4. Die Modalität.

Nach der Modalität werden die Urteile eingeteilt in 1. _problematische_,

wo die Verknüpfung oder Trennung von Subjekt und Prädikat nur als

Vermutung hingestellt wird: S kann P sein; 2. _assertorische_, deren

Gültigkeit schlechthin behauptet wird: S ist P; 3. _apodiktische_,

deren Gültigkeit als notwendig hingestellt wird: S muß P sein.

Das problematische Urteil leidet in dieser Form an einer gewissen

Zweideutigkeit. S kann P sein, drückt sowohl die _subjektive

Ungewißheit_ aus: der See ist vielleicht gefroren, die Erscheinung des

Lichtes beruht vielleicht auf Ätherschwingungen, als auch die _objektive

Möglichkeit_: Wasser kann gefrieren. Das letztere Urteil enthält nichts

Problematisches, denn es spricht dem Wasser mit Bestimmtheit eine

Eigenschaft zu, die unter _gewissen Bedingungen_ mit Sicherheit

eintritt. Dagegen ist das Urteil über die Erklärung der Erscheinung des

Lichtes ein wirklich problematisches, für das aber doch derjenige, der

es als Hypothese ausspricht, bei dem jeweiligen Stand der Wissenschaft

Allgemeingültigkeit beansprucht. Nur der _Unterschied zwischen

assertorischem und apodiktischem Urteil_ fällt dahin, da jedes Urteil,

also auch das assertorische, mit dem Bewußtsein seiner Notwendigkeit

vollzogen wird.

§ 37. Die „zusammengesetzten” Urteile.

Im Anschluß an den grammatikalischen Unterschied zwischen einfachen und

zusammengesetzten Sätzen wurde in der Logik zwischen _einfachen_

Urteilen, die nur aus Subjekt, Prädikat und Kopula bestehen, und

_zusammengesetzten_ Urteilen, die mehrere einfache in sich schließen,

unterschieden.

Zu den zusammengesetzten Urteilen werden dann neben den schon genannten

hypothetischen und disjunktiven Urteilen folgende gerechnet:

1. Die _konjunktiven_ Urteile. Von demselben Subjekt werden mehrere

Prädikate bejaht oder verneint.

{ sowohl } { als } { als }

S ist { } P { } P^1 { } P^2.

{ weder } { noch } { noch }

2. Die _kopulativen_ Urteile. Von mehreren Subjekten wird dasselbe

Prädikat bejaht oder verneint.

Sowohl } { als } { als }

} S^1 { } S^2 { } S^3 ist P.

Weder } { noch } { noch }

3. Die _divisiven_ Urteile. Dem Gattungsbegriff werden die seinen ganzen

Umfang erschöpfenden Artbegriffe als Prädikate beigelegt. S ist teils P

teils P^1 teils P^2. Das divisive Urteil steht in naher _Beziehung zum

disjunktiven_. Viele disjunktive Urteile lassen sich auch divisiv

ausdrücken, z. B. das disjunktive Urteil: die Linien sind entweder

gerade oder krumm, lautet divisiv: die Linien sind teils gerade, teils

krumm. Doch scheiden sie sich schon bei genauerem sprachlichen Ausdruck

voneinander. Beim disjunktiven Urteil sind es einzelne Subjekte, von

denen die Disjunktion gilt, also genauer: _eine Linie_ ist entweder

gerade oder krumm; beim divisiven Urteil ist es der Subjektsbegriff nach

seinem ganzen Umfang, der in seine Teile zerlegt wird: _die_ Linien

(überhaupt) sind teils gerade, teils krumm. Andere disjunktive Urteile,

welche den Prädikatsbegriff in seine Unterschiede entwickeln, lassen

sich gar nicht in divisive verwandeln; z. B.: die Welt ist entweder von

Ewigkeit her oder geworden.

Die _hypothetischen_ und _disjunktiven_ Urteile werden jedoch nicht mit

dem gleichen Recht, wie die konjunktiven, kopulativen und disjunktiven,

zusammengesetzte Urteile genannt. Sie bestehen nicht aus selbständigen

Urteilen, sondern nur aus _hypothetischen Sätzen_, die für sich allein

keine allgemeine Gültigkeit beanspruchen. Man sah deshalb mit Recht auch

bei der Annahme von zusammengesetzten Urteilen die hypothetischen als

einfache an und sprach von zusammengesetzten hypothetischen Urteilen,

wenn dieselben mehrere Vordersätze oder mehrere Nachsätze oder beides

besitzen.

Nach einer anderen Richtung erheben sich Bedenken, wenn man das

konjunktive, kopulative oder divisive Urteil als ein _zusammengesetztes

Urteil_ bezeichnen will; denn es sind eigentlich _verschiedene

selbständige_ Urteile, deren Beziehung nur durch die Partikeln einen

kurzen sprachlichen Ausdruck findet. Von einem zusammengesetzten Urteil

in diesem Sinn zu reden, wäre also ungefähr dasselbe, wie wenn man eine

Straße ein zusammengesetztes Haus nennen wollte (Mill). Es müßten dann

neben den genannten Urteilen noch die zusammengesetzten _Sätze mit wenn,

obgleich, aber_ u. s. w. als zusammengesetzte Urteile aufgeführt werden;

alle diese Satzverbindungen begründen jedoch keine neuen Arten der

Urteilsfunktion selbst gegenüber dem einfachen Urteil. Es empfiehlt sich

daher überhaupt nicht, von einem zusammengesetzten Urteil zu sprechen,

sondern nur von einer _Zusammensetzung von Urteilen_; denn die Urteile,

die so bezeichnet werden könnten, bestehen teils nicht aus wirklichen

Urteilen, wie die hypothetischen und disjunktiven, teils nur aus einer

sprachlichen Verbindung selbständiger Urteile.

Es wird sich demnach die alte Kategorie der Relation aufrecht erhalten

lassen; denn neben der einfachen Ineinssetzung oder Trennung bildet das

_Verhältnis von Grund und Folge und das der Disjunktion eine

eigentümliche Art der Beziehung_ zwischen den an Stelle des Subjekts und

Prädikats tretenden Sätzen.

§ 38. Übersicht der Urteilsarten.

Die Betrachtung der Urteile nach Quantität, Qualität, Relation und

Modalität hat ergeben, daß die traditionelle Einteilung im einzelnen

verschiedene Mängel hat, daß aber die damit aufgestellten

Einteilungsgründe in der Hauptsache festgehalten werden können. Der

allgemeine _Akt des Urteilens selbst_ ist allerdings überall derselbe

(Sigwart), überall wird ein Subjekt mit einem Prädikat in eins gesetzt

oder von ihm getrennt und für diesen Akt Allgemeingültigkeit in Anspruch

genommen, aber _die Urteile erleiden Modifikationen je nach der

Beschaffenheit der Subjekte, der Prädikate und der Kopula_. Die

verschiedenen Arten dieser Bestandteile des Urteils haben immer einen

wesentlichen Einfluß auf das Urteil selbst, und so bietet sich als

einfachste _Einteilung die nach den Subjekts-, den Prädikats- und den

Beziehungsformen_ (so Wundt, von dem jedoch die Auffassung und

Ausführung der folgenden Einteilung abweicht); danach würde sich

ungefähr folgende Einteilung der Urteile ergeben:

Psychologie und Logik: zur Einführung in die Philosophie · 第 28 / 73 题