Von Moschaneng nach Molopolole.
König Montsua und das Christenthum.--Die Wesleyan-Mission in
Moschaneng.--Besuch am Wagen.--Meine ärztliche Praxis in
Moschaneng.--Merkwürdige Termitenbauten.--Ein Intermezzo bei unserer
Abreise.--Das Banquaketse-Hochland.--Anzeichen tropischer
Vegetation.--Hyänenhunde.--Pittoreske Landschaftsscenerien an den
Naprstek-Höhen.--Beleuchtungseffecte auf der Hochebene.--Ruinen von
Mosilili's Stadt.--Klippdachsjagd.--Grasbäume.--Ein Thari.--Molopolole.
Der südliche Theil von Moschaneng war von Molema und seinen Barolongen
bewohnt, und mit Ausnahme der schon verfallenen Kirche und dem Häuschen,
in dem Herr M. wohnte, besaß es kein im europäischen Style aufgeführtes
Wohnhaus. Die Häuschen der Eingebornen zeigten den, den Betschuana's
eigenthümlichen Typus, nur waren sie ob des beschränkten Raumes sehr
dicht nebeneinander erbaut, dagegen waren die Gehöfte des durch einen
Bach und sein kleines Thälchen geschiedenen Stadttheils der Baharutse
geräumiger. Ich schätzte die Einwohnerzahl beider Städte auf 7000,
welche Zahl um circa 1000 auf- und abschwankt, da einestheils viele
Bewohner längere Zeit in den Diamantenfeldern arbeiten, andere wieder
die entfernten Felder bestellen. Des Königs Behausung, je ein Gehöft mit
zwei Wohnungen für jede seiner fünf Frauen und sein eigenes stand in der
westlichen Hälfte der Stadt nahe am Ufer des Bächleins.
Die Verfassung unter den Barolongen und Banquaketsen ist eine im
gewissen Sinne constitutionelle, wenn auch etwas beschränkter als unter
den Bakwena's und östlichen Bamanquato's. Unter den Betschuanakönigen
steht nach Khama, dem nunmehrigen Könige der östlichen Bamanquato,
Montsua obenan. Er ist ein Heide, doch besser als der christliche
Seschele, obwohl er anfangs, als das Christenthum in's Land drang, aus
Unkenntniß seiner Satzungen es lebhaft bekämpfte, da er befürchtete, daß
dasselbe seine Unterthanen von ihm abwendig machen und seine königliche
Macht schwächen könnte und daher alles aufbot, es wieder aus dem Lande
zu verdrängen.
Wie bei den meisten Betschuanastämmen, unter denen Missionäre zu wirken
begannen, waren es auch hier meist die jungen Leute, welche an den neuen
Lehren Gefallen fanden, während die alten fest an ihren heidnischen
Satzungen hielten. Montsua fiel dies auf und dies um so mehr, als sich
die jungen Männer und Mädchen nicht in der entsprechenden Anzahl zur
Circumcision einstellten, an den Hochzeitsorgien nicht theilnehmen
wollten und viele andere heidnische Feste spärlich besucht waren. Unter
den Betschuana's ist ein Tanz gebräuchlich, welcher Rohrtanz heißt,
einem alten, heidnischen Gebrauche zu Grunde liegt und der von durch die
Städte ziehenden, auf Schilfrohrpfeifen unaufhörlich blasenden Männern
getanzt wird (zuweilen stirbt einer oder mehrere während des Tanzes oder
kurz darnach an acutem Emphysem der Lungen durch das unaufhörliche
Pfeifen hervorgerufen). Montsua stellte daher das Verlangen, daß die
jungen Leute der herkömmlichen heidnischen Sitte gerecht werden sollten,
und hatte unter dieser Bedingung nichts gegen die Taufe (_bathu ba
lehuku_: nach Rev. Mackenzie das Volk des Wortes, oder das Volk, welches
das Wort Gottes aufnimmt) einzuwenden. Durch seinen eigenen Bruder
Molema, der das Christenthum mit vollem Herzen aufgenommen, angespornt
und ermuntert, verweigerten es die Neubekehrten, dem Wunsche des Königs
nachzukommen. Molema fand an Jan, dem nunmehrigen dunklen
Barolongen-Prediger einen treuen Helfer.
Von seinen Regendoctoren aufgestachelt, forderte Montsua, daß sich die
Bekenner des neuen Glaubens an zwei mit der Regenzauberei
zusammenhängenden Ceremonien betheiligen sollten, d.h. an der
Letschulojagd, welche von den Regendoctoren veranstaltet wird, um von
gewissen Wildarten bestimmte, zu ihren abergläubischen Handlungen
gebrauchte Theile zu erlangen, sowie an dem Umgraben einer Ackerstelle,
welche von den Regendoctoren benutzt und als geweiht angesehen, und
tsimo _ea pulta_, d.h. Garten, dem Regen geweiht, genannt wird. Auch
dies wurde von den Bekehrten verweigert, sie ließen jedoch dem Könige
wissen, daß sie ihm jeden anderen Beweis ihrer Treue und ihres Gehorsams
als Unterthanen geben wollten, allein die Gebräuche ihrer Vorväter,
seitdem sie _bathu ba lehuku_ geworden, nicht mehr ausüben könnten.
In Folge des constitutionellen Regimes und der Zahl der Anhänger des
neuen Glaubens konnte er die sich Weigernden nicht so leicht bestrafen,
allein er sann auf andere Mittel und fand auch bald Gelegenheit, solche
in Anwendung zu bringen, als sich am nächsten Sonnabend Molema und Jan
auf das Land begaben. Er ließ in der Stadt bekannt machen, daß sich am
folgenden Tage kein Mensch in der Kirche blicken lassen dürfe. Allein
ohne sich um diesen Befehl zu kümmern und von zwei Frauen (denn diese
erkannten zu wohl, daß das Christenthum sie aus der Stellung der
»Sclavinnen« in eine dem Manne ebenbürtige hob) angefeuert, fehlte auch
nicht Einer, als die Zeit des Gottesdienstes kam, in dem kleinen
Gebäude. Des Königs Getreue brachten ihm bald die Kunde von dem
Geschehenen, auch konnte er aus seinem Häuschen den Gesang der Hymnen
hören. Aufgebracht über diesen offenen Widerstand bewaffnete sich
Montsua mit einem langen, dolchartigen Messer und eilte nach der Kirche,
in welche er eintrat, als eben einer der Männer (in Molema's
Abwesenheit) das Dankgebet vorlas. Sein Erscheinen brachte natürlich
Schrecken unter die Versammelten und diese Verwirrung benutzend, befahl
ihnen der König, sich sofort zu entfernen. Da war es eine der Frauen,
die ihm mit den Worten entgegentrat, daß sie (die Versammelten) als
_bathu ha lehuku_ erst ihre Andacht beenden würden. Diese Worte brachten
den König derart in Zorn, daß er auf die Frau losstürzte und es ihm nur
durch die Drohung, von seiner Waffe Gebrauch zu machen, gelang, die
Anwesenden aus der Kirche zu treiben. Unter den Bekehrten befand sich
auch eine seiner Töchter und ihr Mann. Der König verbot ihr aus dem
Hause zu gehen, als sie jedoch von einem der Unterrichteten aus der
neuen Gemeinde besucht wurde und mit diesem in einem Hymnenbüchlein las,
schied sie ihr Vater von ihrem Manne, nahm sie zu sich in's Haus und
zwang sie, der alten heidnischen Sitte gemäß sich blos mit dem
Lederschürzchen zu bekleiden.
Doch alles dies half Montsua nichts und so wurde er endlich seines
strengen Verfahrens müde und nachdem er eingesehen, daß die Bekehrten
sonst ebenso treue Unterthanen waren und überdies arbeitsamer und
wohlhabender wurden, ließ er nicht allein von den Verfolgungen ab,
sondern beförderte (ohne selbst die neuen Lehren anzunehmen) die
Verbreitung des Christenthums in seinem Lande als Jener und Molema
später von einander schieden, ordnete er an, daß Jan, der Barolonge, den
um ihn Wohnenden und Molema den in Molema's Town am Molapo Weilenden
predigen sollte.[1]
1: Das Christenthum wurde unter die Barolongen durch die
Weslyanische Missionsgesellschaft gebracht, deren nördlichste
Station zur Zeit meines Besuches im Jahre 1875 Moschaneng,
gegenwärtig, nach der Uebersiedlung Montsua's nach Lothlakane,
Molema's Town ist. Hier wirkt noch immer Molema, während Herr Webb
seitdem die Stadt verließ und in Lothlakane Rev. Harris (statt Rev.
Webb) fungiert. Das Wirken der Missionsgesellschaft hat insofern
gute Früchte getragen, als es viele der Barolongen veredelte, den
Herrscher zu weisen Maßregeln brachte, und dadurch, daß die
Missionäre auch Ackerbau einführten, den Wohlstand der Eingeborenen
hob.
Einer der ersten Besucher am Wagen war ein alter Regendoctor, der mich,
als er von Montsua hörte, daß ich ein Naka (Doctor) sei, als Kollegen zu
begrüßen kam. Der alte Mann fand großen Gefallen an Monkey und bat mich
wiederholt, ihm das Thier zu verkaufen, da er es zu seinem _pula-jana_
(Regenzauberei) gebrauche, und wunderte sich, daß ich, trotzdem ich auch
ein Naka sei, es nicht glauben wolle. Auch Montsua kam mit Einigen
seines Haushaltes, ein Diener trug ihm ein Stühlchen nach, worauf sich
Seine königliche Hoheit niederließ; er erzählte mir von dem die Manupi
beherrschenden, über 100 Jahre (105) alten Häuptling und von der Weise,
wie die Matabele Moselikatse's Begräbniß gefeiert hatten.
Was ich schon während der Reise bis hierher wiederholt befürchtet, trat
ein, von meinen Zugthieren erkrankten nicht weniger als vier, von denen
ich drei, Dank eines mir von Herrn Martin anempfohlenen Heilmittels noch
retten konnte, ihre Leistung konnte aber für die nächste Zeit kaum in
Betracht kommen. Ich stand nunmehr der absoluten Nothwendigkeit
gegenüber, mir Ersatz zu schaffen; glücklicher Weise gelang mir dies
leichter, als ich es je gehofft. Am nächsten Tage ließ mich Montsua zu
sich rufen und erbat sich nicht nur für sich selbst, sondern auch für
drei seiner Frauen, von welchen er eine mir als sterbenskrank
schilderte, meinen ärztlichen Beistand. Die von mir verabreichten
Arzneien hatten Wunder gewirkt, alle meine Patienten fühlten sich schon
in den nächsten Tagen bedeutend wohler. Ich sah mich in Folge dessen
bald von Hilfsbedürftigen umlagert, des Königs Bruder, der Chef
Chatsitsive, der Barolong-Prediger Jan Leschumo, seine Frau und sein
Sohn und zahlreiche andere Eingeborne, darunter besonders Frauen mit
ihren Säuglingen, drängten sich zu meinem improvisirten, unter freiem
Himmel errichteten Ordinationssalon. Meinen ärztlichen Erfolgen hatte
ich es zu danken, daß ich Moschaneng mit einem frischen, zugkräftigen
Gespann verlassen konnte.
Die von Molema (des Königs Bruder) vom Molapo gesandte und durch zwei
Boten abermals bestätigte Nachricht von seiner Besserung hatte mir nicht
allein als Empfehlung gedient, sondern mir auch das Vertrauen der Leute
in Moschaneng im Sturm gewonnen.[1]
1: Siehe Anhang 18.
Montsua bewies seine Erkenntlichkeit, indem er mir 1 £ St. für die
verabreichten Arzneien nebst vier weißen und ebensovielen schwarzen
Straußenfedern von seltener Schönheit überreichte, von welchen er die
weißen für meine Frau bestimmte; meine Entgegnung, daß ich noch keine
Frau hätte, nahm er mit ungläubiger Miene auf, rieth mir aber
schließlich, die Federn für meine zukünftige Gattin aufzubewahren. Dem
Wohlwollen des Königs verdankte ich auch fünf kräftige Zugthiere, die er
mir für mein Snidergewehr überließ, während Herr Martin und der Händler
Mr. T. mir zu weiteren fünf Thieren verhalfen, so daß ich nunmehr über
14 Zugthiere verfügen konnte und frohen, leichten Muthes der Weiterreise
entgegensah.
[Illustration: Barolongfrauen aus Moschaneng.]
Ich muß hier einer interessanten Beobachtung gedenken. An der Lehmwand
von Mr. Martin's Wohn- und Verkaufslocale sah ich Termiten von einem
unter der Mauer, in der Erde befindlichen Baue einen Gang nach auswärts
an der Außenseite der Wand, aus dem Anwurf mit Hilfe der
Speichelsecretion kneten und formen. Dieser bedeckte Gang war so weit,
daß man etwa einen Bleistift hätte einführen kennen, zeigte viel
Abzweigungen nach rechts und links und auch Gabelungen nach oben. Aus
einem zweiten Souterrainbau führten mehrere solcher Kanäle nach
auswärts, aus der Ferne betrachtet schien es, als hätten Menschenhände
an Herrn Martin's Hauswand Strauchformen durch Ankneten von röthlicher
Thonerde nachzuahmen versucht.
Der Aufenthalt in Moschaneng war auch der Vermehrung meiner
ethnographischen und etymologischen Sammlungen sehr förderlich. In Bezug
auf erstere erwarb ich mehrere Carossen, Kiri's, Waffen, Stöcke mit
eingebrannten Verzierungen, zu Wassergefäßen hergerichtete Straußeneier,
hölzerne Löffel, eine Holzschüssel, Schnupftabakdosen aus Kürbisschalen
und Horn gearbeitet und viele Insecten. Unter den letzteren eine neue
Cerambyx und eine dieser Familie verwandte, schwarzgelb gebänderte
Species, zwei stahlgrüne und eine kupferfarbige Scarabidenart, sowie
andere neue Stücke und Duplicate, im Ganzen etwa 350 Stück. Die
trockenen Mimosenzäune waren die Rendezvousstellen zweier schöner
Bockkäferarten.
Am 17. wollte ich endlich abreisen, doch Montsua ließ es nicht zu. Ich
müsse noch bleiben, hätte ich kein Fleisch, würde er mir welches senden
und um Mittag wurde ich thatsächlich mit einem Ziegenbock als Geschenk
des guten Mannes überrascht. Dann kam er selbst wieder und bat mich noch
einen seiner Leute, einen wohlhabenden Mann, besuchen zu wollen. Als ich
einwilligte, wurde ich sofort zu dem letzteren geführt und hatte hier
Gelegenheit, Einblick in das Familienleben eines Betschuana's zu thun.
In einem etwa 40 Schritte im Durchmesser zählenden Höfchen standen drei
der gewöhnlichen Betschuanahütten oder Häuschen. Eine Schaar nackter
Kinder spielte lustig umher. Ich hatte kaum Zeit, mich in dem Höfchen
umzusehen und die riesigen aus Gras geflochtenen Körbe zu betrachten, in
denen das Kafirkorn aufbewahrt wird, als der Bote aus dem Häuschen
heraustrat und mir mit den Worten Bapila, Sir (Warte, Herr) ein
primitives Stühlchen zum Sitze anbot. Dann lief er in die nächste Hütte
und holte ein junges Weib heraus, sowie eine alte Frau, welche die
Kinder zur Ruhe verwies. Die Frauen begaben sich sodann in das Häuschen,
in dem der Kranke lag, brachten zuerst ein gegerbtes Ochsenfell heraus
und dann mit Hilfe des Führers den kranken Mann, der es nicht zugeben
wollte, daß sich der weiße Doctor in das Innere der kleinen Wohnung
bemühen solle. Ich hatte vor mir einen noch jungen Mann. Er betrachtete
mich mit neugierigen, etwas ängstlichen Mienen und schien seit Langem
ein Lazarus zu sein. Um den Hals trug er ein aus Gras geflochtenes
Schnürchen und an diesem im Abstande von 1¼-1½ Zoll kleine,
gekerbte, Schwärzliche Holzpflöckchen, etwas ähnliches über der
Wade--Beschwörungsmittel die ihm, um seine Krankheit zu heilen, von den
Regendoctoren angelegt worden waren. So ängstlich wie der Kranke, sahen
mich auch die beiden Weiber, seine Frau und seine Mutter, an. Ich fand
den Fuß in sehr schlechtem Zustande und die meisten der Tarsusknochen
cariös entartet. Als ich die Sonde in die Wunde einführte, schloß ihm
die junge Frau mit ihrer rechten Hohlhand die Augen und ich sah
deutlich, wie sich die Stirne des Mannes über der vorgehaltenen Hand und
seine Schläfe mit dichten Schweißtropfen bedeckten.
Als ich die Untersuchung der Wunde beendet hatte, sprach ich dem Kranken
gegenüber die Hoffnung aus, ihn bei meinem nächsten Besuche Moschanengs
besser zu finden. Er war des Holländischen nicht mächtig und richtete
einen fragenden Blick auf den Boten. Sofort übersetzte dieser mein
Gutachten, wobei er dreimal so viel Worte gebrauchte. Nun folgten meine
Rathschläge, welche zwei- und dreimal so lang, meist in umschriebener,
mit Gesticulationen verbundener Form wiedergegeben wurden. Als der Mann
das Einspritzen von lauwarmem Wasser in die Wunden, dann jenes einer
Lösung von Medicamenten erklärte, mußte ich alles aufbieten, um nicht in
lautes Lachen auszubrechen. Ich hatte eine kleine Glasspritze
mitgenommen, deren Wirkung von allen offenen Mundes angestaunt wurde;
höchst verwundert nahm jeder der Anwesenden die Spritze zur Hand.
War schon die Gebrauchsanweisung derselben von meinen Zuhörern schwer
begriffen worden, so war dies noch im höheren Grade der Fall, als ich
das Vorgehen bei dem Loslösen zerstörter Knochenstücke und das Herauf-
und Herausheben der so zur Oberfläche durch die Wundkanäle getretenen zu
erklären hatte; doch auch dies gelang, ebenso die Belehrung, täglich
häufige Waschungen zu halten und ihm eine Medicin (Eisen und Chinin)
dreimal und ein Pulver (Kalk-Phosphate) zweimal des Tages zu
verabreichen. Hier mußte ein Holzlöffel geholt, Wasser eingeschüttet,
dann das Pulver mit etwas Mehl nachgeahmt und das ganze von dem Führer
verschluckt werden, um alles dies im Höfchen wohl begreiflich zu machen
und dem Kranken selbst Vertrauen einzuflößen. Als ich beendet, ersuchte
mich der Kranke, ihm meine Hand zu reichen und unter einem allseitigen
Rumela verließ ich das Höfchen, um die Medicamente zu präpariren; mein
Führer jedoch eilte zu dem Könige, um hier (wie ich später erfuhr) die
ganze Scene, mein Betragen etc. haarklein zu beschreiben.
Während unseres Aufenthaltes in Moschaneng wurde Pit häufig von einer
Landsmännin besucht, welche von ihrem Vater (einem Griqua) an einen
hiesigen Barolongen verkauft, d.h. verheirathet worden war. Sie schien
sich vollkommen glücklich zu fühlen, ebenso daß sie einen
»Stammesbruder« fand, mit dem sie, einen Säugling im Tuche am Rücken
gehüllt und ein Kind an der Hand führend, stundenlang im Tage Pfeifchen
um Pfeifchen ausschmauchen konnte. Sie schien ein weniger hartes Los zu
haben, als es sonst die Frauen der Betschuana's ertragen müssen.
Montsua machte mir den Vorschlag, mich in Moschaneng häuslich
niederzulassen, und meinte, an Praxis würde es mir hier nie fehlen
können, da die Leute von Kanja, Molema's Town, von Manupi u.s.w. alle um
Molemo (Medicin) zu mir kommen und diese mit Straußenfedern, Fellen,
Ochsen und Ziegen bezahlen würden. So wohlwollend die Einladung auch
war, ich hatte eine andere Aufgabe vor mir.
Am Morgen des 18. machte ich mich zur Abreise bereit. Alle Notabilitäten
von Moschaneng fanden sich ein, Montsua und Herr Martin brachten noch je
eine schöne, weiße Feder und ich mußte wiederholt dem Könige die Hände
schütteln. Als letzten Beweis seiner Huld bot mir der König einen Führer
nach Molopolole zu dem Könige der Bakwena's an, den ich, obwohl er nicht
kräftig schien, mitnahm. Ein Intermezzo, das unsere Lachlust auf's
Höchste in Anspruch nahm, beschloß unseren Aufenthalt in Moschaneng.
Unser neuer Führer nahm Freund Boly bei seite und frug ihn, ob der Baß
es wohl erlauben würde, daß er seine Frau und Nichte mit auf die Reise
nehmen könne. Da Boly es verneinte, wandte er sich darauf an mich und
über den Grund dieses seines Ansuchens befragt, gestand er, daß dieser
Makoa (Weiße), auf B. weisend, seiner Frau und dem Kinde (Nichte) tata,
tata (viel, viel) gefiele und sie deshalb mitreisen wollten.
[Illustration: Klippdachsjagd.]
Wir schlugen eine nordwestliche, dann eine nördliche Richtung ein und
hatten zwischen der verlassenen Stadt und dem zweitnächsten Flusse, den
Koluany, den wir zu überschreiten hatten, ein Hochland zu durchziehen,
welches an Schönheit der Gebirgsscenerien en miniature nur von dem
großartiger geformten Makalaka-Höhenlande (Westmatabele) übertroffen
wird. Das Hochplateau ist theilweise Busch-, theilweise freies Grasland,
doch hie und da auch dünn bewaldet und von einer Unzahl bis an 80 Fuß
hohen meist pyramidenförmig geformten, aus riesigen Granitblöcken
bestehenden Felsenhöhen übersäet. Da sich in ihrer Nähe der Boden in der
Regel feucht erhält, sind sie von einem Mimosengürtel umsäumt und von
üppigster Vegetation bedeckt, in welcher sich namentlich kleine
Aloëarten und niedrige cactusförmige Euphorbiaceen, doch auch Stapelien
bemerkbar machen und letztere mit ihren dunklen, sammtartigen, fein
behaarten, erstere mit ihren schönen rosa- und dunkelrothen Blüthen und
die Euphorbiaceen durch ihre Formbildung besonders hervorstechen und um
so wirkungsvoller in das Auge fallen, als sich ihr Bild hier aus einer
verwitterten Felsenritze, dort zwischen zwei eng aneinander gefügten
Blöcken oder aus den grauen Felsenhöhlungen anmuthig hervorhebt. Doch
das, was uns am meisten aus der Pflanzenwelt an diesen interessanten
Felsenkuppen auffällt, sind die Sykomoren, welche mit hellgrauen, dicken
wulstigen, bald breiten und flachen, bald netz- oder auch gabelförmigen
Wurzeln senkrechte Felsenwände überziehen um in einer Höhe von 2-10 Fuß
und darüber (von der Ritze, aus der diese Wurzeln gekommen) in den
fleischigen, gedrungenen, mit schönen großen Blättern und einer
schattigen Krone geschmückten Stamm überzugehen. Oxalis, Farrenkräuter
und Moose sowie Flechten sind in artenreicher Anzahl vorhanden; auch
beobachtete ich auf diesem Plateau neue Lepidopteren und Käfer, und fand
von Säugethieren marder- und katzenartige Raubthiere, sowie auch den
Klippdachs zahlreich vertreten. Nach Westen senkt sich das Hochplateau
gegen einen nach Regen zu einem Flusse angeschwollenen und von
Moschaneng von Norden bei Westen, dann Nordwesten und endlich Norden
fließenden und in den Masupa-River mündenden Bach. Der Abfall ist steil,
oben bewaldet, ein Lieblingsaufenthalt der Hyäna brunea und punctata,
doch hauptsächlich des Caracal und des Leopard.[1]
1: Siehe Anhang 19.
[Illustration: Naprstek-Höhen.]
[Illustration: Wolfshyänen eine Viehheerde überfallend.]
Diese ausgedehnten Hochflächen sind aber besonders durch die in großen
Rudeln auftretenden, gefürchtetsten aller südafrikanischen Raubthiere
verrufen. Von Gestalt zwischen Proteles und Hyäne, ist dieses Thier der
grimmigste Feind aller Viehheerden, vor ihm warnte mich sowohl Herr
Martin als König Montsua selbst. »Du darfst nie,« meinte Montsua, »Deine
Ochsen in der Nacht grasen, nie sie allein ohne Aufsicht am Tage weiden
lassen, sonst wirst Du nur wenige mehr nach Molopolole bringen.« Jenes
Raubthier ist der wohlbekannte Canis pictus (auch Lycaon pictus oder
venaticus, in Süd-Afrika als »the wild dog« bekannt) der zu den
räuberischsten, mit einem unauslöschlichen Vernichtungstriebe und einer
nicht minder gierigen Freßwuth von der Natur bedachten Geschöpfen der
Erde gehört. Von der Größe eines nicht ganz erwachsenen Wolfes, doch
schmächtiger, wird dieses Thier großen Säugethieren wie Rindern, Eland-,
Hartebeest-Antilopen etc., dadurch gefährlich, daß es nur in Rudeln
jagt, niederen Thieren dadurch, daß es, sobald es eines derselben
(Ziege, Schaf, Wildschwein) getödtet, sich auf ein zweites und drittes
wirft und auf diese Weise unbewachten Heerden die größten Verluste
beibringen kann. Die Länder der Eingebornen und die Grenzdistricte der
Transvaal-Provinz werden besonders häufig von ihnen heimgesucht.
Dieses Raubthier bewohnt unterirdische Höhlen und jagt in Rudeln in
einem bestimmten Districte von seinen Höhlen aus oder über weite
Strecken, um sich zur Frühjahrszeit in seinen alten Wohnsitzen
einzufinden. Mit hochgehaltener Schnauze sucht es die Witterung
aufzunehmen, ist es darin erfolglos, so läuft die Truppe zerstreut, doch
nicht weit auseinander, durch das Gras, mit der Schnauze längs dem Boden
hinfahrend. Aufgenommene frische Spuren von Wild und Hausthieren (sehr
selten Pferden, die für den Canis pictus zu rasch und gefährlich sind)
werden sofort verfolgt dann jagt die Meute dicht gedrängt, heulend und
kläffend in der Spur, kommt ihnen außerdem die Witterung noch zu Hilfe,
so geht ihr Lauf in ein solches Rasen über, daß manche oft gegen Büsche
anrennen und über Gestein und Ameisenhügel kollern. Ihrer geringen Größe
halber lassen größere Thiere, wie Rinder und Elandantilopen, sie oft
nahe kommen, was diesen dann zum Verderben wird. Ja es geschieht sogar
zuweilen, daß sich dieselben nicht eher zur Flucht wenden, als bis sie
von der Meute angegriffen werden. Während sich nun das eine Rind mit den
Hörnern gegen zwei oder drei der Austürmenden kehrt, haben sich deren
drei bis vier andere in die Schenkel, ebenso viele in den Bauch
verbissen--statt sich nun zu wehren, sucht sich das Thier durch die
Flucht zu retten; manchmal gelingt dies und die Rinder kehren mit in den
Unterleib gebissenen Löchern heim, doch wenn es stolpert, wenn es am
Halse, oder gar an den Nüstern gefaßt wird, wenn ihm die Kniegelenke
durchbissen werden und durch die Wunden im Unterleibe, die in der Regel
die gefährlichsten werden, die Eingeweide herausfallen oder
herausgezerrt werden, ist es verloren und geht nach stundenlanger Qual
zu Grunde.
Am 18. zogen wir über das Hochplateau des Banquaketse-Landes. In Folge
des vorgeschrittenen Sommers grünte alles um die Wette, ich sah nicht
eine trockene Mimose. Die Perle der verschiedenen, dem Auge sich
bietenden Felsenscenerien trafen wir an den Naprstekhöhen, mit denen das
pittoreske Landschaftsbild auch nach Norden zu seinen Abschluß findet.
Gegen Sonnenuntergang fuhren wir in das mäßig tiefe Thal eines bis auf
eine kleine Rinne trockenen Sand-Rivers, Mosupa (Masupa, Moschupa)
genannt, der sich mit dem Taung, einem linken Nebenfluß des Notuany
vereinigen soll. Das Bett des Flusses wie seine Ufer waren stellenweise
mit riesigen Granitblöcken übersäet, welche am linken Ufer gewaltige
Platten bildeten, deren ebene, etwas vertiefte, obere Flächen große von
der Natur gebildete, seichte Wasserreservoirs zeigten. Einige hundert
Schritte zur Rechten macht der Fluß eine plötzliche Wendung nach
Nordosten; im inneren Winkel dieses Buges und am linken (nördlichen)
Ufer erhebt sich ein grotesker Felsenhügel, welcher mit zwei anderen
zusammenhängenden, doch niedrigeren, aus wahren Riesenblöcken
bestehenden, abgeflachten Höhenkuppen durch einen Sattel zusammenhängt.
Von dem Hochplateau gegen die Thalsohle herabfahrend, verwehrte uns
üppiges Baum- und Buschdickicht den Fernblick und so öffnete sich denn
plötzlich vor uns eine der anmuthigsten und schönsten Scenerien. Die
glühende Sonnenscheibe berührte den Rand des nahen, bebuschten
Hochplateaus, aus dem sich der Masupa-River den Weg nach Osten bahnt.
Die ganze Fülle der Strahlen ergoß sich in das Thal und auf die ihm
zugekehrten Seiten der Höhen. Während es ihnen ob der tiefen Lage des
Flußbettes, aus dem nur hie und da der weißliche Sand und die hellen
Felsenblöcke undeutlich herausschimmerten, nicht möglich war, in diese
Mulde zu dringen, beschienen sie hell die riesigen Felsenplatten und
Massen aufgetürmter Felsenblöcke am linken, jenseitigen Ufer, aus denen
an verschiedenen Stellen die erleuchteten Oberflächen der klaren,
natürlichen Felsencisternen nach allen Seiten riesigen Diamanten gleich
funkelten. Hob sich der Blick nach den Höhen im Norden und Nordosten
(den nahen Naprstekhöhen) so erschienen die schroffen und abschüssigen,
die abgerundeten und abgeflachten Felsenblöcke derselben überall da, wo
sie nicht eine schattige Sykomore oder anderes, helleres oder dunkleres
Grün von Bäumen oder Sträuchern deckte, wie durch innere Hitze erglühend
und der Reflex dieses Purpurlichtes, sowie die unmittelbar auf das Laub
der Bäume fallenden Strahlen des untergehenden Sonnenlichtes hüllten die
dem Westen zugekehrten Kronen in ein goldenes Gewand, welches bei der
Bewegung der Aeste, Zweiglein und Blätter, zu flimmern schien. Von den
so herrlich beleuchteten Punkten der vor unseren Blicken sich
ausbreitenden Scenerie vollkommen gefesselt, hatte unser Auge die
weniger beleuchteten Partien, wie z.B. jenen freien geschützten Raum am
Fuße der Höhen zwischen den nördlichen und den am jenseitigen Ufer sich
erhebenden Felsenmassen nicht gesehen. Doch als nun das goldene Gestirn
untergegangen war, als der Purpurglanz an den Höhen und den vorragenden
Erhebungen und Felsenformen im Thale erbleicht war und eine
gleichmäßigere Vertheilung des Lichtes platzgriff, fiel uns jene
oberwähnte, anfangs nicht beachtete Strecke am südlichen Fuße der Höhen,
jener zwischen denselben von pittoresken und belaubten Felsenmauern
umschlossene Raum auf.
Hatten wir mehrere zufällig hingeblickt, oder war es die erwähnte
gleichmäßige Lichtvertheilung, welche die Netzhaut unseres Auges in
gleicher Weise afficirte, genug, E., ich und Pit der Griqua stießen
unwillkürlich einen Ruf der Ueberraschung aus. Was hatten wir erblickt?
War das ein Kirchhof--doch nein, wir sind ja im Centrum Süd-Afrika's
unter Wilden. Ruinen sind es, Ruinen einer mit einer niedrigen
Felsenmauer umgebenen Stadt. Der von Montsua uns mitgegebene Führer
wußte uns darüber folgendes zu berichten: Diese Eingebornenstadt war bis
in die letzten Jahre hin von einem Banquaketsestamm (Zweigstamm)
bewohnt. Der Sohn des Häuptlings Mosilili, mit Namen Pilani, ein Freund
Seschele's des Bakwenakönigs, verließ mit einer Anzahl seiner Anhänger
seines Vaters Stadt und das Gebiet des Chatsitsive, um sich im neuen
Gebiete des Königs Seschele in Molopolole niederzulassen, worauf
Mosilili, ein alter Freund von Chatsitsive, die halbverlassene Stadt mit
dem Reste ihrer Einwohner im Stiche ließ, um sich in der Nähe von Kanja
anzusiedeln. Die Ruinenstelle ist etwa ¾ englische Meilen lang und
stellenweise 2-600 Schritte breit. Die Mauer, die um den Kraal läuft,
ist niedrig, blos 3 Fuß hoch, 1-2 Fuß dick und diente wohl dazu, nur das
Vieh nahe an den Häusern zu halten. Zur Vertheidigung war sie nur dann
von Nutzen, wenn mit Dornenbüschen 4-5 Fuß hoch überdeckt; mit einer
ähnlichen, blos aus aneinander gelegten, kopfgroßen Gesteinen
errichteten Mauer war auch der tiefste Einschnitt im Höhensattel
versehen. Der nächste Tag wurde dem Besuche der Ruinen gewidmet und auf
die zahlreichen, die Höhen bewohnenden Hyänen Jagd gemacht.
[Illustration: Afrikanischer Luchs.]
An den Ruinen fielen uns vor Allem die cylindrischen Mauern, Ueberreste
der Wohnungen und Gehöft-Einfriedigungen, ferner einige noch bedachte
Hütten, zur Rechten die Ruinen eines Missionshauses, doch vor Allem
kegelförmige gedeckte, meist aus röthlichem Thon gefertigte, noch
ziemlich gut erhaltene Eingebornen-Wohnungen auf.[1]
1: Siehe Anhang 20.
Auf einem längs des Flußufers unternommenen Ausfluge fand ich recht
anziehende Partien sowohl in dem Flußbette selbst als auch an den beiden
hohen, mit bunter Boden- und Buschvegetation dicht bewachsenen Ufern.
Bald stufen- bald walzenförmig lagen die vom Wasser spiegelglatt
geschliffenen Felsenblöcke übereinander und bildeten kleine Katarakte,
die für den künftigen Besiedler des Ufers natürliche Wehren sind, um
seine Mühle zu treiben und seine Gefilde zu bewässern. In den Dickichten
am Flusse jagten sich Heerden der gehörnten Perlhühner (N. coronata) und
an den lehmigen Stellen sah ich deutliche Fischotter- und Leguanspuren.
Um die Mittagszeit, als wir überall auf den vorragenden Felsenblöcken
den Klippschliefer hocken und herumhuschen sahen, machten wir uns mit
den Hunden auf, um einigen dieser von den Engländern Rockrabbits, von
den Boer's Dossies genannten Dickhäutern nachzustellen. Wohl weil von
den Eingebornen häufig verfolgt, zeigten sich diese kleinsten der
lebenden _Pachydermata_ sehr scheu; so lange wir am Wagen oder im
Bereiche der Ruinenstadt blieben, wichen sie, meist in kauernder
Stellung an den vorragenden Felsenblöcken--vielleicht auch als Wachen
sitzend--sonst aber in den Büschen nach Wurzeln und Gras, auf den
dickstämmigen Sykomoren nach Feigen suchend, nicht von der Stelle;
sobald wir jedoch den Fuß der Höhen erreicht hatten, verschwanden sie in
der nächsten Felsenritze.
Während Freund Eberwald und F. mit Stephan auf dem östlichen Hügel
darauf losknallten, hatte ich mich von dem westlichen steilen Abhange
nach dem nördlichen geschlichen, um einen auf der äußersten Felsenspitze
vollkommen apatisch und melancholisch hockenden, um seine und die
Sicherheit seiner Kameraden unbesorgten Klippdachs anzuschleichen. Nicht
ohne Schwierigkeiten und manchen meine Lachlust erregenden Zwischenfall
gelang es, den steilen Abhang emporzuklimmen und eine Stelle zu
erreichen, von welcher aus das kleine Thierchen in Schußweite lag. Mein
Begleiter Pit wollte durchaus noch weiter klettern, ich aber ersah den
günstigen Moment und feuerte eine Schrotladung hinauf. Der Schuß hatte
getroffen, der Klippdachs kollerte zum Stamm einer über den Abhang sich
erhebenden Sykomore und fiel dann einige Fuß senkrecht herab. Athemlos
klettern wir über die großen Felsblöcke auswärts, um die Stelle am Fuße
der Sykomore zu erreichen--doch welche Enttäuschung, die Erde war vom
Blute des Thieres geröthet, das Thier selbst war jedoch verschwunden.
Wir durchsuchten alle Ritzen und Löcher zwischen den Felsen--vergebens.
Hyrax capensis, wohl eine und dieselbe Species oder eine sehr nahe
Varietät des Hyrax abissinicus ist von der südlichen Meeresküste durch
ganz Süd-Afrika über den Zambesi hinaus verbreitet und wählt sich meist
felsige Höhen zum Aufenthaltsorte. Von seinem gewählten Schlupfwinkel
weicht er nicht gerne und mag auch unter dem Felsen, auf den er sich
eingenistet, ein Gehöft oder eine Stadt entstanden sein, er bleibt ruhig
wo er war, nur daß er scheuer als in der Wildniß wird. Als kleinster der
Dickhäuter ist er ein eigentümlicher Kauz, ein tiefer Denker, der seine
Handlungen wohl überlegt, bevor er sie ausführt, sonst ein närrischer
und bissiger Geselle. Etwas über Kaninchengröße, mit kurzen Ohren und
kleinen, sehr lebendigen Aeuglein, ist er mit einem dichten, dunkel
gelblich-braunen Pelze bekleidet, dessenthalben ihm von den Eingebornen
eifrig nachgestellt wird. Doch auch sein Fleisch wird von vielen Weißen
und von den Eingebornen genossen und manche der Stämme, wie die
Makalaka's, bedienen sich mit Nägeln versehener Stöcke, um die in die
Felsenritzen geflüchteten Klippschliefer aus diesen herauszuholen. Nebst
dem Menschen sind es der Caracal und der südliche Luchs (Lynx pardinus)
sowie der braune Adler, welche ihm nachstellen, doch ohne seiner großen
und raschen Verbreitung viel Abbruch thun zu können; seiner Brut werden
die Genetten gefährlich.
Die steilsten Höhen, schroffe Abfälle, in Süd-Afrika als »Kränze«
bekannt, sind seine Lieblings-Aufenthaltsorte. Ein kleiner Hase bewohnt
diese Höhen und ist oft sein Gesellschafter, wenn dieser auch nicht in
die tiefsten Spalten herabsteigt, sondern sich mehr an der Oberfläche
aufzuhalten sucht. Der Klippdachs liebt die Wärme und sich zu sonnen ist
neben seinen Nahrungssorgen seine wichtigste Beschäftigung. Nasse Winter
(eine Seltenheit auf den Hochebenen) und große Kälte schaden ihm sehr.
Gefangene, denen man nicht vollkommen das freie Herumlaufen gestatten
konnte und die in feuchten, oben geschlossenen Localen gehalten wurden,
erkrankten an Augenentzündungen und siechten zusehends ab; sonst sieht
man sie häufig in Behausungen gehalten und an Schnürchen, die sie nicht
zerbeißen, angebunden. Man kann sie hier und da für 2-5 Shilling per
Stück erstehen.
In einer der vielen trichterförmigen Kalk-Felsenhöhlen in der westlichen
Transvaal-Republik beobachtete ich eine Art mit etwas zottigem,
fuchsrothem Fell, ohne ihrer jedoch habhaft werden zu können und in den
bewaldeten Partien des südlichen Theiles der Cap-Colonie, wie auch in
Kafraria, Natal und weiter nordwärts lebt eine graue mit einem weißen
Band geschmückte, etwas kleinere Art nur auf Bäumen, von der ich zwei
Exemplare sah. Sie sollen ein weithin tönendes Gepfeife ausstoßen und
sind sehr scheue, besser als ihre Stammesbrüder auf den Felsen,
Feuchtigkeit vertragende Thierchen.
Freund E. war glücklicher als ich, er brachte Turteltauben und ein
schönes großes Rebhuhn (Francolinus gariepensis), sowie einige der uns
bisher fremden, palmenartigen Grasbäume heim; manche derselben waren
stark angekohlt, ein Beweis, daß die Höhen zeitweilig von Bränden
heimgesucht werden. Wir benutzten die aus den Stammenden und an den
armleuchterartig emporsehenden Abzweigungen hervorsprießenden, viel
Kieselkrystalle enthaltenden Blätter, um damit unsere Eisen- und
Stahlsachen blank zu scheuern. Ich beobachtete noch eine zweite, höhere
und bedeutend dünnere starkverzweigte Art an einigen (immer nur an)
Höhen im Zambesithale, eine der beiden Arten soll auch im centralen
Transvaal-Gebiete auf den Magalisbergen vorkommen. Die Pflanze gehört
unstreitig dem wärmeren Theile Süd-Central-Afrika's an und fesselt durch
ihre dunklen, aus dem Grase und zwischen den grauen oder weißlichen
Felsblöcken hervorsprießenden, 2-3 Fuß hohen und armdicken Stämmchen
sofort die Aufmerksamkeit des Fremden.
Nachdem ich die Häupter meiner Lieben gezählt und keines fehlte, brach
ich wieder auf; unser Weg führte uns durch mehrere sandige Flußbette
(Koluany und Mahatelve) und zahlreiche Regenmulden, deren Ufer von
herrlich grünenden Mimosen bestanden waren. An einer dieser Regenmulden
entdeckte unser Führer zahlreiche Hyänen- und Leopardenspuren, die uns
zur Vorsicht mahnten. Kaum hatten wir das Schutaniflüßchen, dessen
felsiges Flußbett den Zugthieren viel zu schaffen gab, überschritten,
als die Hunde mit besonderer Vehemenz auf einen Busch anschlugen.
Da rief Stephan plötzlich: »Bas, Bas. Sir, pass up, een chut lup nack ye
tu« (Herr, Herr, gib' acht, ein Ding läuft auf Dich zu). Ich sprang zur
Erde, Pit, E. und B., wir alle wandten unsere Blicke nach der
Schallrichtung, das Hundegekläffe kam näher, entfernte sich dann aber,
als plötzlich einige Schritte vor den Ochsen ein gelbliches,
schwarzgeflecktes Thier, ein südlicher Luchs, Thari von den Eingebornen
genannt (L. pardinus) über den Weg setzte und den Anhang hinablief. Es
schien uns allen so klein, und da die Hunde, namentlich Onkel, dem
Thiere auf den Fersen waren, dachte Niemand nach dem Gewehre zu greifen,
alles lief dem flüchtigen Thiere nach. Ueber Busch, über Stock und Stein
flogen und fielen wir--doch dieses spontane Wettrennen war nur von
kurzer Dauer, denn an einem Haufen tief in die Erde eingebetteter
Felsblöcke, vor einer tiefen, in eine Höhle führenden etwa 16 Zoll
breiten Zerklüftung hielten die Hunde mit einem Male still und kläfften
in die Höhle hinab, aus der das Fauchen des Raubthieres zu hören war.
Wir hatten indeß keine Zeit zu versäumen und mußten, wenn auch ungern,
zum Wagen zurückkehren. Am Lagerplatze angelangt, schärfte ich den
Dienern die größte Wachsamkeit ein und ließ mehrere größere Feuer zur
Abwehr der Leoparden errichten.
Durch dichten Niederwald, in dem Laubhölzer zahlreich auftraten, setzten
wir am nächsten Tage unsere Reise fort. Wir begegneten zwei Frauen,
deren Hals und Brust über und über mit Glasperlenschnüren und Arme und
Schenkel mit aus kleinen Glasperlen gearbeiteten fingerdicken Ringen
bedeckt waren; ein ihnen folgender Knabe trieb einen Ochsen, der als
Packthier das Gepäck der »Schönen« trug. Mit dem Ueberschreiten des
Koluanyflüßchens hatten wir das Gebiet Seschele's betreten, des
Herrschers der Bakwena's, der nächst den beiden Bamanquato-Herrschern
das umfangreichste Landgebiet unter den unabhängigen Betschuana-Königen
besitzt.
Durch den Knall unserer Peitsche angelockt, kamen zwei Bakwenaknaben zum
Wagen herbeigelaufen, und trugen mir eine Deukergazelle zum Kaufe an;
ich erstand das liebe, zierliche Thierchen, das ohne Verwunderung über
den Wechsel seines Gebieters so treu und traulich uns mit seinen
schönen, großen Augen anblickte und sich im Wagen bald heimisch fühlte,
für eine Bagatelle.
Nachdem wir das theils felsige, theils sandige Flüßchen, Malili genannt,
überschritten hatten und durch einen tiefsandigen Wald reisten,
erblickten wir, während des Aufstiegs durch Bäume verdeckt, eine
Höhenkette im Norden, welche bebuscht zu sein schien. Näher kommend,
gewahrten wir, daß sich im Osten noch andere Höhen an die erwähnte (der
mittlere Theil der Bakwena-Höhen) anschlossen und auf einer derselben
hoch oben einen weißen Punkt, einem europäischen, weißgetünchten Gebäude
nicht unähnlich. Unser Führer machte uns auf diesen weißen Punkt
aufmerksam, es war das Wahrzeichen Molopolole's, die Residenz
Seschele's. Der Weg zu der am Abhange eines Höhenzuges erbauten Stadt
führte uns durch ein Kesselthal, dessen Sohle von dürftigen und
schlechtgepflegten Feldern eingenommen wurde.
Abends fuhren wir bis zu einem in der Mitte des Kessels sich
ausbreitenden, von einer Bachschlucht durchschnitten Rasenplatz, in
dessen Nähe drei Eingebornendörfer gruppenweise je an dem Fuße einer
Höhe lagen und schlugen hier unser Lager auf. Gegen Osten blickend sahen
wir in der Entfernung von circa 300 Schritt den Höhenrücken mit
Seschele's Villa, die einige hundert Fuß hoch über dem Bette des Baches
und dem südlichen Ende einer auf den Höhenrücken sich nach Norden
windenden seichten Thalvertiefung, erbaut war. Diese Villa, der sieh die
Gebäude des königlichen Haushaltes und die Kotla (der umzäunte
Berathungsplatz der conservativen Bakwena's) wie die Gebäude der hier
zeitweilig wohnenden Händler anschlossen, lag unter dem Schutze eines
kleinen Felsenhügels. Unten am Rande des Thalkessels und am Fuße dieser
Höhe lag ein anderer Theil Molopolole's (ein Eingebornendorf). Ein
dritter Theil liegt am Fuße des isolirten südlichen Höhenrückens, der
von den östlichen und von der lagen nördlichen, von Westen nach Osten
sich ziehenden Höhenmasse durch eine lange Felsenenge, das von den
Eingebogen Kobuque genannte Felsenthor, geschieden war. Auch am Fuße der
eben erwähnten nördlichen Kette liegt ein Stadttheil neben einem in
Ruinen verfallenen, doch nicht mehr im Thalkessel, sondern außerhalb
desselben, an die nach der offenen Südsüdwestseite hin sich
ausbreitenden Felder angrenzend. Eine zweite Schlucht, deren
felsenthorartige Mündung Molopolole genannt ist und der Stadt den Namen
gab, führt in nördlicher Richtung aus dem Thalkessel; durch sie tritt
der Bach aus dem Bakwena-Höhennetze in den Kessel. Unter der Mündung
dieser Schlucht im Thalkessel liegen die Gebäude der Missionäre und die
Schule, während die Kirche oben auf dem Höhenrücken im oberen
Stadttheile zu Anfang einer zum Thalkessel führenden Schlucht erbaut
ist.