Ingeborg sagte: »O, mein Geliebter, wirst du mich immer so lieben?«

Ich sagte: »Warum fragst du, süße Herrlichkeit?« Ingeborg sagte: »Ich weiß

es, ja! Aber doch sollst du mir es im Tage einmal sagen und tausendmal, daß

du mich liebst.«

Ich nahm Ingeborgs Hände und legte sie auf meine Brust, ich öffnete das

Hemd, so daß sie meine nackte Brust berührten.

Und ich sagte: »Ich werde dich lieben in alle Ewigkeit, ich liebe dich, ich

liebe dich, ich liebe dich -- --«

So ist das Glück: Sprichst du davon, so mußt du sprechen, Tag um Tag, Nacht

um Nacht, du kannst nimmer aufhören, nein, das kannst du nicht, du mußt

sprechen, sprechen -- schreien -- flüstern -- immerzu -- --

17

Es zog eine drohende Wolke herauf über unseren Himmel, eine finstere Wolke,

sie drückte mich nieder. Ich schlug an meine Brust, brach in die Knie und

betete zu dem großen Geiste.

Die drohende Wolke zog vorbei, sie zerschmetterte mich nicht. Lange danach

erst kam der Blitz, da der Himmel wieder klar und leuchtend war -- --

Ingeborg erkrankte.

So begann es. Wir saßen auf der Wiese am Waldesrande, die Ingeborg

Honigtröpflein taufte. Da standen viele gelbe Blumen, aus denen Honig

tropfte. Man roch den Honig schon von weitem, ein Heer von Bienen brummelte

immerzu auf der Wiese. Da saßen wir in der glühenden Sonne, aber Ingeborg

fröstelte.

Wir gingen nach Hause, durch den Park, Ingeborg schmiegte sich an mich.

Plötzlich stieß sie einen Schrei aus. In der Allee stand eine Statue, die

das Schweigen darstellte, eine Frau, die zwei Finger an die Lippen legte.

Die Blässe des Marmors hatte Ingeborg erschreckt. Am Abend erholte sie sich

wieder. Karl speiste mit uns, wir waren guter Dinge, plauderten, lachten.

Aber am andern Morgen war Ingeborg krank.

Ich jagte in die Stadt und holte einen Arzt, depeschierte in die

Hauptstadt. Der Weg führte durch den sommerstillen Wald, die Vögel

zwitscherten. Mein Herz war unruhig, meine Ungeduld flog vor mir her. Ich

jagte durch Dörfer und Ortschaften, die Leute drohten mit der Faust. Es kam

auf ein Dutzend dieser Bauernkaffern nicht an.

Der Arzt verstand nichts. Auch Karl verstand nichts, oder er stellte sich

so.

Ingeborg lächelte.

Es ginge vorüber, heute Abend wolle sie wieder aufstehen.

Niemand schien zu hören, daß sie hastig sprach, fast plappernd wie ein

Kind, niemand schien den metallenen Glanz in ihrem Auge zu sehen.

Karl las vor. Ich hörte nicht, was er las, nur dann und wann trat ein Bild

vor mein Auge, farb- und konturlos wie ein abgewaschenes Aquarell. Ingeborg

schlief ein.

Ich saß allein bei Ingeborg im weißen Zimmer. Die Angst nagte an meinem

Herzen. Goldene Dämmerung kam ins Gemach, Ingeborgs Haare glänzten wie Erz.

Ihre Brust hob und senkte sich langsam, diese gleichmäßige Bewegung brachte

Frieden in mein Herz. Unwillkürlich atmete ich im selben Takte, dann fiel

es mir auf, wieder begann die Angst zu nagen. Es wurde dunkel, Ingeborgs

Haare schimmerten, die Dämmerung senkte sich immer dichter über sie, es

war, als entwiche sie mir. Ich zündete eine Kerze an. Da erwachte Ingeborg.

Sie blickte mich mit großen Augen an und es schien, als besänne sie sich.

»Wie spät ist es, Axel?« fragte sie.

Der Abend sei eben gekommen.

»Dann muß ich noch lange schlafen,« sagte Ingeborg. Aber sie schlief nicht

wieder ein. Es sei heiß. Ihre Wangen glühten. Ich öffnete ein Fenster, ein

kühler Wind wehte, wie nach einem Gewitter, ich mußte es wieder schließen,

über den Himmel zogen schwere hängende Wolken, die die Wälder streiften. In

der Ferne dampfte es, es regnete. Ich legte kalte Tücher auf Ingeborgs

Stirne, aber im Augenblicke waren diese Tücher warm. Ingeborgs Augen waren

feuchtglänzend, wie blaues und weißes Email.

»Nun bin ich krank,« sagte Ingeborg und nickte müde. Sie schloß die Augen.

Die Nacht kam. Karl ließ fragen, ob er mir irgendwie behilflich sein

könnte. Nein, danke. Langsam gingen die Minuten. Der Wind wurde stärker, er

fauchte gegen die Scheiben, zuweilen murmelte er, als schüttele ihn die

Kälte. Es rumorte in den Bergen und Wäldern von fernem, dumpfem Donner.

Es zogen Gedanken hin und her in meinem Kopfe, eine Stimme flüsterte in

mir. -- --

Das große gelbe Haus mit den vielen Zimmern lag ganz still, als wohne

niemand darinnen als die Bilder an den Wänden und Erinnerungen.

Man hörte weder Türen noch Schritte, und der Hof lag ebenfalls ohne Laut

wie am Sonntage, wenn das Gesinde in der Kirche war. Nichts rührte sich,

kein Ruf, kein Schritt. Dieses Schweigen war hörbar und es kam mir vor als

verdichte es sich von Stunde zu Stunde.

Ich setzte einige Uhren in Gang. Nun hörte man nichts als diese Uhren. Das

Schweigen aber wuchs, es breitete sich immer dichter um das Haus. Alles

schien zu lauschen auf einen Schritt in der Ferne, der näher kam.

Eine Stimme flüsterte in mir. Ich verschloß ihr mein Ohr. Ich wollte sie

nicht hören.

Der Arzt aus der Hauptstadt traf ein. Er sagte, daß Ingeborg eine

außergewöhnlich kräftige Natur habe. Da flüsterte die Stimme in mir lauter,

es waren nun zwei Stimmen, die in mir flüsterten. Ich hörte sie, aber ich

glaubte ihnen nicht. Ich ging umher und trug ein gleichmütiges, ja ein

zuversichtliches Gesicht zur Schau.

Die Stunden waren endlos. Bis die Nacht kam, bis die Nacht verging! Es

waren kühle stürmische Gewittertage, die Wolken fingen sich in den Bergen

und fanden keinen Ausweg mehr. Langsam schleppten sie sich im Kreise und

knurrten.

Ich schlief nicht. Ich spürte keine Müdigkeit, aber mein Gehör schlief ein.

Ich ließ Ingeborg nicht aus den Augen, es gab Kissen zu richten, Fruchtsaft

zu reichen, Eis aufzulegen. Ich ließ niemand ins Krankenzimmer außer dem

Arzte. Er hatte im Schlosse Wohnung genommen.

Ich trug Ingeborgs fiebernden Körper ins Bad und zurück ins Bett, ich war

kräftig, im übrigen war es meine Ingeborg, und niemand hatte ein Recht, sie

zu pflegen außer mir.

Schlafen Sie doch! sagte der Arzt. Sie sind selbst krank! Nein! sagte ich.

Es kam eine Nacht, da saß Ingeborg plötzlich steif im Bette mit langem

Gesichte, glitzernden Augen, und zählte an den Fingern etwas ab.

»Sieben Zettelchen, es sind sieben!« rief sie mit der Stimme eines

erschrockenen Kindes.

Ich erblaßte. Da war es!

Stundenlang phantasierte Ingeborg, bis sie ermattet in die Kissen

zurückfiel.

Viele Stimmen schrien in mir, so laut, daß ich sie hören mußte. Sie ist

verloren! schrien sie. Und eine schrie unausgesetzt: Ingeborg! Ingeborg!

Und eine betete, betete wirre, entsetzte, hilflose Worte, immerzu.

Tag und Nacht waren die Stimmen in mir.

Pazzo heulte im Hofe. Er ahnte, daß die Herrin in Gefahr schwebte.

Ich taumelte hin und her in meinem Zimmer. Ich weinte nicht, ich klagte

nicht, nein, ich betete nicht. Die Stimmen waren in mir. Es war nun auch

eine Stimme in mir, die unausgesetzt weinte. Aber ich weinte nicht. Ich

taumelte in meinem Zimmer hin und her.

Ich nahm ohne Gedanken ein Federmesser vom Schreibtisch und stieß es mir in

die Hand. Ich spürte nichts, es blutete. Ich sah das Blut, ja, ich hatte

mir das Federmesser in die Hand gestoßen, wann denn, warum denn?

Es kam noch eine Stimme in mich hinein, die schrie unausgesetzt: Hilfe,

Hilfe! Sie rang die Hände, die Stimme rang die Hände. -- -- --

Ich habe gerungen mit Ingeborg, mit aller Kraft, sie war stärker als ein

Mann, ich mußte sie zurückhalten, ich mußte ihr wehe tun. Sie jammerte,

jammerte. Sie wollte in den Wald laufen. -- -- --

Ob etwa eine seelische Erregung vorhergegangen sei? fragte der Arzt.

Ingeborg · 第 15 / 57 题