3. Ihre Reform der Frauenbildung.

a) Kindergärtnerinnen-Ausbildung.

Aus den bisherigen Ausführungen ergibt sich mit Notwendigkeit, daß

zunächst echte _Kindergärtnerinnen_ herangebildet werden müssen, die in

der Frauenwelt dann gleichsam als Sauerteig wirken können. Denn erst, wenn

in jeder Gemeinde eine von wahrer Gärtnergesinnung erfüllte gebildete Frau

als Leiterin des Kindergartens tätig ist, erst dann ist ja die

Voraussetzung dazu erfüllt, daß alle heranwachsenden Mädchen und jungen

Mütter der Gemeinde an ihrem Vorbild und in ihrer Art sich bilden zu

wahren Pflegerinnen der Kindheit.

Diese Notwendigkeit hatte schon Fröbel erkannt. Daher bemühte er sich

bereits seit 1839, in besonderen Kursen (in Blankenburg, Keilhau, Dresden,

Hamburg und zuletzt in Marienthal bei Liebenstein) Mädchen und Frauen zu

solchen wahren Kindheitpflegerinnen heranzubilden. Nach seinem Tode

setzten seine Freunde (bes. Wilhelm Middendorff), vor allem auch seine

zweite Frau (Louise Fröbel), diese Arbeit fort. Später entstanden in

vielen Städten Deutschlands besondere „_Seminare für Kindergärtnerinnen_“.

Die preußische Regierung gliederte 1911 solche Ausbildungskurse für

Kindergärtnerinnen sogar in die allgemeine Frauenschule ein und erließ

besondere Vorschriften für die staatliche Prüfung der Kindergärtnerinnen.

Andere deutsche Staaten folgten, z. B. Sachsen 1918.

Auch Henriette Goldschmidt hatte in Leipzig ein solches Seminar für

Kindergärtnerinnen gegründet, und zwar bereits im Jahre 1872. Es war eine

der ersten derartigen Anstalten in Deutschland. Und zweifellos eine der

besten.

Der Ausbau der Kindergärtnerinnen-Seminare stieß auf große

Schwierigkeiten. Er war viel schwerer als der einige Jahrzehnte vorher

erfolgte Ausbau der Lehrerinnenseminare. Denn bei diesen letzteren war

bereits das Vorbild der Lehrerseminare vorhanden und ein Stab vorzüglicher

Seminarlehrer, die den Unterricht in sachgemäßer Weise übernehmen konnten.

Beim Kindergärtnerinnenseminar fehlte beides. Wie bei jeder völligen

Neuschöpfung war auch hier zunächst nur ein chaotischer Zustand vorhanden,

aus dem sich erst ganz allmählich festere Formen heraus entwickelten. Daß

sich dieser Klärungs- und Gestaltungsprozeß vollzog, daß mehr und mehr die

frühere „vom Zufall, von der Gunst oder Ungunst der Verhältnisse abhängige

Bildnerei der Kindergärtnerinnen“ einem geordneten systematischen Lehrgang

wich, das ist in erster Linie ein Verdienst Henriette Goldschmidts. Sie

übte strenge Kritik an sich und anderen. Noch 1909 erklärte sie auf der

Hauptversammlung des „Deutschen Fröbelverbandes“ in Magdeburg – also vor

den versammelten Leiterinnen der Kindergärtnerinnen-Seminare Deutschlands:

„Gestehen wir es uns offen, _unsere Seminare_, die Fachschulen, die einer

Anzahl von jungen Mädchen, die öfter der Not gehorchen als einem inneren

Drange, die Vorbereitung zur Kindergärtnerin geben, _entsprechen nicht der

Idee Fröbels_, das weibliche Geschlecht um seiner menschheitpflegenden

Bestimmung willen zu ganz gleicher Höhe wie das männliche zu erheben.“ –

Man hatte in der Ausübung des Kindergärtnerinnenberufs eine

_Erwerbsquelle_ entdeckt und Seminare aus diesem Grunde ins Leben gerufen.

Gewiß hat Fröbel dadurch, daß er einen neuen Beruf für Frauen geschaffen

hat, eben den Beruf der Kindergärtnerin, unendlich viel für die

„Brotfrage“ des weiblichen Geschlechts getan, aber die Seminare dürfen

nicht dieser Brotfrage wegen gegründet werden, sie müssen vielmehr stets

der Tatsache eingedenk bleiben, daß sie _einer großen Idee entsprungen_

sind. Verlieren sie diese aus den Augen, dann sinken sie zu einer

gewöhnlichen Fachschule herab, in der man sich begnügt, die Schüler

äußerlich auf den zukünftigen Beruf zuzustutzen. Diese äußerliche

Abrichtung ist aber nirgends gefährlicher als gerade hier, wo es sich

darum handelt, _Trägerinnen einer neuen Frauenkultur_ heranzubilden. Für

viele Berufe mag es genügen, die Schüler in äußerer Technik zu schulen,

_für den Beruf der Kindergärtnerin genügt es nicht_. In ihr muß der innere

Sinn für die Bestimmung des weiblichen Geschlechts geweckt sein, sie muß

das spezifische Wesen der Frau erkannt, _innerlich erlebt_ haben, sie muß

im Kinde die Kindheit, das Göttliche ahnen: wie kann sie sonst _Pflegerin

der Kindheit_ werden? wie kann sie sonst Mädchen und Frauen zum Bewußtsein

ihrer menschheitpflegenden Bestimmung verhelfen?

Es genügt also nicht, daß die zukünftige Kindergärtnerin auf dem Seminar

in die Handhabung der Fröbelschen Gaben und Beschäftigungen eingeführt

wird. Sie muß tiefer eindringen. Also nicht nur enge Berufs- und

Fachbildung, sondern allgemeine Vertiefung in Menschen- und

Welterkenntnis.

Das hat Henriette Goldschmidt tief empfunden. Und sie hat sich bemüht,

dies durch zeitliche Ausdehnung der Lehrgänge und durch Aufnahme

allgemeinbildender Fächer in den Lehrplan zu erreichen. Freilich in vollem

Umfange ist ihr die Lösung des schwierigen Problems noch nicht gelungen.

Dessen war sie sich auch vollkommen bewußt.

Am ehesten noch hoffte Henriette Goldschmidt den inneren Sinn der

Schülerinnen erschließen zu können durch die _kulturhistorische

Begründung_, die sie der Fröbelschen Pädagogik gab. Sie ging dabei aus von

dem Wort Fröbels: „In der Entwicklung des inneren Lebens des einzelnen

Menschen spricht sich die geistige Entwicklungsgeschichte des

Menschengeschlechts aus, so daß das gesamte Menschengeschlecht als _ein_

Mensch angeschaut werden kann, da in ihm die Entwicklungsstufen des

Einzelnen nachzuweisen sind.“ Also: _Die Entwicklung des Einzelnen gleicht

der Entwicklung der Gesamtheit_, oder wie Karl Lamprecht es einmal

ausgedrückt hat: „Der heutige Stand der Wissenschaft läßt keinen Zweifel

mehr daran bestehen, daß die Entwicklung des Einzelmenschen nicht nur

physisch, sondern auch psychisch im allgemeinen analog der Entwicklung der

Rasse verläuft. Die natürliche Konsequenz dieser Tatsache ist, daß, um die

Entwicklung der Rasse zu verstehen, es nötig ist, die Wissenschaft der

Entwicklung des Einzelmenschen zu Hilfe zu nehmen und umgekehrt.

Insbesondere kommt hier in Betracht der seelische Werdegang des Kindes, in

vielen Punkten verläuft er parallel zu jenen Zeiten der Kulturgeschichte,

die man als Prähistorie bezeichnet, nicht minder weist er Merkmale auf,

die auch den Kulturen der heute noch auf niedrigen Entwicklungsstufen

stehenden Naturvölker eigentümlich sind.“

Dieses _biogenetische Grundgesetz_, wie man es in der Wissenschaft genannt

hatte, spielte in der Pädagogik bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts

eine Rolle. Der Leipziger Universitätsprofessor Ziller wollte die

Verteilung des Lehrstoffes für die Volksschule auf Grund dieses Gesetzes

vornehmen. Er meinte damit dem jeweiligen Fassungsvermögen der Kinder am

besten Rechnung zu tragen. So kam er zu seinen bekannten acht

„_Kulturstufen_“. Den gesamten Unterricht während eines Schuljahres

gruppierte er um ein wertvolles Kulturerzeugnis, das ungefähr der

geistigen Reife der Kinder des betreffenden Jahrgangs entsprach, und zwar

hatte er ausgewählt:

für das erste Schuljahr: zwölf Märchen der Gebrüder Grimm,

für das zweite Schuljahr: Robinson,

für das dritte Schuljahr: die Geschichten der biblischen

Patriarchen,

für das vierte Schuljahr: die Geschichte von Moses usw.

Es ist hier nicht der Ort, die Richtigkeit des biogenetischen

Grundgesetzes nachzuprüfen oder die Berechtigung seiner Anwendung auf die

praktische Erziehungs- und Unterrichtsarbeit zu erörtern. Uns interessiert

hier nur die Art und Weise, wie Henriette Goldschmidt mit Hilfe dieses

Gesetzes die zukünftigen Kindergärtnerinnen in das Verständnis der

Fröbelschen Pädagogik einführte. Hören wir sie selbst! – In ihren „Ideen

über weibliche Erziehung“ (1882) gibt Henriette Goldschmidt einige

Andeutungen darüber, wie sie sich diesen Unterricht denkt. Sie schreibt:

„Die Freiheitsgeschichte des Menschen, sowie die unstreitige Ursache der

Ungleichheit und aller aus ihr resultierenden Übel hat mit dem Bebauen des

Bodens begonnen. Das erste Korn, von Menschenhand in die Erde gelegt,

enthielt auch den Kern ‚mit der Frucht geschwellt‘, die unser

vielgestaltiges Kulturleben birgt. Der Ackerbau bedingt den festen

Wohnsitz, der feste Wohnsitz ermöglicht ein inniges vertrauliches

Familienleben. Der Kranke, der Schwache, der Alte, das Kind, jetzt sind

sie nicht die Last, die auf Streifzügen gar nicht mitgenommen werden

konnten, deren Tötung als Wohltat betrachtet wurde – sie können in den

Räumen versorgt, gepflegt, behütet werden, die eine bestimmte Umgrenzung,

eine Wohnung bilden. Tugenden der Geduld, der Nachsicht werden entwickelt,

Neigungen werden zu Empfindungen, Liebe verbindet sich mit Treue und wird

zu edler Gesinnung. Die Frau wird schon dadurch zur Gehilfin des Mannes,

wenn die Speise nicht mehr roh, sondern zubereitet genossen wird. Der

Wohnungsraum, der Kochtopf, das sind die wichtigsten Bedingungen für die

Kultur. Alles andere ergibt sich bei einigem Nachdenken von selbst. Dem

Familienleben folgt das Gemeinde-, das Volks- und Staatsleben. Der

Ackerbau erfordert Werkzeuge. Es entsteht der Handwerkerstand, es folgt

der Handels-, Kaufmannsstand, ‚der Güter zu suchen ausgeht, an dessen

Schiff das Gute sich knüpft‘. Die religiöse, die wissenschaftliche, die

künstlerische Bildung gewinnt die ersten Anregungen, die ersten

Anschauungen durch die Beobachtung und durch die Beschäftigung mit der

Natur und schreitet fort zur Ahnung, zur Erkenntnis des Göttlichen – zu

dem ‚über Zeit und Raum thronenden höchsten Gedanken.‘

Haben wir mit diesem Ausgangspunkte, den wir als den kulturgeschichtlichen

bezeichnen, einen festen Punkt für die Erziehung des Einzelnen in unserer

Zeit gewonnen? Was hilft uns die Erkenntnis von dem naturgemäßen

Ausgangspunkte der Kultur der Gesamtheit in Rücksicht auf die

Erziehungsaufgabe im einzelnen? Entwicklung bedeutet ja bei dem Menschen

nicht Wiederholung derselben Stadien wie bei Naturwesen, wozu nützt es

uns, auf die primitiven Stufen zurückzugehen? Wir werden nicht jedes Kind

erst Ackerbau treiben lassen, damit es den richtigen Ausgangspunkt für die

Kultur empfängt. Gewiß, so wenig ‚Entwicklung‘ bei dem Menschen

Wiederholung derselben Stadien bedeutet, so wenig können wir uns von den

allerersten Bedingungen unserer Existenz so loslösen, daß wir nicht mit

ihnen anfangen müßten. Die ersten Kulturstufen können niemals von den

folgenden ganz überwunden werden, sie sind auch für die nächsten zu

benutzen. Jeder Mensch fängt noch heute als ein Kind an und deshalb als

ein ‚_Naturwesen_‘, und so steht das Kind bei seiner Geburt viel näher dem

Zustande der Naturvölker als dem seiner gebildeten Eltern. Wir werden

demnach, wenn wir an die Erziehung des Kindes herantreten, es als

‚_Naturwesen_‘ zu achten und zu beachten haben und zunächst die

Bedingungen erfüllen, auf die es als Naturwesen ein Recht hat. _Die

Existenz um der Existenz willen, ist das Recht des Geschöpfes._ Doch wir

werden diesen Bedingungen in der Erkenntnis zu entsprechen suchen, die wir

aus der Beachtung eines naturgemäßen sittlich-geistigen Entwicklungsganges

gewannen. Wir sehen, daß auch die sittlich-geistigen Einflüsse durch die

verschiedene Art der Befriedigung der Nahrungsbedürfnisse bedingt sind,

und wir werden folgerichtig schließen, daß die sittliche Gewöhnung des

Kindes schon hier, bei der Verabreichung von Nahrung zu beginnen hat.“

(S. 53 ff.)

„Das Eleusische Fest“ von Schiller diente ihr meist als Ausgangspunkt für

diese kulturhistorischen Besprechungen. In ihrer größeren Schrift „Was ich

von Fröbel lernte und lehrte“ hat sie sich über diesen wichtigen Teil

ihres Unterrichts weiter verbreitet.

b) Allgemeine Frauenbildung.

_Friedrich Fröbel_ hatte sich die Veredelung des bisherigen instinktiven

Tuns der Frau zu einer bewußten Kulturleistung, also die kulturelle

_Höherentwicklung_ des weiblichen Geschlechts „von seinem Wesen aus“ nur

mit Hilfe der Kindergärtnerinnen in den, bzw. durch die Kindergärten

gedacht. Darum erblickte er in der Ausbildung von echten

Kindheitspflegerinnen seine wichtigste Aufgabe.

_Henriette Goldschmidt_ ging in dieser Beziehung über Fröbel hinaus. Sie

faßte die Aufgabe weiter. Zwischen Fröbel und ihr lag eben – schon rein

zeitlich betrachtet – der Anfang der deutschen Frauenbewegung. Von einer

neuen, von einer umfassenden Frauenbildung allein erwartete man einen

Aufstieg des weiblichen Geschlechts. Diese Gedanken hatten in Henriette

Goldschmidt begeisterten Widerhall gefunden. Zu ihrer Verwirklichung

beizutragen, galt ihr als heiligste Pflicht.

Um das ganz zu verstehen, muß man bedenken, daß die Mädchen damals noch

vom Besuch öffentlicher höherer Schulen ausgeschlossen waren. Es gab für

sie nur private – zum Teil recht minderwertige –

Fortbildungseinrichtungen.

Durch das berechtigte Streben der Frauen, nicht eine schlechtere Bildung

zu erhalten als die Männer, entstand die Gefahr, die für Knaben bestimmten

Schulen sklavisch nachzuahmen. Nicht alle Vorkämpferinnen für

Frauenbildung sind dieser Gefahr entronnen. Henriette Goldschmidt dagegen

erkannte von vornherein, daß es ein Widerspruch wäre, mit den bisherigen

(also auf Männer zugeschnittenen) Schuleinrichtungen und

Unterrichtsmethoden das tiefinnerste Wesen des Weibes entfalten, den

mütterlichen Instinkt zum Bewußtsein erheben zu wollen. Dadurch erhielt

ihr Wirken für Frauenbildung die starke, _spezifisch weibliche Note_.

Schon 1871 konnte sie daher in einem in Kassel gehaltenen Vortrage über

„die Frau im Zusammenhang mit dem Volks- und Staatsleben“ jede Nachahmung

der Knaben- und Männerbildungsanstalten ablehnen und erklären: „_Nur durch

ein ganz verändertes Prinzip der Erziehung kann die Umbildung unseres

Geschlechtes vor sich gehen._“

In Fröbels Pädagogik fand sie diesen neuen Weg. Sie spürte in seiner Idee,

den Erziehungsberuf der Frau zu einem Kulturberuf zu erheben, die

Keimkraft einer neuen Epoche der Menschheit sich regen. „Zum ersten Male,“

schrieb sie 1909, „erhielten die Frauen (durch Fröbel) nicht nur guten Rat

und gute Lehren als Brosamen von der bisherigen wissenschaftlichen

Pädagogik, sondern eine _Lehre_ in systematischer Form, eine neue Lehre

von einem neuen Quellpunkte aus, aus einer neuen Erkenntnis.“

_Anders_ also sollte der Bildungsgang des Weibes sein als der des Mannes,

andersartig aber _nicht minderwertiger_, nicht „leichter“, nicht

„bequemer“, nicht „oberflächlicher“. Im Gegenteil! An Arbeit, an harte

Arbeit soll das weibliche Geschlecht sich gewöhnen. Das fand damals –

besonders bei den Frauen der höheren Schichten – noch viel Widerspruch.

Aber in ihrem tiefsinnigen Vortrag „Die Frauenfrage eine Kulturfrage“

(1870!) zerstreute sie diese Bedenken mit folgenden feinen und klugen

Worten: „_Die Arbeit_, die sich segensreich bewährt auf allen Gebieten des

Lebens, die Ausbildung des Geistes, die bei unsern Männern die

Gemütsinnigkeit steigert, _sollte für die Frau gefährlicher sein als die

Ausbildung des Phantasie- und Genußlebens_? Ich meine, selbst die

weitgehendste wissenschaftliche Ausbildung, selbst eine einseitigste

Berufsbildung stellt uns auf den Boden der Pflicht und bildet den

Menschen. Denn arbeiten muß der ganze Mensch, weder die Phantasie allein,

noch das Herz allein. In der Arbeit kommt Herz und Geist zur

Durchdringung, zur Übereinstimmung, zur Einheit; die Arbeit schafft den

Charakter, und _Charakter sollen auch unsere Frauen haben_, nicht

willenlose Schwärmerei, nicht Phantasterei, nicht lethargisches

Genußleben.“

Die wichtigste Sorge ist ihr nur, daß die Bildung des weiblichen

Geschlechts auch Früchte trage, daß sie zu positiven Leistungen führe. Sie

hat ein sehr richtiges Gefühl dafür, daß nämlich durch die den Frauen

eingeräumten Rechte auf Bildung dem weiblichen Geschlechte auch Pflichten

erwachsen, daß man von ihm nun eine tatsächliche Bereicherung bzw.

Veredelung unseres Kulturlebens erwarten wird. Ob die Frau, soweit sie in

Schule und Beruf in den Bahnen des Mannes wandelt, zu fruchtbarer

Kulturarbeit sich wird erheben können, erscheint ihr mindestens

zweifelhaft. Wenn sie dagegen „von ihrem Wesen aus“, innerhalb ihrer

Bestimmung sich ungehemmt entfalten kann, dann wird sie Kulturleistungen

hervorbringen, Kulturleistungen, deren der Mann nicht fähig ist. Das ist

Henriette Goldschmidts fester Glaube.

Es kommt also alles darauf an, die Frauenbildung _naturgemäß_ zu

gestalten, sie zu gründen auf das Wesen, auf die Natur des Weibes. Darum

ist ihr „der Pflegesinn des Weibes, seine seelische Besonderheit, seine

ihm eigentümliche Aufgabe“ Mittelpunkt für den Lehrplan und Ziel aller

höheren weiblichen Fortbildung (nach Verlassen der Schule!). Pflegen und

Erziehen muß dem weiblichen Geschlechte nicht nur als wichtigste, sondern

zugleich als schönste Aufgabe des Lebens erscheinen.

Die Entfaltung dieses idealen Sinns denkt sich Henriette Goldschmidt nicht

nur mit Hilfe der Fröbelschen Pädagogik – wenn auch durch sie in erster

Linie –, sondern auch durch Einführung in die Ideenwelt unserer Klassiker.

Sie hat erkannt, daß es von großem erziehlichen Einfluß ist, wenn „unsere

Jugend ihre Ideale durch die Erkenntnis der Ideale unserer Klassiker

läutert“. In diesem Sinne schreibt sie in ihren „Ideen über weibliche

Bildung“ (1882): „Ich bin mir bewußt, daß meine Ansichten dem Geiste einer

Zeit verwandt sind, die unmittelbarer unter dem Einflusse unserer

klassischen Literatur, eines Herder, Lessing, Schiller sich befand, als

die unsrige. Mag eine gelehrte Jugend lächeln über die Träume einer

idealistisch gestimmten Vergangenheit. _Wir leben der Überzeugung, daß das

deutsche Volk mehr als einmal im Laufe seiner Entwicklung zurückkehren_

wird zu den Idealen jener Zeit, und daß es auch aus dem Drucke unserer

pessimistisch-materialistisch gestimmten Gegenwart, die ihren Gegensatz in

einem romantisch sinnlich-übersinnlichen Rausche sucht, erwachen muß bei

dem Morgenlichte jener einzigen Zeit, die unsere Dichter und Denker

heraufgeführt. In diesem Sinne und im Zusammenhange mit den großen

Pädagogen außerhalb der Schule hat sich mir das Verständnis der

Fröbelschen Erziehungslehre erschlossen, und in diesem Sinne möchte ich zu

ihrem Verständnis anregen.“ (S. 26.)

Damit ist in allgemeinen Zügen der Charakter einer höheren

Fortbildungsschule für Mädchen bzw. Frauen gezeichnet, wie sie Henriette

Goldschmidt vorschwebte. Der Kindergarten und die Arbeit in ihm ist das

Fundament, auf dem sie aufgebaut ist. Jedes heranwachsende Mädchen sollte

durch ihn hindurchgehen! Eine Art _weibliches Dienstjahr_ schwebt ihr vor.

In unseren Tagen wird viel von einem „Freiwilligenjahr der Frau“ geredet.

Da ist es nicht uninteressant, festzustellen, daß dieser Gedanke nicht so

funkelnagelneu ist, wie manche glauben. Bereits _1868_ hat Henriette

Goldschmidt auf der Generalversammlung des „Allgemeinen deutschen

Frauenvereins“ in Braunschweig dieser Idee mit folgenden Worten Ausdruck

verliehen: „Die Männer zahlen ihre Schuld dem Vaterlande, indem sie es

gegen den Feind verteidigen, und indem sie die Bürger gegen Gefahren

schützen. _Vertreter des Volks, wir Frauen verlangen eine gleiche Last!_

Alle jungen Mädchen müßten, ehe sie heiraten, _wenigstens ein Jahr lang_

täglich mehrere Stunden in den Hospitälern zubringen, in den

Wohltätigkeitsanstalten, in allen Orten, die zum Schutz der Unglücklichen

gestiftet sind. Hier müßten sie die augenblickliche und natürliche

Erregtheit ihres weichen Herzens, die vorübergehend und deshalb

unfruchtbar ist, in ein tätiges Gefühl verwandeln. Die Frauen müßten auch

den Eid der Treue leisten, und zwar nicht dem Staat, sondern Gott und den

Armen – und nachdem sie ihre Pflicht getan haben, ebensogut und ebenso

stolz wie der Soldat sagen können: ‚Ich habe gedient‘.“ –

Später wollte sie dieses „Dienstjahr“ ausschließlich auf dem Gebiete der

Erziehung abgeleistet wissen. So schrieb sie 1918: „Das Dienstjahr für die

weibliche Jugend sei ein Lehrjahr in einer gutgeleiteten Fröbelschule.“

Und sie fügt hinzu, warum sie gerade den Kindergarten für die geeignetste

Stätte zur Ableistung der weiblichen Dienstpflicht hält: Der „Schrei nach

dem Kinde“ ertönt jetzt lauter denn je. „Hier, im Kindergarten, ist die

Stätte, _wo der Wille zum Kinde_ in der keuschesten Weise in den

jugendlichen Gemütern erweckt wird und das mütterliche Gefühl in einer

unserer Kultur gemäßen Weise sich betätigt.“

Jedenfalls soll die heranwachsende weibliche Jugend zu der Erkenntnis

geführt werden, daß _die Erziehungsaufgabe eine wichtige allgemein

menschliche Angelegenheit_ ist, insbesondere eine Pflicht des weiblichen

Geschlechts, auf deren Ausübung man sich vorbereiten muß. Daß in dieser

Beziehung bisher eine Lücke in unserem Schulwesen bestand, brachte

Henriette Goldschmidt ihren Lesern bzw. Hörern gern dadurch zum

Bewußtsein, daß sie ein Wort des Philosophen _Herbert Spencer_ zitierte,

nämlich folgendes: „Wenn durch irgendeinen Zufall keine Spur von uns bis

auf die ferne Zukunft erhalten bliebe, außer einem Haufen unserer

Schulbücher oder einigen Prüfungsheften der Schule, so könnten wir uns

ausmalen, in welche Verlegenheit ein Altertumsforscher jener Periode käme,

in ihnen keine Zeichen zu finden, daß die Schüler jemals möglicherweise

Eltern werden würden. Wir können uns vorstellen, daß er folgendermaßen

schließt: _Dies muß der Schulplan für die ehelosen Stände gewesen

sein ..._ ich finde nicht die geringste Berücksichtigung der

Kindererziehung. Sie konnten nicht so töricht sein, für diese schwerste

aller Verantwortlichkeiten jeglichen Unterricht zu unterlassen. Offenbar

also war dies der Schulkursus eines ihrer Klosterorden.“

Die Verwirklichung ihrer Ideen über allgemeine weibliche Höherbildung

versucht sie in ihrem, 1878 gegründeten, „_Lyzeum für Damen_“ in Leipzig

(jetzt „Fröbel-Frauenschule“). – 1911 hat sie in ihrer Denkschrift „Vom

Kindergarten zur Hochschule für Frauen“, unter Anlehnung an das 1878

erschienene erste Programm dieser Anstalt, _das Wesen dieser neuartigen

höheren Frauenbildungsstätte_ in folgender Weise dargelegt:

„Das Lyzeum will der Idee dienen; ‚_das instinktive passive Tun der Frau_‘

auf ihrem _eigensten_ Gebiete in ein _bewußtes_ zu wandeln: es will die

weibliche Jugend der wohlhabenden, der gebildeten Stände mit dem Wissen

und Können ausstatten, das der Erziehungsberuf innerhalb der _eigenen_

Familie erfordert. _Der Erziehungsberuf der Frau ist als gleichwertig der

Berufsbildung des Mannes zu betrachten, er bedarf der Vorbereitung._

Kein Mann beschränkt sich, darf sich auf diejenige Wissenschaft

beschränken, die seine Fachbildung erheischt. Der Arzt studiert nicht nur

Naturwissenschaften, der Jurist nicht nur Rechtswissenschaft, der

Geistliche nicht nur theologische Schriften usf., – sondern ein jeder

lernt sein besonderes Fach erst recht kennen, wenn er durch das Studium

der Geschichte, Literatur, Philosophie usw. Klarheit über die Stellung

gewinnt, die seine Spezialwissenschaft innerhalb der Gesamtwissenschaft

einnimmt.

Von diesem Gesichtspunkte ausgehend, hat das Lyzeum in seinem Lehrplan:

Geschichte, Literatur, Kunstgeschichte, Mathematik, Naturwissenschaften

und die Fortführung des fremdsprachlichen Unterrichts aufgenommen.

Das Lyzeum wäre aber keine höhere Lehranstalt für die weibliche Jugend,

wenn nicht Erziehungslehre, Geschichte der Erziehung, Gesundheitslehre,

Psychologie den Mittelpunkt des Planes bildeten.

Das Lyzeum wäre keine höhere Lehranstalt im Sinne und Geiste unserer neuen

Pädagogik, wenn es sich mit theoretischen „anschauungslosen Definitionen“

begnügte. „Erziehung“ verlangt: „Willen und Können.“ Dieses Wollen und

Können ist durch Fröbels Lehre und Methode gegeben: die letztere verlangt

künstlerische Übungen, das Zeichnen, das Tonen usw. – Gymnastik und

Gesang.

Das Lyzeum wäre aber auch keine höhere Lehranstalt im Sinne und Geiste

_unserer auf soziale Hilfsarbeit gerichteten Zeit_, wenn es die weibliche

Jugend nicht zu solcher Hilfsarbeit erzöge. _Das Lyzeum steht in

Verbindung mit den Volkskindergärten_ und gibt den jungen Mädchen

Gelegenheit zum Verkehr mit den Kindern des Volkes, – zur Dienstleistung

für dieselben. Es bahnt den Weg zum Verständnis und zur Würdigung der

sogenannten untern Stände und zur Versöhnung der schroffen Gegensätze

innerhalb der verschiedenen Glieder der Volksfamilie.

Das Lyzeum ist bestrebt:

1. die Kluft überbrücken zu helfen, welche zwischen männlichem und

weiblichem Geistesleben, namentlich in den höheren Ständen vorhanden

ist,

2. das instinktive, passive Tun der Frau in ein bewußtes zu wandeln,

damit sie den mütterlichen Erziehungsberuf in seiner ganzen

Bedeutung und Verpflichtung erkenne,

3. in der weiblichen Jugend das Gefühl und das Gewissen zu erwecken für

unsere sozialen Notstände, – sie aufzurütteln aus dem trägen

Genußleben, in dem mehr Kräfte verbraucht werden als in der

angestrengtesten Tätigkeit.

In aller Kürze haben wir die _idealen_, die _humanen_ Ziele des Lyzeums

bezeichnet.

Das Lyzeum wäre aber keine höhere Lehranstalt im Sinne und nach den

Forderungen unserer auf die _wirtschaftliche Selbständigkeit_ der Frau

gerichteten Zeit, wenn es nicht zur Lösung der so brennend gewordenen

Erwerbsfrage beitragen könnte.“

Die Berufe, für die das Lyzeum vorbereitet, sind:

a. Erzieherin in der Familie,

b. Leiterin von Kindergärten und ähnlichen Anstalten,

c. Lehrerin der Fröbelschen Pädagogik an Kindergärtnerinnenseminaren.

Henriette Goldschmidt erkannte aber bald, daß in dem engen Rahmen eines

„Lyzeums für Damen“ ihre große Idee nicht volle Verwirklichung finden

konnte. Darum erhob sie fast jedes Jahr in den Programmen des Lyzeums den

Ruf:

„_Das Lyzeum soll zu einer Hochschule sich gestalten_, an der

wissenschaftlich tüchtige Männer und Frauen unserer weiblichen Jugend zu

dem schwierigsten, verantwortlichsten und idealsten Berufe, dem der

Erziehung des Geschlechtes der Zukunft die Weihe der Wissenschaft geben.“

Der Gedanke einer Hochschule für Frauen war nicht neu. Bereits im Dezember

1849 war der Plan, solche Hochschulen zu gründen, in _Hamburg_

aufgetaucht, und zwar in Fröbelkreisen. Es bildete sich damals in der

Hansestadt ein „Allgemeiner Bildungsverein deutscher Frauen“, aus dessen

Statuten in diesem Zusammenhang folgendes interessiert:

„1. _Zweck_: Verbreitung humaner Bildung ohne Rücksicht auf konfessionelle

Unterschiede.

2. _Bildungsmittel_: Hochschulen für das weibliche Geschlecht,

Kindergärten, Verbindung der Erziehung der Familie mit dem Unterricht der

Schule, Armenpflege, Krankenpflege.

3. _Stellung_: Hamburg ist vorläufig der Sitz des Zentralvereins, welcher

zur Förderung der allgemeinen Zwecke sich mit allen deutschen

Frauenvereinen in Verbindung setzt. Diese schließen sich dem Zentralverein

an, indem sie sich zu regelmäßiger Unterstützung der gemeinsamen Zwecke

verpflichten.

4. _Das erste gemeinsame Unternehmen_ ist die Stiftung einer Hochschule

für Mädchen in Hamburg in Verbindung mit der Beförderung der

Kindergärten.“

Im Januar 1850 wurde die neue Anstalt eröffnet. Ein Neffe Friedrich

Fröbels: _Carl Fröbel_ war ihr erster Rektor. Ihm zur Seite stand ein

Verwaltungsausschuß, dem folgende Frauen angehörten: Emma Isler geb.

Meyer, Bertha Traun geb. Meyer, Elise Bieling geb. Ström, Mathilde Seybold

geb. Mohrmann, Henriette Salomon geb. Goldschmidt, Emilie Wüstenfeld geb.

Capelle.

Auch Friedrich Fröbel, der während des Winters 1849/50 in Hamburg weilte

und pädagogische Vortragskurse abhielt, unterstützte die junge Anstalt.

Zur Charakterisierung der Hamburger Frauenhochschule sei aus dem ersten

Programm derselben noch folgendes mitgeteilt:

„Die Anstalt soll erwachsenen Mädchen nach vollendetem Schulkursus eine

weitere Ausbildung gewähren, die alles umfaßt, was das praktische,

gesellige und geistige Leben in seinen höchsten Sphären von gebildeten

Frauen verlangen kann.

Die eigentlichen Schülerinnen, von welchen eine Ausbildung nach allen drei

Richtungen gewünscht wird, wohnen als Pensionärinnen in dem Pensionshause

der Anstalt, welchem Professor Carl Fröbel und seine Frau Johanna Fröbel

geb. Küstner vorstehen. Wenn die Zahl der Pensionärinnen zwanzig

übersteigt, wird ein zweites Pensionshaus errichtet.

Zur Übung für das praktische Leben werden die Schülerinnen auf möglichst

zweckmäßige Weise mit den Haushaltsgeschäften und der dazu nötigen

Buchhaltung vertraut gemacht. In dem zur Anstalt gehörenden Kindergarten

lernen sie die erziehende Beschäftigung und naturgemäße Behandlung der

Kinder kennen.

Für das gesellige Leben bieten außer der Anstalt die Familien des

Bildungsvereins und andere die den Schülerinnen wünschbaren Gelegenheiten

dar.

Der wissenschaftliche Unterricht wird in halbjährliche Lehrkurse

eingeteilt und zum Teil in Vorträgen, zum Teil an Übungen geknüpft.

Auch außer der Anstalt wohnende Mädchen und Frauen werden zur Teilnahme an

den Lehrkursen als Hochschülerinnen oder als Zuhörerinnen einzelner

Vorlesungen zugelassen.“

Der erste _Lehrplan_ der Hamburger Frauenhochschule umfaßte: Einleitung in

die Philosophie, Erziehungslehre, Erklärung der Gedichte Schillers,

Geschichte der Religionen, Englisch, Französisch, Geschichte, Geographie,

Literatur, Sprachlehre, Formenlehre, Zeichnen, Gesang, Übungen im

Kindergarten.

Außerdem war den Hochschülerinnen Gelegenheit gegeben, an den außerhalb

der Anstalt stattfindenden Vorträgen Friedrich Fröbels teilzunehmen.

Es herrschte ein frisches, geistig reges Leben in der jungen

Frauenhochschule. _Malvida von Meysenbug_, die die Anstalt damals

besuchte, erzählt anschaulich davon in ihren berühmten „Memoiren einer

Idealistin“:

„Ich war keine junge Schülerin mehr, ich war ein gereiftes Wesen, das aus

den Konflikten des Daseins zu der einzig wahren Zuflucht flüchtete, zu

einer edlen nutzbringenden Tätigkeit. Ein eigenes, beinahe feierliches

Gefühl erfaßte mich, als ich die Schwelle des Hauses, in welchem ich ein

neues Leben beginnen wollte, überschritt.“ Und dann schildert sie ihr

Bekanntwerden mit Fröbels pädagogischem System: „Ich hatte bereits davon

reden hören, sah es hier zuerst in der Praxis (in dem Kindergarten der

Hochschule!) und war entzückt davon. Psychologisch tief und geistvoll fand

ich alle Grundsätze, welche Fröbels System zugrunde liegen und worin sein

eigentlicher Wert besteht. Meine erste Bekanntschaft mit diesem System war

eine wahrhaft beglückende.“

Die Hochschülerinnen wurden aber nicht nur in das Reich des Geistes

eingeführt, sondern sie mußten auch häusliche Arbeiten verrichten. Malvida

von Meysenbug erzählt z. B. u. a.: „Einmal in der Woche standen wir im

Garten fröhlich um einen Waschtrog, und während die Hände Wäsche rieben,

besprachen wir Gegenstände aus den Vorträgen oder sonst wichtige Fragen.

Wir taten die gröbere Arbeit, weil es zum Vorteil der Anstalt diente, die

unser allerhöchstes Interesse war, und wir fühlten uns dadurch nicht

gedemütigt. Viele der begabtesten Schülerinnen, denen bisher jede

häusliche Beschäftigung ein Greuel war, suchten diese jetzt mit der

geistigen Arbeit zu vereinen. Die Leichtsinnigen wurden ernst, die Faulen

fleißig. _Es __war eine Strömung, die sie alle zum Guten fortriß_.“

Der jungen Anstalt war aber nur ein kurzes Dasein beschieden. Sie fiel der

– nach der Revolution von 1848 – einsetzenden Reaktion zum Opfer. Die

Beziehungen der Hamburger Frauenhochschule zu den _freireligiösen

Gemeinden_ genügten den Gegnern, die Anstalt durch gedruckte Pamphlete zu

verdächtigen. Sie wurde „als ein Herd der Demagogie dargestellt, wo unter

dem Mantel der Wissenschaft revolutionäre Pläne geschmiedet würden.“ Viele

Eltern wurden dadurch irre gemacht und erlaubten ihren Töchtern nicht den

Besuch der Schule. Der Mangel an Hörerinnen brachte die Anstalt in

finanzielle Schwierigkeiten, und sie mußte geschlossen werden.

Vielleicht wäre es gelungen, die Hamburger Frauenhochschule zu erhalten,

wenn man sich dazu hätte entschließen können, dem damals herrschenden

Geist der Reaktion Zugeständnisse zu machen. Aber das wollte man nicht.

„Man fand es besser, die Verwirklichung der Idee der Zukunft zu

überlassen, als einen Kompromiß mit der alten Welt zu machen.“ Die

Stimmung, die damals bei den Freunden der Anstalt herrschte, bringt

Malvida von Meysenbug in den Worten zum Ausdruck: „Die Erfahrung war

gemacht, ein Resultat war gewonnen. Der Gedanke, die Frau zur völligen

Freiheit der geistigen Entwicklung, zur ökonomischen Unabhängigkeit und

zum Besitze aller bürgerlichen Rechte zu führen, war in die Bahn zur

Verwirklichung getreten: _Dieser Gedanke konnte nicht wieder sterben._ Wir

zweifelten nicht, daß viele von denen, welche seine erste Inkarnation in

unserer Hochschule gesehen hatten, noch seinen völligen Triumph sehen

würden, wenn nicht in Europa, so doch in der neuen Welt.“

Diese Hoffnungen erfüllten sich – durch _Henriette Goldschmidt_.

Eine der Mitbegründerinnen der Hamburger Frauenhochschule – und zugleich

eine der geistig bedeutendsten Frauen jener Kreise – _Emilie Wüstenfeld_ –

stellte gleichsam die Verbindung zwischen Hamburg und Henriette

Goldschmidt dar. Die beiden Frauen kannten sich persönlich und Henriette

Goldschmidt nannte später Emilie Wüstenfeld „ihre liebe

Gesinnungsgenossin“, da diese, ebenso wie sie selbst, „eine Reform der

Erziehung des weiblichen Geschlechtes, eine neue Grundlage für die

Fortbildung der erwachsenen weiblichen Jugend _als notwendigen

Ausgangspunkt für den Eintritt der Frau in die Kulturarbeit der Zeit_ für

notwendig hielt,“ vor allem aber war sie Henriette Goldschmidt deshalb

eine „liebe Gesinnungsgenossin“, weil Emilie Wüstenfeld Henriette

Goldschmidts Überzeugung teilte, „_daß dieser Ausgangspunkt in der

glücklichsten Weise in der Pädagogik Fröbels vorhanden_“ sei.

Das also war die historische Grundlage für Henriette Goldschmidts _Idee

einer Frauenhochschule_.

Im Jahre 1910 endlich – sie war inzwischen 84 Jahre alt geworden – erhielt

Henriette Goldschmidt eine große Stiftung zur Verwirklichung ihres

Gedankens.

Und nun ging sie ans Werk.

Bereits im Oktober 1911 konnte die neue Anstalt in ihrem stattlichen Heim

zu Leipzig eröffnet werden.

_Klarer und zielsicherer als einst die Hamburger Frauenhochschule wollte

die Leipziger Anstalt den großen Gedanken Fröbels verwirklichen_, den

Gedanken, das weibliche Geschlecht seiner instinktiven Tätigkeit zu

entheben und es von seiten seines Wesens und seiner menschheitpflegenden

Bestimmung ganz zu derselben Höhe wie das männliche Geschlecht zu erheben.

– Das erste (von Henriette Goldschmidt entworfene) Programm der neuen

Anstalt verkündete daher: „Die Hochschule will

1. der Frau für die Ausübung des mütterlichen Erziehungsberufes eine

auf gründlicher Einsicht beruhende Vorbereitung geben und

2. die Frau befähigen, sich den mannigfaltigen gemeinnützigen Aufgaben,

die ihr innerhalb der Gemeinde des Staates und der Gesellschaft

erwachsen, mit weitem Blick und mit vollem Verständnis für die

Bedürfnisse der Gegenwart zu widmen.“

Zu diesem Zweck wurde die regelmäßige Abhaltung „_freier Vorlesungen_“ ins

Auge gefaßt, und zwar wurden drei Gruppen gebildet, nämlich

I. Vorlesungen für allgemeine Bildung,

II. Pädagogische Vorlesungen,

III. Sozialwissenschaftliche Vorlesungen.

Das Programm sah für die verschiedenen Gruppen im einzelnen vor:

„*I. Vorlesungen für allgemeine Bildung.*

A. _Philosophische Vorlesungen_.

1. Einleitung in die Philosophie,

2. Geschichte der Philosophie,

3. Darstellung der Philosophie einzelner hervorragender Denker,

4. Allgemeine Psychologie,

5. Ethik,

6. Ästhetik.

B. _Geschichtliche Vorlesungen_.

Henriette Goldschmidt: Ihr Leben und ihr Schaffen · 第 15 / 20 题