Rosalinde.

Ja, eine Schnecke! Denn kommt solch ein Liebhaber gleich langsam,

so trägt er doch sein Haus auf dem Kopfe; ein besseres Leibgedinge,

denk ich, als Ihr einer Frau geben könnt. Außerdem bringt er sein

Schicksal mit sich.

Orlando.

Was ist das?

Rosalinde.

Ei, Hörner! die solche, wie Ihr, sich gern von ihren Weibern

aufsetzen lassen. Aber er kommt mit seinem Lose ausgerüstet und

verhütet den üblen Ruf seiner Frau.

Orlando.

Tugend dreht keine Hörner, und meine Rosalinde ist tugendhaft.

Rosalinde.

Und ich bin Eure Rosalinde.

Celia.

Es beliebt ihm, Euch so zu nennen; aber er hat eine Rosalinde von

zarterer Farbe als Ihr.

Rosalinde.

Kommt, freit um mich, freit um mich, denn ich bin jetzt in einer

Festtagslaune und könnte wohl einwilligen.--Was würdet Ihr zu mir

sagen, wenn ich Eure rechte, rechte Rosalinde wäre?

Orlando.

Ich würde küssen, ehe ich spräche.

Rosalinde.

Nein, Ihr tätet besser, erst zu sprechen, und wenn Ihr dann

stocktet, weil Ihr nichts mehr wüßtet, nähmt Ihr Gelegenheit zu

küssen. Gute Redner räuspern sich, wenn sie aus dem Text kommen,

und wenn Liebhabern (was Gott verhüte!) der Stoff ausgeht, so ist

der schicklichste Behelf, zu küssen.

Orlando.

Wenn nun der Kuß verweigert wird?

Rosalinde.

So nötigt sie Euch zum Bitten, und das gibt neuen Stoff.

Orlando.

Wer könnte wohl stocken, wenn er vor seiner Liebsten steht?

Rosalinde.

Wahrlich, das solltet Ihr, wenn ich Eure Liebste wäre, sonst müßte

ich meine Tugend für stärker halten als meinen Witz. Bin ich nicht

Eure Rosalinde?

Orlando.

Es macht mir Freude, Euch so zu nennen, weil ich gern von ihr

sprechen mag.

Rosalinde.

Gut, und in ihrer Person sage ich: ich will Euch nicht.

Orlando.

So sterbe ich in meiner eignen Person.

Rosalinde.

Mitnichten: verrichtet es durch einen Anwalt. Die arme Welt ist

fast sechstausend Jahre alt, und die ganze Zeit über ist noch kein

Mensch in eigner Person gestorben: nämlich in Liebessachen. Dem

Troilus wurde das Gehirn von einer griechischen Keule zerschmettert;

doch tat er, was er konnte, um vorher noch zu sterben, und er ist

eins von den Mustern der Liebe. Leander, der hätte noch manches

schöne Jahr gelebt, wär Hero gleich Nonne geworden, wenn eine heiße

Sommernacht es nicht getan hätte; denn der arme Junge, er ging nur

hin, um sich im Hellespont zu baden, bekam den Krampf und ertrank,

und die albernen Chronikenschreiber seiner Zeit befanden, es sei

Hero von Sestos. Doch das sind lauter Lügen; die Menschen sind von

Zeit zu Zeit gestorben, und die Würmer haben sie verzehrt, aber

nicht aus Liebe.

Orlando.

Ich möchte meine rechte Rosalinde nicht so gesinnt wissen; denn ich

beteure, ihr Stirnrunzeln könnte mich töten.

Rosalinde.

Bei dieser Hand! es tötet keine Fliege. Aber kommt! nun will ich

Eure Rosalinde in einer gutwilligeren Stimmung sein, und bittet von

mir, was Ihr wollt, ich will es zugestehn.

Orlando.

So liebe mich, Rosalinde.

Rosalinde.

Ja, das will ich, Freitags, Sonnabends und so weiter.

Orlando.

Und willst du mich haben?

Rosalinde.

Ja, und zwanzig solcher.

Orlando.

Was sagst du?

Rosalinde.

Seid Ihr nicht gut?

Orlando.

Ich hoff es.

Rosalinde.

Nun denn, kann man des Guten zuviel haben?--Kommt, Schwester, Ihr

sollt der Priester sein, um uns zu trauen.--Gebt mir Eure Hand,

Orlando.--Was sagt Ihr, Schwester?

Orlando.

Bitte, trau uns.

Celia.

Ich weiß die Worte nicht.

Rosalinde.

Ihr müßt anfangen: "Wollt Ihr, Orlando--"

Celia.

Schon gut.--Wollt Ihr, Orlando, gegenwärtige Rosalinde zum Weibe

haben?

Orlando.

Ja!

Rosalinde.

Gut, aber wann?

Orlando.

Nun, gleich: so schnell sie uns trauen kann.

Rosalinde.

So müßt Ihr sagen: "Ich nehme dich, Rosalinde, zum Weibe."

Orlando.

Ich nehme dich, Rosalinde, zum Weibe.

Rosalinde.

Ich könnte nach Eurem Erlaubnisschein fragen, doch--ich nehme dich,

Orlando, zu meinem Manne. Da kommt ein Mädchen dem Priester zuvor,

und wirklich, Weibergedanken eilen immer ihren Handlungen voraus.

Orlando.

Das tun alle Gedanken, sie sind beflügelt.

Rosalinde.

Nun sagt mir: wie lange wollt Ihr sie haben, nachdem Ihr ihren

Besitz erlangt?

Orlando.

Immerdar und einen Tag.

Rosalinde.

Sagt, einen Tag, und laßt immerdar weg. Nein, nein, Orlando!

Männer sind Mai, wenn sie freien, und Dezember in der Ehe. Mädchen

sind Frühling, solange sie Mädchen sind, aber der Himmel verändert

sich, wenn sie Frauen werden. Ich will eifersüchtiger auf dich

sein als ein Turteltauber auf sein Weibchen, schreiichter als ein

Papagei, wenn es regnen will, putzsüchtiger als ein Affe und

launischer in Gelüsten als eine Meerkatze. Ich will um nichts

weinen, wie Diana am Springbrunnen, und das will ich tun, wenn du

zur Lustigkeit gestimmt bist; ich will lachen wie eine Hyäne, und

zwar wenn du zu schlafen wünschest.

Orlando.

Aber wird meine Rosalinde das tun?

Rosalinde.

Bei meinem Leben, sie wird es machen wie ich.

Orlando.

Oh, sie ist aber klug.

Rosalinde.

Sonst hätte sie nicht den Witz dazu. Je klüger, desto verkehrter.

Versperrt dem Witz eines Weibes die Türen, so muß er zum Fenster

hinaus; macht das zu, so fährt er aus dem Schlüsselloch; verstopft

das, so fliegt er mit dem Rauch aus dem Schornstein.

Orlando.

Ein Mann, der eine Frau mit soviel Witz hätte, könnte fragen: "Witz,

wo willst du mit der Frau hin?"

Rosalinde.

Nein, das könntet Ihr versparen, bis Ihr den Witz Eurer Frau auf

dem Wege zu Eures Nachbars Bett anträft.

Orlando.

Welcher Witz hätte Witz genug, das zu entschuldigen?

Rosalinde.

Nun, etwa:--sie ginge hin, Euch dort zu suchen. Ihr werdet sie nie

ohne Antwort ertappen. Ihr müßtet sie denn ohne Zunge antreffen.

Oh, die Frau, die die Schuld an ihren Fehlern nicht auf ihren Mann

zu schieben versteht, die laßt nie ihr Kind säugen; sie würde es

albern großziehn.

Orlando.

Auf die nächsten zwei Stunden, Rosalinde, verlasse ich dich.

Rosalinde.

Ach, geliebter Freund, ich kann dich nicht zwei Stunden entbehren.

Orlando.

Ich muß dem Herzoge beim Mittagstisch aufwarten. Um zwei Uhr bin

ich wieder bei dir.

Rosalinde.

Ja, geht nur, geht nur! Das sah ich wohl von Euch voraus; meine

Freunde sagten mir's, und ich dacht es ebenfalls--Eure

Schmeichelzunge gewann mich--es ist nur eine Verstoßne mehr--und

also: komm, Tod!--Zwei Uhr ist Eure Stunde?

Orlando.

Ja, süße Rosalinde.

Rosalinde.

Bei Treu und Glauben, und in vollem Ernst, und so mich der Himmel

schirme, und bei allen artigen Schwüren, die keine Gefahr haben,

brecht Ihr ein Pünktchen Eures Versprechens, oder kommt nur eine

Minute nach der Zeit, so will ich Euch für den feierlichsten

Wortbrecher halten und für den falschesten Liebhaber und den

Allerunwürdigsten derer, die Ihr Rosalinde nennt, welcher nur aus

dem ganzen Haufen der Ungetreuen ausgesucht werden konnte. Darum

hütet Euch vor meinem Urteil und haltet Euer Versprechen.

Orlando.

So heilig, als wenn du wirklich meine Rosalinde wärst. Leb denn

wohl!

Rosalinde.

Gut, die Zeit ist der alte Richter, der solche Verbrecher ans Licht

zieht, und die Zeit muß es ausweisen. Lebt wohl!

(Orlando ab.)

Celia.

Du hast unserm Geschlecht in deinem Liebesgeschwätz geradezu übel

mitgespielt. Wir müssen dir Hosen und Wams über den Kopf ziehn,

damit die Welt sieht, was der Vogel gegen sein eignes Nest getan

hat.

Rosalinde.

O Mühmchen! Mühmchen! Mühmchen! mein artiges kleines Mühmchen!

wüßtest du, wieviel Klafter tief ich in Liebe versenkt bin! Aber

es kann nicht ergründet werden; meine Zuneigung ist grundlos wie

die Bucht von Portugal.

Celia.

Sag lieber, bodenlos: soviel Liebe du hineintust, sie läuft alle

wieder heraus.

Rosalinde.

Nein, der boshafte Bastard der Venus, der vom Gedanken erzeugt, von

der Grille empfangen und von der Tollheit geboren wurde, der blinde

schelmische Bube, der jedermanns Augen betört, weil er selbst keine

mehr hat: der mag richten, wie tief ich in der Liebe stecke.--Ich

sage dir, Aliena, ich kann nicht ohne Orlandos Anblick sein; ich

will Schatten suchen und seufzen, bis er kommt.

Celia.

Und ich will schlafen.

(Beide ab.)

Zweite Szene

Ein anderer Teil des Waldes

(Jacques und Edelleute des Herzogs in Jägerkleidung treten auf)

Jacques.

Wer ist's, der den Hirsch erlegt'?

Erster Edelmann.

Ich tat es, Herr.

Jacques.

Laßt uns ihn dem Herzog vorstellen, wie einen römischen Eroberer,

und es schickte sich wohl, ihm das Hirschgeweih wie einen

Siegeskranz aufzusetzen. Habt ihr kein Lied, Jäger, auf diese

Gelegenheit?

Zweiter Edelmann.

O ja, Herr.

Jacques.

Singt es; es ist gleichviel, ob Ihr Ton haltet, wenn es nur Lärm

genug macht.

Lied. (Erste Stimme.) Was kriegt er, der den Hirsch erlegt?

(Zweite Stimme.) Sein ledern Kleid und Horn er trägt. (Erste

Stimme.) Drum singt ihn heim:

Ohn allen Zorn trag du das Horn;

Ein Helmschmuck war's, eh du geborn.

(Dieser Zuruf wird im Chor von den übrigen wiederholt.)

(Erste Stimme.) Deins Vaters Vater führt' es.

(Zweite Stimme.) Und deinen Vater ziert' es.

(Alle.)

Das Horn, das Horn, das wackre Horn

Ist nicht ein Ding zu Spott und Zorn.

(Ab.)

Dritte Szene

(Rosalinde und Celia treten auf)

Rosalinde.

Was sagt Ihr nun? Ist nicht zwei Uhr vorbei? Und kein Orlando zu

sehen!

Celia.

Ich stehe dir dafür, mit reiner Liebe und verwirrtem Gehirn hat er

seinen Bogen und Pfeile genommen und ist ausgegangen--zu schlafen.

Seht, wer kommt da?

(Silvius tritt auf.)

Silvius.

An Euch geht meine Botschaft, schöner Jüngling.

Dies hieß mich meine Phöbe übergeben;

Ich weiß den Inhalt nicht; doch, wie ich riet

Aus finstrer Stirn und zorniger Gebärde,

Die sie gemacht hat, während sie es schrieb,

So muß es zornig lauten; mir verzeiht,

Denn ich bin schuldlos, Bote nur dabei.

Rosalinde.

Bei diesem Briefe müßte die Geduld

Selbst sich empören und den Lärmer spielen;

Wer das hier hinnimmt, der nimmt alles hin.

Sie sagt, ich sei nicht schön, sei ungezogen,

Sie nennt mich stolz, und könne mich nicht lieben,

Wenn Männer selten wie der Phönix wären.

Ihr Herz ist auch der Hase, den ich jage.

Potz alle Welt! was schreibt sie so an mich?

Hört, Schäfer, diesen Brief habt Ihr erdacht.

Silvius.

Nein, ich beteur', ich weiß vom Inhalt nicht.

Sie schrieb ihn selbst.

Rosalinde.

Geht, geht! Ihr seid ein Narr,

Den Liebe bis aufs Äußerste gebracht.

Ich sah wohl ihre Hand: sie ist wie Leder,

'ne sandsteinfarbne Hand; ich glaubte in der Tat,

Sie hätte ihre alten Handschuh an,

Doch waren's ihre Hände--sie hat Hände

Wie eine Bäurin--doch das macht nichts aus;

Ich sage, nie erfand sie diesen Brief,

Hand und Erfindung ist von einem Mann.

Silvius.

Gewiß, er ist von ihr.

Rosalinde.

Es ist ein tobender und wilder Stil,

Ein Stil für Raufer; wie ein Türk dem Christen,

So trotzt sie mir. Ein weibliches Gehirn

Kann nicht so riesenhafte Dinge zeugen,

So äthiopsche Worte schwärzern Sinns,

Als wie sie aussehn.--Wollt Ihr selber hören?

Silvius.

Wenn's Euch beliebt; noch hört ich nicht den Brief,

Doch schon zuviel von Phöbes Grausamkeit.

Rosalinde.

Sie phöbet mich; hör an, wie die Tyrannin schreibt:

(Liest.)

"Bist du Gott im Hirtenstand,

Der ein Mädchenherz entbrannt?"

Kann ein Weib so höhnen?

Silvius.

Nennt Ihr das höhnen?

Rosalinde.

"Des verborgne Götterschaft

Qual in Weiberherzen schafft?"

Hörtet Ihr je solches Höhnen?

"Männer mochten um mich werben,

Nimmer bracht es mir Verderben."

--Als wenn ich ein Tier wäre.

"Wenn deiner lichten Augen Hohn

Erregte solche Liebe schon,

Ach, wie müßt' ihr milder Schein

Wunderwirkend in mir sein!

Da du schaltest, liebt ich dich;

Bätest du, was täte ich?

Der mein Lieben bringt zu dir,

Kennt dies Lieben nicht in mir.

Gib ihm denn versiegelt hin,

Ob dein jugendlicher Sinn

Nimmt das treue Opfer an

Von mir und allem, was ich kann.

Sonst schlag durch ihn mein Bitten ab,

Und dann begehr ich nur ein Grab."

Silvius.

Nennt Ihr das schelten?

Celia.

Ach, armer Schäfer!

Rosalinde.

Habt Ihr Mitleid mit ihm? Nein, er verdient kein Mitleid.--Willst

du solch ein Weib lieben?--Was? dich zum Instrument zu machen,

worauf man falsche Töne spielt? Nicht auszustehn!--Gut, geht Eures

Weges zu ihr (denn ich sehe, die Liebe hat einen zahmen Wurm aus

dir gemacht), und sagt ihr dies: Wenn sie mich liebt, befehle ich

ihr an, dich zu lieben; wenn sie nicht will, so habe ich nichts mit

ihr zu tun, es sei denn, daß du für sie bittest.--Wenn Ihr wahrhaft

liebt, fort, und keine Silbe mehr, denn hier kommt jemand.

(Silvius ab.)

(Oliver tritt auf.)

Oliver.

Guten Morgen, schöne Kinder! Wißt ihr nicht,

Wo hier im Wald herum 'ne Schäferei,

Beschattet von Olivenbäumen, steht?

Celia.

Westwärts von hier, den nahen Grund hinunter,

Bringt Euch die Reih von Weiden längs dem Bach,

Laßt Ihr sie rechter Hand, zum Orte hin.

Allein um diese Stunde hütet sich

Die Wohnung selber; es ist niemand drin.

Oliver.

Wenn eine Zung ein Auge kann belehren,

Müßt ich euch kennen der Beschreibung nach:

Die Tracht, die Jahre so. "Der Knab ist blond,

Von Ansehn weiblich, und er nimmt sich aus

Wie eine reife Schwester; doch das Mädchen

Ist klein und brauner als ihr Bruder." Seid ihr

Des Hauses Eigner nicht, das ich erfragt?

Celia.

Weil Ihr uns fragt: ja, ohne Prahlerei.

Oliver.

Orlando grüßt Euch beide, und er schickt

Dem Jüngling, den er seine Rosalinde

Zu nennen pflegt, dies blutge Tuch. Seid Ihr's?

Rosalinde.

Ich bin's. Was will er uns damit bedeuten?

Oliver.

Zu meiner Schand etwas, erfahrt Ihr erst,

Was für ein Mensch ich bin, und wo und wie

Dies Tuch befleckt ward.

Celia.

Sagt, ich bitt Euch drum.

Oliver.

Da jüngst Orlando sich von Euch getrennt,

Gab er sein Wort, in einer Stunde wieder

Zurück zu sein; und schreitend durch den Wald

Käut' er die Kost der süß und bittern Liebe.--

Seht, was geschah! Er warf sein Auge seitwärts

Und denkt, was für ein Gegenstand sich zeigt:

Am alten Eichbaum mit bemoosten Zweigen,

Den hohen Gipfel kahl von dürrem Alter,

Lag ein zerlumpter Mann, ganz überhaart,

Auf seinem Rücken schlafend; um den Hals

Wand eine grün und goldne Schlange sich,

Die mit dem Kopf, zu Drohungen behend,

Dem offnen Munde nahte; aber schnell,

Orlando sehend, wickelt sie sich los

Und schlüpft im Zickzack gleitend in den Busch.

In dessen Schatten hatte eine Löwin,

Die Euter ausgezogen, sich gelagert,

Den Kopf am Boden, katzenartig lauernd,

Bis sich der Schläfer rührte; denn es ist

Die königliche Weise dieses Tiers,

Auf nichts zu fallen, was als tot erscheint.

Dies sehend, naht' Orlando sich dem Mann

Und fand, sein Bruder war's, sein ältster Bruder.

Celia.

Oh, von dem Bruder hört ich wohl ihn sprechen,

Und als den unnatürlichsten, der lebte,

Stellt' er ihn vor.

Oliver.

Und konnt es auch mit Recht;

Denn gar wohl weiß ich, er war unnatürlich.

Rosalinde.

Orlando aber?--Ließ er ihn zum Raub

Der hungrigen und ausgesognen Löwin?

Oliver.

Zweimal wandt er den Rücken und gedacht es;

Doch Milde, edler als die Rache stets,

Und die Natur, der Lockung überlegen,

Vermochten ihn, die Löwin zu bekämpfen,

Die baldigst vor ihm fiel. Bei diesem Strauß

Erwacht ich von dem unglückselgen Schlummer.

Celia.

Seid (Ihr) sein Bruder?

Rosalinde.

Hat er (Euch) gerettet?

Celia.

Ihr wart es, der so oft ihn töten wollte?

Oliver.

Ich war's, doch bin ich's nicht; ich scheue nicht

Zu sagen, wer ich war; da die Bekehrung

So süß mich dünkt, seit ich ein andrer bin.

Rosalinde.

Allein das blutge Tuch?

Oliver.

Im Augenblick,

Da zwischen uns, vom ersten bis zum letzten,

Nun Tränen die Berichte mild gebadet,

Wie ich gelangt an jenen wüsten Platz--

Geleitet' er mich zu dem edlen Herzog,

Der frische Kleidung mir und Speise gab,

Der Liebe meines Bruders mich empfehlend,

Der mich sogleich in seine Höhle führte.

Er zog sich aus, da hatt ihm hier am Arm

Die Löwin etwas Fleisch hinweggerissen,

Das unterdes geblutet; er fiel in Ohnmacht

Und rief nach Rosalinden, wie er fiel.

Ich bracht ihn zu sich selbst, verband die Wunde,

Und da er bald darauf sich stärker fühlte,

Hat er mich hergesandt, fremd, wie ich bin,

Dies zu berichten, daß Ihr ihm den Bruch

Des Wortes mögt verzeihn; und dann dies Tuch,

Mit seinem Blut gefärbt, dem jungen Schäfer

Zu bringen, den er seine Rosalinde

Im Scherz zu nennen pflegt.

Celia.

Was gibt es, Ganymed? mein Ganymed?

(Rosalinde fällt in Ohnmacht.)

Oliver.

Wenn manche Blut sehn, fallen sie in Ohnmacht.

Celia.

Ach, dies bedeutet mehr! Mein Ganymed!

Oliver.

Seht, er kommt wieder zu sich.

Rosalinde.

Ich wollt, ich wär zu Haus.

Celia.

Wir führen dich dahin.--

Ich bitt Euch, wollt Ihr unterm Arm ihn fassen?

Oliver.

Faßt nur Mut, junger Mensch!--Ihr ein Mann?--Euch fehlt ein

männlich Herz.

Rosalinde.

Das tut es, ich gesteh's. Ach, Herr, jemand könnte denken, das

hieße sich recht verstellen. Ich bitte Euch, sagt Eurem Bruder,

wie gut ich mich verstellt habe.--Ah! ha!

Oliver.

Das war keine Verstellung; Eure Farbe legt ein zu starkes Zeugnis

ab, daß es eine ernstliche Gemütsbewegung war.

Rosalinde.

Verstellung, ich versichre Euch.

Oliver.

Gut also, faßt ein Herz und stellt Euch wie ein Mann.

Rosalinde.

Das tu ich, aber von Rechts wegen hätte ich ein Weib werden sollen.

Celia.

Kommt--Ihr seht immer blässer und blässer--ich bitte Euch, nach

Hause. Lieber Herr, geht mit uns.

Oliver. Gern, denn ich muß ja meinem Bruder melden, wie weit Ihr

ihn entschuldigt, Rosalinde.

Rosalinde.

Ich will etwas ausdenken; aber ich bitte Euch, rühmt ihm meine

Verstellung.--Wollt Ihr gehn.

(Alle ab)

Fünfter Aufzug

Erste Szene

Der Wald

(Probstein und Käthchen kommen)

Probstein.

Wir werden die Zeit schon finden, Käthchen. Geduld, liebes

Käthchen!

Käthchen.

Wahrhaftig, der Pfarrer war gut genug, was auch der alte Herr sagen

mochte.

Probstein.

Ein abscheulicher Ehrn Olivarius, Käthchen, ein entsetzlicher

Textdreher. Aber, Käthchen, da ist ein junger Mensch hier im Walde,

der Anspruch auf dich macht.

Käthchen.

Ja, ich weiß, wer es ist; er hat in der Welt nichts an mich zu

fordern. Da kommt der Mensch, den Ihr meint.

(Wilhelm kommt.)

Probstein.

Es ist mir ein rechtes Labsal, so einen Tölpel zu sehen. Meiner

Treu, wir, die mit Witz gesegnet sind, haben viel zu verantworten.

Wir müssen necken, wir können's nicht lassen.

Wilhelm.

Guten Abend, Käthchen.

Käthchen.

Schönen guten Abend, Wilhelm.

Wilhelm.

Und Euch, Herr, einen guten Abend.

Probstein.

Guten Abend, lieber Freund. Bedeck den Kopf! bedeck den Kopf!

Nun, sei so gut, bedecke dich! Wie alt seid Ihr, Freund?

Wilhelm.

Fünfundzwanzig, Herr.

Probstein.

Ein reifes Alter. Ist dein Name Wilhelm?

Wilhelm.

Wilhelm, Herr.

Probstein.

Ein schöner Name. Bist hier im Walde geboren?

Wilhelm.

Ja, Herr, Gott sei Dank!

Probstein.

"Gott sei Dank"--eine gute Antwort. Bist reich?

Wilhelm.

Nun, Herr, so, so.

Probstein.

"So, so" ist gut, sehr gut, ganz ungemein gut--nein, doch nicht, es

ist nur so so. Bist du weise?

Wilhelm.

Ja, Herr, ich hab einen hübschen Verstand.

Probstein.

Ei, wohl gesprochen! Da fällt mir ein Sprichwort ein: "Der Narr

hält sich für weise, aber der Weise weiß, daß er ein Narr ist."

Wenn der heidnische Philosoph Verlangen trug, Weinbeeren zu essen,

so öffnete er die Lippen, indem er sie in den Mund steckte; damit

wollte er sagen, Weinbeeren wären zum Essen gemacht und Lippen zum

Öffnen. Ihr liebt dieses Mädchen?

Wilhelm.

Das tu ich, Herr.

Probstein.

Gebt mir Eure Hand. Bist du gelehrt?

Wilhelm.

Nein, Herr.

Probstein.

So lerne dieses von mir: haben ist haben, denn es ist eine Figur in

der Redekunst, daß Getränk, wenn es aus einem Becher in ein Glas

geschüttet wird, eines leer macht, indem es das andere anfüllt;

denn alle unsre Schriftsteller stimmen darin überein: (ipse) ist er;

Ihr seid aber nicht (ipse,)denn ich bin "er".

Wilhelm.

Was für ein "er", Herr?

Probstein.

Der "er", Herr, der dies Mädchen heiraten muß. Also, Ihr Tölpel,

meidet--was in der Pöbelsprache heißt, verlaßt--den Umgang--was auf

bäurisch heißt, die Gesellschaft--dieser Frauensperson--was im

gemeinen Leben heißt, Mädchen; welches alles zusammen heißt: meidet

den Umgang dieser Frauensperson, oder, Tölpel, du kommst um; oder,

damit du es besser verstehst, du stirbst; nämlich ich töte dich,

schaffe dich aus der Welt, bringe dich vom Leben zum Tode, von der

Freiheit zur Knechtschaft. Ich will dich mit Gift bedienen, oder

mit Bastonaden, oder mit dem Stahl; ich will eine Partei gegen dich

zusammenrotten, dich mit Politik überwältigen; ich will dich auf

hundertundfünfzig Arten umbringen: darum zittre und zieh ab.

Käthchen.

Tu es, guter Wilhelm.

Wilhelm.

Gott erhalt Euch guter Dinge, Herr.

(Ab.)

(Corinnus kommt.)

Corinnus.

Unsre Herrschaft sucht Euch. Kommt! geschwind! geschwind!

Probstein.

Lauf, Käthchen! Lauf, Käthchen! Ich komme nach, ich komme nach.

(Alle ab.)

Zweite Szene

Ebendaselbst

(Orlando und Oliver treten auf)

Orlando.

Ist es möglich, daß Ihr auf so geringe Bekanntschaft Neigung zu ihr

gefaßt? Kaum saht Ihr sie, so liebtet Ihr; kaum liebtet Ihr, so

warbt Ihr; kaum habt Ihr geworben, so sagt sie auch ja? Und Ihr

beharrt darauf, sie zu besitzen?

Oliver.

Macht Euch weder aus der Übereilung darin ein Bedenken, noch aus

ihrer Armut, der geringen Bekanntschaft, meinem schnellen Werben,

oder aus ihrem raschen Einwilligen, sondern sagt mit mir: ich liebe

Aliena; sagt mit ihr: daß sie mich liebt; willigt mit beiden ein,

daß wir einander besitzen mögen. Es soll zu Eurem Besten sein,

denn meines Vaters Haus und alle Einkünfte des alten Herrn Roland

will ich Euch abtreten und hier als Schäfer leben und sterben.

(Rosalinde kommt.)

Orlando.

Ihr habt meine Einwilligung. Laßt Eure Hochzeit morgen sein, ich

will den Herzog dazu einladen und sein ganzes frohes Gefolge. Geht

und bereitet Aliena vor; denn seht Ihr, hier kommt meine Rosalinde.

Rosalinde.

Gott behüte Euch, Bruder.

Oliver.

Und Euch, schöne Schwester.

Rosalinde.

Oh, mein lieber Orlando, wie bekümmert es mich, dich dein Herz in

einer Binde tragen zu sehn.

Orlando.

Meinen Arm.

Rosalinde.

Ich dachte, dein Herz wäre von den Klauen eines Löwen verwundet

worden.

Orlando.

Verwundet ist es, aber von den Augen eines Fräuleins.

Rosalinde.

Hat Euch Euer Bruder erzählt, wie ich mich stellte, als fiel ich in

Ohnmacht, da er mir Euer Tuch zeigte?

Orlando.

Ja, und größere Wunder als das.

Rosalinde.

O ich weiß, wo Ihr hinauswollte--Ja, es ist wahr, niemals ging noch

etwas so schnell zu, außer etwa ein Gefecht zwischen zwei Widdern

und Cäsars thrasonisches Geprahle: "Ich kam, sah und siegte." Denn

Euer Bruder und meine Schwester trafen sich nicht so bald, so sahen

sie; sahen nicht so bald, so liebten sie; liebten nicht so bald, so

seufzten sie; seufzten nicht so bald, so fragten sie einander nach

der Ursache; wußten nicht so bald die Ursache, so suchten sie das

Hilfsmittel; und vermittels dieser Stufen haben sie eine Treppe zum

Ehestande gebaut, die sie unaufhaltsam hinaufsteigen, oder

unenthaltsam vor dem Ehestande sein werden. Sie sind in der

rechten Liebeswut, sie wollen zusammen, man brächte sie nicht mit

Keulen auseinander.

Orlando.

Sie sollen morgen verheiratet werden, und ich will den Herzog zur

Vermählung laden. Aber ach! welch bittres Ding ist es,

Glückseligkeit nur durch andrer Augen zu erblicken! Um desto mehr

werde ich morgen auf dem Gipfel der Schwermut sein, je glücklicher

ich meinen Bruder schätzen werde, indem er hat, was er wünscht.

Rosalinde.

Wie nun? morgen kann ich Euch nicht statt Rosalindens dienen?

Orlando.

Ich kann nicht länger von Gedanken leben.

Rosalinde.

So will ich Euch denn nicht länger mit eitlem Geschwätz ermüden.

Wißt also von mir (denn jetzt rede ich nicht ohne Bedeutung), daß

ich weiß, Ihr seid ein Edelmann von guten Gaben. Ich sage dies

nicht, damit Ihr eine gute Meinung von meiner Wissenschaft fassen

sollt, insofern ich sage: ich (weiß,)daß Ihr es seid, noch strebe

ich nach einer größern Achtung, als die Euch einigermaßen Glauben

ablocken kann, zu Eurem eignen Besten, nicht zu meinem Ruhm.

Glaubt denn, wenn's Euch beliebt, daß ich wunderbare Dinge vermag;

seit meinem dritten Jahr hatte ich Verkehr mit einem Zauberer von

der tiefsten Einsicht in seiner Kunst, ohne doch verdammlich zu

sein. Wenn Euch Rosalinde so sehr am Herzen liegt, als Euer

Benehmen laut bezeugt, so sollt Ihr sie heiraten, wann Euer Bruder

Aliena heiratet. Ich weiß, in welche bedrängte Lage sie gebracht

ist, und es ist mir nicht unmöglich, wenn Ihr nichts dagegen habt,

sie Euch morgen vor die Augen zu stellen, leibhaftig und ohne

Gefährde.

Orlando.

Sprichst du in nüchternem Ernst?

Wie es Euch gefällt · 第 4 / 5 段