5. Schaffensjahre.

Luise Otto-Peters hatte 1848 den deutschen Frauen zugerufen: „Dem Reich

der Freiheit werb’ ich Bürgerinnen!“ Aber anscheinend war der Ruf, ohne

ein Echo zu finden, verhallt, und erst Anfang der sechziger Jahre fanden

sich in Leipzig die Frauen zusammen, die erkannten, daß es für die Frauen

selbst zuerst ein Reich der Freiheit zu suchen galt, um die Frau aus der

engen Gebundenheit jahrhundertalter Vorurteile zu erlösen. Zu diesen

Frauen: Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt, gesellte sich noch

Henriette Goldschmidt. Sie gründeten zusammen im Februar 1865 zuerst einen

Frauenbildungsverein. Henriette Goldschmidt selbst stand so wenig unter

einem persönlichen Druck, wie die beiden anderen Frauen; ihr Mann ließ ihr

völlige Handlungsfreiheit und gerade darum empfand sie besonders tief das

Unwürdige, das in der Stellung der Frau lag, die von jeder Teilnahme am

öffentlichen Leben ausgeschlossen war. Mit ihrer Schwester Ulrike (diese

hatte inzwischen den Juristen Wilhelm Henschke geheiratet, nachherigen

Präsidenten am Kammergericht in Berlin) hatte sie schon manchmal von der

Enge gesprochen, in der viele Frauen leben mußten, besonders von der

mangelhaften Vorbildung der Frauen zu ihrem eigentlichen Berufe der

Mutterschaft.

Aber gerade weil Henriette Goldschmidt in einer harmonischen Ehe lebte und

durch ihren Mann alle geistige Förderung erfuhr, ging sie anfangs nicht

ganz mit den beiden anderen Frauen mit. Sie selbst erzählte, daß sie

entrüstet heimgekommen sei, als die Gründung des „Allgemeinen Deutschen

Frauenvereins“ beraten wurde, weil Luise Otto-Peters es abgelehnt hatte,

Männer in den Vorstand zu wählen. Ihr Mann antwortete gelassen, dies wäre

ganz richtig, denn wollten die Frauen selbständig werden, dann müßten sie

vor allem auch selbständig ihren Weg zu finden suchen. Die Erkenntnis von

der Wahrheit dieses Wortes kam der temperamentvollen Frau auch bald, und

sie schloß sich enger an die beiden Frauen an, die am 18. Okt. 1865 nach

Leipzig eine Konferenz deutscher Frauen einberufen hatten und trotz des

geringen Interesses, das diese Versammlung fand, den „Allgemeinen

Deutschen Frauenverein“ gründeten und die Herausgabe eines Frauenblattes

unter dem Titel: „Neue Bahnen“ beschlossen. Die neuen Ideen sollten durch

Schriften und Vorträge verbreitet werden. Auguste Schmidt war schon eine

geschulte Rednerin, Henriette Goldschmidt dagegen hatte noch nicht

öffentlich gesprochen; ihr erster Vortrag war eine politische Aufklärung

der Frauen. Sie erzählt davon: „Wir hatten bei unserer Übersiedelung nach

Leipzig nur an die Rückkehr nach Deutschland gedacht, und da wir uns als

Preußen fühlten, hatten wir keine Veranlassung, zu einem anderen Staate

überzutreten. Der Krieg 1866 brach aus und brachte preußische

Einquartierung. Ich hatte in meiner Wohnung keinen Platz und sagte zu

meinem Hausmädchen, daß wohl die Hausmannsleute die Soldaten aufnehmen

könnten. ‚Ach,‘ antwortete dieses, ‚wir können diesen Leuten die

preußischen Soldaten nicht anvertrauen, die sind zu bissig.‘ Dabei erfuhr

ich von ihr, daß sie selbst Preußin sei und ihr Bruder im preußischen, ihr

Bräutigam aber im sächsischen Heere diene. Während ich noch über diese

traurige Sachlage nachdachte, besuchte mich Luise Otto-Peters und forderte

mich auf, einen Vortrag im Frauenbildungsverein zu halten. Als ich sie

zögernd fragte, worüber ich eigentlich sprechen sollte, antwortete sie in

ihrer sächsischen Mundart: ‚Nu, was Ihnen der Gänius eingibt.‘ Und ich

sagte ihr zu und zu mir: Sprich von der politischen Lage Deutschlands und

erkläre den Frauen aus dem Volke, soviel du es vermagst, die Ursachen

dieses Bruderkrieges.

Es ist mir beim Niederschreiben dieser Zeilen ein eigentümliches Gefühl,

daß mein erstes öffentliches Wort an die Frauen sich auf eine der

politischen Fragen bezog, die mich früher beschäftigten, ehe ich an eine

Frauenfrage und an die Erziehungsfrage dachte. Ich hielt meinen ersten

Vortrag und schloß mit den Worten: ‚Nicht mit zu hassen – mit zu lieben

sind wir Frauen da.‘“

Diesem ersten Vortrag schlossen sich bald andere an, die paar Frauen in

Leipzig begannen ihre Kreise weiter und weiter zu ziehen, und die Schar

der Anhängerinnen wuchs. Aus den Erzählungen einer freilich unberühmten,

aber sehr gescheiten Frau weiß die Schreiberin dieses kurzen Lebensbildes,

daß die Werbekraft der Reden Henriette Goldschmidts sehr groß war. Sie

sprach so gut, mit einem so hinreißenden Feuer, daß in Leipzig das Gerücht

entstehen konnte, sie schriebe für ihren Mann, der selbst ein guter und

geistvoller Redner war, die Predigten nieder. Sie selbst gab bescheiden

Auguste Schmidt den Preis, diese wäre in hervorragender Weise des Wortes

mächtig gewesen. Übrigens galt ihre größte verehrendste Liebe Luise

Otto-Peters, zu deren fünfundzwanzigjährigem Schriftstellerinnenjubiläum

sie einen Vortrag hielt (erschienen 1868 bei Matthes in Leipzig).

Von ihren ersten Vorträgen, die gedruckt wurden, seien im Anschluß

genannt: „Die Frauenfrage eine Kulturfrage“ (1870), „Die Frau im

Zusammenhang mit dem Volks- und Staatsleben“ (1874 bei Amelang).

Zusammenhänge suchen, das war Henriette Goldschmidts stetes Bestreben, und

alle ihre Vorträge haben etwas von diesem Suchen nach der großen Einheit

in allen Erscheinungen. Immer war es auch die Idee, die sie packte, und

mit noch jugendlich unerschöpfter Hingabe an die Idee der Frauenbewegung

leistete sie ihre Werbearbeit. Die Geschichte dieser Werbearbeit ist in

anderen Schriften schon niedergelegt und es ist hier nicht die Stelle, um

Stadt für Stadt anzugeben, die die begeisterten Frauen friedlich zu

erobern suchten. Es war nicht immer nur Erhebendes, was sie erlebten, auch

starke Abwehr, Unverständnis wurden ihnen zuteil, es fehlte auch nicht an

tragikomischen Szenen, die die alte Frau noch lebhaft zu schildern wußte.

So setzte der Wirt in einer damals noch kleinen Stadt die mutigen

Pionierinnen mit einer – Kunstreitergesellschaft, die im gleichen Ort

gastierte, zusammen, weil er dies vermutlich für eine besonders passende

Gesellschaft hielt. Da es schwer war, eine Aussprache in Fluß zu bringen,

die Frauen sich meist scheuten, ihre Ansichten öffentlich zu sagen, hatten

sich die Leipziger Veranstalterinnen bei einem auswärtigen Frauentag

vorgenommen, aus ihrem Kreise selbst Fragen aufzuwerfen. Eine Weile hörten

die Zuhörerinnen das mit an, endlich verließ eine Anzahl den Saal, sie

sagten, „die sind sich ja selbst nicht einig, zu was sollen wir uns den

Streit anhören.“

Der Krieg von 1870/71 fiel in die erste Zeit des Werbens und Kämpfens.

Über diese Zeit hat Henriette Goldschmidt einige kurze Anmerkungen

gemacht, es heißt da: „Deutschland unter Preußens Führung – der Staat,

dessen ruhmreiche Geschichte ihm ein Recht zu dieser Stellung an

Deutschland gab, es war, als stiege die Erfüllung, ‚schönste Tochter des

größten Vaters‘, endlich zu uns nieder.“ Und weiter schildert sie ihre

Arbeit in dem Kriegswinter: „Den Aufschwung, den die Volksseele erhalten,

fühlten auch die Frauen. Er stärkte auch unsere Kraft für weitere Kämpfe

auf unserem Arbeitsfelde. Es war im Kriegswinter 1870/71 und die Sorge um

unseren zweiten Sohn, der als Arzt im Felde stand, machte auch mich

ruhelos. Da faßte ich zur Ablenkung den Entschluß, eine zusammenhängende

Reihe von Vorträgen über die Stellung der Frau in den alten Kulturländern

zu halten. Ohne rechtes Bewußtsein der Kühnheit dieses Vorhabens, nicht

geschützt durch die Tendenz unseres Vereins und seiner Bestrebungen, wagte

ich es, in einer Kulturstadt wie Leipzig wissenschaftliche Vorträge zu

halten, ohne eingehende Studien gemacht zu haben.“

Henriette Goldschmidt erarbeitete sich das Wissen für ihre Vorträge, sie

vertiefte sich in das Frauenleben der Vergangenheit, fand nicht überall

Verbesserung in der Gegenwart, sondern eher eine Niedrigerstellung der

Frau bei manchen Völkern. Ihre Vorträge fanden großen Anklang, das stärkte

ihre Zuversicht und ihren Mut, und sie hatte die Kühnheit, Forderungen

aufzustellen in ihren weiteren Vorträgen, wie sie damals noch ganz

ungewöhnlich waren, so den in der Einführung wiedergegebenen Ruf nach

„Müttern der Stadt“; sie war es aber auch, die zuerst davon sprach, jede

Frau hätte die Pflicht, ein Jahr dem Staate zu dienen und soziale Arbeit

zu leisten.

In der gleichen Zeit, da Henriette Goldschmidt an ihren Vorträgen schrieb,

fand sie ihr zweites großes Arbeitsgebiet, eins, das sich ihr innerlich

stets mit ihrer Pionierarbeit in der Frauenbewegung verband, weil es sich

auf die Erziehung der Frau zu ihrem mütterlichen Beruf bezog; denn

Henriette Goldschmidt hielt von Anfang an den erziehlich mütterlichen

Einfluß der Frau für das Besondere, was die Frau ihrer innersten

Veranlagung nach im Staatswesen zu leisten hatte. Sie schreibt: „Während

meiner Arbeit an den Vorträgen wurde ich immer mehr in der Meinung

bestärkt, daß die Frauenfrage nur im Zusammenhang mit dem Familien- und

Volksganzen betrachtet werden müsse. Durch ein paar Zufälligkeiten nun,

die im Leben eines jeden Menschen eine bedeutsame Rolle spielen, wurde ich

der Aufgabe zugeführt, die meinem Leben die Richtung geben sollte.

Auf einem Wege in Leipzigs Straßen kam ich in eine Gasse in der Nähe der

Weststraße an ein kleines Haus, dessen Parterre die Inschrift:

„Kindergarten“ trug. Ich hatte wohl in Gesprächen manchmal, wenn auch

selten, etwas von Kindergärten, Fröbelschen Beschäftigungen reden hören,

ohne der Sache besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Doch blieb ich einen

Augenblick vor dem Hause stehen, klingelte und stieg einige Stufen

hinunter in einen kellerartigen Raum. Denn wo hätte damals ein

Kindergarten anders ein Lokal finden können als in einem irgendwie

ungehörigen Raum? Eine junge Dame trat mir entgegen, freudig überrascht,

daß jemand es der Mühe für wert hielt, sich nach dem Kindergarten zu

erkundigen. Es war noch früh morgens, die Kleinen waren noch nicht da und

die Kindergärtnerin hatte Zeit, mir die Fröbelschen Beschäftigungsmittel

zu zeigen. Sehr erstaunt sah ich sie an – ich fühlte, hier ist ein Plan,

ein System, eine Methode – bald aber kamen die Kleinen, die

Kindergärtnerin stellte sie im Reigen auf und spielte mit ihnen einige

Bewegungsspiele. Hier fühlte ich nicht nur den Rhythmus, den Takt, die

Harmonie, – ich fühlte mit den Kindern die Freudigkeit, die sie beseelte –

‚Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium‘.

Sehr nachdenklich ging ich nach Hause, holte mir die Fröbelschen Schriften

aus der Universitätsbibliothek, und in den Schriften Friedrich Fröbels

fand ich nicht nur den Plan für die Praxis des Kindergartens theoretisch

begründet – es war mir, als wehte ein Hauch des Geistes aus seinen Worten

in meine Seele, als erschaute ich einen Schöpfungsakt, der ein neues, noch

nicht dagewesenes Gebilde vor meinen Augen entstehen ließ. Andacht

erfüllte mich für das große Geheimnis der schöpferischen Urkraft, die ihr

‚Es werde‘ der Welt verkündet.“

Eine Offenbarung war Henriette Goldschmidt die Bekanntschaft mit Fröbels

Ideen, und sie hat oft es wieder und wieder gesagt, das Fröbelsche Wort

von der Menschheit pflegenden Bestimmung des Weibes, um derentwillen die

Frau die gleiche geistige Durchbildung wie der Mann erhalten müsse. Sie

ist darin nicht immer voll verstanden worden, und vielleicht geht erst in

der Not und Verrohung unserer Zeit das volle Verstehen auf für die

Wichtigkeit einer gemeinsamen Familien- und Volkserziehung, einer

vertieften Durchbildung der Frauen aller Stände zu ihrem mütterlichen

Berufe, und zwar einer Ausbildung vor oder nach einer Berufsschulung,

sofern die Berufsbildung sich nicht auf den Erziehungsberuf gründet, weil

sich der erziehliche Einfluß der Frau durchaus nicht allein auf die

Familie, sondern auf das Volksganze erstrecken soll.

In dieser Zeit ihrer Beschäftigung mit Friedrich Fröbels Schriften las

Henriette Goldschmidt einen Aufruf in der Zeitung von einem Mann, der alle

einlud, die sich für die Kindergartenfrage interessierten. Sie ging hin,

meinte in eine große Versammlung zu kommen und fand nur wenige

Kindergärtnerinnen, die sich in Klagen über die Schwierigkeit ihres

Berufes ergingen. Das war der Anstoß, der Henriette Goldschmidt

veranlaßte, den Verein für „Familien- und Volkserziehung“ in Leipzig zu

gründen; am 10. Dezember 1871 fand die Gründung mit etwa 150 Mitgliedern

statt. Im Herbst 1872 konnte dann der Verein seinen ersten

Volks-Kindergarten in der Querstraße eröffnen. Der Aufbau des Vereins vom

Kindergarten bis zur Hochschule, die Gliederung der einzelnen Anstalten zu

schildern, sei dem zweiten Teil dieser kleinen Schrift vorbehalten.

Henriette Goldschmidt hatte mit dieser Gründung sich nicht abseits von

ihren Kolleginnen gestellt, denn ihr schmolz eben immer Frauenfrage und

Erziehungsfrage zur Einheit zusammen, aber sie hatte doch ihren besonderen

Weg eingeschlagen. Luise Otto-Peters und Auguste Schmidt wurden wohl

Mitglieder des Vereins, aber es war doch kein eigentliches Mitarbeiten von

ihrer Seite. Sie verloren aber Henriette Goldschmidts Arbeitskraft auch

nicht; die damals beinahe fünfzigjährige Frau stand auf der Höhe ihrer

Leistungsfähigkeit. Sie war ihrem Manne weiter die verständnisvolle

Gefährtin, an dem Ergehen und Ins-Leben-Treten der drei Söhne nahm sie

echt mütterlichen Anteil; mit ihrer Schwester Ulrike, die in Berlin die

„Viktoria-Fortbildungsschule“ ins Leben rief, verband sie mehr als

schwesterliche Zuneigung: eine auf gleichen Lebensansichten beruhende

Freundschaft war es.

Sie baute ihren Verein weiter aus; hielt Vorträge, so sechs unter dem

Titel: „Ideen über weibliche Erziehung“, die sie später, als sie die 80

schon überschritten hatte, zu ihrem Buch erweiterte: „Was ich von Fröbel

lernte und lehrte.“ Sie erteilte in dem bald darauf gegründeten Seminar

für Kindergärtnerinnen Unterricht, unternahm Vortragsreisen für den

Allgemeinen Deutschen Frauenverein und verstand es weiter, in ihrem Hause

eine geistig belebte Geselligkeit zu pflegen. Dabei kam es der kleinen

zierlichen Frau zugute, daß sie eine eisenfeste Gesundheit besaß. Sie

erzählte, daß sie um vier Uhr früh schon aufgestanden sei, um für sich zu

arbeiten – am Waschtisch schrieb sie ihre ersten Vorträge, da sie selbst

keinen Schreibtisch besaß. Abends hat sie es einmal fertig gebracht, ihrem

Manne nach einem reichen Arbeitstag fünf Stunden hintereinander

vorzulesen.

Bei der Arbeit an ihren Vorträgen erkannte Henriette Goldschmidt mehr und

mehr die Lücken in ihrer Ausbildung, und mit eisernem Fleiß strebte sie,

diese auszufüllen. Sie studierte – sie las nicht nur die großen Pädagogen,

vertiefte sich in Goethe, Kant, Humboldt, Schelling, Hegel, Fichte; sie

las Geschichte und Literaturgeschichte, suchte auf jedem Gebiet ihr Wissen

zu erweitern, ihr außerordentliches Gedächtnis kam ihr zur Hilfe, sie

schrieb ganze Bücher voll von Aussprüchen nieder, schrieb oft ihre eigenen

Gedanken dazu; so steht da z. B. unter dem Worte Herbarts: Geschichte,

_die_ man lernen soll, ist ganz verschieden von Geschichte, _aus_ der man

lernen soll: „Zunächst muß man Geschichte lernen, später erst in einem

Alter, wo man Geschichte kennt, läßt sich _aus_ ihr lernen.“ Oder sie

stellt sich selbst nachdenkliche Fragen wie: „Hat es Sinn, die Kraft zu

rühmen und im Gefühl der Schwäche mit sich zufrieden zu sein?“

Es war ein geistiges Erarbeiten, ein Ringen um Wissen, das diese Frau auch

im Alter nicht verlor, sie war immer im besten Sinne eine Arbeiterin an

sich selbst, so wie sie eine Arbeiterin für andere war. Ihr Geist ging

weite Wege, aber sie wußte auch das Schöne zu genießen, das sich ihr

darbot, ohne dabei je um eines Genusses willen ihre freiwillig auf sich

genommene Arbeitsverpflichtung zu versäumen. Sie erzählte, daß sie einmal

auf einer Reise nach Gastein, bei der ihr Mann sich unwohl fühlte, sich

selbst Vorwürfe gemacht habe über die unbeschreibliche Freude, die sie

beim Anblick der großen Natur ergriff. Überhaupt war es die große Natur,

deren Anblick sie begeisterte, sie sagte selbst, für das Idyll hätte sie

nicht so viel Sinn. So stand ihr auch Goethe weniger nahe, so tief sie

sich in ihn eingelebt hatte, als Schiller, dessen schwungvolle glänzende

Sprache sie immer wieder begeisterte.

Das schönste Land war ihr die Schweiz; Italien, das sie erst in späteren

Jahren kennen lernte, gab ihr weniger, freilich machte sie die Reise aber

auch unter für sie äußerlich ungünstigen Umständen, bedrückt durch eine

lange Krankheit einer Enkelin. Den stärksten Eindruck als Stadt hinterließ

ihr Paris, das sie in Begleitung ihres Mannes und einer Schwestertochter

Ende der siebziger Jahre aufsuchte. Auch hier war es wieder ihr nach

Verbindung forschender Geist, der sie antrieb, die Gräber Heines und

Börnes zu sehen. Sie schreibt über den Besuch des _Père la Chaise_ und

Börnes Grab: „Nun aber noch einen Weg zu den ‚Träumen meiner Jugend‘:

‚Börnes Grab, gesegnet seist du mir!‘ Ein wundervolles Reliefbrustbild mit

einem so schönen und sinnigen Ausdruck wie keines der mir bekannten Bilder

schmückt seine Grabstätte. Wie gut, daß ich nicht früher meinen Baedeker

gelesen, als auf dem _P. la Chaise_. Meine Nichte, die eigentlich eine

preußische Obertribunalratstochter und kein Judenmädchen aus Krotoschin

ist, hat dennoch das reiche, unsagbar kampfreiche Leben ihrer Mama so in

sich aufgenommen, daß sie auch mit mir die ganze Bedeutung fühlte, die für

mich in dem Anblick dieser Grabstätte lag. Schon des Morgens sagte sie:

Wir nehmen ein Bukett für Börne mit, – und als sie ein sehr schönes von

Heliotrop und gelben Rosenknospen in einem großen Papier ohne die bei uns

so beliebten Spitzenmanschetten, die ich in Paris gar nicht gesehen,

brachte, sagte sie: Tante, schreib’ doch was hinein. – Ich schrieb etwas

von der Verbrüderung des französischen und deutschen Volkes, die er

geträumt und die doch zur Wahrheit werden müsse – und als ich an seinem

Grabe stand, da sah ich unter einer Büste, die von David d’Angers

herrührt, Frankreich und Deutschland sinnbildlich dargestellt, durch die

Freiheit vereinigt. – So stand’s im Baedeker und so hatte ich es dem

Künstler nachgefühlt. Neben den Statuen, Frankreich und Deutschland in

schönen Frauengestalten, sind neben der französischen die Namen der

französischen Dichter: Voltaire, Rousseau, Lamennais – neben der

deutschen: Lessing, Herder, Schiller, Jean Paul, eingraviert. – Ich wollte

in die Nische das Bukett legen, konnte es aber nicht erreichen. Ein

gewöhnlicher Arbeiter in der Bluse, der dort beschäftigt war, trat heran

und legte es hin: _C’etait un poète allemand – je le sais – il nous a tant

aimé._ –“

Henriette Goldschmidts Reisewünsche blieben aber in der Hauptsache

unerfüllt, von ihrer Kindheit an sehnte sie sich, Palästina und Amerika zu

sehen: die Heimat ihres Volkes und das Land der Freiheit; sie kam nicht

hin; die bescheidenen Verhältnisse, in denen sie nach ihrer Verheiratung

lebte (ihr Vater hatte den größten Teil seines Vermögens verloren), und

die Großzügigkeit, mit der sie ihre Kraft und ihre Arbeit für ihre Ziele

dahingab, gestatteten ihr den Luxus solcher Reisen nicht. Aber das Reisen

an sich blieb ihr stets ein Genuß, sie scheute auch im hohen Alter die

Anstrengung nicht; 1913 reiste sie zum letztenmal für einige Sommerwochen

nach Friedrichroda. Wie wenig sie Ermüdung fühlte, beweist ein Wort, das

die beinahe 79jährige Frau sprach, als sie von einem Frauentag in Köln

heimkehrte. Sie war die Nacht über gefahren – nicht etwa im Schlafwagen –

hatte in Köln anstrengende Tage durchgemacht und sagte heiter, als sie aus

dem Zuge stieg: „So eine Nachtfahrt ist doch recht erfrischend.“

Nachdem sie 1906 aus dem Vorstand des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins

ausgetreten war – Luise Otto-Peters starb 1892, Auguste Schmidt folgte ihr

1902 – gedachte sie ihre Arbeitskraft nun ausschließlich ihren Anstalten

zu widmen, sie dachte an einen leisen Abbau ihrer Tätigkeit, sah die von

ihr gegründeten Anstalten damals in den festen, sicheren Händen von Dr.

Agnes Gosche; aber es kam noch einmal eine große Arbeitswelle, in die sich

Henriette Goldschmidt mit ganz jungem Eifer stürzte.

Nach ihrem 80. Geburtstag war sie schwer erkrankt, sie meinte, nun käme

das Alter, als sie plötzlich das Ziel, das sie bisher nicht erreichen

konnte, die Gründung einer Hochschule für Frauen – ähnlich, nur erweitert,

wie sie einst Malvida von Meysenbug gedacht hatte – mit der Tendenz „dem

mütterlich-erziehlichen Beruf der Frau die wissenschaftliche Weihe zu

geben,“ erreichbar vor sich sah. Ein Leipziger Freund, Geheimrat

Hinrichsen, stellte die Mittel zur Verfügung, und, obwohl schon im

fünfundachtzigsten Jahre stehend, begann Henriette Goldschmidt noch einmal

so ruhelos und zielbewußt zu arbeiten wie in der Jugend. Sie fand in Dr.

Johannes Prüfer einen tatkräftigen umsichtigen Helfer, und so konnte am

29. Okt. 1911 die Hochschule eröffnet werden. – Es war erreichte

Lebenshöhe, wie sie wenigen Menschen beschieden ist.

Da Henriette Goldschmidt ganz und gar Autodidaktin war, sich selbst zu dem

gemacht hatte, was sie war, ist es begreiflich, daß in ihrer Arbeitsweise

auch eine gewisse Eigenwilligkeit lag, nicht immer ganz bequem für ihre

Mitarbeiter. Sie hatte dabei aber immer nur das Werk an sich vor Augen;

sie lebte nur – war es der Allgemeine Deutsche Frauenverein oder der

Verein für Familien- und Volkserziehung – den Zielen, die sie sich

gesteckt hatte. Da wurde ihr manchmal als Eigenwille ausgelegt, was im

Grunde doch nur selbstlose Hingabe an das Werk war. Freilich war sie, wie

es Menschen sind, die ihr Leben selbst gemodelt haben, die nicht nur aus

sorgsam bereitgehaltenen Gefäßen trinken, sondern an die Tiefen der

Quellen hinabsteigen, nicht immer nachgiebig. Sie ging wohl in

Besprechungen bei Fragen, die ihr für das Ganze belanglos erschienen,

rücksichtslos zur Tagesordnung über, aber sie war doch keine Natur, die

nur Jasager wollte, im Gegenteil würdigte sie ein freies Neinsagen. Sie

schätzte einen logisch begründeten Widerspruch sehr, gab viel jüngeren

Menschen nach, wenn sie die Gegengründe einsehen konnte, und besaß die

Größe, die nicht viele Menschen haben, begangene Fehler einzugestehen. Da

wurde es ihr auch zum Beispiel ihrer jüngeren Freundin, ja selbst ihrem

Hausmädchen gegenüber nicht schwer, den ersten Schritt zur Verständigung

zu tun und von ihrem Irren zu sprechen. Dieser große Zug ihres Charakters

war es zumeist, der ihr im hohen Alter neben ihrem reichen Wissen das gab,

was man als „weises Darüberstehen“ bezeichnen kann.

Es ging, besonders in ihren Altersjahren, in denen die intensive

Tagesarbeit sie nicht mehr wie sonst vollkommen in Anspruch nahm, selten

jemand von ihr, dem sie nicht in kurzem Gespräch etwas gab. Ihre Briefe

trugen bis zuletzt das persönliche Gepräge ihres Geistes, die Anmut im

Ausdruck, die aus einer vergangenen Zeit stammte und die etwas an die

Frauen der Romantik erinnerte.

Innere Treue, die man nicht mit äußerlichem Darandenken verwechseln muß,

gehörte zu Henriette Goldschmidts besonderen Eigenschaften, so blieb sie

auch im tiefsten Grunde den führenden Geistern treu, denen sie, wie sie

erkannte, ihre innere Entwicklung verdankte. Zu ihnen gehörte besonders

Friedrich Fröbel, und um ihn hat sie gelitten, wie wohl wenige um Meister

leiden. Sie sagte manchmal tief schmerzlich von den neuen Frauen in der

Frauenbewegung: sie verstehen die „alte Fröbeltante“ nicht, und sie hatte

damit nicht ganz unrecht. So richtig in ihrem Wollen ist Henriette

Goldschmidt nicht immer verstanden worden. Selbst nicht von den

Fröbelianern, weil sie zu sehr in allem die Idee, die dem Fröbelschen

System zugrunde liegt, betonte, und manches darum als nichtig abtat, was

anderen eben gerade als wichtig erschien. Sie selbst hatte durchaus kein

Talent zur Kindergärtnerin, hätte es nie werden können. Verstanden hat sie

darin Berta von Mahrenholtz-Bülow, die Henriette Goldschmidt den Apostel

Fröbels nannte, und auch Frau Dr. Jenny Asch in Breslau.

Berta von Mahrenholtz-Bülow, geb. 1810, die noch in regem Verkehr mit

Friedrich Fröbel selbst gestanden hatte und dessen Ideen weit über

Deutschland hinaus Verbreitung gab, hatte 1849 in Bad Liebenstein Fröbel

zum erstenmal mit den dortigen Kindern spielen sehen und gleich das Wort

gesagt: „Der Mann wird ein ‚_alter Narr_‘ von den Leuten genannt!

Vielleicht ist er einer von den Menschen, die von ihren Zeitgenossen

bespöttelt und gesteinigt werden und denen die Nachwelt Denkmäler

errichtet.“

Es kann hier bei dem kleinen Umfang der Schrift nicht auf das nähere

Verhältnis zwischen den beiden Frauen eingegangen werden; Henriette

Goldschmidt hat der Frau, die sie ihre Lehrerin nannte, in Vorträgen und

in der Schrift: „Berta von Mahrenholtz-Bülow, Leben und Wirken“ (Hamburg

1896) ein Denkmal gesetzt. Wie sehr die Ideengänge der beiden Frauen

zusammenklangen, beweist das Wort von Berta von Mahrenholtz: „Mit der

Erhebung des Kindeswesens ist auch die Erhebung der Frau vorhanden. Mit

dieser Weihe der Erzieherin der Menschheit ist alles verknüpft, was die

Frau einsetzt in das volle Recht der Menschenwürde.“ Henriette Goldschmidt

aber prägte sich als Leitwort für ihre Arbeit: „Der Erziehungsberuf ist

der Kulturberuf der Frau.“ Und diesem Worte folgte sie, es beherrschte

zuletzt ganz ihr Tun, und sie überwand in der festen Zuversicht, den

richtigen Weg zu gehen, auch Schwierigkeiten, sie war ganz eins mit ihrer

Idee, hatte wirklich aus den vielen Wegen, die sich nach und nach, anfangs

langsam, dann immer rascher den Frauen auftaten, den Weg gefunden, der

ihrer Veranlagung, ihrer ganzen Geistes- und Gemütsrichtung entsprach.

Henriette Goldschmidt: Ihr Leben und ihr Schaffen · 第 9 / 20 题