Da der Verbandraum längst überfüllt ist, haben wir die neuen Verwundeten
in ein ganz nahes Tälchen gelegt und ein großes Feuer angezündet, um die
Luft zu erwärmen. Die Toten werden auf einer moosigen Fläche
zusammengetragen, etwas jenseits des Feuers, das sich unter dem Winde zu
ihnen hinüberstreckt, wie um sie zu verzehren. Der junge Leutnant, der
uns neulich auf dem Weg durch die Stellung begleitet hat, ist unter
ihnen. Kurz vor Mitternacht kommt eine Meldung, daß die Rumänen von der
Front zurückgezogen und durch ein russisches Regiment ersetzt worden
seien.
Es wurde nun still in der Tiefe, und nach ein Uhr kamen keine
Verwundeten mehr. Ich legte mich um zwei Uhr in das Zelt und schlief
ein. Da hatte ich einen Traum. Ich befand mich bei Vally und Wilhelm in
unserm Wohnzimmer zu Passau. Es sah darin sehr kahl und ärmlich aus;
fast alle Möbel waren entfernt, die Wände voller Sprünge, der Spiegel
blind. Vally, mit magerem weißem Gesicht, lag in einem schlechten,
zerschlissenen Bett und sagte gelassen, fast heiter, daß sie schon lange
nichts mehr zu essen hätten. Wilhelm saß an seinem Tischchen und schrieb
auf einer Schiefertafel. Von Zeit zu Zeit legte er den Griffel weg, nahm
ein Spritzkännchen, ging ans Fenster und begoß Pflanzen, die dort in
Scherben wuchsen. »Was tust du?« fragte ich. »Ich muß die Königsblumen
gießen«, gab er mit großem Ernst zur Antwort und schrieb wieder. »Ja,
das sind kostbare Gewächse,« sagte Vally, »schau sie dir an! Die
meisten, leider, verwelken, bevor sie zum Blühen kommen; die mittlere
aber, die große, wird sicherlich aufgehen, das ist genug. Sie wird uns
alles geben, was wir brauchen, Kleider und Schuhe, Brot und Wein.«
»Kleider, Schuhe, Brot und Wein«, wiederholte das Söhnchen in singendem
Ton, stand auf und begann wieder zu gießen. Ich betrachtete die Pflanze;
es war eigentlich nur eine große blaßgrüne Knospe von unregelmäßiger
Form, die aus einem behaarten fleischroten Stengel hervorwuchs. Sah man
sie länger an, so konnte man in der Tat finden, sie gleiche einem
unentfalteten grünen Figürchen mit winzigen gelben Kronenzacken. Und auf
einmal war auch mir zumute wie den beiden, so verarmt und so voll
rätselhafter Hoffnung. Zugleich aber fiel mir ein, daß ich ja Brot und
Wein bei mir trug, echten Tokaier, in Arad gekauft, und frisches weißes
Brot aus Esztelnek. Rasch packte ich aus, rückte das Tischchen zum Bett,
und wir aßen und tranken, enthielten uns aber jeder Liebkosung, ja jedes
innigen Wortes, als hätten wir ein tiefes Wissen, daß wir nur Traumwesen
waren und uns durch Berührung oder durch ein Übermaß gezeigten Gefühls
zerstören konnten. Vallys Wangen röteten sich, ihre Augen glänzten; der
Kleine wurde sehr fröhlich: »Ich will der Blume Wein zu trinken geben,
damit sie schneller wächst!« sagte er, schüttete ein wenig auf die hohle
Hand und ließ es auf die Knospe tropfen; diese wuchs gewaltig, auch
prägte sich die Figur deutlicher aus -- plötzlich, mit feinem Klingen,
zuckte ein Licht, ein schmaler Strahl, purpurgolden, zwischen Blättern
hervor, der Knabe, entzückt und erschrocken, trat einen Schritt zurück
-- »die Zeit ist da!« rief Vally und erhob sich aus den Kissen, ich aber
hörte mich mit rauher Stimme angeredet und erwachte. Jemand hatte das
Zelt geöffnet, ich sah den rötlich dämmernden Himmel, darüber hart
funkelnd einen Stern, am Boden aber einen gebückten knienden Mann in,
österreichischer Uniform, der mir eifrig und respektvoll mit mühsamem
Deutsch etwas zu erklären suchte. Raab, der herzutrat, sagte, es sei ein
bosnischer Sanitätsfeldwebel, der Führer der eben eingetroffenen
Verwundetenträger, der Mann lasse sichs nicht nehmen, er wolle deren
Ankunft unverzüglich melden und um Befehle bitten. Ich behalte eine
Gruppe für besondere Fälle bei mir; die anderen bekommen Rast und
Speise, dann beginnen sie ihren schweren Dienst. Es sind stämmige Männer
in reifem Alter; sämtliche haben den sicheren federnden Gang, der dem
Getragenen viele Schmerzen erspart. Auch das Eselchen ist schon da, ein
rabenschwarzes mit weißen Ringen um die Augen, am ganzen Leibe noch
dampfend von seiner frommen Mühsal. Alle sammeln sich darum, jeder
streichelt es, jeder will sein Brot mit ihm teilen, und wie Völker alter
Zeit sind wir nahe daran, das Unschuldig-Vernunftlose als das höchste
Göttliche zu verehren.
Drunten halten sie noch Ruhe. Manchmal, wie Gasperlen aus einem Sumpf,
brodelt eine Schießmaschine. Die Verwundeten warten geduldig. Leichte
Gifte lösen den Schmerz, und das große Feuer heizt weithin die Luft; sie
flimmert wie fließendes Glas. Die Bosnier haben sich rings herumgesetzt;
sie singen langtönige Lieder, in denen der Trochäus überwiegt. Ein
starker Wind zerrt an den blauen Wurzeln der Flammen und wirft Funken
und Fetzen brennenden Wacholders auf die Toten.