Du heil'ge Freundschaft, von uns zu entweichen
Hat dich dein leichter Flug emporgeschwungen,
Du bist zu sel'gen Geistern hingedrungen,
Zu den gebenedeiten Himmelsreichen.
Von dort reichst du uns oft als schönes Zeichen
Die Eintracht, dicht von Schleiern eingeschlungen,
Oft scheint uns dann ein edles Herz errungen,
Das Laster weiß der Tugend wohl zu gleichen.
Vom Himmel steige, holde Freundschaft, nieder,
Der Trug hat sich dein schönstes Kleid ersonnen,
Er tötet schleichend jegliches Vertrauen.
Nimmst du ihm nicht die falsche Zierde wieder,
So wird die Welt den alten Krieg begonnen
Und Zwietracht wieder als Regenten schauen.
Den Gesang beschloß ein tiefer Seufzer und die
beiden blieben sehr still und aufmerksam, ob sie
noch mehr hören würden; da sie aber sahen, daß
sich die Musik in Jammer und klägliches Ächzen
verkehrt hatte, beschlossen sie zu erfahren, wer der
Traurige sei, dessen Stimme so schön, wie sein
Seufzen rührend war; sie waren nicht weit gegangen,
als sie, indem sie um einen Felsen bogen,
einen Menschen von eben der Gestalt gewahr
wurden, wie Sancho ihn beschrieben hatte, als er
von Cardenio erzählte. Als der Mensch sie erblickte,
blieb er unverändert in seiner traurigen
Stellung, den Kopf auf die Brust herabgesunken
und wie in tiefen Gedanken verloren, ohne die
Augen aufzuschlagen oder sie noch einmal anzusehen.
Der Pfarrer, der ein beredter Mann war und
schon von seinem Unglücke wußte, da er ihn an
den Merkmalen erkannt hatte, ging auf ihn zu
und bat und beschwur ihn in wenigen, aber vernünftigen
Worten, dieses unglückselige Leben zu
verlassen, damit er nicht darin umkäme, welches
das allerhöchste Elend zu nennen sei. Cardenio
war gerade bei vollem Verstande und ohne einen
Anfall von Raserei, der ihn oft gänzlich von ihm
selbst entfernte; da er also die beiden sah, anders
gekleidet als ihm sonst die Menschen dieser Wüsteneien
aufstießen, verwunderte er sich nicht wenig,
noch mehr, da er von seinen Leiden wie von einer
Sache reden hörte, die man kannte; auf das aber,
was ihm der Pfarrer gesagt hatte, antwortete er
mit diesen Worten: »Ich sehe wohl, wer ihr auch
sein mögt, meine Herren, daß der Himmel, der für
die guten Menschen Sorge trägt und ihnen hilft,
wie er es auch oft den Bösen tut, mir gegen mein
Verdienst in diese Einöden, vom Verkehr aller
Menschen entfernt, Männer sendet, die mir mit
Eindringlichkeit und Vernunft, obgleich ich ohne
diese bin, vor Augen stellen, wie ich mich von hier
entreißen und ein besseres Los aufsuchen solle.
Ihr wißt aber nicht, wer ich bin und wie es wohl
möglich ist, daß, wenn ich dieser Lage entrinne,
wohl in ein noch schlimmeres Unglück stürzen
kann, ihr müßt mich also für einen Menschen
von schwachem Verstande halten, oder, was noch
schlimmer ist, für ganz vernunftlos erklären, und
freilich wäre es kein Wunder, wenn ihr es tätet,
denn ich weiß es wohl, wie mich das ewig gegenwärtige
Bild meines Elendes so überwältigt hat
und so zu meinem Verderben wirkt, daß ich mich
selber nicht mehr besitze, sondern oft besinnungslos
wie ein Stein bin und jeder menschlichen Empfindung
entbehre; darum muß ich alles glauben,
was mir manche erzählen und mir durch Spuren
beweisen, wie ich gehandelt habe, wenn jener
schreckliche Zufall alle meine Kräfte beherrscht.
Ich kann nun nichts weiter tun, als vergeblich
klagen und ohne Zweck mein Schicksal verwünschen
und zur Entschuldigung meines Wahnsinns jedem,
der mich anhören will, mein Unglück erzählen,
damit, wenn die Klugen die Ursache erfahren, sie
sich nicht über die Folgen desselben wundern und
wenn sie mir nicht helfen können, mich doch
wenigstens nicht anklagen, weil ihr Zorn über
meinen Frevel in Mitleid über mein Unglück verwandelt
werden muß. Kommt ihr also, meine
Herren, in der nämlichen Absicht hierher, in der
schon manche hergekommen sind, so bitte ich euch,
ehe ihr noch in euren gütigen Überredungen fortfahrt,
die Geschichte meines Unglücks anzuhören,
weil ihr vielleicht nachher selber eure Mühe unnütz
findet, mir in meinem Elende Trost zu geben,
das durchaus keinen Trost zuläßt.«
Es war gerade der Wunsch der beiden, aus
seinem eigenen Munde die Ursache seiner Schwermut
zu erfahren, sie baten ihn daher, seine Geschichte
vorzutragen, wobei sie versprachen, ihm
keine andere Hilfe und keinen andern Trost anzubieten,
als die er selber wünschen würde. Der
traurige Ritter fing also seine betrübte Geschichte
an und trug sie fast mit den nämlichen Worten
und Wendungen vor, wie er sie dem Don Quijote
und dem Ziegenhirten vor wenigen Tagen erzählt
hatte, als bei Gelegenheit des Meister Elisabat und
durch die Gewissenhaftigkeit Don Quijotes, den Gesetzen
der Ritterschaft Folge zu leisten, die Erzählung
abgebrochen wurde, wie es die Historie
oben vorträgt. Jetzt aber fügte es das gute Glück,
daß sie durch keinen Anfall von Wahnsinn gestört
wurden, sondern er führte seine Geschichte bis zu
Ende. Als er an die Stelle kam, wo Don Fernando
im Amadis von Gallia den Brief fand, sagte
Cardenio, daß er ihn auswendig wisse, und deshalb
sagte er ihn mit diesen Worten her:
Lucinde an Cardenio.
›Jeden Tag entdecke ich neue Vorzüge in Euch,
die mich zwingen und verpflichten, Euch von neuem
hochzuschätzen, wenn Ihr mich also von meinen
Schulden befreien wollt, ohne Euch mit meiner Ehre
bezahlt zu machen, so könnt Ihr es leicht tun.
Ich habe einen Vater, der Euch kennt und mich
liebt, und der ohne mich zu zwingen Euch das bewilligen
wird, was er für recht erkennt, wenn Ihr
mich so hochschätzt, wie Ihr es sagt und wie ich es
glaube.‹
Durch dieses Blatt wurde ich, wie schon gesagt,
bewogen, um Lucinden als meine Gemahlin anzuhalten,
und durch dieses Blatt wurde Fernando in
seiner Meinung bestätigt, Lucinden für das verständigste
und klügste Mädchen seiner Zeit zu
halten, und dies erregte in ihm zuerst den Wunsch,
mich lieber zu vernichten, als daß mein Wunsch
in Erfüllung ginge. Ich erzählte Don Fernando
was mir Lucindens Vater erwidert hatte, daß es
meinem Vater zustehe, um sie anzuhalten, wie ich
es aber nicht wagte, es ihm zu sagen, aus Furcht,
daß er nicht einstimmen möchte, nicht deshalb, weil
ihm der Wert, die Tugend und Schönheit der Lucinde
unbekannt sei, denn ihre Eigenschaften wären
hinreichend, ihre Verbindung mit jeder spanischen
Familie ehrenvoll zu machen; sondern ich begriff
wohl, daß mein Vater nicht suchen würde, mich
so schnell zu verheiraten, bis er erst sähe, was der
Herzog Ricardo für mich tun würde. Kurz, ich
sagte ihm, daß ich nicht Stärke genug habe, mit
meinem Vater darüber zu sprechen, denn nicht nur
dies Hindernis, sondern noch manches andere mache
mich mutlos, ohne daß ich recht sagen könne, was;
es wäre mir aber, als wenn meine Wünsche niemals
in Erfüllung gehen würden.
Don Fernando antwortete mir, daß er es über
sich nehme, mit meinem Vater zu sprechen und
ihn dahin zu bringen, daß er mit Lucindens Vater
redete. -- O du ehrsüchtiger Marius! grausamer
Catilina! schändlicher Sylla! verräterischer Galalon!
du hinterlistiger Vellido! rachsüchtiger Julian! o
habsüchtiger Judas! du Verräter, Grausamer, Rachsüchtiger,
Hinterlistiger! Was hatte dir der Unglückliche
getan, der dir so offen die geheimsten
Wünsche seines Herzens entdeckte? Wie habe ich
dich beleidigt? Welchen Rat habe ich dir je gegeben,
welches Wort jemals gesprochen, das nicht
hätte dazu dienen sollen, deine Ehre wie dein Glück
zu befördern? Aber worüber klag' ich, Elender!
es ist ja gewiß, daß, wenn der Lauf der Gestirne
Unglück mit sich führt und es sich mit Gewalt
und Wut von oben herniederwälzt, keine Kraft
des Irdischen es aufhalten, keine Vorsicht des
Menschen es abwenden kann. Wer hätte es glauben
können, daß Don Fernando, ein edler, ehrenvoller
Ritter, den meine Dienste verpflichtet hatten,
der so angesehen war, daß er nur wählen durfte,
um seine Liebe erwidert zu sehen, daß dieser nicht
ruhte, bis er mir mein einziges Schäfchen geraubt
hatte, das ich selbst noch nicht besaß! Aber ich will
diese unnützen, unersprießlichen Betrachtungen lassen
und wieder den abgebrochenen Faden meiner unglücklichen
Geschichte anknüpfen.
Da dem Don Fernando meine Gegenwart hinderlich
war, um seine schändliche Falschheit auszuüben,
beschloß er, mich zu seinem älteren Bruder
zu schicken, unter dem Vorwande, Geld von diesem
für sechs Pferde zu verlangen, die er bloß deshalb
gekauft hatte, um mich zu entfernen und seine
verdammte Absicht desto besser durchzuführen; er
kaufte sie den nämlichen Tag, als er sich anbot,
mit meinem Vater zu sprechen, und er verlangte,
daß ich des Geldes wegen sogleich abreisen sollte.
Konnte ich dieser Verräterei vorbeugen? Konnte
ich sie nur ahnden? Weit davon entfernt, bot ich
mich vielmehr mit der größten Bereitwilligkeit an,
sogleich abzureisen, weil ich den Kauf für sehr vorteilhaft
hielt. In derselben Nacht sprach ich mit
Lucinden und erzählte ihr, was ich mit Don Fernando
verabredet habe, und daß sie die feste Hoffnung
fassen könne, daß nun unsere tugendhaften
Wünsche in Erfüllung gehen würden. Sie bat mich,
vor Don Fernandos Verräterei ebenso sicher wie
ich, ich möchte bald wiederkommen, denn sie sei
überzeugt, wie es nur davon abhinge, daß mein
Vater mit dem ihrigen spreche, um alles in Erfüllung
zu bringen. Ich weiß nicht, wie es geschah,
aber indem sie es gesagt hatte, wurden ihre Augen
von Tränen naß, das Wort stockte in der Kehle,
so daß sie nichts mehr hervorbringen konnte, obgleich
es mir schien, sie habe mir noch vieles zu
sagen. Ich erstaunte über diesen Zufall, den ich
noch niemals an ihr wahrgenommen hatte, denn
so oft das gute Glück und meine Sorgfalt uns eine
Unterredung ausmittelten, war unser Gespräch
jedesmal munter und fröhlich, ohne in unsere
Unterhaltung Tränen, Seufzer, Argwohn und Furcht
einzumischen. Ich pries jederzeit mein Glück, daß
der Himmel mir sie zur Geliebten vergönnt habe,
ich erhob ihre Schönheit und bewunderte ihren Witz
und Verstand, und sie zur Vergeltung lobte mit
ihrer Liebe das an mir, was ihr Lob zu verdienen
schien. Nebenher erzählten wir uns tausend lustige
Vorfälle von unseren Nachbarn und Bekannten,
und das höchste, was meine Kühnheit dann wagte,
war, eine ihrer schönen weißen Hände wie mit Gewalt
zu ergreifen, um sie durch die engen Stäbe des
niedrigen Gitters, das uns trennte, zu meinem
Munde zu führen. Aber in dieser Nacht vor dem
traurigen Tage meiner Abreise weinte sie, sie ächzte
und seufzte, wodurch sie mich in Verwirrung und
Schrecken setzte, denn ich erstaunte über diese ungewohnte
Traurigkeit Lucindens. Um aber meine
Hoffnungen nicht sinken zu lassen, maß ich alles
der Stärke ihrer Liebe bei und dem Schmerze, den
wohl die Trennung bei denen verursacht, die sich
innig lieben. Traurig und nachdenklich schied ich
endlich von ihr, meine Seele war voller Gedanken
und Argwohn, ohne daß ich wußte oder
erdenken konnte, was ich argwöhnte; Zeichen, die
mir den traurigen Erfolg und das Unglück, das
meiner wartete, deutlich genug zu erkennen gaben.
Ich langte an, wohin ich geschickt wurde; ich
überreichte meine Briefe dem Bruder des Don Fernando.
Man empfing mich freundlich, fertigte mich
aber nicht so freundlich ab, sondern ich erhielt zu
meinem größten Mißvergnügen den Befehl, acht
Tage zu warten und mich zu hüten, daß mich der
Herzog, sein Vater, nicht sähe, denn sein Bruder
schriebe ihm, daß er ihm ohne dessen Vorwissen
Geld schicken möchte. Alles dies war aber nur
eine Erfindung des falschen Fernando, denn es
fehlte seinem Bruder nicht an Geld, um mich sogleich
abzufertigen. Dieser Befehl brachte mich beinahe
dahin, nicht zu gehorchen, denn es schien mir
unmöglich, so viele Tage von Lucinden entfernt zu
leben, besonders da ich sie so schwermütig verlassen
hatte; dennoch aber gehorchte ich als ein
redlicher Diener, obgleich ich einsah, daß es auf
Kosten meiner Wohlfahrt geschah. Indem aber vier
Tage verflossen waren, kam ein Mann, der mich
aufsuchte und mir einen Brief brachte, von dem ich
sogleich die Aufschrift erkannte, denn es war Lucindens
Hand. Ich eröffnete ihn erschrocken, denn
nur eine sehr wichtige Ursache konnte sie bewogen
haben, mir, dem Abwesenden, zu schreiben, denn
sie tat es, auch wenn ich gegenwärtig war, nur
selten. Ehe ich noch las, fragte ich den Mann, wer
ihm den Brief gegeben und wie viele Zeit er auf
dem Wege zugebracht habe. Er erzählte mir, wie
er durch eine Gasse der Stadt gegangen sei um
die Mittagstunde, als ihm aus einem Fenster eine
Dame zugerufen, die Augen von Tränen naß und
zu ihm mit vieler Hast gesagt habe: Wenn Ihr
ein Christ seid, mein Freund, wie ich glaube, so
bitte ich Euch im Namen Gottes, diesen Brief gleich
nach dem Orte und an die Person zu besorgen, an
die er gerichtet ist; es ist ein gutes Werk, womit
Ihr dem Herrn des Himmels einen Dienst erweiset,
damit Ihr es aber bequem tun könnt, so nehmt
das, was in dem Tuche ist. Und wie sie dies gesagt
hatte, warf sie mir aus dem Fenster ein Schnupftuch
herab, in dem hundert Realen eingebunden
waren und dieser goldene Ring, den ich am Finger
habe, samt diesem Briefe. Ohne meine Antwort
abzuwarten, ging sie schnell vom Fenster zurück,
doch sah sie vorher zu, ob ich den Brief und das
Tuch nahm, worauf ich ihr durch Zeichen sagte, daß
ich ihren Befehl ausführen würde. Da ich mich nun
für die Mühe des Überbringens so reichlich bezahlt
sah und aus der Überschrift erkannte, daß der
Brief an Euch, mein Herr, gerichtet war, den ich
sehr gut kenne, mich auch die Tränen der schönen
Dame gerührt hatten, so nahm ich mir vor, das
Geschäft keinem andern zu vertrauen und den Brief
selbst zu überliefern; seitdem sind sechszehn Stunden
verflossen, in welchen ich den Weg zurückgelegt
habe, der, wie Ihr wißt, achtzehn Meilen beträgt.
Indem der gute Mann dies erzählte, stand ich,
von seinen Reden verwirrt, mit zitternden Füßen,
daß ich mich kaum aufrechterhalten konnte. Ich
erbrach den Brief und fand folgenden Inhalt:
»Das Versprechen, welches Don Fernando Euch
gab, Euren Vater zu bereden, mit dem meinigen
zu sprechen, hat er zu seinem Besten, nicht aber zu
Eurem Vorteile erfüllt. Wißt, daß er mich zur
Gemahlin begehrt hat und mein Vater, von Don
Fernandos Vorzügen vor Euch, wie er ihn ansieht,
verleitet, nimmt die Sache so ernst, daß innerhalb
zwei Tagen die Vermählung gefeiert werden soll,
und zwar so verborgen und geheim, daß nur der
Himmel und einige Leute aus dem Hause Zeugen
sein werden. Was ich leide, könnt Ihr fühlen;
wenn Ihr kommen wollt, so eilt; und ob ich Euch
liebe oder nicht, soll der Erfolg zu erkennen geben.
Gebe Gott, daß dies in Eure Hände fällt, ehe ich
mich gezwungen sehe, die Meinigen mit dem zu
verbinden, der so schlecht die versprochene Treue zu
halten weiß.«
Dies war der Inhalt des Briefes, der mich
sogleich fort auf den Weg trieb, ohne Antwort
oder Geld zu erwarten, denn ich sah nun wohl ein,
daß nicht der Kauf der Pferde, sondern seines Vergnügens,
den Don Fernando bewogen hatte, mich
zu seinem Bruder zu schicken. Die Wut gegen Don
Fernando sowie die Furcht, den Lohn zu verlieren,
den ich mir durch so viele Jahre des Dienstes und
der Liebe erworben hatte, gaben mir Flügel, denn
ohne daß ich wußte wie, war ich schon am andern
Tage um die Stunde an dem Orte, in der ich Lucinden
zu sprechen pflegte. Heimlich ging ich hin
und ließ mein Maultier in dem Hause des braven
Mannes, der mir den Brief gebracht hatte; es
fügte sich so glücklich, daß ich Lucinden gerade am
Gitterfenster traf, dem Zeugen unserer Liebe. Lucinde
sah mich gleich und ich sah sie, aber nicht so,
wie wir uns hätten wiedersehen müssen. Wer aber
in der Welt kann sich rühmen, das verwirrte Gemüt
und den veränderlichen Sinn eines Weibes zu
kennen und ergründet zu haben? Wahrlich keiner.
Wie mich Lucinde erblickte, sagte sie: Cardenio,
ich bin zur Hochzeit angezogen, im Saale warten
schon der Verräter Don Fernando und mein geiziger
Vater, nebst anderen Zeugen, die wohl Zeugen
meines Todes, aber niemals meiner Vermählung
sein sollen. Sei nicht in Sorgen, mein lieber
Freund und suche bei diesem Opfer gegenwärtig zu
sein, denn wenn meine Sinne Kraft behalten, so
soll dieser Dolch, den ich hier verborgen habe, alle
Gewalt entkräften, indem er mein Leben endigt
und du anfängst, meine Liebe zu dir völlig zu erkennen.
Ich antwortete in verwirrter Hast, weil ich
fürchtete, gestört zu werden: Laß, Geliebte, deine
Taten deine Worte wahr machen, führst du einen
Dolch, um dich zu schützen, so führe ich ein
Schwert, um dich zu verteidigen oder mich umzubringen,
wenn uns das Glück entgegen ist. Ich
glaube nicht, daß sie alles hören konnte, denn sie
riefen sie schnell hinein, weil der Bräutigam wartete.
Zugleich brach die Nacht meiner Traurigkeit herein,
die Sonne meiner Freude ging unter, ohne Sehkraft,
ohne Bewußtsein blieb ich zurück. Ich vergaß
in das Haus zu gehen, ich hatte jede Bewegung
verlernt; doch fiel mir ein, wie nötig meine
Gegenwart bei irgendeinem Zufalle sein könne, ich
ermunterte mich daher, so gut ich konnte, ich ging
in das Haus hinein, und weil ich alle Aus- und
Eingänge kannte, noch mehr mich aber der Tumult
begünstigte, gelang es mir, von niemand gesehen
zu werden. Ohne bemerkt zu werden, begab ich
mich in die Ausbeugung eines Fensters, wo ich von
herabhängenden Teppichen so verdeckt wurde, daß
ich ungesehen alles sehen konnte. Wie soll ich die
Empfindungen schildern, die in diesen Augenblicken
mein Herz bestürmten! die Gedanken, mit denen ich
kämpfte! die Überlegungen, die ich anstellte! so
viele und von solcher Art drängten sich mir auf,
daß ich sie weder sagen kann noch mag. Der Bräutigam
trat endlich ohne weiteren Schmuck in den
Saal, denn er trug seine gewöhnlichen Kleider.
Als Zeuge kam ein Verwandter Lucindens mit ihm
und weiter war niemand im Saale zugegen, als
Diener des Hauses. Bald darauf erschien Lucinde
aus einem Nebenzimmer, von ihrer Mutter und
zwei Mädchen begleitet; ihre Kleidung war so schön
und reich, wie es ihr Stand und ihre Schönheit
verdienten und so schön, als sich der Putz mit edler
Pracht gepaart erweisen kann. Meine Angst und
Verwirrung ließen es nicht zu, ihren Anzug genauer
zu betrachten, ich merkte nur die Farben
Rot und Weiß und den Glanz der Edelgesteine,
die auf dem Kopfe schimmerten, wie auf ihrem
ganzen Kleide, wodurch die seltene Schönheit ihrer
glänzenden goldenen Haare noch erhöht wurde,
so daß sie mit den funkelnden Steinen und dem
Schimmer von vier großen Lichtern, die im Saale
waren, wetteiferten und ihr Schimmer dennoch den
Augen heller dünkte. O du Gedächtnis, Todfeind
meiner Ruhe! Wozu nützt es, mir noch jetzt die
unvergleichliche Schönheit meiner angebeteten Feindin
vorzustellen? Wär' es, grausames Gedächtnis,
nicht besser, daß du mir vorstelltest, was ich damals
tat, damit ich von so unendlicher Beleidigung
empöret, wenn mir nicht Rache schaffe, doch mindestens
dies Leben verliere? -- Laßt es euch, meine
Herren, nicht verdrießen, diese Ausschweifungen mit
anzuhören, denn meine Leiden scheinen mir so groß,
daß ich sie nicht kürzlich und in wenigen Worten
erzählen kann, denn jeder Umstand erfordert in
meinen Augen eine lange Rede.«
Der Pfarrer antwortete, daß es ihnen so wenig
verdrießlich fiele, ihn anzuhören, daß diese genauern
Umstände ihnen vielmehr sehr angenehm wären,
denn sie schienen auch ihnen so wichtig, daß man sie
nicht mit Stillschweigen übergehen, sondern ihnen
ebenso viele Aufmerksamkeit als den Hauptbegebenheiten
schenken müsse.
»Indem ich also im Saale wartete,« fuhr Cardenio
fort, »trat der Pfarrer des Kirchspiels herein,
faßte die beiden bei der Hand, um die nötige Zeremonie
vorzunehmen, indem er sagte: Wollt Ihr,
Fräulein Lucinde, diesen hier gegenwärtigen Don
Fernando zu Eurem rechtmäßigen Gemahl, wie es
die heilige Mutter Kirche befiehlt? Ich stürzte mit
Kopf und Hals hinter den Teppichen hervor, ich
hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit und
mit verwirrter Seele, um Lucindens Antwort zu
vernehmen, das Urteil meines Todes oder die Bestätigung
meines Lebens! O wär' ich doch damals
hervorgebrochen und hätte laut gerufen: Lucinde!
Lucinde! bedenke, was du tust, erwäge, was du
mir schuldig bist, bedenke, daß du die Meine bist,
und daß du keinem andern angehören darfst!
Glaube mir, daß dein Ja und das Ende meines
Lebens ein und dasselbe ist. Ha! Verräter Don
Fernando! du Räuber meines Glücks, du Tod
meines Lebens! Was willst du? Was verlangst
du? Erwäge, daß du als Christ nicht das Ziel
deiner Wünsche erlangen kannst, denn Lucinde ist
meine Gattin und ich bin ihr Gemahl!
O ich Tor! jetzt abwesend und fern von der
Gefahr, jetzt erzähl' ich, was ich damals hätte tun
sollen und nicht tat! Jetzt, nachdem mir mein
köstliches Gut geraubt ist, verwünsche ich den Räuber,
an dem ich mich rächen konnte, hätte ich ein
Herz im Busen gefühlt, wie ich es jetzt fühle,
Klagen auszustoßen: nun gut, ich war damals ein
Feiger und Nichtswürdiger, so ist es auch nicht zuviel,
wenn ich jetzt sterbe, als Landstreicher, in
Reue und Wahnsinn. -- Der Priester erwartete
Lucindens Antwort, die lange zögerte, und als ich
nun glaubte, daß sie den Dolch ziehen würde, sich
zu verteidigen, oder daß sie reden würde, um die
Wahrheit zu bekennen und sie alle zu meinem
Besten zu enttäuschen, da hörte ich, daß sie mit
schwacher und ohnmächtiger Stimme sagte: Ja; das
nämliche sagte Don Fernando, die Ringe wurden
gewechselt, das unauflösliche Band war geknüpft.
Der Bräutigam wollte seine Braut umarmen, aber
sie fuhr mit der Hand nach dem Herzen und sank
ohnmächtig in die Arme ihrer Mutter.
Als ich das Ja von ihren Lippen vernommen
hatte und nun meine Hoffnungen getäuscht sah, die
Worte und Versprechungen Lucindens falsch fand
und die Möglichkeit fühlte, in irgendeiner Zeit das
Gut wiederzugewinnen, das ich in diesem Augenblicke
verloren hatte; da verließ mich jeder Gedanke,
mir war's, als würde der Himmel mir abtrünnig,
als trüge die Erde mich nur als ihren
Feind, als verweigerte die Luft meinen Seufzern
Nahrung und das Wasser meinen Tränen Unterhalt:
nur das Feuer blieb mir zurück, so daß ich
vor Wut und Eifersucht mich an allen Adern
brennen fühlte.
Alle waren durch Lucindens Ohnmacht verwirrt;
die Mutter öffnete ihren Busen, um ihr
Luft zu machen und fand ein zusammengelegtes
Papier, welches Don Fernando sogleich ergriff und
es bei dem Scheine eines Lichtes las; sowie er geendigt
hatte, sank er in einen Stuhl und stützte
den Kopf in die Hand, wie ein Mensch, in Gedanken
versunken, ohne den übrigen zu helfen,
seine Braut ins Leben zurückzurufen. Da ich so
alle Leute des Hauses im Tumulte sah, beschloß
ich, fortzugehen, unbekümmert, ob man mich sehen
möchte oder nicht, mit dem Vorsatze, im Fall man
mich erblickte, ein Unheil anzurichten, daß die ganze
Welt den gerechten Zorn meiner Brust in Bestrafung
des falschen Fernando erführe, sowie den
Wankelmut der ohnmächtigen Verräterin. Aber
mein Schicksal, welches mich für größere Übel aufbewahrt
hat, wenn es größere gibt, führte es so,
daß ich in diesem Augenblicke meine Vernunft
fand, die mich seitdem wieder verlassen hat. Ohne
also an meinem ärgsten Feinde Rache zu nehmen,
wie ich leicht gekonnt hätte, wär' ich nicht von
allen Gedanken verlassen worden, beschloß ich, die
Strafe, die sie verdienten, an mir selber auszuüben.
Ich war also grausamer gegen mich, wie ich
gegen sie gewesen wäre, wenn ich sie auch ermordet
hätte, denn dessen Qual ist bald vorüber,
der schnell stirbt, wer aber in Martern hinschmachtet,
ermordet sich unaufhörlich, ohne sein
Leben zu beschließen.
Ich ging aus dem Hause, dahin, wo mein Maultier
stand; ich ließ es satteln, stieg, ohne Abschied
zu nehmen, auf und ritt aus der Stadt, ohne es,
wie ein zweiter Lot, zu wagen, die Augen rückwärts
zu wenden. Als ich mich auf dem einsamen
Felde sah, die Dunkelheit der Nacht mich verdeckte
und ihre Stille zum Klagen einlud, da erhob
ich laut ein Geschrei, unbekümmert, ob mich
einer hörte oder erkannte; mit tausend Flüchen
begleitete ich die Namen Lucinde und Don Fernando,
als wenn sie dadurch das Unrecht büßten,
das sie an mir verübt hatten. Ich nannte sie
grausam, undankbar, falsch und nichtswürdig, vorzüglich
aber habsüchtig, weil sie von den Reichtümern
meines Feindes geblendet, mich verlassen
und sich dem ergeben hatte, dem das Glück mit
mehr Freigebigkeit entgegenging. In dem Tumult
dieser Flüche und Schmähungen entschuldigte ich sie
dann wieder, sie sei ein Kind, streng im Hause der
Eltern erzogen, gewöhnt, diesen zu gehorchen, sie
konnte nicht widersprechen, da ihr diese einen
reichen, schönen und vornehmen Mann gaben, ohne
den Argwohn zu erregen, daß sie unbesonnen
handle oder ihr Wille schon gebunden sei, welches
ihrem guten Namen und ihrer Ehre so nachteilig
war. Dann sagte ich wieder, wie sie nur hätte bekennen
dürfen, daß ich ihr Gemahl sei, so hätten
sie gesehen, daß ihre Wahl nicht unanständig gewesen,
denn vor Don Fernandos Bewerbung konnten
sie selbst keinen besseren Gatten für ihre
Tochter wünschen; ehe sie aber der äußersten Gewalt
nachgegeben hätte und die Hand gereicht,
hätte sie sagen können, sie habe sie mir schon gegeben,
daß ich kommen und alles das bestätigen
werde, was sie so gut gefunden hätte, zu erdichten.
Ich ward endlich überzeugt, daß wenig Liebe, wenig
Vernunft und viel Ehrgeiz und Streben nach Größe
sie dahin gebracht hätten, das Versprechen zu vergessen,
womit sie mich getäuscht und in meiner
festen Hoffnung und meinen tugendhaften Wünschen
hingehalten hatte. So schreiend und in dieser
Verwirrung reiste ich die ganze Nacht hindurch, mit
Anbruch des Tages fand ich mich am Eingange
dieses Gebirges, in dem ich wieder drei Tage ohne
Weg und Steg herumirrte, bis ich endlich auf
Wiesen kam, die, ich weiß nicht nach welcher Seite
dieser Berge liegen, und etliche Schäfer nach der
wildesten Gegend des Gebirges fragte. Sie wiesen
mir diese Gegend nach und sogleich begab ich mich
mit dem Entschlusse hierher, hier mein Leben zu
endigen. Wie ich in die Gegend dieser Wildnis
kam, fiel mein Maultier vor Ermüdung und Hunger
tot nieder, oder, wie ich eher glaube, um eine so
unnütze Last, wie ich war, abzuwerfen. Ich war zu
Fuß, von der Natur überwältigt, vom Hunger gemartert,
ohne mir die Mühe zu geben, die Befriedigung
meiner Bedürfnisse zu suchen. So lag
ich, ich weiß nicht wie lange, auf der Erde, worauf
ich, ohne Hunger zu fühlen, mich aufhob und mich
bei einigen Ziegenhirten fand, die mir wohl mußten
beigestanden haben, denn sie erzählten mir,
wie sie mich angetroffen hätten, und daß ich so
vielen Unsinn und mancherlei Tollheiten gesagt,
daß sie wohl eingesehen, wie ich den Verstand verloren
habe. Ich habe es auch seitdem selbst empfunden,
daß er nicht immer hinreichend stark ist,
sondern oft so schwach und dünn, daß ich tausend
Torheiten begehe, mir die Kleider zerreiße, durch
die Einsamkeit schreie, mein Schicksal verfluche und
vergeblich den geliebten Namen meiner Feindin
wiederhole, meine Absicht ist dann, mir mit diesem
Geschrei das Leben zu nehmen, und wenn ich dann
wieder zur Besinnung komme, fühle ich mich so
matt und erschöpft, daß ich mich kaum regen kann.
Mein gewöhnlicher Aufenthalt ist die Höhlung eines
geräumigen Korkbaumes, in dem ich diesen elenden
Körper verberge. Die Ochsentreiber und Ziegenhirten,
die in diesen Bergen streifen, legen mir,
aus Mitleid bewegt, im Wege und auf den Felsen
Nahrung hin, wo sie meinen, daß ich vorübergehe
und sie finden werde, und ob ich gleich dann nicht
Besinnung habe, so treibt mich doch der Instinkt
der Natur, meine Nahrung zu suchen, und erweckt
in mir die Begierde, sie zu nehmen und sie zu verzehren.
Oft, sagen sie, wenn sie mir im Wahnsinne
begegnen, falle ich sie auf den Wegen an und
nehme ihnen mit Gewalt, so gern sie's mir auch
aus gutem Willen geben, wenn die Schäfer aus dem
Dorfe nach den Hütungen gehen. So lebe ich dies
elende, unglückselige Leben, bis es dem Himmel
gefallen wird, es zu beschließen, oder mein Gedächtnis
so zu ändern, daß ich nicht mehr der Schönheit
und des Verrats Lucindens, sowie Don Fernandos
Schändlichkeiten gedenke, geschieht das vor meinem
Tode, so will ich meine Gedanken anders richten,
wo nicht, so bitte ich ihn nur darum, daß er meiner
Seele gnädig sein möge, denn in mir selber fühle
ich nicht Kraft und Stärke genug, meinen Körper
aus diesem Elend zu reißen, in das ich mich freiwillig
gestürzt habe. Dies, meine Herren, ist die
trübselige Geschichte meiner Leiden, sagt mir nun,
ob ich weniger empfinden kann als wie ihr an
mir gesehen habt? Gebt euch darum keine Mühe,
mir mit vernünftigem Rate beizustehen, er kann mir
so wenig nützen, wie die Arznei eines geschickten
Arztes dem Kranken, der sie nicht einnehmen will.
Ich will keine Wohlfahrt ohne Lucinden, und da sie
einen andern erwählt hat, indem sie die Meine
war oder sein sollte, wähle ich mir nun das Unglück,
da ich sonst hätte glücklich sein können. Sie
machte durch ihren Wankelmut mein Verderben beständig,
ich will mich selbst verderben und dadurch
ihren Willen erfüllen; ich bin für die Zukunft ein
Beispiel, wie mir allein das fehlte, was sonst allen
Elenden bleibt, die sich immer damit trösten, daß
ihre Leiden nicht ewig dauern, und darum leide ich
um so grössere Marter, weil ich glaube, daß sie
sich nicht mit dem Tod endigen werden.«
Hier beschloß Cardenio seine lange Rede und die
Geschichte seiner unglücklichen Liebe, und indem
ihm der Pfarrer etwas Tröstliches sagen wollte,
unterbrach ihn eine Stimme, die er vernahm, und
sie alle hörten in traurigen Akzenten das, was der
vierte Teil dieser Erzählung sagen wird, denn
hier beschließt den dritten der weise und genaue
Geschichtschreiber Cide Hamete Benengeli.