[Illustration: Abb. 126. +König Heinrich VIII. von England.+ Ölgemälde
in der Sammlung des Schlosses zu Windsor, übereinstimmend mit dem
untergegangenen Freskobild Holbeins zu Whitehall.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach
i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 127. +Jane Seymour, Königin von England.+ Ölgemälde
in der kaiserl. Gemäldesammlung zu Wien.
(Nach einer Photographie von J. Löwy in Wien.)]
[Illustration: Abb. 128. +Hubert Morett, Goldschmied König Heinrichs
VIII. von England.+
Ölgemälde in der Gemäldegalerie zu Dresden.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach
i. E. und Paris.)]
Das schönste Holbeinsche Porträt, welches Deutschland besitzt, muß
seiner Entstehungszeit nach dem Wandbild in Whitehall nahe stehen. Es
ist das Bild des Hubert Morett in der Dresdener Gemäldegalerie (Abb.
128). Dieser Mann gehörte zwar nicht zu den großen Herren bei Hofe,
aber er hatte doch sehr viel bei Hofe zu thun. Er war des Königs
Juwelier. Als er sich von dem Hofmaler in Lebensgröße porträtieren
ließ, hat er sichtlich den Wunsch zu erkennen gegeben, in ähnlicher
Haltung abgebildet zu werden, wie sein königlicher Gebieter. Wie dieser
hat er sich in gerader Vorderansicht hingestellt, die Rechte mit dem
ausgezogenen Handschuh unter dem Gürtel aufgesetzt und die Linke an
den Dolch gelegt. Es ist interessant, dieses Gemälde hinsichtlich der
Auffassung mit dem anderen in Deutschland befindlichen Meisterwerk von
Holbeins Bildniskunst, dem Giße in Berlin, zu vergleichen. Der deutsche
Kaufherr ist in seiner täglichen Geschäftsthätigkeit dargestellt; der
englische Goldschmied aber steht prunkend da. Er füllt mit seiner
stattlichen Persönlichkeit und seiner reichen Kleidung das ganze Bild.
Ein grünseidener Vorhang bildet den Hintergrund und erzeugt mit dem
warmen Ton des Fleisches und des rötlichen, grau gemischten Bartes,
mit dem Goldschmuck, mit dem schwarzen Atlas, dem braunen Pelz und dem
weißen Unterzeug der Kleidung eine so wunderbare Farbenwirkung, wie sie
auch von Holbein selbst niemals übertroffen worden ist.
[Illustration: Abb. 129. +Prinzessin Christine von Dänemark,
Herzoginwitwe von Mailand.+ Gemälde von 1538, im Besitz des Herzogs von
Norfolk.]
Morett mag damals oft Gelegenheit gehabt haben, mit Holbein in
nahen Verkehr zu kommen. Denn gewiß hat er manches Prachtstück in
Gold und Silber nach dessen Zeichnung ausgeführt. Der König machte
reichlichen Gebrauch von seines Malers Kunstfertigkeit im Entwerfen
kunstgewerblicher Dinge. Viele dahin gehörige Zeichnungen Holbeins
haben sich erhalten. Das meiste findet sich in zwei Skizzenbüchern,
von denen das eine im Britischen Museum zu London, das andere im
Baseler Museum bewahrt wird. In dem Baseler Buch steht bei einer
Zeichnung die Jahreszahl 1537. Da gibt es Entwürfe zu allen möglichen
Dingen, zu Gefäßen verschiedenster Art, zu Handspiegeln und anderem
Toilettegerät, zu Degengriffen, zu Ohrgehängen, Agraffen und sonstigen
Schmucksachen für Herren und Damen; jedes Ding ein Musterwerk edlen
Geschmacks in der Gesamtform und in der reichen, fast überall durch
Figuren belebten Ausschmückung. Eine Anzahl der Zeichnungen gibt bloß
figürliche Kompositionen, in zartester Durchbildung ausgeführt, die
augenscheinlich als Vorbilder für feine, zierliche Edelmetallarbeiten
bestimmt waren. Die Gegenstände der Darstellungen sind bald der
Mythologie oder der Geschichte des klassischen Altertums, bald der
Bibel entnommen; Religiöses und Allegorisches, auch Heraldisches
kommt hinzu. Häufig sind auch Sinnsprüche oder sonstige Aufschriften
angebracht, aus denen sich in einzelnen Fällen ein Schluß darauf
ziehen läßt, wem der König, der wohl meistens der Besteller war,
das Schmuckstück zugedacht hatte. Auch minder anspruchsvollen
Dingen, wie Knöpfen, Quasten, Borten und Stickereien, ließ Holbein
seine künstlerische Erfindungsgabe zugute kommen. Dabei wußte er
an die Stelle seines sonstigen malerisch-plastischen Stils einen
arabeskenhaften Flächenstil von ebenso reinem Geschmack zu setzen.
-- Ein Hauptwerk ist der in Federzeichnung mit Angabe des farbigen
Zusammenwirkens von Gold, Perlen und Edelsteinen ausgeführte Entwurf
eines großen, reich gegliederten Pokals. Das Blatt befindet sich in der
Universitätsbibliothek zu Oxford. Das Prachtgefäß war für die Königin
Jane Seymour bestimmt; es trägt deren Wahlspruch: „Zum Gehorchen und
zum Dienen verbunden“ und die aneinander geknüpften Buchstaben H
und J (Henry und Jane). -- Von keinem der berühmtesten Meister der
Zierkunst der Renaissance wird Holbein an Reichtum und Vornehmheit des
Geschmacks übertroffen. -- Als einen großen Meister baukünstlerischen
Schmuckstils offenbart er sich in einer im Britischen Museum
bewahrten Zeichnung, die den Entwurf zu einem Kamin enthält, einem
zweigeschossigen Säulenaufbau, der mit mannigfaltigem Zierwerk und mit
Figurendarstellungen reich geschmückt ist und sich durch die Anbringung
des englischen Wappens und des Namenszuges Heinrichs VIII. als für ein
königliches Schloß bestimmt zu erkennen gibt.
[Illustration: Abb. 130. +Eduard, Prinz von Wales.+ Ölgemälde in der
königl. Gemäldegalerie zu Hannover.]
[Illustration: Abb. 131. +Anna von Cleve.+ Ölgemälde auf Pergament, von
1539. Im Museum des Louvre zu Paris.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach
i. E. und Paris.)]
Im März 1538 reiste Holbein im Auftrag des Hofes nach Brüssel.
Als Jane Seymour, nachdem sie am 12. Oktober 1537 einem Prinzen das
Leben gegeben hatte, gestorben war, sannen des Königs Räte, vor allen
Thomas Cromwell, der jetzt die ganzen Staatsgeschäfte leitete, auf
eine möglichst baldige neue Ehe des Königs. Dieser selbst schien
anfangs abgeneigt. Als aber nach verschiedenen anderen festländischen
Prinzessinnen Christine von Dänemark, die Witwe des Herzogs Francesco
Maria Sforza von Mailand, genannt wurde, zog er die Sache ernstlich
in Erwägung. Die im Alter von dreizehn Jahren zur Witwe gewordene
Prinzessin war die Tochter des Königs Christian II. von Dänemark
und der Königin Isabella, der Schwester Kaiser Karls V. Politische
Gründe sprachen dafür, durch die Vermählung mit der Nichte des Kaisers
freundschaftlichere Beziehungen zu diesem anzubahnen, in dieser Ehe
ein Mittel zu suchen, daß der Kaiser die Schmach vergäße, die Heinrich
VIII. ihm durch die Verstoßung seiner ersten Gemahlin Katharina von
Arragon, der Tante Karls V., angethan hatte. Aber vor allem handelte
es sich darum, zu erfahren, ob die Prinzessin auch dem persönlichen
Geschmack des Königs behagte. Darum wurde Holbein abgesandt, um ihr
Bildnis zu malen. Am 10. März 1538 traf er, von einem Diener Cromwells
begleitet, in Brüssel ein, wo die Herzogin Christine bei ihrer
Tante, der Statthalterin der Niederlande, verweilte. Der englische
Geschäftsträger in Flandern, John Hutton, hatte inzwischen schon ein
für seinen König bestimmtes, von einem ungenannten Maler angefertigtes
Porträt der Herzogin abgeschickt. Aber als Holbein ankam, ließ Hutton
den mit dem Bild unterwegs befindlichen Boten durch einen Eilboten
zurückhalten; denn er war, wie er an Cromwell berichtete, der Meinung,
jenes Porträt sei „weder so gut, wie die Sache es verlangte, noch
wie Herr Hans es würde machen können.“ Am folgenden Tage bat er die
Herzogin um die Erlaubnis, daß der zu diesem Zweck vom englischen
Hofe hergeschickte Maler sie malen dürfe. Gleich am nächsten Tage,
am 12. März, gewährte die Herzogin Christine Holbein eine Sitzung.
„Der,“ so berichtete Hutton an Cromwell, „wenn er auch nur drei
Stunden Zeit hatte, erwies sich als Meister in der Kunst, denn das
Bild ist ganz vollkommen.“ -- Das Gemälde, welches Holbein nach jener
in drei Stunden gemachten Aufnahme, die wohl eine Zeichnung in seiner
bekannten Art war, ausführte, wurde ein Meisterwerk. Es befindet
sich jetzt im Besitze des Herzogs von Norfolk. Während jener andere
Maler die Prinzessin in großer Kleiderpracht abgebildet hatte, malte
Holbein sie so, wie sie ihm zuerst entgegentrat, in ihrer italienischen
Witwentracht. Er malte sie in ganzer Figur, um ihren schönen hohen
Wuchs zu zeigen. Wie die Sechzehnjährige, ein noch halb kindliches
Wesen, in der ernsten, schwarzen Kleidung ganz schlicht dasteht,
das ist mit der höchsten künstlerischen Größe aufgefaßt, einfach,
natürlich, vornehm und liebenswürdig (Abb. 129).
[Illustration: Abb. 132. +Katharina Howard, Königin von England.+
Miniaturbildchen in der königl. Bibliothek des Windsorschlosses. (Nach
einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 133. +Thomas Howard, Herzog von Norfolk.+ In der
königl. Gemäldegalerie des Schlosses zu Windsor.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach
i. E. und Paris.)]
Im Sommer desselben Jahres schickte der König den Maler abermals nach
dem Festland, und zwar nach Hochburgund, -- wir wissen nicht mit
welchem Auftrag. Bei dieser Gelegenheit machte Holbein einen kurzen
Besuch bei den Seinen in Basel. Er traf um den Anfang des September
dort ein. Seine Mitbürger sahen den im Auslande zum großen Herrn
gewordenen Maler mit Verwunderung an. „Da er aus England wieder gen
Basel auf eine Zeit kam, war er in Seiden und Sammet bekleidet, da
er vormals mußte Wein am Zapfen kaufen.“ So wird über ihn berichtet;
es war in den Augen der Zeitgenossen ein überzeugendes Zeichen von
Dürftigkeit, wenn einer seinen Bedarf an Wein im Wirtshaus holen ließ.
statt vom eigenen Vorrat im Keller. Holbein hatte allen Grund, die
Verhältnisse in England glücklich zu preisen. In den Rechnungsbüchern
des englischen Hofes ist sein Gehalt seit dem Frühjahr 1538 ermittelt
worden; nach den damaligen Wertverhältnissen des Geldes wird berechnet,
daß sein Jahressold einem Betrag von 360 Pfund Sterling heutigen Wertes
gleichkam. -- Die Regierung von Basel bemühte sich wiederum, und zwar
sehr ernsthaft, den Meister an die Stadt zu fesseln. In einer am 16.
Oktober 1538 ausgefertigten Urkunde versprachen Bürgermeister und Rat
„unserem lieben Bürger Hans Holbein“ ein jährliches Gehalt in der für
die damaligen Baseler Verhältnisse ganz ansehnlichen Höhe von fünfzig
Gulden, „aus besonderem geneigten Willen, weil er seines Kunstreichtums
halber vor anderen Malern weit berühmt ist, in Erwägung ferner, daß
er uns in Sachen unserer Stadt -- Bauangelegenheiten und anderes,
dessen er Verstand trägt, betreffend -- mit seinem Rate dienstbar sein
könne, und daß er endlich, falls wir einmal bei Gelegenheit Malwerk
auszuführen hätten, uns dasselbige, jedoch gegen geziemende Belohnung,
getreulich fertigen solle.“ Da nach Holbeins Aussage zu erwarten war,
daß er innerhalb der nächsten zwei Jahre kaum in Gnaden vom Hofe des
Königs von England würde scheiden können, so wurde ihm ein zweijähriger
Urlaub nach England gewährt. In diesen zwei Jahren sollte anstatt
des ihm zugesicherten Dienstgeldes ein jährlicher Betrag von vierzig
Gulden an seine Hausfrau in Basel gezahlt werden. Wenn er nach Ablauf
des bewilligten Urlaubs sich wieder in Basel niedergelassen haben
würde, so sollte er durch den Bezug des städtischen Gehaltes keineswegs
in der anderweitigen Verwertung seiner Kunst behindert werden. „Da
wir,“ so lautet die hierauf bezügliche bemerkenswerte Stelle, „wohl
ermessen können, daß besagter Holbein mit seiner Kunst und Arbeit,
so weit mehr wert, als daß sie an alte Mauern und Häuser vergeudet
werden solle, bei uns allein nicht aufs beste zu seinem Vorteil kommen
mag, so haben wir deshalb besagtem Holbein gütlich nachgelassen, daß
er... um seiner Kunst und seines Handwerks willen... von fremden
Königen, Fürsten, Herren und Städten wohl möge Dienstgeld erwerben,
annehmen und empfangen; daß er außerdem die Kunstwerke, so er allhier
bei uns machen wird, im Jahre ein-, zwei- oder dreimal, doch jedesmal
mit unserer besonderen Erlaubnis und nicht ohne unser Wissen, in
Frankreich, England, Mailand und Niederland fremden Herren zuführen und
verkaufen möge. Doch darf er auf solchen Reisen nicht arglistigerweise
im Ausland bleiben, sondern soll seine Sachen jederzeit förderlich
ausrichten und sich darauf ohne Verzug wieder anheim verfügen und uns,
wie oben steht, dienstbar sein.“ -- Holbein nahm dieses Anerbieten
an und gelobte und versprach, die Bedingungen desselben zu halten.
Zweifellos war er damals fest entschlossen, wieder seinen bleibenden
Aufenthaltsort in Basel zu nehmen, sobald er in England ein genügendes
Vermögen erworben haben würde. Er soll die Absicht ausgesprochen haben,
die Rathausgemälde und andere Bilder auf eigene Kosten neu und besser
zu malen, da ihm von seinen Baseler Wandmalereien nur das Haus zum Tanz
„ein wenig gut“ vorgekommen sei. -- Aber er kehrte nicht heim.
Im Dezember 1538 befand sich Holbein wieder am englischen Hofe. Es
wurde ihm eine besondere Belohnung ausbezahlt für die unbenannten
Geschäfte des Königs, um derentwillen er in die Gegend von Hochburgund
geschickt worden war.
Zum Beginn des nächsten Jahres überreichte er Heinrich VIII. ein
Bildnis des kleinen Prinzen Eduard als Neujahrsgeschenk; als Gegengabe
erhielt er vom König einen goldenen Becher mit Deckel. Eine größere
Freude konnte Holbein seinem Herrn wohl nicht bereiten; denn Heinrich
VIII., dessen Hoffnungen auf einen Thronfolger so oft getäuscht worden
waren, war verliebt in sein Söhnchen, in dessen Nähe zu kommen er nur
bevorzugten Personen gestattete. Ein lebensgroßes Porträt in halber
Figur, das sich in der Gemäldegalerie zu Hannover befindet, könnte dem
Alter des Kindes nach wohl das genannte Bild sein. Der zweijährige
Prinz zeigt hier sein hübsches, rundliches Gesichtchen, auf dessen
Stirn unter dem Häubchen hervor dünne, blonde Haare fallen, und seine
dicken Händchen in der prächtigen Hervorhebung durch Rot und Gold;
er trägt ein rotes Sammetkleid mit goldenen Schnüren und goldfarbigen
Unterärmeln und über der Kinderhaube ein rotes Sammethütchen mit einer
Straußenfeder (Abb. 130). -- Eine allerliebste kleine Umrißzeichnung in
Form eines Medaillons, die das Kind in ganzer Figur, auf einem Kissen
sitzend und mit einem Hündchen spielend zeigt, befindet sich unter den
Blättern des früher erwähnten Skizzenbuchs zu Basel.
[Illustration: Abb. 134. +Bildnis eines Unbekannten+, von 1541. Im
königl. Museum zu Berlin.
(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 135. +Karl Brandon, Söhnchen des Herzogs von
Suffolk.+ Miniaturbildchen von 1541. In der Bibliothek der Königin von
England im Windsorschlosse.
(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
Im Juli 1539 wurde Holbein wieder „in gewissen Geschäften“ des Königs
auf Reisen geschickt. Der Plan der Vermählung Heinrichs VIII. mit der
Nichte des Kaisers war gescheitert. Jetzt wurde dem Kaiser zum Trotz
die Verbindung mit einer protestantischen deutschen Fürstentochter ins
Auge gefaßt. Die Schwester des Herzogs von Cleve und Schwägerin des
Kurfürsten von Sachsen, Anna, wurde dem Könige als eine wünschenswerte
Partie angepriesen. Mit dem Auftrage, deren Bild zu malen, reiste
Holbein nach Deutschland. Galanterweise schickte der König ihr sein
eigenes Bildnis gleich mit durch den Maler; dies besagt eine aus den
königlichen Haushaltungsbüchern geschöpfte Nachricht, daß Holbein
beauftragt war, ein von ihm selbst hergestelltes und mit ansehnlichem
Honorar bezahltes, aber weiter nicht benanntes Ding mitzunehmen.
-- Das Bildnis der neuen Königsbraut wurde Anfang August in einem
Schlosse des clevischen Gebiets aufgenommen. Am 1. September kam der
Maler nach London zurück. -- Wenn später die Fabel verbreitet wurde,
Holbein habe die Fürstin schöner gemalt, als sie in Wirklichkeit
war, und habe dadurch den König veranlaßt, eine Ehe einzugehen, die
ihm sehr bald leid wurde, so beweist das erhaltene Bildnis selber
die Grundlosigkeit dieser Behauptung. Das Gemälde befindet sich im
Louvre. Da sehen wir Anna von Cleve in halber Figur, steif geputzt,
mit einer Menge von Schmuck, das rötlichweiße Gesicht von einer
reichverzierten Haube eingeschlossen, in gerader Vorderansicht (Abb.
131). Man sieht, daß Holbein die Dame langweilig gefunden hat, und
seine künstlerische Ehrlichkeit hat sie so langweilig wie möglich
aufgefaßt. Keine Regung in der Gestalt, keine Regung in den Mienen.
Wie unvergleichlich treffend ist der Ausdruck der blöden deutschen
Jungfrau, die „nie vom Ellenbogen ihrer Mutter kam,“ wiedergegeben! In
einem Punkte steht Holbein höher als alle anderen großen Bildnismaler:
im Erfassen des Charakters auch in den Händen, nicht bloß in Bezug
auf die Form, sondern auch auf den Ausdruck. Man vergleiche nur die
ineinander gelegten Hände der drei Königsbräute: die in Zurückhaltung
ruhenden der Jane Seymour, die liebenswürdigen, kindlich tändelnden der
Herzogin Christine und die geistlosen der clevischen Herzogstochter!
Die Langeweile, die der Maler empfunden hat, spiegelt sich auch in
der Farbe. Gegenständlich war ihm hier ja alles zur Erzielung einer
herrlichen Farbenwirkung gegeben: blondes Fleisch, feines Weißzeug,
roter Sammet, Goldstoff, Gold und Juwelen, -- eine Farbenpracht, die er
durch einen dunkelgrünen Hintergrund passend hervorhob. Und dennoch hat
er mit diesen Mitteln hier keinen solchen künstlerischen Reiz der Farbe
erreicht, wie er ihn sonst zu entwickeln vermochte.
Daß Heinrich VIII. seinem Maler den ihm von den Geschichtschreibern
hinsichtlich dieses Bildnisses aufgebürdeten Vorwurf nicht machte,
geht schon aus den Gnadenbezeugungen hervor, die er ihm gerade in der
nächsten Zeit erwies. Holbein bekam im Jahre 1540 doppeltes Gehalt
ausbezahlt. Daß er unter diesen Umständen darauf verzichtete, zur
verabredeten Zeit nach Basel zurückzukehren, ist leicht zu begreifen.
Seinen Verstand in Bausachen, auf den man in Basel besonders rechnete,
zu bewähren, fand Holbein auch in London Gelegenheit. Wenigstens gilt
die zur Zeit der Königin Anna von Cleve ausgeführte schmuckreiche Decke
der Kapelle des St. James-Palastes als ein Werk seiner Erfindung.
[Illustration: Abb. 136. +Bildnis eines Unbekannten+, von 1541. In der
kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien.
(Nach einer Photographie von J. Löwy in Wien.)]
[Illustration: Abb. 137. +Simon George aus Cornwall.+ Ölgemälde im
Städelschen Museum zu Frankfurt a. M.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach
i. E. und Paris.)]
Die Königin Anna wurde verstoßen, Cromwell, der mächtige, zielbewußte
Lenker des englischen Staatswesens, wurde enthauptet, die katholische
Katharina Howard wurde zur Königin erhoben und ihr Oheim Thomas Howard,
Herzog von Norfolk, einst ein Freund und Gesinnungsgenosse von Thomas
Morus, übernahm die Leitung der Staatsgeschäfte: alles wechselte
wieder einmal am englischen Hofe; aber Holbeins Gunststellung blieb
unverändert.
Von der Königin Katharina Howard ist kein anderes Bildnis von Holbeins
Hand bekannt, als ein Miniaturbildchen -- wie er deren auch eines
von Anna von Cleve als Gegenstück zu einem ebensolchen des Königs
gemalt hatte --; das Bildchen befindet sich in der Bibliothek des
Windsorschlosses (Abb. 132).
Ein großes Prachtbild, in der Gemäldesammlung des nämlichen Schlosses,
führt uns den Herzog von Norfolk auf der Höhe seiner Macht vor Augen
(Abb. 133). Der Herzog war 66 Jahre alt, als er sich von Holbein malen
ließ. Er zeigt uns ein hageres, verschlossenes Gesicht, glatt rasiert
nach der Mode der alten Zeit; über dem breit umgelegten Hermelinpelz,
mit dem sein Mantel gefüttert ist, trägt er die goldene Kette des
Hosenbandordens; in den feinen, fleischlosen Händen hält er den
weißen Stab des Lordkämmerers und den goldenen Stab des Großmarschalls
von England.
[Illustration: Abb. 138. +Bildnis einer unbekannten Dame.+ In der
kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien.
(Nach einer Photographie von J. Löwy in Wien.)]
[Illustration: Abb. 139. +Sir Thomas Wyat.+ Zeichnung in schwarzer und
farbiger Kreide, im königl. Schloß zu Windsor.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach
i. E. und Paris.)]
Von 1541 ist das Miniaturporträt eines dreijährigen Knaben, in der
Bibliothek zu Windsor (Abb. 135). Es stellt Charles Brandon, den
zweiten Sohn des Herzogs von Suffolk, vor und bildet das Gegenstück zu
dem sechs Jahre früher gemalten Bild von dessen Brüderchen Henry.
Die Jahreszahl 1541 ist auch auf zwei Bildnissen von anscheinend nicht
zu den Hofkreisen gehörigen Herren zu lesen, von denen sich das eine,
ein mit der ansprechendsten Schlichtheit aufgefaßtes Brustbild eines
bärtigen Mannes (Abb. 134), im Museum zu Berlin, das andere, die
Halbfigur eines jungen Mannes, der, mit einem Buche in der Hand, hinter
einem Tische sitzt und den Beschauer anblickt (Abb. 136), im Wiener
Hofmuseum befindet.
Hier mögen zwei andere in deutschen Sammlungen bewahrte Meisterwerke
von kleinem Format Erwähnung finden, die Holbeins englischer Zeit
angehören, die aber keinen Anhalt zu näherer Zeitbestimmung bieten:
das Porträt einer hübschen jungen Frau -- Brustbild mit Händen -- im
Wiener Hofmuseum (Abb. 138), und das liebenswürdig aufgefaßte und mit
köstlicher Feinheit gemalte Profilbild eines Herrn Simon George aus
Cornwall im Städelschen Museum zu Frankfurt (Abb. 137).
[Illustration: Abb. 140. +Die Herzogin von Suffolk.+ Zeichnung in
schwarzer und farbiger Kreide, im königl. Schloß zu Windsor.]
Die Zahl der Porträts ohne Jahresangabe ist größer als die Zahl der
datierten. Seine Namensunterschrift hat Holbein nur ausnahmsweise auf
die Bilder gesetzt. Er hatte, wie Michelangelo, das Selbstbewußtsein,
daß seine Gemälde die Beglaubigung seiner Urheberschaft in sich selbst
trügen. Daher ist es wohl erklärlich, daß gar manches Bild später auf
seinen Namen getauft worden ist, das mit seiner Kunst nichts gemein
hat. Wie viele von Holbein in England gemalte Bildnisse noch vorhanden
sind, ist wohl überhaupt noch nicht festgestellt. Sie sind zu einem
großen Teil in englischem Privatbesitz zerstreut. -- Wenn es nirgendwo
Gelegenheit gibt, eine größere Anzahl Holbeinscher Bildnisgemälde
nebeneinander zu sehen, so findet sich dafür ein ganzer Schatz von
seinen herrlichen Bildniszeichnungen in der Bibliothek der Königin
von England im Windsorschlosse vereinigt. Diese in ihrer Art ganz
einzige, unschätzbare Sammlung enthält über achtzig Blätter, lauter
Meisterwerke. In diesen ersten Aufnahmen nach dem Leben, die bald
in wenig mehr als Umrissen alles Notwendige zu sagen wissen, bald
ganz malerisch ausgearbeitet sind, treten uns die Persönlichkeiten,
unbenannte und benannte -- viele, die in der englischen Geschichte
eine Rolle gespielt haben --, fast ebenso sprechend und lebensvoll vor
Augen, wie in ausgeführten Gemälden. Ja, es liegt in dieser ersten
Niederschrift von Künstlerhand, die, das Wesentliche schnell erfassend,
gleich alles vermerkte, was im Gemälde ausgedrückt werden sollte, ein
ganz besonderer Reiz. Daß mit so Wenigem so Vollkommenes gegeben wird,
ist das Wunderbare an diesen Zeichnungen, die, ohne etwas an und für
sich Fertiges sein zu wollen, doch ganze fertige Kunstwerke sind (Abb.
139-144).
[Illustration: Abb. 141. +Sir John Gage.+ Zeichnung in schwarzer und
farbiger Kreide, im königl. Schloß zu Windsor.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach
i. E. und Paris.)]
In der nämlichen Sammlung befindet sich ein einzigartiges Werk
Holbeins, eine figurenreiche Komposition in Miniaturausführung;
getuschte Silberstiftzeichnung, mit Gold und einigen wenigen Farben
reizvoll belebt. Der Gegenstand der Darstellung ist der Besuch der
Königin von Saba bei König Salomo. Bemerkenswert ist die reife
Schönheit der Renaissancearchitektur auf diesem Blatt, die von Holbeins
jugendlichen Architekturphantasien weit verschieden ist (Abb. 145).
Im Jahre 1542 erschien eine Holzzeichnung Holbeins, die vielleicht
das letzte war, was er für den Buchdruck machte. Es ist ein Bildnis
in Medaillenform von Sir Thomas Wyat und schmückt die Rückseite des
Titels einer Schrift, die als „Nänia“ (Totenklage) das Andenken dieses
im Jahre 1541 im blühendsten Alter gestorbenen Lieblings des Königs
feiert. Mit der denkbar größten Einfachheit des Striches, der auch die
minder geübte Hand eines englischen Formschneiders folgen konnte, hat
Holbein hier ein sprechendes Porträt gezeichnet.
[Illustration: Abb. 142. +Elisabeth, Gemahlin von Sir Henry Parker.+
Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide.
In der Bibliothek des königl. Schlosses zu Windsor.
(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
[Illustration: Abb. 143. +Reskymeer+, ein Edelmann aus Cornwall.
Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide. Im königl. Schloß zu
Windsor.]
Im Jahre 1542 muß Holbein wieder ein Bild des Prinzen von Wales gemalt
haben. Zwar ist über das Gemälde selbst nichts bekannt, aber unter
den Zeichnungen im Windsorschloß ist eine, die das Kind in dem dieser
Zeit entsprechenden Alter zeigt (Abb. 146). Ein mit der Jahreszahl
1542 bezeichnetes Werk besitzt die Gemäldegalerie im Haag in den
trefflichen kleinen Porträt eines jungen Mannes, der einen Falken auf
der Faust hält. Ein Selbstbildnis Holbeins aus diesem Jahre wird als
im Privatbesitz vorhanden erwähnt.
[Illustration: Abb. 144. +Lady Baux.+
Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide. Im königl. Schloß zu
Windsor.]
Im folgenden Jahre fand Holbein die Muße, zweimal sich selbst zu malen,
das eine Mal in Miniatur, das andere Mal in halber Lebensgröße. Diese
Bilder sind beide verschollen. Aber von dem einen derselben gewähren
uns zwei Kupferstichnachbildungen aus dem XVII. Jahrhundert, eine
von Vorstermann (Abb. 149), die andere von Wenzel Hollar -- der auch
sonst viele von Holbeins englischen Arbeiten gestochen hat, -- eine
Anschauung. Der fünfundvierzigjährige Meister sieht hier sehr ernst
aus. Der allgemeinen Sitte folgend hat er sich nach König Heinrichs
Vorbild einen Vollbart wachsen lassen. -- Das in der Sammlung von
Malerbildnissen im Uffizienpalast zu Florenz hängende Selbstbildnis
Holbeins kann kaum noch als solches bezeichnet werden. Dasselbe ist
zwar ursprünglich eine Zeichnung Holbeins, anscheinend zu dem in jenen
Kupferstichen wiedergegebenen Gemälde; aber die Zeichnung ist durch
Übermalung verunstaltet und unähnlich gemacht worden.
Ein schönes Brustbild eines langbärtigen Herren im Pelz, mit Namen
Melchior Maag, das sich in der Sammlung des Herrn Huybrechts zu
Antwerpen befindet, trägt ebenfalls die Jahresbezeichnung 1543 (Abb.
147).
[Illustration: Abb. 145. +Die Königin von Saba vor Salomo.+
Miniaturartige Tuschzeichnung mit Farben und Gold.
In der Bibliothek der Königin von England im Windsorschloß.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach
i. E. und Paris.)]
[Illustration: Abb. 146. +Eduard, Prinz von Wales.+ Zeichnung in
schwarzer und farbiger Kreide, in der königl. Bibliothek im Schlosse zu
Windsor.
(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
In dieser Zeit arbeitete Holbein an einem großen figurenreichen
Gemälde, das er wohl nur nach und nach fertig machen konnte. Es
war ein Porträtstück, das zugleich einen geschichtlichen Vorgang
verbildlichte. Die vereinigte Chirurgen- und Barbiergilde zu London
ließ dasselbe malen zur Erinnerung an die Gewährung ihrer Zunftrechte
durch den König. Die Vertreter der Gilde, achtzehn an der Zahl,
wurden dargestellt, wie sie vor dem Throne Heinrichs VIII. knieen,
um aus dessen Hand ihren Freibrief in Empfang zu nehmen. Einzelne
der Vorstandsmitglieder malte Holbein nebenher auch in besonderen
Bildnissen. So den achtundachtzigjährigen ~Dr.~ John Chambers, der zu
den Leibärzten des Königs gehörte. Das schöne Bild des würdevollen
Greises befindet sich jetzt in der kaiserlichen Gemäldegalerie zu Wien
(Abb. 148). Das große Genossenschaftsbild hat sich auch erhalten;
es hängt noch im Zunfthaus der Londoner Barbiere. Aber es zeigt,
abgesehen von der Entstellung durch spätere Übermalungen, daß es auch
ursprünglich nur zum Teil von Holbein gemalt worden ist. Es war dem
Meister nicht beschieden, dieses Werk fertig zu sehen.
[Illustration: Abb. 147. +Melchior Maag.+ Gemälde von 1543. In der
Sammlung Huybrechts zu Antwerpen.]
[Illustration: Abb. 148. +John Chambers+, Leibarzt König Heinrichs
VIII. In der kaiserl. Gemäldegalerie zu Wien.]
Mitten in der reichsten Schaffensthätigkeit starb Hans Holbein in der
Blüte der Jahre und fern von der Heimat im Herbst 1543, wahrscheinlich
als ein Opfer der Pest, welche in diesem Jahre in London wütete.
Vom 7. Oktober ist sein Testament datiert. Von seiner Familie in
Basel ist darin keine Rede. Für diese hatte er augenscheinlich
schon vorgesorgt; die Familie lebte auch nach seinem Tode in guten
Verhältnissen. Die letztwillige Verfügung bezieht sich nur auf die
Ordnung seiner Londoner Verhältnisse. Sein Pferd und seine sonstige
Habe sollte verkauft werden zur Deckung der Guthaben einiger Freunde.
Am 29. November gab der Goldschmied Johannes von Antwerpen, einer der
Zeugen, die Vollstreckung des Testamentes ab.
König Heinrich VIII. erhielt ein Werk von der Hand seines Künstlers
noch nach dessen Tode. Zu Neujahr 1544 wurde ihm von einem seiner
Kämmerer ein Entwurf Holbeins zu einer Wanduhr verehrt, eine jetzt
im Britischen Museum befindliche große Zeichnung von prächtig
geschmackvoller Erfindung.
[Illustration: Abb. 149. +Holbeins Selbstbildnis aus seinem letzten
Lebensjahre.+