Im königl. Kupferstichkabinett zu Berlin.]

[Illustration: Die Knaben +Prosy und Hanns Holbain+, gezeichnet von

ihrem Vater, Hans Holbein dem älteren; oben in der Mitte die Jahreszahl

1511, bei Hans die Altersangabe 14, die Altersangabe bei dem älteren

Bruder ist unleserlich geworden. Silberstiftzeichnung im königl.

Kupferstichkabinett zu Berlin.]

Hans Holbein der jüngere.

Man pflegt Dürer und Holbein nebeneinander zu nennen, wenn man von

dem Höhepunkt der deutschen Kunst der Renaissance spricht. Aber

man darf die beiden großen Meister nicht unmittelbar miteinander

vergleichen wollen. Das verbietet schon der zwischen ihnen bestehende

Altersunterschied von mehr als einem Vierteljahrhundert. Das ist

ein Unterschied, der sehr viel ausmacht in einer Zeit, die von

so starkem treibenden Leben erfüllt war, wie das Jahrhundert des

Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit. Auch liegt die Größe der beiden

Meister auf wesentlich verschiedenen Gebieten. Dürers schöpferische

Gestaltungskraft hat kein anderer deutscher Maler wieder erreicht.

An Erfindungsgabe, Geist, Gemüt und auch an Bildung steht Dürer weit

über Holbein. Aber dieser tritt uns, was Dürer nicht thut, als ein

echter Maler entgegen. Die Farbe ist ihm nicht ein bloßes Kleid seiner

Gestaltungen; sie ist ihm ein Wesentliches, Innerliches; sie ist

ihm Ausdrucksmittel seiner künstlerischen Empfindungen. Dürer ging

aus einer Schule hervor die noch halb der Gotik angehörte, und sein

Genius ließ ihn die Bahnen der neuen Kunst entdecken. Holbein dagegen

war durch nichts mit der Kunst des Mittelalters verbunden. Er wurde

durch seinen Vater ausgebildet, und dieser stand, als der im Jahre

1497 geborene Knabe fähig war, künstlerischen Unterricht aufzunehmen

und zu verarbeiten, schon ganz auf dem Boden der vollen, reifen

Renaissance. Darum brauchen wir uns in Holbeins Formensprache nicht

erst einzulernen; sie ist uns unmittelbar verständlich.

Nur selten ist künstlerische Begabung erblich. Hans Holbein aber besaß

den Kern von dem, was ihn groß gemacht hat, als angeborenes Erbteil

von seinem Vater her. Auch dieser hieß mit Vornamen Hans, und zur

Unterscheidung der beiden Maler fügt die Kunstgeschichte dem gleichen

Namen die Zusätze „der ältere“ und „der jüngere“ bei. Wenn von Hans

Holbein schlechtweg die Rede ist, so ist immer der jüngere gemeint.

Aber auch Hans Holbein der ältere nimmt einen sehr ehrenvollen Platz in

der Geschichte der deutschen Kunst ein. Geboren zu Augsburg, man weiß

nicht, in welchem Jahre, als der Sohn eines aus der Nachbargemeinde

Schönefeld eingewanderten Gerbermeisters, widmete er sich, ebenso wie

ein Bruder von ihm mit Namen Siegmund, der Malerei. Seine Werke sind

vom Jahre 1492 oder 1493 an nachgewiesen. Man gewahrt in denselben

den Einfluß der Arbeiten des großen und liebenswürdigen Meisters

Martin Schongauer, dessen Kupferstiche durch die Welt gingen, in

dessen vielbesuchter Werkstatt zu Colmar aber auch denkbarerweise der

Augsburger Maler in der Lehre gewesen sein könnte. Weiter erkennt man

darin eine entschiedene Aufnahme jener Richtung, die von den Werken

der Brüder van Eyck mit ihrer liebevollen Naturnachbildung und ihrer

tiefen Farbenpoesie ausgegangen war. Der Sinn für getreue Wiedergabe

des in der Wirklichkeit Vorhandenen äußerte sich bei dem älteren

Holbein am stärksten in der Lust und Befähigung, die Mannigfaltigkeit

der menschlichen Gesichter in der Besonderheit, wie ein jedes

sich zeigte, zu erfassen. Seine Kirchengemälde sind angefüllt von

Persönlichkeiten, denen man es ansieht, daß sie aus der Wirklichkeit

entnommen sind, daß sie die Abbilder von Menschen sind, die als

Zeitgenossen des Malers gelebt haben. Von besonderem Interesse für

uns ist eine Gruppe von Personen, die als Zuschauer bei der Taufe des

Paulus auf einem jetzt in der Augsburger Gemäldegalerie befindlichen

Bilde angebracht sind: da steht der Maler selbst mit zwei Knaben im

Alter von etwa fünf und sieben Jahren, seinen Söhnen Ambrosius und

Hans; jener, der ältere von beiden, durch das Schreibzeug am Gürtel

als Schulknabe gekennzeichnet, scheint lebhafteren Temperaments

zu sein; der kleine Hans macht den Eindruck eines ruhigen, still

beobachtenden Kindes, aus seinem rundlichen Gesicht blicken große,

aufmerksame Augen. -- Bildnisbestellungen waren damals in Augsburg

wohl noch etwas kaum Bekanntes. So gab der Vater Holbein seiner Lust

am Porträtieren dadurch Befriedigung, daß er die Personen seiner

Bekanntschaft, hoch und niedrig, in sein Skizzenbuch zeichnete. Eine

ganze Menge von solchen Skizzenbuchblättern hat sich erhalten, die

meisten davon bewahrt das Kupferstichkabinett des Berliner Museums.

Das sind Meisterwerke der Bildniskunst, sprechende Wiedergaben von

Persönlichkeiten, in klarer, lebensvoller Kennzeichnung und in feiner,

malerisch empfundener Ausführung mit dem Silberstift, bisweilen mit

Zuhilfenahme von Rötel und Weiß, leicht und sicher hingezeichnet.

Auch unter diesen Zeichnungen finden wir die Köpfe der beiden Knaben

wieder. Ein im Berliner Kupferstichkabinett befindliches Blättchen,

das mit der Jahreszahl 1511 bezeichnet ist, zeigt uns dieselben

einander gegenübergestellt, mit beigeschriebenen Namen. Der lockige

„Prosy“ erscheint hier schon als ein Jüngling; „Hanns,“ bei dem

die Altersangabe „vierzehn“ beigefügt ist, zeigt unter schlicht

herabgekämmtem Haar ein rundes Kindergesicht, in dem die Ähnlichkeit

mit jenem früheren Bildnis noch sehr groß ist. -- Der Vater Holbein

wendete sich bereits im ersten Jahrzehnt des XVI. Jahrhunderts mit

voller Begeisterung der neuen Kunstrichtung zu, die von Italien

herübergebracht wurde. Vom Jahre 1508 an sind Gemälde von ihm

vorhanden, die ganz dem Stil der „Renaissance“ angehören; nicht nur

in dem äußerlichen Sinne, daß in den Architekturen und Ziergebilden,

welche die Bilder einfassen, „antikische“ Formen an die Stelle der

gotischen getreten sind; sondern auch dem inneren Wesen nach, indem

die Gestalten eine vollere Rundung und Weichheit der Formen, die

Gewänder einen freieren, größeren Wurf und alle Linien einen belebteren

Schwung bekommen. Sein in der Münchener Pinakothek befindliches

Altarwerk, der „Sebastiansaltar“, gehört zu den Juwelen der deutschen

Renaissancemalerei.

Ungeachtet des Ansehens, das der ältere Holbein als Maler genoß, erging

es ihm in seinem Alter schlecht. Er verließ Augsburg im Jahre 1517

wegen unglücklicher Vermögensverhältnisse und starb 1524 zu Isenheim

im Elsaß.

[Illustration: Abb. 1. +Marienbild.+ Ölgemälde aus dem Jahre 1514.

Holbein der jüngere · 第 12 / 39 题