genug war. Verzeihe!