I.

Auf der Fahrt nach dem Cap.--Die Capstadt.--Port Elizabeth.

Neues frisches Leben durchrieselt unser ganzes Sein, alle körperliche

und geistige Lethargie ist mit einem Zauberschlage regster Beweglichkeit

gewichen, wenn nach mehrwöchentlicher Seefahrt, von Southampton nach

Süd-Afrika, und mag sie auch noch so glatt und angenehm verlaufen, der

Capitän des Schiffes uns die frohe Botschaft von der Nähe des erwarteten

Landes in wenigen trockenen Worten verkündet. Nicht ein, nein, zahllose

Male stürmen wir aus dem comfortablen und luxuriös eingerichteten Salon

der ersten Cajüte des imposanten Dampfers[1] auf das Deck, unsere Wangen

sind geröthet, in unserem Auge scheint sich die Spannkraft des ganzen

Nervensystems zu polarisiren, und mit fieberhafter Ungeduld spähen wir

an den fernen Horizont, denn jeden Augenblick kann der Marsgast aus dem

Mastkorbe das Erlösungswort »Land« auf das Deck herabrufen. Schon

glauben wir den Gipfel eines hohen Berges über der Scheidelinie zwischen

Ocean und dem unendlichen Luftmeere auftauchen zu sehen--doch nein--es

ist die Mastspitze eines uns entgegen segelnden Fahrzeuges. Eine

Täuschung, die durch die hochgespannte Erwartung doppelt bitter

erscheint. Endlich ist es unläugbare Wahrheit, am südsüdöstlichen

Horizonte zeichnet sich auf einer hellen, leichten Bank von Federwolken

ein bläulicher, flacher Streifen ab, der von Minute zu Minute immer

höher aus den Tiefen des Oceans aufsteigt. Es ist die Krone einer

imposanten Felsenburg, jener steinerne Herold Afrika's der in der

Entdeckungsgeschichte unseres Erdballs einen ewig denkwürdigen

Wendepunkt bildet--der Tafelberg.

1: Die Ueberfahrtsdauer von Southampton über Madeira nach der

Capstadt mit den Dampfern der beiden Concurrenz-Gesellschaften

»Union Steam Ship Company« und »Donald Currie & Cie.« ist in den

letzten Jahren bis auf 20 und 18 Tage abgekürzt worden.

Dieses Gefühl der Sehnsucht nach festem Boden, es steigert sich aber bis

zur peinlichsten Ungeduld, wenn das Schiff auf seiner langen Fahrt mit

all' den Launen und Tücken des Ocean's zu kämpfen hat; wenn der Neuling

zur See, anstatt alle jene originellen, wunderbaren Phänomene des

Meeres, die prächtige unvergleichliche Erscheinung des Sonnen-Auf- und

Untergangs, das Spiel in der Färbung des Himmels und Wassers, das

possirliche Treiben der Delphine und fliegenden Fische zu bewundern,

einem Gefangenen gleich in der engen Cajüte Schutz vor Sturm und Wetter

suchen muß; wenn an Stelle der scheidenden Sonne, welche den weiten Plan

mit leuchtenden Bändern flüssigen Feuers durchsetzt--ein Bild, das sich

dem für Natur-Erscheinungen empfindlichen Gemüthe mit unauslöschlichen

Zügen einprägt--die Windsbraut, dunkle regengeschwängerte Wolkenmassen

in rasender Eile dahinjagt, wenn das Meer, anstatt in leicht

gekräuselten, kosenden Wellen am Bug des Schiffes sich brechend, sich in

seinem ganzen majestätischen Zorne zeigt, im Kampfe mit dem Erbfeinde

die Wogen aufthürmt zu mächtiger Höhe und diese donnernd

zusammenbrechen, daß fast dem Sturme davor bangt, wenn das mächtige

Fahrzeug in allen Spanten und Fugen ächzt und stöhnt.

So aber zeigte sich mir der Ocean: Von sechsunddreißig an Bord des

»Briton« auf der Fahrt von Southampton über Madeira nach der Capstadt

verlebten Tagen--26. Mai bis 1. Juli 1872--hatten wir mehr denn dreißig

Tage stürmisches Wetter, volle vier Wochen litt ich an einer heftigen

Dysenterie, welche meine Kräfte derart herabgebracht hatte, daß ich kaum

mehr zu hoffen wagte, das Gestade Süd-Afrika's lebend zu erreichen. Bei

einem solchen Körper- und dem damit verbundenen Seelenzustande werden es

die geehrten Leser wohl leicht begreiflich finden, daß ich vor Begierde

brannte, festen Boden unter mir zu fühlen, war doch dieser Boden mein

heiß ersehntes Ziel, die Stätte, an der ich in jahrelanger Thätigkeit

der Wissenschaft meine Kräfte zu widmen gedachte. Obwohl todtmüde,

fühlte ich neue Kraft in meine Glieder dringen, als der Ruf »Land« in

der zweiten Cajüte bekannt wurde, unverwandt prüfte ich den Horizont und

wich nicht früher vom Platze, bis nicht der Tafelberg und seine beiden

Genossen, der Löwenkopf zur Rechten und der Teufelsberg zur Linken,

sowie die sich nach Süden dieser Gruppe anschließenden zwölf Apostel in

ihrer ganzen Massenhaftigkeit mir vor Augen lagen.

[Illustration: Ansicht von Funchal.]

Bevor wir das Deck des »Briton« verlassen und den Fuß auf afrikanische

Erde setzen, sei es mir gestattet, mit einigen Worten eines Erlebnisses

an Bord desselben zu gedenken, das mir einen Vorgeschmack all' der

Gefahren und Mühsale bot, die meiner auf meinen Reisen in Süd-Afrika

harrten. Wir befanden uns am 20. Juni 1872 auf der Höhe von St. Helena,

schon mehr als drei Wochen hindurch verfolgte uns ein so schlechtes

Wetter, daß es schwer hielt, sich auf Verdeck zu erhalten. Durch die

erwähnte Krankheit war ich sehr herabgekommen und je schwächer ich

wurde, um so gedrückter schien mir die Atmosphäre in dem beengten Raum

der zweiten Cajüte zu sein (meine Mittel erlaubten es mir nicht, einen

Platz in der ersten Cajüte zu miethen). Als sich nun am genannten Morgen

auffallende Athembeschwerden einstellten, nahm ich mir vor, mich mit

Anwendung aller Kräfte (der Schiffsarzt lag am Delirium tremens

darnieder und war mir somit ohne Nutzen) auf Verdeck zu schleppen, um

die frische Luft einzuathmen. Mit unsäglicher Mühe erreichte ich das

Vorderdeck (Vordercastell), mehrmals von dem Gischt der hoch

aufschäumenden an den Bug des Schiffes unter Donnergetöse sich

brechenden Wogen durchnäßt; die Erleichterung, welche die Luft der

frischen Brise meiner Brust bot, war aber so verlockend, daß ich es

nicht scheute, mich weiteren solchen Sturzbädern auszusetzen.

Nach wenigen Minuten sah ich jedoch ein, daß hier nicht meines Bleibens

war; von einer überschlagenden Sturzwelle auf's Neue überrascht und ganz

durchnäßt erhob ich mich und über den Bug in die aufgeregte See

blickend, überlegte ich eben, ob es wohl nicht gerathener schien, in die

Cajüte zurückzukehren; in diesem Momente begegnete mein Auge aber schon

einer Riesenwoge, die sich mauerartig vor dem Schiffe aufthürmte. Bevor

ich mich noch bergen hätte können, hatte sich das Schiff in die Woge

gebohrt, und während der Schiffsrumpf bei dieser Sturzwelle bis in's

Innerste erbebte, begruben die überstürzenden Wassermassen für einen

Augenblick das ganze Vorderdeck; in diesem kritischen Momente griffen

meine Finger instinctiv in den gitterartig durchbrochenen Boden des

Vordercastells und suchten dort Halt zu gewinnen, allein wie ein Span

von der Kraft des niederstürzenden Wassers gehoben, wurde ich über Bord

geschleudert. Da ich jedoch im Falle an die untere Querstange anschlug,

wurde die Wucht desselben geschwächt, und statt hinaus in's Meer

geworfen zu werden, fiel ich senkrecht an der Schiffswand herunter; das

Symbol der Hoffnung, der mächtige Schiffsanker, wurde meine Rettung. Ich

blieb zwischen einem seiner Arme und der Schiffswand hängen und konnte

von dem herbeieilenden Hochbootsmann aus meiner immer noch sehr

gefährlichen Situation befreit werden.

Und nun zurück zum Tafelberge, der Hochwarte des Caplandes. Auf wenigen

anderen Punkten des Küstenumfanges der einzelnen Continente ist die

Bergform so bezeichnend für die Gestalt des ganzen Binnenlandes als

hier. Am Fuße der drei zusammenhängenden Berge, des Tafel-, Teufel- und

Löwenberges, dem Scheine nach an der gebogensten Stelle, einem der

sichersten Plätzchen der Welt, gleichsam im Schutze dieser drei

mächtigen Riesen lag mein erstes Reiseziel, breitet sich die Metropole

Süd-Afrika's, die bevölkertste Stadt südlich des Zambesi, und die

zweitbedeutendste Handelsstadt der englischen Colonien in Afrika aus.

Obwohl ihr die Anmuth der Lage des sich an einer Berglehne

terrassenförmig aufbauenden Hauptortes von Madeira, Funchal, den wir auf

unserer Fahrt bewundern konnten, abgeht, bietet sie doch dem Fremden ein

recht anziehendes Gesammtbild. Unwillkürlich bemächtigt sich des

Fremdlings ein behagliches Gefühl der Sicherheit, wenn er, langsam dem

Strande der Tafelbai folgend, sich der Capstadt nähert. Diese

weißgetünchten, aus dem Grün der Straßenalleen und Gärten

hervorgrüßenden Gebäude, hie und da von schlanken Thürmchen überragt,

scheinen dem Fremdling Ruhe und Frieden nach den Stürmen des Meeres,

ebenso wie nach jenen des Lebens zu bieten! Ein Ort des Friedens scheint

es wie dazu erkoren. Allein wie so oft im Leben das dem Anscheine nach

zweckmäßig Erscheinende sich oft bei näherer Untersuchung als das

Gegentheil erweist, so ist auch dieser so geschützt erscheinende Ort,

die Stadt wie die Bucht, zu manchen Jahreszeiten den heftigsten, rasch

sich wiederholenden Stürmen ausgesetzt, welche die Stadt in eine

Staubwolke hüllen; selbst bei ruhigem Wetter steigen durch den regen

Verkehr aufgewirbelt dichte Staubmassen in die Höhe, daß man kaum auf

hundert Schritte vor sich hinsehen kann, so daß alle halbwegs

Vermögenden nur des Tags und ihrer Geschäfte halber sich in der Capstadt

aufhalten, ihre Wohnungen jedoch außerhalb derselben in den am Fuße des

Löwen- und Teufelsberges erbauten Ortschaften gewählt haben.

Dieser Uebelstand, an dem die Capstadt leidet, dürfte wohl noch geraume

Zeit ihr anhaften bleiben, da einerseits eine Abhilfe gegen die aus der

Simonsbai hereinbrechenden Südoststürme nicht durchführbar ist,

andererseits aber die Pflasterung der Straßen der Capstadt bisher noch

nicht versucht wurde. Gegen die Tücken des Oceans, von deren

erbarmungsloser Herrschaft die am Strande der Tafelbai zerstreuten

Wracktheile stumme Zeugen sind, hat man sich besonders in den letzten

sieben Jahren unter der Verwaltung des Gouverneurs Sir Bartle Frère

durch die Anlage großer Hafen- und Schutzbauten zu wahren gewußt.

Doch kehren wir zu meiner Ankunft zurück. Vorsichtig wurde unser Schiff

in den damals (im Jahre 1872) noch ziemlich beengten Hafen mit Tauen

hineinbugsirt. Am Ufer harrte eine dichte Menschenmenge, denn blos

zweimal in einem Monate besuchte damals ein Postdampfer die Küste

Süd-Afrika's--kein Wunder, daß ein von der am Fuße des Löwenkopfes

erbauten Signalstation signalisirter Sendbote aus dem Mutterlande stets

ein freudig erwartetes Ereigniß war (gegenwärtig gehen die Postdampfer

wöchentlich nach der Colonie ab). Jene, die ihre Verwandten erwarteten,

sowie Postbeamte mit einem Troß von Bedienten, um sofort die Post in

Empfang zu nehmen, nebst einer großen Anzahl von Farbigen: Malayen,

Hottentotten, Kaffern u.s.w., und zahlreiche Vertreter aus allen diesen

Racen zusammengewürfelter Bastardtypen, die als Handlanger dem

Ankommenden ihre Dienste anbieten, hatten sich am Hafendamme eingefunden

und bildeten in ungezwungener Weise ein dichtes Spalier. Noch einige

Minuten und der Dampfer hatte beigelegt; obwohl wir nur zwei Tage in

Capstadt verbleiben sollten, um am dritten unsere Fahrt nach Port

Elizabeth fortzusetzen, so eilte doch ein Jeder an's Land, um in dieser

kurzen Zeit so gut als möglich die Capstadt kennen zu lernen. Der Hafen

ist nach der Landseite von einer Mauer umgeben, innerhalb welcher ich in

dunkelgraue Tuchkittel gehüllte und von bewaffneten Aufsehern überwachte

Sträflinge die schweren Arbeiten, »hard labour«, zu denen sie

verurtheilt waren, verrichten sah. Die schweren Ketten an den Füßen der

meisten unter ihnen, schienen wohl unternommener Fluchtversuche wegen

eine Verschärfung der Strafe zu sein.

Nach einigen hundert am Strande zurückgelegten Schritten stoßen wir am

Eingange in die Capstadt auf den Fischmarkt, dessen Eigenart schon aus

beträchtlicher Entfernung penetrante Dünste verrathen und die es wohl

gerathen hätten, den Fischmarkt in größerer Entfernung vor der Stadt

anzulegen. Eine artenreiche Zahl von Seefischen wird hier mit Ausnahme

des Sonntags von den malayischen Fischern täglich aufgestapelt, von

Hummern wahre Berge, deren ganze Masse auch stets willige Abnehmer

finden. Wer sein Geruchsorgan gegen die Ausdünstung des Marktes

unempfindlich zu machen wüßte, hätte hier ein dankbares Feld für Studien

nach jeder, insbesondere aber ethnographischer Richtung. Die seit

Decennien eingewanderten Malayen sind ihrer mitgebrachten Tracht und

ihren Gebräuchen treu geblieben. Sie kamen als Fischer, Maurer,

Schneider und sind es auch geblieben, selbst zu gediegenen Rosselenkern

haben sie sich in der neuen Heimat gebildet. Mit rothen Tuchlappen, die

älteren mit riesengroßen, kegelförmigen aus Stroh, Schilf und

Bambusgeflecht erzeugten Hüten gegen die Sonnenstrahlen geschützt und

meist in weitbauschige Leinenhosen und -Hemden gehüllt, sehen wir die

dunkelbraunen Gestalten der Männer in ihren Booten mit dem Ausleeren

ihrer Fangbeute in Körbchen eifrig beschäftigt. Der Gesichtstypus ist

flach, wenig ansprechend, doch das Auge verräth die tropische Heimat,

namentlich ist es bei den Frauen groß und schön. Die Frauen, den Männern

behilflich und lachend bald in der eigenen, bald in der holländischen

Sprache den Beutezug besprechend, tragen grellfarbige Kopftücher und

ebenfalls bauschige weiße Hemden und eine große Zahl von Röcken, deren

Umfang an die Crinolinen-Mode erinnert. Zwischen den eifrig

beschäftigten Männern und Frauen tummelt sich ihre schwarzköpfige

Nachkommenschaft; die Mädchen, niedlichen Puppen gleich, in weißes

Linnen, die Knaben in kurzen Jäckchen und Hosen gekleidet. Kaum halb

erwachsen, sind sie schon bemüht, in ihrer Weise und nach besten Kräften

die Eltern zu unterstützen und größere Fische nach dem Markte zu

schleifen.

[Illustration: Capstadt.]

Wir verlassen den Fischmarkt und begeben uns durch eine der vielen

parallel die Stadt durchkreuzenden Straßen nach dem durch Pinien

umsäumten Paradeplatz. Im Innern der Stadt werden wir weniger von der

Bauart der Häuser, von denen noch viele den alten holländischen Styl

zeigen, als vielmehr von dem Treiben in den Straßen gefesselt, in denen

die Eingebornen, welche hier jedoch als Mischrace überwiegen, das meiste

Interesse des Fremden erregen. Sie sind als Lastträger, als Kutscher und

Diener an jeder Ecke, in jedem Geschäfte und Hause vertreten. Malayen,

Kaffern und Mischlinge liegen friedlich an derselben Ecke und suchen, wo

sich ihnen ein »Job« (eine Arbeit) darbietet, das Höchste

herauszuschlagen. Hat sich im Verlaufe meines siebenjährigen

Aufenthaltes Manches im Aeußern der Stadt zum Vortheil geändert und ist

auch für die Hebung der allgemeinen Bildung viel gethan worden, diese

Schichte der Bevölkerung ist sich gleich geblieben in ihrer Rohheit,

gewonnen haben ihre Mitglieder nur an Verschmitztheit und

Unverschämtheit in ihren Forderungen. Malayen und jene der Mischlinge,

die durch Vermögensverhältnisse oder in Bildungsanstalten eine bessere

Erziehung erwerben konnten, machen einigermaßen eine Ausnahme.

Die Mischlinge zeigen die mannigfachsten Nüancen der Hautfarbe, von

einem leichten Stiche in's dunkle bis zu dunkelbraun; die schwarzen

Gesichter gehören Kaffern und Eingebornen, die von der Ost- und

Westküste und von St. Helena eingewandert sind.

Capstadt ist der Sitz der höchsten englischen Behörde für Süd-Afrika,

des _Commissioner for the Possessions and Dependencies in South Africa_,

des ihm zur Seite stehenden Ministeriums, sowie des aus dem Ober- und

Unterhause bestehenden Parlaments, ferner der Sitz eines anglikanischen

katholischen Bischofs, die Stadt zählt sechzehn Kirchen (Bethäuser mit

eingerechnet) und unter den Bewohnern, deren Mehrzahl Farbige sind,

finden sich Bekenner aller erdenklichen Confessionen. Unter den Weißen

überwiegt das holländische Element über die übrigen Vertreter

europäischer Nationen, deren Rechte durch Consuln gewahrt werden; es

sind dies meist Kaufleute, welche die Consulargeschäfte nebenbei

besorgen. Nur Frankreich und Portugal sind durch _Consuls de carrière_

vertreten.

An der Spitze der jetzigen Regierung steht ein Mann, der sich das

vollkommene Vertrauen der Colonisten erworben und zu den edelsten und

einsichtsvollsten Gouverneuren gehört, die England je mit der Verwaltung

seiner südafrikanischen Colonien betraut hatte. Viele der von Sir Bartle

Frère eingeführten Neuerungen werden sich namentlich in der Zukunft

ersprießlich erweisen.

Von den öffentlichen Gebäuden können wir namentlich die Stadthalle, die

Kirchen, das Gouvernements-Gebäude, das _Sailors Home_, die

Militärgebäude, die Eisenbahnstation erwähnen; vor Allem aber verdient

das Museumsgebäude mit dem Monumente Sir Grey's und mit dem angrenzenden

botanischen Garten, von den, die Stadt nach der Seeseite hin schützenden

Befestigungen, namentlich das terrassenförmig angelegte, steinerne

Castell, in dem der Chef der Militärbehörde der Capstadt residirt, und

welches gegenwärtig dem Zulukönig Ketschwaio zum provisorischen

Aufenthalte angewiesen worden ist, erwähnt zu werden.

Eine detaillirte Beschreibung der größten Stadt Süd-Afrika's würde zu

weit führen und ich will mich nur auf einige wenige Objecte beschränken,

und damit von der Metropole scheiden (siehe Anhang 1). Von den

Bildungsanstalten der Hauptstadt ist namentlich das _South African

College_ zu nennen, an dem Männer vortragen, die bereits als Gelehrte

europäischen Ruf erlangt haben. Von den wissenschaftlichen

Gesellschaften nimmt die _Philosophical Society_ den ersten Rang in

Süd-Afrika ein. Sie hat Originalforschungen auf dem Gebiete aller

Wissenschaften zum Zwecke. Der gegenwärtige Präsident der Gesellschaft

ist der wohlbekannte Astronom Prof. Gill.

Und nun wollen wir einen Blick auf die Umgebung der Capstadt werfen,

deren Scenerie, sowohl dem von der See als auch aus dem inneren

Hochlande Kommenden den freundlichsten Eindruck macht und der Hauptstadt

einen besonderen Reiz verleiht. Nähern wir uns der Stadt von der hohen

See, so fallen uns schon aus großer Entfernung zahlreiche weiße

Pünktchen auf, welche sich am Fuße des langgestreckten Löwenkopfes längs

der See hinziehen, sie entpuppen sich in der Nähe als Villen, die aus

den im prächtigsten Grün strotzenden Gärten hervorlugen und sich am Fuße

der hier mit einem Grasteppich bedeckten Hügel, dort schroff abfallenden

Felsenhöhe ungemein reizend und malerisch ausnehmen. Ein Tusculum der

wohlhabenden Bewohner der Capstadt, besonders der Handelsherren,

verbindet eine Pferdebahn, welche von 6 Uhr Morgens bis 10 Uhr Nachts in

Betrieb gesetzt ist, diese Vorstadt mit der Metropole. Der von der Stadt

entfernteste, nach der hohen See zu liegende Theil dieser Vorstadt wird

Sea-Point, der näherliegende, mit ihr zusammenhängende Green-Point

genannt. Da, wo sie sich vereinigen, finden sich die Friedhöfe, von

denen jener der Europäer den stillen Cypressengärten Madeira's gleicht,

während die höher am Bergabhange liegenden Friedhöfe der Eingebornen,

namentlich die Begräbnißstelle der mohamedanischen Malayen mit ihren

zahlreichen mit Inschriften versehenen Grabsteinen für den Ethnographen

großes Interesse bieten. Neben den auf dunklen Schiefertafeln

eingegrabenen Inschriften sind diese Gräber blos mit aus Papier

geschnitzten und von Zeit zu Zeit erneuerten Blumen geschmückt.

Gewährt schon der Fuß des Löwenkopfes mit den schönen Villen einen

reizenden Anblick, so gilt dies in erhöhtem Grade von dem untersten

Hange des Teufelsberges. Hier reiht sich auf Meilen hin Dorf an Dorf,

Garten an Garten, die einzelnen nett und sauber gehaltenen Gehöfte oft

durch dichte Nadel- oder Eichengehölze von einander getrennt und

überschattet. Von hundert zu hundert Schritt taucht hier immer ein neues

anziehendes Bild auf, das zuweilen ausnehmend schön genannt werden kann,

wie z.B. die über diesem Punkte sich erhebende Partie des Teufelsberges

hier als eine interessante Felsenformation, dort als Gehölze oder

blühende Erikawiesen den Hintergrund bildet. Eine über 100 Meilen

landeinwärts führende Eisenbahn verbindet diese Vorstädte mit der Stadt.

Züge gehen in der Regel stündlich ab. Ein besonderes Interesse bietet

die dritte Station dar, sie führt der königlichen Sternwarte wegen, die

etwas abseits gegen den Salt-River zu auf einer zu einem Lustgarten

umgewandelten Sanddüne erbaut ist, den Namen »Observatory Road«. Unter

der Leitung Prof. Gill's stehend, hat die Sternwarte durch Herschel

junior's epochemachende Arbeiten Weltruf errungen. Auch der gegenwärtige

Leiter und seine Gemahlin sind in den englischen Kreisen wohl bekannt,

sie namentlich durch das von ihr veröffentlichte Werk: _»Sechs Monate

auf der Insel Ascension«_, welche Zeit sie auf dieser öden vulkanischen

Insel in Gemeinschaft mit ihrem Mann zubrachte, mit astronomischen, dem

Durchgange des Mars gewidmeten Beobachtungen beschäftigt.

Der bedeutendste und anziehendste der drei die Capstadt so bezeichnenden

und mit der Stadt selbst berühmt gewordenen Berge ist der schon mehrmals

erwähnte 1082 Meter hohe Tafelberg (Table-mountain).

Mehr als ein Drittel der ganzen Höhe des Massivs nimmt der theils mit

angebauten Wiesen, theils mit Gras, Buschwerk und mannigfaltigen

Haidekräutern bewachsene Riesensockel ein, aus dem fast perpendiculär

die mächtige, zerklüftete, doch oben vollkommen abgeflachte Kuppe

aufsteigt. Stunden vergehen, bevor man auf die mit Felsenblöcken

bedeckte Hochfläche, die dem Berge den Namen gab, gelangt, und oben

angekommen, erheischt es die größte Vorsicht, um nicht irre zu gehen! Es

ist daher angezeigt, sich der Führung eines Bewohners der Capstadt

anzuvertrauen, an solchen bereitwilligen Führern fehlt es aber nicht,

denn die Bewohner der meisten Städte Süd-Afrika's zeichnen sich durch

ihre Freundlichkeit, ihre Gastfreundschaft und ihr biederes

Entgegenkommen aus. Namentlich ist für jene, welche schöne

Felsen-Scenerien bewundern wollen, das Besteigen des Tafelberges von

hohem Interesse; allein der Genuß, den diese hie und da durch die

natürlichen, oft so grotesken Felsenformen und eine reiche tropische

Vegetation fesselnden und die Mühe des Besteigens so reichlich

entlohnenden Bergeslehnen bieten, wird noch von der schönen Aussicht

überboten, die den Besucher erwartet, wenn er müde von dem

beschwerlichen Aufstieg an der flachen Kuppe angelangt, den Blick rund

herum über den Horizont schweifen läßt. Vor uns dehnt sich scheinbar

endlos nach Westen und Norden der Spiegel des Oceans aus, die tief in

das Land einschneidende Tafelbai verräth uns jetzt noch das durch

Jahrtausende thätige Bestreben des Meeres, den schmalen Felsenriegel,

der die Tafelbai von der Kalk- und Simonsbai im Süden trennt, zu

durchbrechen. In der Tafelbai selbst aber erblicken wir die flache,

durch einen Leuchtthurm und Häusercomplexe gekennzeichnete Robbeninsel,

auf der sich gegenwärtig ein Asyl für Irrsinnige und ein Staatsgefängniß

für angesehene politische, den dunklen Racen angehörige Sträflinge

befindet.

Unter uns der im farbenreichen Grün strotzende Fuß des Tafelberges und

zwischen ihm und der Bai, in der zahllose, theils im sicheren Hafen,

theils außerhalb auf der freien Rhede liegende Schiffe von regem Handel

zeugen--die hellschimmernden Gebäude der Stadt, durch die sich

kreuzenden geraden Straßen als ein Complex von Rechtecken hervortretend,

deren Monotonie hie und da oasenförmig durch das Grün der Gärten und

Alleen angenehm unterbrochen erscheint. Dort drüben am Abhange des

Löwenberges die stillen Ruheorte der Malayen und der Farbigen überhaupt,

weiter nach dem Green point-Leuchtthurm zu, die mit hohen Cypressen

bewachsenen Friedhöfe der Bleichgesichter. Doch lassen wir das Bild des

Vergehens und wenden wir unsere Blicke zur Rechten und zur Linken, wo

sich die beiden Genossen des Tafelberges erheben. Da wo der Löwenkopf

sein steiles Haupt erhebt, verbrüdert er sich mit einem der zwölf

Apostel, die an ihrem steilen Fuße von den Wogen des Oceans bespült,

stolz ihre zackigen spitzen Höhen in den blauen Aether erheben. Schweift

der Blick zur Rechten und hat er sich an allen die Phantasie erregenden

Formen, an den Felsenschluchten, Klüften, Felsenmauern, Terrassen und

Riesenblöcken des Teufelsberges gesättigt, so blickt das Auge weiter

hinaus auf eine mit Gebüschen, Wäldern und Haidekräutern bewachsene

Ebene, auf grüne, glänzenden Teppichen gleichende Wiesen und angebaute

Fluren, in denen sich Villen und Farmhäuser anmuthig bemerkbar machen,

und die der Wohlhabenheit und Emsigkeit der Ansiedler das beste Zeugniß

geben. So bietet die Umgebung der Metropole Süd-Afrika's, mögen wir sie

von dem ehrwürdigen Haupte des Tafelberges, oder von den beiden anderen

Höhen betrachten, mögen wir ihr von der See aus, von dem schaukelnden

Boote unsere Aufmerksamkeit widmen, uns immer ein anziehendes,

wechselndes Bild! Vom letzteren Standpunkte aus betrachtet, wird das

Bild ungleich interessanter, indem eine scharf nach oben abgegrenzte

Wolkenschichte in der Regel die obere Hälfte der beiden höheren Berge so

verhüllt, daß das spitze Haupt des einen und das flache des andern über

die Wolkenbank hinausragen und dadurch einen effectvollen Anblick

gewähren.

[Illustration: Schlucht am Abhange des Tafelberges.]

Nach zweitägigem Aufenthalte in der Capstadt verließ der »Briton« die

Tafelbai und wandte den Kurs um das Cap der Guten Hoffnung nach Osten,

nach der Algoabai, um in der zweitgrößten Stadt der Colonie, dem

wichtigsten Handelsorte Süd-Afrika's, woselbst die Mehrzahl seiner

Passagiere an's Land zu gehen beabsichtigte, zu landen.

Die Fahrt längs der steilen bergigen Küste ist eine gefährliche und

manches Schiff, selbst in jüngster Zeit, fand an den verborgenen

Felsenriffen, welche die Küste säumen, sein Verderben.

»Ich versichere Sie,« äußerte sich einer der Stewarts[1] an Bord des

»Briton«, »unter fünf Shillingen werden Sie nicht an das Land

gelangen.«--Fünf Shillinge für eine Bootfahrt von etwa 1000 Schritt

Länge? Unmöglich! So tönte es als Antwort in allen möglichen Sprachen

zurück. Die Forderung schien unvergleichlich hoch. Eine halbe Stunde

später und wir zögerten nicht, für dieselbe Leistung das Zweifache, d.h.

zehn Shillinge zu geben, denn unter diesem Preise wollte keiner der

Bootsleute einen Passagier an's Land bringen. Für mich war dieser an und

für sich geringe Betrag eine harte Contribution, betrug ja mein ganzes

Vermögen in diesem Momente nur 3½ £ St. und damit stand ich erst an der

Schwelle des Landes, dessen Erforschung meine Aufgabe war!

1: Kellner.

Algoabai ist gleich den übrigen Buchten der Küste Süd-Afrika's eine

weite, jedoch offene und deshalb den Stürmen ausgesetzte Bucht; die eine

Seitenbucht der Simonsbai bildende Kalkbai ausgenommen, hat die ganze

Südküste der Cap-Colonie keinen sicheren Hafen aufzuweisen, gewiß ein

nicht zu unterschätzender Uebelstand, ein Hinderniß für die Entwicklung

des Imports und Exports, denn abgesehen von der umständlichen und

zeitraubenden Lösch-Manipulation der Ladung zwischen den zumeist in 500

bis 700 Schritten Entfernung von der Küste ankernden Schiffen und

dieser, werden Fracht und Transport durch diesen Uebelstand ungewöhnlich

vertheuert, andererseits nöthigten die Gefahren der offenen Rhede zu

kostspieligen experimentalen Hafenbauten, deren Ausführung bedeutende

Summen verschlingen, die sonst der Colonie zu Gute kommen würden.

Ein Gang entlang dem Strande der Algoabai, entrollt uns ein neues Bild

des zürnenden Oceans, und beweist uns die Richtigkeit der zweiten

Benennung des Cap der guten Hoffnung als Cap der Stürme. Hier aus der

kahlen Düne, dort über den nackten zerrissenen Felsen, ragt ein Wrack

empor, ob sein Rumpf auch eisengepanzert war, die Wuth des Sturmes und

die Klippen des Strandes, sie kannten keinen Unterschied. Zerschellt

liegt es neben dem einfachen Holzbaue an der öden, unwirthlichen Küste.

Jene--und weil meist zur Nachtszeit sich abspielend--um so furchtbareren

trüben Episoden, wo wüthende Südoststürme schäumende Riesenwellen nach

dem Ufer der Algoa-Bai schleuderten und ein Fahrzeug nach dem andern,

oft bis neun in wenigen Stunden, an den Felsen zerschmetterten oder auf

die Sandbänke warfen--sind in der Geschichte des neuen Hafenortes der

zweitgrößten Stadt Süd-Afrika's ebenso wichtige und ereignißvolle als

höchst traurige Gedächtnißtage geworden. Doch zurück zu meiner Ankunft

im Weichbilde der Stadt![1]

1: Siehe Anhang 1.

Auf einem etwa 200 Fuß hohen, felsigen Abhange erbaut, dehnt sich Port

Elizabeth über eine Fläche von zwei englischen Meilen Länge und ¼ bis 1

Meile Breite aus; entbehrt die Lage der circa 20.000 Einwohner zählenden

Stadt auch landschaftlicher Schönheit, so ist ihre Bedeutung als

Handelsstadt ein Ersatz hiefür, indem sie für ganz Süd-Afrika südlich

des Zambesi die Rolle einer Handels-Metropole übernommen hat.

Namentlich wird die östliche Provinz der Cap-Colonie, der

Oranje-Freistaat, die Diamantfelder, theilweise auch der Transvaal-Staat

und das Innere Süd-Afrika's von diesem Hafenort aus versehen. Die

Handelsinteressen werden von einer Gewerbekammer gewahrt, welche die

bedeutendsten Kaufleute der Stadt zu ihren Mitgliedern zählt. Längs dem

Abhange, an der 1½ englische Meilen langen Main-(Haupt-)straße von der

sich wieder kleinere Straßen nach dem Meeresufer abzweigen und andere

diesen unteren mit dem oberen Stadttheil auf der flachen Höhe

verbinden--meist in eleganten und in großem Maßstabe aufgeführten

Geschäftslocalen haben die bedeutendsten Handelshäuser Port Elizabeths

ihre aus allen Welttheilen herrührenden Waaren aufgespeichert. Die

Handelsherren selbst haben es sich oben am »Hill«, auf der Höhe, in

luxuriös eingerichteten Wohnungen bequem gemacht, wo man eine Aug und

Herz erfreuende Fernsicht auf's Meer und die frische Luft der Algoabai

genießt. Hier haben sie in einem Clubhause eine elegante Ressource

eingerichtet, wo sie sich namentlich an Mittwochen zu einem

gemeinschaftlichen Diner einzufinden pflegen.

Ein kleiner schlammiger Fluß scheidet die Stadt in einen südlichen

kleineren und einen größeren nördlichen Theil, ersterer wird meist von

malayischen Fischern bewohnt. Nicht weit von dem Bakensfluß, am

südlichen Ende der oberwähnten Mainstraße findet sich der Marktplatz,

von dem prächtigsten Rathhause Süd-Afrika's an seiner südlichen Seite

begrenzt. Sein Centrum ist von einer Granitpyramide geziert und man

gelangt zu ihm unmittelbar von dem in's Meer auslaufenden Pier,[1] so

daß er den Fremden, der sich durch die etwas monotone Ansicht der Stadt

vom Meere aus, nicht viel verspricht, mit seinen schönen Gebäuden und

den einer europäischen Großstadt ähnlichen, luxuriös ausgestatteten

Verkaufslocalen auf das Angenehmste überrascht. Zwischen dem Meere und

diesem Marktplatz, wie auch bis zur Mündung des Bakensflusses, ziehen

sich riesige Speicher, in denen die Wolle zur Ausfuhr aufgestapelt und

die eingeführten Güter, bevor sie in die Stadt gebracht werden,

lagern.--Der Anblick der Stadt von der See aus wird in seiner

Einfachheit einigermaßen durch die zahlreichen schönen Kirchen etwas

gehoben. Oben am Hill findet sich auch ein sehr gut eingerichtetes

Hospital und etwa eine halbe Meile davon landeinwärts, sowie unmittelbar

unter den Höhen am nördlichen Ende der Stadt je ein botanischer Garten.

In der Stadthalle finden wir eine sehr gute Bibliothek und ein leider

vollkommen verwahrlostes Museum, auf das ich noch später zurückkommen

werde.

1: Ich nenne Pier, die in's Meer auslaufenden, bei Hafenbauten

errichteten Holzbrücken.

Nachdem ich gelandet, suchte ich ein Hotel auf, doch nicht mit der

Unbefangenheit des wohlausgerüsteten Reisenden, denn meine Barschaft

war, nachdem ich die zu entrichtende Waffensteuer (1 £ St. für meinen

Gewehrlauf, zehn Shillinge für meinen Revolver) geleistet, bis auf zehn

Shillinge zusammengeschmolzen und selbst diese dankte ich nur dem

Umstande, daß die meinen Hinterlader enthaltende Kiste nicht mit auf dem

»Briton« verschifft worden war. Ein deutscher Kaufmann, Hermann

Michaelis, an den ich einen Empfehlungsbrief hatte, wies mich an den

österreichischen Consul, Herrn Adler, und diesem Manne habe ich es zu

danken, daß mir Port Elizabeth zu einem angenehmen Aufenthaltsorte

wurde. Ich kann es nur herzlich wünschen, daß die Vertreter

Oesterreich-Ungarns, auch in anderen Weltgegenden solch' regen Eifer für

das Wohl der ihrem Schutze Empfohlenen an den Tag legen, in so

energischer und unermüdlicher Weise die Interessen ihres Staates wahren

möchten, als ich es in Port Elizabeth gefunden. Sowohl Herr Adler, der

damalige Consul, als auch seine beiden Nachfolger, die Herren Allerberg

und Mosenthal, der gegenwärtig Oesterreichs Interessen vertritt,

bewiesen sich mir als solche.

Herr Adler führte mich bei den Honoratioren der Stadt ein und bald hatte

ich die Freude und Genugtuung, einige Patienten meiner Obsorge

anvertraut zu sehen. Um jedoch die freien Stunden wo möglichst zu

benutzen, machte ich täglich Ausflüge in die Umgegend, die ich in

Folgendem zu schildern versuchen will. Schon nach vierzehntägigem

Aufenthalte in Port Elizabeth wurde mir von einem der Großhändler der

Stadt der Antrag gestellt, mich gegen ein Jahreshonorar von 600 £ St. in

der Stadt als Arzt niederzulassen. So ehrenvoll der Antrag für mich auch

war, und so sehr seine Annahme mich von allen Lebenssorgen befreit

hätte, ich konnte ihn aus noch näher anzuführenden Gründen nicht

annehmen.

Zu meinen Ausflügen erkor ich mir einerseits das südliche Meeresufer,

eine breite, theils mit dichtem tropischen Gebüsch bewachsene, theils

meilenweit mit Sanddünen bedeckte Landzunge, die an ihrer äußersten

Spitze ein Leuchthaus trägt (7 Meilen von Port Elizabeth entfernt),

anderseits das nördliche Meeresufer nach der Mündung des Zwartkop-River

zu, sowie auch das Thal des Baker-River, das mir viel des Interessanten

darbot.--Zu diesen Gängen wählte ich mir in der Regel (nach beendeten

ärztlichen Visiten) den Morgen und kehrte am Nachmittag heim. Mit allen

Hilfsgeräthen eines Sammlers ausgerüstet, verließ ich dann das Hotel und

eilte an den Wollspeichern vorüber nach der über den Bakensfluß

führenden Brücke zu. Auch an diesen großen Wolllagerplätzen konnte ich

nie vorübergehen, ohne nicht ein halbes Stündchen das Treiben an der

sich zwischen dem Meer und den Gebäuden etwa 250 Schritt breit

erstreckenden Düne zu verfolgen. Diese bietet dem Besucher einen, Port

Elizabeth charakterisirenden und gewiß sehr anziehenden Anblick dar. Auf

einer etwa 500 Schritt langen und 250 Schritt breiten, sandigen Fläche

finden wir alle möglichen Schiffsartikel aufgestapelt. Da liegen an's

Land gezogene Kähne und an ihnen gelehnt, schmauchen zahlreiche

Theerjacken ihr Thonpfeifchen--so gemüthlich und phlegmatisch--für alle

Welt vergessen, wie es die »getreuesten« ihres Schlages an den Ufern

Alt-Englands zu thun pflegen! Förmliche Barrikaden von Fässern, Kisten,

Eisendrahtrollen etc., riesige Anker und Ketten sowie verschiedene

Schiffsreste sind über die Fläche zerstreut aufgethürmt. Ein reges Leben

herrscht in diesem Labyrinthe von Kisten, Fässern und Rollen, ein stetes

Auf- und Abladen, hier in die großen Waaren-Lagerhäuser, dort

unmittelbar auf die großen, ochsenbespannten Capwägen, deren

Bestimmungsort viele hundert englische Meilen landeinwärts liegt. Das

Amt der Custom-Officers (Zollbeamten) ist denn auch hier kein leichtes,

ihre Thätigkeit eine angestrengte.

Einen anziehenden Anblick bietet auf der Düne, das Landen der Kutter,

welche die Waaren von den Schiffen bringen, das Ausladen derselben durch

hunderte von schwarzen, nackten Hünengestalten. Die Seefahrzeuge, deren

oft mehr denn 30 in der Bucht liegen (die Dampfschiffe etwa der Mündung

des Baker-River gegenüber) können nicht bis zum Ufer gelangen, die

riesigen Stein- und Pallissadenbrücken (Piers), die man in's Meer

hinausgebaut, um das Anlegen der Schiffe zu ermöglichen, erweisen sich

nutzlos, da sie einesteils nicht den hinreichenden Schutz bieten, theils

zur Versandung führten, so daß noch immer jene überseeischen Fahrzeuge

weit auf offener Rhede ankern müssen. Namentlich von der Höhe aus

gesehen, bieten die Fahrzeuge wie sie sich auf der dunklen Fluth hin-

und herwiegen, einen interessanten Anblick, oft kann man die mit vollen

Segeln auslaufenden Segelschiffe, die großen oceanischen Dampfer aus-

und einlaufen sehen, ein Anblick, der den Beobachter unwillkürlich mehr

denn als Viertelstunden zu bannen vermag. Von den Schiffen werden die

Waaren in unbeholfen aussehende, einmastige Kutter geladen und in den

letzteren nach der sandigen Uferstelle, den Lagerhäusern gegenüber,

gebracht. In einem »Nu« ist der Kutter von einem Schwarm Schwarzer

umringt, die an ihm emporkletternd sich die Waaren reichen; es währt

nicht lange und die Ladung ist gelöscht, d.h. in die Lagerhäuser

getragen. Den geräuschvollen, allein so manch' Anziehendes darbietenden

Ort verlassend, überschreiten wir die Bakerbrücke, um, die Ansiedlung

der Malayen durchschreitend, das freie Meeresufer zu gewinnen. An der

Mündung des genannten Flusses hatte man solch' einen Pier (Brücke)

angelegt, was eine Versandung des vermeintlichen Hafens, den das kleine

Flüßchen nicht auszuwaschen die Kraft und nöthige Strömung besaß, nach

sich zog.

Das südliche Seeufer ist ein einziges bis zum Leuchthause reichendes

terrassenförmig in die Tiefe absteigendes Felsenriff, hie und da

mitunter durch Anbau verschiedener Seethierchen, namentlich

Korallenthierchen incrustirt. Kürzere und längere Stellen sind mit Sand,

doch blos am Ufer selbst, bedeckt, ohne daß der Sand tief in's Meer

reichen würde, wie es nördlich von der Stadt gegen den Zwartkop-River

der Fall ist. Was ich nun in der Ebbezeit in den künstlich von den

Seethieren gebildeten Grotten an solchen auffischen, fangen und an vom

Südoststurme ausgeworfenen Korallen und Algen habhaft werden konnte, das

habe ich damals treu heimgeschlepppt. Auf meiner Rückreise aus dem

Innern, während meines letzten Besuches der Stadt, konnte ich allerdings

mit größerem Erfolge und im weiteren Umfange diese Sammlungen betreiben.

Von meiner kleinen schwarzen Dienerin Bella und 4-5 gemieteten Schwarzen

gefolgt, arbeitete ich mehrere Stunden hindurch an der Küste und kehrte

mit reicher Beute zur Stadt zurück. Viel Vergnügen machte uns der Fang

der Nautilus-Männchen, die in den Grotten zurückgeblieben waren. Mit

einem aus Eisendraht verfertigten Haken stöberten wir in den noch mit

Seewasser gefüllten Felsenlöchern umher; war einer jener Cephalopoden

daselbst zurückgeblieben, so fuhr er sofort wild nach dem metallenen

Eindringling, der es uns ermöglichte, ihn von dem Felsen, an dem er sich

oft sehr fest geklammert, loszulösen. Fiel er dabei an eine trockene

Stelle, so bewegte er sich rasch, indem er die Fangarme anzog, nach der

Seeseite zu; fiel er auf loses Gestein, so hoben wir ihn in der Regel

mit fünf bis zehn oft faustgroßen Steinen auf. Die größten dieser Thiere

hatten eine Länge von 5 Zoll und bis 24 Zoll lange Fangarme; sie werden

häufig von den Malayen aufgesucht und genossen, und sind unter dem Namen

der Katfische bekannt. Oft trafen wir an einzelnen Stellen junge Männer

und Frauen, welche mit Hämmern große Schnecken, Napfschnecken und

Austern losschlugen, um selbe in der Stadt zu verkaufen, doch begegneten

wir auch weißen Knaben, welche in, unseren Schmetterlingsnetzen

ähnlichen Säckchen, kleine Palämons fingen, die in Port Elizabeth von

Vielen als Delicatesse angesehen werden. Taucher und Möven beleben die

seichteren Partien, erstere fliegen niedrig und spät auf, so daß mein

Hund Spot mehrere erbeutete.

Ich erwähnte, daß dieses Ufer eine Art breite Landzunge bildet, welche

etwa zur Hälfte eine einzige öde Sanddüne ist, während die andere

Hälfte, meist an der Seite von Port Elizabeth und der Theil nach dem

Leuchthause zu mit Ausnahme der äußersten Spitze, mit einer üppig

wuchernden Vegetation bewachsen ist; und doch hat diese nur in dem

Dünensande festen Fuß gefaßt, gewiß staunenswerth, um so mehr, als der

Forscher auf dieser Strecke wenigstens 1000 Pflanzenarten finden dürfte.

Vor Allen ist die fleischig-blättrige Mittagsblume in sehr vielen Arten

vorhanden, deren eine hie und da mit schönen, citronenfarbigen,

handgroßen Blüthen frisch aus dem dunklen Grün ihrer in Büscheln

stehenden, fingerförmigen, dreikantigen Blätter hervorleuchtet. Einige

Schritte vor uns, am Fuße eines dichten Gebüsches prangt eine zweite und

dritte Art, die eine mit kleinen orangefarbenen, die zweite mit

dunkelrothen Blüthen und während wir uns zu ihnen hinbeugen, überrascht

das Auge aus einem niederen Binsendickicht zur Rechten ein dichtes Lager

von einer dunkelblättrigen Art mit prachtvollen, Doppelthaler großen,

hellrothen Blüthen. Wir haben uns noch nicht entschieden, welche wir

zuerst in unsere Büchse aufnehmen sollen, als bei dem nächsten Tritte

das Ausgleiten des Fußes zur Vorsicht mahnt, und als wir nach der

Ursache unseres Falles forschen, finden wir, daß ihn ein zierliches

Mittagsblümchen verschuldete, das theilweise von dem Rasen gedeckt, mit

seinen weißen Blüthenscheiben friedlich da unten vegetirte. In der

Betrachtung dieses Blüthenflors übersieht das Auge fast die Menge von

Zwergbüschen, die vielen Binsen- und Euphorbia-Arten.

Der Entstehungsweise entsprechend, bildet diese sandige Unterlage für

Meilen hin kleine, seichte, wiesenbedeckte Parallelthälchen und

bebuschte Erhebungen, die letzteren etwa 30-50 Fuß über der

Meeresfläche, die Thälchen 10-20 Fuß tief, 100-900 Schritte lang.

Namentlich reich an Vegetation ist das westliche Ufer, d.h. jenes vom

Leuchthaus nach Westen zu, an dem auch mehrere Farmhäuser liegen und

unzählige Quellen zu dem hier eine einzige, zerrissene Felsenklippe

bildenden Meeresufer hinabrieseln. Die Sümpfe sind hier mit zahlreichen,

den Moorboden liebenden Gewächsen überwuchert, farbenprächtige Blumen

und mehrere Schilfrohrarten säumen die offenen Tümpel ein; diese Sümpfe

bedecken die Abhänge zum Meere, während die niedrigen, oben abgeflachten

Höhen in seichten doch breiten Thälern hier mit unzähligen, oft kaum

wahrnehmbaren, dort bis vier Fuß hohen buschartigen Erica-Arten

überreich bedeckt sind; einem Botaniker geht das Herz über, wenn er so

in diesen Schätzen nach Muße schwelgen kann. Diese Erica-Arten zeigen

nicht allein mannigfache Blüthenformen, sondern auch alle möglichen

Farben in den zarten Blüthen; weiß und grau meist die hohen

strauchförmigen, gelblich bis ockerfärbig die kleineren, doch auch roth

in allen Nüancen und violett bis zu noch dunkleren Tönen.

Der südwestliche Theil der Cap-Colonie ist durch seine Erica-Flora

charakterisirt, die in einem jedoch nicht tief in's Land reichenden

Gürtel den südlichsten Vegetations-Typus von Afrika bildet; die Umgegend

von Capstadt und Port Elizabeth weisen die meisten Arten auf.--Außer den

schon genannten findet der Forscher zu allen Jahreszeiten gewisse

Liliaceen in der Blüthe, namentlich schönfarbige--feuer- und

carminrothe--auch schlanke Schwertblumen sind ziemlich häufig

anzutreffen, ihr schönes Roth mahnt an jenes der Aloëspecies, die wir so

häufig an den Abhängen der Zuurberge etc. vorfinden. Von Cryptogamen

sind namentlich Moose auf den überwucherten Dünen zu finden. Wenn man

durch dieses Blumeneden schreitet, wähnt man, daß außer den Insecten und

einigen wenigen Singvögeln kein lebendes Wesen diese Strecken bewohne.

Und doch sind sie von so manchem Thiere bewohnt, von Thieren jedoch, die

in den undurchsichtigen, wenn auch niederen Gebüschen vor den Menschen

Schutz suchen, und nur Nachts sich aus denselben wagen. Es ist eine

zierliche, kaum einen halben Meter Höhe erreichende Gazellenart, dann

Hasen und Springhasen, graue Wildkatzen, Genettkatzen, Mäusehunde etc.,

die Nachts ihr Wesen in den Büschen und den wiesigen Niederungen

treiben. Der Leuchtthurmwächter fängt so manche in Eisen, mit denen er

seinen Miniaturgarten, den er sich in einem Thälchen angelegt, umgab.

[Illustration: Elephantengruppe, Nachts am Zondags-River.]

Ja, das Leben in diesem Leuchtthurme an der Sanddüne, von drei Seiten

vom tobenden Meere umspült, zeigte mir eine der reinsten Idyllen, die

ich je beobachtet. Doch ich muß befürchten, daß es mir hier an Raum

gebricht, ihm eine längere Schilderung, die er verdienen würde, zu

widmen. Der Wächter fühlt sich in seiner Oede vollkommen glücklich.

Monatlich einmal geht er nach der Stadt, um seinen Gehalt zu beziehen,

während wöchentlich ein zweirädriger Karren ihm seine Bedürfnisse von

der Stadt zuführt. Er lebt mit seiner Familie und einem Gehilfen in

einem steinernen Gebäude unter dem Leuchtthurm und hat jedes Schiff, das

von der hohen See in die Algoabai einlaufen will, oder das die Bucht in

sichtbarer Ferne passirt, nach der Stadt zu signalisiren. »Ich habe

einen Tag den Dienst, den anderen mein Gehilfe, damit ich jedoch etwas

im Gärtchen arbeiten kann, habe ich meiner Tochter telegraphiren

gelernt, die mir nun im Dienste recht behilflich ist,« erklärte er mir.

Ich kann es mir nicht versagen, hier eines Erlebnisses des

Leuchtthurm-Castellans zu erwähnen, das er mir erzählte.

»Während einer stürmischen, dunklen Nacht verirrte sich der Capitän

einer »Barke«, sah unser Licht für das von Port Elizabeth an (er hatte

unzureichende Seekarten zu Gebote und war noch nicht in diesen Gewässern

bekannt) und steuert auf uns los; als wir das Schiff erspäht hatten,

sahen wir auch, daß dasselbe glücklich in einem durch Klippen

gefährdeten Kanal Anker geworfen hatte. Ich telegraphirte nach Port

Elizabeth, gegen den Morgen kam die »Tug« (Schleppdampfer), die es

glücklich aus seiner unbequemen Lage herausbugsirte; etwa 20 Minuten

nachher trat die Fluth ein, eine Verspätung um diese Zeit und das Schiff

wäre rettungslos an den Felsen zerschellt worden.« Die Wachsamkeit des

Wächters fand auch ihren Dank.

Lohnend waren meine Ausflüge an die Ufer der beschriebenen Landzunge

während meines letzten Besuches von Port Elizabeth, ich erbeutete

namentlich Seefische, Krabben, Cephalopoden, Würmer, Schnecken,

Patellen, Seeraupen, Seehasen, Muscheln, Korallen, Schwämme etc., Algen

und mehrere Arten Haifischeier.

Außer diesen Ausflügen nach dem südlichen Ufer der Bucht unternahm ich

welche in entgegengesetzter Richtung nach dem nördlichen, gegen die

Mündung des Zwartkop-Flusses. Das Ufer ist hier meist sandig, bis tief

in's Meer hinein, noch die glücklichste Stelle, an der ein Schiff, wenn

ihm der Südoststurm die Ankerketten bricht, stranden kann. Das Meer gab

mir auf diesen Ausflügen namentlich interessante Muschelarten, an der

Mündung des Flusses schwärmen Haifische und der Fluß selbst liefert dem

Forscher zahlreiche Seefische, während seine Ufer, namentlich das linke,

reichhaltige Petrefacten aus der Kreideperiode und im Alluvialboden

Ueberreste von jetzt noch in der See lebenden muschelartigen Thieren und

interessante schraubenförmige Gypsformationen zeigt. Hier finden wir

(das Ufer ist flacher als das südliche) auch riesige Lagunen sich in's

Land hinein erstrecken, die dem Ornithologen so manch' schönen

Regenpfeifer, Strandläufer und Hammerkopf versprechen. Wir finden hier

viele neue Species von Blumen, namentlich Aloë, Wucherblumen, Ranunculus

und eine fleischige, nur hier anzutreffende Winde.

Ich kehrte gewöhnlich landeinwärts nach der Stadt zurück, die zwischen

dem Fluß und der Stadt liegende Salzpfanne (kleiner salzhaltiger und

zeitweilig im Jahre mit Wasser gefüllter, etwa 500 Schritt langer und

200 Schritt breiter See) berührend. Hier fand ich wieder neue Blumen,

einige interessante Käfer und Schmetterlinge. Diese »Saltpan« liegt auf

einer Grasebene, die nach Westen von dem Abhange, an dem die Stadt

erbaut ist, begrenzt wird. Auch diese Ebene weist andere meist niedrige

Pflanzen auf, ebenso der steinige Abhang, der überdieß in den

Frühlingsmonaten August und September, an Schlangen, Eidechsen,

Scorpionen, Spinnen und Insecten eine sehr reiche Ausbeute liefert; ich

fing an diesem Abhange allein 34 Schlangen. Um diese Zeit (in den

genannten Monaten) beginnt die Winterkälte nachzulassen, die Reptilien

und Käfer verlassen ihre Löcher und Schlupfwinkel, die Morgen und Nächte

sind jedoch noch so kalt, daß sie sich unter die größeren Steine

zurückziehen. Hier liegen sie so ein bis zwei Wochen in einem

halberstarrten Zustande, der es ermöglicht, die Thiere, ohne sie stark

zu schädigen, zu bemeistern und der Spiritusflasche einzuverleiben.

Auch die landeinwärts unternommenen Ausflüge, welche mich gewöhnlich

durch das Thal des Bakensflusses führten, ermangelten nicht ihres

besonderen Reizes. Schroffe Felsenwände, riesige terrassenförmig sich

aufthürmende Blöcke charakterisiren das Thal an seinem Unterlaufe,

hochgrasige, blumenreiche Triften die Abhänge seiner mittleren Partien,

Alles deutet darauf hin, daß wir uns in der Nähe des Meeres befinden,

die über das Thal zerstreuten Niederlassungen und Gehöfte, die üppig

wuchernde Vegetation von tropischen Büschen, Schlingpflanzen und Farren,

die jede feuchte Stelle verräth und besonders an den Ruinen verlassener

Wohngebäude lustig emporrankt. Einige hundert Schritte von der in einer

Thalbucht erbauten Dampf-Wollwäscherei fand ich unter dem Gesteine ein

Vipernpärchen eingerollt; da sie neben einander in einer wohl von einer

großen Spinne herrührenden Vertiefung lagen, erfaßte ich mit der Zange

zuerst die eine und beförderte sie rasch in meine mit den

verschiedensten Kriech- und Kerbthieren zum größten Theile gefüllte

Sammelflasche; ohne Schwierigkeit gelang es mir auch, das ahnungslos des

Männchens beraubte Weibchen zu fangen, so daß das Pärchen nun wieder

vereint war. Meine Excursion fortsetzend, hielt ich die Schlangen nach

mehreren Minuten für hinreichend betäubt, um die Flasche öffnen zu

können und um neue Funde rasch in Sicherheit zu bringen. Das offene

Gefäß in der einen Hand, sammelte ich eifrig weiter, als mich plötzlich

ein eigentümliches Rieseln an meiner Hand aufschreckte; ein Blick zeigte

mir, was geschehen,--unwillkürlich ließ ich die Flasche mit ihrem ganzen

Inhalt fallen, der Fluchtversuch der Schlangen mißlang jedoch, denn

nachdem ich meine Fassung wieder erlangt, fing ich die Ausreißer wieder

ein, diesmal mit aller Vorsicht die Flasche verschließend.

[Illustration: Termitenhaufen.]

Eines Tages lud mich Herr Michaelis ein, mit ihm zu einem Freunde auf

die Hochebene zu fahren, um »Bienen auszunehmen«; es war ein kleiner,

etwa einen halben Tag in Anspruch nehmender Ausflug, der mir viel Freude

machte. Wir fuhren in einem zweirädrigen gedeckten Karren hinauf auf den

»Hill« und dann östlich auf die sich nach Nordost ausbreitende Ebene

hinaus. Mit niedrigem Grase bewachsen ist dieses Hochplateau von

Tausenden von meist halbkugelförmigen, einen Meter im Durchmesser

haltenden und ½ bis 2/3 Meter hohen, rothbraunen Termitenhaufen bedeckt.

Die noch bewohnten haben eine glatte, die verlassenen, deren es einige

gab, eine rauhe, durchlöcherte Oberfläche. Ein Termitenbau wird nur dann

verlassen, wenn seine Königin umkommt. Diese verlassenen waren eben die

Stellen, wo meine Freunde nach dem Honig fahnden wollten. Während man in

dem waldigen Innern Afrika's den Honigvogel als Führer zu den Nestern

der wilden Bienen benützt, war es in unserem Falle in Port Elizabeth ein

halbnackter, mit einer rothen, wollenen Zipfelmütze bedeckter Fingo,

der, neben dem Karren einherlaufend, die verlassenen Termitenhaufen mit

Kenneraugen prüfte. Es währte auch nicht lange, so winkte er uns zum

Stillstande, er hatte gefunden, was wir suchten; aus einem der

zahlreichen verlassenen Termitenhaufen sah man Bienen ein- und

ausfliegen. Rasch war das Gefährt versorgt und bald hatten die

Rauchwolken eines Feuerbrandes die Bienen in ihrem Baue betäubt. Nun

ging's an's Wegräumen des Termitenbaues, in dessen früherer Höhle wir

mehrere parallel zu einander befestigte Honigkuchen fanden, die theils

von duftendem Honig, theils von junger Brut strotzten; ich konnte es mir

nicht versagen, den ganzen Bau mit einigen Strichen in meinem Notizbuche

zu verewigen. Die Zerstörung des Erdhaufens brachte auch zwei

Scapsteeker (Schlangen) in meine Gewalt, die meiner stetig anwachsenden

Sammlung einverleibt wurden. Mit solchen und ähnlichen Ausflügen waren

vier Wochen meines Aufenthaltes in Port Elizabeth rasch verflossen, und

nun hieß es, an den Aufbruch in das Innere denken.

Ich habe bereits im Vorhergehenden eines Antrags gedacht, der mir von

Seite eines Großhändlers in Port Elizabeth gemacht wurde, so verlockend

er war, ging ich darauf nicht ein, da mir einestheils von einem

Kaufmanne aus Fauresmith im Oranje-Freistaat weit günstigere

Verhältnisse in Aussicht gestellt waren, und andererseits mir Alles

daran lag, dem Ziele näher zu kommen, und verläßliche Nachrichten über

das Innere erlangen zu können, dazu aber war Fauresmith, mehr denn 60

geographische Meilen nördlich von Port Elizabeth gelegen, geeigneter als

dieses selbst.

Herr Michaelis setzte mich nicht nur durch ein freundlich gewährtes

Darlehen in den Stand, nach Fauresmith zu reisen, sondern erbot sich

selbst, mich zu begleiten. Nur ungern schied ich von Port Elizabeth und

allen während meines kurzen Aufenthaltes hier gewonnenen Freunden, deren

herzliches Entgegenkommen ich nicht genug rühmen kann.

Sieben Jahre in Süd-Afrika. Erster Band. Erlebnisse, Forschungen und Jagden auf meinen Reisen von den Diamantenfeldern zum Zambesi (1872-1879). · 第 15 / 37 题