4. Der Fortschritt der Wissenschaft.

§ 70. Die verschiedenen Methoden.

Durch Erklärungen und Einteilungen wird das Verhältnis der Begriffe

zueinander geordnet, durch den Beweis der logische Zusammenhang zwischen

den Urteilen hergestellt; damit ist gezeigt, _wie gegebene Elemente

wissenschaftlich verarbeitet werden_.

Die Wissenschaft begnügt sich aber nicht mit dem Gewonnenen, sondern

_sie schreitet fort_; es erhebt sich also noch die Frage, welche

Methoden sie anwendet, um zu _neuen Erkenntnissen_ zu gelangen. Hier

sind folgende Wege möglich:

1. Man geht aus _vom einzelnen tatsächlich Gegebenen_, das man

beobachten kann, und sucht _daraus allgemeine Sätze_ zu gewinnen. Dies

ist das _induktive_ Verfahren.

2. Man geht aus _von den allgemeinen Sätzen_, die man schon gewonnen

hat, und sucht durch logische Verarbeitung derselben neue _Aufschlüsse

über das Besondere und Einzelne_ zu gewinnen. Dies ist das _deduktive_

Verfahren.

3. Der eigentliche Fortschritt der Wissenschaft findet aber nur _in der

Verbindung beider Methoden_, der Induktion und Deduktion, statt, wie sie

besonders die _Hypothese darstellt_.

4. Die Art endlich, wie die _Wissenschaft als Ganzes_ fortschreitet, ist

bestimmt durch _das logische Ideal des Systems_.

§ 71. Das induktive Verfahren.

Die Induktion als einfacher Schluß wurde schon in der Elementarlehre

behandelt (§ 61). Die _wichtigsten Leistungen der induktiven Methode_

sind folgende:

1. Die Induktion führt zur _Bildung realgültiger Begriffe_. Unsere

Begriffe sind zunächst nur _subjektive Gebilde_ und bedürfen der

fortwährenden Verbesserung durch neue Wahrnehmungen. Wenn wir einen

Gegenstand wahrnehmen, der zwar unter einen von uns schon gebildeten

Begriff fällt, aber ein Merkmal zeigt, das wir in diesen Begriff noch

nicht aufgenommen haben, so tritt die Frage an uns heran, ob dieses

Merkmal mit dem Begriff _notwendig zusammengehört oder nicht_. Wir

werden zu diesem Zweck darauf achten, ob sich an allen Gegenständen,

die unter diesen Begriff fallen, das neue Merkmal findet, und je

häufiger dies der Fall ist, mit um so größerer Wahrscheinlichkeit werden

wir die Frage der Zusammengehörigkeit bejahen können. Auf diesem Wege

können unsere subjektiven Begriffe allmählich zu Wesensbegriffen werden,

die der Wirklichkeit entsprechen. In der beschriebenen Weise wird z. B.

derjenige verfahren, der zum Begriff der Schlange das ihm neue Merkmal

der gespaltenen Zunge hinzufügen muß.

Nun zeigt aber die _Tatsache der Veränderung_, daß die Notwendigkeit,

welche die Merkmale der Dinge zusammenhält, doch keine unbedingte ist,

es müßte denn _die Veränderung selbst nach notwendigen Gesetzen_ vor

sich gehen, und zwar entweder als eine Entwickelung aus dem Wesen der

Dinge selbst heraus, wie bei den organischen Wesen, oder _durch äußere

Ursachen_ veranlaßt. Die logische Behandlung der letzteren ist eine

weitere Hauptaufgabe der Induktion.

2. Wir gewinnen durch Induktion _allgemeine Sätze über das Wirken von

Ursachen_. Besonders diese Seite der Induktion hat durch _J. St. Mill_

eine grundlegende Bearbeitung erfahren.

Es ist die _gewöhnliche Vorstellung_, daß wir das Wirken von Ursachen

ebenso wie irgend etwas anderes unmittelbar wahrnehmen. In Wirklichkeit

beobachten wir nur, daß eine Veränderung auf eine andere folgt.

Explodiert eine Granate in dem Augenblick, in welchem jemand sie

berührt, um sie wegzuwerfen, so ist die Wahrnehmung dieses Vorgangs ganz

dieselbe, ob die Berührung die Ursache der Explosion, oder ob es nur ein

zufälliges Zusammentreffen war. Eine genauere Betrachtung zeigt, daß wir

da ein kausales Verhältnis annehmen, _wo eine Veränderung regelmäßig auf

eine andere folgt_. Es gilt also der Satz: Die _Ursache_ ist das

_regelmäßige %Antecedens%_, die _Wirkung das regelmäßige %Consequens%_.

Wenn jene Explosion unter denselben Umständen regelmäßig erfolgen würde,

so würden wir schließlich die Berührung als Ursache annehmen. Damit aber

nicht auch die Nacht als Ursache des Tages angesehen werde, fügt Mill

hinzu, das Consequens müsse dem %Antecedens% _unbedingt_, d. h. unabhängig

von irgend welchen andern bedingenden Umständen, z. B. von dem Aufgang

der Sonne, folgen.

Um von dieser Grundlage aus auf wissenschaftlichem Wege sichere Gesetze

über das Wirken von Ursachen zu gewinnen, stellt Mill _zwei

Hauptmethoden_ auf, die Methode der Übereinstimmung und die Methode der

Differenz.

Die _Methode der Übereinstimmung_ wird von ihm in folgendem „Kanon”

zusammengefaßt: „Wenn zwei oder mehr Instanzen des zu erforschenden

Phänomens nur einen Umstand gemein haben, so ist der Umstand, in dem

allein alle Instanzen übereinstimmen, die Ursache (oder Wirkung) des

gegebenen Phänomens.”

Bezeichnen wir das Antecedens mit großen und das entsprechende

Consequens mit kleinen Buchstaben, so ergibt sich folgendes Schema:

A B C a b c

A D E a d e

A F G a f g

Da B C D E F G nicht jedesmal dabei sind, wenn a auf A folgt, so können

sie jedenfalls nicht die Ursachen sein, also muß es A sein. Die Wirkung

a sei z. B. Kristallisation. Wir vergleichen Fälle, in denen Körper

kristallinisches Gefüge annehmen, aber sonst in nichts übereinstimmen;

zeigt sich, daß sie nur _ein_ Antecedens gemeinsam haben, nämlich:

Ablagerung eines festen Stoffes aus einem flüssigen Zustand, so

schließen wir, daß das Festwerden einer Substanz aus einem flüssigen

Zustand ein unabänderlich vorangehender Umstand seiner Kristallisation

ist.

Die _Methode der Differenz_ wird von Mill folgendermaßen gefaßt:

„Wenn eine Instanz, in der das zu erforschende Phänomen eintritt, und

eine Instanz, in der es nicht eintritt, jeden Umstand bis auf einen

gemein haben, indem dieser eine nur in der ersteren vorhanden ist: so

ist der Umstand, in dem die beiden Instanzen voneinander abweichen, die

Wirkung oder die Ursache oder ein unentbehrlicher Teil der Ursache des

Phänomens.”

Hier werden also zwei Fälle verglichen, die sich durch nichts anderes

unterscheiden, als dadurch, daß in dem einen A und a gegenwärtig ist und

in dem andern fehlt, nach dem Schema:

B C b c

A B C a b c

Wenn jemand durchs Herz geschossen wird, so wissen wir, daß es der Schuß

war, der ihn tötete, weil er unmittelbar vorher noch in der Vollkraft

des Lebens war und als neues %Antecedens% A nur die Wunde hinzukam. Die

Wirkung a, der Tod, die ebenfalls neu hinzukam, muß deshalb durch A

bewirkt sein.

Dieses Hinzutreten eines neuen Elements mit darauffolgender Wirkung kann

leicht auch künstlich zustande gebracht werden. Die Differenzmethode ist

daher vorzugsweise die Methode des _Experiments_.

Mill unterscheidet dann noch eine vereinigte Übereinstimmungs- und

Unterschiedsmethode, eine Methode der Rückstände und eine Methode der

Begleitveränderungen.

3. Die Induktion führt auch zu _bloß empirischen Gesetzen_, die keinen

ursächlichen Zusammenhang, sondern nur ein tatsächliches Geschehen oder

regelmäßige Zusammenhänge verschiedener Vorgänge aussagen, z. B., daß

ein frei fallender Körper Räume beschreibt, die den Quadraten der Zeit

proportional sind, oder daß Ebbe und Flut in regelmäßigen

Zeitabschnitten wechseln. Es ist freilich die _Aufgabe der

Wissenschaft_, auch diese zunächst empirischen Gesetze auf kausale

Zusammenhänge zurückzuführen.

4. Durch die _generalisierende Induktion_ gelangt man _von spezielleren

Gesetzen zu allgemeineren_. Wenn A B C übereinstimmend das Prädikat P

haben, so wird geschlossen, daß dies seinen Grund in gewissen

gemeinsamen Merkmalen E und F habe; aus diesen Merkmalen E und F wird

dann der höhere Gattungsbegriff gebildet und angenommen, daß alle

Gegenstände, die unter denselben fallen, das Prädikat P haben müssen. So

gelangt man z. B. zu dem allgemeinen Gesetz, daß alle Körper, die

schwerer sind als Wasser, im Wasser untersinken. Dabei wird allerdings

eine über die Erfahrung hinausgehende Voraussetzung gemacht, nämlich

die, daß aus übereinstimmenden Gründen auch übereinstimmende Folgen

fließen.

§ 72. Das deduktive Verfahren.

_Die Deduktion steigt vom Allgemeinen zum Besonderen und Einzelnen

herab_: teils setzt sie die gewonnenen allgemeinen Begriffe und

Wahrheiten in Beziehung zueinander und gewinnt daraus _neue allgemeine

Erkenntnisse_, wie dies in ausgedehntem Maße die Mathematik tut; teils

leitet sie aus den erkannten allgemeinen Gesetzen die _einzelnen

tatsächlichen Erscheinungen_ ab. Es ist daher hauptsächlich die Aufgabe

der Deduktion, _die gegebene wirkliche Welt aus Gesetzen zu erklären_.

Dies geschieht durch einfache Syllogismen, welche den gegebenen Fall als

Folge eines oder mehrerer bekannter Gesetze darstellen. So erklärt sie

z. B. die Tatsache, daß eine Flasche, in der Wasser gefriert,

zerspringt, aus dem Gesetz, daß Wasser beim Gefrieren sich ausdehnt, und

aus dem andern, daß das Glas wegen seiner Sprödigkeit sich nicht

ausdehnen kann. Auf demselben deduktiven Wege, durch Ableitung aus einer

Reihe von bereits feststehenden physikalischen Gesetzen wäre z. B. die

mechanische Leistung einer Lokomotive zu erklären.

§ 73. Die Verbindung von Induktion und Deduktion und die Hypothese.

Aus einer Betrachtung der Induktion und der Deduktion folgt unmittelbar,

daß _sie einander nicht entbehren können_. Die Deduktion geht aus von

allgemeinen Sätzen und bedarf deshalb der Induktion, die allgemeine

Sätze findet. Die Induktion führt nur zu einem höheren Grade von

Wahrscheinlichkeit und bedarf einer fortwährenden Prüfung ihrer

Resultate. Dies geschieht am besten dadurch, daß man aus den allgemeinen

Sätzen, die durch Induktion gewonnen sind, nun zur Probe für ihre

Richtigkeit versucht, deduktiv das Einzelne daraus zu erklären.

Das Hauptmittel, diese Verbindung beider Methoden für die Wissenschaft

fruchtbar zu machen, ist die _Hypothese_. Die Hypothese _ist die

vorläufige Annahme der Wahrheit eines Satzes zum Zweck ihrer Prüfung an

den daraus abgeleiteten Folgen_. Jede einzelne Folgerung aus der

Hypothese, die formell richtig abgeleitet ist, aber mit den Tatsachen

oder anderen wahren Sätzen in Widerspruch steht, beweist die

_Unwahrheit der Hypothese_. Jede Folge, die materiale Wahrheit hat,

führt aber nur zu _größerer Wahrscheinlichkeit_, die sich allerdings der

vollen Gewißheit nähern kann. Die Hypothese ist ferner um so

wahrscheinlicher, je einfacher sie ist und je weniger sie

_Hilfshypothesen_ braucht. Die Hypothese erlangt Gewißheit und wird zur

_Theorie_, wenn es gelingt, sie als das einzig mögliche Mittel zur

Erklärung aller in Betracht kommenden Tatsachen nachzuweisen oder sie

von bereits anerkannten Sätzen abzuleiten.

Die _Entwickelung der Wissenschaft_ geht _immer durch Hypothesen

hindurch_. Dies zeigt z. B. die ganze Geschichte der Astronomie;

Hypothesen sind ferner die philologischen Konjekturen, die Versuche zur

Erklärung des Lichtes, die Entwicklungslehre Darwins, die Diagnose des

Arztes.

§ 74. Das System.

_Das System ist die Verbindung zusammengehöriger Erkenntnisse zu einem

logisch geordneten Ganzen._ Die _Wissenschaft_ ist die Zusammenfassung

der in irgend einem Zeitpunkt erreichten gleichartigen Erkenntnisse in

der Form dieser Verbindung. Wäre die Wissenschaft als System vollendet,

so müßte einerseits eine _vollkommene Klassifikation_, anderseits eine

_vollkommene Deduktion_ erreicht sein. Die _Gesamtheit der Begriffe_

müßte eine _Pyramide_ darstellen, deren Spitze der höchste Begriff,

deren Grundlage die untersten Arten bilden würden, die selbst die

gesamte wirkliche Welt umfaßten. Die Deduktion aber würde alle _wahren

Urteile_ durch _ein System von Schlüssen_, durch eine Kette von Beweisen

verbinden, die in ununterbrochener Reihenfolge zu den letzten

Prämissen, zu den Axiomen zurückführen würden.

Die Wissenschaften sind noch weit von diesem _logischen Ideal_ entfernt,

aber sie werden dasselbe _nicht entbehren können_, wenn sie nicht in

Einseitigkeit verfallen wollen, ob es nun als erreichbar gilt oder

nicht, ob es nur als regulatives Prinzip, oder als wirkliches Ziel

angesehen wird. Der Geist der Zeit, die Hegemonie der Naturwissenschaft

hat _die von unten aufbauende Methode in den Vordergrund gestellt_, und

mit Recht wenden sich die besten Kräfte der genauen Erforschung der

Erfahrungswelt zu, aber die wissenschaftliche Arbeitsteilung droht das

Ganze der Wissenschaft und der Wissenschaften in lauter kleine und

kleinste Teile zu zersplittern: es ist die _Aufgabe der Philosophie_, das

Bewußtsein wach zu erhalten, _daß die Wissenschaft nur als Ganzes ihren

Zweck erfüllt_, und daß sie das nur kann, solange sie den Gedanken

festhält, wenn auch nur als leitenden Grundsatz, daß die

wissenschaftliche Arbeit _von unten_ und die _von oben her_ einmal

_zusammenkommen_ müssen.

Literatur.

A. Einleitung in die Philosophie:

_Külpe_, O., Einleitung in die Philosophie. 2. Aufl. 1898.

_Paulsen_, F., Einleitung in die Philosophie. 6. Aufl. 1900.

_Volkelt_, I., Vorträge zur Einführung in die Philosophie der Gegenwart.

1892.

_Windelband_, W., Präludien, Aufsätze und Reden zur Einleitung in die

Philosophie. 2. Aufl. 1903.

_Wundt_, W., Einleitung in die Philosophie. 1901.

Psychologie und Logik: zur Einführung in die Philosophie · 第 66 / 73 题