I.

Prolog.

Zu dir, _Livonen-Schweiz_, hinan,

Und deiner Vorzeit Leben:

Lass mich, auf _Clio's_ treuer Bahn,

Den _Sänger_-Flug erheben!

* * *

Wo schimmern dort, von Sonnengold

Und Abendroth beschienen:

_Kremon_, _Thoreida_, _Segewold_,

In klagenden Ruinen;

Wo seit dem Blutwerk' ihrer Schlacht,

Herab in Blumen-Auen,

Von ihrem Thurm bei Mitternacht,

Die todten Ritter schauen;

Wo Feinde nun ein Grab versöhnt;

Und, auf der Vorwelt Leichen,

Der Hügelreihen Stirne krönt

Ein Bürgerkranz von Eichen;

Wo _Flora's_ holde Kinder mir

Das Pfühl zum Lager breiten;

Pomona dort, und Ceres hier,

Ein Erntefest bereiten;

Wo nach _Mäander_-Krümmen-Tanz

Des Stromes, die _Najade_,

Bei lauer Welle Silberglanz,

Dem _Amor_ winkt zum _Bade_;

Wo aus der _Felsengrotte_ spricht

Der Heidenwelt _Sibylle_;

Und bei _Dryaden_ Kränze flicht

Die _Muse_ der _Idylle_;

Wo hell, zum Morgenstern empor,

Der Haine Lieder wallen;

Und Wehmuth schwelgt im Tausendchor

Von _Hölty_-Nachtigallen: --

Zu dir hinan, _Livonen-Schweiz_!

Nach deiner Vorzeit Leben,

Und deiner _Anmuth_ Blüthenreiz',

Will ich den Flug erheben.

_Thoreida_ sei des Fluges Ziel!

_Asträa_ soll mich führen! --

Ein _Opfer_, das dem Herrn gefiel,

Soll tief die Seele rühren!

* * *

Nicht _Männer_ aus der _Ritter_ Zahl,

Gegossen wie von Eisen;

Nicht _Helden_ von Granit und Stahl,

Will meine Harfe preisen:

Der _Weltgeschichte_ stolze Macht

Hat ihren Kranz gewunden;

Sie kann nicht leben ohne Schlacht,

Nicht ohne Völker-Wunden!

Ihr _Griffel_ hat so manchen _Wicht_

Gigantisch aufgemessen;

Und mancher _stillen_ Grösse Licht,

Das _Welten_ strahlt, _vergessen_!

* * *

Die _Jungfrau_, die _mein Lied_ erkor,

Zum Preis und Ehrenmale:

Sie trat aus öder _Nacht_ hervor;

Nicht aus dem Marmorsaale.

Es war, in Gottes freier Luft,

Ein Schlachtfeld ihre Wiege;

Das Brautgemach -- die Todtengruft;

Ihr Tod -- ein Sieg der Siege!

* * *

Hat _gross_ in Rom _Lucretia_

Die Schmach in Blut begraben:

So steht die _Deutsche_ -- _grösser_ da,

Und fleckenlos erhaben.

_Entweiht_ nur sank in Todeshand

Die römische Matrone:

Doch _sie_, _Livona's_ Tochter fand,

Im Tod -- die Martyrkrone!

Dort muss ein _Frauentod_ dem Staat'

Die _Freiheit_ vorbereiten:

Doch meiner _Jungfrau_ Heldenthat --

_Entschwand_ dem Buch' der Zeiten!

Sie lag, im Zweijahrhundertlauf',

Der Nächte Nacht zum Raube;

Da stieg sie neuem Leben auf,

Aus Moderschutt und Staube.

Und _Jener_, dem die _That_ gelang,

Der Welt sie neu zu geben:

Er möge nun im Lobgesang,

Wie _seine Jungfrau_, leben![A]

[Footnote A: Unter dem Worte »_Jener_« ist, wie die Leser leicht einsehen

werden, wohl nur _der Mann_ zu verstehen: _Dem_ diese Blätter, und zwar mit

vollem Rechte, gewidmet werden.]

Die Jungfrau von Treiden · 第 9 / 27 题