Um sieben Uhr weiter bei Regen und Nebel. Drei Leute mußten, als
Flecktyphusverdächtige, in Oitóz zurückbleiben. Die Laus, die
Einimpferin der Seuche, vor kurzem nur lächerlich und ekelhaft, zeigt
sich allmählich als teuflischer unabwehrbarer Feind. Seit Monaten quält
sie den Leib; oft ist es, als ob sich die Haut an tausend einzelnen
Pünktchen entzünde, sie zersetzt Gedanken und Träume, jetzt versucht sie
zu töten. Am Kishavas war mir aufgefallen, daß die Stelle meines Hemdes,
über welcher die Zweige der Frau von Szentlélek stecken, fast läusefrei
geblieben ist. Ich schloß daraus, daß die ätherischen Öle gewisser
Pflanzen dem Ungeziefer noch verhaßter sein müßten, als das Naphthalin,
das uns ohnehin immer spärlicher zugewiesen wird, und raufte wilde Minze
ab, die dort noch vielfach in fetten bläulich-grünen Stauden wächst.
Zweimal am Tage zerrieb ich mir Blätter und Stengel an der Haut, habe
mir auch einen guten Vorrat mitgenommen. Anfangs verschärften sich
Jucken und Brennen; die Nachwirkung aber ist vorderhand wohltätig.
Um ein Uhr ganz nahes Geknall; Kugeln zischten über uns. Wir machten
halt an einem früheren Zollgebäude, wo schon ein Verbandplatz unseres
Regiments errichtet ist. Das dritte Bataillon steht mit Rumänen im
Gefecht. Verwundete liegen in allen Räumen, viele draußen im Regen auf
Gras und Spreu. Ein Priester, leuchtend-bleichen Gesichts, wandelt
zwischen Sterbenden, flüstert ihnen vertraulich zu, netzt sie mit
geweihtem Öl, fragt nach ihren letzten Vermächtnissen und Wünschen, dazu
nach den Adressen ihrer Angehörigen; dies alles schreibt er sorglich in
ein dunkelgrün gebundenes Buch.
Ich ließ mich zu Dr. Fellerer, dem neuen Regimentsarzt, führen, von dem
ich Starrkrampf-Serum zu erhalten hoffte. In einem Saal neben dem
Hausflur bemühte er sich um gefährlich Verletzte; mein Eintreten
bemerkte er nicht. Jetzt ihn zu stören war nahezu frevelhaft; aber mein
Zweck hielt mich fest, und auch als Zuschauer blieb ich gerne; denn nie
hatte ich einen schwierigen Dienst mit solcher Leichtigkeit, Sicherheit,
Freiwilligkeit vollbringen gesehen. Diesen Arzt scheint nichts zu
drängen und zu hetzen, und ob er blutende Schlagadern unterbindet oder
zerbrochene Glieder in Schienen schmiegt, seinen Händen legt sich alles
wie von selber zurecht. Das innig-nüchterne Handeln, zu dem auch wir
hinstreben, hier geschah es inmitten ungeheurer Zerstörungen still und
klar.
Endlich traf mich sein Blick, und nun erhielt ich Serum zugeteilt,
soviel ich wünschte, hatte nur etwas Morphium dagegen zu liefern.
Sechs Leute, Deutsche und Rumänen, liegen abgesondert auf Stroh. Es sind
Bauchschüsse, für die noch keine geeigneten Träger zur Stelle sind; sie
bekommen alle zehn Minuten heiße Kompressen aufgelegt, und Fellerer
bittet mich, dieses Verfahren gleichfalls anzuwenden. Er hat öfters
davon Heilungen gesehen.
Wir hatten erwartet, sogleich eingesetzt zu werden; aber man bedarf
unser noch nicht.
Unter einem Regen, der fallend gefror und halb in Tropfen, halb in
Eisperlen auftraf, stiegen wir in eine Schlucht hinab und schlugen
zwischen sehr alten, mit Islandflechte verkleideten Fichten die Zelte
auf. Ein hoher Berg deckt uns vor dem Feind; es ist gestattet, Feuer
anzuzünden, aber das nasse Holz will nicht brennen. Auch der Hunger
begann zu nagen. Das Brot ist diesmal schlecht gebacken, halb noch Teig,
halb verschimmelt. Immerhin hätte man gern das leidlich Eßbare
ausgeschnitten, wenn sich etwas Marmelade dazu gefunden hätte; aber
diese ist ausgeblieben. Da gedachte ich der großen Blechbüchse, welche
die gute Frau Margarete von Schalding, erkenntlich für längst verjährte
Hilfe gegen schleichende Krankheit, mir gesandt hatte, als wir noch in
Libermont lagen. Den Inhalt kannte ich nicht; schwerlich war er in
unsrer Lage unwillkommen. Rehm grub sie vom Grunde des Rucksacks herauf
und schnitt behutsam den Deckel los; mit goldbraunflüssigem Bienenhonig
war sie bis zum Rande gefüllt. Und nun scheint sich das Wunder der
Vermehrung zu erneuern: die Bewohner dreier Zelte sind schon erquickt
und noch immer das Gefäß bis über die Hälfte voll.