aus kuoni = kühn und rât = Rat, als Name vornehmer
Herren überaus häufig, daher mit Hinz zusammen in der
Koseform Kunz allmählich zur Gattungsbezeichnung für den
Bauern herabsinkend. Charakteristisch ist der Name des
süddeutschen Bauernbundes »Der arme Konrad«, der fälschlich
als »Kein Rat« gedeutet wurde. Für die Häufigkeit dieser
und ähnlicher Vornamen und ihre typische Bedeutung spricht
recht deutlich das Personenverzeichnis eines Lustspiels aus
dem Jahre 1540 (mitgeteilt Z. f. d. U. 10, 395). Es führt
folgende »Menner« an: Heintz der erst Schultheis, Contz
sein son, Gotz der nachbeuren son, Seitz (< Siegfried) sein
zechgesel, Ditz (< Dietrich).
22. =Laban=, in der Ra. »langer Laban« in Norddeutschland ein
langer, aber schlaffer Mensch; in Schlesien ist dafür der
Ausdruck »Labander« üblich.
23. =Leonore, Lenore= aus dem englischen Eleonore gekürzt, mit
der weiteren Kurzform Lore. In Neustadt und in der Lausitz
erhält ein in weiblichen Handarbeiten ungeschicktes Mädchen
den Spitznamen »Pfefferlore«.
24. =Lorenz=, aus lat. ~Laurentius~, verkürzt zu Lenz. Die
Deutung Faulenzer als einen faulen Lenz, der bei Hans
Sachs als »Der faul Lenz« vorkommt und zur Schreibung
Faullenzer Anlaß gegeben hat, wird jetzt allgemein
abgelehnt. Man sieht in der Tätigkeit faulenzen eine der
für Süddeutschland charakteristischen Bildungen auf -enzen
= nach etwas schmecken, riechen, aus der dann erst das
Hauptwort Faulenzer entwickelt worden ist. Wenn aber eine
tiefe Verbeugung »krummer Lorenz« genannt wird, so ist
dabei an den Menschen zu denken, der sie ausführt.
25. =Ludwig=, der schöne altgermanische Mannesname, ist auch
in der französischen Form Louis seit dem Sonnenkönig Louis
XIV. in Deutschland außerordentlich häufig und hält sich
in manchen Gegenden, so im Vogtlande, mit Hartnäckigkeit,
obwohl er infolge der Sittenlosigkeit am Hofe der
französischen Ludwige in seiner Bedeutung tief gesunken
ist. Er bezeichnet den Zuhälter, in Frankreich insbesondere
die Dirne, während für jenen die Namen Adolphe und
Alphonse, wahrscheinlich literarische Typen, gebräuchlicher
sind.
26. =Magdalene=, biblischen Ursprungs, eigentlich die aus
Magdala am galiläischen Meer Gebürtige, verkürzt zu Lene,
gilt in Frankreich als Gemeinname für gefallene Mädchen und
solche von lockerem Lebenswandel.
Lene kann auch Kürzung aus Helene sein. »Die fromme Helene«
ist ein durch Wilh. Busch geschaffener Typus.
27. =Margarete= ist im Mittelalter bereits außerordentlich
verbreitet, so daß Margret, Grete eine weibliche Person
schlechthin bezeichnen: Hans und Grete, eine faule Grete
(Liese). Wie _Marie_ < Maria, als Name der Gottesmutter
während der mittelalterlichen Marienverehrung auf Millionen
frommer Lippen, schließlich so gemein wurde, daß er
verächtlich das derbe Bauernmädchen bezeichnete – noch
jetzt wird die reiche altenburgische Bauersfrau in den
angrenzenden sächsischen Gebieten als Bauernmärge (-marie)
und ein plumpes bäurisches Mädchen auch in der Stadt als
Bauernmieke (Koseform für Marie) verspottet, so gilt auch
Grete, Grite oder Gritte als Gemeinname für ein boshaftes
Frauenzimmer.
28. =Martin=, der Name des Heiligen, dem der 11. November
geweiht ist. In Süddeutschland tritt der Pelzmärtel an die
Stelle des Knecht Nikolaus oder Ruprecht; er heißt auch
der gute Märtel. Meister Martin ist der mittelalterliche
Sammelname für die Metzger.
29. =Matthias und Matthäus= < Mathis, Mathes > Matz in Hemden-,
Hosen-, Spiel-, Tändel-, Plaudermatz oder in Verbindung mit
einem den Familiennamen nachahmenden Übernamen wie Matz
Fott = unmännlicher, feiger Mensch, Matz Pump = einfältiger
Mensch oder Matz Klotz = derber, plumper Gesell; aus der
bloßen Namensform Matz für einen einfältigen Menschen
entwickelte sich die Verkleinerung Mätzchen zur Bezeichnung
von Narrenspossen. Nach Schmellers bayr. Wb. bedeutet
auch Hiesel < Matthias einen dummen Menschen; von dem
Gemeinnamen wird die Tätigkeit hieseln = jemanden zum
Besten haben, abgeleitet wie von _Gabel_, _Gaberl_ <
Gabriel gabeln = übereilt handeln.
30. =Max= < Maximilian, spätlat. ~Maximinianus~, ist eigentlich
der zum Geschlecht des ~Maximinus~ Gehörige. Volkstümlich
wurde er besonders durch den »letzten Ritter«. »Max und
Moritz« sind nach Busch zwei Musterknaben. Während des
Weltkrieges entstand »Knallmaxe« als humorvoll-grimmige
Benennung für die unaufhörlich schießenden Franzosen. Die
Ra. »den Maxen machen«, bedeutet den Geprellten spielen.
»Ein strammer Max« ist im Kaffeebaum zu Leipzig ein mit
gehacktem Rindfleisch und einem rohen Ei belegtes Brot.
31. =Mechthild=, neben Mathilde veraltet, ist in der Kurzform
Metze ein Schulbeispiel für die Bedeutungsverschlechterung:
Aus dem stolzen Namen der Fürstin wird allmählich der
überaus häufige Vorname von Bauernmädchen – in dem bereits
erwähnten Personenverzeichnis des Lustspiels aus der
Reformationszeit erscheint Metz als die Tochter der alten
Genßhertin – die Pfaffenköchin und Lagerdirne und damit das
verächtliche, feile Weibsbild überhaupt.
32. =Michael=, der biblische Erzengel, verschmolz bei den
christlichen Germanen mit dem Schlachtengott Wodan, wurde
darum in der Kurzform Michel – das ahd. Ew. ~mihil~ = groß,
stark, mag mit eingewirkt haben – auf die deutschen Kämpfer
übertragen und zur Bezeichnung der Deutschen überhaupt:
Der deutsche Michel. Das Schlagwort hat mannigfache
Wandlungen erfahren, ehe es seit den Freiheitskriegen
zum Sinnbild des gesamten deutschen Volkes wurde. In
der Reformationszeit galt es allgemein als Spottname
für den einfältigen, tölpelhaften Deutschen, so daß
es Stieler im »Teutschen Sprachschatz« Sp. 2277 durch
~idiota~, ~indoctus~ erklärt. Diese Bedeutung lebt in der
Gegenwart fort: Quatsch-, Heulmichel; Linkmichel (in der
Kundensprache ein Handwerksbursche, der sich noch nicht
aufs Fechten versteht). Nach Mörike (Novelle »Der Schatz«)
wird im Schwäbischen ein Jüngling, der das weibliche
Geschlecht ängstlich meidet, ein »kalter Michel« genannt.
Vetter Michel, den Goethe mit überlegener Ironie malt, wenn
er sagt: »Laßt den Witzling uns besticheln, glücklich,
wenn ein deutscher Mann seinem Freunde Vetter Micheln
guten Abend bieten kann,« ist das Urbild des deutschen
Philisters. Sich anbiedern wird darum auch durch: sich
vettermicheln, sich anmicheln gegeben. Michelei, Micheltum
sind Neubildungen der letzten Jahre.
In der dichterischen Anschauung nimmt jedes Volk von
ausgeprägter äußerer und innerer Eigenart persönliche
Gestalt an. Das französische Volk wird durch Marie-Anne,
das Weib aus dem Volke, versinnbildlicht, das nach
Heine als Sinnbild der wilden, ungebändigten Volkskraft
1830 »eine fatale Bürde abwirft«. John Bull ist die
Verkörperung der englischen Wesensart, am nächsten verwandt
mit ihm ist der amerikanische Vetter Uncle Sam. Tommy,
wie die deutschen Soldaten jeden Engländer nannten,
ist der Schottländer, Paddy (Koseform von Patrik, dem
Schutzheiligen der Insel) der Bewohner des grünen Eilands,
Tom der Neger. Im Elsaß ist Méchel (Michel) der Spitzname
der Deutschen.
33. =Nikolaus=, der Name des früh schon heilig gesprochenen
Bischofs zu Myra in Lyzien, kommt schon bei Oswald von
Wolkenstein im 15. Jahrhundert in der Kurzform Nickel
als Personenname vor. Er verband sich frühzeitig mit
der Vorstellung des Kleinen, Unbedeutenden, die aus dem
bei Luther vorkommenden Gegensatz des kleinen Nickels
zum großen Hansen hervorging. Deshalb bezeichnet man
damit nicht bloß Kinder, im Schwäbischen eigensinnige
Mädchen, sondern auch erwachsene Personen, die mit etwas
Tadelnswertem, das den Wert des Menschen herabsetzt,
behaftet sind: Gift-, Zorn-, Filz-, Gron-, Laus- und
Notnickel, Sau-, Schweinnickel; Schinder-, Schimpf-,
Rußnickel. Auch auf liederliche Weibspersonen wird Nickel
angewandt. Hansnickel war um 1680 zu Mühlhausen in
Thüringen der Scharfrichter.
Der heilige Nikolaus war der Schutzheilige der Seefahrer.
Darum heißt der Matrose außer Jack auch Klas, häufig mit
wertverminderndem Beiwort: grober, dummer Klas, Drömklas.
In der Adventszeit – der 6. Dezember ist sein Namenstag
– kehrt der Nikolaus bei den Kindern ein, und sie beten:
»Ach lieber Sankt Nikolaus, schütt doch den Sack voll
Nüsse aus.« (Auch Knecht Niklas oder Pelznickel.) Wenn im
Französischen Nicolas den einfältigen Dummkopf – auch in
der Verkleinerungsform Colas – bedeutet, so ist sicherlich
die lautliche Ähnlichkeit mit ~nigaud~ von bestimmendem
Einfluß gewesen. Das weibliche Colette bezeichnet ein
zimperliches Frauenzimmer (Zimperliese).
34. =Oskar= ist ein im Norden (Schweden) häufiger Name <
Ansgar. Eine Person von zudringlicher Frechheit wird mit
der Ra. »frech wie Oskar« charakterisiert. Der Name ist im
Französischen zur Bezeichnung des Zuhälters herabgesunken,
auf welchem Wege, deutet H. Taine an: ~Ossian avec Oscar,
Malvina et sa troupe, fit le tour de l’Europe et finit vers
1830 par fournir des noms de baptême aux grisettes et aux
coiffeurs.~
35. =Peter= < Petrus wird in appellativischer Verwendung
gleich dem Hans bevorzugt: Dummer, fauler, hölzerner,
trauriger, langweiliger Peter, Heul-, Quatsch- oder
Seich-, Schrei-, Märpeter, Lügen-, Dreck-, Karnickelpeter
(Liebhaber von Karnickeln); Tran- und Traumpeter. Ein
strubbliger d. h. zerzauster Kopf verhilft seinem Besitzer
zur Bezeichnung Strubbelpeter, literarisch berühmt geworden
als »Struwelpeter« durch den Dichter Heinrich Hoffmann.
Chamissos Peter Schlemihl lebt auch unter denen, die die
Dichtung nicht kennen, in der Ra. »Du bist mir ein schöner
Schlemihl« fort. Wer dasitzt, wie Peter Bumm, ist völlig
teilnahmslos. In sächsischen und thüringischen Gegenden
wird ein schlechter Mensch als Peter Meffert verächtlich
gemacht.
36. =Philipp=, aus dem Griechisch-Lateinischen stammend,
abgekürzt > Lipp, Lips. Ein unruhiges Kind wird als
»Zappelphilipp« oder Zappelliese getadelt. Der »Vater
Philipp« ist in der Soldatensprache der Arresthausaufseher
(vgl. Fockenkarl).
37. =Ruprecht=, gleich den Nebenformen Rupert, Robert, aus
ahd. ~hruod-beraht~ = der Ruhmglänzende (vgl. Bertha <
Berchtha), begleitet als des Christkindleins getreuer
Knecht dasselbe bei der weihnachtlichen Bescherung. Die
Kinder fürchten die polternde Gestalt mit der Rute als
den Rupert oder Rupperich, so daß der Name die allgemeine
Bedeutung »Schreckgestalt« annimmt. Nach Eisels Sagenbuch
des Vogtlandes werden da und dort gewisse schauerliche
Waldstätten »Rupprechte« geheißen; ein solcher Rupprecht
schließt sich nach Eisel an die Talschlucht Lerche bei
Tscherma an und ist arg verschrien.
Die Koseform Rüpel < ahd. Rûpilo, Rûpo, war noch im
16. Jahrhundert, z. B. bei Fischart, Eigenname; als
Familienname Rüp(p)el hat sie sich erhalten. Da der Knecht
Ruprecht vermummt oder geschwärzt auftrat, mit grober
Stimme redete und derb zuschlug, in den Weihnachtsspielen
den Spaßmacher darstellte, nahm der Name die appelativische
Bedeutung einer schwarz aussehenden Gestalt einerseits
wie eines groben, ungezogenen Gesellen anderseits an.
Wer von der Sonne verbrannt ist, sieht schwarz aus wie
ein Riepel (Rüpel), die Mohren sind schwarze Riepel, und
der Essenkehrer heißt im Erzgebirge und Vogtland, ohne
daß dabei sein Benehmen getadelt wird, Feierriebel =
Feuerrüpel. Auf der anderen Seite steht der Rüpel als der
ungeschliffene Grobian mit seinen Rüpeleien. Abgeleitet ist
das Tätigkeitswort rüpeln.
Die französische Koseform Robin < Robert ist zum
Gemeinnamen des tölpelhaften Bauern geworden, der den
Pfiffigen spielen will, im weiteren Sinne bezeichnet sie
den Spaßvogel, in Sprichwörtern den Menschen überhaupt.
Robinette ist der Name der Dienstmagd.
38. =Susanne=, hebräisch die Lilie. Man spricht auf Grund des
biblischen Berichts von einer »keuschen Susanne« ebenso
spöttisch wie von der frommen Helene. Die gekürzte Form
Suse, die allgemein eine langsame, träge, träumerische
Person (Mär-, Traumsuse) bezeichnet, aber auch andere
tadelnswerte Eigenschaften hervorhebt (Heulsuse), wird
häufig sogar auf männliche Personen angewendet. Mörike
nennt im »Stuttgarter Hutzelmännlein« ein aufgeputztes
Mädchen eine »Susanne Preisnestel« nach dem Saum (Preis) am
Hemde und dem zum Einfassen gebrauchten Band.
39. =Thomas=, nach Joh. 20, 24 ff. der hartnäckige, erst durch
den Augenschein überzeugte Zweifler wird zum Typus des
Ungläubigen: ein ungläubiger Thomas.
40. =Ulrich=, Koseform Uz, wird in den Ra. »den Ulrich anrufen«
= sich erbrechen und »Ulrich von der Feuerwehr« (letztere
im Vogtland gebräuchlich für irgendeinen Menschen, der
zum Spott herausfordert) verwendet. Von Uz wird auch uzen
= foppen abgeleitet, wenn auch diese Herleitung nicht
allgemein anerkannt ist.
41. =Ursula=, lateinischer Name = Bärin, appellativisch in der
Form Ursel, Urschel für eine dicke Frau; französisch Ursèle
ist die alte Jungfer oder die Magd.
42. =Wenzel= aus dem Slawischen ins Deutsche gedrungen; der
Brogl = Wenz ist bei Mörike (Stuttgarter Hutzelmännchen)
der Prahler (sich broglen = prahlen).
Vornamen dienten seit jeher als Glimpfnamen (~Euphemismen~) für
Personen oder Wesen, die man aus abergläubischer Furcht nicht bei
ihrem wirklichen Namen zu nennen wagte. Daß der Henker Meister Hans,
Schnürhänslein, Peter oder Matz gerufen wurde, ist bereits angeführt
worden, ebenso daß Kobolde und Wichte Heinzel- oder Petermännchen,
Peterlein, Hollepeter, Chiemke (nd. Verkleinerung von Joachim),
Wolterken (Walterchen) oder Nissen hießen. Der Name des Metalls
»Nickel« entstand, wie Kobalt aus dem neckenden Kobold, aus der
Bezeichnung des Bergdämons, der die Häuer äffte, indem er ihnen Kupfer
vortäuschte. Der Tod ist Freund Hein oder Henn. Unendlich mannigfaltig
sind die Bezeichnungen des Teufels, die er teilweise mit dem Henker
gemeinsam hat: Hans, Hanske = Hänschen, Junker Hans, Grau- oder
Grünhans, Hans vom Busch, Heinrich, Grauheinrich, Hinz, Kunz, Nickel,
Großnickel, Marten oder Merten, Kaspar oder Käsperle, Dewes = Tobias,
Rüpel, Stöffel oder Junker Stof = Christoph, Peterlein, Velten =
Valentin unter Anlehnung an mhd. vâland usw.
II. Vornamen in appellativischer Verwendung für Tiere und Pflanzen.
Von jeher hat der Deutsche in enger Vertrautheit mit der Tierwelt,
zunächst natürlich mit den Tieren seines Hauses, aber ebenso mit
solchen des Waldes, nützlichen und schädlichen, gestanden. Die Tiersage
offenbart das innige Verhältnis zwischen Mensch und Tier auch dadurch,
daß dieses einen menschlichen Namen trägt. Das männliche Pferd heißt
allgemein Hans (bekannt war vor Jahren »Der kluge Hans«), die Stute
Liese oder Lotte; ein Dackel wird wohl auch Seppl gerufen. Freilich
sind dies gewissermaßen Eigennamen wie im Tierepos, aber der Übergang
zum Gattungsbegriff ist außerordentlich leicht gegeben. Auch der »Matz«
war ursprünglich Name _eines_ Vogelindividuums mit Haustierrechten,
eines Kanarienvogels oder zahmen Stares. Durch Bedeutungserweiterung
wurde die Bezeichnung auf jeden Star – Starmatz – und jeden kleineren
Vogel übertragen: Piepmatz (Wandelung dieses Begriffs: Der kriegt einen
Piepmatz ins Knopfloch = einen Orden, du hast wohl einen Piepmatz
(Vogel)?) Sogar Ungeziefer wird von den Kindern als Matzeln bezeichnet.
Der Papagei heißt allgemein Lore oder Lorchen. Rabe und Krähe tragen
in Zwickau den Namen Jakob, die Dohlen heißen vielerorts Klas, die
Rotkehlchen in der Lausitz wohl auch Rotkätel. Besonders zahlreich sind
die Benennungen des Sperlings: bei den Franzosen Pierrot und Pierette,
bei den Niederdeutschen Jochen, Johann Klappstert, Dackpeter. Das
Schwein heißt Kuntz, auch Suse, Heinz ist der Kater, dann auch das
männliche Kaninchen (vogtländisch Hàànz). Nicht belegt für Sachsen
ist Hermann als Name des Ziegenbocks. Der Pariser ruft den Bären des
Zoologischen Gartens Martin; Martine ist das weibliche Kaninchen; auch
andere Tiere heißen im französischen nach dem heiligen Martin.
Naturgemäß ist die Zahl der Pflanzen mit menschlichen Namen weit
geringer; erwähnt seien nur »Das fleißige Liesel« = eine lange blühende
Topfpflanze und »Der gute Heinrich« = ~Chenopodium~.
III. Vornamen als Gattungsnamen im Reiche der leblosen Dinge.
Die Figuren des Kasperletheaters, Nachbildungen häufiger menschlicher
Typen, lassen den Vorgang des Bedeutungswandels deutlich erkennen.
Den Zuschauern werden die Puppen ebenso lebendig, wie ein Kind mit
seinem Püppchen umgeht, als wäre es lebendig. Die alte Bezeichnung
für die Gestalten des Puppentheaters war Kunz, Kunzchen, Künzel,
Heinz oder Jäckel; nach ihnen hieß der Puppenspieler Kunzmann
(noch jetzt Familienname) und Kunzenjager oder Kunzenspieler. Vom
französischen Marion, der Koseform von Marie, ist die noch jetzt
herkömmliche Bezeichnung Marionetten abgeleitet. Eine andere Kurzform
desselben Vornamens Marotte, noch heute in der Normandie ein junges,
halbwüchsiges Mädchen bezeichnend, ist nicht bloß der Puppenkopf am
Narrenstab, sondern auch die Narrheit, der närrische Einfall.
Mit dem Namen Heinz werden eine ganze Reihe technischer Werkzeuge und
Geräte belegt, ursprünglich wohl im Bergbau eine Wasserhebemaschine
nach dem geschäftigen Kobold, dann auch die Schnitzbank des Böttchers.
Schmeller führt als bayrisch an Stiefelhänsel oder Stiefelhainzel =
Stiefelknecht und Heuhainz = im Allgäu ein Gestell zum Trocknen des
Heus (hainzen = diese Art des Trocknens). Französisch Saint-Jean ist
nicht bloß alles, was der Setzer braucht, in der Druckersprache,
sondern auch allgemein das Handwerkzeug: ~prendre son S.-Jean~ =
die Werkstatt verlassen. Dietrich, wie Friedrich und Johann häufig
für Diener, wird zum Namen des Diebs- oder Nachschlüssels. Die
Rute erscheint den Kindern euphemistisch als Birkenhänsel oder
Birkengottfriedel, wie auch im Französischen der Eseltreiberstock
~martin~ genannt wird.
Von jeher hat der Soldat in seiner Waffe ein ihm vertrautes lebendiges
Wesen erblickt. Aus der gleichen Gesinnung heraus, die Körner dazu
antrieb, das Schwert an seiner Linken als sein Liebchen, als Eisenbraut
zu besingen, entstanden im Mittelalter die Beinamen der Geschütze und
Waffen. Hans v. Schweinichen erzählt in seiner Lebensbeschreibung,
daß der junge Herzog von Liegnitz sein Rapier »allezeit meine Jungfer
Käthe geheißen« habe, mit der er oft ein Tänzlein getan habe. Ein
Geschütz aus dem 14. Jahrhundert, das sich in der Arsenalsammlung zu
Dresden befindet, hieß »Faule Magd«; noch berühmter war die »Faule
Grete«, beide ihrer Schwerfälligkeit wegen so benannt, wie ja auch die
deutschen Riesenmörser des Krieges allgemein »Dicke Bertha« hießen. Der
Soldat gibt dem Gewehr die zärtlichsten Namen: meine Karline, Laura,
Pauline, Bertha. Auf ein zärtliches Liebesverhältnis deutet auch, wenn
der Schnapsbruder von der Flasche als von der Karline oder Pauline
spricht. Die Kaffeekanne heißt manchmal Kaffeekarline.
Eine andere Art von Bedeutungsübertragung liegt vor, wenn Speisen und
Getränke nach einem menschlichen Vornamen heißen: Ein geringes Bier,
wie es die Knechte tranken, nannten die Schöppenstädter »armer Heinke«;
im Erzgebirge ist der »Großpeter« ein dicker mit Milch übergossener
Brei, als Sommerspeise beliebt, in Süddeutschland der »Biernickel«
eine Kaltschale; der Reisbrei lebt in der Soldatensprache als »stolzer
Heinrich«. Im südlichen Deutschland gibt es Pfannkuchen unter der
Bezeichnung »Pauternickel«; in Westfalen entstand der berühmte
Pumpernickel, über dessen schwierige Etymologie viel geschrieben worden
ist; der zweite Teil ist auf jeden Fall der Vorname Nickel. Warum
heißt in Sachsen ein Käse »alter Theodor«? Die Pflaumentoffel, die hie
und da auf den Christmärkten verkauft werden, sind aus Dörrpflaumen
zusammengesetzte Männlein in Essenkehrergewandung; auch der Name
Pflaumenrüpel kommt vor. Der Ziegenpeter oder Bauerwetzel ist eine
Krankheit der Halsdrüsen, vielleicht bei Hütejungen als Folge von
Erkältungen häufig vorkommend. Seltsame Laune des Sprachgeistes, das
Fensterkreuz als Fensterpeter, die große Klingel am Pferdekumt im
Winter als Lore (Erzgeb.), den Abort als Lotte (Leipzig) zu bezeichnen!
Das beliebte Gesellschaftsspiel »Schwarzer Peter« soll seinen Namen
von einem berüchtigten Räuberhauptmann in Mecklenburg, Peter Nikoll,
genannt der schwarze Peter, empfangen haben; dann wäre es über hundert
Jahre alt; denn 1817 ist er in Glückstadt enthauptet worden. Die vier
Wenzel sind die Unter, die Baste (Koseform von Sebastian wie Bastel)
ist der Grünober im Schafkopfspiel. Auch Schar- oder Scherwenzel
soll ursprünglich den Unter des Kartenspiels bezeichnet haben; Jean
Paul, Freytag und andere nennen einen schlechten Tabak Lausewenzel.
Manche Dresdner verstehen unter »großem Friedrich« die große Zehe,
die Leipziger sprechen von der »grünen Anna« und meinen damit den
Polizeiwagen. Bei Dähnhardt, Naturgeschichtliche Volksmärchen 1, 102
heißt der Regenschirm beispielsweise »die baumwollene Minna«.
IV. Familiennamen als Gattungsnamen.
Die Zahl der Familiennamen in appellativischer Verwendung ist, an der
Menge der Vornamen, unter denen keiner von älteren und gebräuchlicheren
fehlt, verschwindend gering. Von vornherein ist auch klar, daß es
sich, wenn Familiennamen zu Gattungsbezeichnungen geworden sind, nur
um die allerbekanntesten, über weite Gebiete verbreiteten handeln
kann. Aus dem hohen Alter und der Häufigkeit des Auftretens erklärt
es sich, daß sich die Bedeutung nicht bloß erweitert, sondern auch
in den meisten Fällen verschlechtert. Obwohl die Freizügigkeit das
ursprüngliche Bild stark verändert hat, lassen sich doch noch immer
auch inbezug auf die Verbreitung gewisser Familiennamen landschaftliche
Verschiedenheiten nachweisen. Daneben aber gibt es Namen, die aus
kulturgeschichtlichen Gründen gleichmäßig über ganz Deutschland
verbreitet sind. An diese vor allem knüpft die Bedeutungswandlung
an; nur selten wird ein Personenname von begrenztem Geltungsbereich
zu appellativischer Verwendung gelangen. Ein flüchtiger Blick in die
Wohnungs(Adreß-)bücher der Großstädte offenbart in überwältigender
Fülle, welche Personennamen als die häufigsten gelten können. Der
Volkswitz hat den Vers geschaffen: »Müller, Schulze, Lehmann, Schmidt –
die machen jeden Mumpitz mit.« Die Lesart schwankt zwischen Müller und
Meier, aus dem richtigen Bewußtsein heraus, daß unbedingt der Meier in
die Reihe gehöre. Die Häufigkeit dieser fünf Namen wird erst dann recht
deutlich, wenn die verschiedenen Formen der Rechtschreibung, unter
denen sie vorkommen, in Betracht gezogen werden:
Müller, Miller, Möller, Möllner, Müllner, Myller;
Meier, Maier, Meyer, Mayer, Meyr, Meir;
Schulz, Schulze, Schultz, Schultze, Schulte, Schulteß,
Scholz, Scholze;
Schmidt, Schmid, Schmied, Schmidt, Schmitt.
Nun mag der Volkswitz auf der Straße und im lustigen Blatt über
diese Namen denken, wie er wolle, ihre Geschichte ist uralt, und sie
waren einst ebenso geachtet, wie sie jetzt unwillkürlich ein Lächeln
hervorlocken, wenn sich jemand als Müller oder Schulze vorstellt.