Um acht Uhr waren wir abgerückt und in kaum einer Stunde nach Sóstelek
zurückgelangt. In den Höfen sah man die Bewohner arbeiten; Knaben bauten
einen Schneemann. Staunendes Gedränge war um ein österreichisches
Brigadequartier; hier hing, an den Hintertatzen aufgeknebelt, eine
riesige tote Bärin zwischen ihren zwei Jungen von der Altane herab, und
eben erhoben zwei Husaren lange Messer, um die Tiere aufzuschneiden.
Soldaten und Volk, darunter viele Weiber mit mohnroten Kopftüchern,
sammelten sich um das ungewöhnliche Geschäft, und niemand verlor einen
Blick an unseren eiligen alltäglichen Zug.
Bis neun Uhr ging es weiter durch unversehrte Landschaft unter waldigen
Hügeln hin, aus denen graue Holzhütten preußischer Pioniere wie Klausen
von Einsiedlern hervorsahen; es war, als gingen wir mitten in ein altes
Bild hinein und würden ein Teil davon. Der Luft war etwas Föhn
beigemischt; abgleitender Schnee hing locker wie Tuch von starken Ästen.
Das Tal ist voller Vögel; wir sahen Raben, die immer sonderbare
Seitensprünge machten, als ob ihnen jemand auf die Zehen träte;
Dompfaffen, die Brust wie blutend, überflatterten die Straße. Auf einmal
bog sich das Tal, der Wald verschwand zuweilen, und bald, im verengten
Flußbett, verkündete sich wieder der Krieg. Zerbrochene Räder und
Lafetten standen aus dem Eis, daneben Geschützrohre mit verkrümmten und
zerrissenen Mäulern. Ein Vogelschwarm, Blaumeisen, Kleiber und
Emmerlinge, stob aus Fichtendickicht auf; darin, fast schneefrei, lag
ein vollkommenes Pferdegeripp, noch alle vier Eisen an den Hufen, das
Ganze wohl mehr vom Frost als von den mürben Kapseln der Gelenke
zusammengehalten, von Muskel oder Sehne nichts verblieben, etwas Haut am
Schädel das einzige, was den spitzen Schnäbeln der zierlichen Vögel noch
abzupicken bleibt. Fast hätten wir daneben einen schön gesäuberten und
gebleichten Totenkopf übersehen, auf dem noch verwegen die Rumänenmütze
sitzt; was etwa sonst noch von dem Manne übrig ist, liegt im Schnee
verborgen. Etliche behaupteten, von links her Gefechtslärm zu hören,
auch mir kam es so vor, andere bestritten es. Mancher hielt es für
bedenklich, in der engen, blickverstellenden Schlucht vorzurücken, da
doch niemand genau die Lage kenne. Neue Berge hatten sich erhoben,
zunächst ein breiter, schwarz bewaldeter, der das Tal östlich absperrt.
Er heißt Vadas; die Russen sollen sich vorgestern auf seinem Gipfel
verschanzt haben. Einmal teilt sich die Straße, um gleich wieder
zusammenzulaufen; in der Gabelung steht eine Dampfbrettersäge mit
ausgedehnten Seitengebäuden. Massen deutscher und österreichischer
Munition sind hier aufgestapelt, und mit gutem Fug rügte der Major, daß
dieser Vorrat, in dem ein einziges Feindgeschoß unermeßliche Wirkungen
auslösen könnte, noch nicht geräumt werden sei. Woher aber hätte man in
den zwei Tagen Fuhrwerke, Gäule und Leute genug nehmen sollen, um alles
zurückzuschaffen? So blieb auch uns nichts übrig, als tadelnd
vorbeizuziehen und alles zu lassen wie es ist. Nach einer halben Stunde
hatten wir die bretterne Hütte erreicht, in der ich jetzt mit meinen
Leuten hause. Sie ist als Verbandraum recht leidlich eingerichtet.
Stabsarzt S., den ich ablöste, erzählte sehr überzeugend seine
Erlebnisse von den letzten Tagen. Einige Züge seines Bataillons hatten
gerade das Dörfchen Sulta besetzt, das hinter dem Vadas liegt, als die
Russen, die man auf der Flucht glaubte, zurückkehrten und mitten im
Schneegestöber mit höchstem Ungestüm angriffen. Ein deutscher Zugführer
fiel; seine meisten Leute wurden gefangen oder getötet. Der Arzt konnte
sein Quartierhaus gerade noch durch die Stalltür verlassen, als bereits
ein tscherkessischer Offizier vorne den Hof betreten hatte: Zeißglas,
Verbandtasche und ein unersetzbar schöner Pelzmantel mußten
zurückbleiben. Am folgenden Morgen brachten pfälzische Truppen den
feindlichen Marsch zum Stocken; aber der Vadasgipfel ist verloren.
Übrigens bezeichnet S. die beiden hier im Tälchen verbrachten Tage als
reine Erholung; kein Schuß ist bis jetzt hereingefallen. Freilich,
meinte er lachend, könne diese verwunderliche russische Friedsamkeit
auch von dem schwierigen und ganz verschneiten Gelände kommen, das die
Beförderung der Geschütze sehr verlangsame. Unser Major meinte, mit
seinen Fernrohren überblicke der Gegner das Tal bis in die letzten
Winkel, er werde nicht lange dulden, daß wir uns hier herumtummeln. »Der
Assistenzarzt«, entschied er, »geht auf alle Fälle bis zum Fuße des
Vadas mit. Wir bauen dort einen Unterstand ein; es kann keine besser
geschützte Stelle geben. Bleiben Sie lieber hier, so will ich Ihnen
nicht entgegen sein.« Ich hatte mir indessen schon die Verteilung des
Raums zurechtgedacht und fand allerlei Gründe für mein Bleiben, merkte
aber, daß mich der Alte ungern zurückließ.