[Illustration: Cover]

Landesverein Sächsischer

Heimatschutz

Dresden

Mitteilungen

Heft

1 bis 2

Monatsschrift für Heimatschutz, Volkskunde und Denkmalpflege

Band XV

_Inhalt_: Bodentreue – Bedeutungswandel von Vor- und Familiennamen –

Naturdenkmäler – 15000 Mark – Naturschutz und Gesetzgebung –

Verwaiste Storchniststätten im Niederlande um Oschatz – Die

sächsische Schule und der Heimatschutzgedanke – Aus unserem

Landesmuseum für Sächsische Volkskunst – Die Wohnräume, ausgestellt

vom Landesverein Sächsischer Heimatschutz auf der »Jahresschau 1925«

– Die Himmelmühle im Erzgebirge – Bücherbesprechungen – Naturschutz

Einzelpreis dieses Heftes 3 Reichsmark

Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24

Postscheckkonto: Leipzig 13987, Dresden 15835

Stadtbank Dresden 610

Bankkonto: Commerz- und Privatbank,

Abteilung Pirnaischer Platz, Dresden

Bassenge & Fritzsche, Dresden

Dresden 1926

_Dresden_, am 22. Februar 1926

An unsere werten Mitglieder!

Erstmalig befindet sich in diesem Heft eine Beilage, die der

Bauberatung unseres Vereins dient und sicherlich eine Bereicherung

unserer Veröffentlichungen bedeutet. Wir verweisen dieserhalb

auf das Vorwort unseres verdienstvollen Mitarbeiters, des Herrn

Regierungsbaurat Dr. Goldhardt.

Da nun diese Beilage bei den weiten Kreisen unserer Mitglieder

sicherlich nicht allen von Interesse sein wird, andererseits die

Kosten sehr erheblich sind, weiterhin die heutige Zeit eiserne

Sparsamkeit gebieterisch verlangt, möchten wir die weiteren Hefte

dieser Sonderbeilage nur denjenigen Mitgliedern zustellen, die dafür

Interesse haben. Wir bitten daher alle diejenigen unserer geschätzten

Mitglieder, die auch weiterhin in den Besitz der Beilage gelangen

wollen, um Mitteilung auf beigefügter Karte. Ob es möglich sein wird,

die Zeitschrift kostenlos zu liefern, nachdem ja die Mitgliedsbeiträge

außerordentlich schwer eingehen und es großer Mühe bedarf, für die

ausgetretenen Mitglieder, die uns hauptsächlich aus wirtschaftlichen

Gründen verlassen mußten, Ersatz zu finden, steht dahin. Wir sind aber

der Überzeugung, daß keiner, dem es um eine gesunde Baukunst ernst

ist, wegen der 1.50 M., die die Beilage jährlich kosten würde, auf sie

verzichtet.

Wenn es irgendwie möglich ist, werden wir die Beilage auch weiterhin

allen denjenigen umsonst beilegen, die es wünschen, ist es aber mit der

wirtschaftlichen Lage des Vereins nicht vereinbar, dann werden wir im

vorhinein die Interessenten der Beilage davon unterrichten, daß wir den

Betrag von 1.50 M. jährlich besonders erheben müssen.

Wir würden uns freuen, wenn die Beilage »Bauberatung« das verdiente

Interesse finden und unter unseren Mitgliedern regste Verbreitung

erhalten würde.

Mit deutschem Gruß

=Landesverein Sächsischer Heimatschutz=

=O. Seyffert=,

Hofrat, Professor

1. Vorsitzender

=Werner Schmidt=,

geschf. Direktor

Band XV Heft 1/2 1926

[Illustration: Landesverein Sächsischer Heimatschutz Dresden]

Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern

herausgegeben

Abgeschlossen am 31. Januar 1926

Bodentreue

Von A. _Eichhorn_, Glashütte

Und hat die Heimat karges Brot

und Nebellast das ganze Jahr,

sie ist trotz aller, aller Not

so wunderselig licht und klar.

Mit tausend Ketten bindet sie,

mit tausend Armen hält sie fest,

wie eine arme Mutter, die

ihr sterbend Kind noch an sich preßt.

(Gustav Schüler.)

Kämpfer und Dulder waren und sind die Menschen droben im Kammland

unseres Erzgebirges. Festgedrückt an den Boden erscheinen die

niedrigen, schindelbedachten Berghütten. So geschaut, wandeln sie sich

zum Ausdruck der Seelenstimmung ihrer Bewohner: Festhalten, einkrampfen

in den Boden, den der Vorfahr in langer Geschlechterfolge durch

kraftverzehrende Arbeit der Wildnis entriß und damit die Wetterkräfte

in ihrer urgewaltigen Wirkung minderte. Bleiben, kämpfen oder dulden,

aber nicht weichen, wenn fremder Zunge Bodengier nach der »Hamit« leckt.

»~Silva liminaris~«, Grenzwald, nennt eine Urkunde des Klosters Ossegg

vom Jahre 1203 das wilde Waldgebirge zwischen Sachsen und Böhmen.

Eine lebendige Schutzmauer war der dickichtstrotzende, moorbergende,

tagereisenbreite Urwald für Böhmen. Nur wenige Saumpfade liefen durch

die Wildnis, martervolle Wegfahrten für die Reisenden. Einzelne

»Landestore«, ~porta terrae~, öffneten die Waldmauer um dieses

Jahrhundert: So bei Kulm, Graupen, an der Riesenburg, bei Preßnitz

und Graslitz. Den Grenzwaldklöstern ward der Grenzschutz geboten.

Leute _deutscher_ Abstammung betreuten die Landestore und besserten

auf Geheiß der Klostermänner in friedvollen Zeiten die steinigten und

wurzelüberflochtenen Pfade zu gangbaren Handelswegen. Deutsches Blut

_heimatete_ zuerst im wilden Waldland.

[Illustration: Abb. 1. =Das Kammdorf Göhren.= Im Hintergrunde der

Wieselstein]

Auf steilem Einzelfelsen oder schroff absinkender Talwand bauten im

elften und zwölften Jahrhundert thüringische und fränkische Ritter ihre

Wohnstätten, anfangs wohl nur aus einem Turm bestehend und erst im

Zeitenlauf sich zur trotzenden Schutzfeste wandelnd. Die Wahrzeichen

deutscher Besiedelung sind die Burgen unseres Erzgebirges, Wächter, die

sich einhorsteten in die Wildnis, zu fördern deutsche Kulturarbeit und

wo nötig, zu trotzen slawischem Wesen. Nach ihrer alten Heimat sandten

die Ritter ihre Unternehmer, um »Kolonisten« zu werben fürs neue Land.

Mancher Einwanderer erschrak, als ihm sein Stück Land zur Rodung

zugewiesen ward, schlich verzweifelnd am Abend zur Blockhütte, wenn das

Ringen mit Baum, Stein und Tier schier übermenschlich werden wollte

in der maßlosen Wildnis. Heute künden die langen, strauchbestandenen

Steinrücken von harten Tagen vergangener Geschlechter und säumen in

mittlerer Höhenlage schenkenden Boden. Wie von gewaltigen Recken

gebaut, lagern die Steinwälle droben bei Gebirgsneudorf. So urhafte

Mauern, kaum sind sie wieder zu finden im ganzen Gebirge, konnte nur

ein Wille türmen, der den bezwungenen Boden ewig haben wollte.

Was aber lockte die Menschen einst bis hinauf ins Kammland, wo

schwankender Grund keinen Fuß tragen will und ungebändigte Wildnis

ehedem eine rauhere Luft aushauchte als in unseren Tagen? Der Berge

erzene Adern wollten sie ritzen, ausschmelzen den erzschwangeren Fels.

»~Montes metalliferi~«, Erzgebirge, wurde das Gebirge benannt. Reicher

Bergsegen ward gehoben. So gab es auch im kalten Kammland Brot, und

den Erzgräbern fiel das Bleiben nicht schwer. Deutsche Bergleute waren

es, die von Freiberg aus allmählich den sanftansteigenden Nordabhang

hinaufsiedelten, des Hochlands Erzgänge »fündig« machten und auch

seinen böhmischen Teil mit manchem Bergstädtlein betupften. Da kamen

friedlose Zeiten auch zum Bergmann in der hohen Einsamkeit. Als der

Krieg begann, in dem katholische und lutherische Heere dreißig Jahre

lang miteinander stritten, kam nach der Schlacht am Weißen Berge bei

Prag der Jesuit ins Erzgebirge. Duldung war ihm ein unbekannt Wort.

Mit roher Gewalt hieß er die »Bekehrungsdragoner« ihres Amtes walten.

Bürgerrecht, Amt und Handwerk verlor die Glaubenstreue. Hinaus aus

dem Land, wenn du nicht unsere Messe hörst! Mancher traurige Zug von

vertriebenen, doch innerlich starken Menschen, bewegte sich über die

Grenze nach Sachsen. Oft nur wenige Minuten von der alten Heimat

entfernt gründeten die Exulanten das neue Heim. Johanngeorgenstadt,

Neuschönberg, Rothenthal, Zinnwald, Neugeorgenfeld, Gottgetreu und

noch manch anderer Ort im Grenzgebiet wurde von ihnen gegründet.

Das Jahrhundert jesuitischer Gewalt beraubte das böhmische Kammland

seiner besten Siedler, nur gut, daß sie nicht fortgegangen, sondern

nur Schritte gewichen, denn mancher Notruf kam von »drüben«, den ihre

helfende Hand zu leiserem Klingen brachte, wenn sie nicht selbst

ärgste Not bedrückte. Der Krieg suchte ja alle Winkel im Gebirge auf.

Oft hallten Marterschreie im Bergwald wieder. Verängstet schlichen

die Flüchtlinge wieder aus dem Moor. Ein Häuflein Asche lag auf dem

Eigengrund. Lange standen sie ratlos auf den Trümmern ihrer Heimstätten.

Die Häuslein erstanden wieder.

Da klang es erst hier und dort, dann vielerorts und bald im ganzen

Gebirge von einem Gespenst, das zwingen würde, fortzugehen. Bald ward

das heimlich Gefürchtete schlimme Wirklichkeit: Der Berge erzene Adern

hatten sich vertrieft. Jahre kamen, da mußten die Erzsucher um längst

verdienten Lohn bitten, waren zufrieden, wenn ihnen »Brot und Geleucht«

gewährt ward. Bleiche, vermühte Männer wandelten zum Stollen. Kamen sie

aus ihrer sonnenlosen Werkstatt, dann war nur zu oft auch draußen das

Tageslicht von schleichendem Nebel gedüstert. Schwermütig gingen sie

zwischen den geisternden Stämmen ihrer Hütte zu. Aber treu blieben sie

ihrer Arbeit, treu ihrem Häusel. Es war zu schwer fortzugehen, weil

des Schichtglöckleins Ruf zu bindend geworden, zumal denen, die seiner

Stimme ein Leben lang gefolgt. Und als das grausame Wort erklang:

Sucht anderswo nach Brot, der Tag der Ablohnung ist nicht mehr fern,

da vertrauten sie noch immer der Wünschelrute, daß neue Gänge fündig

würden und hofften auf bergtechnischen Fortschritt, der die noch

ruhenden Schätze lohnender zu heben vermöchte.

Als der Bergmann sein Gezähe aus der Hand legte, da feierten auch die

Zimmerleute, die den Stollen stützten, des Hammerschmieds Wasserrad

schufen und besserten, die Hammerstiele schnitzten. Seltner rauchte

ein Meiler. Runde, schwarze Flächen auf dem Waldgrund sagten noch

eine kurze Zeit, daß hier die rußigen Kohlenbrenner geschafft. Heute

weckt nur noch des Flurnamens Klang die Erinnerung an des Köhlers

Arbeitsplatz.

Was tun im unwirtlichen Hochland? Fortgehen, das Häusel verlassen?

Nein, von den Bergen steigen wir nicht. Bleiben wir treu dem Kammland,

dann wird auch uns der Boden treu bleiben mit seiner schlummernden

Kraft!

Nun begann ein zäher Kampf mit den schwamm- und flechtenüberwucherten

Holzriesen, die sich mit ihrem unterirdischen Wurzelreiche zu einem

einzigen Wesen verschlangen. Die Siedler gingen sie an mit Feuer,

Säge, Axt und Keil, daß die urhaften Holzleiber krachend stürzten;

sie rangen mit Wurzeln und Felsen, legten Pfade durch moorigen Boden,

entwässerten und wandelten so in schweren Wochen jungfräulichen Grund

zur viehnährenden Wiese.

Mit festem Willen ermunterten die Starken die Verzweifelnden, sprachen

von besserer Ernte, wenn das Neuland erst an ein Fruchttragen gewöhnt,

zeigten, wie ein schützender Zaun zu bauen sei, damit der Hirsch

die mühsam gezogene Saat nicht wieder zertrample, wußten das stolze

Bewußtsein in den Mitringenden zu stärken: Wir haben einen Boden zum

Geben gebracht, der noch keine Bauernarbeit lohnte. Die Erkenntnis ward

starker Wille: Den geben wir nimmermehr her.

So geht das Mühen um kargen Ernteertrag noch heute droben im Gebirge

von etwa achthundert Metern an. Wohl milderte jahrhundertlange

Kulturarbeit die zerstörende Macht der Wetterkräfte, doch allzukurz

ist die Reifezeit zwischen Schneeschmelze im Frühjahr und Neuschnee

im Herbst. Die Hälfte der Jahrestage lasten und hasten Nebel über dem

Kammland, kürzen selbst in Sommermonden die kostbaren Sonnentage. Hat

künstliche Düngung den Boden auch gezwungen, die brotfruchttragende

Ähre zu gebären, so bleibt diese Ernte doch gering. Es gilt auch zu

eilen, daß der Hafer nicht versilbert oder die Kartoffeln auf dem

Ernte_schlitten_ heimfahren. Darum ist die Wiese mit dem Milchvieh des

Häuslers Haupterwerb.

Milch und Butter trägt er in die Industrieorte am Südfuße des Gebirges.

Am frühesten Morgen steigt er hinab, und er klettert schon wieder zur

Hochfläche, wenn der Fremde seine Tageswanderung beginnt.

Für sein Vieh heißt es: Karge Nahrung, kurze Herbstweide hocken in

ärmlichem Stalle.

Zwergwirtschaften vermag das Kammland nur zu tragen, und kommt der

Winter einmal allzufrüh (1919!), dann geht ein Jammern durch die

Siedlerhütten und darbende Menschen suchen nach Brot.

_Beispielswirtschaften_ sind seit einigen Jahren auch im Hochland

unseres Erzgebirges eingerichtet. Sachkundige Berater suchen mit

strebsamen Landwirten Wirtschaftsverbesserungen einzuführen. Der

Kleinbauer findet beim Beispielswirt manche Maßnahmen für Fütterung,

Pflege und Zucht des Viehes, gute Raumnutzung und Reinigung des

Saatgutes. Bei gemeinsamen Begehungen der dazugehörigen Felder wird

er vertraut gemacht mit zweckmäßiger Flureinteilung, Bodenbearbeitung

und Feldbestellung, Fruchtfolge und Düngung. Grundsatz ist: Nur solche

betriebsverbessernde Maßnahmen einzuführen, die _wenig_ Geld verlangen

und _sicheren_ Erfolg bringen. Der kleinste Bauer soll sie nachahmen

können. Dank den Beispielswirten im herben Kammland! Sie machen ihre

Nachbarn _bodenfest_.

Der Wald gibt Brot. Mutter und Kinder sammeln Wurzeln und Kräuter.

Der Vater trägt die Heilung in die Stadt. Beeren und Pilze schafft er

»wägeleweis’« hinab. Mit bescheidenem Erlös kehrt er müde heim.

[Illustration: Abb. 2. =Frauen beim Buschgrasholen in der Nähe der

Moorbodengrube bei Zinnwald=]

Leichter Rauch über den Wipfeln kündet den Holzschlag. Ein Feuer kocht

das einfache Mahl für die Holzer, das sie verzehren, wenn die Sonne

über den Hochpunkt geht. In mittäglicher Stille zittert die Luft über

dem Baumkirchhofe.

[Illustration: Abb. 3. =Herstellung von Köpfen auf Lauffiguren.=

Die weiche Papiermasse wird in gut ausgeölte Formen gepreßt.

(Katharinaberg)]

Dann nagt wieder die Säge, kerbt die Axt, drängt der Keil zu

rauschendem Fall und dumpfem Aufschlag. Mit _Ernst_ und _Liebe_

sind die Waldmänner bei ihrer Baumarbeit. Wenn die Sonne hinter den

schwarzgezackten Waldrand hinabrollt, dann schreiten sie heimwärts,

erst stückweise gemeinsam, dann jeder einzeln den verstreutliegenden

Hütten zu. Im Abenddämmern sitzt die Holzerfamilie um das dampfende

Erdäpfelmahl oder löffelt die Milchbrotsuppe.

[Illustration: Abb. 4. =Abputzen des Preßrandes von Figuren.= Auf dem

Gestell an der Decke Wackelfiguren. (Katharinaberg)]

Im Frühtau geht es wieder in den Wald, um mit dem »Baumhackel« (Specht)

um die Wette zu spalten. Die Wald_laute_ sind ein Stück Holzerglück.

Ist es um die Mittsommerzeit, ehe das Heuen auf den Hochwiesen anhebt,

dann schreitet auch sein Weib mit zum Walde, um auf dorfferner Lichtung

das borstige Buschgras für die Ziege zu holen. Es ist ein mühsam

Sicheln um die alten sich abschälenden Stöcke. Gar behutsam gilt es,

jeden Schritt zu tun, denn versteckt im hohen Grase sproßt in zartesten

Anfängen der junge Tann.

[Illustration: Abb. 5. =Bastflechterin und Bastweberin in Zinnwald=]

Auf holprigen Wald- und Feldsteiglein wandeln gebückte Gestalten unter

getürmter Last dem Hochdorf zu.

Aus Fichtenholz formt der Vater Schaufel, Mulde und Rechen, Nudelholz,

Klopfer, Quirl und ander Küchengerät.

Die Drechsler von Kallich, Göttersdorf, Katharinaberg, Seiffen,

Olbernhau, Rothenthal drehen zierliche Dosen, Teller, Krüge, Kannen und

Becher.

Künstler ihrer Art sind die Spaltringdreher. Unter feinfühliger Führung

des Stahles entsteht in kreisender Scheibe Menschlein und Tierlein in

Grundform.

Sie wandern von Hand zu Hand, bis des Pinsels buntende Kraft die rohen

Gestalten gar unterschiedlich beseelt. Kinderhand hilft mit beim

Schaffen von wundersamem Spielrat und hölzernem Nutzgerät.

Seit Jahresfrist steht der Bast_webstuhl_ im Hause. Mit sicherem

Griff hängt die Linke den Basthalm an den Zugstab, den die Rechte in

ruhiger Bewegung durch gespannte Halme zieht und Breite um Breite mit

gleichmäßigem Zug zur Decke fügt. Nimmerrastende Hand fordert der

Webstuhl von früh bis spät abends, ehe er neun Kronen (eine Mark) zum

Taglohn gibt. Die runzeligen Hände der Alten flechten zitternd Streifen

um Streifen zum »Elfhalm« und »Siebenhalm«, das Meter um Bruchteile

eines Pfennigs.

Hart ergreift die Kinder das Ringen ums Brot, deren Drang nach Bewegung

durch vielstündig Sitzen arg gefesselt wird. Oh, heute bleiben wir noch

ein Weilchen auf der Wiese hinterm Schulhause und spielen! Kommen wir

später zum Basthalm, dann kann die Mutter nicht böse sein: Der Lehrer

war ja mit dabei, heute dauerte die Schule »halt« länger.

Bei spärlichem Ölflammenschein gleiten die weißen Halme durch

Kinderfinger. Die Stadtkinder im Lande drinnen schlafen schon.

Aber wir habens auch so fein. Um unser Häusel ist alles so frei und der

Wald gleich dabei. Schickt uns die Mutter nach Schwämmen, da dauerts

nicht lange, ist’s Mittagessen gesucht. Wie gut es immer in der Stube

nach Pilzen riecht, wenn die Schwammdörre anfängt. Dann fädeln wir um

die Wette die Pilzscheiben auf und hängen die Schnure an die Sonne oder

übern Herd. Und das Schwarzbeerholen ist auch so fein.

Im Winter knallts Stockholz so tüchtig, das der Vater im Sommer gezerrt

hat. Unsere Heutür am Giebel ist dann die Haustür. Vom Dache fährt der

Schlitten fein hinab. Und in die Schule brauchen wir auch nicht jeden

Tag. Der viele Schnee und tüchtiger Sturm sagts schon früh dem Lehrer,

daß wir nicht kommen. Die Stadtkinder bekommen den Schnee gleich

weggenommen, sagt der Vater. Da haben wirs besser.

O Kinderauge, du Märchenauge!

Ein lieblich Bild: Auf der Gasse vorm Hause Mutter und Kinder am

Klöppelstock. Geschickte Finger werfen die klappernden Klöppel hinüber,

herüber und schließen die freien Fäden zu kunstvollem Muster.

Und doch steckt hinter diesem wohltuenden Anblick, wie hinter jeder

erzgebirgischen Heimarbeit, tiefe Not. Aus versonnenem Schauen wird

der Fremde aufgeschreckt durch des Heimschaffers Wort: _Bleibe_ hier

und verdiene dein Brot! Bleibe bei uns Spankorbmachern und arbeite mit

vom Morgendämmern bis in späte Nacht! Darfst aber auch deine Kinder

nicht rasten lassen, mußt sie einen halben Tageslauf gebückt sitzen

sehen, mußt es verwinden können, daß sie ermüdet zur Schule gehen,

bleich wieder zur Tür hereinschleichen, wenn zwölf Mark dein Wochenlohn

sein soll. Dann halte Haus! Erwirb dafür Kleidung, Nahrung, Licht und

Feuer, begleiche Miete und Steuer!

Werkstatt und Heim sind beisammen. Kultur- und Lebensgemeinschaft

könnte die Familie sein. Doch unter solcher Not spinnen sich nicht die

feinen Fäden häuslicher Erziehung. Körper und Geist erschlaffen.

Trübe ist deine Zukunft, o Kammland, denn deine Jugend verkümmert.

Verweile bei uns Handschuhmachern, und wirst du ein Höchstleister, daß

du bei vierzehnstündigem Nähen sechs Paar Handschuhe abliefern kannst,

dann mußt du mit fünfundachtzig Pfennigen deine Tagesbedürfnisse

bestreiten.

Es klagen die Gorlnäher und Strumpfbesticker, die Knüpfer und

Klangholzmacher.

Es geht nicht mehr an, Kegelhölzer für die Drechsler zu schneiden. Fünf

Kronen gibts für ein Schock. Das Holzgeld kommt dem Lohne gleich.

Nur Abfälle können die Nagelschmiede kaufen. Kaum ein Kleidungsstück

läßt sich bei zehn Mark Wochenlohn erschaffen. Ein wenig besser Sein

ist dem beschieden, der ein Rad ans Wasser bauen konnte und die

Schneidmaschine drehen läßt. Der Fuhrlohn macht das Eisen teuer.

Die Schienenstraße windet noch länger den Südhang herauf. Schon

mancher Blasebalg hat zum letztenmal gefaucht. Das Gebirge will die

Nagelschmiede nicht mehr tragen und gab ihnen doch Brot hundert um

hundert Jahre. Ja, käme elektrische Kraft ins Dorf, dann könnten sie

gleich bestehen mit denen unten im Lande. So meinen die Nagelerzeuger

von Natschung und Heinrichsgrün.

[Illustration: Abb. 6. =Klöpplerinnen in Sebastiansberg=]

Mit schwerem Herzen stiegen viele Gebirgler in die qualmüberwallte

Ebene, als nach Mißernte in Kriegs- und Nachkriegszeit Frau Sorge

droben keine Feierstunde mehr kannte. Sie gingen ins Eisenwerk oder

ließen sich in finstere Schächte sinken. Übermüde wankten sie nach der

Schicht aus der dröhnenden Werkstatt zum Bahnhof, wurden erst froh,

wenn die ersten Bäume vorbeihuschten und der Wald bei der bergwindenden

Fahrt immer tiefer hinabsank.

[Illustration: Abb. 7. =Nagelschmied in Heinrichsgrün=]

Die im Kohlenbergwerk schafften, wurden gar bald inne, daß sie zu

solchem Tun nicht taugten. Sie wichen dem tschechischen Grubenmann

und ertrugen die harte und ungerechte Anklage, Mitschuldige zu sein

an der Hingabe der Kohlenschätze in slawische Hand. Konnten sie,

die von Jugend an nur »karges Brot« gegessen, Gleiches schaffen mit

denen, die ein reicher Boden genährt? Die vom ersten Atemzug an

reine Bergluft gesogen, konnten nicht atmen in erstickenmachender

Tiefe. Und die der Arbeitsart gefolgt, weil sie einst schon in der

Heimat die Gruben lange getragen oder verjüngtes Bergmannsblut in

ihren Adern rann, hatten nicht bedacht, daß Kohlen- oder Erzgräber

zu sein zwei Welten bedeutet. Sehnsucht nach Wald, Wiese und Moor

ward drängende Macht. Aus staubschwangerer Stollenfinsternis stiegen

sie wieder hinauf in die Bergnacht, standen ehrfurchtsvoll versunken

beim kindheitsgewohnten Schauen, wenn der Nebel sich lockerte und

das Funkelgewölbe entschleiert Hochland überdachte. Reich schuf sie

das tiefe Naturerleben in ihrer Armut. Fester wurde nach dem kurzen

Fernsein die Liebe zur Bergheimat, fester der Glauben an den Boden:

Trägst du die Tanne, trägst du auch mich. Vuglbärbaam, iech gieh nett

mi fort!

In der Kohlenstadt hatte er das Schreinerhandwerk erlernt. Seine Freude

bekundete der Meister oft über die Geschicklichkeit des Bergkindes. Als

die Lehrjahre vergangen, mahnte der Meister: »Versuch hier unten dein

Glück, die Einsamkeit dort droben hat kein Begehren für deine Kunst!«

Doch immer ging der Blick zum Hochland und mit dem Schauen wuchs

auch die Sehnsucht nach ihm. Als Geselle schuf er fleißig bei seinem

Lehrmeister. Doch wenn Wochenschluß nahte, dann flog der Hobel hastiger

über die Bretter. Wenn am Samstagabend sich die Täler verschatteten,

des Hochdorfs Fenster im letzten Sonnenfeuer brannten, stand er oben

und lauschte aufs Abendglöcklein. Manchmal sah ihn der Meister erst am

zweiten Werktage wieder. Als jene Zeit kam, da zwei liebgewordene Augen

nach dem Heimkehrer schauten, da klomm er in nebelschwerer Herbstnacht

zum Kammland, fürchtete nicht den schneeverschütteten Bergwald und

seine todbringenden Stürme. Bald kam ein Tag, da spielte der Bergwind

mit Myrte und Schleier. Nun schafft der Bodentreue schlichten und

kunstvollen Hausrat fürs Hochland, daheim im Heim.

[Illustration: Abb. 8. =Nagelschmied an der Zuschneidemaschine

Heinrichsgrün=]

_Vierzig_ Jahre hindurch hackt der Alte in der »Moorbodengrube«. Er

schürfte immer nur die oberste Schicht vom Urland zum heilenden Moorbad

für den Kurgast in Eichwald. Auf den wieder unberührt gelassenen

Flächen siedelt von neuem die Birke, Trunkel- und Moosbeere. Im Winde

baumeln die Wollgrasschöpfe. Vier Jahrzehnte _einen_ Arbeitsplatz!

Wieviel sonnenlose Tage mag er gegraben haben hier in der Nebelheimat.

Der Boden hielt ihn fest wie ein Magnet.

[Illustration: Abb. 9. =Eine Nagelschmiede in Heinrichsgrün=]

Zu all dem Ringen um ärmliches Leben kommt in die Häusel im böhmischen

Teil des Kammlandes noch eine tiefe Bitternis. Das Recht am Boden wird

dem Deutschen vom Slawen bestritten.

[Illustration: Abb. 10. =Rohrsitzflechterinnen in Göhren=]

Noch einmal erinnern wir uns daran: _Deutsche_ Bauern und Handwerker

kamen aus Sachsen, Franken, Schlesien und Flandern, vom Rhein und

Neckar, deutsche Bergleute ins wilde Waldgebirge und verschmolzen in

Leid und Arbeit zum Volk der Deutschböhmen.

[Illustration: Abb. 11. =Beim Dorftischler in Göhren=]

Nun soll deutsches Blut unterwürfig darben und nur noch ein

Gnadendasein führen im dürftigen Hochland. Deutsche Sprache soll

verstummen, deutsche Sitte versickern in fremden Volkes Art. Im

entlegensten Bergwinkel klingt schon slawischer Laut, slawisches

Schriftwort hat den Vorrang auf der Tafel am ersten und letzten Haus im

Kammdorf. Drunten am Bahnhof fand die deutsche Wegetafel fürs Gebirge

keine Duldung mehr. Von Tag zu Tag seltener wird der deutsche Beamte am

Schienenweg. Deutscher Geist soll nimmer den Bergwald betreuen,

nur die tschechischen Heger herrschen im Forst. Mit scharfen Augen

überwacht der slawische Gendarm das Tun der Leute im Kammdorf.

[Illustration: Abb. 12. =Alter Steinklopfer am Weg von Göhren nach

Böhmisch-Einsiedel.= Nebeltag]

Mit tränenfeuchten Augen steht ein Häusler im kleinen Kirchhof,

überblickt versonnen die Hügel: Oh, ihr Gewesenen, wüßtet ihr, wie’s

steht im Landl. Nichts mehr gilt deutsche Meinung, Haus um Haus

verliert das Dorf an fremde Art. Ein grausam Wort: Froh wird der

Deutsche sein, als Ochsenknecht einst hier zu frohnen, an euren Hügeln

nur wird deutschen Laut er sprechen dürfen. O qualvoll Schicksal: Zu

sein ein Heimatloser in der eigenen Heimat!

[Illustration: Abb. 13. =Kapelle in Grünwald=]

Mancher ahnte schon das Zukunftsbild, und mahnend hieß er seine Enkel

treu zu bleiben deutschem Wesen. Nur gut, daß auch im weltfernen

Schulhaus ein mutiger Mann den Kindern kernig deutsche Sprüche an die

Wand hing. Sie mahnen Stund um Stunde: Flieht nicht! Bleibt treu der

Heimat, treu dem Boden, den des Vorfahrs Schweiß genetzt! Habt starke

Herzen, wenn friedloses Sein die Treue will zermürben und rastloses

Bangen um ererbten Grund zum Schollenflüchtling drängt!

Und doch könnte es einen Einklang geben zwischen dem Deutschen und

Tschechen, denn mancherlei gemeinsam haben beide Völker. Gemeinsam

ist die Freude an den Tönen, gemeinsam ein mystisch Neigen zur Natur.

Sitte, Brauch und Sage ähneln einander.

Freilich herrschen will der Slawe, seit ihm die Macht ward, Deutsche

wie Ware zu verhandeln. Nur wenn _gleichberechtigt_ die Deutschen neben

den Tschechen schaffen können, dann wird ein friedlich Wohnen auf

gleichem Boden möglich sein.

Wandere hinauf zu den Heimattreuen im Kammland! Wenn die Nebel wie

ein Sorgenschleier die Hütten verhüllen, dann raste darinnen! Manch

schlichtes Wort wird dir kundtun, wie tief diese Menschen durch

Geschichte und Kulturgeschehen mit ihrem Ahnenboden verbunden, hüben

und drüben. Achtung vor ihrem Ringen um Brot und Heimatboden wird dir

kommen, wirst dann nicht gleichgültig weitergehen, wenn solche Herzen

entdeutscht werden sollen.

Auf deine Art hilf stärken ihre Bodentreue!

Bedeutungswandel von Vor- und Familiennamen

Von ~Dr. phil.~ _R. Trögel_, Auerbach i. V.

Die eigenartige sprachliche Erscheinung, daß Personennamen in

Gattungsbezeichnungen übergehen, ist schon mehrfach Gegenstand der

Untersuchung gewesen[1]. Da aber die seelischen Grundursachen für diese

Art des Bedeutungswandels, die von Wundt in seiner Völkerpsychologie

als »singuläre Namensübertragung[2]« gekennzeichnet worden ist, immer

wieder im Laufe der sprachlichen Entwicklung wirksam sind, lassen sich

mancherlei Ergänzungen bringen, die teils im Schrifttum verborgen

lagen, teils aber auch als erst in den letzten Jahren entstanden

überhaupt noch nicht schriftlich aufgezeichnet worden sind.

Schon die Tatsache, daß bis in die neueste Zeit hinein Eigennamen

zu Gattungsnamen werden, beweist den engen inneren Zusammenhang

zwischen den beiden Arten. Freilich, scheinbar und bei flüchtiger

Betrachtung liegt darin geradezu ein tiefer Widerspruch. Der Eigenname

ist, wie der Name sagt, das ureigenste Besitztum einer Person, mit

seinem Träger untrennbar fest verbunden, weil er dessen Wesen als

Einheit nach außen hin im Gegensatz zu anderen Persönlichkeiten

zur Erscheinung bringt. Umfaßt nicht jeder Gattungsname eine ganze

Zahl mannigfaltiger Einzelwesen, indem er die ihnen gemeinsamen

wesentlichen Merkmale zusammenschließt? Von einer Gegensätzlichkeit

kann jedoch bei näherer Prüfung keine Rede sein. Die Unterschiede

sind, soweit solche überhaupt bestehen, nur solche des Grades,

und da, wo oberflächliche Beobachtung unüberbrückbare Gegensätze

annimmt, sieht der Blick des Forschers enge Verwandtschaft und

ewigen Kreislauf. Aus Gattungsnamen erwachsen Eigennamen, und diese

wieder erhalten aus irgendwelchen Ursachen appellativischen Sinn.

Besonders auffällig tritt diese Begriffswandlung an dem Vornamen

Karl zutage. Daß es ursprünglich ein Gattungsname war, bezeugt ahd.

~charal~, mhd. Karl = Mann, Ehemann, Geliebter, das mundartlich in

der ablautenden Form Kerl lebendig ist. Die gewaltige Persönlichkeit

des großen Frankenherrschers hat seinen Namen fast über ganz Europa

verbreitet, und bei den slawischen Völkern des Ostens erhielt derselbe

den allgemeinen Sinn eines Appelativums »König, Herrscher« (polnisch

~król~, russisch ~karóli~, lit. ~karâlius~, albanisch ~kralj~,

magyarisch ~király~). Der Eindruck einer Persönlichkeit von sehr

hervortretender Eigentümlichkeit und starke Affektwirkung hatten,

wie Wundt dartut, zu dieser Assoziation herausgefordert. In weitaus

den meisten Fällen wird sich der Eintritt des Bedeutungswandels kaum

auf eine bestimmte Persönlichkeit und auf einen bestimmten Zeitpunkt

zurückführen lassen. Die Voraussetzungen sind ebenso wie die seelischen

Ursachen nie dieselben, immer ganz individueller Art. Das will Wundt

mit dem Ausdruck singuläre Namenübertragung sagen. Die Übertragung

von Personennamen beschränkt sich aber nicht auf Personen; es liegt

tief im Wesen der menschlichen Natur begründet, auch Tiere und selbst

leblose Dinge zu verpersönlichen, und die Sprache ist voll von solchen

Personifikationen. Das bedeutet aber wieder einen Übergang des

Eigennamens zu einem Gattungsnamen.

Wenn es sich nun darum handelt, in die Fülle von Beispielen irgendwie

Ordnung und Übersichtlichkeit zu bringen, so treten zunächst zwei

Gruppen deutlich auseinander. Am Anfang der Entwicklung hat bei allen

Völkern die Einnamigkeit gestanden; der Vorname mußte genügen, eine

Persönlichkeit nach ihren körperlichen und seelischen Eigenheiten

zu kennzeichnen. Erst spät (im 17. Jahrhundert) kam man darauf,

Doppelvornamen zu geben, die Familiennamen stellen den Abschluß der

Namengebung dar. Es ist darum nicht verwunderlich, daß die Zahl

der Vornamen, die einen Bedeutungswandel in dem angedeuteten Sinne

erfahren, die der Familiennamen bei weitem übertrifft. Innerhalb jeder

dieser beiden Gruppen kann wieder darnach unterschieden werden, ob der

Name auf eine andere Person, auf Tier oder Pflanze oder endlich auf

einen Gegenstand übertragen wird. Die Übersicht beschränkt sich auf die

deutsche Sprache; nur vergleichsweise werden Fälle aus anderen Sprachen

angeführt.

Wenn Itschner[3] Typen und Gattungsnamen als Ergebnis der

Bedeutungserweiterung – denn um eine solche handelt es sich immer

– scheidet, so kann auch diese Trennung nur um äußerer Gründe

willen gerechtfertigt werden. Auch hier liegen schließlich nur

Gradunterschiede vor; denn ein Typus stellt in einer Persönlichkeit

die Summe aller der Eigentümlichkeiten dar, die einer ganzen Reihe von

menschlichen Individuen gemeinsam zukommen, sofern diese in irgendeiner

Beziehung gleichartig sind. Eine große Zahl von biblischen, antiken,

sagenhaften und geschichtlichen Personen, sowie von Gestalten aus

Werken der Literatur wird zum Abbild einer ganzen Menschengattung,

eines Standes, Berufes oder einer Gesellschaftsklasse: Ein Mensch von

besonderer Größe und Stärke ist ein (Riese) Goliath nach 1. Sam. 17,

14; ein ausgezeichneter Jäger wird als Nimrod, ein Mann von recht

hohem Alter als Methusalem bezeichnet; einen ruchlosen Menschen nennt

man wohl übertreibend einen Satan; die reuige Sünderin erscheint,

allerdings unter falscher Auffassung von Luk. 7, 36 und 8, 2, als

büßende Magdalena. Ein Adonis ist ein bildschöner Jüngling, der

Argus ein mißtrauischer Wächter; ein Krösus verfügt über ungeheure

Reichtümer, Ganymed, der Mundschenk der Griechengötter, wird zum

Kellner überhaupt; jeder Beschützer der Künste und Wissenschaften

wird als Mäcen gefeiert; der unerfahrene Jüngling hat einen Mentor

wie einst Telemachos. Es erübrigt sich, die Reihe über Xanthippe, Don

Juan, Schweppermann, Byron usw. bis in die Gegenwart weiterzuführen.

Der Verbreitungsbereich ist aus leicht erkennbaren Gründen auf die

Gebildeten beschränkt. Nur in ganz wenigen Fällen ist der Kreis weiter

gezogen; dann schreitet die Entwicklung auch fort zur Bezeichnung von

leblosen Gegenständen, wie wenn im Französischen ein Judas nicht bloß

der hinterlistige Verräter ist, sondern auch das »Guckloch in der Tür«

(den gleichen Bedeutungswandel zeigt im Deutschen der Begriff Spion).

I. Vornamen als Gattungsbezeichnungen für Personen.

Den germanischen Vorfahren galt die Namengebung als heiliges und

bedeutsames Fest innerhalb des Geschlechtsverbandes, und so sind die

deutschen Vornamen als Erbe jener Zeit voll tiefen Sinnes. Frühzeitig

gesellten sich fremdsprachliche zu ihnen, christliche Taufnamen wie

Jakob, Adam bereits seit dem 9. Jahrhundert. Das hohe Mittelalter ist

arm an Vornamen; eine Bereicherung stellen nur die Namen der Heiligen

dar wie Martin = Martinus, Lorenz = Laurentius, Anton = Antonius. Erst

der Humanismus setzt wieder größere Mannigfaltigkeit an Stelle der

Eintönigkeit der vorangegangenen Zeit. Der aristokratische Zug, den

diese Geistesströmung aufweist, äußert sich in der Geringschätzung der

allgemein üblichen Vornamen, an denen das Volk festhielt. Je weiter

verbreitet sie waren, desto tiefer sank ihr Ansehen; eine Abschwächung

des Gefühlswertes und Stimmungsgehaltes war die notwendige Folge.

Längst, wahrscheinlich auch schon im Zeitalter der Einnamigkeit, hatten

sich im tagtäglichen Verkehr Kurz- oder Koseformen herausgebildet, und

gerade von diesen in zahllosen Abwandlungen auftretenden Kosenamen,

die stark gefühlsbetont waren, ging der Bedeutungswandel aus. Ihre

Bildungskraft ist unerschöpflich; noch jetzt entstehen vor allem in

den Mundarten und in der Umgangssprache immer neue Formen, die unter

Erweiterung des ursprünglichen Begriffsinhalts zum Gattungsnamen

werden. Der wesentlichste Anteil muß dabei dem Gefühl zugeschrieben

werden; das reine verstandesmäßige Element tritt völlig zurück.

Daraus erklärt sich der Umstand, daß viele dieser Neubildungen, aus

einer flüchtigen Stimmung heraus unter ganz individuellen Bedingungen

geboren, nur kurze Lebensdauer besitzen oder nur bestimmten Kreisen

eigen sind, leichtlebige Augenblicksgeschöpfe, die der Schriftsprache

entgehen und darum in die Wörterbücher selten Aufnahme finden.

Diejenigen jedoch, die zum Dauerbesitz der hochdeutschen Sprache

geworden sind, erweisen ihre Kraft, indem sie in andere Wortklassen

übergehen, Tätigkeiten und Eigenschaften bilden, oder sich zu

Zusammensetzungen vereinigen.

Nach diesen allgemeinen Bemerkungen folgen die Vornamen mit ihrer

abgewandelten Bedeutung in alphabetischer Ordnung[4].

1. =August=, ursprünglich lateinisches Eigenschaftswort, von

~augere~ = vermehren, erheben, verherrlichen abgeleitet,

mit der Bedeutung, erhaben, geheiligt, wurde Augustus,

seitdem ihn der erste römische Kaiser Cäsar Octavianus

angenommen hatte, zum Beinamen aller römischen Kaiser

und der Fürsten überhaupt. Der Humanismus machte ihn auch

in Deutschland in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts

beliebt, so beliebt, daß sich das Volk seiner bemächtigte.

Mit der weiten Verbreitung sank sein Wert derart, daß er

zur stehenden Bezeichnung der lächerlichen Figur im Zirkus

wurde. Die Gestalt des »dummen August« soll um 1864 in

England von Tom Belling geschaffen und gegen 1878 von dem

Franzosen Guyon dem Geschmack seiner Landsleute angepaßt

worden sein. Seit jener Zeit hat er seinen Siegeszug durch

die lustige Welt genommen. Die Franzosen geben ihm jetzt

meist den Kosenamen Gupusse = Gustchen. Die deutsche Ra.

»So ein August« wird in verächtlichem Sinne von einem

törichten Menschen gebraucht.

2. =Barbara=, verwandt mit Barbar, barbarisch, Barbarei,

eigentlich ein zum Hw. erhobenes griechisch-lateinisches

Ew. mit der Bedeutung, »die Fremde, Nichtgriechin«.

Volkstümliche Kurzformen sind nicht nur Bärbel, Bärbchen,

sondern ebenso Babette und Babine. In der Gegend von Penig

ist Babine tadelnde Bezeichnung für ein zimperliches

Frauenzimmer und dann noch allgemeiner Schelte für

jemanden, der eine Torheit begangen hat.

3. =Bartholomäus= über Griech.-Lat. zum Hebräischen

zurückgehend > Barthel: Schmutz-, Dreck-, Sau- oder

Schweinebarthel als Schelten für unsaubere Kinder.

Vielleicht liegen darin eher Ableitungen von Schmutzbart

oder Dreckbart vor, die dann Analogiebildungen erzeugten

(auch Präsch-, Dösbarthel).

4. =Beate= von lat. ~beatus~ = die Glückselige, nach Albrecht,

die Leipziger Mundart § 166 Gattungsname für eine steife,

förmliche, auch frömmelnde Person.

5. =Christian und Christine=, eigentlich Ew. aus dem

griech.-lat. ~christianus~. Christian, nd. Krischan, ist

in Mecklenburg der Knecht schlechthin, Christel wird in

verächtlichem Sinne von liederlichen, unsauberen Mädchen

und Frauen gebraucht (Vogtland, Erzgebirge).

6. =Christoph= < Christophorus = der Christusträger, Name

aus der Heiligenlegende, kam wie Christian seit dem 17.

Jahrhundert in Aufnahme, sank aber von den bürgerlichen

Kreisen schnell in die bäuerliche Bevölkerung, deren

frommer Sinn ihn bis zur Gegenwart gehalten hat. Stoffel

und Toffel, Stöffel und Töffel waren noch zu Gellerts

Zeiten Namen für den Bauern schlechthin; durch den

gleichen Bedeutungswandel, der sich in Tölpel aus mnd.

dörper, franz. vilain (Gegensatz courtois = hövesch =

hübsch) offenbart, wurden sie, besonders aber Toffel,

zum Gattungsnamen für einen ungeschickten oder dummen,

einfältigen Kerl. Weiterbildungen: abtoffeln = grob

abfertigen; betoffelt = verlegen, betroffen; Pflaumentoffel.

7. =Daniel=, biblischer Name, > mundartlich Danel,

vogtländisch = ein alter, neugieriger Kerl, in Meißen

ein Mensch von besonderer Länge; einen Menschen mit

wunderlichen Ansichten nennt man in der Kirchberger Gegend

(Wolfsgrün) Pfaardanel = Pferdedaniel.

8. =David.= Der biblische Bericht von der Geschicklichkeit des

jugendlich-flinken David im Schleuderwurf und Harfenspiel

bietet den Grund dafür, wenn die Koseform Davidchen,

Davidel einen flinken, geschickten Burschen bezeichnet.

Sogar die Uhr geht »wie ein Davidel«.

9. =Eva= wird auf Grund der mosaischen Schöpfungsgeschichte

(1. Mos. 3, 20) übereinstimmend mit dem Französischen

zur Bezeichnung für jede Frau, ganz besonders aber

für eine neugierige (Evastochter, Fille d’Eve). Im

Schwäbischen versteht man eine wollüstige Person darunter

(Z. f. d. Ma. 5, 221).

10. =Friedrich=, echt germanisch, die weibliche Entsprechung

Friederike erklärt sich aus dem mlat. Fridericus.

Kurzformen sind Fritz und Fritzsch – jetzt Familienname

– beziehungsweise Fritze, dieses für männliche und

weibliche Personen. Die außerordentliche Beliebtheit, zu

der sicherlich die volkstümliche Gestalt des »Alten Fritz«

beigetragen hat, hatte zur Folge, daß Friedrich gleich

Johann zum Gattungsnamen für den Diener, Hausdiener oder

Kutscher wurde.

In Zusammensetzungen mit Tätigkeitsbegriffen bezeichnet

die Kurzform in tadelndem Sinne Personen, die die im

Bestimmungswort ausgedrückte Tätigkeit im Übermaß ausübt.

Diese Bildungsweise ist im Volke außerordentlich beliebt

und gestattet zahllose Abänderungen: Mäkel-, Quassel-,

Trödel-, Tiftel-, Lorken- oder Schnokenfritze (einer, der

voller Schnurren und Schelmereien steckt); Blinzel-, Heul-,

Tran-, Märfried(e) usw. In der Soldatensprache bedeutete

»Zappelfritze« im Felde den Radfahrer. In der Gaunersprache

bezeichnet nach Albrecht »Tittelfritze« den Rechtsanwalt.

11. =Georg=, der Name des Schutzheiligen St. Georg, dessen

Verehrung namentlich infolge der Kreuzzüge allgemeiner

wurde, ist aus dem griechischen Gattungsbegriff ~georgós~

= Landmann, Ackersmann hervorgegangen. Der Kappadozier

Georgius, der im Jahre 361 als Märtyrer gestorben war –

die Erinnerung daran lebt im ahd. Georgsliede – wurde

im Volksglauben zum Drachentöter. Mit Hans und Heinz,

Kunz und Peter, Toffel und Michel war auch Jörg unter

den Bauern als Vorname beliebt. Wie jene, so konnte auch

Jörg im geringschätzigen Urteil der oberen Stände den

beschränkten Dörfler bezeichnen, wie es noch bei Hauff im

»Bild des Kaisers« heißt: »Er (d. h. der Sohn, von dem der

napoleonisch gesinnte Vater erzählt) hat oft Stunden, wo

es ihm lächerlich, ja töricht erscheint, daß er in meinem

bequemen Schloß wohnt, _und Nachbar_ Görge und Michel ...

nur mit einer schlechten Hütte sich begnügen müssen.«

12. =Gottfried, Gottlieb und Gottlob= sind gleicherweise,

besonders aber die beiden letzteren, stark in der

Wertschätzung gesunken, seit naive Frömmigkeit der

Aufklärung als rückständig erschien. Die Kurzformen

Fried, Lieb und Lob müssen es sich darum gefallen

lassen, einen beschränkten, schwerfälligen Menschen zu

bezeichnen, besonders in den Zusammensetzungen: Märlieb,

Quatschlob. Ein Breilob ist mit Brei aufgezogen, darum ein

schwächlicher Mensch ohne Saft und Kraft in Rede und Tat.

13. =Heinrich=, ebenso wie Konrad, mittelalterlicher

Lieblingsname nach den zahlreichen Fürsten, die ihn im

Laufe von mehreren Jahrhunderten trugen, hat eine ganze

Reihe von Kurzformen entwickelt: Heinz, Hinz, Heinze,

Heinzel, Hein, Heun. Nach Fr. L. Jahn war Hinz Blaufink der

Anführer der Gassenbuben in den Hansestädten. Neben anderen

Namen wurden die aus Heinrich abgeleiteten Kurzformen auf

geisterhafte, dem Menschen freundliche oder feindliche

Wesen übertragen: Freund Hein (der Tod), Heinzelmännchen.

Die Soldatensprache kennt den Leichenheinrich =

Lazarettgehilfe. Der Quasselheinrich ist ein Schwätzer, der

Kulmuckenheinrich ein Kopfhänger und Eigenbrötler (Erzgeb.).

14. =Jakob=, ein hebräischer Mannesname von schwer

festzustellender Bedeutung, erzeugt je nach der Betonung

die Kurzformen Jäckel, Jockel (schweizerisch Joggeli)

und Köpke. Wie man in Frankreich 1358 die aufständischen

Bauern ~les jacques~ (~les jacquiers~) und die furchtbare

Bewegung ~Jacquerie~ nannte, weil der Anführer Guillaume

Caillet (Charlet?) den Beinamen Jacques Bonhomme führte,

einen Namen, der den einfältigen Bauern, nach Larousse

sogar das ganze französische Volk bezeichnete, so galt auch

Jäckel im 16. Jahrhundert z. B. bei Fischart Garg. 73 als

Gesamtbezeichnung für die Bauern, und zwar mit besonderer

Betonung ihrer rohen Dummheit. Die Zusammensetzungen

Pferde-, Hunde-, Tauben-, Bienen-, Bilderjokel oder -gokel,

unter denen Liebhaber und leidenschaftliche Sammler zu

verstehen sind, müssen wohl eher zu Gokel in der Bedeutung

Narr gestellt werden. Albrecht führt für die Leipziger

Gegend Jokel = Bursche, Kerl an. Der englische Name des

Bereiters Jockey ist die Verkleinerung von Jock, das im

nördlichen England üblich ist für Jack = Jakob.

15. =Jeremias=, der große jüdische Strafprediger, hat den

Untergang seines Volkes in ergreifenden Liedern beklagt.

Wie französisch Jérémie bezeichnet darum auch der deutsche

Name verächtlich einen Menschen, der endlos klagt und

jammert, einen Jammerlappen.

16. =Johann, Johannes=, der Name des Apostels, außerordentlich

gebräuchlich und darum eine fast unübersehbare Fülle von

appellativischen Bezeichnungen entwickelnd. Johann ist

der Hausknecht, der Kutscher der Herrschaft, ebenso wie

in Frankreich Jean, in England John und in Rußland Iwan.

Die Koseform Hans lebt in Verbindungen wie: Hans im Glück,

Hans in allen Gassen (oder in allen Hägen bei Reuter),

Hans Dampf in allen Gassen – Titel einer Erzählung von

Zschokke –, Hans Guckindieluft, Hansnarr, Hanskaspar

(Dreikönigsspiele!), Hans Unvernunft, Hanswurst, die

lustige Person, die in Jean Potage ihr französisches

Gegenbild hat; das Mittelalter kannte Gaff-, Knapp-,

Lauf-, Schnarch- und Prahlhansen; die großen Hansen waren

die vornehmen Herren. Nur die Gegensätze Prahlhans und

Küchenmeister Schmalhans leben jetzt noch fort. Ein langer

Mensch ist ein langer Hans oder sächsisch ein Hansdromnaus

(Hans oben hinaus) genannt; der alberne Hans hat nur

Torheiten im Kopfe. Im Volkswitz hieß der Henker, dessen

unehrlichen Namen man ebenso ungern aussprach wie den

gefürchteten des Teufels, Meister Hans oder Schnurhänslein

(neben Meister Peter oder Matz). Der hochdeutschen Form

Johann entspricht die niederdeutsche Jahn, Jan in Janhagel,

das als Spottname der Seeleute eine wie durch Hagelschlag

zusammengebrachte Volksmenge bedeutet und von Bürger

als Johann Hagel verhochdeutscht worden ist. Ähnlich

beschimpften sich Bauern und Landsknechte gegenseitig als

Hanst Mist und Hans Marter. Der Dummrian ist nichts anderes

als ein Dummerjahn, wie aus der Schreibung dummer Jan in

Seb. Francks Sprichwörtersammlung hervorgeht. (Die übrigen

Hauptwörter gleicher Bildungsweise stellen eine satirische

deutsch-lateinische Mischbildung der Humanisten dar:

Grob-ianus, > Grobian, Schlendrian, Liedrian, Stolprian.)

Im Erzgebirge und den angrenzenden Gebieten nennt man einen

Tierquäler einen Schinderhannes nach dem berüchtigten

Räuberhauptmann Johannes Bückler. Mörike spricht im

»Stuttgarter Hutzelmännlein« von einem einfältigen Menschen

als von einem Hans Leand oder Leard, < Johann Leonhard

und leitet davon die Tätigkeit, verhansleardlen mit der

Bedeutung, »auf eine einfältige Weise verlieren, versäumen«

ab.

17. =Josef=, unter einem »böhmischen Seff« versteht der Sachse

allgemein den Böhmen, insbesondere den böhmischen Maurer.

18. =Karl=, latinisiert ~Cárolus~, davon abgeleitet der

weibliche Name Karoline > Karline, der als Schelte

üblich ist, »so eine alte Karline!« Die Soldaten

scheinen besondere Vorliebe für Karl zu hegen: Der

Schellenbaumträger bei der Regimentsmusik heißt Bimmelkarl,

der Arresthausaufseher Fockenkarl; die Sachsen nannten

im Felde den Fahnenschmied Hufkarl. »Klebekarl« für den

Gerichtsvollzieher ist nach Müller-Fraureuths Wb. der

obersächs. und erzgeb. Ma. ein Dresdner Ausdruck.

19. =Kaspar=, Melchior und Balthasar waren die drei Könige

aus dem Morgenlande, beliebt beim Volke seit den im 15.

Jahrhundert aufkommenden Sternsingerumzügen. Kaspar war

»der schwarze und der kleine«, von dem Goethe singt:

»... und mag wohl auch einmal recht lustig sein«. Die

Bedeutung spaltete sich: »Der schwarze Kasper«, unheimlich

und gefürchtet, wurde zum Beinamen des Teufels; anderseits

trat das Merkmal des »Lustigmachers« in den Vordergrund, so

daß Laroche im 18. Jahrhundert dem wiederbelebten Hanswurst

den Namen Kasper gab. Im Kasperletheater ist noch jetzt

Kasperl den Kindern liebvertraut. Jeder närrische Mensch,

der herumkaspert, erhält die Bezeichnung Kasper. Wer Suppe

leidenschaftlich gern ißt, wird als Suppenkasper verspottet.

20. =Katharine= > Käthe, Kathrine, Trine. Die Koseformen

haben wie die anderer weiblicher Vornamen – Trude,

Trutschel, Trautschel < Gertrud, Liese < Elisabeth – meist

wegwerfenden Sinn: Dumme Trine, Heulliese, Bauerntrutschel.

»Das laufend Katterl«, »Die schnelle Katharina« und

»Jungfer Kathrine« sind verhüllende Bezeichnungen und

vielleicht als eine Art Schulwitz aufzufassen (Katarrh?).

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XV, Heft 1-2 · 第 1 / 7 段