Nachts hatte man von den umliegenden Bergen herüber Wolfsgeheul
vernommen; die Maultierführer deuten es auf nahen Schneesturm. In unsere
Stellung rückten wieder Bosnier; wir verließen um acht Uhr, bei
bedecktem Himmel, den Kishavas, nachdem die Quartiermacher schon in der
Dämmerung nach Lemhény vorausgegangen waren. Beim Hinuntersteigen mußte
ich der irren alten Frau gedenken, doch schlug der Stab einen anderen
Pfad ein, und später erfuhr ich, daß jener Steig, als beschwerlicher
Umweg, von den Truppen gemieden wird. Es mochte zehn Uhr sein, als uns
zum erstenmal die Ebene mit Äckerbraun und Häuserblau erschien, um
gleich wieder zu verschwinden, bis plötzlich, im tiefen Winkel zweier
blaudunkler Hänge, das Campanilchen von Esztelnek aufschimmerte. Alle
erkannten es und jubelten ihm zu; wie ohne Tornister, mit lautem Gesang,
eilten die Kolonnen. Aber in raschester Fahrt, mit schrillen Signalen,
holten uns österreichische Generalstabsoffiziere ein, winkten den Oberst
heran und breiteten Karten vor ihm aus. Ein mächtiges Halt ertönte,
Ordonnanzen mußten ihre Räder besteigen, um die vorausmarschierenden
Kompagnien zum Stehen zu bringen. Der Gesang brach ab; mißtrauisch im
beginnenden Regen wartete die Mannschaft. Nach wenigen Minuten erfolgt
Befehl zur Umkehr; es geht unter überfließenden Regenwolken in das
Gebirg zurück. Der Oberst berichtet uns, daß wichtige Höhen
verlorengegangen seien, darunter der wichtige Grenzberg Runcul mare, der
unverzüglich wiedererobert werden müsse. In Oitóz sahen wir den Grafen
Tisza, der in bequemer Pelzjoppe, eine graue Mütze in der Hand zwischen
Offizieren stand und ein Szeklerregiment an sich vorbeiparadieren ließ.
Die Kompagnien wurden in ungeheuren Holzbaracken untergebracht.
Vom Oberst entlassen, suchte ich ohne Verzug den Major und meldete, daß
ich den Dienst beim Bataillon wieder übernehme. Er saß allein in einem
armseligen Quartier auf zerbrochenem Stuhl und studierte Karten. Der
feuchte, finstere Abhang des Kishavas hat sein Leiden wieder aufgestört;
er fragte gleich, ob ich noch etliche Pulver habe. Zum Glück war ein
kleiner Vorrat geblieben; auch von Vallys trefflicher Schokolade fand
sich im Brotbeutel ein letztes Täfelchen. Dieses verzehrend, saßen wir
eine halbe Stunde in der windigen Stube beisammen, ohne viel zu reden.
Vom Lazarett will er auch jetzt nichts wissen, und ihm vorzuhalten, daß
er mit seinen fünfzig Jahren ohne Vorwurf zu Hause sitzen könnte, statt
hier in einem unübersehbaren Krieg immer neue winterliche Berge zu
erstürmen, hinter denen doch nur neue Feinde stehen werden, wäre kaum
angebracht. Im stillen ertappte ich mich auf einer rechten Freude,
wieder bei ihm zu sein; so ist wohl einem Raucher zumute, der sein
scharfes aber würziges Kraut nach längerer Entbehrung wieder anzündet.
Die Soldaten haben unterdessen Münchener Bier erhalten, und da sie
hören, daß wir vorerst nur in Bereitschaft liegen sollen, ja vielleicht
gar nicht ernsthaft eingesetzt werden, sind sie, wie Kinder, gleich
wieder guter Dinge. Niemand will schlafen; Lärm und Singsang dauern bis
Mitternacht.