Holzschnittbildnis, wahrscheinlich von Hans Lützelburger geschnitten.]

[Illustration: Abb. 52. +Erasmus von Rotterdam.+ Ölgemälde von 1523. Im

Louvre zu Paris.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

An den jungen Meister, von dessen Erfindungsgabe und Geschmack Basel so

vielfältige Proben sah, und dessen Handfertigkeit in der Wandmalerei

die Häuser an den Straßen bekundeten, wendete sich die Regierung von

Basel, als es sich darum handelte, das Innere des großen Sitzungssaales

im neuen Rathause mit Wandgemälden zu schmücken. Holbein übernahm

diese Arbeit im Juni 1521 und brachte dieselbe bis zum Spätherbst

des folgenden Jahres zu einem vorläufigen Abschluß. In dieser Zeit

bemalte er drei Wände des Saales. Als er damit fertig war, glaubte

er den für das Ganze vereinbarten Preis bereits verdient zu haben;

der Rat gab ihm hierin Recht und beschloß, „die hintere Wand bis auf

weiteren Bescheid anstehen zu lassen.“ -- Was für ein großartiges Werk

Holbein hier geschaffen hat, das können wir leider nur noch erraten aus

demjenigen, was uns die Kenntnis davon vermittelt. Die Malereien selbst

sind schon vor langer Zeit, wahrscheinlich durch Feuchtigkeit, zu

Grunde gegangen. Ihre Spuren wurden im Jahre 1817 bei der Beseitigung

einer alten Tapete wiederaufgefunden. Danach sind von drei Hauptbildern

Abbildungen angefertigt worden, die aber begreiflicherweise nicht

mehr als das Allgemeine der Kompositionen wiedergeben. Eine bessere

Vorstellung von der Formengebung der Gemälde bekommen wir durch eine

Tuschzeichnung Holbeins, welche als Entwurf zu einem der Bilder gedient

hat, und durch mehrere alte Kopien nach solchen Entwürfen. Wie herrlich

die Farbe gewesen sein muß, kann man nur nach ganz spärlichen kleinen

Resten ahnen, die aus dem zerbröckelnden Wandputz herausgenommen und

in das Museum gebracht worden sind. -- Der Künstler verfuhr bei der

Ausschmückung des Saales nach den nämlichen Grundsätzen, die er bei

der Bemalung der Außenseite von Häusern anwendete. Er verwandelte den

an sich einfachen Raum durch gemalte Säulenstellungen in eine weite

Halle. In diesen Rahmen ordnete er die Figurendarstellungen in der

Weise ein, daß man die in den Hauptbildern geschilderten Vorgänge in

breiten Durchblicken der Architektur, gleichsam draußen sich abspielen

sah, bald im Freien, bald in tiefen Säulensälen; in den Zwischenräumen

zwischen diesen großen Bildern sah man Einzelgestalten in vertieften

Nischen des Architekturrahmens. Diese Einzelgestalten waren zum Teil

geschichtliche Persönlichkeiten, zum Teil Allegorien der sogenannten

weltlichen oder Kardinaltugenden. Für die Hauptbilder gab, wie es die

Zeit mit sich brachte, die Geschichte des klassischen Altertums die

Stoffe; sie sollten in großartigen Beispielen zur strengsten Pflege

derjenigen Tugenden, welche die höchsten Pflichten der Herrschenden

sind, ermahnen. Da sah man die unbeugsame Gerechtigkeit und die

opfermutige Stärke in den Bildern zweier Gesetzgeber veranschaulicht:

Charondas, der sich selbst mit dem Tode bestraft, und Zaleukus, der

die Hälfte der von seinem Sohn verwirkten Strafe an sich selbst

vollstrecken läßt; ein Beispiel der Weisheit gab das Bild des

unbestechlichen Dentatus, und die Maßhaltung wurde gepredigt durch

das abschreckende Beispiel des Perserkönigs Sapor, der dem besiegten

Feinde noch Schmach anthut. Wie sprechend und lebendig Holbein die

Vorgänge zu erzählen wußte, das zeigen auch die unvollkommenen

Anschauungsmittel der vorhandenen Skizzen und schlechten Abbildungen.

-- Charondas von Catanea hatte in den Gesetzen, welche er der Stadt

Thurii gab, bei Todesstrafe verboten, in der Volksversammlung Waffen

zu tragen; und als es ihm widerfuhr, daß er, von einer Reise, ohne

sich umzukleiden, zur Versammlung eilend, erst dort gewahrte, daß er

noch mit dem Schwert umgürtet war, gab er sich selbst vor aller Augen

den Tod. Holbein hat die Sitzung der Volksvertreter von Thurii in eine

große, teilweise offene Säulenhalle mit reichem bildnerischen Schmuck

verlegt. Die Augen aller Versammelten heften sich auf Charondas,

und dieser vollführt seine überraschende That so schnell, daß die

meisten wie gebannt auf ihren Plätzen sitzen bleiben; nur wenige sind

aufgesprungen. Charondas richtet, indem er sich das Schwert in die

Brust stößt, den Blick zum Himmel, entsprechend der Angabe der antiken

Erzählung, daß eine Anrufung des Zeus zum Zeugen, daß das Gesetz Herr

bleiben solle, seine letzten Worte waren. -- Das Zaleukusbild schildert

mit grausiger Anschaulichkeit die Blendung zweier Menschen. In einer

Halle, die sich nach einem sonnenbeschienenen Platz hin öffnet,

sitzt vor einer großen Menge von Zuschauern ein junger Mann, dem der

Henker das linke Auge ausreißt. Ihm gegenüber sitzt ein würdevoller

Greis in fürstlicher Tracht auf dem Thron und bietet sein rechtes

Auge der Zange dar. Der Greis ist Zaleukus, Herrscher von Lokri in

Unteritalien. Seine Gesetze hatten die Strafe des Verlustes beider

Augen auf den Ehebruch gesetzt, und sein einziger Sohn war dieses

Verbrechens überführt worden. Die Lokrier baten ihn, Gnade zu üben; und

um ihren Bitten und seinem Vatergefühl Rechnung zu tragen, ohne daß

vom Gesetz abgewichen würde, bestimmte er, daß sein Sohn das eine Auge

verlieren, er selbst aber das andere hergeben solle. Wunderbar hat der

Künstler den Gegensatz geschildert zwischen dem Missethäter, der in

gräßlicher Qual seine Strafe erleidet, und dem Helden der Aufopferung,

der sich anschickt, freiwillig dasselbe zu erdulden. An jenem thut

ein Diener der Gerechtigkeit gefühllos, was seines Amtes ist. Bei

diesem untersucht der mit der Vollziehung des Befehls Beauftragte

vorher das Auge mit einer Lupe; man sieht, er wird sich bemühen, bei

der Operation so behutsam wie möglich zu verfahren. Das Volk blickt

zum Teil mit tiefer Bewegung auf den Fürsten, zum Teil sieht es mit

Schauder der Arbeit des Henkers zu. -- Das Blatt im Baseler Museum,

welches die alte Skizzenkopie des Zaleukus enthält, zeigt uns auch eine

der allegorischen Gestalten, die Holbein zwischen die Geschichtsbilder

einordnete. Es ist die Figur der Gerechtigkeit. Frau Justitia steht

in einer Architekturlaube und zeigt mit dem Schwert auf eine im

Bogen aufgehängte Tafel, auf der in lateinischer Sprache die Worte

stehen: „O ihr Herrschenden, vergeßt eure eigenen Angelegenheiten

und sorgt für die öffentlichen!“ Auch die übrigen Bilder waren durch

Inschriften erläutert. -- Von dem Bilde des Curius Dentatus ist leider

keine Skizze vorhanden, sondern nur die mangelhafte Abbildung der im

Jahre 1817 aufgefundenen Reste. Das Bild muß prächtig gewesen sein;

die Komposition ist sehr schön. Unter einer offenen Rundbogenhalle,

durch die man weit in die Landschaft hinaussieht, kniet Curius, mit

römischer Feldherrenrüstung bekleidet, am Kaminfeuer und ist im

Begriff, sich eigenhändig sein einfaches Mahl zu bereiten. Da treten

von der Seite die Gesandten der Samniter zu ihm herein; die beiden

vordersten der prunkhaft reich -- in Renaissancetracht -- gekleideten

Herren tragen einen großen goldenen Pokal und eine mit Goldstücken

gefüllte Schüssel. Der Römer aber wendet sich nur eben ein wenig nach

ihnen um und spricht, auf die vor ihm liegenden Rüben hinweisend,

die Worte, die in das Bild geschrieben sind: „Ich will lieber das da

aus meinem Irdengeschirr essen und denen, die Gold haben, gebieten.“

Unterhalb dieser Darstellung hat der Maler den übrigbleibenden Raum der

Wandfläche in eigentümlicher Weise ausgefüllt. Man sieht die steinerne

Unterwölbung des Fußbodens, auf dem sich der Vorgang abspielt; vor

dem Kellergewölbe steht der Baseler Ratsdiener, in die Wappenfarben

der Stadt, schwarz und weiß, gekleidet, mit dem Wappenschildchen auf

der Brust, und lüftet grüßend den Hut gegen den Beschauer. Von der

Originalausführung sind die Köpfe von einigen der Gesandten erhalten;

trotz des schadhaften Zustands kann man daran die prächtige Malerei

noch bewundern. -- Von dem Bilde des Sapor ist der eigenhändige

Entwurf Holbeins erhalten: eine getuschte Zeichnung, der durch einige

hier und da hineingesetzte Farbentöne ein lebhafteres malerisches

Aussehen gegeben ist. Der architektonische Rahmen, der die Darstellung

einschließt, zeigt reich verzierte Säulen auf rot marmorierten

Sockelgestellen. Dazwischen hindurch sieht man auf einen freien Platz,

den spätgotische Gebäude abschließen. Ritter und bewaffnetes Fußvolk

füllen den Platz. Im Vordergrund steigt der Perserkönig Sapor, in

stattliche Renaissancetracht gekleidet, auf sein von einem Stallknecht

gehaltenes Roß, indem er den Rücken des gefangenen Kaisers Valerianus,

der mit jammervollem Ausdruck am Boden kniet, als Schemel benutzt.

[Illustration: Abb. 53. +Die Gemahlin des Herzogs Jehan de Berry.+

Zeichnung in schwarzer und farbiger Kreide nach der bemalten Steinfigur

der Herzogin in der Kathedrale zu Bourges. Im Museum zu Basel. (Nach

einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E.

und Paris.)]

In den beiden Jahren, während deren Holbein im Rathaussaale malte,

schuf er verschiedene Ölgemälde, die der Nachwelt erhalten geblieben

sind. Mit der Jahreszahl 1521 ist ein eigentümliches Bild bezeichnet,

das im Baseler Museum den Blick des Beschauers unwiderstehlich fesselt:

Christus im Grabe (Abb. 45 und 46). Der Leichnam liegt ausgestreckt

in dem engen Sarg, dessen uns zugekehrte Seite fortgelassen ist, ohne

eine andere Unterlage, als ein weißes Tuch auf dem Boden. Das Innere

des Sarges ist warmgrün angestrichen, und dieser Ton stimmt wundervoll

zu den fahlen Fleischtönen des Toten. Über dem Sargdeckel sieht man

einen schmalen Strich tiefschwarzen Hintergrunds, und darüber ist, wie

mit Goldbuchstaben auf die Kante einer weißen Steinplatte geschrieben,

die Inschrift angebracht: „~Jesus Nazarenus, Rex Judaeorum.~“ Holbein

hat den Leichnam mit dem größten Fleiß nach der Natur gemalt; mit

vollkommener Treue hat er die Starre der Glieder, das Leblose der Haut,

das verfärbte Gesicht mit den blutleeren Lippen und dem gebrochenen

Auge wiedergegeben. Sein Modell war durchaus nicht schön, aber das Bild

ist unsagbar schön -- freilich nicht im landläufigen Sinne des Worts.

Es ist ein Wunderwerk der Malerei. Seine religiöse Bedeutung erhält

das Werk allerdings nur durch die Wundmale und durch die Überschrift;

von idealer Auffassung ist keine Rede, es war dem Maler sichtlich um

die volle Ausnutzung eines Studiums, das zu machen er wohl nicht oft

Gelegenheit fand, zu thun. Sehr richtig hat schon Basilius Amerbach das

Gemälde in seinem Verzeichnis aufgeführt als „ein Totenbild mit dem

Titel Jesus Nazarenus.“

Die Jahreszahl 1522 trägt ein Gemälde, das sich zu Solothurn in

Privatbesitz befindet und unter dem Namen „Madonna von Solothurn“

bekannt ist (Abb. 47). Zweifellos schmückte dasselbe ursprünglich

einen Altar in dem alten, im vorigen Jahrhundert durch einen Neubau

ersetzten Münster dieser Stadt. Später fand es sich unbeachtet und

verwahrlost in einer Dorfkirche der Nachbarschaft. Es zeigt in einer

Anordnung, die derjenigen des Holzschnitts mit den Schutzheiligen

von Freiburg (Abb. 40) sehr ähnlich ist, die Jungfrau Maria thronend

zwischen den stehenden Gestalten eines Bischofs und eines Ritters;

diese beiden sind die Schutzpatrone von Solothurn, der heilige

Martin, Bischof von Tours, und der heilige Ursus, einer der Märtyrer

von der thebäischen Legion. Der Kopf der Maria ist das holdeste und

lieblichste Frauengesicht, das Holbein ersonnen hat. Mit dem Ausdruck

der Bescheidenheit und Milde vor sich hinblickend, hält die Jungfrau

das köstlich lebenswahre nackte Kind, das den Kopf und die Händchen

und Füßchen bewegt, auf dem Schoß. Über ihr hellrotes Kleid wallt

in weiten Falten der blaue Mantel auf die Thronstufe herab, die ein

bunter, mit Stifterwappen geschmückter Teppich bedeckt. Der Kopf

hebt sich mit dem über die Schultern ausgebreiteten goldfarbigen

Haar, auf dem ein feiner, durchsichtiger Schleier liegt, und mit der

reichen, mit Edelsteinen und Perlen besetzten Krone von dem lichten

Blau der Luft ab, in die man durch einen Rundbogen hinausblickt.

Dieser graue Steinbogen ist gegen Holbeins Gewohnheit ganz schmucklos;

eiserne Stangen sind in ihn eingespannt, wie um ihn zusammenzuhalten.

Vermutlich hatte man durch solche Mittel die Wölbungen der alten Kirche

zu festigen gesucht, und Holbein brachte das Bild in Einklang mit dem

Bauwerk, welches dasselbe aufnahm. Die beiden Heiligen an den Seiten

sind herrliche Gestalten, bewunderungswürdig auch in der Durchführung

des Gegensatzes der Charaktere. Martinus ist ein vornehmer Herr und

frommer Priester mit einem feinen, geistreichen und liebenswürdigen

Gesicht; seine rote Mitra und seine violette Kasel sind mit prächtigen

Stickereien geschmückt, die der Maler bis ins einzelste ausgeführt

hat; in der linken Hand hält er mit dem Bischofsstab zugleich den

Handschuh der entblößten Rechten, die er gebraucht, um Geldstücke in

das Holzschüsselchen eines Bettlers zu legen. Der Bettler ist eine

zur Darstellung des heiligen Martin gehörende kennzeichnende Beigabe;

mit feinem Gefühl hat Holbein von dieser an und für sich nicht in die

Vereinigung von Heiligen passenden Gestalt nur das Notwendigste zum

Vorschein kommen lassen: das flehende, kümmerliche Gesicht und ein

Stück von der Hand, welche die Schüssel zum Empfang der Gabe emporhält.

Der heilige Ursus ist ganz Kriegsmann, ehrenfest und unerschütterlich;

von Kopf zu Fuß in eine Rüstung, wie sie zu des Künstlers Zeit getragen

wurde, gekleidet, umfaßt er mit der Linken den Schwertgriff und hält

in der Rechten eine rote Fahne mit weißem Kreuz, die sich in dem

glänzenden Eisen von Helm und Harnisch spiegelt.

Zwei Tafeln mit Einzelfiguren von Heiligen, die sich in der Kunsthalle

zu Karlsruhe befinden, augenscheinlich Stücke eines größeren

Altarwerks, gehören ebenfalls dem Jahre 1522 an. Das eine Bild,

auf dem mit dem Namen des Künstlers die Jahreszahl angebracht ist,

stellt die heilige Ursula vor. Gekrönt, mit goldenem Heiligenschein,

in fürstlicher Tracht nach dem Modegeschmack der Zeit, steht die

Glaubenszeugin, die als Zeichen ihres Märtyrertums eine Anzahl langer

Pfeile in den Händen trägt, vor einer weiten Landschaft und einer

blauen, von den Zweigen eines Feigenbaums durchschnittenen Luft (Abb.

48). Das Gegenstück zeigt den heiligen Georg, der in antiker Rüstung,

mit der Fahne in der Hand, auf dem erlegten Lindwurm steht (Abb. 49).

[Illustration: Abb. 54. +Das Leiden Christi+ in acht Bildern,

Altargemälde (Übersichtsblatt, vergl. die beiden folgenden

Doppelbilder). Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 55. +Obere Hälfte der Passionstafel+ im Museum zu

Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 56. +Untere Hälfte der Passionstafel+ im Museum zu

Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

In dem nämlichen Jahr erschien zum erstenmal ein später noch oftmals

gedruckter berühmter Buchtitelholzschnitt von Holbein, die sogenannte

Cebestafel. Der griechische Philosoph Cebes -- entweder der von Plato

erwähnte Schüler des Sokrates oder ein Späterer gleichen Namens --

bringt in seiner Schrift „Das Gemälde“ eine ausführliche Beschreibung

eines figurenreichen Bildes, das ihm in einem Tempel gezeigt wurde;

darin war der Weg des Menschen zur wahren Glückseligkeit dargestellt.

Nach dieser Beschreibung hat Holbein das genannte Blatt entworfen (Abb.

50). Eine rings um das Bild laufende Mauer bezeichnet das begrenzte

Gebiet des menschlichen Lebens. Außerhalb der Mauer, unten am Bildrand,

sieht man eine Schar nackter Kinder. Das sind die Seelen der noch nicht

ins Leben eingetretenen Menschen; die Verbildlichung der Seele durch

eine Kindergestalt war eine im Mittelalter allgemein gebräuchliche und

auch der Zeit Holbeins noch geläufige Darstellungsform. Den ins

Leben Eintretenden empfängt an der Pforte der Genius, der Schutzgeist,

dargestellt durch einen würdevollen Greis, der dem Eintretenden

einen Zettel überreicht; als Inhalt des Zettels haben wir uns die

Mahnungen des Schutzgeistes für den Lebensweg zu denken. Gleich hinter

der Lebenspforte fährt die Glücksgöttin auf rollender Kugel daher,

Gutes und Schlimmes verteilend; und den Neuling im Leben erwartet

die Verführung, verbildlicht durch eine reich gekleidete Dame, deren

hilfsbereites Gefolge die trügerischen Vorstellungen bilden. Was

deren Lockungen bieten, sieht der Mensch, der nun in Jünglingsgestalt

erscheint, jenseits einer Mauer. Das Thor in dieser Mauer führt ihn in

das Gebiet der Wollust, der Habgier und der Unenthaltsamkeit. Nachdem

er die aus diesem Bereich führende Pforte durchschritten hat, harren

seiner am Wege der Schmerz und die Traurigkeit. Aus deren Bereich

wird er durch die Reue, die sich liebevoll seiner annimmt, geleitet.

Aber nun verfällt er der falschen Belehrung, die wieder als geputzte

Dame erscheint. Nur ein schmaler Weg und eine enge Pforte in steiler

Felswand führen aus diesem Gebiet hinaus; mit vielfacher Thätigkeit

eifrig beschäftigt, lagern die Scharen derer, die hier das Lebensziel

gefunden zu haben glauben, an der Felswand. Der Lebenswanderer

sieht die schöne Frau mit scheuer Bewunderung an -- diese kleine

ausdrucksvolle Rückenfigur ist ein wahres Meisterwerk --, und er

schreitet weiter. In der Entschlossenheit und der Stärke findet er die

hilfreichen Kräfte, die ihn durch die enge Felsenschlucht, in der sich

der Ausweg verliert, emporziehen. Und jetzt ist er im Gebiet der wahren

Belehrung angelangt. Diese steht wie ein Heiligenbild gestaltet auf

einem Steinsockel; Wahrheit und Überzeugung sind ihre Begleiterinnen.

Der Lebenswanderer kniet anbetend vor ihr nieder, und nichts trennt

ihn mehr vom Eingang zur Burg der wahren Glückseligkeit. Da wohnen

alle Tugenden, und in der Mitte thront die Glückseligkeit, eine von

überirdischem Strahlenschein umleuchtete Herrscherin; sie krönt den

Wanderer, der an allen Irrungen vorbei den Weg gefunden hat. --

Holbein hat seine Holzschnittzeichnungen nur selten mit seinem Namen

bezeichnet. Dieses Blatt aber hat er für wichtig genug gehalten, um auf

demselben seine Unterschrift in Gestalt eines doppelten ~H~ anzubringen.

Die erste Bestimmung von Holbeins Cebestafel war, den Titel der von

Erasmus von Rotterdam veranstalteten lateinischen Ausgabe des Neuen

Testaments zu schmücken. Daraus erklärt sich die kirchliche Gestaltung

der Figuren der wahren Belehrung und der Glückseligkeit. Die Anwendung

der Gedanken des griechischen Philosophen auf das christliche Buch

entsprach so recht dem Sinn des Erasmus.

In dem nämlichen Jahre 1522 erschien in Basel eine deutsche Ausgabe

des Neuen Testaments, ein Nachdruck von Luthers Übersetzung, und auch

zu diesem Buch zeichnete Holbein den Titel. Er brachte darauf als

Hauptfiguren an den Seiten die Apostel Petrus und Paulus an, in den

vier Ecken die Evangelistenzeichen, oben das Wappen der Stadt Basel und

unten das Druckerzeichen des Verlegers Adam Petri, ein auf einem Löwen

reitendes Kind.

Im März 1523 erschien bei Petri gleichzeitig mit einer neuen Auflage

dieser großen Ausgabe eine fein ausgestattete kleine (Oktav-) Ausgabe

des Neuen Testaments in der deutschen Übersetzung. Diese war außer mit

einem jenem großen Blatt ähnlich komponierten Titel mit den Bildern

der vier Evangelisten und mit vier Bildern zur Apostelgeschichte

von Holbeins Hand geschmückt. -- Im Dezember 1523 gab Petri einen

Nachdruck von Luthers Übersetzung des Alten Testaments heraus. Dieses

Buch brachte zwischen vielen Bildchen von anderen Zeichnern eine

Anzahl Zierbuchstaben und einige Bilder von Holbein, darunter ein

besonders schönes Kopfstück zum Anfang des Textes, die Erschaffung

der Eva inmitten der übrigen, vollendeten Schöpfung darstellend. --

Eine größere Reihe von Holzzeichnungen lieferte Holbein zu der Ausgabe

von Luthers Übersetzung des Neuen Testaments, welche der Drucker

Thomas Wolff ebenfalls im Jahre 1523 veranstaltete. Hier stellte er in

der Titeleinfassung eine ganze Anzahl von bildlichen Darstellungen,

meistens aus der Apostelgeschichte, zusammen. Dazu kamen einundzwanzig

Bilder zur Offenbarung Johannis. Daß es Holbein, trotz seiner sonstigen

künstlerischen Selbständigkeit, bei dieser Aufgabe nicht immer gelang,

sich von der Erinnerung an Dürers gewaltige Schöpfungen frei zu halten,

das kann man ihm nicht zum Vorwurf machen; und daß es ihm nicht gelang,

diesem übermächtigen Vorbild gleich zu kommen, namentlich in Bezug

auf das Phantastische, das ist begreiflich. Die Schnittausführung der

apokalyptischen Bilder ist schlecht. Dagegen ist das Titelblatt mit

den zahlreichen kleinen Figuren ein Meisterwerk der Holzschneidekunst.

Dasselbe trägt das Zeichen des Formschneiders Hans Lützelburger.

Hans Lützelburger, genannt Franck, stammte wahrscheinlich aus Augsburg.

Er scheint erst im Jahre 1523 nach Basel gekommen zu sein. Seine

Thätigkeit dort dauerte nur wenige Jahre; im Juni 1526 war er bereits

verstorben. In dieser Zeit aber schnitt er fast alles, was Holbein für

den Buchdruck zeichnete. Er verstand es meisterhaft, dem Striche des

Künstlers aufs genaueste gerecht zu werden, ganz besonders in feinen,

kleinen Sachen. Nur in den von ihm geschnittenen Blättern kommt die

Schönheit von Holbeins Holzschnittzeichnung voll zur Geltung.

Von ihm rührt zweifellos die wunderbar klare Schnittausführung des

kleinen Bildnisses des Erasmus von Rotterdam her, das Holbein für den

Frobenschen Verlag zeichnete (Abb. 51). Dieses Bildchen in Rundformat,

das uns das scharfe Profil und die feinen Züge des vorzeitig gealterten

gelehrten Herrn so lebenswahr vor Augen führt, daß die kleine Zeichnung

ebenbürtig neben großen Gemälden steht, wird im Jahre 1523 entstanden

sein.

[Illustration: Abb. 57. „+Rühre mich nicht an!+“ (Ev. Joh. 20, 17.)

Ölgemälde in der Sammlung des Schlosses Hamptoncourt. Aus dem ersten

Jahrgangsheft der Kunsthistorischen Gesellschaft für photographische

Publikationen.]

In diesem Jahre ließ Erasmus sich mehrmals von Holbein porträtieren.

In einem Briefe an Willibald Pirkheimer in Nürnberg erwähnt Erasmus

drei Bildnisse, die er ins Ausland an Freunde geschickt habe, zwei nach

England und eins nach Frankreich. Die beiden nach England gesandten

Porträts sind noch vorhanden. Das eine befindet sich in einer

englischen Privatsammlung. Das andere ist als Geschenk König Karls I.

von England an Ludwig XIII. nach Paris gekommen und befindet sich jetzt

im Louvremuseum. Dieses ist ein Meisterwerk allerersten Rangs. Erasmus

ist in zwei Drittel Lebensgröße schreibend dargestellt. Eben hat er

die Überschrift einer neuen Arbeit auf ein Blatt Papier gesetzt, das

auf einem Buch als Unterlage vor ihm liegt; sein Blick folgt dem Gange

des klassischen Schreibgeräts, des Calamus, dessen er sich anstatt

einer Feder bedient. Jede Form in dem Gesicht und in den Händen ist

die Lebenswahrheit selbst. Die Haut ist fahl, das Haar ergrauend. Die

Kleidung ist dunkel, Schwarz herrscht vor. Den Hintergrund bildet eine

dunkelgrüne, hellgrün und weiß gemusterte Stofftapete neben einem

Stück brauner Holzbekleidung. Der Zusammenklang der Farben ist das

Vollkommenste, was man sich denken kann (Abb. 52).

[Illustration: Abb. 58. +Die Geburt Christi.+ Altarflügel im Münster zu

Freiburg i. B.

(Nach einer Originalphotographie im Photogr. Kunstverlag von G. Röbcke

in Freiburg i. B.)]

Das Museum zu Basel besitzt die mit Ölfarbe auf Papier gemalte

und nachträglich auf eine Holztafel geklebte Vorstudie zu dem

letztgenannten Bildnis des Erasmus. Auch diese Vorstudie ist schon

ein fertiges Bild. Sie unterscheidet sich von dem Pariser Porträt,

abgesehen von der minder vollendeten Durchbildung der Malerei, nur

durch den schlichten Hintergrund und einige Verschiedenheiten in der

Kleidung, die für die malerische Wirkung des Ganzen weniger vorteilhaft

sind. Nicht ohne Grund ist die Vermutung ausgesprochen worden, daß das

Baseler Porträt dasjenige sei, welches Erasmus laut seinem erwähnten

Briefe nach Frankreich schickte, und daß der Empfänger desselben

Bonifacius Amerbach gewesen sei. Bonifacius hielt sich damals zu neuem

Studium in Avignon auf, und aus seiner Sammlung stammt das Baseler Bild

des schreibenden Erasmus. In jenem Briefe wird gesagt, daß Erasmus sein

Porträt durch den Maler selbst habe nach Frankreich bringen lassen.

Auch dieser Umstand bestätigt die Richtigkeit jener Vermutung, da

Holbein ebenso wie Erasmus ein persönlicher Freund Amerbachs war.

[Illustration: Abb. 59. +Die Anbetung der drei Weisen.+ Altarflügel im

Münster zu Freiburg i. B.

(Nach einer Originalphotographie im Photogr. Kunstverlag von G. Röbcke

in Freiburg i. B.)]

Es scheint, daß Holbein diese Gelegenheit zu einer weiteren Reise

durch Frankreich benutzte. Zwei Zeichnungen im Baseler Museum erzählen

von einem Aufenthalt des Künstlers in Bourges. Diese Zeichnungen

zeigen einen Herrn und eine Dame in der Tracht des ersten Viertels

des XV. Jahrhunderts, im Gebete knieend. Es sind Abbildungen der

Figuren des Herzogs Jehan de Berry († 1416) und seiner Gemahlin, die

sich in der Kathedrale von Bourges befinden; zu Holbeins Zeit standen

dieselben noch in der eigenen Kapelle der Herzöge von Berry; nach deren

Abbruch sind sie im Chorumgang aufgestellt worden. Holbein hat diese

Grabmalfiguren, von denen namentlich die weibliche sehr hübsch und

ausdrucksvoll ist (Abb. 53), so abgezeichnet, als ob er nach dem Leben

zeichnete, und hat mit schwarzer Kreide und ein paar Farbenangaben

mit Rot- und Gelbstift eine ganz lebendige, malerische Wirkung

hineingebracht.

[Illustration: Abb. 60. +Der Schmerzensmann.+ Ölgemälde braun in braun.

Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 61. +Die Schmerzensmutter.+ Ölgemälde braun in

braun. Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 62. +Entwurf zum linken Thürflügel der Orgel des

Baseler Münsters.+ Bräunlich getuschte Zeichnung, im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Ein viertes Bildnis des Erasmus, das Holbein um dieselbe Zeit malte,

zeigte in einem Doppelbild den gelehrten Schriftsteller und seinen

verdienstvollen Verleger Froben. Als Geschenk für den letzteren wurde

es von Erasmus bestellt. Dieses Gemälde ist verschollen. Eine Kopie

des Ganzen befindet sich in England und eine Kopie des Brustbildes

Frobens allein im Museum zu Basel. Die letztere Kopie ist in Bezug

auf die Farbe sehr schlecht. Aber immerhin ist es interessant, aus

ihr das Aussehen des Mannes kennen zu lernen, der Holbein zu so

vielen Schöpfungen Veranlassung gegeben hat. Johannes Froben, der mit

übereinander geschlagenen Armen in einem schwarzen, mit braunem Pelz

gefütterten Überrock dasitzt, zeigt uns ein glattrasiertes, furchiges

Gesicht, dessen Formen ziemlich gewöhnlich sind, das aber durch den

Ausdruck von Wohlwollen und Klugheit fesselt; das spärliche braune Haar

fällt in mäßiger Länge über den Hinterkopf herab.

Die Jahreszahlen 1524 und 1525 finden sich auf keinem erhaltenen Werke

Holbeins. So mögen hier mehrere undatierte Gemälde genannt werden,

deren Entstehung in diese Zeit fallen kann.

[Illustration: Abb. 63. +Entwurf zum rechten Thürflügel der Orgel des

Baseler Münsters.+ Bräunlich getuschte Zeichnung. Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Als die Krone von Holbeins Schöpfungen galt jahrhundertelang eine

Zusammenstellung von acht kleinen Bildern aus der Leidensgeschichte

Christi in +einem+ Rahmen (Abb. 54, 55 und 56). Das Gemälde

wurde von jeher im Rathaus zu Basel aufbewahrt. Da es aber aller

Wahrscheinlichkeit nach nicht für das Rathaus, sondern für eine

Kirche gemalt worden ist, so nimmt man an, der Rat habe dasselbe an

sich genommen, um es vor der Beschädigung oder Vernichtung durch den

Bildersturm, den Basel im Jahre 1529 erlebte, zu retten. Kurfürst

Maximilian I. von Bayern, jener eifrige Kunstsammler, der von der Stadt

Nürnberg Dürers Apostel erhandelte, wollte die Passionstafel um jeden

Preis in seinen Besitz bringen. Aber die Baseler ehrten das Andenken

ihres großen Künstlers besser als die Nürnberger das Vermächtnis Dürers

und schickten die kurfürstlichen Abgesandten mit einem höflichen, aber

glatt abschlägigen Bescheid heim. Die Tafel verblieb im Besitz der

Stadt und erzählte jedem Besucher des Rathauses ihres Meisters Ruhm

und Ehre, wie Joachim von Sandrart in seiner „Teutschen Akademie“

(1675) sagt, als „ein Werk, darin alles, was unsere Kunst vermag, zu

finden ist,“ und das „keiner Tafel, weder in Deutschland noch Italien,

weichen darf.“ Das dauerte bis zum Jahre 1771. Da wurde das Gemälde

durch Ratsbeschluß an die Kunstsammlung, die sich jetzt im Museum

befindet, abgegeben. Bei dieser Gelegenheit verfiel es dem Schicksal,

daß es vor der Überführung einer „gründlichen Restauration“ unterworfen

wurde, bei der es des besten Teils seiner Schönheit beraubt wurde.

Der restaurierende Maler hat zwar die Zeichnung in anerkennenswerter

Weise geschont, aber die Farbe hat er zerstört. Gewiß hat er bei seiner

Auffrischungsarbeit das, was rot war, rot, was blau war, blau übermalt

u. s. w., aber er hat alle Töne verstimmt, und dazu durch seinen

glatten Auftrag den feinen Reiz von Holbeins malerischer Behandlung

vernichtet. Durch das bunte, harte Mißgetön von Farben hindurch ist

der Zauber Holbeinscher Farbenmusik nicht mehr zu vernehmen. Ein

schönheitsempfindliches Auge muß die Verletzung durch dieses entseelte

Kolorit erst überwinden, ehe es dazu gelangt, die sonstigen großen

Schönheiten der Tafel zu genießen. Was zunächst auffällt, ist die

bewunderungswürdige Art und Weise, wie die acht verschiedenen Bildchen,

die in zwei Reihen übereinander stehen, in der Quere durch gemalte

Goldornamente, senkrecht durch plastische Rahmenleisten getrennt,

als ein malerisches Ganzes zusammenkomponiert sind. Jede der acht

Darstellungen, die mit großem Geschick dem Hochformat der einzelnen

Felder angepaßt sind, ist ein in sich abgeschlossenes Bild, das seine

abgerundete malerische Wirkung von Hell und Dunkel besitzt, das ganz

für sich allein als Kunstwerk bestehen könnte. Zugleich aber geht eine

einheitliche malerische Wirkung durch das Ganze, die Helligkeiten und

Dunkelheiten sind so verteilt, daß auch die ganze Tafel sich dem Auge

als ein abgerundetes malerisches Kunstwerk darbietet. Im einzelnen

stellt sich jede Komposition als ein Meisterwerk von Leben und Ausdruck

dar. Verschiedenartige Beleuchtungswirkungen sprechen lebhaft mit. Auf

dem ersten Bildchen, Christi Gebet am Ölberg, erscheint der Engel

mit dem Kelch in einer Lichtöffnung des nächtlichen Himmels. In den

beiden folgenden, der Gefangennahme und der Vorführung Christi vor

den Hohenpriester, geht die Beleuchtung von Fackeln aus; auf jenem

überspielt das Fackellicht die unteren Äste eines Baumes, dessen Krone

in Finsternis verschwindet; auf diesem irrt es in den phantastischen

Formen einer Holbeinschen Renaissancearchitektur umher. Auch das vierte

und das fünfte Bild, die Geißelung und die Verspottung Christi, umgeben

die Figuren mit reichen Architekturphantasien. Bei den zwei nächsten

Darstellungen, der Kreuztragung und der Kreuzigung, sind die unteren

Hälften der Bilder ganz mit Figuren angefüllt; darüber sieht man dort

einen runden Thorturm der Stadtmauer und eine in hellem Tageslicht sich

ausdehnende Ferne mit Hochgebirge; hinter den aufgerichteten Kreuzen

dagegen ist der verfinsterte Himmel völlig schwarz. Den Schluß bildet

die Grablegung; die Männer tragen den heiligen Leichnam über eine grüne

Wiese zu dem in einem gelben Felsen sich öffnenden Grufteingang; Maria

steht weinend bei ihrer Begleitung an einem Tannenbäumchen, das in

einer Spalte des Felsens Wurzel gefunden hat.

[Illustration: Abb. 64. +Maria mit dem Kinde.+ Getuschte und mit Weiß

gehöhte Federzeichnung auf grau grundiertem Papier. Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Diesen Passionsbildern ist in der Auffassung wie in der malerischen

Empfindungsweise ein kleines Gemälde nahe verwandt, das in der Sammlung

des Schlosses Hamptoncourt bei London vor kurzem sozusagen neu entdeckt

worden ist. Sein Gegenstand ist ebenfalls der Leidensgeschichte Christi

entnommen: die Erscheinung des Auferstandenen vor Maria Magdalena (Abb.

57). Es ist ein wunderbares Meisterwerk malerischer Poesie. Großartig

ist die landschaftliche Stimmung der „Frühe, da es noch finster war.“

Und ebenso großartig und ergreifend ist der Ausdruck der Figuren. „Da

wandte sie sich und sprach zu ihm: ‚Rabbuni!‘ Jesus aber sprach zu ihr:

‚Rühre mich nicht an!‘“ Seitwärts sieht man den vom Grabe weggewälzten

Stein. und durch die niedrige Grabesöffnung gewahrt man, was Maria

Magdalena, als sie gebückt hineinblickte, gesehen hatte, die zwei Engel

in weißen Kleidern, einen am Kopf- und einen am Fußende. In der Ferne

gehen die beiden Jünger, die vorher am Grabe gewesen waren, wieder

fort nach Hause; in der Art, wie die beiden miteinander sprechen, ist

die Verschiedenheit des Eindrucks, den der Befund des Grabes auf sie

gemacht hat, in treffender Weise gekennzeichnet, im genauesten Anschluß

an den Wortlaut der Erzählung im Johannesevangelium, wie alles in

diesem Bilde: Johannes „sah und glaubte,“ Petrus ist noch nicht von der

Thatsache der Auferstehung überzeugt, darum redet er so eifrig.

[Illustration: Abb. 65. +Heilige Familie.+ Tuschzeichnung mit weiß

aufgesetzten Lichtern auf rot grundiertem Papier.

Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 66. +Die Kreuzschleppung.+ Tuschzeichnung mit weiß

aufgesetzten Lichtern auf grauem Grund. Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

[Illustration: Abb. 67. +Der kreuztragende Christus.+ Holzschnitt

(einziges Exemplar) im Museum zu Basel.]

In die Gruppe der in reicher malerischer Helldunkelwirkung komponierten

religiösen Bilder gehören ferner zwei Altarflügel, die sich im Münster

zu Freiburg im Breisgau befinden. Aus den Wappen der Geschlechter

Oberriedt und Zscheckapürlin, die auf ihnen neben den Bildnissen der

Stifterfamilie unterhalb der eigentlichen Darstellung angebracht

sind, ergibt sich, daß Holbein diese Gemälde im Auftrag des Baseler

Ratsherrn Hans Oberriedt, der mit einer Zscheckapürlin vermählt war,

malte. Aus der Form der Bilder ergibt sich, daß sie sich an den beiden

Seiten eines oben bogenförmig begrenzten Mittelbilds befunden haben,

das mit diesen Flügeln geschlossen werden konnte. Zweifellos wurde das

ganze Werk von dem Besteller in irgend eine Kirche Basels gestiftet.

Hans Oberriedt verließ infolge der wilden Religionsstreitigkeiten

des Jahres 1529 seine Vaterstadt und siedelte nach Freiburg im

Breisgau über. Wahrscheinlich war er es, der die Flügelbilder vor

dem Bildersturm, dem die größere Mitteltafel zum Opfer gefallen sein

muß, rettete, um sie mit in die neue Heimat zu nehmen und auch dort

wieder auf einem Altar aufzustellen. Damit kamen die Bilder aber

noch nicht zu dauernder Ruhe. Während des dreißigjährigen Krieges

wurden sie nach Schaffhausen geflüchtet. Kurfürst Maximilian I. von

Bayern ließ sie sich zur Besichtigung nach München bringen, und

Kaiser Ferdinand III. ließ sie sich in Regensburg zeigen. Im Jahre

1796 wurden sie von den Franzosen aus Freiburg entführt, 1808 aber

zurückgegeben. Sie fanden dann ihre Aufstellung auf dem Altar der

sogenannten Universitätskapelle im Chor des Freiburger Münsters. Es

sind dies die einzigen Kirchenbilder Holbeins, die noch an geweihter

Stätte zum Beschauer sprechen. Und dabei ist vielleicht gerade in

ihnen weniger religiöse Stimmung als in anderen; der Künstler hat

sich bei ihrem Gestalten mehr dem rein malerischen Reiz, als der

Innerlichkeit der Empfindung hingegeben. Die Gegenstände der beiden

Gemälde, bei denen ebenso wie bei der Passionstafel der Figurenmaßstab

sehr klein ist, sind die Geburt Christi und die Anbetung der drei

Weisen aus dem Morgenland. Die Geburt (Abb. 58) ist in die Ruine

eines antiken Prachtgebäudes verlegt. Die Beleuchtung geht von dem

Kindlein aus, das auf weiße Windeln gebettet liegt. Das übernatürliche

Licht bestrahlt mit weicher Helligkeit die Gestalten von Maria und

Joseph, die sich in Bewunderung und seliger Andacht über das Kind

beugen, und eine Schar kleiner Englein, die dasselbe umjubeln. Es

streift das Gesicht und die Schulter eines Hirten, der sich schüchtern

hinter eine Säule gedrückt hält, solange seine Gefährten noch nicht

da sind, denen draußen in der Ferne die Lichtgestalt eines Engels die

frohe Botschaft bringt. Mit unverminderter Kraft strahlt das Licht

über die nächste Umgebung des Kindes hinaus und läßt die marmornen

Glieder des Gebäudes bunt und vielgestaltig aus dem zerteilten Dunkel

hervortreten. Am Himmel steht der Mond. Aber er läßt seinen Schein

nicht in Widerstreit treten mit jenem heiligen Licht. Auch der Mond

huldigt dem als Kind geborenen Herrn der Welt, indem er sich vor ihm

verneigt: die Mondscheibe -- selbstverständlich ist der Mond als

Scheibe, nicht als Kugel gedacht -- wendet ihre Fläche nach unten, dem

Kinde zu, so daß sie sich dem Beschauer in der Verkürzung zeigt. Ein

anderer origineller Künstlergedanke ist der, bei den kleinen Englein

die Verbindung der Flügel mit der Menschengestalt dadurch naturgemäßer

zu machen, daß die Schwingen sich aus den Armen entwickeln, statt, wie

sonst, als besondere Glieder aus den Schultern hervorzugehen. Auf dem

anderen Gemälde (Abb. 59) bildet der Stern, der die drei Weisen geführt

hat, das Gegenstück zu dem Mond der heiligen Nacht; groß und goldig

strahlend steht er am hellen Mittagshimmel zwischen weißen Wolken.

Einer der Begleiter der Ankömmlinge hält sich die Hand über die Augen,

um nach seinem Glanz emporzusehen. Der Schauplatz des Vorgangs ist

wieder eine antike Ruine, aber hier von außen gesehen und schlichter

in den Formen. Eine malerisch prächtige Erscheinung ist der weiß

gekleidete Mohrenkönig, der als der jüngste von den dreien wartet, bis

die anderen ihre Gaben dargebracht haben. Der älteste, ein langbärtiger

Greis in rotem Rock und Hermelinkragen -- seine Gestalt ist merkwürdig

ungefällig gezeichnet --, überreicht knieend sein Geschenk dem auf

Marias Schoße sitzenden Kind, das aufmerksam herabsieht. Der zweite

der drei Weisen, ein dunkelbärtiger kräftiger Mann, der eine weiße

Binde mit wehenden Enden um die Krone geschlungen trägt, schickt

sich an, vorzutreten, um die Stelle des Greises einzunehmen, sobald

dieser aufgestanden sein wird. Es scheint, daß dieses Bild durch

Ausbesserungen stärker beschädigt ist, als das andere.

[Illustration: Abb. 68. +Nackte Figur von unbekannter Bedeutung.+

Tuschzeichnung auf rötlichem Papier, weiß gehöht. Im Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Während Holbein in den genannten Gemälden mit reichen Farben und

vollen Gegensätzen von Hell und Dunkel arbeitete, begnügte er sich in

anderen Fällen mit einfarbiger oder fast einfarbiger Ausführung, um

die beabsichtigte künstlerische Wirkung zu erzielen. Im Baseler Museum

befinden sich zwei kleine Ölgemälde braun in braun, die als Doppeltafel

zum Zusammenklappen miteinander verbunden sind und ein einheitliches

Ganzes bilden. Solche Klapptäfelchen dienten zum Aufstellen bei

häuslicher Andacht. Da sind in tiefer Empfindung und in feinster

Ausführung Christus als Schmerzensmann und Maria als schmerzenreiche

Mutter dargestellt. Die beiden Figuren befinden sich in einer

phantastisch reichen Renaissancehalle; die Luftdurchblicke zwischen

den Säulen dieser Architektur hat Holbein blau gemalt, und durch diese

mit feinem künstlerischen Geschmack verteilten blauen Flecken in dem

sonst einfarbigen Bild hat er in dasselbe eine reizvoll malerische

Belebung gebracht. Der nackte Christuskörper ist mit fleißigem Studium

ausgeführt. Maria, die sich mit erhobenen Händen nach ihrem duldenden

Sohne umsieht, ist in Kopf, Händen und Gewandung außerordentlich schön

(Abb. 60 und 61). Eigentümlich ist es, daß bei dieser Doppeltafel,

die bei ihrer Kleinheit doch nicht in großer Höhe aufgestellt werden

konnte, der Horizont unterhalb des Bildes angenommen ist. Vielleicht

muß man sie auf Grund dieses Umstands als Entwurf oder Wiederholung

einer Ausführung in großem Maßstab, die für eine hohe Aufstellung

berechnet war, ansehen.

[Illustration: Abb. 69. +Kampf von Landsknechten.+ Tuschzeichnung, im

Museum zu Basel.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E. und Paris.)]

Braun in braun ohne jede andere Farbenzuthat sind zwei große Bilder

ausgeführt, die, auf Leinwand gemalt, die Innenseiten der Thüren

bekleideten, durch die das Gehäuse der Orgel im Baseler Münster

verschließbar war. Die eigentümliche Form dieser Thüren hat Holbein

mit großem Geschick ausgefüllt; durch die Einordnung von mächtigen,

schwungvollen Ornamenten in die unregelmäßige Fläche einer jeden Thür

hat er sich ein annähernd symmetrisches Bildfeld geschaffen, in das er

an beiden Seiten je eine überlebensgroße Heiligenfigur stellte, während

er den zwischen diesen verbleibenden niedrigen Raum mit auf den Ort

bezüglichen Darstellungen füllte. In dem linken Flügel stehen Kaiser

Heinrich II., der Gründer des Baseler Münsters, und seine Gemahlin

Kunigunde; zwischen ihnen sieht man das Münster selbst. In dem rechten

Flügel steht einerseits die Jungfrau Maria, mit der Himmelskrone auf

dem Haupt und mit dem Jesuskind, das sich kosend an sie schmiegt, in

den Armen, andererseits der Bischof Pantalus; in der Mitte ein Konzert

von köstlichen Kinderengeln, die gleichsam die Klänge der Münsterorgel

mit Himmelsmusik begleiten. Auch in diesen Bildern liegt, wie es streng

genommen bei Gemälden, deren Aufstellungsplatz ihre Fußbodenlinie

über die Köpfe der Beschauer hinausrückt, immer der Fall sein müßte,

der Horizont unter der Bodenlinie; Holbein hatte diese sonst im

allgemeinen selten beachtete Rücksichtnahme auf die Gesetze des Sehens

wohl aus Werken des Mantegna, der in dieser Beziehung sehr gewissenhaft

war, gelernt. Die Orgelthüren haben den Bildersturm überdauert, wohl

weil die Zerstörer in ihnen keine Andachtsbilder, sondern lediglich

Schmuckstücke sahen. Sie sind erst in unserem Jahrhundert, als die

alte Orgel durch eine neue ersetzt wurde, von ihrem Platz entfernt

und in das Museum gebracht worden. Aber sie sind durch eine im XVII.

Jahrhundert vorgenommene Übermalung und durch Gebrauchsbeschädigungen

verunstaltet. Doch kann man sie noch voll würdigen, wenn man die unter

den Handzeichnungen des Museums befindlichen Entwürfe betrachtet, die

durch ihre Austuschung mit brauner Wasserfarbe auch den Farbeneindruck

der großen Ausführungen andeuten (Abb. 62 und 63).

[Illustration: Abb. 70. +Ein zur Abfahrt bereites Schiff mit

Bewaffneten.+ Tuschzeichnung, im Städelschen Museum zu Frankfurt a. M.]

[Illustration: Abb. 71. +Das Totentanzalphabet.+ Holzzeichnungen,

geschnitten von Hans Lützelburger. (Originalgröße.)]

Vielleicht darf man noch bei mehreren, mit großer Sorgfalt ausgeführten

Kompositionen, die sich unter Holbeins Zeichnungen im Museum zu

Basel befinden, annehmen, daß in ihnen Entwürfe zu Gemälden, die der

Bildersturm vernichtet hat, erhalten seien.

Da ist ein Bildchen der Jungfrau Maria, die dem Jesuskind die

Brust reicht, auf grau grundiertem Papier mit schwarzer und weißer

Wasserfarbe ausgeführt, in einem nur durch die Umrisse zweier Säulen

angedeuteten Architekturgehäuse (Abb. 64). Dann ein durch desto

prächtigere Ausarbeitung der Architektur ausgezeichnetes Blatt, in dem

eine heilige Familie dargestellt ist. Das Christuskind macht zwischen

der Mutter Maria und der Großmutter Anna seine ersten Gehversuche,

denen außer den beiden Frauen auch der alte Joachim zusieht. Die

Beleuchtung ist als schräg von hinten einfallend angenommen, und das

Spiel der vielen scharfen Lichter, die mit weißer Farbe in die auf

rotem Grund getuschte Zeichnung kräftig hineingesetzt sind, geben dem

Bild einen eigenen Reiz (Abb. 65). Bei diesen beiden Blättern liegt der

Horizont wieder unterhalb der Fußlinie. Vielleicht sind es Entwürfe zu

hoch angebrachten Wandmalereien; dafür scheint der dekorative Charakter

der Darstellungen zu sprechen und auch die schräge Perspektive, die

hier wie dort darauf schließen läßt, daß zu dem Bilde eine rechts

davon liegende, die Mitte von einem größeren Ganzen enthaltende

Hauptdarstellung gehörte. -- Wieder ein Bild aus der Leidensgeschichte

des Heilands, in Schwarz und Weiß auf grauer Grundierung ausgeführt:

die Kreuzschleppung. Christus ist unter der Last zu Boden gestürzt;

mühsam hält er sich auf den Händen, und stöhnend blickt er empor,

vergeblich nach Mitleid suchend unter der Schar der gefühllosen, teils

gleichgültigen, teils grausam rohen Begleiter (Abb. 66). Man mag mit

dieser Zeichnung den ergreifend schönen, nur in einem einzigen Exemplar

(im Baseler Museum) vorhandenen Holzschnitt vergleichen, in dem der

unter dem Kreuz zusammengesunkene Christus allein dargestellt ist,

nicht als eine Figur aus einem geschichtlichen Vorgang, sondern als ein

Mahner, der die bittere Klage, die aus seinen Augen spricht, an den

Beschauer richtet (Abb. 67).

[Illustration: Abb. 72. +Der Tod und der Kaiser.+

Aus der Holzschnittfolge „der Totentanz“.

(Originalgröße.)]

Unverständlich ist die Bedeutung einer Zeichnung, die in sorgfältiger

Tuschausführung auf rötlichem Papier ein nacktes Weib zeigt, das,

in lebhafter Bewegung neben einer Säule vortretend, in jeder Hand

einen Stein wie zum Hinabwerfen hält. Eine lediglich zur Belehrung

gemachte Naturstudie ist es, trotz der fleißigen Durcharbeitung der

einzelnen Formen, nicht; eine solche würde Holbein mit schärferer Treue

gezeichnet haben. Es muß auch eine Vorarbeit zu irgend einer Malerei

sein, in der die Figur wohl nur einen Teil einer größeren Komposition

bildete. Jedenfalls hat es an und für sich immer ein künstlerisches

Interesse, eine von Holbein entworfene nackte Gestalt zu sehen (Abb.

68).

[Illustration: Abb. 73. +Der Tod und der Schiffer.+

Holbein der jüngere · 第 27 / 39 题