Der Dichter fragte mit einem erstaunten Blick über den Tisch hinüber.
»Nein,« sagte sie. »Ich darf ihn nicht erzählen.«
In diesem Augenblick trat die Morgensonne ins Fenster und glänzte durch die
dunkeln Haare der schönen Lulu stolz und golden wie eine Glorie. Andächtig
mit trauriger Freude hing des Dichters Blick an dem köstlichen Bilde. Lulu
nickte ihm zu, lächelte wieder und sagte: »Ich muß Ihnen noch danken,
lieber Herr Lauscher. Sie haben mir gestern Verse geschenkt, die mir hübsch
erscheinen, obwohl ich sie nicht ganz verstehen kann.«
»Es war ein schwüler Abend gestern,« sagte Lauscher und blickte der Schönen
in die Augen. »Darf ich das Blatt noch einmal sehen?«
Sie gab es ihm hin. Er überlas es leise noch einmal, faltete es zusammen
und verbarg es in seiner Tasche. Die schöne Lulu sah schweigend zu und
nickte nachdenklich. Nun wurde der Wirt auf der Treppe hörbar, Lulu sprang
auf und begann ihre Morgenarbeit. Grüßend trat der kleine, feiste Wirt
herein.
»Guten Morgen, Herr Müller!« antwortete Hermann Lauscher. »Ich bin heute
zum letzten Mal Ihr Gast. Morgen früh reise ich.«
»Aber ich hatte doch gedacht, Herr Lauscher . . .«
»Schon gut. Auf heute abend stellen Sie ein paar Flaschen Champagner kalt
und räumen uns das hintere Zimmer ein, zum Abschiedfeiern!«
»Wie Herr Lauscher befehlen!«
Lauscher verließ Stube und Gasthaus und begab sich auf den Weg zu Ludwig
Ugel, seinem Liebling, um diesen letzten Tag mit ihm zusammen zu sein.
Aus Ugels kleiner Bude in der Steingaustraße klang schon Morgenmusik. Ugel
stand in Hemdärmeln noch ungekämmt am Kaffeetisch und spielte seine brave
Violine, daß es eine Lust war. Das ganze Stüblein war voll Sonne.
»Ist's wahr, du willst morgen reisen?« rief Ugel dem Dichter entgegen. Der
war nicht wenig verwundert.
»Woher weißt du's denn schon?«
»Von Drehdichum.«
»Drehdichum? Der Teufel werde klug daraus!«
»Ja, der Alte war die halbe Nacht bei mir. Ein toller Bruder! Er faselte
wieder was Langes, Farbiges von seinen Prinzessingeschichten, Liliengärten
und dergleichen. Meinte, ich müsse die Prinzessin erlösen; er hätte sich in
dir getäuscht, du seiest nicht die wahre Harfe Silberlied. Verrückt, nicht?
Ich verstand kein Wort.«
»Ich verstehe es,« sagte Lauscher leise. »Der Alte hat recht.«
Noch eine Weile hörte er Ugeln zu, der nun die begonnene Sonate zu Ende
spielte. Bald darauf verließen beide Freunde Arm in Arm die Stadt und
wandten sich gegen die Plochinger Steige in den Wald. Sie redeten wenig;
der Abschied machte beide stumm. Der Morgen lag warm und glänzend über den
schönen Bergen der Alb. Bald bog die Straße in den tiefen Wald, und die
Spaziergänger legten sich abseits vom Wege in das kühle Moos.
»Wir wollen einen Strauß für die schöne Lulu machen,« sagte Ugel und begann
im Liegen große Farnkräuter zu brechen.
»Ja,« sagte der andere leise, »einen Strauß für die schöne Lulu!« Er riß
eine ganze hohe rotblühende Staude aus der Erde. »Nimm das dazu! Roter
Fingerhut. Ich habe ihr sonst nichts zu geben. Wild, fieberrot und giftig
. . .«
Er redete nicht weiter; süß und bitter stieg es in seiner Kehle auf, wie
Schluchzen. Düster wendete er sich ab; Ugel aber bog den Arm um seine
Schulter, legte sich an seine Seite und wies mit ablenkender Geberde empor
in das wunderbare Spiel des Lichtes im hellgrünen Laub. Jeder von den
beiden dachte an seine Liebe, und schweigend ruhten sie lange Zeit,
Waldkronen und Himmel über sich. Über ihre Stirnen lief der kräftige, kühle
Wind, über ihre Seelen spannte, vielleicht zum letzten Mal, die selige
Jugend ihre blauen, ahnungsvollen Himmel aus. Leise begann Ugel ein Lied zu
singen:
Die Fürstin heißt Elisabeth --
Ein Hauch von Sonne, die vergeht.
Ich wollt, ich hätte einen Namen,
Der sich verneigt vor lieben Damen,
Vor Schönheit, vor Elisabeth,
Der süß von zarten Rosen weht,
Von Blättern lind, so leicht, so laß,
Von Rosen weiß, von Rosen blaß,
Ein Schimmer späten Abendgolds
Und wie der Fürstin Mund so stolz
Und wie der Fürstin Stirn so rein,
Und müßte singen von Glück und Pein --
So froh und traurig müßt er sein!
Dem Freunde weitete die stille Traurigkeit der schönen Stunde die Brust in
Schmerz und Lust. Er schloß die Augen; aus seiner Seele stieg das Bild der
schönen Lulu auf, wie er sie am heutigen Morgen gesehen hatte, so
sonneverklärt, so milde, so leuchtend, klug und unnahbar, daß sein Herz in
erregten schmerzlichen Schlägen pochte. Seufzend fuhr er mit der Hand über
die Stirn, fächerte sich mit dem roten Fingerhut und sang:
Ich will mich tief verneigen
Vor dir und ziehen den Hut,
Ich will dir Lieder geigen
Rot wie Rosen und rot wie Blut.
Ich will mich vor dir bücken,
Wie man vor Fürstinnen tut,
Und will dich mit Rosen schmücken,
Mit Rosen rot wie Blut.
Ich will auch zu dir beten,
Wie man vor Heiligen kniet,
Mit meiner wilden, verschmähten
Liebe und meinem Lied.
* * * * *
Er hatte kaum geendigt, als aus dem innersten Walde hervor der Philosoph
Drehdichum die Liegenden anrief. Aufschauend sahen sie ihn aus den
Gebüschen treten.
»Guten Tag,« rief er näherkommend, »guten Tag, meine Freunde! Nehmet dies
zu euerm Strauß für die schöne Lulu!« Damit gab er Lauschern eine große
weiße Lilie in die Hand. Behaglich ließ er sich sodann den Freunden
gegenüber auf einem moosigen Felsen nieder.
»Sagen Sie, Zauberer,« redete Lauscher ihn an, »da Sie doch überall sind
und alles wissen: wer ist eigentlich die schöne Lulu?«
»Viel gefragt!« schmunzelte der Graubart. »Sie weiß es selber nicht. Daß
sie die Stiefschwester der verdammten Müllerin sei, glauben Sie wohl nicht,
und ich auch nicht. Sie selber hat nicht Vater, nicht Mutter gekannt, und
ihr einziger Heimatbrief ist die Strophe eines merkwürdigen Liedes, das sie
zuweilen singt und worin sie einen gewissen König Ohneleid ihren Vater
nennt.«
»Dummes Zeug!« fluchte Ugel ärgerlich.
»Weshalb, lieber Herr?« entgegnete sanftmütig der Alte. »Aber dem sei wie
ihm wolle, man darf an solchen Geheimnissen nicht allzuviel tasten . . .
Ich höre, Herr Lauscher, Sie wollen schon morgen uns und dieses Land
verlassen? Wie man sich täuschen kann! Ich hätte gewettet, Sie blieben noch
länger hier, da Sie, wie mir schien, eben durch die Lulu . . .«
»Genug, genug, Herr!« fiel ihm Lauscher wild aufbrausend in die Rede. »Was
zum Teufel gehen Sie anderer Leute Liebesaffären an!«
»Nicht so heftig!« beruhigte lächelnd der Philosoph. »Davon,
Wertgeschätzter, war ja gar nicht die Rede. Daß ich mich mit den
Verwicklungen fremder Schicksale, besonders Dichterschicksale,
beschäftigte, gehört zu meiner Wissenschaft. Für mich besteht kein Zweifel
darüber, daß zwischen Ihnen und unserer Lulu gewisse subtile magische
Beziehungen statthaben, wenn schon, wie ich ahne, ihrer ersprießlichen
Wirkung zurzeit noch unüberwindliche Hemmnisse im Wege liegen.«
»Erklären Sie mir das doch, bitte, etwas näher!« sagte der Dichter kühl,
aber doch neugierig.
Der Alte zuckte die Achseln. »Ei nun,« sagte er, »jedes irgend höher
stehende Menschenwesen strebt instinktmäßig nach jener Harmonie, die im
glücklichen Gleichgewicht des Bewußten und des Unbewußten bestände. Solange
aber der zerstörende Dualismus das Lebensprinzip des denkenden Ich zu sein
scheint, neigen strebende Naturen gerne in halbverstandenem Instinkt zu
Bündnissen mit entgegengesetzt Strebenden. Sie verstehen mich. Solche
Bündnisse können ohne Worte, sogar ohne Wissen geschlossen werden, können
wie Verwandtschaften unerkannt, rein gefühlsmäßig leben und wirken.
Jedenfalls sind sie vorbestimmt und stehen außerhalb der Sphäre des
persönlichen Willens. Sie sind ein unermeßlich wichtiges Element dessen,
was man Schicksal nennt. Es ist vorgekommen, daß das eigentliche,
wohltätige Leben eines solchen Bündnisses erst im Augenblicke der Trennung
und Entsagung begann; denn diese unterliegen unserm Wollen, dem die Macht
jener Sympathie sich entzieht.«
»Ich verstehe Sie,« sagte Lauscher mit verändertem Ton. »Sie scheinen mein
Freund zu sein, Herr Drehdichum!«
»Zweifelten Sie daran?« lächelte dieser fröhlich.
»Sie kommen heute Abend zu meiner Abschiedsfeier in der Krone!«
»Will sehen, Herr Lauscher. Nach gewissen Berechnungen wird mir diesen
Abend eine wichtige Aufgabe zuteil werden, ein alter Traum sich erfüllen
. . . Aber vielleicht läßt es sich vereinigen. Auf Wiedersehen!« Er sprang
auf, grüßte mit winkender Hand und verlor sich rasch auf der talwärts
führenden Straße.
Die Freunde blieben bis zum Mittag im Walde, beide von Abschiedsgedanken
und jeder von seiner Liebe erfüllt und mit widerstreitenden Empfindungen
gesättigt. Verspätet suchten sie den Mittagstisch der Krone auf. Sie fanden
Lulu daselbst in fröhlicher Stimmung und mit einem neuen, hellen Kleide
geschmückt. Freundlich nahm sie die mitgebrachten Blumen an und stellte den
Strauß in eine Vase auf den Ecktisch, an dem die beiden zu speisen
pflegten. Heiter und geschäftig bewegte sich die schöne Gestalt bedienend
mit den Tellern, Schüsseln und Flaschen hin und wider. Nach Tisch, beim
Weine setzte sie sich zu den Freunden. Man sprach von Lauschers geplanter
Abschiedsfeier.
»Wir müssen das Zimmer und alles recht festlich zubereiten,« sagte Lulu;
»wie Sie sehen, habe ich an mir selber den Anfang gemacht und ein
nagelneues Kleid angezogen. Es fehlt noch an Blumen . . .«
»Besorgen wir schon,« fiel ihr Ugel in die Rede.
»Gut,« lächelte sie. »Dann wäre es hübsch, ein paar Lampions und farbige
Bänder zu haben.«
»Soviel Sie wollen!« rief wieder Ugel. Lauscher nickte stumm.
»Sie sprechen ja kein Wort, Herr Lauscher!« zürnte nun Lulu. »Sind Sie
nicht einverstanden?« Lauscher gab keine Antwort. Er sagte nur, während
sein Auge an ihrer schlanken Gestalt und dem feinen Antlitz hing: »Wie
schön Sie heute sind, Lulu!« Und noch einmal: »Wie schön Sie sind!«
Er war unersättlich, die ganze ziere Gestalt immer wieder zu betrachten. Zu
sehen, wie sie mit dem Freunde die Anstalten zu seinem Abschied betrieb,
verursachte ihm eine eigentümliche Qual und machte ihn stumm und
verdüstert. Jeden Augenblick kam ihm wieder der Gedanke, peinigend und
bitter stachelnd, daß seine Entsagung und sein Fortgehen unwahr sei, daß er
ihr zu Füßen stürzen und sie mit allen lodernden Flammen seiner
Leidenschaft umgeben müsse, um sie werben, sie anflehen, sie zwingen und
rauben -- irgend etwas, nur nicht so tatlos vor ihr sitzen und fühlen, wie
von den letzten Stunden ihrer Gegenwart ein seliger Augenblick um den
andern eilig und unwiederbringlich zerrann. Dennoch bezwang er sich in
hartem Kampf und begehrte nur noch in diesen letzten Stunden ihr herrliches
Bild sich glühend und schmerzlich in die Seele zu senken zu unvergeßlichem
Heimweh.
Schließlich, da die drei noch allein im Zimmer saßen und Ugel zum Aufbruch
drängte, erhob sich Lauscher, trat vor Lulu hin und faßte ihre Hand mit
seiner heißen, zitternden Rechten und sagte leise in einem gezwungenen,
feierlich komischen Ton: »Meine schöne Prinzessin, wollet geruhen die
Darbietung meiner Dienste in Hulden anzunehmen! Betrachtet mich, ich bitte
Euch, als Euern Ritter oder als Euern Sklaven, Euern Hund oder Narren,
befehlet mir . . .«
»Gut, mein Ritter,« unterbrach Lulu ihn lächelnd. »Ich fordere einen Dienst
von Euch. Es fehlt mir auf den Abend ein recht herzensfroher Gesellschafter
und Spaßmacher, der mir ein gewisses Fest unterhaltsam und lustig machen
helfe. Wollet Ihr das?«
Lauscher wurde sehr bleich. Dann lachte er heftig auf, ließ sich mit
komischer Verrenkung ins Knie nieder und sprach mit theatralischer
Feierlichkeit: »Ich gelobe es, edle Dame!«
Nun eilte er mit Ludwig Ugel hinweg. Sie suchten vor allem die schöne
Kunst- und Handelsgärtnerei beim Friedhofe auf und wüteten mit der Schere
ohne Schonung in des Gärtners Rosenzucht. Besonders Lauscher war nicht zu
halten. »Ich muß einen großen Korb voll Weiße haben,« rief er wiederholt,
wandte alle Zweige um und hieb die Lieblingsrosen der schönen Lulu zu
Dutzenden ab. Dann bezahlte er den Gärtner, hieß ihn die Rosen auf den
Abend in die Krone bringen und bummelte mit Ugel weiter durch die Stadt. Wo
etwas Buntes in den Schaufenstern hing, da brachen sie ein; Fächer, Tücher,
Seidenbänder, Papierlaternen wurden zusammengekauft, am Ende auch noch ein
starker Posten Kleinfeuerwerk, so daß in der Krone die schöne Lulu mit
Inempfangnehmen und Unterbringen alle Hände voll zu tun hatte. Dabei half
ihr, ohne daß jemand darum wußte, der gute Drehdichum bis zum Abend.