Lulu war schön und fröhlich wie noch nie. Lauscher und Ugel hatten ihr
Abendessen beendet; die Freunde kamen nacheinander im Gasthause an. Als
alle beisammen waren, begab man sich unter dem Vortritt Lauschers, der die
schöne Lulu zierlich am Arme führte, in die große Hinterstube. Hier waren
alle Wände mit Tüchern, Bändern und Girlanden behängt, eine Menge farbiger
Laternen war an der Decke in Figuren gereiht und angezündet, der große
Tisch weiß gedeckt, mit Champagnerkelchen besetzt und mit frischen Rosen
überstreut. Der Dichter überreichte seiner Dame die Lilie des Philosophen,
steckte ihr eine halbgeöffnete Teerose ins Haar und führte sie an den
Ehrenplatz. Alle setzten sich froh und lärmend; ein im Chor gesungenes Lied
eröffnete den Abend. Nun sprangen die Stöpsel von den Flaschen,
überschäumend floß der helle, edle Wein in die zarten Gläser, wozu Erich
Tänzer die Champagnerrede hielt. Witz und Gelächter löste sich ab, mit
Tosen wurde der nachträglich angekommene Drehdichum empfangen, Ugel und
Lauscher trugen jeder ein paar lachende Verse vor. Dann sang die schöne
Lulu ein Lied, das hieß:
Ein König lag in Banden
Und tief in Dunkelheit --
Nun ist er auferstanden
Und heißet Ohneleid.
Nun glänzen bunte Lichter
Und Lieder blank ins Land,
Nun tragen alle Dichter
Ihr farbigstes Festgewand.
Nun blühen Lilien und Rosen
So weiß und rot wie nie,
Nun singt die Harfe Silberlied
Ihre seligste Melodie.
Als das Lied zu Ende war, griff Lauscher tief in den vor ihm stehenden
Rosenkorb und warf applaudierend der Sängerin ganze Hände voll weißer Rosen
zu. Der fröhliche Krieg wurde allgemein, Rosen flogen von Sitz zu Sitz,
Dutzende, hundert, weiße, rote; dem alten Drehdichum hing das Haar und der
graue Bart ganz voll davon. Dieser erhob sich nun, es war schon nahe an
Mitternacht, und begann zu reden:
»Liebe Freunde und schöne Lulu! Wir sehen alle, daß das Reich des Königs
Ohneleid von neuem beginnt. Auch ich muß heute von euch Abschied nehmen,
doch nicht ohne Hoffnung auf Wiedersehen; denn mein König, zu dem ich
zurückkehre, ist ein Freund der Jugend und der Dichter. Wäret ihr
Philosophen, so würde ich euch eine schöne allegorisch-mystische Geschichte
von der Wiedergeburt des Schönen und speziell von der Erlösung des
poetischen Prinzips durch die ironische Metamorphose des Mythus erzählen,
welche Geschichte heute ihr seliges Ende erfährt. So aber tue ich besser,
euch den zu lösenden Rest dieser Geschichte in angenehmen Bildern vor Augen
zu führen. Schauet her, ein askisches Stück!«
Alle blickten seinem ausgestreckten Zeigefinger nach auf einen großen
gestickten Vorhang, mit dem eine Ecke des Zimmers verhangen war. Dieser
Vorhang wurde plötzlich sanft von innen erleuchtet und zeigte ein Gewebe
von zahllosen silbernen Lilien, die eine schön in Marmor gefaßte starke
Quelle umrahmten. Die Kunst des Gewebes und der Beleuchtung war so
wunderbar, daß man die Lilien wachsen, sich neigen und verschlingen, daß
man die Quelle sprudeln und sich ergießen sah, ja, daß man ihr edles kühles
Rauschen stark vernahm.
Aller Augen hingen an dem prachtvollen Vorhang, und keiner bemerkte, daß
schnell nacheinander im Zimmer alle Laternen erloschen. Sie folgten
entzückt und erregt dem Zauberspiel der künstlichen Lilien; nur der Dichter
achtete es nicht, sondern heftete durch das Dunkel den Blick glühend und
anbetend auf die schöne Lulu. Ein heilig schönes, zartes Leuchten lag auf
ihrem feinen Gesicht, matthell und gleichsam vergeistigt schimmerte in
ihrem prachtvollen dunkeln Haar die weiße Rose.
Die Lilien bewegten sich unbeschreiblich schlank und harmonisch in einem
seltsamen Blumenreigen um die Quelle. Ihre Bewegung und feine Verschlingung
hüllte den Sinn der atemlos Zuschauenden in ein süßes, träumendes Netz von
Wunder und Wohlgefallen. Da schlug eine Uhr Mitternacht. Blitzschnell
rollte der glänzende Vorhang in die Höhe: eine weite Bühne tat sich in
tiefer Dämmerung auf. Der Philosoph erhob sich; man hörte im Dunkeln, wie
er den Sessel rückte. Er verschwand und erschien allsogleich auf der Bühne,
Haar und Bart noch voll von Rosen. Allmählich war der Raum der Bühne von
einem immer mehr zunehmenden Licht erfüllt, bis klar und glänzend Quelle
und Liliengarten des Vorhangs nun in edler Wirklichkeit blühend und
rauschend zu erblicken waren.
Damitten stand der Geist Haderbart, als Drehdichum trotz der erhöhten
Gestalt erkennbar. Im Hintergrunde stieg berückend in perlblauer Schönheit
das Opalschloß empor, in dessen Saale durch die weiten Fensterbögen der
König Ohneleid in mächtiger Ruhe thronend zu sehen war. Während das Licht
immer mehr zu strahlendem Glanze wuchs, trug Haderbart durch die sich
bückenden Lilien eine riesige, fabelhafte Harfe aus Silber in die Mitte der
Schaubühne. Der Glanz des Lichtes war nun blendend herrlich geworden und
schauerte in fiebernden Wellen silbern und irisfarbig über die Opalmauern
hin.
Lauschend schlug der Geist eine einzelne tiefe Saite der Harfe an. Ein
großer, königlicher Ton erquoll. Langsam traten die Lilien des
Vordergrundes zur Seite, eine festliche Treppe senkte sich von der Bühne
herab. Im dunkeln Zimmer erhob sich hoch und schlank die schöne Lulu,
schritt über die hinter ihr wieder zurückweichende Treppe hinan und stellte
sich in unsäglicher Schönheit als Prinzessin dar. Mit tiefer Verbeugung
überließ ihr der Geist Haderbart die Harfe; Tränen flossen aus seinen
klaren alten Augen und fielen zusammen mit einer gelösten Rose aus seinem
Bart zur Erde.
Die Prinzessin stand hoch und glänzend vor der Harfe Silberlied. Sie
streckte die Rechte in höchster Bewegung nach dem Schlosse aus, zog die
Harfe an ihre Schulter her und lief mit schlanken Fingern über alle Saiten.
Ein Lied von unerhörter Seligkeit und Harmonie hob an, huldigend scharten
sich alle hohen Lilien um ihre Herrin. Noch ein voller, reiner Griff in die
tönenden Zaubersaiten -- da rauschte mit kurzem Aufschlag der Vorhang
nieder. Einen Augenblick war er noch ganz von inwendigem Glanze
durchleuchtet, in heftiger Bewegung tanzten die gestickten Lilien
durcheinander, immer schneller und rasender, bis nur noch ein einziger
silberner Wirbel zu sehen war, der plötzlich lautlos in völlige Finsternis
versank.
Betäubt und sprachlos standen und saßen die Freunde im finstern Zimmer.
Bald sodann fingen sie an sich zu besinnen. Licht wurde gemacht. Durch
Unvorsichtigkeit kam das ganz vergessene Feuerwerk in Brand und knallte mit
abscheulichem Lärmen durcheinander. Wirt und Wirtin liefen herzu, klagten
und schalten. Ein Nachtwächter pochte von der Straße aus mit dem Spieß an
die verschlossenen Fensterläden. Man schrie und fragte, jeder an den andern
hin.
Aber niemand fand mehr eine Spur von Lulu und dem Philosophen. Der
Referendar Ripplein begann ärgerlich zu werden und von Gaunerei zu reden;
doch hörte niemand auf ihn. Hermann Lauscher war in sein Zimmer entwichen
und hatte von innen geriegelt.
Als er andern Tages in aller Frühe verreiste, war von der schönen Lulu noch
keine Spur gefunden. Da Lauscher sich sogleich ins Ausland begab, kann er
über den ferneren Verlauf der Dinge in Kirchheim keinerlei Mitteilung
machen. Denn er selber hat die vorstehende Geschichte der Wahrheit gemäß
aufgeschrieben.
Schlaflose Nächte.
(Geschrieben 1901.)
Widmung.
Kennt ihr die Muse der Schlaflosigkeit? Die bleiche, wachsame, die an
einsamen Betten sitzt?
An meinem einsamen Bette saß sie viele lange Nächte lang, sie legte mir die
geschmeidige, kranke Hand auf die Stirn, sie sang mir Lieder mit ihrer
müden Stimme, Lieder ohne Zahl, Heimatlieder, Kinderlieder, Lieder der
Liebe, des Heimwehs und der Melancholie. Und statt des entflohenen
Schlummers breitete sie über meine ermüdeten Augen den dünnen, farbigen
Schleier der Erinnerung und der Phantasie.
O diese langen, schleichenden Nächte, in denen unser wahrstes Wesen alle
tagüber gewobenen schmucken Gewänder von sich streift und uns mit Fragen,
Bitten und Vorwürfen bestürmt wie ein krankes Kind! O diese schmerzhaft
klaren Erinnerungen an alle Augenblicke unseres Lebens, in denen wir wider
uns selbst und wider die geheimen Gesetze des Lebens gesündigt haben! Diese
Kette von Blindheit, Grausamkeit und Mißverständnis, mit der wir uns selbst
zu unentrinnbarer Qual an diese angstvollen Stunden geschmiedet haben. Gibt
es einen Menschen von solcher Reinheit, daß er nur eine einzige solche
Nacht seiner Seele in die wahrhaftigen Kinderaugen blicken könnte, ohne
unzähligen Vorwürfen und Selbstpeinigungen zur Beute zu fallen?
Ich weiß es nicht und glaube es nicht. Und dennoch entrann ich diesen
Stunden und lernte sie segnen und sah die Verzweiflung nur auf dunkler
Lauer verborgen liegen, unberührt von ihrem giftigen Atem.
Das war jene Muse, jene bleiche, wachsame, die mit den geschmeidigen Händen
mich vom Abgrund zurückhielt. Ich danke dir, du Fremde, Phantastische, und
widme dir diese Erinnerungen unsrer gemeinsam verträumten, wachen Nächte.
Wie schön du warst, wenn du dein feines, tröstendes Frauengesicht über
meine fiebernden Augen beugtest! Wie schön du warst, wenn du mit mir der
Erinnerung eines alten Liedes lauschtest, still, vorgebeugt, das tiefe Auge
in die Nacht gewendet, die helle vergeistigte Stirn von einer losen Locke
märchenblonden Haares überhangen! Wie schön du warst, wenn du weintest,
wenn du das Auge senktest und schweigend auf dem weißen Bette meine Hand
mit deiner schmalen Linken suchtest, wenn der Traum einer verlorenen Liebe
über dein ernstes Gesicht wie ein leiser schmerzlicher Schatten lief!
Wie schön du warst!
* * * * *
Die erste Nacht.
Regen, Stille, Mitternacht. Wie heißest du, schöne Blasse? Du lächelst, du
legst deine Hand neben meine auf den Rand des Bettes, daß sie wie
Geschwister aussehen. Ich will dich Maria nennen.
Wie hast du mich wiedergefunden, wunderliche Schwester, die ich so langeher
nicht mehr gesehen? Das war vor manchem schönen Jahr, daß ich dir jene
Dichtung vorlas, mit der ich deine Gunst verscherzte. Du bist seither
schöner geworden -- ach hättest du damals den Schluß meiner Novelle
abgewartet, so wären wir zusammen jung geblieben und du säßest nicht an
meinem Bette, um mir die vielen Stunden von Mitternacht bis Morgen ertragen
zu helfen. Aber du nahmst meine Geschichte für Ernst und hast sie damit uns
selber zum Ernst gemacht. Jener ungelesene Schluß ist in den Märchenbrunnen
zurückgefallen und unsre guten Feen weinten, und weinen noch heute darüber.
Erinnerst du dich jenes letzten Abends? Im Veilchengarten, alle Amseln
schlugen. Wir saßen auf der grünen Großvaterbank und hatten unsere Zukunft
wie ein großes Fabelbuch vor uns aufgeschlagen. Ich las dir vor, der große
Ahorn rauschte darein, die Luft und die Geschichte waren voll Veilchenduft.
Ich las dir vor bis zu jener traurigen Stelle -- weißt du noch? Es war
beinahe dunkel geworden und im Goldregenbusch begann die Nachtigall. Ach
hätten wir doch zu Ende gelesen! Aber du weintest und stießest das Buch von
deinem Schoß und liefest fort. Jenen ganzen Abend und die halbe Nacht sang
unsre Nachtigall.
Ich weiß jetzt das Geheimnis der Nachtigall und singe schon lang nach
derselben Weise. Man hört diese Lieder gern, sie gleiten weich und sind
voll Wohllaut, aber der Text ist traurig, er ist sogar zuweilen bitter,
sogar gemein. Ach, die besten Lieder standen im Buch meiner Jugend auf
jenen Seiten, die du so unmutig überschlugst. Sie quälen mich seither, und
stöhnen, und wollen gesungen sein, aber ihre Zeit ist vorüber, sie ist gar
nie gewesen, denn die schönsten Seiten im Buch meiner Jugend überschlugst
du an jenem Abend im Veilchengarten. Die Kapitel waren dir gewidmet --
warum wolltest du sie nicht lesen? Sie fehlen jetzt mir und dir wie
gesprungene Saiten auf einer Harfe. Die Harfe klingt wie sonst, nur wenn
die Melodie auf die gebrochenen Saiten springt, entsteht ein herzbeklemmend
leeres Schweigen und reißt mitten durch das ganze Lied. Hast du nie auf
einer Harfe spielen hören, an welcher eine Saite fehlte? War es dir nicht
jedesmal, wenn jene bange leere Pause kam, als sei es gerade der süßeste,
erlösende Ton, der nun dem Liede fehlt? Und ist nicht immer das Süßeste,
Erlösende, brennend Erdürstete gerade das, was mir und dir in jedem
Augenblicke fehlt?
Hab ich dich traurig gemacht? Verzeih' mir, Maria! Ich wollte es nicht tun,
ich wollte dir keinen Vorwurf machen. Ich wollte dich nur fragen, ob du
noch an jenen fernen warmen Frühlingsabend denkst. Ich wollte nur dich
erinnern, dich fragen und dein Kopfnicken wiedersehen, die träumerisch
graziöse Bewegung, die schon damals mein knabenhaftes Herz entzückte. Denk'
dir, der Abend wäre heute wieder! Du brauchst nur die Augen zu schließen,
zu lächeln und deine Hand auf meine Hand zu legen. Hörst du nicht den
großen Ahorn rauschen? Siehst du nicht das Veilchenbeet und die
Taxushecken? Hörst du nicht ein feines knisterndes Wiegen? Ein großes
helles Ahornblatt wankt hoch oben vom Zweig und dreht sich leise durch die
warme Luft herab, ganz wie damals, ganz wie damals. --
* * * * *
O Maria! Warum hast du die Augen aufgemacht? Und siehst mich so traurig,
bitter und erschrocken an! Der Traum ist hin.
Und das große Ahornblatt dreht sich in der Luft und sinkt und fällt, und
liegt auf dem Sims meines Fensters. Es ist welk, ich hör's am Fallen, und
wende das Gesicht zur Seite. Draußen ist Regen, Stille und Mitternacht.
* * * * *
Die zweite Nacht.
Du bist heute schweigsam, meine schöne Muse! Komm, spiel mit mir, die Nacht
ist so lang! Was spielen wir?
Meine Muse schweigt, nimmt meinen Arm und steigt mit mir in unser
schneeweißes Nachtschloß, die breite fürstliche Treppe empor, an den
geduldigen steinernen Löwen vorbei, durch die offenen halbbögigen
Torflügel, über die schwarzweißen Samtfelder der Flurteppiche und die
geschwungene massive Treppe hinan. Sie führt mich an den Drachenleuchtern
vorbei in den großen Flügelsaal, wo unser Brunnen zwischen den glänzenden
Porphyrsäulen so kühl und weltverloren in seine tiefe Bronzemuschel
rauscht. Wir sitzen vor der dunklen tönenden Schale nieder, durch die
offenen Fensterbogen blendet das weiße Mondlicht herein und verzittert auf
dem sich kräuselnden Wasser in bleichen, zerrinnenden Silberlinien.
Gegenüber, jenseits des Brunnens, glänzt auf der geräumigen Dreieckfläche
einer schwarzen Pyramide die smaragdene Tafel des Hermes Trismegistus.
»Wir hätten sie weglassen sollen,« sagt meine Muse.
Du hast recht. Sie ängstigt nur.
»Und doch haben wir sie in so vielen unvergeßlichen Mondnächten zusammen
gelesen.«
Freilich -- damals.
»Damals! Du mußt das nicht so tragisch sagen.«
Aber doch, -- damals.
»Nein! Das macht traurig.«
Möchtest du lustig sein?
»Man kann es nicht in diesem Saal.«
Nicht? Wir waren's doch, es ist nicht lange her.
»Er wird mir langweilig. Diese Säulen sind so plump, und immer dieses
Brunnengeräusch, und dieser ewige Delphin.«
Wir müssen einen andern Saal bauen. Beim Schilfsee, oder über dem
Platanenwald. Einen roten Saal. --
»Rot?«
Meinst du nicht?
»Nun, also rot. Und dann lassen wir die Wände mit goldenen Palmenreliefs
schmücken, und dann tanzen wir dort nach einer Mozartmusik Gavotte und
sehen von den hohen Fenstern auf den schwarzen Wald. Und dann werden wir
traurig, kehren in den alten Porphyrsaal zurück und hören dem Brunnen zu.
Eigentlich haben wir das schon jetzt. Wir hätten dann zwei Säle, in denen
wir traurig sein können.«
Dann ist es besser, hier zu bleiben.
»Und traurig zu sein.«
Was fehlt dir nur?
»Ich weiß nicht. -- Schenk mir was!«
Was du haben willst. Soll ich dir das Salzfaß des Cellini schenken?
»Das mit dem Neptun? Nein, nein.«