12. November, sechs Uhr morgens

Da der Verbandraum längst überfüllt ist, haben wir die neuen Verwundeten

in ein ganz nahes Tälchen gelegt und ein großes Feuer angezündet, um die

Luft zu erwärmen. Die Toten werden auf einer moosigen Fläche

zusammengetragen, etwas jenseits des Feuers, das sich unter dem Winde zu

ihnen hinüberstreckt, wie um sie zu verzehren. Der junge Leutnant, der

uns neulich auf dem Weg durch die Stellung begleitet hat, ist unter

ihnen. Kurz vor Mitternacht kommt eine Meldung, daß die Rumänen von der

Front zurückgezogen und durch ein russisches Regiment ersetzt worden

seien.

Es wurde nun still in der Tiefe, und nach ein Uhr kamen keine

Verwundeten mehr. Ich legte mich um zwei Uhr in das Zelt und schlief

ein. Da hatte ich einen Traum. Ich befand mich bei Vally und Wilhelm in

unserm Wohnzimmer zu Passau. Es sah darin sehr kahl und ärmlich aus;

fast alle Möbel waren entfernt, die Wände voller Sprünge, der Spiegel

blind. Vally, mit magerem weißem Gesicht, lag in einem schlechten,

zerschlissenen Bett und sagte gelassen, fast heiter, daß sie schon lange

nichts mehr zu essen hätten. Wilhelm saß an seinem Tischchen und schrieb

auf einer Schiefertafel. Von Zeit zu Zeit legte er den Griffel weg, nahm

ein Spritzkännchen, ging ans Fenster und begoß Pflanzen, die dort in

Scherben wuchsen. »Was tust du?« fragte ich. »Ich muß die Königsblumen

gießen«, gab er mit großem Ernst zur Antwort und schrieb wieder. »Ja,

das sind kostbare Gewächse,« sagte Vally, »schau sie dir an! Die

meisten, leider, verwelken, bevor sie zum Blühen kommen; die mittlere

aber, die große, wird sicherlich aufgehen, das ist genug. Sie wird uns

alles geben, was wir brauchen, Kleider und Schuhe, Brot und Wein.«

»Kleider, Schuhe, Brot und Wein«, wiederholte das Söhnchen in singendem

Ton, stand auf und begann wieder zu gießen. Ich betrachtete die Pflanze;

es war eigentlich nur eine große blaßgrüne Knospe von unregelmäßiger

Form, die aus einem behaarten fleischroten Stengel hervorwuchs. Sah man

sie länger an, so konnte man in der Tat finden, sie gleiche einem

unentfalteten grünen Figürchen mit winzigen gelben Kronenzacken. Und auf

einmal war auch mir zumute wie den beiden, so verarmt und so voll

rätselhafter Hoffnung. Zugleich aber fiel mir ein, daß ich ja Brot und

Wein bei mir trug, echten Tokaier, in Arad gekauft, und frisches weißes

Brot aus Esztelnek. Rasch packte ich aus, rückte das Tischchen zum Bett,

und wir aßen und tranken, enthielten uns aber jeder Liebkosung, ja jedes

innigen Wortes, als hätten wir ein tiefes Wissen, daß wir nur Traumwesen

waren und uns durch Berührung oder durch ein Übermaß gezeigten Gefühls

zerstören konnten. Vallys Wangen röteten sich, ihre Augen glänzten; der

Kleine wurde sehr fröhlich: »Ich will der Blume Wein zu trinken geben,

damit sie schneller wächst!« sagte er, schüttete ein wenig auf die hohle

Hand und ließ es auf die Knospe tropfen; diese wuchs gewaltig, auch

prägte sich die Figur deutlicher aus -- plötzlich, mit feinem Klingen,

zuckte ein Licht, ein schmaler Strahl, purpurgolden, zwischen Blättern

hervor, der Knabe, entzückt und erschrocken, trat einen Schritt zurück

-- »die Zeit ist da!« rief Vally und erhob sich aus den Kissen, ich aber

hörte mich mit rauher Stimme angeredet und erwachte. Jemand hatte das

Zelt geöffnet, ich sah den rötlich dämmernden Himmel, darüber hart

funkelnd einen Stern, am Boden aber einen gebückten knienden Mann in,

österreichischer Uniform, der mir eifrig und respektvoll mit mühsamem

Deutsch etwas zu erklären suchte. Raab, der herzutrat, sagte, es sei ein

bosnischer Sanitätsfeldwebel, der Führer der eben eingetroffenen

Verwundetenträger, der Mann lasse sichs nicht nehmen, er wolle deren

Ankunft unverzüglich melden und um Befehle bitten. Ich behalte eine

Gruppe für besondere Fälle bei mir; die anderen bekommen Rast und

Speise, dann beginnen sie ihren schweren Dienst. Es sind stämmige Männer

in reifem Alter; sämtliche haben den sicheren federnden Gang, der dem

Getragenen viele Schmerzen erspart. Auch das Eselchen ist schon da, ein

rabenschwarzes mit weißen Ringen um die Augen, am ganzen Leibe noch

dampfend von seiner frommen Mühsal. Alle sammeln sich darum, jeder

streichelt es, jeder will sein Brot mit ihm teilen, und wie Völker alter

Zeit sind wir nahe daran, das Unschuldig-Vernunftlose als das höchste

Göttliche zu verehren.

Drunten halten sie noch Ruhe. Manchmal, wie Gasperlen aus einem Sumpf,

brodelt eine Schießmaschine. Die Verwundeten warten geduldig. Leichte

Gifte lösen den Schmerz, und das große Feuer heizt weithin die Luft; sie

flimmert wie fließendes Glas. Die Bosnier haben sich rings herumgesetzt;

sie singen langtönige Lieder, in denen der Trochäus überwiegt. Ein

starker Wind zerrt an den blauen Wurzeln der Flammen und wirft Funken

und Fetzen brennenden Wacholders auf die Toten.

Rumänisches Tagebuch · 第 27 / 64 题