VIII.

Lulu war schön und fröhlich wie noch nie. Lauscher und Ugel hatten ihr

Abendessen beendet; die Freunde kamen nacheinander im Gasthause an. Als

alle beisammen waren, begab man sich unter dem Vortritt Lauschers, der die

schöne Lulu zierlich am Arme führte, in die große Hinterstube. Hier waren

alle Wände mit Tüchern, Bändern und Girlanden behängt, eine Menge farbiger

Laternen war an der Decke in Figuren gereiht und angezündet, der große

Tisch weiß gedeckt, mit Champagnerkelchen besetzt und mit frischen Rosen

überstreut. Der Dichter überreichte seiner Dame die Lilie des Philosophen,

steckte ihr eine halbgeöffnete Teerose ins Haar und führte sie an den

Ehrenplatz. Alle setzten sich froh und lärmend; ein im Chor gesungenes Lied

eröffnete den Abend. Nun sprangen die Stöpsel von den Flaschen,

überschäumend floß der helle, edle Wein in die zarten Gläser, wozu Erich

Tänzer die Champagnerrede hielt. Witz und Gelächter löste sich ab, mit

Tosen wurde der nachträglich angekommene Drehdichum empfangen, Ugel und

Lauscher trugen jeder ein paar lachende Verse vor. Dann sang die schöne

Lulu ein Lied, das hieß:

Ein König lag in Banden

Und tief in Dunkelheit --

Nun ist er auferstanden

Und heißet Ohneleid.

Nun glänzen bunte Lichter

Und Lieder blank ins Land,

Nun tragen alle Dichter

Ihr farbigstes Festgewand.

Nun blühen Lilien und Rosen

So weiß und rot wie nie,

Nun singt die Harfe Silberlied

Ihre seligste Melodie.

Als das Lied zu Ende war, griff Lauscher tief in den vor ihm stehenden

Rosenkorb und warf applaudierend der Sängerin ganze Hände voll weißer Rosen

zu. Der fröhliche Krieg wurde allgemein, Rosen flogen von Sitz zu Sitz,

Dutzende, hundert, weiße, rote; dem alten Drehdichum hing das Haar und der

graue Bart ganz voll davon. Dieser erhob sich nun, es war schon nahe an

Mitternacht, und begann zu reden:

»Liebe Freunde und schöne Lulu! Wir sehen alle, daß das Reich des Königs

Ohneleid von neuem beginnt. Auch ich muß heute von euch Abschied nehmen,

doch nicht ohne Hoffnung auf Wiedersehen; denn mein König, zu dem ich

zurückkehre, ist ein Freund der Jugend und der Dichter. Wäret ihr

Philosophen, so würde ich euch eine schöne allegorisch-mystische Geschichte

von der Wiedergeburt des Schönen und speziell von der Erlösung des

poetischen Prinzips durch die ironische Metamorphose des Mythus erzählen,

welche Geschichte heute ihr seliges Ende erfährt. So aber tue ich besser,

euch den zu lösenden Rest dieser Geschichte in angenehmen Bildern vor Augen

zu führen. Schauet her, ein askisches Stück!«

Alle blickten seinem ausgestreckten Zeigefinger nach auf einen großen

gestickten Vorhang, mit dem eine Ecke des Zimmers verhangen war. Dieser

Vorhang wurde plötzlich sanft von innen erleuchtet und zeigte ein Gewebe

von zahllosen silbernen Lilien, die eine schön in Marmor gefaßte starke

Quelle umrahmten. Die Kunst des Gewebes und der Beleuchtung war so

wunderbar, daß man die Lilien wachsen, sich neigen und verschlingen, daß

man die Quelle sprudeln und sich ergießen sah, ja, daß man ihr edles kühles

Rauschen stark vernahm.

Aller Augen hingen an dem prachtvollen Vorhang, und keiner bemerkte, daß

schnell nacheinander im Zimmer alle Laternen erloschen. Sie folgten

entzückt und erregt dem Zauberspiel der künstlichen Lilien; nur der Dichter

achtete es nicht, sondern heftete durch das Dunkel den Blick glühend und

anbetend auf die schöne Lulu. Ein heilig schönes, zartes Leuchten lag auf

ihrem feinen Gesicht, matthell und gleichsam vergeistigt schimmerte in

ihrem prachtvollen dunkeln Haar die weiße Rose.

Die Lilien bewegten sich unbeschreiblich schlank und harmonisch in einem

seltsamen Blumenreigen um die Quelle. Ihre Bewegung und feine Verschlingung

hüllte den Sinn der atemlos Zuschauenden in ein süßes, träumendes Netz von

Wunder und Wohlgefallen. Da schlug eine Uhr Mitternacht. Blitzschnell

rollte der glänzende Vorhang in die Höhe: eine weite Bühne tat sich in

tiefer Dämmerung auf. Der Philosoph erhob sich; man hörte im Dunkeln, wie

er den Sessel rückte. Er verschwand und erschien allsogleich auf der Bühne,

Haar und Bart noch voll von Rosen. Allmählich war der Raum der Bühne von

einem immer mehr zunehmenden Licht erfüllt, bis klar und glänzend Quelle

und Liliengarten des Vorhangs nun in edler Wirklichkeit blühend und

rauschend zu erblicken waren.

Damitten stand der Geist Haderbart, als Drehdichum trotz der erhöhten

Gestalt erkennbar. Im Hintergrunde stieg berückend in perlblauer Schönheit

das Opalschloß empor, in dessen Saale durch die weiten Fensterbögen der

König Ohneleid in mächtiger Ruhe thronend zu sehen war. Während das Licht

immer mehr zu strahlendem Glanze wuchs, trug Haderbart durch die sich

bückenden Lilien eine riesige, fabelhafte Harfe aus Silber in die Mitte der

Schaubühne. Der Glanz des Lichtes war nun blendend herrlich geworden und

schauerte in fiebernden Wellen silbern und irisfarbig über die Opalmauern

hin.

Lauschend schlug der Geist eine einzelne tiefe Saite der Harfe an. Ein

großer, königlicher Ton erquoll. Langsam traten die Lilien des

Vordergrundes zur Seite, eine festliche Treppe senkte sich von der Bühne

herab. Im dunkeln Zimmer erhob sich hoch und schlank die schöne Lulu,

schritt über die hinter ihr wieder zurückweichende Treppe hinan und stellte

sich in unsäglicher Schönheit als Prinzessin dar. Mit tiefer Verbeugung

überließ ihr der Geist Haderbart die Harfe; Tränen flossen aus seinen

klaren alten Augen und fielen zusammen mit einer gelösten Rose aus seinem

Bart zur Erde.

Die Prinzessin stand hoch und glänzend vor der Harfe Silberlied. Sie

streckte die Rechte in höchster Bewegung nach dem Schlosse aus, zog die

Harfe an ihre Schulter her und lief mit schlanken Fingern über alle Saiten.

Ein Lied von unerhörter Seligkeit und Harmonie hob an, huldigend scharten

sich alle hohen Lilien um ihre Herrin. Noch ein voller, reiner Griff in die

tönenden Zaubersaiten -- da rauschte mit kurzem Aufschlag der Vorhang

nieder. Einen Augenblick war er noch ganz von inwendigem Glanze

durchleuchtet, in heftiger Bewegung tanzten die gestickten Lilien

durcheinander, immer schneller und rasender, bis nur noch ein einziger

silberner Wirbel zu sehen war, der plötzlich lautlos in völlige Finsternis

versank.

Betäubt und sprachlos standen und saßen die Freunde im finstern Zimmer.

Bald sodann fingen sie an sich zu besinnen. Licht wurde gemacht. Durch

Unvorsichtigkeit kam das ganz vergessene Feuerwerk in Brand und knallte mit

abscheulichem Lärmen durcheinander. Wirt und Wirtin liefen herzu, klagten

und schalten. Ein Nachtwächter pochte von der Straße aus mit dem Spieß an

die verschlossenen Fensterläden. Man schrie und fragte, jeder an den andern

hin.

Aber niemand fand mehr eine Spur von Lulu und dem Philosophen. Der

Referendar Ripplein begann ärgerlich zu werden und von Gaunerei zu reden;

doch hörte niemand auf ihn. Hermann Lauscher war in sein Zimmer entwichen

und hatte von innen geriegelt.

Als er andern Tages in aller Frühe verreiste, war von der schönen Lulu noch

keine Spur gefunden. Da Lauscher sich sogleich ins Ausland begab, kann er

über den ferneren Verlauf der Dinge in Kirchheim keinerlei Mitteilung

machen. Denn er selber hat die vorstehende Geschichte der Wahrheit gemäß

aufgeschrieben.

Schlaflose Nächte.

(Geschrieben 1901.)

Widmung.

Kennt ihr die Muse der Schlaflosigkeit? Die bleiche, wachsame, die an

einsamen Betten sitzt?

An meinem einsamen Bette saß sie viele lange Nächte lang, sie legte mir die

geschmeidige, kranke Hand auf die Stirn, sie sang mir Lieder mit ihrer

müden Stimme, Lieder ohne Zahl, Heimatlieder, Kinderlieder, Lieder der

Liebe, des Heimwehs und der Melancholie. Und statt des entflohenen

Schlummers breitete sie über meine ermüdeten Augen den dünnen, farbigen

Schleier der Erinnerung und der Phantasie.

O diese langen, schleichenden Nächte, in denen unser wahrstes Wesen alle

tagüber gewobenen schmucken Gewänder von sich streift und uns mit Fragen,

Bitten und Vorwürfen bestürmt wie ein krankes Kind! O diese schmerzhaft

klaren Erinnerungen an alle Augenblicke unseres Lebens, in denen wir wider

uns selbst und wider die geheimen Gesetze des Lebens gesündigt haben! Diese

Kette von Blindheit, Grausamkeit und Mißverständnis, mit der wir uns selbst

zu unentrinnbarer Qual an diese angstvollen Stunden geschmiedet haben. Gibt

es einen Menschen von solcher Reinheit, daß er nur eine einzige solche

Nacht seiner Seele in die wahrhaftigen Kinderaugen blicken könnte, ohne

unzähligen Vorwürfen und Selbstpeinigungen zur Beute zu fallen?

Ich weiß es nicht und glaube es nicht. Und dennoch entrann ich diesen

Stunden und lernte sie segnen und sah die Verzweiflung nur auf dunkler

Lauer verborgen liegen, unberührt von ihrem giftigen Atem.

Das war jene Muse, jene bleiche, wachsame, die mit den geschmeidigen Händen

mich vom Abgrund zurückhielt. Ich danke dir, du Fremde, Phantastische, und

widme dir diese Erinnerungen unsrer gemeinsam verträumten, wachen Nächte.

Wie schön du warst, wenn du dein feines, tröstendes Frauengesicht über

meine fiebernden Augen beugtest! Wie schön du warst, wenn du mit mir der

Erinnerung eines alten Liedes lauschtest, still, vorgebeugt, das tiefe Auge

in die Nacht gewendet, die helle vergeistigte Stirn von einer losen Locke

märchenblonden Haares überhangen! Wie schön du warst, wenn du weintest,

wenn du das Auge senktest und schweigend auf dem weißen Bette meine Hand

mit deiner schmalen Linken suchtest, wenn der Traum einer verlorenen Liebe

über dein ernstes Gesicht wie ein leiser schmerzlicher Schatten lief!

Wie schön du warst!

* * * * *

Die erste Nacht.

Regen, Stille, Mitternacht. Wie heißest du, schöne Blasse? Du lächelst, du

legst deine Hand neben meine auf den Rand des Bettes, daß sie wie

Geschwister aussehen. Ich will dich Maria nennen.

Wie hast du mich wiedergefunden, wunderliche Schwester, die ich so langeher

nicht mehr gesehen? Das war vor manchem schönen Jahr, daß ich dir jene

Dichtung vorlas, mit der ich deine Gunst verscherzte. Du bist seither

schöner geworden -- ach hättest du damals den Schluß meiner Novelle

abgewartet, so wären wir zusammen jung geblieben und du säßest nicht an

meinem Bette, um mir die vielen Stunden von Mitternacht bis Morgen ertragen

zu helfen. Aber du nahmst meine Geschichte für Ernst und hast sie damit uns

selber zum Ernst gemacht. Jener ungelesene Schluß ist in den Märchenbrunnen

zurückgefallen und unsre guten Feen weinten, und weinen noch heute darüber.

Erinnerst du dich jenes letzten Abends? Im Veilchengarten, alle Amseln

schlugen. Wir saßen auf der grünen Großvaterbank und hatten unsere Zukunft

wie ein großes Fabelbuch vor uns aufgeschlagen. Ich las dir vor, der große

Ahorn rauschte darein, die Luft und die Geschichte waren voll Veilchenduft.

Ich las dir vor bis zu jener traurigen Stelle -- weißt du noch? Es war

beinahe dunkel geworden und im Goldregenbusch begann die Nachtigall. Ach

hätten wir doch zu Ende gelesen! Aber du weintest und stießest das Buch von

deinem Schoß und liefest fort. Jenen ganzen Abend und die halbe Nacht sang

unsre Nachtigall.

Ich weiß jetzt das Geheimnis der Nachtigall und singe schon lang nach

derselben Weise. Man hört diese Lieder gern, sie gleiten weich und sind

voll Wohllaut, aber der Text ist traurig, er ist sogar zuweilen bitter,

sogar gemein. Ach, die besten Lieder standen im Buch meiner Jugend auf

jenen Seiten, die du so unmutig überschlugst. Sie quälen mich seither, und

stöhnen, und wollen gesungen sein, aber ihre Zeit ist vorüber, sie ist gar

nie gewesen, denn die schönsten Seiten im Buch meiner Jugend überschlugst

du an jenem Abend im Veilchengarten. Die Kapitel waren dir gewidmet --

warum wolltest du sie nicht lesen? Sie fehlen jetzt mir und dir wie

gesprungene Saiten auf einer Harfe. Die Harfe klingt wie sonst, nur wenn

die Melodie auf die gebrochenen Saiten springt, entsteht ein herzbeklemmend

leeres Schweigen und reißt mitten durch das ganze Lied. Hast du nie auf

einer Harfe spielen hören, an welcher eine Saite fehlte? War es dir nicht

jedesmal, wenn jene bange leere Pause kam, als sei es gerade der süßeste,

erlösende Ton, der nun dem Liede fehlt? Und ist nicht immer das Süßeste,

Erlösende, brennend Erdürstete gerade das, was mir und dir in jedem

Augenblicke fehlt?

Hab ich dich traurig gemacht? Verzeih' mir, Maria! Ich wollte es nicht tun,

ich wollte dir keinen Vorwurf machen. Ich wollte dich nur fragen, ob du

noch an jenen fernen warmen Frühlingsabend denkst. Ich wollte nur dich

erinnern, dich fragen und dein Kopfnicken wiedersehen, die träumerisch

graziöse Bewegung, die schon damals mein knabenhaftes Herz entzückte. Denk'

dir, der Abend wäre heute wieder! Du brauchst nur die Augen zu schließen,

zu lächeln und deine Hand auf meine Hand zu legen. Hörst du nicht den

großen Ahorn rauschen? Siehst du nicht das Veilchenbeet und die

Taxushecken? Hörst du nicht ein feines knisterndes Wiegen? Ein großes

helles Ahornblatt wankt hoch oben vom Zweig und dreht sich leise durch die

warme Luft herab, ganz wie damals, ganz wie damals. --

* * * * *

O Maria! Warum hast du die Augen aufgemacht? Und siehst mich so traurig,

bitter und erschrocken an! Der Traum ist hin.

Und das große Ahornblatt dreht sich in der Luft und sinkt und fällt, und

liegt auf dem Sims meines Fensters. Es ist welk, ich hör's am Fallen, und

wende das Gesicht zur Seite. Draußen ist Regen, Stille und Mitternacht.

* * * * *

Die zweite Nacht.

Du bist heute schweigsam, meine schöne Muse! Komm, spiel mit mir, die Nacht

ist so lang! Was spielen wir?

Meine Muse schweigt, nimmt meinen Arm und steigt mit mir in unser

schneeweißes Nachtschloß, die breite fürstliche Treppe empor, an den

geduldigen steinernen Löwen vorbei, durch die offenen halbbögigen

Torflügel, über die schwarzweißen Samtfelder der Flurteppiche und die

geschwungene massive Treppe hinan. Sie führt mich an den Drachenleuchtern

vorbei in den großen Flügelsaal, wo unser Brunnen zwischen den glänzenden

Porphyrsäulen so kühl und weltverloren in seine tiefe Bronzemuschel

rauscht. Wir sitzen vor der dunklen tönenden Schale nieder, durch die

offenen Fensterbogen blendet das weiße Mondlicht herein und verzittert auf

dem sich kräuselnden Wasser in bleichen, zerrinnenden Silberlinien.

Gegenüber, jenseits des Brunnens, glänzt auf der geräumigen Dreieckfläche

einer schwarzen Pyramide die smaragdene Tafel des Hermes Trismegistus.

»Wir hätten sie weglassen sollen,« sagt meine Muse.

Du hast recht. Sie ängstigt nur.

»Und doch haben wir sie in so vielen unvergeßlichen Mondnächten zusammen

gelesen.«

Freilich -- damals.

»Damals! Du mußt das nicht so tragisch sagen.«

Aber doch, -- damals.

»Nein! Das macht traurig.«

Möchtest du lustig sein?

»Man kann es nicht in diesem Saal.«

Nicht? Wir waren's doch, es ist nicht lange her.

»Er wird mir langweilig. Diese Säulen sind so plump, und immer dieses

Brunnengeräusch, und dieser ewige Delphin.«

Wir müssen einen andern Saal bauen. Beim Schilfsee, oder über dem

Platanenwald. Einen roten Saal. --

»Rot?«

Meinst du nicht?

»Nun, also rot. Und dann lassen wir die Wände mit goldenen Palmenreliefs

schmücken, und dann tanzen wir dort nach einer Mozartmusik Gavotte und

sehen von den hohen Fenstern auf den schwarzen Wald. Und dann werden wir

traurig, kehren in den alten Porphyrsaal zurück und hören dem Brunnen zu.

Eigentlich haben wir das schon jetzt. Wir hätten dann zwei Säle, in denen

wir traurig sein können.«

Dann ist es besser, hier zu bleiben.

»Und traurig zu sein.«

Was fehlt dir nur?

»Ich weiß nicht. -- Schenk mir was!«

Was du haben willst. Soll ich dir das Salzfaß des Cellini schenken?

»Das mit dem Neptun? Nein, nein.«

Hermann Lauscher · 第 12 / 17 题