[Illustration: Abb. 103. +Sir Thomas Goldsalve mit seinem Sohne John.+
Ölgemälde von 1528. In der königl. Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach
einer Photographie von Franz Hanfstängl in München.)]
Durch die Empfehlung seines hochstehenden Gastfreundes fand Holbein
reichliche Beschäftigung als Porträtmaler. Zunächst malte er natürlich
den Thomas Morus selbst. Von vielen auf diesen Namen getauften und
Holbein zugeschriebenen Bildnissen gilt ein in London in Privatbesitz
befindliches Bild in halber Figur, mit der Jahreszahl 1527 bezeichnet,
als das einzige echte. Die ganze Familie des Morus malte er in einem
umfangreichen Bilde lebensgroß mit Wasserfarben auf Leinwand. Dieses
bewunderte Gemälde ist spurlos verschwunden. Aber das Baseler Museum
bewahrt einen Entwurf zu demselben, eine geistreiche Federzeichnung
in Umrissen (Abb. 93). Thomas Morus schickte dieses Blatt, auf dem
er zu jeder der in den wenigen Strichen schon ganz porträtähnlich
angegebenen Personen den Namen beischrieb, durch den Künstler selbst,
als dieser heimkehrte, als Geschenk an Erasmus. Von den Zeichnungen
in Ausführungsgröße, in denen Holbein die einzelnen Köpfe des
Familienbildes aufnahm, sind glücklicherweise die meisten erhalten; sie
befinden sich in der Bibliothek des königlichen Schlosses zu Windsor
(Abb. 94 der Kopf des Thomas Morus und Abb. 95 derjenige von dessen
Vater). -- Wohl auch zu den ersten Personen, die Holbein in England
porträtierte, gehörten die hohen geistlichen Freunde und Gönner des
Erasmus: der Erzbischof Warham von Canterbury und der Bischof Fisher
von Rochester. Auch von diesen Bildnissen werden die Zeichnungen im
Windsorschlosse bewahrt (Abb. 96 und 98). Das Bild Warhams ist in zwei
eigenhändigen Ausführungen vorhanden, von denen sich die eine noch im
erzbischöflichen Palast in Southwark, die andere im Louvre befindet
(Abb. 97). Den Porträts der beiden greisen Kirchenfürsten reiht sich
dasjenige eines jüngeren Herrn, des Bischofs Stokesley von London an,
das sich in der Gemäldegalerie des Windsorschlosses befindet (Abb. 99).
In der nämlichen Sammlung prangt ein Hauptwerk des Jahres 1527, das
Porträt des Sir Henry Guildford, Stallmeisters König Heinrichs VIII.
Der mit Morus befreundete und auch mit Erasmus bekannte ritterliche
Herr, der in dem Feldzug gegen Frankreich das Banner seines Königs
in der Schlacht getragen hatte, steht in reicher Staatskleidung da,
mit Unterkleidern von Goldbrokat unter dem pelzbesetzten schwarzen
Überrock, mit der Kette des Hosenbandordens geschmückt und mit dem
Kammerherrenstab in der Hand (Abb. 100). Ein Prachtstück der Malerei,
das, wie man aus der Tracht schließen kann, während des ersten
Aufenthalts Holbeins in England entstand, ist das im Pradomuseum zu
Madrid befindliche Bildnis eines in Schwarz gekleideten alten Herren
mit sehr roter Gesichtsfarbe und ungewöhnlich großer Nase (Abb. 101).
Mit der Jahreszahl 1528 ist das treffliche Bildnis des königlichen
Hofastronomen Nikolaus Kratzer aus München, im Louvre, bezeichnet,
eine lebensgroße Halbfigur, von wissenschaftlichen Geräten, die mit
der äußersten Genauigkeit gemalt sind, umgeben (Abb. 102). Deutschland
besitzt ein Werk von 1528 in dem kleinen Doppelbildnis des Thomas
Goldsalve und seines Sohnes John in der Dresdener Galerie (Abb. 103).
Wahrscheinlich gehört auch das in der Münchener Pinakothek befindliche,
leider schlecht erhaltene Bildnis des Sir Bryan Tuke in diese Zeit, auf
dem der Abgebildete, wohl durch Holbeins Totentanzzeichnungen angeregt,
neben sich den Tod darstellen ließ, der als Gerippe mit der Sense in
der Hand von hinten herantritt und auf die ablaufende Sanduhr auf dem
Tische hinweist (Abb. 104).
[Illustration: Abb. 104. +Sir Bryan Tuke.+ Ölgemälde in der königl.
Pinakothek zu München. (Nach einer Photographie von Franz Hanfstängl in
München.)]
[Illustration: Abb. 105. +Bildnis einer englischen Dame.+ Zeichnung
in schwarzer und farbiger Kreide. Im Museum zu Basel. (Nach einer
Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und
Paris.)]
Holbein behielt in seiner Bildnismalerei jetzt und auch später das
Verfahren bei, das er von frühester Zeit her angewendet hatte. Er legte
den Grund zu dem Gemälde in einer auf Papier ausgeführten Zeichnung,
in der er mit Buntstiften einige Farbenangaben machte, für ihn
ausreichend, um danach das Bild so weit zu bringen, daß das Modell nur
zur letzten Vollendung zu sitzen brauchte. Unter den aus der Sammlung
Amerbachs herrührenden Blättern im Baseler Museum befinden sich auch
einige Bildniszeichnungen aus England, die der Maler mit nach Hause
gebracht hat, nach seinem ersten Aufenthalt in England oder bei seiner
zweiten Heimkehr. Da sind die in schneller Umrißzeichnung und leichter
Tönung des Fleisches angegebenen Porträts eines vornehmen Ehepaares,
das in etwas weitergehender Wirkung ausgeführte Porträt des königlichen
Stallmeisters Sir Nicolas Carew, und das vorzüglich schöne Bild einer
unbekannten Dame in der eigentümlichen Haube der damaligen englischen
Mode (Abb. 105). Neben diesen Bildniszeichnungen sei diejenige eines
unbekannten jungen Mannes erwähnt, der dem Schnitt seines Gesichtes
nach kein Engländer, sondern ein Deutscher ist, die schönste von
allen in Basel befindlichen Bildniszeichnungen Holbeins. In diesem
Prachtstück meisterhafter Zeichnung ist unter dem schwarz schraffierten
und gewischten breitrandigen Barett das Gesicht mit Schwarz und Rot,
auf die denkbar einfachste Weise, zu völlig malerischer, fleischiger
Wirkung durchgebildet; auf das Haar ist ein kräftiger brauner Ton
gezeichnet, der auch die Modellierung der Haarwellen angibt, und mit
demselben braunen Stift ist der Pelzbesatz des Rockkragens flüchtig,
aber treffend angedeutet (Abb. 106). Eine in andersartigem Verfahren,
in Deckfarbenmalerei, ausgeführte Bildnisaufnahme, die ebenfalls
ein Meisterwerk allerersten Ranges ist, besitzt Deutschland in dem
im Berliner Kupferstichkabinett befindlichen Kopf eines unbekannten
bärtigen Mannes (Titelbild).
Im Sommer 1528 war Holbein wieder in Basel. Von wie günstigen Erfolgen
die englische Reise begleitet war, geht daraus hervor, daß er
gleich nach der Heimkehr ein Haus kaufte; später kaufte er noch ein
anstoßendes kleineres Haus dazu.
[Illustration: Abb. 106. +Bildnis eines Unbekannten.+ Zeichnung in
schwarzer, roter und brauner Kreide. Im Museum zu Basel. (Nach einer
Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E. und
Paris.)]
Eine seiner ersten Arbeiten nach der Rückkehr in die Heimat mag das
Bildnis der Seinigen gewesen sein, das im Baseler Museum eines der
fesselndsten Stücke für den heutigen Beschauer ist. Darauf sehen
wir Frau Elsbeth mit zwei Kindern, einem blonden Jungen und einem
rothaarigen kleinen Mädchen (Abb. 107). Die Kinder sind jedenfalls die
beiden ältesten, Philipp und Katharina. Von Philipp erfährt man, daß er
ein „guter, frommer Junge“ war; er wurde Goldschmied, kam nach seiner
Lehrzeit in Paris weit in der Welt herum und ließ sich schließlich
in Augsburg nieder; von ihm stammt das durch Kaiser Matthias in den
Adelstand erhobene Geschlecht der Holbein von Holbeinsberg. Auf Philipp
und Katharina folgten noch zwei Kinder: Jakob, der als Goldschmied in
London starb, und Küngolt, die sich, ebenso wie ihre ältere Schwester,
in Basel verheiratete. -- Das Gemälde, in Lebensgröße mit Ölfarben
auf Papier gemalt, das dann an den Umrissen ausgeschnitten und auf
eine Holztafel geklebt worden ist, ist ein Meisterstück kostbarer
Malerei und ein Wunderwerk künstlerischer Naturnachbildung. In diesem
„Realismus“ ist die Einfachheit der Natur selbst erreicht. Es sieht
aus, als ob der Maler die drei Figuren so aufgefaßt hätte, wie der
Zufall sie ihm hinsetzte; und doch, wie wohl erwogen und abgemessen
ist das Kunstwerk! Eine verblühende Frau mit trübem Ausdruck, zwei
ganz hübsche und gesunde, aber keineswegs ungewöhnlich reizvolle
Kinder, alle drei in äußerst anspruchslosem Anzug -- das nach der
damaligen Baseler Mode tief ausgeschnittene, schmucklose Kleid der
Frau ist schwarzgrün, ein Streifen dünnen braunen Pelzes an einem
dem Kleid gleichfarbigen Obergewand und ein sehr feiner Schleier
über dem dunkelblonden, am Hinterkopf in einem rötlichbraunen
Mützchen versteckten Haar sind die einzigen Putzstücke, der Knabe hat
einen schwärzlich grünblauen Kittel und das Mädchen ein farbloses
hellwollenes Röckchen an --: daraus hat Holbein ein in den Helligkeits-
und Dunkelheitsverhältnissen, im Fluß der Linien und im Zusammenklang
der Farben vollendet schönes Bild geschaffen.
Man sollte denken, der Maler, der seinen Mitbürgern ein solches Bildnis
zeigen konnte, hätte mit Porträtbestellungen überhäuft werden müssen.
Aber die Baseler waren ganz und gar durch den Glaubensstreit in
Anspruch genommen, und in dem blinden Eifern der Parteien verhallte die
Mahnung des Rates, man solle „einander nicht papistisch, lutherisch,
ketzerisch, neu- oder altgläubig nennen, sondern einen jeden ungetrotzt
und ungeschmäht bei seinem Glauben lassen.“ Welcher Bürger hätte da der
schönen, friedlichen Kunst noch seine Aufmerksamkeit zuwenden können?
Die Jahreszahl 1529 auf einer Zeichnung des Baseler Museums weist uns
auf ein untergeordnetes, aber äußerst verdienstvolles Arbeitsfeld
Holbeins hin: seine Thätigkeit als Erfinder mustergültiger Vorbilder
für das Kunsthandwerk. Hatte er in seiner frühen Jugend vorzugsweise
das Glasergewerbe mit Mustern bedacht, so schuf er später mit Vorliebe
Entwürfe für Goldschmiedearbeiten. Jene Jahreszahl steht auf einem in
getuschter Federzeichnung ausgeführten Entwurf einer mit prachtvollen
Renaissanceornamenten bedeckten Dolchscheide (Abb. 108). Das Baseler
Museum besitzt außer dieser noch vier Vorzeichnungen Holbeins zu
schmuckreichen Dolchscheiden, wie Stutzer und vornehme Herren sie gern
trugen, eine schöner als die andere. Die eine, sehr reich und fein,
zeigt, nur in Umrißlinien mit der Feder skizziert, drei mythologische
Darstellungen in Gehäusen übereinander, das Parisurteil, Pyramus und
Thisbe und Venus und Amor, darunter einen Kopf zwischen Ornamenten
(Abb. 108). Auch die drei anderen sind mit Figurendarstellungen
geschmückt, und zwar, entsprechend der vielfach beliebten Sitte,
den Dolch in wagerechtem Hang am Gürtel zu tragen, in der Weise,
daß die Kompositionen sich in der Längsrichtung der Fläche, von der
Zwinge der Scheide nach dem Griff des Dolches hin bewegen. Da ist in
einer ebenfalls nur in Umrissen skizzierten Zeichnung ein römischer
Triumphzug dargestellt; in der anderen, die in zartester, unglaublich
feiner Durchmodellierung ausgetuscht ist, der Durchgang der Israeliten
durch den Jordan; die dritte zeigt einen Totentanz: König und Königin,
Kriegsmann und Mönch, Frau und Kind müssen den in höhnischer Lustigkeit
springenden Gerippen folgen (Abb. 109). -- Neben den Dolchscheiden
seien die Zierstreifen erwähnt, die, bald aufrecht stehend, bald
wagerecht liegend gedacht, auch für mancherlei andere Zweige des
Kunsthandwerks verwendbar, doch vorzugsweise auf Ausführung in
Goldschmiedearbeit berechnet sind. Davon finden sich im Baseler Museum
ein lustiger Fries mit nackten Kindern, ein anderer, mehr ausgeführter
mit jagenden und spielenden Kindern zwischen prächtig geschwungenen
Ornamenten (Abb. 110) und eine aufrechte Leiste, in der Bären gar
possierlich im Gerank einer Rebe emporklettern, von einem Spielmann mit
Trommel und Pfeife begleitet (Abb. 111).
[Illustration: Abb. 107. +Holbeins Frau und Kinder.+ Ölgemälde auf
Papier. Im Museum zu Basel.
(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach
i. E. und Paris.)]
Holbeins Geschmack im Entwerfen von Ziergebilden, der sich schon früh
so reich und fruchtbar gezeigt hatte, war nicht stehen geblieben in der
Entwickelung. Das schönste Beispiel von seiner Geschmacksverfeinerung
und zugleich einen Beweis von seinem Mitgehen mit der vorschreitenden
Umwandlung des Renaissancestils gibt ein prächtiger Holzschnitt, der
in dieser Zeit entstanden sein muß (Abb. 112); „Erasmus Rotterdamus
in einem Gehäuse“ wird das Blatt in dem Amerbachschen Verzeichnis,
das sich auch auf Holzschnitte erstreckt, genannt. Dieses Gehäuse,
schmuckvoll und reich und zugleich rein und vornehm in den Formen,
ist vielleicht das Schönste, was die Zeit auf dem Gebiete der
Buchverzierungen überhaupt geschaffen hat. Aber ein ebenso großes
Meisterwerk wie die Umrahmung ist das von ihr eingeschlossene Bildnis
des Erasmus. Wir sehen den feingeistigen und gelehrten Mann hier in
ganzer Figur: eine schwächliche Gestalt, eingehüllt in talarartig
lange, pelzgefütterte Röcke, und dabei groß und bedeutend nicht
nur im Kopf, der den Blick dem Beschauer zuwendet, sondern auch in
der ganzen Haltung. Er lehnt die Rechte auf den Kopf einer beseelt
gedachten Herme, des „Terminus,“ und macht mit der Linken eine auf
diese Gestalt hinweisende Bewegung. Den Terminus, den Schutzgeist
der festgelegten Wege und Grenzen, hatte Erasmus zum Sinnbild
seiner schriftstellerischen Thätigkeit gewählt. Die volle Bedeutung
dieses Sinnbilds wird uns durch eine im Baseler Museum befindliche
Tuschzeichnung mitgeteilt, die Holbein einmal für Erasmus angefertigt
hatte, anscheinend zum Zwecke der Ausführung in Glasmalerei. Da steht,
von einem säulengetragenen Bogen eingerahmt, der Terminus in einer
weiten Landschaft, der ein paar grüne Farbenflecken ein wirkungsvoll
lebhaftes Aussehen geben; der von einem Strahlenkranz umgebene Kopf der
Bildsäule macht eine leichte Wendung und spricht scheinbar leichthin
und doch mit unantastbarer Bestimmtheit die Worte, die dabeigeschrieben
sind: „~Concedo nulli~“ (Ich mache niemandem Zugeständnisse). Holbein
verstand seinen gelehrten Freund. Das ganze Blatt wirkt eigentümlich
groß, und der sprechende Gesichtsausdruck des Terminus ist ein
Meisterwerk allerersten Rangs. -- Die Holzzeichnung „Erasmus im
Gehäuse“ war als Titelblatt zu den Werken des Erasmus bestimmt. Die
seltenen ersten Abdrücke sind unten mit einer zweizeiligen lateinischen
Inschrift versehen, die die Ähnlichkeit des Bildnisses preist. In
der späteren Ausgabe, die als Titel zu der von Johannes Frobens Sohn
Hieronymus Froben veranstalteten Gesamtausgabe von Erasmus’ Schriften
im Jahre 1540 erschien, sind an die Stelle des einen Distichons deren
zwei getreten, in denen des Zeichners mit ebenso rühmenden Worten
gedacht wird wie des Schriftstellers, der vier Jahre vor dieser
Veröffentlichung seiner gesamten Werke gestorben war.
[Illustration: Abb. 108. +Entwürfe zu metallenen Dolchscheiden.+