Ich sehe einen Mann, der die Stufen zum Hause emporsteigt. Er steigt und
steigt, wieviele Stufen sind es doch? Er blickt nicht zurück. Er steht vor
der Türe, öffnet sie, sie ist schwer. Er blickt nicht zurück. Er
verschwindet im Hause. Er steigt die Stiege empor, er geht den langen
weißen Korridor entlang. Er bleibt stehen, die Augen fallen ihm zu.
Dieses ist ein Mann, der alles was er besaß, verlor. Er erblaßt. Es sind
zwei Worte an eine weiße Türe gekritzelt. Er sieht über sein Zimmer. Es ist
sein Zimmer. Da sieht er nun, sieht in sein Zimmer und wagt es nicht, es zu
betreten. Er wagt es nicht, nein! Dieses Zimmer ist leer, leer.
Schreien, lachen, niederstürzen? Wie? Nein, nichts von alldem. Ein Zittern
in den Händen, ein Beben der Knie, das ist alles. Verzweifelte Gebärden in
mir, tief in mir. Wirre, jagende Bilder in meinem Kopfe, sie zerbrechen,
andere kommen, zerbrochene. Sie zerbrechen.
Ich setze mich in einen Stuhl. Ich lächle.
Ich habe einen Geschmack auf den Lippen. Adieu, adieu. Ich nehme Abschied.
Tautropfen, bittende Augen, eine nackte Hand. Eine Stimme.
Sie schwebt über mir wie Gesang. Ich verneige mich vor der Stimme. Ich
lächle. Ich stehe auf dem Trittbrett und lege meinen Arm um Ingeborg.
Wie verzweifelt das Lächeln hin und her irrte auf ihrem Antlitze? Und ihre
Augen, die segneten, segneten! Gelobet seist du in alle Ewigkeit, Ingeborg!
Ich liebe dich.
Mein Herz krampft sich zusammen, es wird dunkel in meinem Kopfe. Ja, nun
ist sie fort. Ich habe alles verloren, was ich besaß.
Ich stehe auf. Es dreht mich im Kreise. Vor meinen Augen wird es schwarz.
Soll ich niederstürzen? Dürfte ich es doch! Ein klein wenig. Einmal
zusammenbrechen, schreien, eine Sekunde nur. Nein, ich tue es nicht, ich
stehe aufrecht, ich kämpfe. Ich beginne zu wandern. Meine Wanderung
beginnt.
Sie dauerte Wochen, Monate, nun begann sie.
In den Wald? Nein, da ist sie. Vielleicht gar in die weißen Zimmer? Wohin?
In den Keller? Da ist sie auch.
Was ich gewesen bin, was ich war, was ich sein konnte, Sonne, Glück,
Schönheit, Reichtum. Alles verloren. Vorbei das Wandeln.
Nein, ich brach nicht zusammen, ich schluchzte nicht, ich grub nicht die
Nägel in die Schläfen. Das ist nicht wahr, ich tat es nicht. Ich zerriß ein
Taschentuch in Streifchen, das tat ich, ja, das!
Ich wanderte. Wenn ich nur gehen durfte.
Auf der Straße waren die Spuren von Rädern und Hufen zu sehen. Fußspuren.
Ich entdeckte meinen Schuhabdruck, ich entdeckte ihren Schuhabdruck. Ich
sah ihn an. Ich fühlte beobachtende Gesichter hinter mir, deshalb ging ich.
Morgen würde man diese Spur im Staube nicht mehr sehen. Sie hat sich in
mein Gedächtnis eingegraben, oft träumte ich von der Spur im weißen Staube.
Ich ging in den Wald, stand stille. Adieu, adieu, immerzu nahm ich
Abschied. Ich ging zurück ins Haus, kam wieder zum Vorschein, stand wieder
bei der kleinen Spur im Staube.
Der Wagen kam von der Station zurück. Der Kutscher sprang vom Bock und ein
Knecht kam und spannte die Pferde aus.