Ich fragte den Kutscher: »Wo ist Pazzo?«

Der Kutscher hatte ihn nicht mehr gesehen. An der Station sah er ihn zum

letztenmal. Weiß der Teufel wo der Hund steckt. Ja, weiß der Teufel --

haha!

Dieser Wagen war fürchterlich leer. Ein elender Anblick war dieser leere

Wagen. Glatt waren die Polster, nichts war auf den Polstern zu sehen.

Ein Knecht kam mit der Bürste.

»Laß es. Schiebe den Wagen in die Remise. Eine Decke darüber, so wie er

ist. Der Wagen ist altmodisch, ich habe einen neuen bestellt.«

Ich trat ins Haus.

»Daß du mir etwas Ordentliches kochen läßt, Mütterchen,« sagte ich zur

alten Maria. »Ich habe einen schrecklichen Hunger, bin heute früh

aufgestanden.«

Die alte Marie hatte etwas auf dem Herzen. Man sah es gleich an der Art,

wie sie sich umwendete.

»Sprich nur.«

Auf wielange die Herrin fortreise?

Das könne man nicht so genau sagen. Vielleicht einen Monat, vielleicht ein

Jahr. Sie sei nach Paris gereist.

»Nach Paris?«

»Ja, verstehst du, um das Singen zu lernen.«

Aber das könne sie doch schon.

»Mütterchen, haha, gelungen sprichst du daher. Wie kannst du über diese

Dinge sprechen?«

Freilich könne sie schon singen, schön sogar, sehr schön. Aber es muß alles

gelernt sein, heutzutage, auf den Schulen. Siehst du, du kannst sehr klug

und gelehrt sein, warst du nicht auf vielen Schulen, so glaubt es dir kein

Mensch und du hast nichts davon.

So ist es auch mit dem Singen.

Der Tag ging langsam. Ich hatte nichts zu tun. Langsam drehte sich der

Schatten der kleinen Birke im Kreise. Pazzo war noch nicht da.

Also an der Station sahst du ihn zuletzt?

Ja, Herr.

Und dann nicht mehr?

Nein, Herr.

Ich stahl mich in die Remise. Ich lüftete die Decke, die über den Wagen

gebreitet war. Bestaubt stand er da. Ich suchte in den Polstern, Staub um

die Knöpfe, sonst nichts. Es war nichts zu finden.

Ich nahm den Hut und Stock und pfiff. Ich erinnerte mich, daß Pazzo ja

nicht da war. Ich lächelte. Ich stieg die Straße hinab, dieselbe Straße.

Deutlich konnte ich die Räderspuren herausfinden, auch Pazzos Spur. Er war

gehetzt. Wie große Ausrufezeichen sahen seine Spuren aus. Ich kam an die

Stelle, wo er den Wagen eingeholt hatte. Der Wagen hatte gehalten, Pazzo

war in den Wagen gesprungen. Das sah ich alles aus den Spuren. Im Dorfe

verschwand die Spur des Wagens, hinter dem Dorfe tauchte sie wieder auf.

Sie zog mich durchs Tal, über den Berg hinüber, an Rote Buche vorbei. Da

waren alle Läden geschlossen. Sie zog mich bis zur Station. Ich stand am

Perron und blickte dem Geleise nach. Ein Beamter trat heraus und grüßte.

»Ich suche meinen Hund,« sagte ich.

Ja, ach ja, dieser Hund. Es sei eine Wirtschaft gewesen. Der Hund wollte

nicht außen bleiben. Er habe geheult und gewinselt. Die Fürstin wäre ganz

ergriffen gewesen.

Soso.

Ich ging die Geleise entlang. Hier lag Sand, ich konnte Pazzos Spuren nicht

entdecken. Diese Geleise. Sie glänzten. Ich berührte sie mit dem Finger.

Ich sah ihnen nach. Sie erschienen mir so sonderbar. Sie zogen mich, zogen

mich. Ich rollte auf ihnen dahin, flog, flog. Ich sah einen grellgelben

riesigen Eichbaum am Bahndamm. Ich sah ihn mir an. Gewiß war er ihr

aufgefallen.

Ich wurde zu einem Eisenbahnzug, sauste, flog durch die Wälder und Wiesen,

die Wälder und Wiesen drehten sich mir entgegen. Wieder, da stand ich auf

einer Station und sah auf einen Kopf hinter einer Scheibe. Ein runder,

feiner Kopf, glatte goldene Haare, Lockenbüschel, die bis zur Schulter

herabfallen.

Dann ging ich quer durch den Wald nach Hause. Immer stand ich auf dem

Trittbrett des Wagens. Es jagte in meinem Kopfe. Meine Hände zitterten.

* * * * *

Ich hatte im geheimen gehofft, Pazzo anzutreffen. Er war noch nicht

zurückgekommen. Nun, Geduld!

Ich hatte nicht daran gedacht, daß die Sonne untergehen würde, daß die

Nacht heute kommen könnte. Aber alles ging seinen Gang, als wäre nichts

geschehen. Plötzlich wurde alles rot, durchtränkt vom Blute der Sonne. Auch

meine Hände. Friede und Schönheit überall, meine Brust tobte. Dann sah ich

es mit Grauen dunkel werden, immer dunkler. Asche fiel auf die Erde.

Finstere Schatten hoben sich aus den Wäldern, irrten hin und her und

kauerten sich nieder. Es wurde still, so still wie es nie war. Schweigen,

Schweigen. Nicht jenes Schweigen, das man noch hört, nein, ein tieferes

unhörbares Schweigen, ein grauenhaftes Schweigen, das mich lähmte. Leer,

alles leer.

Nun brach die Nacht an. Pazzo war noch nicht zurückgekehrt. Ich ging hin

und her. Ich wartete, ja, worauf wartete ich denn? Ich wartete darauf, daß

das Haus über mich zusammenbräche. Ich ging gedankenlos an den Flügel und

schlug eine Taste an. Es war ein heller Ton, Ingeborgs Ton war es. Jeder

Mensch hat seinen Ton. Mußte ich auch gerade Ingeborgs Ton unter den Finger

bekommen.

Ich zündete eine Kerze an, aber die Flamme flüsterte, sie sprach, ein

Gesicht erschien in der Flamme. Ich verlöschte sie wieder, viel zu viel

wußte die Flamme.

Ich ging hin und her. Es war dunkel. Ich trat ans Fenster. Alles war

schwarz. Selbst die Luft war schwarz. Die Sterne fielen vom Himmel und

zersprangen auf den finsteren Äckern.

Mich fror.

Plötzlich sah ich ein Zimmer vor mir, eine Lampe war darin, zwei Menschen

unter der Lampe, ein Gesicht rückte in den Lichtkreis. So deutlich sah ich

es. Ich schloß die Augen.

Ja, Karl konnte Ingeborg haben, wenn Ingeborg nur wollte. Er ganz allein,

ja. Er hatte nie ein Glück gekannt, Hunger und Sorgen und Nächte voller

Arbeit, er hatte Ingeborg nötig. Dann war es Karl, der Dichter! Ich

dagegen, wer war ich gegen Karl?

Ich würde auch allein leben können -- ja auch allein, dachte ich und ging

mit steifem Körper hin und her. Mich fror. Alles war leer, alles. Ich

dachte an die Fußspur im Staube, an die Geleise in der Sonne. Ich sah wie

jemand die Handschuhe abstreifte. Ich sah ein Gesicht, das in der Ferne

entwich, ein Paar Augen, die kleiner und kleiner wurden. Ein Tuch flatterte

im Walde.

Ich preßte die Finger auf die Augen und drückte die Daumen gegen die

Schläfen. Ich saß und dachte, dachte, dachte immerzu.

Da hörte ich ein leises Wimmern, als ob ein Kind wimmere.

Ich erschrak.

Ich stand auf, räusperte mich und ging wieder auf und ab. Mein Glück,

meinen Sommer im Kopfe, Ingeborg, jeden Schritt, jedes Lachen im Kopfe und

das andere im Kopfe, so ging ich hin und her. Ich hatte ja seit einigen

Tagen gewußt, daß das andere kommen würde, daß diese Nacht, da alles leer

war, kommen würde, ich hatte es gewußt, meine Seele gewappnet -- aber -- --

Nein, nein, nein!

Ich stand in meinem Zimmer, preßte die Hände auf die Augen und sagte immer

das gleiche Wort. Nein, nein, nein . . .

Die Nacht verging, der Tag graute.

Wie verging diese Nacht? Gott weiß es. Auch ich weiß es. Ich denke nicht

daran. Ich habe mich nicht auf den Boden geworfen, ich habe mir nicht die

Haare gerauft und die Brust zerfleischt, nein, wer dies behauptet, der

lügt. Ich hatte nur etwas Blut am Kinn, das war alles.

Die alte Maria entdeckte es, ich hatte es nicht weggewischt. Ich lächelte,

so gut es ging, es wollte nicht gut gehen, diesmal, nein, aber doch brachte

ich es fertig.

»Ist Pazzo nicht gekommen?« Nein.

»Der Schlingel!« sagte ich und lächelte. Ich sah mein Gesicht dabei, wie

ich es sagte, mein Lächeln. Meine Stimme hatte sich verändert.

Die alte Maria starrte mich an und ging rückwärts zur Türe hinaus.

Ingeborg · 第 28 / 57 题