Die Tage gingen und Ingeborg wurde mit jedem Tage kräftiger und gesunder.
Aber doch sprach sie noch nicht wie früher, aber doch lachte sie noch wie
früher.
Müde war Ingeborg noch.
Ingeborg ging umher und sann. Stundenweit ging sie in den Wald und sann.
Ihr Antlitz war gebräunt wie im Sommer, da die Sonne brannte.
Was sann Ingeborg doch?
Ich lag viele Nächte und schlief nicht.
Ingeborg war noch nicht die alte.
Die Vögel sangen nicht mehr wie früher. Die Felder waren gemäht.
Ich lag viele Nächte und schlief nicht. Aber am Tage überfiel mich oft die
Müdigkeit und ich mußte schlafen. Ich fuhr oft aus dem Schlafe empor,
Träume marterten mich. Ich träumte immer wieder und wieder von jener Nacht,
da ich um Ingeborgs Leben kämpfte. Schrecken jagten durch meine Seele. Es
erhoben sich Fäuste und schlugen mich nieder -- und ich erwachte.
Ich vernahm Stimmen, drohende Stimmen, ich vernahm ein Brausen und das
Brausen sprach: Du hast es gewagt!
Hatte ich etwas Böses getan?
Ich sah schlecht aus, als ob ich krank wäre. Zuweilen hatte ich auch
Fieber.
Wie war meine Seele? Wie das Tal war sie, Sonne und Wolkenschatten, jagende
Wolkenschatten, ich freute mich über die Sonne, ich griff nach ihr, wollte
sie bannen, ich war glücklich, ich dachte nicht an die Schatten. Nein, ich
wollte nicht an sie denken.
Ingeborg liebte mich. Sie küßte mich tausendmal. Aber ihre Lippen küßten
anders, es war ein anderer Kuß.
22
Es gab eine fröhliche Nacht, eine Nacht voller Gesang, voller Lachen,
voller Blicke, Küsse in der Luft.
Der Himmel tiefblau, Sterne, viele Sterne, Friede ringsum, heiliger Friede,
im Walde, im Tale. Hundert Kerzen brennen in meinem Zimmer, wir feiern das
Fest der Genesung.
Lachen, Gesang, fröhliche Worte und Wein.
Was geschah alles in dieser Nacht? Ich weiß es nicht mehr. Wir waren
fröhlich und guter Dinge, hundert Kerzen brannten in meinem Zimmer. Wie ein
flammendes Blumenbeet, weiße Stengel, brennende Blüten.
Es blitzte und funkelte, nie habe ich eine solche Helle wieder gesehen,
solche Augen, solche Lippen, solche Hände, nie wieder.
Wir tranken, Ingeborg und ich und Karl. Karl lachte, trank auf Ingeborg,
auf mich, auf alle Heiligen, die im Kalender stehen.
Er las eine kleine Geschichte vor, eine geniale, feine Arbeit. Sie hieß
»Der Verschwender«.
Ich liebe die Verschwender, die Verschwender, die immer verschwenden, Gold,
Gedanken und Gefühle, die alles, alles und immer verschwenden!
Ja, das war Karl! Ich hasse die Bürger, die Krämer, die Rechner, nieder,
nieder mit den Bürgern, ja, nieder mit den Bürgern!
A bas, à bas!
Das war Karl.
Wir tranken auf das Wohl der Verschwender, wir tranken auf den Untergang
der Bürger.
Ingeborg sang. Sie sang nie so schön wie in dieser Nacht, zum erstenmal
dachte ich nicht mehr, daß es Ingeborg war, die da sang, es war eine
Stimme, die Stimme einer Sängerin. Ich war fröhlich, leicht war mein Herz.
Alles war vergessen, alle Schatten. Hatte ich an Schatten gedacht? Ich war
wohl töricht.
Ingeborgs Blick suchte den meinigen, er sprühte Verführung. Ingeborg küßte
mein Ohr, als ich am Flügel saß und Karl es nicht sehen konnte. Ich schrie
leicht auf. Der Flügel kicherte und lachte.
Ich hörte Ingeborgs alte Stimme wieder, ich sah Ingeborgs alte Augen.
Karl sprühte von Ideen und wir lachten und staunten in einem fort. Er
erzählte eine Geschichte von den Obdachlosen, traurige und abscheuliche
Einzelheiten, aber er erzählte sie so, daß wir über alles lachen mußten.
Die Nacht verging.
Ein Hahn krähte. Da brachen wir alle in Gelächter aus, aber niemand hätte
den Grund angeben können, weshalb wir lachten, denn der Hahn krähte wie ein
ganz gewöhnlicher Hahn. Ich erhob mich.
»Freunde,« sagte ich, »hört! Ich mache euch einen Vorschlag. Ihr seid
Freunde, du Ingeborg und du Karl, ich wünsche, daß ihr Geschwister seid.
Könnt ihr das, so nennt euch du!«
Ingeborg wurde verlegen. Ihr Blick flackerte. Karl sagte, daß er mir danke,
das könnten sie ja einmal versuchen.
Und Ingeborg sagte: »Ja« und lächelte.
»Gut!« rief ich. »So küßt euch.« Ich lachte. Es wurde still.
Welche Kinder sie doch waren, diese beiden!
Ingeborg blickte Karl an, und diesen Blick kannte ich. Ich hatte irgend ihn
einmal gesehen, ja, es war droben auf der Höhe, damals als der Wind wehte.
»Nun, so küßt euch doch!«
Karl nahm Ingeborgs Kopf sanft zwischen die Hände und sah sie an. Er wurde
bleich und seine Augen strahlten. Er sah schön aus, verlegen und
triumphierend zugleich. Das war Karls wirkliches Gesicht. Und er küßte
Ingeborg auf den Mund. Ingeborg errötete. Sie schloß die Augen.
Dann waren sie beide verschämt und still.
Solche Kinder waren sie.
»Man muß neue Kerzen aufstecken,« sagte Ingeborg verlegen, und Karl goß
sich das Glas voll und trank auf mein Wohl, mit verlegener Miene. --
Später befahl ich den Wagen und wir fuhren hinein in den Wald, der Tag kam
herauf.
Ingeborg wurde still und schläfrig und schloß die Augen.
»Bist du müde, Ingeborg?« fragte ich.
»Nein,« sagte Ingeborg. »Ich bin gar nicht müde.« Sie lächelte mit
geschlossenen Lidern. -- -- -- -- --
Ingeborg geht herum und hat ein Lächeln auf den Lippen, Träume in den
Augen. Wenn ich sie anrufe, so erschrickt sie und sie lächelt mir zu.
»Woran denkst du, Ingeborg?«
Ingeborg lächelt und geht.
»Ich sage es nicht, Axel,« sagt sie und lächelt über die Schulter zurück.
23
Ingeborg sang und plauderte. Es war Ingeborgs alte Stimme. Ich hörte einen
Schritt über den Korridor eilen, es war Ingeborgs alter Schritt. Ingeborg
ging über die Wiese, ich rief sie an, sie wandte sich um, es war Ingeborgs
alte Bewegung.
Ich war glücklich, wie im Sommer, ja, aber doch überfiel es mich mitunter,
eine leise grundlose Angst, ein Gefühl des Schwindels. Ich dachte, es käme
noch von jener Nacht her -- ich war nicht mehr so gesund wie zuvor. Dann
ereignete sich etwas. Es war an einem Nachmittag.
Ich ging durch den Park, Karl und Ingeborg zu suchen. Sie wollten ein wenig
rudern auf dem See. Karl war mit seiner Arbeit fertig, er war unermüdlich
im Vergnügen wie in der Arbeit, es mußte immer etwas geschehen. Immerzu war
er unterwegs, sein Lachen klang herzlich und laut. Das Kind, das im Dichter
steckt, beherrschte ihn in diesen Tagen.
Ich ging durch den Park, ja. Ich war nicht fröhlich, ich wußte nicht
weshalb. Aber ich entdeckte, daß der Herbst kommen wollte. Welke Blätter
hingen da und dort, die Wipfel waren so dicht, daß man nur kleine,
schimmernde, helle Sternchen des Himmels sah, die Bäume hatten alle Kraft
entfaltet.
Ein süßer, schwerer, welker Geruch fiel aus den Wipfeln, es roch fast wie
in einem Sterbehause. Und es sauste immerzu im Parke. Das war das Sausen
des Herbstes, so leise, so müde, so gleichmäßig.
Ein Vogel pipste in seinem Neste. Er wetzte den Schnabel hin und her. Das
gab einen leisen, rührenden Ton, es klang als sei der Vogel allein und
verlassen im Parke. Der Herbst war im Blute des kleinen Vogels, er wußte
nicht, wovon er singen sollte.
Ich kam an den See, Ingeborg und Karl waren nicht zu sehen, der Kahn lag
trocken am Ufer. Ich bog in einen schmalen Pfad ein, der mit Moos überzogen
war, und überlegte, wo die beiden wohl stecken möchten, da sah ich
unerwartet Ingeborgs Gewand durch die dichten Gebüsche schimmern. Ich
freute mich. Sie sitzen in der Grotte, dachte ich und beschleunigte meinen
Schritt.
Im Park gab es eine Grotte, ein überhängender Fels, ein kleiner klarer
Tümpel darunter, in den von Zeit zu Zeit, in gleichen Zwischenräumen ein
Tropfen fiel. Der Tropfen rief im Wasser und in der Grotte ein feines
Klingen hervor. Das war eine schöne, geheimnisvolle Musik, die man nicht
hören konnte, ohne schwermütig zu werden und über die Rätsel der Welt
nachzudenken.
Ich freute mich, dort würde ich sie treffen, diese zwei, die ich so sehr
liebte. Weshalb schlug mein Herz so sehr?
Ich hörte Ingeborgs Stimme, die einige Worte sprach. Das war unsagbar
schön, die Stimme der Geliebten durch die Stille des Parkes zu hören.
Ich ging leise, vielleicht würde sie wieder sprechen.
Sie sprach wieder und es klang als spräche sie in bittendem Tone.
Ich hörte meinen Namen. Mein Herz begann laut zu pochen. Ich lächelte. Ich
stand nicht weit von ihnen entfernt und sie wußten nicht, daß ich da stand.
Wie schön würde es sein, ihre Worte zu vernehmen und gar, was sie über mich
sagten. Dann wollte ich aus dem Gebüsche hervortreten, wie die Zauberer in
den Märchen, und sagen: ganz dasselbe denke ich auch, Ingeborg, oder
irgendetwas. Und ich freute mich auf ihre überraschten Gesichter und ihr
Lachen.
Ich hörte den Wassertropfen in den Tümpel fallen und dann sprach Ingeborg,
und es erschien mir plötzlich, als spräche sie ferne. Und doch stand ich
nur wenige Schritte hinter ihnen. Ich sah Ingeborgs Nacken, einige
Korallenperlen darauf, ich sah einen Hut, Karls Hut und daneben eine
knochige, schmale Hand, die das Gras niederdrückte, Karls Hand.
»Was denkst du aber?« sagte Ingeborg. »Liebst du mich denn nicht?«
Peng -- fiel der Tropfen.
Und Karl antwortete mit ernster, gleichtönender Stimme:
»Ich denke an Axels vornehmes Herz und an die schwere Arbeit meines
Lebens.«
Die Lider fielen mir zu und meine Arme wurden steif.
Es verging eine endlose Zeit, dann sprach Ingeborg wieder, noch leiser,
noch ferner: »Aber was soll ich tun? Karl, Karl, rate mir doch! Ich ertrage
es nicht länger. Ich liebe Axel, ja, gewiß, aber --«
Da gelang es mir, die gelähmten Hände an die Ohren zu pressen. Es wetterte
dumpf in meinen Ohren, wie in der Nähe eines Dampfkessels. Leise und
vorsichtig schlich ich fort, ich tänzelte fast auf dem glatten Moose. Meine
Zähne schlugen aufeinander, der Schmerz fiel wie ein Beil in mein Herz.