In der Schönborngalerie zu Wien.]

[Illustration: Abb. 119. +Ein Kaufmann vom Stahlhof zu London.+

Ölgemälde von 1532, in der Sammlung des Schlosses Windsor.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Im Jahre 1535 erschien eine Prachtausgabe der ganzen Heiligen Schrift

in englischer Sprache, übersetzt von Coverdale. Das Buch, das nicht

in England, sondern in Zürich gedruckt wurde, war König Heinrich

VIII. gewidmet. Sein Titelblatt schmückte eine sehr schöne Einfassung

von Holbein. Diese Titelzeichnung setzt sich aus einer Anzahl von

Bildchen zusammen, die nach mittelalterlichem Herkommen, aber in

neuer Auffassung Gegenüberstellungen von Begebenheiten des alten und

des neuen Bundes enthalten. In dem Kopfstreifen sind Sündenfall und

Erlösung dargestellt: hier Adam und Eva unter dem Baum, dort der dem

Grabe entstiegene Heiland, der über Tod und Hölle triumphiert; beides

Zeichnungen von überraschender Schönheit der Figuren. Dann folgen an

den Seiten herunter hier Moses, der auf dem Sinai die Gesetztafeln

empfängt, und Esra, der den aus der babylonischen Gefangenschaft

zurückkehrenden Juden das alte Gesetz vorliest, dort Christus, der

seine Jünger in alle Welt entsendet, und die predigenden Apostel. Unten

stehen der König David und der Apostel Paulus einander gegenüber.

Zwischen diesen beiden Einzelgestalten sieht man Heinrich VIII. im

königlichen Schmuck auf dem Thron sitzen; vor ihm knieen die Fürsten

und Bischöfe Englands, und er überreicht den letzteren ein Buch, die

Heilige Schrift in der Landessprache. -- Es ist bemerkenswert, daß der

König in diesem kleinen, übrigens -- vielleicht durch die Schuld des

Holzschneiders -- nicht sehr porträtähnlichen Bild bereits, entgegen

der bis dahin in England geltenden Sitte, einen Vollbart trägt, was

nach seinem Beispiel alsbald allgemeine Mode wurde.

[Illustration: Abb. 120. +Derich Tybis aus Duisburg, Kaufmann zu

London.+ Ölgemälde in der kaiserlichen Gemäldegalerie zu Wien. (Nach

einer Photographie von J. Löwy in Wien.)]

[Illustration: Abb. 121. +Bildnis eines in London ansässigen

Deutschen+, von 1533. Im königl. Museum zu Berlin.

(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Holbein führte in dieser Zeit wieder mehrere Holzzeichnungen aus.

In ein paar kleinen Blättern, die erst nach seinem Tode, in dem

Katechismus des Erzbischofs Cranmer zur Veröffentlichung kamen,

spiegelte sich die Stimmung wieder, welche das erschreckende Ergebnis

der von Cromwell veranstalteten amtlichen Besichtigung der englischen

Klöster hervorrief. In diesen Holzschnitten, die das Gleichnis

vom Pharisäer und Zöllner und Christus, den Besessenen heilend,

darstellen, sind die Pharisäer als Mönche gezeichnet. Das letztere

Blättchen hat Holbein, entgegen seiner Gewohnheit, mit seinem vollen

Namen unterschrieben. So auch einen ähnlichen kleinen Holzschnitt,

der in einer Flugschrift erschien, eine Darstellung des guten Hirten,

bei der der schlechte Hirt, der seine Herde im Stiche läßt, wieder

als Mönch erscheint. -- Eine in dem nämlichen Sinne, aber noch

schärfer gehaltene Folge kleiner Handzeichnungen, eine Darstellung der

Leidensgeschichte Christi in 22 Blättern, ist verschwunden. Sandrart,

dem sie der Graf von Arundel, ihr damaliger Besitzer, zeigte, erwähnt

sie in seiner „Teutschen Akademie,“ und von sechzehn derselben gewähren

Kupferstichnachbildungen aus dem XVII. Jahrhundert eine nur ungenaue

Anschauung.

Eine Bildniszeichnung auf Holz fertigte Holbein im Jahre 1535 an.

Der französische Dichter Nikolaus Bourbon von Vandoeuvre hielt sich

damals in England auf. Holbein malte sein Bild, und zwar stellte er ihn

schreibend dar; aber nicht, wie einst den gelehrten Erasmus, gesenkten

Blickes in die Schrift vertieft, sondern mit sinnendem Dichterauge

ins Weite schauend. Was der Dichter während der Sitzung schrieb, war

ein schmeichelhafter Ausdruck seiner Bewunderung für den Künstler.

Nach diesem Bildnis -- die Zeichnung desselben befindet sich in der

Sammlung des Windsorschlosses (Abb. 123) -- machte Holbein dann das

Holzschnittbild, das bestimmt war, eine Ausgabe von lateinischen

Gedichten Bourbons zu schmücken. Diese Ausgabe erschien zu Lyon im

Jahre 1538, und in demselben Jahre stattete Bourbon in seiner Kunst

dem Maler seinen Dank ab: er war der Verfasser der lobpreisenden

Einleitungsverse zu Holbeins Bildern aus dem Alten Testament.

Unter jenen Gedichten Bourbons trägt eins die Überschrift: „Auf ein

Gemälde des königlich britanischen Malers Hans, meines Freundes.“

Dieses besungene Gemälde war das Bildnis eines schlafenden Knaben von

der Schönheit eines Liebesgottes, gemalt auf ein Elfenbeintäfelchen. Es

war also ein Miniaturbild.

[Illustration: Abb. 122. +Robert Cheseman+, Falkner König Heinrichs

VIII.

Gemälde von 1533, in der königl. Gemäldesammlung im Haag.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Daß Holbein, der ja so überaus fein zu malen verstand und Ölbilder von

ganz kleinem Maßstab mit der höchsten Vollendung ausarbeitete, sich

in England in der eigentlichen Miniaturmalerei versucht habe, wird

auch von anderer Seite berichtet. Miniaturmalerei war damals nicht

mehr ausschließlich das, was die ursprüngliche Bedeutung des Wortes

besagt, farbige Ausschmückung von Handschriften, sondern das Verfahren

der Buchmalerei wurde auf selbständige Bildchen kleinsten Maßstabes

angewendet. Schließlich hat das Wort ja seine Bedeutung so verändert,

daß man heute jedes sehr kleine Gemälde als ein Miniaturgemälde

bezeichnet, einerlei in welcher Technik es gemacht sein mag.

[Illustration: Abb. 123. +Der Dichter Nikolaus Bourbon von Vandoeuvre.+

Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide. In der Bibliothek der

Königin von England im Windsorschlosse.

(Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]

Holbein soll das Verfahren der Miniaturmalerei dem am englischen Hofe

angestellten Niederländer Lukas Horebout abgesehen haben, einem Bruder

jener Susanna, deren Kunstfertigkeit Dürer in Antwerpen bewundert

hatte und die jetzt als Gattin eines königlichen Bogenschützen in

London lebte. Holbein soll sein Vorbild nach kurzer Zeit der Übung weit

übertroffen haben.

Viele in englischem Besitz befindliche Miniaturbildnisse, zum Teil

auf Stücke von Spielkarten gemalt, gelten als Arbeiten Holbeins. Ein

unzweifelhaftes Werk seiner Hand ist das mit der Jahreszahl 1535

bezeichnete Bildchen des fünfjährigen Henry Brandon, Sohnes des Herzogs

von Suffolk: es befindet sich in der Bibliothek des Schlosses Windsor

(Abb. 124). Dann zwei im Besitze der Familie Seymour befindliche

zusammengehörige Bildchen von 1536: die Porträts von König Heinrich

VIII. und Jane Seymour, der jungen Königin, die im Mai dieses Jahres an

die Stelle der beklagenswerten Anna Boleyn getreten war.

Holbein stand im Jahre 1536 als angestellter Maler des Königs, der

ein festes Jahresgehalt bezog, im Dienste Heinrichs VIII. Die erste

sichere Bezeugung von seinem Eintritt in diese Stellung findet sich in

einem Brief, den Nikolaus Bourbon von der Heimat aus an einen Freund

am englischen Hofe schrieb; darin sendet der Dichter seine Grüße neben

anderen Herren vom Hofe an „Herrn Hans, den Apelles unserer Zeit“

und nennt denselben mit dem Titel „königlichen Maler“ -- wie in der

Überschrift des zwei Jahre später veröffentlichten Gedichts.

Von nun an finden wir Holbein fast ausschließlich als Bildnismaler des

königlichen Hofes und der höchsten Aristokratie des Landes thätig.

Den ersten Rang unter Holbeins Hofbildnissen nimmt das auch der Zeit

nach voranstehende Porträt von Jane Seymour ein, das sich in der

kaiserlichen Gemäldegalerie zu Wien befindet (Abb. 127). Die Königin

ist in nicht ganz lebensgroßem Maßstab in halber Figur dargestellt.

Sie trägt ein dunkelrotes Kleid über einem Rock von Silberbrokat, dem

Unterärmel aus dem nämlichen Stoff entsprechen. Ihre gepriesene rein

weiße Hautfarbe leuchtet klar und kühl aus dem Purpurton des Kleides

hervor, an dem schönen Hals und dem still und bescheiden blickenden

Gesicht von reichlichem Perlen- und Goldschmuck umsäumt, an den

feinen Händen, deren ruhiges Ineinanderliegen dem Gesichtsausdruck so

treffend entspricht, mit dem Weiß der in kostbarer Arbeit verzierten

Ärmelvorstöße wetteifernd. Es ist ein wahrhaft königliches Bild.

[Illustration: Abb. 124. +Heinrich Brandon, Sohn des Herzogs von

Suffolk.+ Miniaturbildchen von 1535. In der Bibliothek der Königin von

England im Windsorschloß. (Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl

in München.)]

Heinrich VIII. ließ sich von Holbein in einem Wandgemälde porträtieren,

im „Königsgemach“ des Schlosses Whitehall. Das Gemälde, das im Jahre

1537 fertig wurde, bestand aus einer Zusammenstellung von vier

stehenden Bildnisfiguren auf reichem architektonischen Hintergrund:

Heinrich VIII., seine Eltern Heinrich VII. und Elisabeth von York

und seine Gemahlin Jane Seymour; die beiden Könige rechts im Bilde

(also links vom Beschauer), die Königinnen links; die Vorfahren etwas

zurückstehend, die Lebenden im Vordergrunde. Wie alle monumentalen

Schöpfungen Holbeins ist auch dieses Wandgemälde untergegangen. Es

fiel dem Brande des Schlosses Whitehall im Jahre 1698 zum Opfer. Eine

kleine Kopie desselben, die König Karl II. anfertigen ließ, wird in

der Sammlung des Schlosses Hamptoncourt aufbewahrt. Wichtiger noch für

die Würdigung dieses Meisterwerkes Holbeins ist ein erhaltenes Stück

des Kartons, der zur Übertragung der Zeichnung des Gemäldes auf die

Wand gedient hat. Dieses Stück, das sich im Besitz des Herzogs von

Devonshire befindet, enthält die Figuren der beiden Könige; es ist

nicht nach der gewöhnlichen Art solcher Hilfszeichnungen mit Kohle,

sondern mit dem Pinsel in schwarzer und weißer Leimfarbe ausgeführt.

Das Münchener Kupferstichkabinett bewahrt die in der gewohnten Art

des Meisters nach dem Leben gezeichnete Studie zu dem Kopf Heinrichs

VIII. (Abb. 125). -- Wenn es des Königs eigenster Gedanke war, das

Aussehen seiner Person in einem Monumentalgemälde auf die Nachwelt

zu bringen und das ganze Gemälde nur aus seinem, seiner -- in diesem

Augenblick sicher wirklich von ihm geliebten -- Frau und seiner Eltern

Bildnissen bestehen zu lassen, so war Holbein der geeignetste Meister

dazu, um aus dem Porträtstück ein monumentales Geschichtsbild zu

machen. In den Gestalten des verstorbenen Königspaares hat er das, was

vorhandene Bildnisse ihm gaben, beseelt. Bei den Lebenden hat er in

den Abbildern der Wirklichkeit großartige Charakterbilder geschaffen.

Jane Seymour erscheint in der nämlichen Auffassung, wie in dem Wiener

Ölgemälde, als „die stille Königin.“ Heinrich VIII., in überreicher,

juwelengeschmückter Kleidung, steht mit gespreizten Beinen da, stark

und breitschultrig, mit einem Kopf von mächtigem Knochenbau und weichem

Fleisch, mit einem harten und doch fesselnden Blick aus kleinen Augen

unter hochgeschwungenen Brauen und mit einem wohlgeformten Mund von

sinnlich und zugleich thatkräftigem Ausdruck, das ganze Gesicht ein

Bild der Rücksichtslosigkeit, unter der die von Natur vorhandenen

ansprechenderen Züge verschwinden; die rechte Faust ist herausfordernd

auf die Hüfte gesetzt, die Linke spielt mit dem Gehänge des Dolches.

So steht er im Bilde dem Beschauer gegenüber als der Heinrich VIII.

der Geschichte. -- Die vorhandenen Ölgemälde, die das Bildnis des

Königs wiedergeben, sind sämtlich Nachbildungen des Freskogemäldes

von Whitehall. Keines derselben scheint von Holbeins eigener Hand

ausgeführt zu sein (Abb. 126).

Allem Anschein nach war Heinrich VIII. von der Auffassung, in der

Holbein ihn in Whitehall an die Wand malte, so voll befriedigt, daß er

es für unnötig hielt, ihm später noch einmal zu einem anderen Bilde zu

sitzen.

Ein Holzschnittbildnis des Königs -- dazu brauchte er keine Sitzung --

zeichnete Holbein als Titelblatt zu Halls Chronik. In diesem großen

Blatt ist Heinrich VIII. thronend dargestellt, von seinen Räten umgeben.

[Illustration: Abb. 125. +Heinrich VIII., König von England.+

Kreidezeichnung nach dem Leben.

Holbein der jüngere · 第 37 / 39 题