1. Die Begriffe.

§ 31. Der Begriff und seine Merkmale.

_Der Begriff ist die durch ein Wort repräsentierte Einheit aller in

einer Gemeinvorstellung gedachten wesentlichen Merkmale_ (s. o. §

13). Er entsteht durch Abstraktion von den ungleichartigen Merkmalen

und Reflexion auf die gleichartigen. Was im Begriff gedacht wird,

gilt als das Wesen der Gegenstände, die unter ihn fallen, und so

nennt man diejenigen Merkmale, ohne welche der Begriff nicht gedacht

werden kann, _wesentliche_, und diejenigen, die auch fehlen können,

_außerwesentliche_ oder _zufällige_. So sind wesentliche Merkmale

des Begriffs Mensch: Vernunft, Sprache, aufrechter Gang;

außerwesentliche: Schönheit, Gelehrsamkeit, Bosheit. Es scheint wohl

gleichartige Merkmale zu geben, die nicht wesentlich sind, die in

keinem inneren Zusammenhang zum Wesen des betreffenden Gegenstandes

stehen. Dies ist aber nur auf einer unvollkommenen Stufe der

Erkenntnis möglich; der Fortschritt der Wissenschaft muß entweder

die Gleichartigkeit auf einen inneren Wesenszusammenhang

zurückführen oder als eine nur scheinbare nachweisen. In der

Mathematik gibt es kein gleichartiges Merkmal, das nicht zugleich

wesentlich ist; z. B. der Begriff des gleichseitigen Dreiecks

schließt die Gleichheit der Winkel nicht unmittelbar in sich, kann

aber doch nicht ohne dieses Merkmal gedacht werden.

Die _wesentlichen_ Merkmale eines Begriffs werden auch eingeteilt in

_eigentümliche_ (%notae propriae%), welche denselben _ausschließlich_

eigen sind, und _gemeinsame_ (%n. communes%), welche auch andern Begriffen

zukommen, ferner in _ursprüngliche_ und _abgeleitete_ Merkmale. Ein

ursprüngliches Merkmal des Parallelogramms ist die Parallelität der

Gegenseiten, von diesem abgeleitet: die Gleichheit derselben.

Die Reihe von Individualvorstellungen, aus welchen der Begriff gebildet

wird, muß nicht notwendig von verschiedenen Individuen herrühren,

sondern sie kann auch auf _dasselbe Individuum_ zu verschiedenen Zeiten

sich beziehen, und dann erhalten wir den _Individualbegriff_. So machen

wir uns besonders von menschlichen Individuen Individualbegriffen,

indem wir die verschiedenen Individualvorstellungen, die wir von ihnen

aus verschiedenen Zeiten haben, zu einem Begriff zusammenfassen.

§ 32. Inhalt und Umfang des Begriffs.

An jedem Begriff wird unterschieden: der _Inhalt_, d. h. die Gesamtheit

der darin gedachten Merkmale, und der _Umfang_, d. h. die Summe der

Gegenstände oder Vorstellungen, die in sein Gebiet fallen. So bilden den

Inhalt des Begriffs Parallelogramm: die Merkmale Viereck und

Parallelität der Gegenseiten, den Umfang desselben: die Quadrate,

Rechtecke, Rhomben und Rhomboide; den Inhalt des Begriffs Tier:

organisches Wesen, Empfindung, freie Bewegung, den Umfang: Säugetiere,

Vögel, Amphibien, Fische, Würmer u. s. w.

Werden in den Begriff neben den wesentlichen noch zufällige Merkmale

aufgenommen, so wird der Umfang desselben zu klein, der Begriff ist _zu

eng_. Wenn nicht alle wesentlichen Merkmale aufgenommen werden, so wird

der Umfang zu groß, d. h. der Begriff ist _zu weit_. Der Begriff

Parallelogramm wird zu eng, wenn er das Merkmal gleichseitig erhält,

denn aus seinem Gebiet werden dadurch das Rechteck und das Rhomboid

ausgeschlossen; er wird zu weit, wenn das wesentliche Merkmal:

Parallelität der Gegenseiten weggelassen wird, denn dann fällt er mit

dem Begriff des Vierecks zusammen.

_Je größer der Inhalt eines Begriffes, desto kleiner der Umfang, und je

größer der Umfang, desto kleiner der Inhalt._ Begriffsumfang und

Begriffsinhalt stehen also ihrer Größe nach in umgekehrtem Verhältnis

zueinander. So ist der Umfang des Begriffs Geld größer als der Umfang

des Begriffs Silbergeld, denn er umfaßt auch das Kupfergeld, Goldgeld

und Papiergeld, dagegen sein Inhalt ist kleiner, nämlich um das Merkmal

Silber. Der Umfang eines Begriffs wird also durch Hinzufügung von

Merkmalen beschränkt (Determination), durch Weglassung von Merkmalen

erweitert (Abstraktion).

§ 33. Klarheit und Deutlichkeit der Begriffe.

Von dem Grade der Einsicht in den Inhalt und Umfang des Begriffs hängt

die Klarheit und Deutlichkeit desselben ab. Ein Begriff ist _klar_, wenn

man das, was zu seinem Umfang gehört, genau von dem unterscheiden kann,

was in den Umfang anderer Begriffe fällt, so daß keine Verwechslung

möglich ist. So ist der Begriff Logik klar, wenn man ihn von

Psychologie, Erkenntnistheorie, Metaphysik genau unterscheiden kann. Ein

Begriff ist _deutlich_, wenn die Merkmale, die seinen Inhalt bilden, für

sich klar sind. So hat derjenige einen deutlichen Begriff der Logik, der

von der Wissenschaft überhaupt und von den Gesetzen des Denkens eine

klare Vorstellung hat.

§ 34. Die Arten der Begriffe.

Nach dem Inhalt unterscheidet man _einfache_ und _zusammengesetzte_

Begriffe, je nachdem dieselben nur ein einziges oder mehrere Merkmale

enthalten. Einfache Begriffe sind: Etwas, Sein, Punkt, Raum;

zusammengesetzte: Löwe, Sechseck, Urteil.

Nach dem Verhältnis des Umfangs der Begriffe unterscheidet man

_untergeordnete_ (subordinierte), _übergeordnete_ (superordinierte) und

_nebengeordnete_ (koordinierte) Begriffe. Denjenigen Begriff, der

unmittelbar aus Individualvorstellungen entstanden ist, nennt man

_Artbegriff_, z. B. den Begriff Nachtigall; denjenigen, der selbst wieder

aus Artbegriffen entstanden ist und deshalb die Individualvorstellungen

nur mittelbar in sich befaßt, den _Gattungsbegriff_, z. B. Singvogel. Der

Gattungsbegriff heißt auch der _höhere_ oder _weitere_ und der

Artbegriff der _niedere_ oder _engere_ Begriff. Aus Gattungsbegriffen

können wieder andere höhere Gattungsbegriffe gebildet werden, so fällt

der Begriff Singvogel unter die höheren Gattungsbegriffe: Vogel, Tier,

organisches Geschöpf, Körper, von denen jeder wieder einen weiteren

Umfang hat, als der vorhergehende, so daß ein Gattungsbegriff im

Verhältnis zum folgenden höheren immer wieder als Artbegriff betrachtet

werden könnte; doch wird diese Stufenleiter von Art- und

Gattungsbegriffen häufig durch besondere Ausdrücke bezeichnet, wo dann

auch Art und Gattung ihre ganz bestimmte Stelle haben. So konstruiert

besonders die Naturwissenschaft von oben nach unten folgendes Schema:

Reich, Kreis, Gruppe, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art,

Individuum.

Begriffe, die demselben nächsthöheren Gattungsbegriff untergeordnet

sind, stehen im Verhältnis der _Beiordnung_ oder Koordination, z. B.

Frühling, Sommer, Herbst, Winter, innerhalb der Gattung Jahreszeiten. Da

die beigeordneten Begriffe sich ausschließen, so stehen sie in einem

gewissen _Gegensatz_ und zwar im _kontradiktorischen_ Gegensatz

(Widerspruch), wenn es _nur zwei Begriffe sind_, die miteinander den

Umfang des höheren Begriffs ausfüllen, so daß der eine geradezu die

Verneinung des anderen ist, z. B. Mensch und Nichtmensch, zeitlich und

ewig, Bewegung und Ruhe, schuldig und unschuldig; im _konträren_

Gegensatz (Widerstreit), wenn es _mehrere Begriffe_ sind, so daß sie

sich zwar auch gegenseitig ausschließen, aber mit anderen Begriffen

sich in den Umfang des höheren Begriffes teilen. Was sich nicht bewegt,

ruht; daraus aber, daß es nicht Frühling ist, folgt nicht, daß es Sommer

sein muß, es kann auch Herbst oder Winter sein, nur keines von beiden

zugleich.

Zwei Begriffe sind _identische_ oder _Wechselbegriffe_, wenn sie nach

Inhalt und Umfang sich decken, z. B. der Begriff eines gleichseitigen und

der eines gleichwinkligen Dreiecks, Aristoteles und der Begründer der

Logik. Der Unterschied besteht dann nur im sprachlichen Ausdruck, der

nur je nach dem Zusammenhang eine der Seiten des Begriffes besonders

hervorhebt. Zwei Begriffe _kreuzen sich_, wenn sie nur einen Teil ihres

Umfanges gemeinsam haben, z. B. Neger und Sklaven; sie sind _einstimmig_,

wenn sie an demselben Gegenstand vorkommen können, z. B. rechtwinklig und

gleichseitig an dem Begriff Quadrat. _Disparate_ Begriffe nennt man

diejenigen, welche überhaupt nicht im Umfang eines beiden gemeinsamen

höheren Begriffs untergebracht werden können, z. B. Dreieck und

Tapferkeit.

Psychologie und Logik: zur Einführung in die Philosophie · 第 23 / 73 题