Er schlug das Buch auf und zuerst fand er als

Konzept, aber doch mit deutlichen Buchstaben geschrieben,

ein Sonett, welches er laut ablas, damit

es auch Sancho hören könnte:

Du, Amor! weißt kein Wort von meinen Leiden,

Ha! grausam bist du, oder willst mir zeigen,

Wie Strafe ohne Schuld mich möge beugen,

Drum wühlt die Qual in meinen Eingeweiden.

Doch muß Allwissenheit den Gott bekleiden;

Ein Gott ist er; auch muß der Vorwurf schweigen,

Daß Götter wüten: aber warum steigen

Die Martern in mein Herz, die es zerschneiden?

Ich wag' es nicht, dich Phyllis, zu verklagen,

Daß du so großes Unheil mir geschicket;

Den Himmel schmähn, wer mag sich's unterwinden?

Daß ich bald sterbe, dies nur kann ich sagen,

Für Unheil, dessen Grund man nicht erblicket,

Kann nur ein Wunderwerk die Heilung finden.

»Aus diesen Reimen«, sagte Sancho, »wird auch

nichts klar, wenn uns nicht, so Gott will's, der

Filz da auf den rechten Weg bringt.«

»Wo ist denn ein Filz?« fragte Don Quijote.

»Mir war doch,« sagte Sancho, »als wenn Ihr

von Filz oder Pilz etwas daher läset.«

»Nein, Phyllis,« antwortete Don Quijote, »und

dieses ist sonder Zweifel der Name der Dame,

über welche sich der Verfasser dieses Sonettes beklagt,

der in der Tat ein feiner Poet ist, bin ich

anders in der Kunst nicht unerfahren.«

»So versteht Euer Gnaden auch«, sagte Sancho,

»Reime zu machen?«

»Und besser als du wohl glauben magst,« antwortete

Don Quijote, »das sollst du gewahr werden,

wenn ich dich mit einem ganzen Bogen voller

Verse, eng geschrieben, an meine Gebieterin Dulzinea

von Toboso senden werde; denn du mußt

wissen, Sancho, daß alle irrenden Ritter voriger

Zeiten, oder doch die meisten, große Reimer und

Musiker waren, mit welchen beiden Talenten, oder

richtiger zu reden, Liebenswürdigkeiten, stets die

verliebten Irrenden begabt sind; freilich wohl enthielten

die Gedichte der ehemaligen Ritter mehr

Geist als Kunst.«

»Leset mehr,« sagte Sancho, »vielleicht finden

wir, was wir wollen.«

Don Quijote schlug das Blatt um und sagte:

»Dieses ist Prosa und scheint ein Brief.«

»Ein Sendschreiben, gnädiger Herr?« fragte

Sancho.

»Nach dem Anfange zu urteilen, handelt er von

Liebe,« antwortete Don Quijote.

»So leset es nur laut,« sagte Sancho, »ich habe

eine große Freude an den Liebessachen.«

»Gern,« antwortete Don Quijote und fing an

laut zu lesen, wie Sancho ihn gebeten hatte, worauf

er sah, daß der Brief folgenden Inhaltes war:

»Dein falsches Versprechen und mein gewisses

Unglück treiben mich weit hinweg, so daß du wohl

die Nachricht von meinem Tode, nie aber meine

Klagen vernehmen wirst. Du hast mich verworfen,

Undankbare! für einen, der reicher, nicht aber

besser ist als ich, denn wäre Tugend ein Reichtum,

den man achtete, so würde ich nicht fremdes Glück

beneiden, wie eigenes Unglück beweinen. Wie hoch

deine Schönheit dich erhob, so tief stürzen deine

Handlungen dich herab; nach jener schienst du ein

Engel, diese beweisen mir, daß du ein Weib bist.

Lebe in Frieden, du, die mir Krieg erregt hast, und

gebe der Himmel, daß der Betrug deines Gemahls

nie entdeckt werde, damit du das nicht bereust,

was du getan hast und ich nicht so gerächt werde,

wie ich es nicht wünsche.«

Als Don Quijote diesen Brief geendigt hatte,

sagte er: »Hieraus sowie aus den Versen läßt sich

nichts weiter ermessen, als daß der Verfasser von

beiden ein unglücklich Liebender sei.« Er blätterte

hierauf die ganze Schreibtafel durch und fand noch

andere Verse und Briefe, von denen er einige lesen

konnte, andere nicht; aber der Inhalt von allen

waren Klagen, Trauer, Mißtrauen, Lust und

Unlust, Gunst und Verschmähung; jene gepriesen,

diese beweint. Indes Don Quijote das Buch

durchsuchte, durchsuchte Sancho den Mantelsack,

ohne in ihm sowie in dem Reitkissen eine Naht

unbeachtet zu lassen, er untersuchte und erforschte

jede Falte, er pflückte jedes Häufchen Wolle auseinander,

denn er wollte nichts aus Eilfertigkeit

oder Achtlosigkeit übergehen: eine solche Gier hatten

in ihm die gefundenen Goldstücke erweckt, die sich

auf über hundert beliefen, und obgleich er nicht

mehr als die schon gefundenen fand, so glaubte er

sich doch für die Prelle, für das Brechmittel, die

Einsegnungen der Krippenstangen, die Faustschläge

des Eseltreibers, für den Verlust des Schnappsackes,

die Beraubung des Mantels und für allen

Hunger, Durst und Mühseligkeiten, die er nur

immer im Dienste seines vortrefflichen Herrn ausgestanden

hatte, durch die Güte, daß ihm dieser

Fund überlassen wurde, hinlänglich belohnt. Der

Ritter von der traurigen Gestalt ging mit dem

heftigen Wunsche schwanger, zu wissen, was der

Herr des Mantelsackes sei, aus dem Sonette wie

aus dem Briefe, aus den goldenen Münzen wie aus

der feinen Wäsche zog er den Schluß, daß es kein

anderer, als ein Verliebter von Rang und Stand

sein könne, den Verschmähung und Unfreundlichkeit

seiner Dame zu irgendeinem verzweifelten Entschlusse

geführt habe; da aber in dieser unwohnbaren

wilden Gegend niemand zu sehen war, den

er hätte fragen können, so richtete er nunmehr

seine Sorgfalt darauf, seinen Weg fortzusetzen,

immer mit der Einbildung angefüllt, daß ihm in

diesen Wüsteneien notwendig ein seltsames Abenteuer

aufstoßen müsse.

Sowie er noch mit diesen Gedanken fortzog,

bemerkte er, wie auf dem Rücken des Berges, der

vor ihm lag, ein Mensch sich mit wundernswürdiger

Schnelligkeit von Stein zu Stein und von

Busch zu Busch in Sprüngen fortbewegte: er war

halb nackt, sein Bart schwarz und dick, die häufigen

Haare in Verwirrung, die Füße ohne Schuh

und die Beine ganz unbedeckt; um die Schenkel

trug er Beinkleider, dem Anschein nach von bräunlichem

Sammet, aber sie waren so zerrissen, daß

man an vielen Stellen das Fleisch erblicken konnte;

sein Kopf war entblößt, und obgleich er, wie gesagt,

schnell vorüberlief, sah und erkannte der Ritter

von der traurigen Gestalt dennoch alle diese Merkmale.

So viele Mühe er sich aber auch gab, war

es ihm doch unmöglich, ihm zu folgen, denn der

Schwachheit des Rosinante widerstand es, scharf

in diesen Umwegen zu rennen, da überdies sein

Gemüt saumselig und phlegmatisch war.

Plötzlich fiel es dem Don Quijote ein, daß

ebendieser der Herr des Reitkissens und des

Mantelsackes sein müsse, und zugleich faßte er den

Vorsatz, ihn aufzusuchen, und wenn er auch ein

Jahr im Gebirge herumziehen müßte, um ihn zu

finden: somit befahl er dem Sancho, vom Esel abzusteigen

und von der einen Seite die Runde um

den Berg zu machen, indem er von der andern

Seite herumgehen wollte, weil sie durch diese Anstalt

vielleicht den Menschen anträfen, der mit so

großer Eile an ihnen vorübergerannt sei.

»Das kann nicht geschehen,« antwortete Sancho,

»denn sowie ich mich von meinem werten Herrn

entferne, ist die Furcht bei mir, die mir tausenderlei

Schrecken und Einbildungen verursacht: das,

was ich jetzt sage, mag zugleich zur Nachricht

dienen, daß ich mich in Zukunft nicht um einen

Finger breit von Euer Edlen entfernen werde.«

»Es sei also,« sprach der von der traurigen Gestalt,

»und es freut mich sehr, daß du meinem

Geiste so fest vertraust, der dich auch niemals verlassen

soll, selbst wenn dein Geist deinen Körper

verließe: gehe mir also langsam oder wie es dir

am besten deucht, nach, gebrauche deine Augen

statt Lichter, indem wir durch diese Klüfte schweifen,

vielleicht treffen wir den Menschen, den wir

erblickten, der ohne allen Zweifel der Eigentümer

unseres Fundes sein muß.«

Worauf Sancho die Antwort gab: »Es wäre

doch besser, ihn nicht zu suchen, denn wenn wir

ihn finden und er vielleicht der Herr von dem

Gelde ist, so folgt daraus erklärlich, daß ich es ihm

wiedergeben muß, darum ist es besser, wir lassen

diese unnütze Mühe, damit ich's mit gutem Gewissen

einstecken kann, bis wir auf eine andere,

nicht so vorwitzige und mühselige Weise den wahrhaftigen

Herrn entdecken, vielleicht zu einer Zeit,

wenn es schon verzehrt ist, wo dann der Kaiser

sein Recht verloren hat.«

»Du bist im Irrtum, Sancho,« antwortete Don

Quijote, »denn indem wir nur auf die Vermutung

geraten sind, daß er der Eigentümer sein

möge, sind wir auch schon verpflichtet, ihn zu

suchen und ihm sein Geld zurückzugeben: suchen

wir ihn aber nicht, so ist die Vermutung, daß er

der Eigentümer sein möchte, für uns so gut ein

Verbrechen, als wenn wir es gewiß wüßten: also,

Freund Sancho, möge dir das Suchen keinen Verdruß

erregen, denn es ist meine Sache, ihn aufzufinden.«

Mit diesen Worten spornte er den Rosinante

und Sancho folgte auf seinem Esel nach.

Nachdem sie um einen Teil des Berges geritten

waren, sahen sie in einem Bache ein totes, von

Hunden und Raben halb verzehrtes, gesatteltes

und aufgezäumtes Maultier liegen, welches sie

in der Vermutung bestätigte, daß der Flüchtling

der Eigentümer des Tieres und des Mantelsackes

sei. Wie sie es noch beschauten, hörten sie eine

Pfeife, wie von einem Hirten, der eine Herde führt,

und sie sahen auch links eine große Anzahl Ziegen

und hinter diesen, oben auf dem Bergrücken einen

Hirten, der sie hütete, einen alten Mann. Don

Quijote rief und bat, daß er zu ihnen herunterkommen

möchte. Jener antwortete mit lautem Geschrei,

wie sie in diese Gegend gekommen wären,

die wenig oder gar nicht betreten würde, außer

von den Füßen der Ziegen oder der Wölfe oder

anderer Bestien, die sich dort herumtrieben. Sancho

antwortete, er möchte herunterkommen, und sie

wollten ihm dann alles erzählen.

Der Ziegenhirt stieg herunter und als er an

die Stelle kam, wo Don Quijote stand, sagte er:

»Ihr beschaut gewiß den Mietesel, der hier tot

in dem Loche liegt, er liegt nun wahrhaftig schon

seit sechs Monaten auf der Stelle da; aber sagt,

habt Ihr nirgends seinen Herrn nicht getroffen?«

»Wir haben nichts getroffen,« antwortete Don

Quijote, »als ein Reitkissen und einen Mantelsack,

die wir nicht weit von hier fanden.«

»Auch ich hab's gefunden,« antwortete der

Ziegenhirt, »aber ich hab's niemalen aufnehmen

wollen, ja nicht einmal nahe kommen, weil ich

vor Schaden bange war, und daß sie's mir mal

für einen Diebstahl auslegen könnten; der Teufel

ist pfiffig und legt uns oft was vor die Füße,

worüber man stolpert und fällt, man weiß nicht,

wie's kömmt.«

»Gerade wie ich gesagt habe,« antwortete

Sancho, »denn auch ich hab's gefunden, aber ich

mochte ihm nicht auf einen Steinwurf nahe kommen;

hab' ich's gelassen und da mag es bleiben wie

es war, denn ich mag nicht die Katzen, daß sie

mich kratzen.«

»Sagt mir doch, guter Freund,« sprach Don

Quijote, »wißt Ihr nicht etwas Näheres von dem

Herrn der Sachen?«

»Was ich Euch sagen kann,« antwortete der

Ziegenhirt, »ist, daß es nun gerade sechs Monate

sein mögen, einige Tage auf und ab, als ein junger

Herr zu einer Schäferhütung kam, drei Meilen

von hier; er sah vornehm und stattlich aus und

ritt auf eben dem Maulesel, der nun hier tot

liegt, er hatte auch das nämliche Felleisen, das

Ihr, wie Ihr sagt, gefunden und nicht angerührt

habt. Er fragte uns, welcher Teil des Gebirges

am wildesten und einsamsten wäre, worauf wir

ihm die Gegend nannten, in der wir uns jetzt befinden,

und so ist es auch, denn wenn Ihr Euch

nur noch eine halbe Meile tiefer hinein begebt,

so findet Ihr vielleicht keinen Rückweg, und es

ist schon ein Wunder, wie Ihr nur bis hierher

gekommen seid, denn kein Weg noch Fußsteig

führt nach dieser Stelle. Wie also der junge Mensch

unsere Antwort vernommen hatte, ritt er nach der

Gegend fort, die wir ihm bezeichnet hatten, indem

uns allen sein schönes Ansehen gefiel und

wir uns über seine Fragen verwunderten sowie

über die Hast, mit der er alsbald den Weg ins Gebirge

einschlug. Seitdem sahen wir ihn nicht mehr,

bis er nach etlichen Tagen einem von unseren

Hirten begegnete, ohne ein Wort zu sprechen sich

an ihn machte und ihm viele Schläge und Stöße

gab, worauf er sich der Schäfertasche bemächtigte

und Brot und Käse, das drinnen war, herausnahm,

hierauf aber mit erstaunlicher Schnelligkeit in das

Gebirge zurückrannte. Da etliche von uns Ziegenhirten

dies erfuhren, gingen wir wohl zwei Tage

in den wüstesten Gegenden des Gebirges herum,

um ihn zu suchen, worauf wir ihn denn auch in

der Höhlung eines großen, dicken Korkbaumes

fanden. Er kam sehr ruhig auf uns zu, seine Kleidung

war schon zerrissen, sein Angesicht entstellt

und von der Sonne verbrannt, so daß wir ihn

kaum wiederkannten, doch gaben uns seine Kleider,

obschon sie zerrissen waren, Merkmale genug,

woraus wir entnahmen, daß er der nämliche sei,

den wir suchten. Er grüßte uns sehr höflich und

sagte uns in wenigen und verständigen Worten,

daß wir uns nicht über sein Bezeigen verwundern

möchten, denn so müsse er sein Wesen treiben, um

eine gewisse Buße zu vollbringen, die ihm wegen

seiner mannigfaltigen Sünden aufgelegt sei. Wir

baten ihn hierauf, daß er uns doch sagen möchte,

wer er sei, aber dazu konnten wir ihn nicht

bringen: worauf wir ihn auch ersuchten, daß, wenn

er zu seinem Unterhalte etwas bedürfe, er uns

sagen sollte, wo wir ihn antreffen könnten, denn

wir wollten es ihm mit aller Liebe und Freundschaft

bringen, wäre aber auch dies nicht nach

seinem Wohlgefallen, so möchte er uns wenigstens

darum ansprechen, es aber den Hirten nicht mit

Gewalt wegnehmen. Er dankte uns für unsere

Freundschaft sehr und bat uns wegen der Gewalttätigkeiten

um Verzeihung, versprach auch, uns

künftig um Gottes willen darum anzusprechen, ohne

jemand Leids zu tun. Was aber seine Wohnung

betreffe, fuhr er fort, so habe er keine andere

als das, was er gerade fände, wenn ihn die

Nacht überraschte. Er endigte seine Rede mit solcher

herzdurchdringenden Wehklage, daß wir alle,

die wir zuhörten, von Stein hätten sein müssen,

wenn wir nicht auch geweint hätten, denn wir erinnerten

uns, in welcher Gestalt wir ihn das erstemal

gesehen hatten und wie wir ihn nun vor

uns sahen, denn wie gesagt, er war ein sehr

schöner und ansehnlicher junger Herr, und seine

höflichen und wohlgesetzten Reden bewiesen auch,

daß er von vornehmer Familie sein mußte, und obgleich

wir, seine Zuhörer, nur Bauersleute waren,

so war doch seine Lieblichkeit so stark, daß selbst

ein bäurisches Gemüt davon durchdrungen werden

mußte. Indem er nun noch am besten in seiner

Rede fortfuhr, hielt er plötzlich inne und verstummte,

lange Zeit verschloß er die Augen, indes

wir alle verwundert dastanden und warteten, was

aus dieser Verzückung werden sollte, es war uns

ein kläglicher Anblick, denn sowie er die Augen

wieder aufmachte, sah er lange Zeit ganz starr

den Boden an, ohne die Augenwimpern zu bewegen,

dann drückte er sie wieder zu, rührte die

Lippen und zog die Augenbrauen zusammen, woraus

wir leicht entnahmen, daß ihn wieder ein

Anstoß von Wahnsinn überfiele. Er gab uns auch

zu erkennen, wie richtig unsere Vermutung gewesen

sei, denn wild sprang er plötzlich von der

Erde auf und warf sich auf den, der ihm am

nächsten stand mit so großer Gewalt und Wütigkeit,

daß, wenn wir ihn nicht aus den Händen

rissen, er ihn gewiß mit Faustschlägen und Hieben

umgebracht hätte, wobei er beständig ausrief: ha!

nichtswürdiger Fernando! jetzt sollst du deine Beleidigungen

bezahlen, diese Hände sollen dir das

Herz ausreißen, in welchem alle Bosheiten herbergen

und wohnen, vorzüglich Betrug und Hinterlist.

Er fügte noch mehr Reden hinzu, die sich

alle darauf bezogen, von einem Fernando Übles zu

sprechen und ihn als einen Verräter und Nichtswürdigen

zu behandeln. Wir verließen ihn sehr

betrübt, und er, ohne ein Wort zu sagen, entfernte

sich von uns und rannte so schnell in das

Buschwerk und in die Steinklippen hinein, daß wir

ihm nicht folgen konnten. Daraus schlossen wir

aber, daß die Raserei ihn nur zuzeiten überfiele,

und daß ein gewisser Fernando ihm ein überaus

großes Unrecht zugefügt haben müsse, daß er dadurch

so weit heruntergebracht sei. Diese Vermutungen

haben sich auch bestätigt, denn er hat

sich seitdem oftmals sehen lassen, manchmal um die

Schäfer zu bitten, daß sie ihm etwas von ihrem

Essen mitteilen möchten, manchmal nimmt er es

aber auch wieder mit Gewalt weg, denn sobald

er in seiner Raserei ist, achtet er nicht darauf,

wenn ihm die Hirten auch alles in Güte anbieten,

sondern er erobert es mit Schlägen, und wenn er

wieder bei Sinnen ist, bittet er um Gotteswillen

und mit vieler Höflichkeit und Artigkeit, auch

dankt er ihnen mit vieler Rührung und Vergießung

häufiger Tränen. Seitdem, meine Herrn«,

fuhr der Ziegenhirte fort, »haben ich und vier

andere Schäfer, zwei Knechte nämlich und zwei

von meinen Freunden, uns vorgenommen, ihn so

lange zu suchen, bis wir ihn finden, und wenn

wir ihn gefunden haben, wollen wir ihn, sei's nun

mit Güte oder Gewalt nach Almodovar führen,

was nur acht Meilen von hier liegt und ihn da

kurieren lassen, wenn seine Krankheit eine Kur

verträgt oder doch, wenn er bei Sinnen ist, von

ihm erfahren, wer er sein mag, damit man der

Familie Nachricht von seinem Unglücke geben kann.

Dies, meine Herrn, ist alles, was ich euch auf

eure Fragen antworten kann; der, dem die Sachen

gehören, die ihr gefunden habt, ist der nämliche,

den ihr mit so großer Behendigkeit und halb nackt

vorüberrennen saht« (denn Don Quijote hatte ihm

schon erzählt, wie er einen Menschen im Gebirge

habe klettern sehen). Dieser war durch das, was

ihm der Ziegenhirt erzählt hatte, in Erstaunen

gesetzt und seine Begierde, zu erfahren, wer der

arme Wahnsinnige sei, war dadurch um vieles erhöht,

er nahm sich also nochmals, wie er schon vorher

beschlossen hatte, vor, ihn im ganzen Gebirge

aufzusuchen und keine Kluft und keine Höhle unbeachtet

zu lassen, bis er ihn endlich gefunden

hätte. Das Schicksal führte es aber besser als er es

erwartete oder erhoffte, denn in demselben Augenblicke

zeigte sich in einem hohlen Wege zwischen

den Bergen der junge Mensch, den er suchte, der

etwas für sich murmelte, was man nicht nahe an

ihm, viel weniger in der Entfernung verstehen

konnte. Seine Tracht war wie sie oben beschrieben

ist, nur bemerkte Don Quijote in der Nähe, daß

das zerrissene Koller, das er trug, vom feinsten

korduanischen Leder sei, wodurch er völlig überzeugt

wurde, daß ein Mensch, der solche Kleider

führe, von keinem gemeinen Stande sein müsse.

Als der Jüngling näher kam, grüßte er sie

mit rauher und heiserer Stimme, aber mit vieler

Höflichkeit. Don Quijote erwiderte den Gruß

ebenso artig, stieg vom Rosinante ab und umarmte

ihn mit edlem Anstande und großer Leutseligkeit,

indem er ihn eine geraume Zeit fest in seinen

Armen geschlossen hielt, als wenn er ihn seit vielen

Jahren kenne. Der andere, den man den Zerlumpten

von der kläglichen Gestalt nennen könnte,

wie Don Quijote der von der traurigen heißt, entfernte

ihn ein wenig von sich, nachdem sie sich

wieder aus den Armen gelassen hatten und legte

seine Hände auf die Schultern Don Quijotes, er beschaute

ihn dann, als wolle er sich besinnen, ob

er ihn kenne, vielleicht ebenso erstaunt, die Gestalt,

Bildung und Waffenrüstung Don Quijotes vor sich

zu sehen, als Don Quijote erstaunt war, ihn zu

erblicken. Der erste, der endlich nach der Umarmung

redete, war der Zerlumpte, und er sagte,

was man nachher erfahren wird.

~Zehntes Kapitel~

Enthält die Fortsetzung des Abenteuers in dem schwarzen

Gebirge

Die Geschichte erzählt, daß Don Quijote mit der

gespanntesten Aufmerksamkeit der Rede des unglücklichen

Ritters aus dem Gebirge zuhörte, welcher

also sprach: »Wahrlich mein Herr, wer Ihr,

da ich Euch nicht kenne, auch sein mögt, so danke

ich Euch dennoch für diese Beweise von Freundschaft,

die Ihr mir soeben gegeben habt, und ich

wünschte imstande zu sein, daß ich etwas mehr

als meinen guten Willen, Euch zu dienen, zur

Vergeltung anbieten könnte; aber das Schicksal hat

mir nichts weiter übriggelassen, womit ich dergleichen

edle Teilnahme erwidern kann, als meine

guten Wünsche.«

»Meine Wünsche«, antwortete Don Quijote, »bestehen

nur darin, Euch zu dienen, so daß ich entschlossen

war, diese Berge nicht eher zu verlassen,

bis ich Euch gefunden und von Euch erfahren hätte,

ob für Euer übermäßiges Leiden, das Eure kümmerliche

Lebensweise genug andeutet, nicht irgendeine

Linderung zu finden sei, und wenn es nötig

wäre, diese zu suchen, so wollte ich sie mit allem

ersinnlichen Fleiße aufsuchen, wäre aber Euer Unglück

von der Art, daß für Euch die Türen aller

möglichen Hilfe verschlossen wären, so wollte ich

zum mindesten mit Euch klagen und weinen, so

gut ich es könnte, denn es ist im Unglücke immer

ein Trost, einen zu finden, der mit uns trauert,

und wenn also meine gute Absicht irgendeine höfliche

Erwiderung verdient, so bitte ich Euch, edler

Herr, der vielen Höflichkeit wegen, die ich an Euch

gewahr werde, ja ich beschwöre Euch bei dem, was

Ihr im Leben am meisten geliebt habt oder noch

liebt, mir zu sagen, wer Ihr seid, mir den Grund

zu entdecken, der Euch soweit führt, in diesen

Einöden wie ein wildes Tier zu leben und zu

sterben, denn hier sterben werdet Ihr, Euch

selbst so entfremdet, wie Eure Tracht und Euer

Anstand bezeugen. Und ich schwöre«, fuhr Don

Quijote fort, »bei dem Orden der Ritterschaft, den

ich empfangen habe, so ein unwürdiger Sünder ich

auch bin, und bei dem Stande eines irrenden

Ritters schwöre ich, daß, wenn Ihr hierin, edler

Herr, mein Begehren erfüllt, ich mein Versprechen

erfüllen werde, wie ich verpflichtet, da ich der bin,

der ich bin, und Euer Unglück zu vermitteln, wenn

es eine Vermittelung zuläßt, oder mindestens mit

Euch zu weinen, wie ich es Euch versprochen

habe.«

Der Ritter vom Gebüsche, wie er diese Rede

dessen von der traurigen Gestalt vernahm, tat

nichts weiter, als daß er ihn beschaute und wieder

beschaute und wiederum vom Kopfe bis zu den

Füßen beschaute, und nachdem er ihn genug betrachtet

hatte, sagte er: »Wenn Ihr etwas zu

essen bei Euch habt, so gebt es mir um Gottes

willen, denn sowie ich gegessen habe, will ich nach

Eurem Befehle alles tun, als Danksagung für so

freundschaftliche Gesinnungen, wie Ihr mir bewiesen

habt.«

Sogleich holten Sancho aus seinem Beutel und

der Ziegenhirt aus seiner Tasche etwas hervor,

womit der Zerlumpte seinen Hunger stillen konnte,

der wie ein Blödsinniger alles mit solcher Hast verschlang,

daß er schnell einen Bissen nach dem andern

ohne zu kauen hinunterschluckte, wobei während

dem Essen weder von ihm noch von denen, die ihm

zusahen, ein Wort gesprochen wurde. Als er gegessen

hatte, machte er Zeichen, daß sie ihm folgen

möchten, wie sie auch taten; er führte sie auf einen

grünen Wiesenplatz, den sie in der Nähe um die

Biegung eines Felsen, antrafen. Als sie dort waren,

setzte er sich im Grase nieder, die übrigen taten das

nämliche und keiner sprach ein Wort, bis der Zerlumpte,

nachdem er sich ganz nach seiner Bequemlichkeit

gesetzt hatte, sagte: »Wenn ihr es wünscht,

meine Herrn, daß ich euch kürzlich die Unermeßlichkeit

meiner Leiden erzähle, so müßt ihr mir

versprechen, weder durch eine Frage noch auf

andere Weise den Faden meiner traurigen Geschichte

zu zerreißen, denn sowie dieses geschieht, werde

ich keineswegs die Erzählung vollenden können.«

Diese Forderung des Zerlumpten erinnerte Don

Quijote an jene Geschichte, die ihm sein Stallmeister

vorgetragen hatte, als er die Zahl der Ziegen, die

über den Fluß gesetzt waren, nicht wußte und dadurch

die Historie unvollendet blieb. Der Zerlumpte

aber fuhr fort: »Ich verlange dieses nur, damit ich

um so schneller die Geschichte meines Unglücks vollenden

kann, denn es meinem Gedächtnis wiederholen,

dient nur dazu, neue Leiden zu den alten hinzuzufügen,

und je weniger ihr mich also unterbrecht,

je schneller werde ich meine Erzählung endigen,

ohne deshalb etwas Wichtiges auszulassen, um ganz

eurem Verlangen Genüge zu leisten.« Don Quijote

versprach alles im Namen der übrigen und jener

fing nach dieser Versicherung also an: »Mein Name

ist Cardenio, mein Geburtsort eine der vornehmsten

Städte in Andalusien, meine Familie ist edel, meine

Eltern sind reich und mein Unglück ist so groß, daß

meine Eltern es beweinen werden, meine Familie

darüber trauern wird, ohne daß sie mir mit ihren

Reichtümern helfen können, denn um die Verhängnisse

des Himmels abzuwenden, sind die Güter des

Glücks von wenigem Nutzen. In dieser nämlichen

Stadt lebte der Himmel, den die Liebe mit aller

ihrer Herrlichkeit geschmückt hatte, um meine Sehnsucht

zu erregen, so groß war die Schönheit Lucindens,

eines Mädchens, nicht minder edel und reich

als ich, aber von besserem Glück und geringerer

Sündhaftigkeit, als sie meiner edlen Liebe schuldig

war. Diese Lucinde ward von mir seit meinen

frühesten Jahren geliebt und angebetet und sie

liebte mich mit jener Kindlichkeit und Einfalt, die

ihrer Jugend natürlich waren. Unsere Eltern kannten

unsere Absicht und waren nicht unwillig darüber,

denn sie sahen wohl ein, daß die Zeit unsere

Vermählung herbeiführen würde, etwas, das gut

mit der Gleichheit unsers Adels und Vermögens

übereinstimmte. Unsere Jahre nahmen zu und mit

ihnen wuchs unsere beiderseitige Liebe, so daß es

Lucindens Vater für gut hielt, mir aus unverwerflichen

Rücksichten den Zutritt in seinem Hause zu

verweigern, und so war er hierin dem Vater der

Thisbe ähnlich, die von den Poeten so oft besungen

ist. Durch diesen Vorfall ergossen sich Tränen auf

Tränen, Wünsche beflügelten Wünsche, denn war

auch unsern Zungen Stillschweigen auferlegt, so

konnten sie doch unsere Federn nicht verstummen

machen, die gewöhnlich dreister als die Zungen die

Empfindungen des Herzens zu erkennen geben,

denn die Gegenwart des geliebten Gegenstandes

macht nur zu oft den kühnsten Vorsatz und die verwegenste

Zunge zaghaft und unberedt. O Himmel!

wie viele Briefe schrieb ich ihr, wie viele Antworten,

so erfreulich als anständig erhielt ich von

ihr! Wie viele Gesänge, wie so manche verliebten

Lieder wurden von mir gedichtet, in denen das

Herz alle seine Empfindungen darstellte, seine brünstigen

Wünsche malte, ihr Andenken feierte und sich

ihrem Dienste widmete! Wie ich nun sah, daß diese

Liebe mich verzehrte, daß mein Geist über den

Wunsch sie zu sehen, verschmachtete, faßte ich den

Vorsatz, das Beste und Einzige zu tun, um das erwünschte

und verdiente Gut zu besitzen, und dies

war, sie von ihrem Vater zu meiner rechtmäßigen

Gattin zu verlangen. Es geschah und er antwortete,

wie er meinen Vorschlag annehmlich und ehrenvoll

fände und wünsche, mir ebenso zu erwidern, da

aber mein Vater noch lebe, sei es diesem am besten

anständig, diese Anfrage zu tun, sei er aber nicht

mit ganzem Willen damit übereinstimmend, so sei

Lucinde kein Mädchen, um sie verstohlen zu versprechen

oder anzunehmen. Ich dankte ihm für seine

edle und verständige Antwort und versprach, daß

mein Vater selbst sogleich meinen Antrag wiederholen

werde, worauf ich mich auch sogleich zu

meinem Vater begab, um ihm meine Wünsche mitzuteilen

und so wie ich in sein Zimmer trat, finde

ich ihn mit einem offenen Brief in der Hand, und

ehe ich ihn noch anreden kann, sagt er zu mir:

»Lies, Cardenio, diesen Brief und sieh, welche Gnade

dir der Herzog Ricardo erzeigt. Dieser Herzog Ricardo

ist ein Großer von Spanien, der seine Besitzungen

im schönsten Teile von Andalusien hat.«

Ich nahm und las den Brief, der mir so schmeichelhaft

schien, daß es mir selber unverständig vorkam,

wenn mein Vater sich nicht dem Willen des Herzogs

gefügt hätte, der mich sogleich zu sich verlangte,

um der Gesellschafter, nicht der Diener, seines ältesten

Sohnes zu sein, wofür er versprach, mich so zu

befördern, wie es der Achtung angemessen sei, die

er für mich habe. Ich las den Brief und verstummte,

noch mehr, als mein Vater sagte: ›In

zwei Tagen, Cardenio, wirst du abreisen, um den

Willen des Herzogs zu erfüllen, und danke dem

Himmel, daß sich dir so ein Weg eröffnet, auf dem

deine Verdienste ihren schönsten Lohn erhalten

können.‹ Diesen Worten fügte mein Vater noch

andere väterliche Ermahnungen hinzu. Die Zeit

meiner Abreise näherte sich, in einer Nacht sprach

ich Lucinden, erzählte ihr, was vorgefallen sei, ging

dann zu ihrem Vater und bat einige Zeit zu warten

und auf keine Partie für sie zu denken, bis ich

gesehen hätte, was Ricardo mit mir vorhabe; er

versprach es, und sie bestätigte sich mir mit tausend

Schwüren und heißen Tränen.

Ich kam beim Herzog Ricardo an, er empfing

mich so gnädig und freundschaftlich, daß dies sogleich

den Neid seiner älteren Diener in Bewegung

setzte, weil sie meinten, die Gunstbezeugungen, die

der Herzog mir bewies, könnten ihnen zum Nachteil

gereichen; wer mir aber vor allen mit Freundschaft

entgegenkam, war der zweite Sohn des Herzogs,

Fernando, ein schöner, feuriger Jüngling,

großmütig und verliebt, der mich in kurzer Zeit so

sehr zu seinem Freunde machte, daß sich alle darüber

verwunderten, und ob mir gleich der ältere

Sohn auch sehr günstig war, so war dies doch nicht

mit dem Enthusiasmus zu vergleichen, mit dem

mich Don Fernando liebte. Wie es nun unter

wahren Freunden kein Geheimnis gibt, das sie sich

nicht mitteilten, so wurde ich auch so sehr Don Fernandos

Vertrauter, daß ich alle seine Gedanken erfuhr,

vorzüglich eine Liebschaft, die ihm nicht

wenige Unruhe verursachte. Er liebte nämlich ein

Landmädchen, eine Vasallin seines Vaters, die so

schön, eingezogen, verständig und tugendhaft war,

daß man schwer bestimmen konnte, welche von diesen

Eigenschaften in ihr die vorzüglichsten wären.

Diese Vorzüge des schönen Landmädchens führten

die Leidenschaften Don Fernandos so weit, daß er,

um ihre ganze Gunst und Liebe völlig zu besitzen,

ihr versprach, ihr Gemahl zu werden, weil sie sich

ihm auf keine andere Weise ergeben wollte. Ich

versuchte es als Freund ihn mit den dringendsten

Gründen und überzeugendsten Wahrheiten von diesem

Vorsatz zurückzubringen; da ich aber sah, wie

unnütz meine Bemühungen waren, nahm ich mir

vor, die Sache seinem Vater, dem Herzog Ricardo

zu entdecken. Don Fernando aber, der schlau und

klug war, argwöhnte und fürchtete dies, weil er

wohl einsehen konnte, daß ich in meiner Lage als

ein redlicher Diener gezwungen sei, eine Sache zu

entdecken, die dem herzoglichen Hause so nachteilig

werden konnte, um mich also zu hintergehen, sagte

er mir, daß er kein besseres Mittel wüßte, aus

seinem Gedächtnis das Bild jener Schönheit, die sich

seiner so gänzlich bemächtigt hatte, zu entfernen,

als auf einige Monate zu verreisen, und zwar,

wie er wünschte, meinen Vater zu besuchen und zugleich

in Angelegenheiten des Herzogs einige schöne

Pferde in meiner Vaterstadt aufzusuchen und zu

kaufen, die in der Tat die trefflichsten Pferde hervorbringt.

Ich hatte kaum diesen Vorschlag vernommen,

als ich auch, von meiner Leidenschaft angetrieben,

ihn als den glücklichsten und heilsamsten

Gedanken billigte, obgleich die wahre Ursache dieses

Entschlusses nicht die beste war, denn sogleich

fiel er mir als die glücklichste Gelegenheit auf,

meine teure Lucinde wieder zu sehen. Ich billigte

und lobte also seinen Vorsatz und bestätigte ihn

darin, ihn sobald als möglich auszuführen, denn

die Abwesenheit vermöge viel selbst über die heftigste

Leidenschaft; indem er mir aber diesen Vorschlag

tat, hatte er schon, wie ich nachher erfuhr,

unter dem Titel eines Gemahls die Gunst des Landmädchens

genossen und wartete nur auf eine schickliche

Gelegenheit, sich ohne Schaden dem Herzoge

entdecken zu können, weil er sich vor den Maßregeln

seines Vaters fürchtete, wenn dieser seine

Unbesonnenheit erführe. Wie aber die Liebe bei

den Jünglingen fast immer nur Begierde ist, die sich

das Vergnügen zu ihrem letzten Ziele setzt, im Genusse

dann alle Wünsche mit verschwinden und sich

dann das vermindert, was Liebe schien, weil sie

die Grenze nicht überschreiten können, die die Natur

setzt, welche Grenze aber für die wahrhaftige

Liebe gar nicht gestellt ist, also, wie Don Fernando

die Gunst seines Landmädchens genossen hatte, verstummten

seine Wünsche, sein Feuer erlosch und wie

er erst diese Reise vorgab, um seine Leidenschaft zu

heilen, so nahm er sie jetzt im Ernste vor, um das

nicht zu erfüllen, was er in der Leidenschaft versprochen

hatte.

Der Herzog gab die Erlaubnis und befahl mir,

ihn zu begleiten; wir kamen in meiner Heimat an,

mein Vater empfing ihn nach seinem Stande und

ich besuchte sogleich Lucinden, wodurch meine Liebe,

die weder gestorben noch eingeschläfert war, von

neuem belebt wurde. Zu meinem Unglück erzählte

ich dem Don Fernando von ihr, weil ich meinte,

ich dürfte ihm, als meinem vertrautesten Freunde,

nichts verhehlen; ich lobte ihm die Schönheit,

Liebenswürdigkeit und den Verstand der Lucinde

so sehr, daß meine Lobpreisungen in ihm den

Wunsch erregten, ein Mädchen zu sehen, das mit

allen Vollkommenheiten so ausgestattet sei. Zu

meinem Verderben erfüllte ich seinen Wunsch, ich

zeigte sie ihm beim Scheine einer Nacht an einem

Fenster, wo wir uns gewöhnlich zu sprechen pflegten;

er sah sie so schön, daß er über diesen Anblick

alle Schönheit, die er nur je gesehen hatte, durchaus

vergaß. Er wurde still, verlor seine Munterkeit,

ward in sich verschlossen und mit einem Worte

so verliebt, wie ihr es in der fortgesetzten Erzählung

meines Unglücks erfahren werdet. Um seine

Leidenschaft noch mehr zu entflammen, die er mir

verbarg und nur in der Einsamkeit dem Himmel

vertraute, mußte er durch einen Zufall an einem

Tage einen Brief von ihr finden, in welchem sie

mich bat, sie von ihrem Vater zur Gemahlin zu

verlangen, der so geistreich, edel und in solchen

Ausdrücken der Liebe geschrieben war, daß er mir

schwur, in Lucinden vereinigten sich alle Schönheiten

des Körpers und der Seele, die unter den übrigen

Weibern einzeln verteilt wären. Ich muß gestehen,

daß, so gerecht die Lobeserhebungen mir auch

schienen, in denen sich Don Fernando über Lucinden

ergoß, so fiel es mir doch verdrießlich, sie aus

seinem Munde zu hören, ich fing an ihn zu fürchten

und ihm weniger zu trauen, denn es verging

kein Augenblick, in welchem er nicht über Lucinden

gesprochen hätte, ja er lenkte das Gespräch auf sie,

wenn es gleich noch so gewaltsam geschehen mußte,

wodurch in meiner Brust eine gewisse Eifersucht erweckt

wurde, nicht, weil ich an Lucindens Tugend

und Treue gezweifelt hätte, sondern weil ich das

Unglück ahnte, was mich nachher wirklich betroffen

hat. Don Fernando ließ sich immer die Papiere

zeigen, die ich an Lucinden schrieb und die sie mir

zur Antwort schickte, unter dem Vorwande, daß

ihm der geistreiche Ton in beiden so wohl gefalle.

So geschah es auch, daß Lucinde mich einst um ein

Ritterbuch gebeten hatte, welches sie lesen wollte

und welche Lektüre sie ungemein liebte, sie forderte

nämlich den Amadis von Gallia.«

Don Quijote hatte kaum die Ritterbücher nennen

hören, als er sagte: »Hättet Ihr mir, mein Herr,

gleich im Anfange Eurer Erzählung gesagt, daß das

Fräulein Lucinde die Ritterbücher geliebt habe, so

wäre keine weitere Lobpreisung nötig gewesen, um

mir ihren hohen Verstand kundzugeben, auch

würde sie mir nicht so trefflich erschienen sein, wie

Ihr sie uns, Sennor, gezeichnet habt, wenn ihr der

Geschmack an dieser lieblichen Lektüre ermangelt

hätte; meinethalben ist es auch nicht vonnöten, noch

mehr Worte zur Beschreibung ihrer Schönheit zu

verschwenden, so wie über ihren hohen Wert und

Verstand, denn aus diesem ihrem Geschmacke ersehe

ich, daß sie die schönste und verständigste Frau von

der Welt gewesen, doch, Sennor, würde es mir zur

Freude gereichen, wenn Ihr ihr mit dem Amadis

von Gallia zugleich den herrlichen Don Rugel von

Graecia übersandt hättet, denn ich weiß, Donna

Lucinde hätte sich sehr über Darayda und Garaya

gefreut, nicht minder über die Wohlredenheit des

Schäfers Darinel, sowie über die wundernswürdigen

Verse in seinen Eklogen, die er mit ungemeiner

Anmut, mit Witz und Freimütigkeit singt. Doch

läßt sich diese Fahrlässigkeit mit der Zeit vielleicht

verbessern, und um sie zu verbessern, dürfte mein

werter Herr nur mit mir nach meiner Heimat

kommen, wo ich ihm mit mehr als dreihundert

Büchern aufwarten könnte, die die Freude meiner

Seelen und die Unterhaltung meines Lebens ausmachen.

Doch halte ich im stillen dafür, daß ich

keins von allen behalten habe, soweit hat es die

Bosheit der schlechten und neidhaften Zauberer

durchgesetzt. Doch mein Herr vergebe mir, daß

ich meinem Versprechen zuwidergehandelt, seine

Erzählung nicht zu unterbrechen, denn da ich von

Ritterschaft und irrenden Rittern hörte, war es

mir ebenso unmöglich, nicht etwas darüber zu

sagen, wie es den Sonnenstrahlen unmöglich ist,

nicht zu wärmen, oder dem Schimmer des Mondes,

nicht feucht zu sein. Ich bitte also um Verzeihung,

sowie um die Fortsetzung, denn dieses ist, was ich

mir zur Stunde am meisten wünsche.«

Indem Don Quijote dies alles sprach, ließ

Cardenio seinen Kopf auf die Brust heruntersinken

und schien in tiefen Gedanken vergraben, und obgleich

ihn Don Quijote zweimal bat, in seiner Geschichte

fortzufahren, hob er doch weder den Kopf

auf, noch sprach ein Wort; nach langer Zeit aber

richtete er den Kopf gerade und sagte: »Ich kann

es mir nicht aus den Gedanken schlagen und kein

Mensch auf Erden wird es mir aus den Gedanken

schlagen oder mich eines andern überreden und der

soll ein Lümmel sein, der sich selbst vom Gegenteil

überredet oder etwas anderes glaubt, als daß der

Schuft von Meister Elisabat wirklich bei der

Königin Madasima geschlafen habe.«

»Und ich sage nein und beschwöre das,« antwortete

Don Quijote mit großer Heftigkeit, indem

er sich wie gewöhnlich erzürnte, »und dies ist eine

schreckliche Bosheit, oder richtiger zu reden, Hundsfötterei!

Die Königin Madasima war eine hocherhabene

Dame, und es läßt sich unmöglich glauben,

daß eine so glorreiche Prinzessin bei derlei Lausekerl

geschlafen habe, und wer das Gegenteil meint,

lügt es wie ein Hundsfott: und dieses will ich ihm

zu Fuß oder zu Pferde, bewaffnet oder unbewaffnet,

bei Tage oder in der Nacht, oder wie es

ihm gut dünkt, beweisen.«

Cardenio schaute ihm sehr ernsthaft ins Gesicht,

er hatte schon seinen Anfall von Wahnsinn

und war wenig aufgelegt, seine Geschichte fortzusetzen,

Don Quijote war aber ebensowenig zum

Hören aufgelegt, so sehr war er durch das erbittert,

was er von der Madasima hatte hören müssen.

Wie sonderbar! daß er sich so für sie verwandte,

als wäre sie seine eigene und wahrhaftige Dame:

so sehr hielten ihn seine sündhaften Bücher in

Stricken! Wie sich aber Cardenio, der schon verrückt

war, für einen Lügner und Hundsfott schelten

hörte, nebst anderen ähnlichen Benennungen, so

empfand er den Spaß übel, ergriff einen Kieselstein

und warf ihn mit solcher Gewalt dem Don

Quijote auf die Brust, daß dieser rücklings überstürzte.

Als Sancho Pansa seinen Gebieter in solcher

Manier behandelt sah, machte er sich mit geballter

Faust über den Verrückten; der Zerlumpte aber

empfing ihn so, daß er ihn mit einem Faustschlage

zu seinen Füßen niederstreckte, worauf er sich auf

ihn begab und ihm nach Herzenslust die Rippen

eintrampelte. Der Ziegenhirt, der jenem beistehen

wollte, unterwarf sich der nämlichen Gefahr, und

nachdem er sie alle besiegt und zerprügelt hatte,

stand er ab und entfernte sich mit edler Ruhe, um

sich in den Bergen zu verlieren. Sancho richtete sich

auf und wütig, sich so ohne Verschulden zerklopft

zu sehen, fiel er darauf, am Ziegenhirten seine

Rache zu nehmen, weil er ihm die ganze Schuld zuschrieb,

daß er sie nicht gewarnt hätte, wie jenen

Menschen zuzeiten eine Tollheit befiele, damit sie

sich nach dieser gegebenen Warnung vor ihm hätten

hüten können. Der Ziegenhirt antwortete, daß er

es wohl gesagt habe, wenn er es aber nicht gehört

habe, so sei das nicht seine Schuld. Sancho

Pansa erwiderte und ebenfalls erwiderte der

Ziegenhirt, und aus allen diesen Erwiderungen ergab

sichs, daß sie sich in die Haare gerieten und

solche Faustschläge zuteilten, daß, hätte Don Quijote

nicht Frieden gestiftet, sie in Stücke gegangen

wären. Sancho rief, mit dem Ziegenhirten verwickelt:

»Laßt mich nur, gnädiger Herr Ritter von

der traurigen Gestalt, denn dieser da ist ein Bauer

wie ich und kein geschlagener Ritter, ich kann

also selbst für die verübte Beschwer Genugtuung

nehmen und mich Faust gegen Faust wie ein ehrlicher

Kerl prügeln.«

»So ist es,« sagte Don Quijote, »aber ich sehe

ein, daß er an dem, was uns zustieß, unschuldig

ist.« Er machte sie also friedsam und Don Quijote

fragte den Ziegenhirten von neuem, ob es nicht

möglich sein sollte, den Cardenio aufzufinden, denn

er hege den herzlichsten Wunsch, den Beschluß

seiner Historie zu erfahren. Der Ziegenhirt wiederholte,

was er schon einmal gesagt hatte, daß man

seinen Aufenthalt nicht mit Gewißheit angeben

könne, wolle er aber fleißig in diesen Gegenden

herumwandern, so würde er ihn gewiß, gescheit

oder verrückt, antreffen.

~Elftes Kapitel~

Handelt von den wunderbaren Dingen, die dem tapferen

Ritter von la Mancha im schwarzen Gebirge begegneten,

und wie er die Buße des Dunkelschön nachahmte

Der Ziegenhirt trennte sich von Don Quijote und

dieser bestieg wiederum den Rosinante und befahl

dem Sancho ihm zu folgen, der es auf seinem

Tiere in hohem Verdrusse tat. Sie reisten langsam

weiter und gelangten in die rauhesten Gegenden

des Gebirges; Sancho starb beinahe vor Lust, mit

seinem Herrn zu disputieren und wünschte nur, daß

jener das Gespräch anfangen möchte, damit er nicht

dem gegebenen Befehle zuwider handelte; da er

aber das lange Stillschweigen nicht aushalten

konnte, sagte er endlich: »Herr Don Quijote, gebt

mir Euren Segen und die Erlaubnis, nach meinem

Hause zurückzukehren, daß ich meine Frau und

Kinder wiedersehe, denn mit ihnen kann ich doch

alles sprechen und schwatzen, was ich Lust habe,

aber daß Ihr verlangt, ich soll mit Euch Tag und

Nacht durch diese Wüsteneien ziehen, ohne zu

reden, was mir in den Mund kömmt, heißt mich

bei lebendigem Leibe begraben. Ja, wäre es noch

der Fall, daß die Tiere sprechen könnten, wie es

zu den Zeiten des Oelsop gewesen ist, so könnte ich

doch mit meinem Esel alles reden, wozu ich nur

Lust hätte und so mein schlimmes Glück verschmerzen;

aber das ist zu hart, und keine Geduld

reicht da aus, Zeit seines Lebens nach Abenteuern

herumzusuchen und immer nur Prügel und Prellen,

Tritte und Faustschläge anzutreffen, und bei alledem

nicht einmal das Maul auftun dürfen, daß

man gar nicht herausreden darf, was man auf dem

Herzen hat, als wenn man stumm wäre.«

»Ich verstehe dich, Sancho,« antwortete Don

Quijote, »du willst platzen, weil ich deiner Zunge

einen Zaum aufgelegt habe; ich will ihn also hiermit

auflösen, sprich was du willst, doch unter der

Bedingung, daß diese Freiheit nur gilt, solange

wir in diesen Bergen herumziehen.«

»Ich nehm' es an,« sagte Sancho, »und so will

ich auch gleich reden, was Gott nur bescheren mag,

ich will gleich anfangen meine Erlaubnis zu benutzen,

und also, wie kamt Ihr denn dazu, Euch

so der Königin Madam Trine anzunehmen oder

wie sie heißen mag? Was ging's Euch an, ob sie

Freunds mit dem Salbader gewesen ist oder nicht?

Hättet Ihr Euch darum nicht bekümmert, denn Ihr

waret nicht Richter in der Sache, so wäre der Verrückte

in seiner Geschichte fortgefahren und so wäre

nichts von Kieselstein noch Prügeln oder Maulschellen

vorgefallen.«

»Wahrlich, Sancho,« antwortete Don Qutjote,

»wüßtest du es so gut, wie ich es weiß, welch eine

ehrenvolle und vorzügliche Dame diese Königin

Madasima gewesen, gewiß würdest du finden, daß

ich noch zu viel Geduld bewiesen, indem ich den

Rachen nicht sogleich zerschmetterte, der dergleichen

Lästerungen ausstieß: denn eine Lästerung ist es, zu

sagen, ja nur zu denken, daß eine Königin die

Beischläferin eines Wundarztes sei. Das Wahre

an der Sache ist, daß dieser Meister Elisabat, von

dem der Verrückte redete, ein sehr verständiger

Mann und kluger Kopf war. Er diente der

Königin zum Ratgeber und Arzte; aber zu vermeinen,

daß sie seine Geliebte gewesen, ist eine

Widersinnigkeit, die schwere Züchtigung verdient:

und damit du einsiehst, wie Cardenio nicht wußte,

was er redete, mußt du nur darauf merken, daß,

als er dieses sagte, er schon ohne Verstand war.«

»Das sag' ich eben,« antwortete Sancho, »daß

man auf die Reden eines Verrückten nicht achtgeben

müsse, denn hätte das Glück Euch nicht beigestanden,

so daß der Kieselstein Euch nach dem

Kopfe wie nach der Brust geflogen wäre, so befänden

wir uns nun herrlich dafür, daß wir uns

der Dame angenommen haben, die Gott verderben

mag, und beim Wetter, dann war's gleich, Cardenio

mochte verrückt sein oder nicht.«

»Gegen Gescheite und gegen Verrückte ist jedweder

irrende Ritter gezwungen, sich für die Ehre

der Frauen, welche es auch seien, einzustellen, wie

vielmehr für Königinnen von so hohem Stande und

gar für die Königin Madasima, die ich wegen

ihrer guten Eigenschaften ganz vorzüglich liebe,

denn außer daß sie über alle Maßen schön war,

war sie auch sehr vorsichtig und in allen Leiden,

deren sie viele erlebte, außerordentlich geduldig,

und eben der Rat und die Gesellschaft des Meister

Elisabat waren ihr von großem Nutzen und halfen

ihr alles Unglück mit Klugheit und Gelassenheit

ertragen, und hieraus nahm der unwissende und

schlechtdenkende Pöbel Gelegenheit, zu denken und

zu sagen, daß sie seine Beischläferin gewesen, aber

sie lügen, sag' ich abermals, und lügen tausendmal,

alle diejenigen, die es denken oder sagen.«

»Ich denk's nicht, ich sag's nicht,« antwortete

Sancho, »sie mögen's selber ausmachen, jeder wische

seine eigene Nase; haben sie beieinander geschlafen

oder nicht, Gott mag's wissen, jeder fege vor

seiner Tür, ich bekümmere mich um nichts, es ist

nicht meine Sache, fremde Eier zu bekritteln, wer

einkauft und lügt, es auf seine Rechnung kriegt:

und nicht wahr, nackt bin ich auf die Welt gekommen,

nackt geh' ich wieder fort, mir kann's

nichts eintragen? Mag's jeder treiben, wie er

will, was kümmert's mich? So mancher geht nach

Wolle und kommt geschoren nach Hause; wie kann

man ein freies Feld durch Tore verschließen? Gott

ist der Richter über alles.«

»In Gottes Namen, halt!« rief Don Quijote,

»welche Tollheiten, Sancho, stopfst du da ineinander?

Was haben deine Sprichwörter mit unserer

Materie zu tun? Bei deinem Leben, Sancho, schweig

und denke künftig nur darauf, wie du deinen Esel

anspornen mögest, laß dich aber über das unbekümmert,

was dich nichts angeht. Begreife überdies

mit allen deinen fünf Sinnen, daß alles, was

ich getan habe, tue und tun werde, durchaus und

in allen Stücken den Gesetzen der Ritterschaft gemäß

ist, die ich besser inne habe, als alle die

Ritter, die sich nur jemals zu ihnen bekannten.«

»Gnädiger Herr,« antwortete Sancho, »ist denn

das auch eins von den herrlichen Rittergesetzen,

daß wir hier, ohne Weg und Steg, wie die Unsinnigen

in den Bergen herumziehen, um einen

Verrückten aufzusuchen, der, wenn wir ihn nun

finden, vielleicht darauf fällt, das zu beschließen,

was er angefangen hat; ich meine nicht seine Geschichte,

sondern Euern Kopf und meine Rippen,

wo er dann wohl beschließt, sie ganz in Stücke zu

schmeißen?«

»Schweig! sag' ich dir abermal,« rief Don Quijote,

»wisse, daß ich nicht bloß aus Begier, den

Verrückten zu finden, durch diese Berge schweife,

sondern ich will hier vielmehr eine Tathandlung

unternehmen, wodurch ich mir ewigen Namen und

Ruhm auf dem ganzen Umkreise der entdeckten

Erde zu erwerben gedenke: diese soll so beschaffen

sein, daß ich dadurch allem, was einen irrenden

Ritter vollendet und berühmt machen kann, die

Krone aufsetzen will.«

»Und ist sie sehr gefährlich, diese Tathandlung?«

fragte Sancho Pansa.

»Nein,« erwiderte der von der traurigen Gestalt,

»denn der Würfel mag wohl so fallen, daß

wir uns bald wieder antreffen; aber alles beruht

auf deiner Betriebsamkeit.«

»Auf meiner Betriebsamkeit?« fragte Sancho.

»Ja,« sagte Don Quijote, »denn kehrst du bald

von dorten zurück, wohin ich dich schicken will, so

wird sich auch bald meine Qual endigen und sofort

meine Glorie zu leuchten anfangen. Und damit

du nicht länger in Erwartungen bleiben und

sinnen mögest, worauf meine Reden hinauswollen,

so wisse, Sancho, daß Amadis von Gallia einer

der vollkommensten irrenden Ritter war. Nein,

unrecht ist es zu sagen, einer; er war von allen

der fürnehmste, ja der einzige, der König von

allen, die der Lauf der Zeiten seitdem hervorgebracht.

Schlimm möchte es dem Don Belianis und

allen denen bekommen, die da meinen, daß sie sich

ihm in irgend etwas vergleichen dürfen, denn ich

schwöre, daß sie darinnen irren. Ich behaupte,

daß ein Maler, der in seiner Kunst berühmt

werden will, die Originale der vorzüglichsten Maler,

die er kennt, nachahmen muß. Dieses Gesetz erstreckt

sich auf alle Künste und Gewerbe, die zur

Zierde der Staaten dienen: so soll und wird auch

der handeln, der den Ruhm eines Klugen und

Duldenden erwerben will, indem er dem Ulysses

nachahmt, in dessen Taten und Leiden uns Homerus

ein lebendiges Bildnis von Klugheit und Duldung

malt sowie uns auch Virgilius in seinem Helden

Äneas die Tugend eines frommen Sohnes und

den Scharfsinn eines tapferen und verständigen

Feldherrn zeigt, indem sie sie uns nicht malen oder

darstellen wie sie waren, sondern wie sie sein

sollten, um den zukünftigen Menschen ein Musterbild

ihrer Tugenden vorzuhalten. Auf gleiche Weise

ist Amadis den tapferen und verliebten Rittern

zum Kompaß, Leitstern, zur Sonne gesetzt, damit

wir ihm alle nachahmen sollen, die wir zu den

Fahnen der Liebe und der Ritterschaft geschworen

haben. Wenn dies nun alles Wahrheit ist, so

leuchtet es mir ein, Freund Sancho, daß der

irrende Ritter, der ihm am nächsten kommt, auch

dem Kranze und Ruhme eines vollendeten Ritters

am nächsten steht: ein Ding aber, in welchem dieser

Ritter vorzüglich seine Klugheit, seine Würde,

sein Dulden, seine Standhaftigkeit und Liebe bewies,

war, wie er sich entfernte, von der Dame

Oriana verschmäht, um auf dem Felsen Armut

Buße zu tun, als er seinen Namen in Dunkelschön

veränderte, ein wahrlich bedeutender Name, der

sich zu der Lebensweise schickte, die er sich vorgesagt

hatt. Es ist mir nur viel leichter, ihm hierin

nachzuahmen, als darin, daß ich Riesen zerspalte,

Drachen köpfe, Schlangen erdroßle, Armeen vernichte,

Flotten aufreibe und Bezauberungen löse:

da nun diese Orte sich so gut zu dergleichen Vornehmen

schicken, so will ich auch diese Gelegenheit

nicht aus den Händen lassen, die mir jetzt mit

so großer Bequemlichkeit ihr Stirnhaar anbeut.«

»Vornehmlich,« sagte Sancho, »was wollt Ihr

denn nun hier in der Einsamkeit tun?«

»Es ist dir ja schon gesagt,« antwortete Don

Quijote, »daß ich den Amadis nachahmen will,

einen Verzweifelten, Törichten und Wütigen vorstellen,

um zugleich den gewaltigen Don Roldan

in die Nachahmung zu ziehen, als er an einer

Quelle die Zeichen fand, daß Angelika, die schöne,

mit dem Medor eine Schändlichkeit begangen habe,

worüber er aus Verdruß rasend wurde, Bäume

ausriß, die Gewässer der klaren Quellen trübte,

Hirten erschlug, Herden zerriß, die Hürden verbrannte,

die Häuser niederriß, das Vieh gebunden

führte und tausend andere Tollheiten beging, die

eines ewigen Andenkens in Büchern würdig sind.

Will ich aber den Roldan, Orlando oder Rotolando

(denn er führt alle drei Namen) nicht in allen

seinen Rasereien nachahmen, so nehme ich mir doch

vor, so gut ich kann, eine Auswahl unter denen,

die mir die vorzüglichsten scheinen, zu veranstalten,

vielleicht begnüge ich mich aber auch in der

Nachahmung des Amadis, der keine schädlichen

Rasereien beging, sondern sich mit Weinen und

Klagen zufriedenstellte und dennoch den allerschönsten

Ruhm errang.«

»Es scheint doch,« sagte Sancho, »daß die Ritter,

die so etwas taten, dazu gereizt wurden und eine

Ursache hatten, diese Narrheit und Buße zu machen;

aber was hat Euer Gnaden für Ursache, rasend

zu werden? Welche Dame hat Euch verschmäht?

Oder was für Zeichen habt Ihr gefunden, um zu

wissen, daß die Dame Dulzinea von Toboso mit

einem Mohren oder Christen Narrenpossen gemacht

habe?«

»Da, da liegt's eben,« antwortete Don Quijote,

»und das ist gerade die Blume meiner Unternehmung:

denn daß ein irrender Ritter aus Gründen

rasend wird, darin zeigt sich so wenig Anstand als

Talent; die Kunst liegt darin, ohne alle Ursache

unsinnig zu werden, um dadurch seiner Dame zu

verstehen zu geben, daß, wenn das am grünen

Holze geschieht, wie vielmehr am dürren. Vollends

da ich hinlänglich Ursache in der langen Abwesenheit

von meiner ewig geliebten Dulzinea von Toboso

finde, denn wie du den Schäfer von neulich,

Ambrosius, sagen hörtest, daß wer abwesend sei,

alle Übel erleide und fürchte: also, Freund Sancho,

verdirb nicht die Zeit damit, mir eine so edle, glückliche

und nie erhörte Nachahmung ausreden zu

wollen; unsinnig bin ich und unsinnig will ich

bleiben, bis du mir die Antwort auf einen Brief

bringst, mit dem ich dich an meine Dulzinea senden

will. Ist die Antwort von der Art, wie sie meine

Treue verdient, so ist meine Narrheit und meine

Buße zu Ende; erfolgt das Gegenteil, so werde ich

im Ernste unsinnig: du magst also eine Antwort

zurückbringen, von welcher Art sie auch sei, so

werde ich auf jeden Fall aus dem Kampfe und den

Leiden erlöst, in denen du mich verläßt, so daß ich,

gescheit, mich des Glückes freue, welches du mir

bringst, oder, unsinnig, das Unglück nicht empfinde,

das du mit dir führst. Aber sage mir, Sancho,

verwahrst du auch den Helm Mambrins sorgfältig?

Ich sah, wie du ihn vom Boden aufhobst, als ihn

jener Undankbare zerschmettern wollte und es ihm

nicht gelang, woraus man eben die Trefflichkeit

seines Metalls ermessen kann.«

Auf dieses antwortete Sancho: »Bei Gott, Herr

Ritter von der traurigen Gestalt, alles kann ich

nicht ausstehen und in Geduld anhören, was Ihr

sagt, und dadurch komme ich manchmal auf den

Gedanken, daß alles, was Ihr mir von Ritterschaft

sagt und von Königreiche und Kaisertümer gewinnen

und Inseln verschenken und andere Gnaden

und Herrlichkeiten auszuteilen, wie es die irrenden

Ritter in der Art haben sollen, daß alles das nur

Windbeuteleien und Lügen sind und alles nur Luftklöße

oder Luftschlösser, wie es heißen mag; denn

wenn ich Euch sagen höre, daß ein Barbierbecken

ein Helm Mambrins sei, und daß Ihr länger als

vier Tage in diesem Irrtume beharrt, was soll ich

wohl anders denken, als daß dem, der so etwas

glaubt und behauptet, im Kopfe etwas losgegangen

ist? Das Becken, das voller Beulen ist,

habe ich im Beutel hier, bei mir zu Hause will

ich's mir zurechtmachen lassen und mich drinnen

barbieren, wenn Gott mir so gnädig ist, daß ich

noch einmal meine Frau und Kinder wiedersehe.«

»Wahrlich, Sancho, bei demselben Gotte, bei

dem du vorher geschworen hast,« antwortete Don

Quijote, »du hast den allerdümmsten Verstand, den

nur jemals noch ein Stallmeister gehabt hat. Wie

ist es möglich, daß du, der schon so lange in meiner

Gesellschaft ist, nicht einsiehst, wie alles, was die

irrenden Ritter angeht, nur wie Hirngespinst, Narrheit

und Unsinn aussieht und alles verkehrt und

wunderlich scheint? Nicht deswegen, weil es sich

also befindet, sondern weil immer ein ganzes Regiment

von Zauberern hinter uns herläuft, die

alle unsere Dinge verändern und verwandeln und

sie nach ihrem Gefallen auswechseln, je nachdem

sie uns beschützen oder verfolgen, und so scheint,

was dir wie ein Barbierbecken aussieht, mir der

Helm Mambrins, und ein anderer wird es wieder

für was andres ansehen: auch war es eine herrliche

Vorsicht des Weisen, der auf meiner Seite

ist, es so einzurichten, daß allen das ein Bartbecken

scheint, was doch wahrhaftig und in der Tat der

Helm Mambrins ist, denn da er von so unermeßlichem

Werte ist, würde mich die ganze Welt verfolgen,

um ihn nur zu besitzen; da sie ihn aber

nur für ein Barbierbecken ansehen, kümmern sie

sich nicht sonderlich darum, wie es sich auch bei

jenem auswies, der ihn zerbrechen wollte und ihn

dann mit Verachtung am Boden liegenließ, wo er

ihn wahrhaftig nicht um alle Welt gelassen hätte,

wenn er seine Preislichkeit gekannt. Hebe ihn gut

auf, Freund Sancho, denn jetzt brauche ich ihn nicht,

sondern ich will im Gegenteil alle diese Waffenstücke

ablegen, damit ich so nackt sei, wie ich vom

Mutterleibe kam, wenn es mir einfällt, in meiner

Buße mehr den Roldan als den Amadis nachzuahmen.«

Unter diesen Gesprächen waren sie an den Fuß

eines hohen Felsen gelangt, der unter vielen umgebenden

wie eine einzelne abgeschnittene Klippe

dastand; an seinem Saume floß ein sanfter Bach

vorüber und bewässerte in seinen Krümmungen

eine grüne und angenehme Wiese, die dem Auge

einen sehr erfreulichen Anblick darbot; viele wilde

Bäume standen umher, auch häufige Pflanzen und

Blumen machten die Gegend sehr anmutig. Diesen

Platz erwählte sich der Ritter von der traurigen

Gestalt, um seine Buße zu vollbringen, und sowie

er angelangt war, rief er mit lauter Stimme, als

ob er schon unsinnig wäre: »Dieses, o ihr Himmel,

ist der Ort, den ich mir absondere und erwähle, um

hier das Unglück zu beweinen, welches ihr selbst

über mich verhängt habt! Dieses hier ist der Platz,

wo die Tränen meiner Augen die Wellen dieses

kleinen Bächleins anschwellen sollen, hier sollen meine

immerwährenden tiefen Seufzer immerwährend das

Laub dieser Bergbäume bewegen, als Zeugen und

Beweise der Qual, die mein tief zerschnittenes Herz

erleidet. O ihr, wo ihr auch sein mögt, ländliche

Gottheiten, die ihr in dieser unbewohnbaren Gegend

euren Aufenthalt habt, o hört die Klagen des

unglücklich Liebenden, den schwere Trennung und

eingebildeter Argwohn hierhergeführt haben, in

dieser Wildnis zu jammern und über die Härtigkeit

jener schönen Undankbaren zu klagen, jenem Preise,

jener Krone aller menschlichen Schönheit. O ihr

Napäen und Dryaden, die ihr in den dicken Wäldern

der Gebirge wohnt (mögen die flüchtigen und

wollüstigen Satyrn, die vergeblich gegen euch entbrannt

sind, eure süße Ruhe nicht stören dürfen), o

helft mir mein Unglück beweinen oder mindestens

sei es euch nicht entgegen, mir zuzuhören. O Dulzinea

von Toboso, du Tag meiner Nacht, Glanz

meiner Trübsale, Kompaß meines Weges, Stern

meines Glücks (schenke dir der Himmel so gutes

Glück, als du es dir nur selber wünschen magst), erwäge

den Ort und den Zustand, zu dem mich die

Trennung von dir geführt hat, o erwidere mir mit

Güte, wie es meine Treue wohl verdient hat. O

ihr einsamen Bäume, ihr zukünftigen Gesellschafter

meiner Abgeschiedenheit, gebt mir mit dem sanften

Rauschen eurer Zweige ein Zeichen, daß euch meine

Gegenwart nicht lästig fällt. O du, mein Stallmeister,

liebwerter Gefährte im Glück und Unglück,

fasse nunmehr wohl in dein Gedächtnis auf, was

du mich wirst verrichten sehen, damit du es jener

wiedersagen und erzählen kannst, die die Ursache

von allem ist.« -- Und sowie er dieses sagte, stieg

er vom Rosinante herunter, nahm ihm augenblicklich

Zaum und Sattel ab, gab ihm mit der flachen

Hand einen Schlag auf den Rücken und sagte:

»Die Freiheit gibt dir der, der ohne Freiheit ist,

o du Roß, so wunderbar in deinen Taten, wie unglücklich

in deinem Schicksale, wandle, wohin du

willst, denn dir steht es auf der Stirn geschrieben,

daß weder der Hippogryph des Astolfo dir an

Flüchtigkeit gleichkomme, noch der bekannte Frontin,

der dem Bradamante so kostbar war.«

Wie Sancho dies sah, sagte er: »Es ist gut, daß

uns einer der Mühe überhoben hat, dem Grauen

den Sattel abzunehmen, sonst sollte es wahrhaftig

so wenig fehlen, ihm einen Schlag mit der Hand

zu geben, als Lobpreisungen herzusagen; wäre er

aber auch zugegen, so litte ich es doch nicht, daß

man ihm den Sattel herunternähme, denn ihn geht

das nichts an, er ist auf keine Weise in die Liebhaberei

mit verwickelt, ebensowenig in die Verzweiflung,

denn soweit denke ich es mit Gottes

Hilfe niemals zu bringen. Aber wahrhaftig, Herr

Ritter von der traurigen Gestalt, wenn es mit

meinem Abmarsch und Euren Unsinnigkeiten ein

Ernst werden soll, so wäre es wohl besser, da der

Graue weg ist, den Rosinante dafür wieder aufzuzäumen,

denn sonst möchte die Zeit meines Abreisens

und Wiederkommens lange währen, denn

wenn ich den Weg zu Fuß mache, so weiß ich nicht,

wenn ich dasein oder wiederkommen möchte, denn

ich bin, um es kurz zu machen, ein schlechter

Wandersmann.«

»Ich sage dir, Sancho,« antwortete Don Quijote,

richte es so ein, wie es dir gut deucht, denn deine

Idee scheint mir nicht übel, ich sage ferner, daß du

in drei Tagen abreisen sollst, während welcher Zeit

du das, was ich tue und rede, beobachten sollst,

damit du darüber Rede stehen kannst.«

»Was soll ich noch weiter sehen,« fragte Sancho,

»als was ich schon gesehen habe.«

»Sauber hast du dich verrechnet,« antwortete

Don Quijote, »ich habe noch gar nicht meine Kleider

zerrissen, die Waffenstücke umhergestreut, ich

bin noch nicht gegen diese Felsen mit Kopfstößen

angerennt, sowie ich noch viele andere Dinge gleicher

Art unterlassen habe, worüber du dich verwundern

wirst.«

»Um Gottes Barmherzigkeit willen,« sagte

Sancho, »sehen Euer Gnaden doch ja recht zu, wie

Ihr es mit diesen Kopfstößen treibt, denn gegen

einen solchen Felsen anzurennen könnte so ablaufen,

daß mit dem allerersten Kopfstoß die ganze schön

ausgedachte Buße aus wäre. Ich wäre der Meinung,

wenn Ihr doch ja diese Kopfstöße für so nötig

achtet und daß das Werk ohne sie nicht vollführt

werden könne, daß Ihr Euch damit begnügtet, denn

alles ist ja doch nur erdichtet und ein nachgemachtes

Ding zum Spaße, daß Ihr Euch damit begnügtet,

sag' ich, Euch diese Stöße im Wasser zu geben oder

doch gegen ein Ding, das so weich wie Baumwolle

ist, und dann laßt es nur meine Sorge sein, wie ich

der gnädigen Gebieterin sagen will, daß Ihr Euch

die Stöße gegen eine Felskante gebt, die härter

als der Diamant ist.«

»Ich danke dir für deinen guten Willen, Freund

Sancho,« antwortete Don Quijote, »aber du mußt

wissend sein, daß alle diese Dinge, die ich vornehme,

kein Spaß sind, sondern bitterer Ernst, denn anders

hieße das die Gesetze der Ritterschaft verletzen, die

uns gebieten, niemals eine Lüge zu sagen, unter

der Strafe der Ächtung, und ein Ding für das

andere tun, ist um nichts besser, als lügen; darum

also müssen meine Kopfstöße wahrhaftige, herzhafte

und tüchtige sein und nichts Sophistisches und Erdichtetes

an sich führen; es wird deshalb auch nötig

sein, daß du mir etwas Charpie zum Verbinden

zurückläßt, denn durch einen Zufall fehlt uns der

Balsam, den wir verloren haben.«

»Schlimmer war's, den Esel zu verlieren,« antwortete

Sancho, »denn mit dem ist Charpie und

alles verloren; ich wollte Euch auch wohl gebeten

haben, daß Ihr mich nicht mehr an das vermaledeite

Gesöff erinnert, denn wenn ich es nur nennen

höre, kehrt sich mir Seele und Magen um. Noch

mehr aber bitte ich Euch, daß Ihr Euch vorstellt,

die drei Tage wären nun schon vorbei, in denen ich

die Unsinnigkeiten, die Ihr begeht, ansehen sollte,

denn ich nehme sie mit allem Danke für gesehen

und genossen an und will der Gnädigen Wunderdinge

davon erzählen: schreibt mir nur den Brief

und gebt mir geschwind meinen Abschied, denn ich

habe ein gar zu großes Verlangen, Euch recht bald

aus dem Fegefeuer zu erlösen, worin Ihr hier

bleibt.«

»Du nennst es Fegefeuer, Sancho?« sagte Don

Quijote, »richtiger würdest du es eine Hölle nennen

oder noch etwas Schlimmeres, wenn es etwas

Schlimmeres gibt.«

»Wen die Hölle hat,« antwortete Sancho, »=nulla

est retentio=, wie ich gehört habe.«

»Ich verstehe nicht, was du mit =retentio= meinst,«

sagte Don Quijote.

»=Retentio= ist so viel,« erwiderte Sancho, »daß,

wer einmal in der Hölle ist, niemals wieder herauskommen

kann, das wird aber mit Euer Gnaden

nicht so sein, oder ich müßte kein Bein mehr haben,

um den Rosinante anzuspornen; dann will ich mich

stracks nach Toboso begeben und gleich zur gnädigen

Dulzinea, und dann will ich ihr so viel von den

Narrheiten und Unsinnigkeiten (das ist doch eins)

erzählen, die Ihr vornehmt und noch vornehmen

wollt, daß sie geschmeidiger als ein Handschuh werden

soll, wäre sie auch härter als ein Eichbaum; mit

ihrer zärtlichen honigsüßen Antwort komme ich

dann durch die Luft wie ein Hexenmeister zurück

und nehme Euch aus dem Fegefeuer, das Euch wie

eine Hölle vorkommt, es aber nicht ist, denn Ihr

habt die Hoffnung herauszukommen, was aber,

wie ich schon gesagt habe, die niemals hoffen dürfen,

die sich in der Hölle aufhalten, und darin

werdet Ihr mir gewiß Recht geben.«

»Du sprichst die Wahrheit,« sagte der von der

traurigen Gestalt, »aber wie werden wir es anfangen,

um den Brief zu schreiben?«

»Und auch die Eselsverschreibung?« fügte Sancho

hinzu.

»Wir müssen alles,« sagte Don Quijote, »und

der Gedanke ist passend, da wir kein Papier haben,

auf den Blättern der Bäume schreiben, wie es die

Alten taten, ingleichen auf etlichen Wachstafeln,

obgleich diese wohl jetzt ebenso schwer zu erhalten

sein dürften als Papier. Ich denke aber eben

daran, wie ich es am schicklichsten schreiben kann,

nämlich in dem Taschenbuche, das dem Cardenio zugehörte;

du wirst alsdann Sorge tragen, es auf

Papier abschreiben zu lassen, und zwar deutlich, im

ersten Orte, wo du einen Knabenschulmeister oder

wenigstens einen Küster antriffst, die es abschreiben

können; gib es aber ja nicht zum Kopieren einem

Schreiber hin, der sich mit Prozeßsachen abgibt,

sonst würde es der Satan selber nicht verstehen.«

»Wie wird's aber mit der Unterschrift werden?«

fragte Sancho.

»Niemals hat Amadis seine Briefe unterschrieben,«

antwortete Don Ouijote.

»Ganz gut,« antwortete Sancho, »aber die Verschreibung

muß mit aller Gewalt eine Unterschrift

haben, und wenn ich die nun abschreiben lasse, so

werden sie sagen, die Unterschrift wäre falsch und

mir die jungen Esel nicht ausliefern.«

»Die Verschreibung will ich hier im Taschenbuche

selbst unterzeichnen, und wenn meine Nichte

dies sieht, wird sie in Ansehung der Auslieferung

keine Schwierigkeiten machen; was aber den Liebesbrief

betrifft, so darfst du nur so viel zur Unterschrift

setzen: Der Eurige bis in den Tod, der

Ritter von der traurigen Gestalt. Es wird auch

wenig zur Sache tun, daß dieses von einer fremden

Hand sei, denn soviel ich weiß, kann Dulzinea

weder lesen noch schreiben, hat auch Zeit ihres

Lebens keinen Brief oder Buchstaben von mir gesehen,

denn meine und ihre Liebe blieb immer

platonisch, ohne sich weiter bis auf ein anständiges

Anblicken zu erstrecken, und auch das nur je zuweilen,

denn ich könnte mit Wahrheit schwören, daß

ich in den zwölf Jahren, seit ich sie mehr als das

Licht dieser Augen liebe, nicht viermal gesehen

habe, und es kann überdies wohl sein, daß sie es

in diesen vier Malen kein einziges Mal gesehen hat,

wie ich sie beschaute, so genau und eingezogen haben

sie ihre Eltern Lorenzo Corchuelo und Aldonzo

Nogales erzogen.«

»Sieh da! sieh da!« sagte Sancho, »die Tochter

des Aldonzo Corchuelo ist also die Gebieterin Dulzinea

von Toboso, mit einem andern Namen

Aldonza Lorenzo getauft?«

»Sie ist es,« sagte Don Quijote, »sie ist dieselbe,

die es verdient, Gebieterin des Universums zu sein.«

»Ich kenne sie recht gut,« sagte Sancho, »und

wahrhaftig, sie hebt Euch einen Sack auf, wie der

stärkste Großknecht im ganzen Dorfe; so wahr Gott

lebt, das ist ein ganzes Mensch, so wie sie nur sein

muß, Haare auf den Zähnen, die zieht Euch den

besten irrenden Ritter aus dem Drecke, daß einem

das Herz im Leibe lacht. O du Hurenkind! was sie

für ein Maul am Halse hat und was für eine

Stimme! Sie war einmal oben im Dorfe auf dem

Kirchturm und rief von da etlichen Knechten ihres

Vaters im Brachfelde, wohl eine halbe Meile davon,

und die hörten's, als hätten sie unten am

Turm gestanden; und was das Beste an ihr ist, so

heuchelt sie nicht, nein, sie ist sehr beredsam, sie ist

lustig mit allen, und über alles hat sie ihren Spaß

und ihr Gelächter. Nun sag' ich auch, Herr Ritter

von der traurigen Gestalt, daß Ihr für diese nicht

nur Eure Unsinnigkeiten vornehmen könnt, sondern

Ihr mögt auch wohl mit vollem Rechte

desperat, ja besessen werden, und jeder, der es erfährt,

wird gewiß meinen, daß Ihr nicht zuviel

leidet, wenn Euch auch der Teufel gar holen sollte.

Ich wünschte nur, daß ich schon auf dem Wege

wäre, bloß um sie zu sehen, denn ich habe sie sehr

lange nicht gesehen und sie muß sich wohl sehr verändert

haben, denn die Weiber verderben ihr Gesicht

bald, wenn sie immer im Felde, in der Sonne

und in der Luft herumlaufen müssen. Aber ich gestehe

meinem gnädigen Herrn Don Quijote, daß ich

bisher in einem tüchtigen Irrtum gelebt habe, denn

ich meinte nicht anders, als die Dame Dulzinea sei

irgendeine Prinzessin, in die Ihr verliebt wäret,

oder so eine Person, die die reichen Präsente verdiente,

die Ihr ihr zugeschickt habt, wie die Biskayer

und die Ruderknechte, nebst noch vielen

andern, denn Ihr müßt doch wohl schon viele Siege

in jener Zeit gewonnen und davongetragen haben,

als ich noch nicht Euer Stallmeister war; aber im

Ernst gesprochen, was sollen sie wohl bei der gnädigen

Aldonza Lorenzo, ich will sagen, gnädigen

Dulzinea von Toboso, die Überwundenen, die Euer

Gnaden schickt und noch schicken wird, daß sie sich

vor ihr auf die Knie hinschmeißen sollen? Denn

es kann sich fügen, wenn die Gefangenen ankommen,

daß sie gerade Flachs hechelt oder auf

der Tenne drischt, so werden die sich ärgern, und

sie wird wohl gar darüber spotten und sich lustig

machen.«

»Ich habe es dir schon sonst oftmals gesagt,

Sancho,« sagte Don Quijote, »daß du ein Schwätzer

seist und so dummköpfig du bist, willst du dich doch

oft mit Spitzfindigkeiten befassen; damit du aber

einsiehst, wie narrenhaft du bist und wie verständig

ich bin, so höre nur eine kurze Erzählung an. Eine

schöne, junge, unabhängige und reiche Witwe, die

überdies noch sehr lebhaft war, verliebte sich nämlich

in einen jungen Burschen, der rundlich und von

versprechender Statur war. Dies erfuhr ihr Oheim

und sagte eines Tages in Form eines freundschaftlichen

Vorwurfes zu ihr: ›Ich bin sehr darüber verwundert,

gnädige Frau, und nicht ohne Ursache, wie

eine so vornehme, schöne und reiche Dame sich in

einen so albernen, geringen, einfältigen und bäurischen

Menschen verlieben kann, da doch in diesem

Hause so viele Doktoren, Magister und gelehrte

Theologen sind, unter denen Ihr nur, wie unter

gutem Obste, auswählen dürftet und sagen, diesen

mag ich, jenen mag ich nicht.‹ Aber mit Lächeln und

vieler Freimütigkeit antwortete ihm die Witwe:

›Mein gnädiger Herr, Ihr seid im Irrtum und

schlecht beraten, wenn Ihr meint, ich hätte mit

diesem Einfältigen eine schlechte Wahl getroffen,

wenn er auch noch so sehr Dummkopf ist, denn

dazu, wozu ich ihn will, weiß er so viel und mehr

Philosophie als Aristoteles.‹ -- Ebenso, Freund

Sancho, wozu ich die Dulzinea von Toboso will, gilt

sie mir soviel wie die höchste Prinzessin auf Erden.

Ebenso machen es die Poeten, wenn sie eine Dame

unter irgendeinem Namen vergöttern, den sie nach

ihrer Willkür erdichten. Meinst du, daß alle Amarillis,

Phyllis, die Sylvien, Dianen, Galatheen,

Alinen und noch viele andere, von denen die

Bücher, Romanzen, Barbierstuben und Schauspiele

angefüllt sind, wirkliche Damen von Fleisch und

Blut waren und die wirklichen Geliebten von

denen, die sie besungen? Nein wahrhaftig nicht,

sondern die meisten erfinden sie nur, um einen

Gegenstand für ihre Gedichte zu haben und damit

man sie für verliebt halte und für Leute, die imstande

wären, es zu sein; und darum ist es mir

auch genug, wenn ich denke und glaube, daß die

ehrliche Aldonza Lorenzo schön und tugendhaft sei,

die Abkunft tut wenig, denn sie wird niemals danach

gefragt werden, um ein Stiftsfräulein abgeben

zu können, und so bilde ich mir meinerseits ein,

daß sie die höchste Prinzessin auf Erden ist. Denn

du mußt wissen, Sancho, wenn du es nicht schon

weißt, daß zwei Dinge von allen am meisten zur

Liebe reizen, nämlich große Schönheit und guter

Ruf, und diese beiden Dinge finden sich allervollkommenst

bei Dulzinea, denn in der Schönheit

kommt ihr niemand gleich und im guten Rufe

kommen ihr nur wenige nahe; und um alles kürzlich

zu beschließen, ich bilde mir ein, daß alles so

ist, wie ich es sage, ohne daß weder links noch

rechts etwas mangelt, in meiner Einbildung male

ich sie mir so aus, wie ich sie wünsche, sowohl was

Schönheit als hohe Tugend betrifft, und so kommt

ihr Helena nicht nahe und Lukrezia erreicht sie

nicht, noch irgendeine andere berühmte Frau der

verflossenen Zeitalter, sei sie griechisch, barbarisch

oder lateinisch; jeder mag hierauf antworten, was

er Lust hat, denn wenn mich auch deshalb die Einfältigen

tadeln sollten, so werden mich doch die

Strengen gewiß darum nicht schelten.«

»Ich sehe, gnädiger Herr, Ihr habt vollkommen

recht,« antwortete Sancho, »und ich bin ein Esel.

Doch, wie kommt mir nur dies Wort aus dem

Munde? In dem Hause des Gehängten soll man ja

nicht vom Stricke reden; aber macht nur den Brief

und ich will mein Maul halten.«

Don Quijote nahm die Schreibtafel, ging beiseite

und schrieb mit vieler Andacht den Brief

nieder; als er fertig war, rief er den Sancho herbei

und sagte, daß er ihm den Brief vorlesen wolle,

damit er ihn im Gedächtnisse behalte, wenn die

Schreibtafel etwa auf der Reise verlorenginge, weil

er von seinem Unglück alles zu fürchten habe.

Hierauf antwortete Sancho: »Schreibt es nur

drei- oder viermal im Buche nieder und gebt es

mir, denn ich will es wohl gut aufheben; aber zu

glauben, daß ich's im Gedächtnisse behalten könnte,

ist nur Narrheit, denn mein Gedächtnis ist so

schlecht, daß ich oft meinen eigenen Namen vergesse.

Aber leset es mir doch vor, gnädiger Herr, und ich

werde mich sehr darüber freuen, denn der Brief ist

gewiß wie gegossen.«

»Höre zu, denn also lautet er,« sagte Don

Quijote.

~Don Quijotes Brief an Dulzinea

von Toboso.~

Monarchin! Erhabene Herrscherin!

Der von der Trennung tief Verwundete, der

von den Pfeilen zerrissenen Herzens, sendet Dir,

o süßeste Dulzinea von Toboso, das: Wohl sei Dir!

welches ihm mangelt. Wenn Deine Schönheit mich geringschätzt,

wenn Dein Adelsinn mir entgegen, wenn

Deine Verschmähung zu meiner bitteren Qual gereicht,

obgleichen ich schon im Leiden geübt, so vermag

doch nicht, in dieser Pein länger zu verharren,

die, außer daß sie schrecklich, auch zu immerwährend

ist. Mein wackerer Stallmeister Sancho wird Dir,

o schöne Undankbare, geliebte Feindin meiner, getreu

erzählen, auf was Weise ich zu Liebe Dir

zurück verbleibe: gefällt es Dir, mir beizustehen,

so bin ich der Deinige, wenn nicht, so tue, was zu

Deinem Gefallen gereicht, denn mein Leben beschließend

habe ich alsdann so Deiner Grausamkeit

genug getan, wie meinem Wunsche.

Der Deinige bis in den Tod.

Der Ritter von der traurigen Gestalt.

»Bei meines Vaters armer Seele,« rief Sancho

aus, als er diesen Brief gehört hatte, »das ist das

erhabenste Ding, das mir nur jemals vorgekommen

ist! Wahrhaftig, wie steht da alles zusammen, wie

man's nur wünschen kann und wie herrlich schraubt

es sich endlich ein in die Unterschrift: Der Ritter

von der traurigen Gestalt. Meiner Seel, ich sage

doch immer, Ihr seid der leibhaftige Teufel, es

gibt gar nichts, was Ihr nicht könntet.«

»Alles«, antwortete Don Quijote, »ist in dem

Amte, welches ich bekleide, vonnöten.«

»Nun aber«, sagte Sancho, »schreibt mir auch

auf einem andern Blatte den Zettul wegen der

drei Eselsfüllen und macht die Unterschrift klar

und deutlich, damit sie jeder gleich kennt.«

»Gern,« sagte Don Quijote, und nachdem er

geschrieben hatte, las er ihm folgendes vor:

»Bitte Ew. Wohlgeboren, meine liebe Nichte,

auf diesen Schein über Eselsfüllen, dem Sancho

Pansa, meinem Stallmeister, drei von den fünfen,

die im Hause geblieben, zu überliefern. Solche

drei Füllen bitte ihm als Bezahlung für gleichmäßige

Valuta zu reichen, die bar empfangen.

Dies und seine Quittung hierüber werden alles berichtigen.

Gegeben im Innern des schwarzen Gebirges,

am zweiundzwanzigsten Augustus des jetzt

laufenden Jahres.«

»Es ist gut,« sagte Sancho, »nun unterschreibet

nur.«

»Das Unterschreiben ist nicht nötig,« sagte Don

Quijote, »sondern ich will nur meinen Namenszug

hinzufügen, der gilt soviel als eine Unterschrift

für die drei Esel, und selbst wenn es dreihundert

wären.«

»Ich verlasse mich auf Euer Gnaden,« antwortete

Sancho; »nun gut, so wollen wir denn den

Rosinante satteln und Ihr erteilt mir Euren Segen;

denn ich will nun gleich abreisen, ohne die Narrheiten

weiter zu sehen, die Ihr angeben wollt,

und ich will sagen, daß ich so viele gesehen habe,

als nur mein Herz wünschen konnte.«

»Ich wünsche wenigstens, Sancho, und nur weil

es nötig ist, wünsche ich dieses, daß du mich nackt

sehen mögest und nur ein oder zwei Dutzend Unsinnigkeiten

vollführen, denn ich will sie in weniger

als einer halben Stunde fertig haben; hast du

diese selbst mit Augen gesehen, so magst du auf

alle übrigen schwören, die du noch hinzufügen willst,

wobei ich versichere, daß du nicht so Mannigfaltiges

sollst erzählen können, als ich zu vollbringen mir

vorgesetzt habe.«

»Um Gottes willen, liebster gnädiger Herr, laßt

mich Euch nicht nackend sehen, denn das würde

mich so betrübt machen, daß ich weinen müßte,

und der Kopf ist mir schon von dem Weinen so

schwer, was ich diese Nacht des Grauen halber getrieben

habe, daß ich das Heulen nicht von neuem

anfangen mag: gefällt es Euch aber, daß ich ihrer

etliche von Euren Unsinnigkeiten sehe, so macht sie

doch in den Kleidern, und zwar die ersten besten,

die Euch in den Wurf kommen, denn für mich ist

dergleichen eigentlich gar nicht nötig, denn, wie gesagt,

es verspätet nur meine Zurückkunft, wo ich

Euch solche Nachrichten bringen werde, wie Ihr sie

wünscht und verdient; geschieht's nicht, so nehme

sich die Dame Dulzinea nur in acht, denn wenn sie

nicht antwortet, wie sich's gehört, so schwör' ich

hoch und teuer, ich will Ihr die schickliche Antwort

mit Tritten und Maulschellen aus dem Magen

herausholen, denn warum soll man's denn leiden,

daß ein so berühmter irrender Ritter wie Ihr seid,

um nichts und wieder nichts unsinnig wird für

eine -- -- --. Die gute Dame soll mich nur nicht

ausreden lassen, denn wahrhaftig, wenn ich erst

ins Sprechen komme, so ist es um sie getan, ich

bin dazu der rechte Kerl, sie kennt mich nicht, aber

meiner Seel, wenn sie mich kennt, so mag sie mich

zum Frühstück nehmen.«

»Wahrlich, Sancho,« sagte Don Quijote, »dem

Anscheine nach bist du nicht gescheiter als ich.«

»So unsinnig bin ich nicht,« antwortete Sancho,

»aber hitzköpfiger; doch, von was anderem, was

werdet Ihr denn unterdessen essen, bis ich wiederkomme?

Wollt Ihr wie Cardenio auf der Straße

lauern und die Hirten plündern?«

»Sei deshalb unbesorgt,« antwortete Don Quijote,

»denn hätte ich gleich andere Speise, so würde

ich doch nichts als die Krauter dieser Wiese und

die Früchte essen, die mir diese Bäume reichen,

denn das ist eben die Blume meiner Unternehmung,

nicht zu essen und andere Kasteiungen auszuhalten.«

Hierauf sagte Sancho: »Wißt Ihr, gnädiger

Herr, was ich fürchte? daß ich den Platz nicht

wiederfinde, wo ich Euch jetzt verlasse, denn er ist

gar zu abgelegen.«

»Präge dir gut die Merkmale ein, denn ich

will mich gewiß nicht aus dieser Gegend entfernen,«

sagte Don Quijote, »auch werde ich darauf denken,

oft den Gipfel der allerhöchsten Felsen zu besteigen,

um mich droben umzusehen, ob du nicht

wiederkommst; das Beste und Sicherste aber wird

sein, damit du nicht zweifelst und dich verirrst, daß

du von dem hier häufigen Ginster etwas nimmst

und es von Zeit zu Zeit ausstreust, bis du das

offene Land gewinnst, dies wird dir ebenso zum

Wegweiser und Merkmal dienen, mich wiederzufinden,

wie der Faden dem Perseus aus dem

Labyrinthe half.«

»Das soll geschehen,« antwortete Sancho Pansa;

er nahm Ginster, bat seinen Herrn um seinen

Segen und unter häufigen Tränen von beiden

Seiten nahm er Abschied von ihm. Er bestieg den

Rosinante, den ihm Don Quijote fleißig empfahl,

daß er für ihn sorgen möchte, als wenn er es selbst

wäre, worauf sich Sancho auf den Weg nach dem

flachen Lande machte, indem er von Zeit zu Zeit

Zweige des Ginsters ausstreute, wie es ihm sein

Herr geraten hatte: so entfernte er sich, obgleich

ihn Don Quijote noch immer quälte, daß er bleiben

möchte, um ihn etliche Tollheiten machen zu sehen.

Er hatte sich aber noch nicht hundert Schritte entfernt,

als er wieder umkehrte und sagte: »Ihr

habt doch recht gehabt, gnädiger Herr, daß ich

Euch muß Unsinnigkeiten anstellen sehen, damit

ich mit gutem Gewissen schwören kann, und darum

will ich um etliche bitten, obwohl das freilich die

tollste ist, daß ich Euch hier allein lasse.«

»Habe ich es dir nicht gesagt?« sagte Don Quijote,

»warte, mein Sancho, in einem Vaterunser

ist es geschehen.« Mit großer Eile zog er hierauf

die Beinkleider ab und blieb im Hemde, und mir

nichts dir nichts schlug er zweimal Rad und warf

sich zweimal über, den Kopf unten und die Beine

in die Höhe, indem er Dinge zeigte, die, um sie

nicht noch einmal zu sehen, den Sancho bewogen,

den Rosinante umzuwenden, völlig zufrieden und

hinlänglich vorbereitet, um schwören zu können,

sein Herr sei unsinnig. Wir lassen ihn seine Straße

ziehen, bis er wiederkommt, welches nicht lange

dauern wird.

~Zwölftes Kapitel~

Welches die Fortsetzung der Subtilitäten enthält, die Don

Quijote als Verrückter im schwarzen Gebirge

unternahm

Um auf das zurückzukommen, was der von der

traurigen Gestalt vornahm, als er sich allein sah,

so erzählt die Geschichte, daß, wie Don Quijote

mit seinem Radschlagen fertig war, von der Mitte

bis unten nackt und seine obere Hälfte bekleidet,

und er bemerkte, daß Sancho fortgeritten, ohne

weiter nach seinen Narrheiten hinzuschauen, bestieg

er den Gipfel eines hohen Felsen und überlegte

noch einmal, was er schon oft überlegt hatte,

ohne einen Entschluß fassen zu können, ob es nämlich

besser und ihm geziemlicher sei, den Roldan in

seinen schädlichen, oder den Amadis in seinen

schwermütigen Unsinnigkeiten nachzuahmen, worauf

er so zu sich selber redete: War Roldan wirklich

ein so wackerer und tapferer Ritter, wie allgemein

von ihm gesagt wird, wo steckt da das Wunderbare?

denn am Ende war er doch immer bezaubert

und keiner konnte ihn umbringen, wenn er ihn

nicht mit einer Nadel in einen einzigen Punkt

seines Fußes stach, weshalb er immer Schuhe mit

siebenfachen eisernen Sohlen trug: ob ihm gleich

diese Kunst nichts gegen den Bernardo del Carpio

half, der sie wußte und ihn bei Roncesvalles in

seinen Armen erdrückte. Wir wollen aber seine

Tapferkeit beiseitesetzen und nun auf sein Verstandverlieren

kommen; gewiß ist es, er verlor

ihn wegen der Zeichen, die er an der Quelle fand

und über die Nachrichten, die ihm ein Schäfer gab,

wie Angelika viele Stunden mit dem Medor, einem

jungen Mohren mit schönen Locken und Edelknaben

des Agramant, geschlafen habe: und indem

er die Wahrheit davon einsah, und daß seine Dame

ihm diesen Schimpf wirklich angetan habe, vollbrachte

er nichts sonderliches darin, unsinnig zu

werden. Aber ich, wie kann ich ihm in seinen Unsinnigkeiten

nachahmen, wenn ich ihn nicht auch

in der Ursache derselben nachahme? denn ich möchte

wohl darauf schwören, daß meine Dulzinea von

Toboso zeit ihres Lebens keinen Mohren mit

Augen gesehen hat, so wie er ist und in seiner

Landestracht, und daß sie so unschuldig ist, wie

die Mutter, die sie gebar: auch bezeigte ich ein

hauptsächliches Unrecht, wenn ich anders von ihr

dächte und also in der Art unsinnig würde, wie der

rasende Roldan seine Unsinnigkeiten beging. Auf

der andern Seite leuchtet mir ein, wie Amadis von

Gallia, ohne den Verstand zu verlieren, ohne Unsinnigkeiten

zu begehen, sich wohl als Verliebter

noch größeren Ruhm erwarb, denn wie seine Geschichte

erzählt, wurde er von seiner Dame Oriana

verschmäht, die ihm geboten hatte, nicht eher, als

bis es ihr Wille sei, in ihrer Gegenwart zu erscheinen:

er zog sich deshalb auf den Felsen Arnuth

zurück, seine Gesellschaft war ein Einsiedel, und

dorten weinte er so lange, bis ihm der Himmel in

seiner größten Not und Bedrängnis Hilfe sendete.

Ist dies nun wahr, wie es wahr ist, warum soll ich

mich damit abquälen, ganz nackt herumzulaufen,

diesen Bäumen Schaden zuzufügen, die mir kein

Leid tun, warum soll ich das Wasser dieser klaren

Bächlein trüben, die mir, wenn ich durstig bin,

zu trinken reichen müssen? Nein! es lebe Amadis!

und ihm will Don Quijote von la Mancha nachahmen,

so gut er es nur kann: wenigstens soll

man auch auf ihn den bekannten Ausspruch anwenden

können, daß, wenn er große Taten nicht

vollendet, er im Versuche starb. Und wenn ich auch

nicht von meiner Dulzinea verworfen oder verachtet

bin, so ist es, wie schon gesagt, genug, von

ihr entfernt zu sein. Auf dann! die Hand ans

Werk! Kommt in mein Gedächtnis, all ihr Handlungen

des Amadis und lehrt mich, wie ich den

Anfang mache, euch nachzuahmen! Doch ich erinnere

mich, das Vorzüglichste, was er tat, war beten und

dieses will ich auch tun. --

Er zog hierauf einige große Galläpfel vou

einer Eiche auf einen Faden, die ihm zum Rosenkranze

dienen mußten; was ihn aber sehr bekümmerte,

war, daß er keinen Einsiedler auffinden

konnte, dem er beichtete und mit dem er sich

tröstete, er mußte sich also damit unterhalten, auf

der kleinen Wiese auf und ab zu gehen, Verse in

die Rinde der Bäume zu schneiden oder im Sande

niederzuschreiben, die seine Traurigkeit besangen

und andere zum Lobe Dulzineas waren; diejenigen,

die man noch fand und die man noch lesen konnte,

als man sie fand, waren nicht mehr als folgende:

Ihr Pflanzen, so frisch und so heiter,

die ihr auf dem Platze hier seid,

ihr Bäume, ihr grünenden Kräuter,

wenn ihr euch des Unglücks nicht freut,

so hört meine Klagen nun weiter.

Macht doch meinen Schmerz nicht zur Zote,

denn er ist so fürchterlich ja,

so steht euch ein Bach zu Gebote,

denn hier bewein' ich, Don Quijote,

die Trennung von Dulzinea

von Toboso.

Hier ist er, der Ort, den erwählet

der Liebende, ewig getreu,

der ihn der Geliebten verhehlet,

hier reißet der Schmerz ihn entzwei,

er weiß nicht recht, was ihn so quälet.

Die Liebe, sie schleppt ihn im Kote,

wie keinem es jemals geschah,

drum welkt er wie Bohn' oder Schote

denn hier bewein' ich, Don Quijote,

die Trennung von Dulzinea

von Toboso.

Er suchte wohl hier Abenteuer

in Orten, an Felsen so reich,

er flüchtete dem Ungeheuer,

doch hört er im wüsten Gesträuch

von Leiden nur die alte Leier.

Es peitscht ihn die Liebe zu Tode

und bleibet zur Marter ihm nah,

drum kratzt er den Kopf mit der Pfote,

denn hier bewein' ich, Don Quijote,

die Trennung von Dulzinea

von Toboso.

Bei denjenigen, die diese Verse fanden, erregte

der Zusatz von Toboso nach dem Namen Dulzinea

ungemeines Gelächter, denn sie glaubten, daß Don

Quijote glauben müsse, daß, wenn er Dulzinea

nenne und nicht auch das Toboso hinzufügte, die

Strophe unverständlich bliebe: und dies war auch

in der Tat der Fall, wie er es nachher gestanden

hat. Er schrieb noch mehr Gedichte, aber wie gesagt,

sie erhielten sich nicht und nur diese drei

Strophen blieben vollständig übrig. Hiermit und

daß er seufzte und die Faunen und Sylvanen der

Gebüsche dort anrief, die Nymphen der Flüsse und

die trauernde klägliche Echo, wie sie ihm alle

antworten, Trost geben und zuhören möchten,

unterhielt er sich; auch suchte er Kräuter, um sich

mit diesen so lange zu erhalten, bis Sancho wiederkäme:

wenn dieser so drei Wochen weggeblieben

wäre, wie er drei Tage ausblieb, so wäre der

von der traurigen Gestalt so ungestalt geworden,

daß ihn seine leibliche Mutter selbst nicht wiedererkannt

hätte.

Wir wollen ihn jetzt in seinen Seufzern und

Versen verhüllt lassen, um zu erzählen, was dem

Sancho Pansa auf seiner Gesandtschaft begegnete.

Als er auf die große Straße gelangt war, machte

er sich auf den Weg nach Toboso und gelangte

am folgenden Tage bei der Schenke an, wo ihn

das Mißglück mit der Prelle betroffen hatte; er

hatte die Schenke kaum erblickt, als es ihm auch

schon so war, als wenn er wieder in den Lüften

flöge, weshalb er auch nicht einkehren wollte, obgleich

es eine Stunde war, in der er es wohl gekonnt

und gesollt hätte, denn es war um die

Mittagszeit, und er auch ein großes Verlangen

spürte, etwas Warmes zu essen, weil er schon seit

vielen Tagen danach großen Hunger empfunden

hatte. Dieser große Appetit trieb ihn auch bis dicht

an die Schenke hinan, aber doch blieb er noch ungewiß,

sollte er einkehren oder nicht: wie er noch

in dieser Gemütsverfassung war, kamen zwei Leute

aus der Schenke, die ihn sogleich kannten und von

denen der eine zum andern sagte: »Herr Lizentiat,

ist der auf dem Pferde da nicht Sancho Pansa, von

dem die Haushälterin unseres Abenteurers sagte,

daß er mit seinem Herrn als Stallmeister fortgezogen

sei?«

»Er ist es,« sagte der Lizentiat, und ebendas

Pferd gehört auch unserm Don Quijote.

Diese Leute kannten ihn so gut, weil sie der

Pfarrer und der Barbier desselben Ortes waren,

die nämlichen, die das Verhör und Gericht über

die Bücher gehalten hatten. Wie diese nun den

Sancho Pansa samt dem Rosinante erkannt hatten,

begierig, von Don Quijote Neuigkeiten zu hören,

liefen sie gleich zu ihm, und der Pfarrer rief ihn

bei seinem Namen und sagte: »Freund Sancho

Pansa, wo bleibt denn Euer Herr?«

Sancho Pansa kannte sie auch gleich und nahm

sich vor, es nicht zu verraten, wo und wie sein

Herr zurückgeblieben war: er antwortete also, sein

Herr sei in voller Arbeit an einer gewissen Stelle

und in einer gewissen Sache zurückgeblieben, die erstaunlich

wichtig sei, die er aber nicht verraten

dürfte, so lieb ihm die Augen im Kopfe wären.

»Nein, nein,« sagte der Barbier, »wenn Ihr

uns, Sancho Pansa, nicht sagt, wo er geblieben ist,

so werden wir glauben, wie wir es schon glauben,

daß Ihr ihn umgebracht und geplündert habt, denn

Ihr reitet auf seinem Pferde: wahrhaftig, Ihr

müßt uns den Herrn des Gaules schaffen, oder es

ergeht Euch übel.«

»Ihr braucht mir nicht so zu drohen, denn ich

bin ein Mann, der keinen plündert und keinen

umbringt, jeden bringt sein Schicksal nur, oder

vielmehr Gott selbst. Mein Herr ist hier mitten

im Gebirge zurückgeblieben, wo er nach Herzenslust

Buße tut.« -- Und zugleich erzählte er ihnen

in einem ununterbrochenen Strome, wie er zurückgeblieben

sei, samt allen gehabten Abenteuern und

wie er einen Brief an die Dame Dulzinea von Toboso

bei sich führe, die Tochter des Lorenzo Corchuelo,

in die sein Herr bis über die Augen verliebt sei.

Die beiden standen voll Erstaunen über das,

was Sancho Pansa ihnen erzählte, denn obgleich

sie Don Quijotes Narrheit sowie die Art derselben

kannten, so waren sie doch immer von neuem verwundert,

so oft sie davon hörten. Sie baten Sancho

Pansa, ihnen den Brief zu zeigen, den er an die

Dame Dulzinea von Toboso mit sich führe. Er

sagte, daß er in ein Taschenbuch geschrieben sei und

wie ihm sein Herr befohlen habe, ihn auf Papier

im ersten Orte abschreiben zu lassen, worauf der

Pfarrer sagte, daß er ihn nur zeigen möchte, denn

er wolle ihn selber sehr schön abschreiben. Sancho

Pansa fuhr hierauf mit der Hand in den Busen und

suchte die Schreibtafel; aber er fand sie nicht und

hätte sie nicht gefunden, wenn er auch ewig gesucht

hätte, denn Don Quijote hatte sie behalten

und ihm nicht gegeben, sowie er es auch vergessen

hatte, sie von ihm zu fordern. Als Sancho sah, wie

er das Buch nicht fand, wurde er blaß im Gesichte,

er fühlte sich hierauf noch einmal hastig am ganzem

Körper herum und sah und begriff zum zweiten

Male, daß er sie nicht fand, worauf er sich ohne

weiteres mit beiden Fäusten in den Bart griff, ihn

halb zerzauste und sich dann sehr hastig ohne auszuruhen

ein halbes Dutzend Faustschläge ins Gesicht

und gegen die Nase gab, daß das Blut

herunterfloß. Da dies der Pfarrer und Barbier

sahen, fragten sie, was ihm denn zugestoßen sei,

daß er sich so übel begegne?

»Was wird mir zugestoßen sein,« antwortete

Sancho, »als daß ich, wie man eine Hand umkehrt,

drei junge Esel verloren habe, wovon mir

jeder so wert wie ein Palast war.«

»Wie das?« fragte der Barbier.

»Das Taschenbuch habe ich verloren,« antwortete

Sancho, »worin der Brief an die Dulzinea war und

auch eine Wechselverschreibung von meinem Herrn,

auf die mir die Nichte drei junge Esel von den

vieren oder fünfen ausliefern sollte, die er im

Hause hat;« worauf er ihnen auch den Verlust

seines Grauen erzählte.

Der Pfarrer tröstete ihn und sagte, daß, wenn

er seinen Herrn anträfe, er ihn die Verschreibung

wollte erneuern lassen, und zwar so, daß er sie auf

Papier aufzeichnete wie es gebräuchlich und gewöhnlich

sei, denn Verschreibungen in Taschenbüchern

würden nicht für gültig anerkannt.

Damit tröstete sich Sancho und sagte, daß, wenn

dem so sei, er sich nicht sonderlich gräme, daß er

den Brief an Dulzinea verloren habe, denn er

wüßte ihn auswendig, so daß er niedergeschrieben

werden könnte, wo und wann sie es wollten.

»Sagt ihn gleich her, Sancho,« sprach der Barbier,

»wir wollen ihn gleich niederschreiben.«

Sancho Pansa stand still, kratzte den Kopf, um

den Brief ins Gedächtnis zu locken; bald stellte er

sich auf den einen Fuß und bald auf den andern,

jetzt schaute er die Erde an und jetzt wieder den

Himmel, und nachdem er sich die halbe Spitze vom

Finger heruntergebissen hatte und die beiden in

der größten Erwartung standen, was er doch sagen

würde, sagte er endlich nach einer ewigen Pause:

»Mein Seel, Herr Lizentiat, der Teufel soll gleich

das Wort holen, das ich noch aus dem ganzen

Briefe weiß, außer das im Anfange gesagt wurde:

Erhabene Herrscherin! Mein Närrchen!«

»Es wird nicht«, sagte der Barbier, »mein Närrchen

heißen, sondern vielleicht meine Königin oder

Monarchin.«

»So ist es auch,« sagte Sancho, »und gleich

darauf, wenn ich mich recht erinnere, kam -- --

-- -- wenn ich mich recht erinnere -- -- -- --

der Geplagte und Schlaflose und der Verwundete

küßt eure gnädigen Hände, undankbare und vorzüglich

unbekannte Schöne; und dann kam, ich weiß

nicht, was von Gesundheit und Krankheit, die er

schickte, und dann ging's so weiter, bis es am Ende

hieß: Der Eurige bis in den Tod, der Ritter von

der traurigen Gestalt.«

Das gute Gedächtnis des Sancho Pansa machte

den beiden kein geringes Vergnügen, sie lobten ihn

sehr und baten ihn, den Brief noch einmal und

dann noch einmal wieder herzusagen, und jedesmal

sagte er wieder tausend neue Tollheiten. Hierauf

erzählte er selbst alle Geschichten seines Herrn, aber

er sagte kein einziges Wort von der Prelle, die ihm

in der Schenke widerfahren war, in die er nicht

einkehren wollte; er beschloß damit, wie sein Herr,

wenn er von der Dame Dulzinea von Toboso gute

Botschaft brächte, willens sei, sich auf den Weg zu

machen und Kaiser zu werden oder wenigstens

Despot, denn so wäre es unter ihnen beiden ausgemacht,

nach der Tapferkeit seiner Person und der

Gewalt seines Armes müsse ihm auch dieses Ding

ziemlich leicht werden, wenn das geschehe, so wolle

er ihn verheiraten, denn er würde dann wohl

Witwer sein und müßte es sein, dann sollte er das

Fräulein der Kaiserin zur Gemahlin kriegen, die

eine reiche und große Herrschaft auf dem festen

Lande erbte, denn aus Inseln oder Eiländern mache

er sich nichts.

Dies alles sagte Sancho mit solcher Ruhe, indem

er sich von Zeit zu Zeit die Nase wischte und so

ohne Verstand, daß die beiden sich von neuem verwunderten,

indem sie erwogen, wie gewaltig Don

Quijotes Tollheit sein müsse, weil sie auch den

Verstand dieses armen Kerls mit sich genommen

habe. Sie wollten sich die Mühe nicht geben, ihm

seinen Irrtum zu benehmen, denn sie meinten, daß

dadurch seinem Gewissen kein Schaden widerführe,

wenn sie ihn darin ließen, wodurch seine Narrheiten

ihnen überdies Vergnügen machten; sie sagten

ihm also, er möchte nur für die Wohlfahrt seines

Herrn zu Gott beten, denn es sei ein überaus mögliches

und wahrscheinliches Ding, daß er im Verlaufe

der Zeit wohl Kaiser würde, oder wenigstens

Erzbischof oder eine andere ähnliche Würde bekäme.

Worauf Sancho antwortete: »Meine Herren,

wenn das Schicksal nun die Sachen so einrichten

sollte, daß es meinem Herrn einfiele, nicht Kaiser,

sondern Erzbischof zu werden, so möchte ich wohl

wissen, was denn die irrenden Erzbischöfe ihren

Stallmeistern zu geben pflegen.«

»Sie geben ihnen wohl«, antwortete der Pfarrer,

»irgendeine Kirchenstelle oder einen Küsterdienst, der

etwas Tüchtiges einträgt, die Akzidenzen ungerechnet,

die sich wohl ebenso hoch belaufen mögen.«

»Da wird's wohl nötig sein,« versetzte Sancho,

»daß der Stallmeister nicht verheiratet ist und daß

er wenigstens bei der Messe helfen kann, aber ach!

ich armes Kind! ich bin verheiratet und weiß nicht

die ersten Buchstaben vom Abc. Was soll aus mir

werden, wenn sich's mein Herr in den Kopf setzt,

Erzbischof und nicht Kaiser zu werden, wie es doch

sonst bei den irrenden Rittern Gebrauch und Herkommen ist?«

»Seid ohne Sorgen, Freund Sancho,« sagte der

Barbier, »denn wir wollen euren Herrn bitten und

ihm noch dazu den Rat geben, ja es ihm zur Gewissenssache

machen, Kaiser und nicht Erzbischof

zu werden, für ihn wird dies auch viel leichter sein,

denn er ist mehr ein Held als ein Gelehrter.«

»Das glaub' ich auch,« sagte Sancho, »doch muß

ich sagen, daß er zu allen Dingen Fähigkeiten hat;

was ich von meiner Seite tun will, ist, den lieben

Herrgott zu bitten, daß er ihm das gebe, was ihm

am meisten diene und wobei er mir das meiste

geben kann.«

»Das ist eine verständige Gesinnung,« sagte der

Pfarrer, »und darin handelt Ihr wie ein guter

Christ; worauf wir aber jetzt denken müssen, ist

auf die Art, wie wir Euren Herrn aus der unnützen

Buße erlösen, die er jetzt verübt, wie Ihr sagt;

damit wir aber besser darauf sinnen und zugleich

essen können, denn es ist Mittag, wollen wir in

diese Schenke hineingehen.«

Sancho sagte, daß sie nur hineingehen möchten,

er aber wolle draußen warten und ihnen nachher

die Ursache entdecken, warum er nicht hineingehe

und es ihm widerwärtig sei, hineinzugehen; daß er

sie aber bäte, ihm etwas zu essen, und zwar etwas

Warmes zu bringen, auch Hafer für den Rosinante.

Sie gingen hinein und er blieb draußen, und nach

einiger Zeit brachte ihm der Barbier etwas zu

essen.

Hierauf beratschlagten sich die beiden gründlich,

wie sie ihren Vorsatz ausführen wollten, und der

Pfarrer kam endlich auf einen Gedanken, der ganz

in Don Quijotes Sinn und auch so beschaffen war,

wie er zu ihrem Zwecke taugte; er sagte nämlich

dem Barbier, wie sein Gedanke sei, sich als eine

irrende Jungfrau anzukleiden, und daß er sich,

so gut es anginge, als Stallmeister zurechtmachen

möchte, so wollten sie sich hinbegeben, wo Don

Quijote sei, er wolle dann eine betrübte und bedrängte

Jungfrau vorstellen, die eine Gabe von

ihm flehte, welche er ihr nicht als ein wackerer

irrender Ritter abschlagen könne; die Gabe aber,

um die er flehen wolle, sei, daß er mit ihr ziehen

möge, wohin sie ihn führte, um ein Leiden zu entwickeln,

in das sie ein schlechter Ritter verwickelt

habe, und daß er ihn auch darum bäte, daß er nicht

befehlen möchte, sie solle den Schleier aufheben,

auch nichts Weiteres von ihr zu erfahren trachten,

bis er die Ungeradheit jenes schlechten Ritters gerade

gemacht. Er glaube, Don Quijote würde in

dieser Form alles bewilligen, worum er nur bäte,

und so wollten sie ihn aus dem Gebirge locken und

nach seiner Heimat bringen, um ihn dort, wenn es

möglich wäre, von seiner außerordentlichen Tollheit

zu heilen.

~Dreizehntes Kapitel~

Wie es mit dem Plane des Pfarrers und Barbiers geriet,

nebst anderen Dingen, würdig, in dieser großen Geschichte

vorgetragen zu werden

Dem Barbier mißfiel die Erfindung des Pfarrers

nicht, sondern sie erschien ihm so gut, daß sie sogleich

zur Ausführung schritten. Sie ließen sich von

der Wirtin ein Kleid und etliche Röcke geben, wofür

der Pfarrer ein ganz neues Priesterkleid zum

Pfand einsetzte. Der Barbier machte sich einen

weißlichen oder gelblichen Bart von einem Ochsenschwanze,

an dem der Wirt seine Kämme aufhing.

Die Wirtin fragte sie, was sie mit diesen Dingen

anstellen wollten. Der Pfarrer erzählte ihr kürzlich

Don Quijotes Narrheit und wie diese Verkleidung

dazu dienen solle, ihn aus dem Gebirge

herauszulocken, in dem er sich jetzt aufhielte. Der

Wirt und die Wirtin fielen sogleich darauf, daß

dieser Narr gewiß ihr Gast mit dem Balsam und

der Herr des geprellten Stallmeisters sein müsse;

sie erzählten dem Pfarrer hierauf alles, was sich

mit diesen beiden zugetragen hatte, ohne das zu

verschweigen, was Sancho so vorsorglich verschwieg.

Die Wirtin kleidete endlich den Pfarrer so an, wie

man nichts Schöneres sehen konnte, sie legte ihm

nämlich ein tuchenes Kleid an, das voller schwarzer

Samtbänder hing, die eine Spanne breit und ausgepackt

waren, hierauf ein Leibchen von grünem

Samt mit ganz weißen Bandschleifen, wovon alles

aus den Zeiten des Königs Bamba zu sein schien.

Der Pfarrer litt nicht, daß man ihn coiffürte,

sondern er setzte auf den Kopf ein baumwollenes

Mützchen, das er nachts zum Schlafen bei sich hatte,

und um die Stirn band er ein Strumpfband von

schwarzem Taft, mit einem andern Strumpfband

machte er sich ein Vorhängsel, womit er ziemlich

gut Bart und Gesicht verdeckte; dann drückte er

sich den Hut in die Augen, der so groß war, daß er

ihm wohl zum Sonnenschirm dienen konnte, worauf

er noch einen langen Mantel überwarf und sich

quer auf sein Maultier setzte. Der Barbier bestieg

seinen Esel, mit seinem Barte, der ihm bis auf

den Gürtel reichte und ins Weiße und Gelbliche

spielte und der, wie schon gesagt, aus dem Schwanze

eines tüchtigen Ochsen gemacht war. Sie nahmen

von allen Abschied, auch von der braven Maritorne,

die, so sündhaft sie auch selber sei, einen

Rosenkranz zu beten versprach, damit Gott seinen

Segen verleihe, daß sie die schwierige und so christliche

Unternehmung, die sie unternommen hatten,

glücklich beendigen möchten.

Sie hatten kaum die Schenke verlassen, als

dem Pfarrer der Gedanke kam, daß es von ihm

nicht gut gehandelt sei, sich so auszustaffieren,

sondern im Gegenteil unschicklich für einen Priester,

wenn der Zweck, weshalb es geschähe, auch noch so

gut sei; er sagte dies dem Barbier und bat ihn, den

Anzug umzutauschen, weil es anständiger sei, daß

er die notgedrängte Jungfrau vorstelle; er wolle

der Stallmeister sein und daß er so seinem Amte

weniger vergebe; wolle er dies nicht tun, so sei er

fest entschlossen, nicht weiterzugehen und wenn den

Don Quijote auch der Teufel selbst holen sollte.

Indem kam Sancho hinzu, der über den Aufzug

lachen mußte, in welchem er die beiden sah. Der

Barbier ging alles ein, wie es der Pfarrer wollte,

sie tauschten ihre Masken um, der Pfarrer unterrichtete

ihn, wie er sich gebärden und welche

Redensarten er gegen Don Quijote zu führen habe,

um ihn zu bewegen und zu zwingen, mit ihm zu

gehen und den Ort zu verlassen, den er zu seiner

unnützen Buße ausgewählt hatte. Der Barbier antwortete,

daß er selbst seine Lektion wüßte und sie

gewiß aufs pünktlichste hersagen wolle. Er wollte

sich aber noch nicht ankleiden, bis sie sich an der

Stelle befänden, wo Don Quijote sei; er legte also

den Anzug zusammen, der Pfarrer machte seinen

Bart fest, und so setzten sie ihren Weg fort, von

Sancho Pansa angeführt, der ihnen erzählte, was

ihnen mit dem Verrückten begegnet sei, den sie im

Gebirge gefunden hätten, wobei er aber sorgfältig

den Fund des Mantelsacks und das, was er in

diesem angetroffen hatte, verschwieg, denn so dumm

er auch war, so war dieser brave Herr doch gut

auf sein Bestes bedacht.

Am andern Tage kamen sie an die Stelle, wo

Sancho seine Merkmale, nämlich die Zweige ausgestreut

hatte, um den Platz wiederzufinden, wo er

seinen Herrn gelassen hatte und sowie er sie erkannte,

sagte er, daß dieses der Eingang sei, und

daß sie sich nun anziehen könnten, wenn dies

nötig sei, um seinen Herrn frei zu machen; denn sie

hatten es ihm vorher gesagt, daß diese Reise und

diese Verkleidung bloß angestellt sei, um seinen

Herrn von dem unglückseligen Leben zu befreien,

welches er sich auserwählt habe, und daß es sehr

nötig sei, daß er seinem Herrn nicht sagte, wer sie

wären, oder daß er sie kenne, und wenn er fragte,

wie er gewiß fragen würde, ob er den Brief an

Dulzinea abgegeben habe, sollte er ja sagen, und

weil sie nicht lesen könne, habe sie ihm die mündliche

Antwort gegeben und ihm bei Strafe ihrer

Ungnade befohlen, augenblicklich zu ihr zu kommen,

weil ihr dies vorzüglich am Herzen liege; dadurch

und durch das, was sie ihm sagen wollten, wären

sie versichert, ihn zu einem besseren Leben zurückzubringen

und ihn so anzufrischen, daß er sich

gleich auf den Weg mache, um Kaiser oder Despot

zu werden, denn was den Erzbischof betreffe, darüber

solle er ohne Sorgen sein.

Sancho hörte alles an und prägte es sich gut

ins Gedächtnis, dankte ihnen auch für die gute Absicht,

daß sie seinem Herrn zureden wollten, er

möchte Kaiser und nicht Erzbischof werden, denn er

seinerseits halte dafür, daß, was das angehe, die

Stallmeister trefflich zu bedenken, ein Kaiser mehr

als ein irrender Erzbischof tun könne. Er sagte

auch, daß es besser wäre, wenn er voranginge, ihn

zu suchen und ihm die Antwort von seiner Dame

zu sagen, denn vielleicht sei das schon hinreichend,

ihn von der Stelle zu bringen, ohne daß sie sich so

viele Mühe zu geben brauchten. Den beiden schien

das gut, was Sancho sagte, sie beschlossen also, dort

zu warten, bis er mit der Nachricht, daß er seinen

Herrn gefunden habe, zurückgekehrt sei.

Sancho ritt in die Schlüfte des Gebirges hinein

und ließ die beiden auf einem Platze, wo ein

kleiner friedlicher Bach murmelte und auf dem

Felsen und einige Bäume einen angenehmen frischen

Schatten verbreiteten; die Hitze war groß, denn es

war im August, in welchem Monat die Sonne dort

sehr heiß brennt; drei Stunden nach Mittag waren

verflossen, welches alles ihnen diesen Ort sehr

angenehm machte und sie einlud, hier die Rückkehr

des Sancho zu erwarten, wie sie auch taten. Indem

die beiden im Schatten sich erquickten, vernahmen

sie eine Stimme, die ohne den begleitenden Ton

eines Instrumentes, süß und lieblich erklang, worüber

sie sich nicht wenig verwunderten, denn sie

hielten dies für keine Gegend, in der sich so gute

Sänger aufhalten könnten; denn wenn auch oft

erzählt wird, wie in Wäldern und auf Gefilden

Schäfer mit lieblichen Stimmen wohnen, so ist dies

mehr schöne Erfindung der Poeten als Wahrheit;

da sie überdies noch bemerkten, daß die Verse, die

sie singen hörten, kein Lied eines Bauern sein

könne, sondern von einem feinen Manne herrühren

müssen. Sie wurden hierin bestätigt, denn die

Verse, die sie hörten, waren folgende:

Wer hat mir zerstört mein gutes Glücke?

Die Tücke.

Und was macht mich nun in Qual vergehen?

Verschmähen.

Welcher Lehrer, daß ich dulden lerne?

Die Ferne:

und also machen bessre Sterne

mir niemals lichtern Himmel offen,

vereinigt töten mich das Hoffen,

Verschmähen, Tücke, wie die Ferne.

Wer macht mir mein Leben schwarz und trübe?

Die Liebe.

Und wer scheucht die Freude weit zurücke?

Das Glücke.

Und wer weigert mir zu sein ein Retter?

Die Götter:

Und also brechen tausend Wetter

daß ich muß ein Verlorner sein

nur zum Verderben auf mich ein,

das Glück, die Liebe und die Götter.

Wie kann ich ein beßres Glück erwerben?

Durch Sterben.

Und was macht, das uns die Lieb' erfreue?

Untreue.

Und für wen ist alles Leid verloren?

Dem Toren:

und also bin ich nur geboren,

in meinem Leiden zu verschmachten,

für Helfer sind ja nur zu achten

Untreue, Sterben, oh, des Toren!

Die Stunde, die Einsamkeit, die Stimme und

die Geschicklichkeit dessen, der sang, erregte den

beiden Zuhörern ebensoviel Vergnügen als Verwunderung,

sie hielten sich ruhig, indem sie noch

mehr zu hören erwarteten. Da sie aber sahen, daß

alles schwieg, beschlossen sie aufzustehen und den

Sänger zu suchen, dessen Stimme so lieblich erklang,

und indem sie dies eben ins Werk setzen wollten,

machte dieselbe Stimme, daß sie sich nicht rührten,

denn ein neuer Ton traf ihr Ohr und folgendes

Sonett wurde gesungen.

Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quijote von la Mancha, Erster Band · 第 25 / 26 题